Samstag, 11. Januar 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 9 Drittes Blatt
Die Lösungen der Weihnachts-Preisrätsel.
Qlun ist der Einsendungstermin für die Lösungen unserer Weihnachtspreisrätsel 1929 abgelaufen, die Papierschlacht geschlagen, das Llrteil gefällt, die Preisverteilung beendet, — und wir können sagen, dah wir diesmal besonders zufrieden sind:
Soviele Antworten wie diesmal haben wir noch nie bekommen; über 100 Briefe mit Lösungen sind eingegangen, ein amEnde schrecklich wachsender Stapel — fast die Hälfte aller Einsendungen kam in den letzten beiden Tagen zu uns! —, und es war, wie ihr euch denken könnt, keine Kleinigkeit, sie alle von vorn bis hinten durchzulesen, ob sie falsch oder richtig wären.
Nun: die meisten sind richtig gewesen, zu unserer Genugtuung, und bei den anderen waren fast überall nur kleine Fehler oder Llnvollständig- keiten zu verzeichnen. 3m ganzen haben sich die Buben etwas mehr angestrengt als die Mädels, von denen die Mehrzahl im letzten Augenblick erschien. Aber angestrengt haben sie sich alle, und Stadt und Land hielten sich im übrigen mit der Zahl der Einsendungen ungefähr die Waage.
Es war keine Kleinigkeit, Dutzende von Malen hintereinander die berühmten Derse aus Schillers „Glocke" zu lesen, die da von der wohltätigen Macht des Feuers handeln; die Wörter des Silben-, des Zahlen- und Zusammensehrätsels konnten wir in der richtigen Reihenfolge fast im Traum hersagen; beim Kreuzwortsilbenrätsel aber gingen uns, waagrecht und senkrecht, rauf und runter und im Zickzack, oft die Augen über von deutschen Dichtern und deutschen Städten, von fremden Flüssen und einheimischen Früchten, von männlichen und weiblichen Vornamen, Säugetieren, Raub- und Singvögeln, Komponisten, Königen und Gesetzgebern.
Aber mit dem letzten Brief, der von A bis Z gelesen, durchbuchstabiert und geprüft wurde, war die Arbeit noch nicht geschafft. Die Hauptsache kam erst noch: es wurde sortiert und gesichtet und zu Häufchen geschichtet: Stadt und Land, Mädels und Buben, richtige und falsche, und die richtigen wieder nach Lebensalter und Schuljahren.
Lind dann wurden die Preise herbeigeschafft und aufgetürmt: Bücher und Bilder und Kalender. Lind es war nicht immer leicht, sie nach Recht und Billigkeit unter die Gewinner zu verteilen. Wer soll das „Reue Llniversum" bekommen? Wer könnte Freude an einem Bild haben? Wen interessieren der „Seeteufel", wen Filchner und Zeppelin, wann beginnt das Verständnis für technische Dinge, wann bekommt die höhere Tochter Klavierstunde, was kann man einem Zehnjährigen schenken? Lauter gewichtige Fragen, — wir wollen hoffen, das; wir sie mit einigem Glück und Geschick gelöst haben, und dah unsere Preise den Gewinnern und Gewinnerinnen willkommen sind.
Allen übrigen aber, die dieses 3ahr leer ausgegangen sind, danken wir herzlich für die fleihige Beteiligung und für die Mühe, die sie sich gemacht haben, — auch für manchen netten Brief an den rätselhaften Rätselonkel und allerlei hübsche Derschen, die den Lösungen beigefügt waren; sie alle seien aufs nächste Weihnachtsfest vertröstet, wir laden sie schon jetzt zur Brteili-
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Die Preise können von den Giehener Lösern vom nächsten Montag ab, zwischen 16 und 17 ilfjr
derfitzchen". Ludwig, strahe 26 l.
L h n ck e r,
gung am Preisrätsel 1930 ein und wünschen ihnen im voraus Glück dazu.
strahe 13IL: Originalölgemälde.
Müller, Gertrud, Gießen, Hofmarmstr. 141.:
spielen Eisenbahn".
Leun, Lieselotte, Giehen, Cranachstraße 3: „Die Arche Roah".
Löhr, Eva, Gießen, Hofmannstr. 1: „Wun-
Original- Farbenholzschnitt.
Reidt, Hermann, Heuchelheim, Marktstr.26: „Die Meute".
Schneider, Marthe Giehen, Kaiserallee 79:
Aquarell.
