Ausgabe 
10.12.1930
 
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Aus der Provinzialhauptflavt.

Dieben, den 10. Dezember 1930.

Rauhe Zeit.

Da bringt man es wohl fertig, stolz zu be­kennens Wir dürfen unS freuen der Errungen­schaften unserer Zeit, wir haben technische Fort­schritte erreicht, die wunderbar sind, wir haben eine kulturelle Entwicklung genommen, die sich sehen lassen kann. Da- alles stimmt. Aber wenn man es fester ins Auge saht, so stimmt cs doch auch wieder nicht, und man hat gar keinen An- lah zu Stolz, zu Llebcrheblichkeit gegenüber dem Vergangenen, denn diese Vorteile, auf die man sich beruft, werden vielfach wieder aufgehoben durch Schatten, die so tief und schwer sind, dah sie da- bißchen Licht aus der andern Seite vergessen lassen.

Man liest In einem Buch Briefe au- alten Zeiten. Vor mehr als hundert Jahren wurden sie geschrieben. Lind man ist verwundert über den (Sedankenslug, die Au-geglichenheit, die Weisheit in ihnen. Das waren Line aufgewühl­ten, keine rauhen Menschen, sondern Menschen, die sich in der Gewalt hatten, die auch ihre Sorgen trugen und mit Röten kämpften, auch ihre Ziele und Absichten in den entrinnenden Tag hinein- legten, aber doch ganz andere Menschen als wir. Lind gestehen wir es nur: Wir können unS mit ihnen nicht messen. Sie waren die Größeren, die Weitsichtigeren, die Eharakinwolleren. Denn es ist nicht charaktervoll, wenn einer dem andern Roheiten ins Gesicht brüllt, es ist nicht grob, wenn man nicht- anderes zur Selbstbehauptung kennt als dir Wacht des Ellenbogens, nicht weit­sichtig, wenn man nur den Augenblick und seine Leidenschaft Im Auge hat. 3ene Manschen wuß­ten, waS sie wollten Sie beschränkten sich aus einen engen KrciS ihres Wirkens, aber dort setzten sie auch ihre Kräfte großzügig ein. Groß­zügig, da- heißt aber weder brutal, noch rauh. Oft haben sie spielerisch Hindernisse genommen, die wir mit großem Apparat und ungeheurem Tamtam nicht erreichen. Vor allem aber: Wel­chen Geist atmen diese Vriese! Vicht einer unserer Heutigen brächte es fertig, mit solcher Vatür- lichkeit und Selbstverständlichkeit über große, ewige Dinge wie über Alltag-fachen zu sprechen. Es würde gekünstelt, unwahr, oder es flössen so viel Phrasen hinein, die irgendwo aufyeschnappt wurden, dah schon dieser Futter widerlich würde.

Drei junge Leute kommen aus dem Trottoir da­her. (Ein älterer Mann geht ihnen entgegen. Die Jungen denken gar nicht daran, Raum zum Durch­gang frei zu machen. Der alte Mann muh auf die Straße hinunter. Und tut er es nicht, so kann er gewiß sein, daß ihm ungehörige Redensarten zu- fliegen, wenn ihm nicht Schlimmeres zuteil wird.

Ein junger Bursche stößt versehentlich ein junges Mädä>en aji, als beide aneinander im Gedränge vorüber wollen Schon fallen Worte der Ungehal- tenheit, derbe, herzlose Worte. Auf beiden Seiten. Es ist, als ob in jedem das wilde Tier lauere, um in jedem Augenblick loszuspringen.

Und im Grunde ist das alles gar nicht so. Die Menschen sind im einzelnen gut, wie bisher. Da ist die Frau, die hingebungsvoll an ihren Kindern, ihrem Manne hängt, die Freundschaften pflegt und nicht im geringsten rauh ist. Und doch springt aus ihr plötzlich, wenn sie nur aufgestachelt wird durch Hetzereien, das Wilde hervor, daß sie alle Würde und alle Vernunft vergessen kann. Da ist der Mann, der brav seiner Arbeit nachgeht, sich um die Seinen sorgt, ein liebender Vater feinen Kindern, ein treuer Ehekamerad und den Freunden ein aufrich­tiger Freund. Er pflegt in einem Mietgärtchen seine Blumen, und im Käsig hat er seinen Kanarien­vogel, den er liebevoll behütet. Vernünftig ist er in allem, was er tut. Aber ebenso plötzlich dringt auch aus ihm, wenn nur einige Worte sein Blut ent­flammt haben, die Rauheit hervor, daß er alle Ver­nunft und Ueberlegung fahren läßt.