Freiensehner, Heinrich, Ridda. Ludwig- strahe 1: „Seeteufel erobert Amerika".
(9orr, Hilde, Watzenborn, Bahnhofstraße 80:
7. E i n h, Kunrat, Rodheim a. d. Bieber, Gießener Straße 46 (Schulhaus): „Zur See". Franz, Elfriede, Leihgestern, Bahnhof:
„Spemanns Musikkalender".
Oppenheimer, Fritz, Gießen, Alicen- strahe 231.: „Om mani padme hum".
Philippi, Herbert, Lollar, Daubringer Strahe 29: „Grettir, der Wolfsgenoß".
26. Rau, Ottilie, Gießen, Bahnhofstraße 1:
„Sport-Hansi".
Grauling, Roland, Grünberg, Reustadt 42: „Silberkondor über Feuerland".
Hanke, Emil Wilhelm, Gießen, Schühen- straße 21: „Mai! Mai!".
13. Jäger, Gertrud, Gießen, Rordanlage 13:
„Auf großer Fahrt".
29. Steiner, Annedore, Hausen: „3ungmäd>
Mathilde, Gießen, Gnauth- „Li und Lu".
Hermann, Gießen, Stephan-
Weltmeer verirrt".
5. Diehl, Liselotte, Ober-Schmitten: „Der wunderbare 3akob".
6. D i n g l e r, Peter, Gießen, Plockstrahe 13: „Reuland im Rorden".
Auf Wiederraten 19 30!
Oie Preisträger:
Arnold, Wilhelm, Leihgestern Rathaus- strahe 77: „Das neue Llniversum'.
Balzer, Gertrud, Gießen, Draugasse 6:
Holzschnitt. ,
Bender, Thilde, Wahenborn^ternberg, Obergasse 13: Originalölgemälde.
Bläh, Reinhold, Großen-Linden: „3m
chenwelt".
Stumpf, Fritz, Garbenteich, Giehener Straße 37: „Das technische 3ahr 1930“.
LI h l, Wolfgang, Gießen, Frankfurter Str. 5p: „Spemanns Literaturkalender".
Weber, Ludwig, Bergebersbach (DillkreiS):
„Graf Ferdinand von Zeppelin".
Weh rum, Helmuth, Friedberg, Burg 8: „Deutscher Schulkalender 1930“.
Wetterhahn, Doris, Gießen, Goethe- straße 27 IL: „Sonnenprinzehchen“.
Zöller, Walter, Gießen, Ebelstrahe 3: „Konrads Ferientage".
„Mucki-Pucki".
14. 3 äger, Hedwig, Ridda, Abellstrahe: „Das arme Komteßchen".
15. 3ung, Hans Ludwig, Gießen, Licher Strahe 74 L: „Drei 3ungen spielen Robinson".
16. Kappes, Heinrich Wilhelm, Langsdorf: „Die Abenteuer des Fürsten Dshaparidse".
17. Kehler, Alfred, Großen-Linden, Bahnhofstraße: „Lieber und unter der Erde".
Lamm, August, Gießen, Westanlage 7: „Wir
auf der Redaktion in Empfang genommen werden; auswärtigen Lösern werden die Preise zugestellt werden.
Oie Auflösungen:
Silbenrätsel.
I. Adelaide; 2. Regenbogen; 3. Trikolore; 4. Schilddrüse; 5. Brosche; 6. Diderot; 7. Isokrates; 8. Athene; 9. Obermatrose; 10. Sarasate; 11. Nubien; 12. Amöbe; 13. Eisenach; 14. Isidorus; 15. Ottaverime.
Der Christbaum ist der schönste Baum.
Zahlenrätsel.
Christbaumschmuck.
Christa, Schuh, Maus, Kuckuck, Brust, Barsch, Mist, Barabbas, Star, Christus, Hirsch, Turm, Maria, Sturm, Bach, Brutus, Schuch, Tisch, Schach, Marsch, Hamm, Rauch, Kurt.
Rätsel in Reimen.
I.
Tannen, Zapfen; Tannenzapfen.
II.
Eisen, Bahn; Eisenbahn.
III.
Puppen, Küche; Puppenküche.
IV.
Neu, Jahr; Neujahr.
Zusammensetzrätsel.
1. Nacht — Tisch — Tuch; 2. Schmelz — Ofen — Rohr; 3. Engel — Chor — Gesang; 4. Reigen — Tanz — Boden; 5. Guss — Eisen — Hammer; 6. Raub — Ritter — Rüstung; 7. Kreuz — Zug — Brücke; 8. Fischer — Insel — Volk; 9. Dank — Opfer — Tier; 10. Wall — Nuss — Schale; 11. Flaum — Feder — Messer; 12. Ehe — Ring — Finger; 13. Maul — Esel — Treiber; 14. Wand — Uhr — Kette; 15. Heu — Ernte — Wagen; 16. Ziegel — Dach — Fenster; 17. Morgen — Imbiss — Halle; 18. Senior — Chef — Arzt.
„Tochter Zion, freue Dich.“
Kreuzwortsilbenrätsel.
Waagerecfjt:
1. Rose; 2. Wolke; 3. Hafer; 5. Elle; 6. Igel; 7. Holland; 8. Säugetier; 9. Husar; 10. Amberg; 11. Rügen; 12. Leisten; 13. Wesel; 15. Wanne; 16. Leber; 17. Keller; 18. Geige; 19. Minna; 20. Eule; 21. Säbel; 22. Orden; 23. Magen; 25. Kugel; 26. Seide; 27. Drama; 28. München; 29. Birne; 30. Haakon; 31. Lanze; 32. Ranke; 33. Hesse.
Senkrecht:
1. Robe; 2. Wolle; 3. Hagel; 4. Wieland; 5. Else; 6. Isar; 7. Holberg; 8. Hagen; 9. Husten; 10. Amsel; 11. Rübe; 12. Leine; 13. Weber; 14. Kühler; 15. Wange; 16. Lena; 17. Kelle; 18. Geibel; 19. Minden; 20. Eugen; 21. Säge; 22. Orgel; 23. Made; 24. Lama; 25. Kuchen; 26. Seine; 27. Drakon; 28. Münze; 29. Birke; 30. Haase.
Rösselsprung.
Wohltätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht. Und was er bildet, was er schafft. Das dankt er dieser Himmelskraft.
Doch furchtbar wird die Himmelskraft, Wenn sie der Fessel sich entrafft, Einhertritt auf der eignen Spur, Die freie Tochter der Natur.
Wirtschaft.
Wochenbericht
vom Frankfurter Effektenmarkt.
Mit dem Beginn der Haager Konferenz änderte ich das Bild der Börse ganz beträchtlich. Anfangs der Derichtswoche war man noch zurückhaltend. aber der günstige Stand der Haager Verhandlungen veranlaßte zu starkem Optimismus, da auf allen Seiten das Bestreben be- teht, die Konferenzfragen raschestens und reibungslos zu erledigen. Trotzdem hegt man noch Befürchtungen, es könnten sich ernstere Schwierigkeiten ergeben, so dah eine Verzögerung eintreten könnte. Aber bis zur Stunde der Riederschrist dieser Zeilen war trotz des Bekanntwerdens der Sanktionsvorschläge seitens Frankreichs nichts davon zu bemerken. Auf aUe Fälle wird bei einem befriedigenden Ausgang die deutsche Wirtschaft ihren Ruhen daraus ziehen können.
Die Stimmung an der Börse war in der ganzen Woche zuversichtlich, zumal mehrere günstige Momente dazu beitrugen. Vor allem sanden die günstigen Geldmarktverhältnisse besondere Beachtung, da man im Zusammenhang hiermit auf eine Diskontsenkung der Bank von England hofft, und die Meinung daran knüpft, daß eine Ermäßigung der Berliner Diskontrate wünschenswert sei. Sollte dies in nächster Zeit eintrefsen, so hätte die Börse einen kräftigen Ansporn, und der jetzt immer stärker zutage tretende Optimismus wäre am Platze. Als besonders vorteilhaft wurden natürlich verschiedentlich eintreffende Aufträge von Publikumsseite beurteilt. Auch das Ausland war wieder stärker am deutschen Geschäft beteiligt, so dah sich die Spekulation gezwungen sah. in gröberem Ausmahe au Deckungen zu schreiten. Als stimulierend wurden noch empfunden: Dividendeerhöhungsaussichten bei Rheinstahl, die günstige Konjunktur der Eisenindustrie und die Quotenerhöhung durch die Llebernahme des Röhrenwerkes der Rheinmetall durch Mannesmann. Die Geldmarkterleichterung machte weitere Fortschritte. Das Ansteigen der Arbeitslosigkeit auf zirka 1.8 Mill, machte wenig Eindruck und konnte dem Geschäft nicht hindernd im Wege stehen, da die Meldungen aus dem Haag weiter günstig lauten. Ratürlich machte sich wieder einmal eine Zurückhaltung geltend, da man immer wieder Befürchtungen hinsichtlich der Haager Konferenz zu hegen glaubt. Man war zu geblendet und kann es kaum fassen, dah die Börsensituation ein so plötzlich schon mehrere Tage anhaltend besseres Aussehen angenommen hat. Die starke Entlastung des Reichsbankinstituts verfehlte ebenfalls ihre Wirkung nicht. Zum Wochenschluß war die Stimmung anfangs etwas gedrückter, aber bald änderte sich die Situation wieder, und die Börse wurde erneut in den Bann einer zunehmenden Festigkeit gezogen.
Spezialwerte traten mehr hervor und hatten im Laufe der Woche Gewinne bis zu 12 Proz. erzielt. 3n der Hauptsache wären Deutsche Linoleum, Montanaktien, 3.-G.-Farben, Schuckert, Siemens, Zellstosswerte, Scheideanstalt (ex, Div), Bemberg, Svenska (plus 25 Mark), Schiffahrtsaktien und Danken zu nennen. Es gab überhaupt fast kein Papier, das sich der Aufwärtsbewegung nicht angeschlossen hätte. Alu waren auf holl. Rechnung angeboten und 4 Proz. schwächer. Chade verloren auf die schwache Veranlagung der spanischen Valuta 12 Mark. Renten und Pfandbriefe ebenfalls fest. Tagesgeld mit 5Vr Proz. leicht und angeboten. Am Devisenmarkt waren der Dollar und der Peseta schwächer. Trotzdem die englische Diskontrate noch nicht ermäßigt wurde, blieb die Haltung zuversichtlich, doch gaben die Kurse auf Gewinnmitnahmen leicht nach.
9er Traum vom Glück.
Roman von E. Lovett und M. v. Weißenlhurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
8. Fortsetzung. Raddruck verboten.
Breitschultrig und von hohem, kräftigem Wuchs, war Rechtsanwalt Hagenau eine in die Augen fallende Erscheinung mit dunklem Haar, glattrasiertem Gesicht, scharfblickenden, grauen Augen und einer ziemlich stark entwickelten Rase.
3m Kreise von Männern war er mitteilsam und heiter, daher ein äuherst beliebter Gesell- schaster. Die Frauen im allgemeinen betrachtete er als ein notwendiges, wenn auch recht langweiliges Clement im Leben; denn er war viel zu ernst und gewissenhaft, um an einem oberflächlichen Verkehr Gefallen zu finden.
Heute indessen wußte er doch, dah die Dame, die er zur Tafel führte, ein gut aussehendes, gut gekleidetes junges Mädchen war. Seine Augen ruhten von jeher gern auf weihen Stoffen, die er in seinem aufs Praktische gerichteten Sinn außerdem für besonders billig hielt — oft natürlich ganz ungerechtfertigterweise.
Sie war ihm also nicht unangenehm, die weiße Dame an seiner Seite; das war aber aud) alles, und er hegte nicht den geringsten Wunsch, sie näher kennenzulernen. Er wandte sich dann auch sofort seiner Suppe zu; denn er hatte nicht Zeit gefunden, vorher zu Mittag zu speisen und war sehr hungrig.
Rach dem ersten Gang erinnerte er sich, dah er jetzt anstandshalber mit seiner Tischnachbarin reden müsse — aber wovon? Vom Wetter, oder den Vorzügen der ländlichen Gegend? Sollte er sie fragen, ob sie einem Sport huldigte oder irgendeine der schönen Künste betreibe?
Während er noch überlegte, lieh er die Augen wie zufällig über die Tafel schweifen und heftete sie dann mit so gespanntem Ausdruck auf die ihm schräg gegenübersihende Frau von Rechten, dah Doris, die scharfe Beobachterin, dadurch aufmerksam wurde.
Die schöne Frau prangte heute in einer mattrosa Seidenrobe, die mit cremefarbenen Spitzen reich garniert war und bis ins kleinste Detail das Gegenstück zu der Toilette ihrer Tochter bildete. Sie war noch mit der Suppe beschäftigt und plauderte dabei heiter und angeregt mit ihrem Rachbar, einem sehr Begüterten Witwer in mittleren 3ahren, dessen Besitzungen an die des Herrn von Wildhofen grenzten.
Doris hörte ihr Helles Lachen und beobachtete ihr strahlendheiteres Gesicht mit einem Gemisch
von Staunen und Bewunderung. Wie war es möglich, dah diese Frau scherzen und lachen konnte, während jener unheimliche Mann existierte und sich erst vor wenigen Stunden als Schreckensgespenst gezeigt hatte?
Lind als sie, noch mit diesem Gedanken beschäftigt, auf Frau von Rechten blickte, gewahrte sie bei dieser denselben plötzlichen Farbenwechsel, der sie bereits beim Frühstück erschreckt hatte. Sie blickte jetzt über die Tafel hinweg und sah die Augen des Rechtsanwaltes auf sich gerichtet; vielleicht hatte sie seine Blicke instinktiv gefühlt.
Eine Sekunde lang zogen sich Mund und Augen wie in nervösem Krampf zusammen, wodurch das Gesicht plötzlich um vieles gealtert erschien; doch im nächsten Augenblick getoann sie wieder die Herrschaft über sich, ja, es huschte sogar ein Lächeln über ihre Lippen, als sie mit leichter Verneigung den Gruß des Rechtsanwalts erwiderte.
Dann ergriff sie ihr mit Sherry gefülltes Glas und leerte es in einem Zuge. Konrad Hagenau wandte jetzt, mit einem sonderbaren Lächeln aus dem klugen Gesicht, die Augen auf seinen Teller und bediente sich von dein Fisch, der soeben herumgereicht wurde.
Einige Augenblicke darauf richtete er ohne den geringsten Anflug von Reugierde an Doris Harter die Frage:
„Wer ist die Dame in hellroter Seide, die 3hnen schräg gegenüber sitzt?"
Das war nun freilich nicht die Art, in der er ursprünglich gedacht hatte, die Llnterhaltung mit seiner Rachbarin einzuleiten. Doris beantwortete seine Frage auch nicht, sondern erwiderte sie mit einer anderen:
„Sollten Sie die Dame nicht ebenso gut oder besser kennen als ich, da Sie soeben einen Gruh mit ihr ausgetauscht haben?" fragte fie lächelnd.
Diese Erwiderung überraschte ihn unstreitig; denn er legte die Gabel aus der Hand, drehte seinen Stuhl ein wenig herum und blickte mit einem Anflug von 3ntereffe auf feine Rachbarin.
„Für eine so junge Dame wie Sie, Fräulein Harter, war das eine scharfsinnige Bemerkung. Sie sahen also, dah wir uns grüßten?"
„3ch sehe manches; leider — muß ich hinzufügen," antwortete Doris mit einem so aufrichtigen Seufzer, dah Hagenau unwillkürlich lächeln mußte.
„Sagen Sie das nicht so bedauernd," meinte er mit liebenswürdigem Gesichtsausdruck. „Wenn man aufmerksamer Beobachter ist und gleichzeitig klug zu schweigen versteht, besitzt man zwei der wertvollsten Eigenschaften."
„Llnd doch wollten Sie mich soeben veranlassen, dieser letzteren Eigenschaft, die Sie so hoch schät
zen, untreu zu werden!" rief Doris munter, indem ihre Augen schalkhaft aufleuchteten.
„Ein sehr verdienter Vorwurf, Fräulein Harter !“ entgegnete er lachend. Bei sich aber dachte er: Dieses Mädchen ist nicht nur hübsch und in meine Lieblingsfarbe gekleidet, es ist auch klug, wirklich recht klug. Laut fuhr er dann in bester Laune fort: „Da die Beantwortung der Frage, die ich vorhin an Sie richtete, wohl kaum ein Familiengeheimnis preisgeben wird, denke ich, Sie brauchen 3hren Grundsätzen nicht untreu zu werden, wenn Sie mir Rede stehen. Wollen <Äe mir den Ramen jener Dame nennen? 3ch habe chn total vergessen."
„Haben Sie wirklich ein so schlechtes Gedächtnis?" gab Doris lachend zurück; doch ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Cs ist natürlich kein Grund vorhanden, warum ich 3hnen die Antwort schuldig bleiben sollte. 3ene Dame heißt: Frau von Rechten."
„Ah! Dachte ich es doch!" murmelte der Rechtsanwalt, und als Doris ihn erstaunt ansah, fragte er schnell: „Lind wie kommt sie hierher auf Schloß Wildhofen? Wohnt fie vielleicht in der Rachbarschaft?"
„Rein, fie hält sich als Logier-Besuch im Schlosse auf.“
„Ah! So, so!" Dabei hob er die gesenkten Augenlider ein wenig in die Höhe.
„Sie und ihre Tochter sind feit einigen Tagen hier."
„Eine Tochter ist auch anwesend? Wer ist Fräulein von Rechten, bitte?" Es war, als ob ihm der Rame nicht recht über die Lippen wollte.
„Cs ist die junge Dame, die neben Vetter Kurt sitzt. Sie ist ebenfalls in Rosa gekleidet. An dieser Seite des Tisches, Herr Rechtsanwalt."
Hagenau bog den Kopf etwas vor und konnte jetzt einen Blick auf Sabine werfen, die — eine schönere und jugendfrischere Auflage ihrer Mutter — neben Kurt faß.
Ein schönes Mädchen!" murmelte er zerstreut, so daß es Doris schien, als ob er kaum wüßte, was er geäußert hatte.
„3a,“ sagte sie mit Rachdruck, „darüber kann nur eine Meinung herrschen. 3ch finde fie sogar bildschön!"
„O gewiß! Lind Kurt von Wildhofen, 3hr Detter? Cr hält sie gewiß auch für bildschön?"
Diese Frage wurde mit so sichtlichem 3nter- esse gestellt, und des Rechtsanwalts scharfe, graue Augen waren so erwartungsvoll und durchdringend auf Doris gerichtet, daß fie unwillkürlich errötete.
„Gewiß, auch er bewundert sie. Warum sollte et gerade blind sein?"
„Er ist der einzige Sohn, soviel ich weiß."
„Das einzige Kind überhaupt. — Warum lächeln Sie, Herr Rechtsanwalt?"
„3ch bedaure, daß mein Lächeln Sie verdrießt, Fräulein Hortet; aber es ist oft recht amüsant, Rätsel zu lösen."
„Wie meinen Sie das, Herr Rechtsanwalt?"
„3ch meine — nun — ich liebe es, mir gewisse Dinge zusammenzureimen, verschiedene Llmstände miteinander in Einklang zu bringen, und hier glaube ich — auf der richtigen Fährte zu fein — weiter nichts."
Lind nun begann er über seine Reisen — zuletzt hatte er Schweden und Rorwegen besucht — manches 3nteressante zu erzählen, so daß sich für Doris keine Gelegenheit mehr bot, auf das frühere Thema zurückzukommen.
Rechtsanwalt Hagenau stand nach beendeter Tafel in der Tür des Salons und sah sich Einige Sekunden lang wie suchend in dem großen, luxuriös ausgestc^teten Raume um, in dem sich die Damen niedergelassen hatten.
Doris Hortet faß am entgegengesetzten Ende des Salons an der Seite einer ziemlich beschränkt aussehenden, etwas überreif erscheinenden jungen Dame auf einem Sofa und versuchte dabei ihr bestes, diese zu unterhalten. Ms Hagenau sie gewahrte, ging er direkt auf sie zu und stand im nächsten Augenblick dicht vor dem jungen Mädchen, auf das er feine scharfen, grauen Augen gerichtet hielt.
3etzt endlich kam er mit einer jener banalen Fragen, die er bei Beginn der Tafel zur Auswahl bereitgehalten hatte.
„Sind Sie musikalisch, Fräulein Hortet?"
Doris sah ein wenig überrascht zu ihm auf. „Richt besonders, Herr Rechtsanwalt!" antwortete sie ohne zu zögern.
„Spielen Sie Klavier, Geige, Gitarre oder sonst etwas? Oder — fingen Sie vielleicht?" fügte er mit eifriger Beharrlichkeit hinzu.
Dotis lachte. „3st 3hnen das wirklich so interessant, Herr Rechtsanwalt?"
„Sie sind also gar nicht musikalisch?"
„Run, aus Liebe zur Wahrheit muß ich schon gestehen, daß ich ein wenig Klavier spiele."
Sein Gesicht erhellte sich zusehends. „Oh, dann bitte ich recht seht, mir etwas vorzuspielen. Wollen Sie es tun, Fräulein Hortet, jetzt sogleich?" wiederholte er in merkwürdig dringendem Ton.
(Fortsetzung bißt)