Eine sonderbare Spannung ist in den Menschen unserer Zeit. Woher sie rührt? Richt allein von der Rot unb von den Sorgen, denn die Spannung ist auch in denen, die von der Rot noch nicht unmittel­bar berührt wurden. Vielleicht hat man zuviel der widersprechenden Meinungen in sich ausgenommen, daß sich die vernünftige Einsicht trübte. Ehemals galt es gewissermaßen als Grundsatz: Wenn nur jeder das Rechte tut, ist es schon gut. Und in diesem Sinne richtete man fein Leben ein, daß es trotz der Beschränkung, in der man lebte, schön war. Man suchte die Freuden dort, wo sie sich finden ließen, und es konnte schon Freude sein, wenn eine selbst' gepflegte Blume Blüten ansetzte, oder ein kleines Vorhaben glückte. Mit so bescheidenen Dingen gibt man sich heute nicht mehr ab, sondern jeder fühlt sich berufen, gewissermaßen mitzudrehen am Lenkrad der Weltgeschichte, ohne doch die notwendigen Vor­aussetzungen dazu mitzubringen. O. 8.

(5feuerprofefh>erfammlung in Gießen

Auf Einladung der Gießener Ortsgruppe der Reichspartei des deutschen Mittelstandes (Wirt- fchaftspartei) fand gestern abend im Saale des (Eaf6 Leib eine zahlreich besuchte Versammlung statt, die Protest erhob gegen die jüngsten Steuererhöhungen im Reiche, im Lande und in der Gemeinde.

Der Verfammlungsleiter, Stadtratsmitglied Archi- tekt Nicolaus, wies einleitend auf den voll­kommenen Widerspruch zwischen den Preisscnkungs- planen der Regierungen und ihren Steucraufbau- maßnahmen hin und betonte nachdrücklich, daß die steuerliche Last für den Mittelstand nachgerade un­erträglich geworden sei. Er erklärte weiter, daß durch die »teuer- und Tariferhöhungen die Preis- fenkungsmaßnahmen nur illusorisch gemacht wür­den.

__ Hierauf sprach als Hauptredner des Abends Herr Felix G r a e tz (Darmstadt), der sich einleitend kurz mit den Ursachen unserer Wirtschaftsnot beschäftigte und hier die Tributlasten, die überhöhten Steuern und übersteigerten Soziallasten als Kernpunkte des Uebels bezeichnete. Er wies dann auf die große wirtschaftliche Rot des Mittelstandes hin und for­derte von allen bürgerlichen Parteien entschiedene Stellungnahme gegen die Ansprüche der Sozial­demokratie, die jetzt wieder bei der Revision der Steuernotverordnungen ihre einseitigen Wünsche mit aller Kraft durchsetzen wolle. Sodann beschäf­tigte er sich mit den Preissenkungsmaßnahmen der Regierung, die er als völlig verfehlt bezeichnete, weil sie mit behördlichen Eingriffen in das Wirt­schaftsleben verbunden feien und nur zu Lasten der kleinen Leute des Mittelstandes gingen. An Hand von Beispielen über die wirtschaftliche und steuer- liche Not des selbständigen Mittelstandes nahm der Redner entschieden Stellung gegen die Betriebe der öffentlichen Hand, gegen die großen Konzerne und gegen die Konsumvereine, denen er zum Vorwurf machte, daß man bei ihnen bisher von einer Preis­lenkung noch nichts Wesentliches habe merken tön-

Wei emIehlbellag im GießenetHaushali

Die Oeckungsanifäge ber Stadtverwaltung im Finanzausschuß.

Die wir auf Anfrage von der Stadtverwaltung erfahren, hat Oberbürgermeister Dr. Keller in der gestrigen Sitzung des st ä d t i f ch e n Finanz- ausschusses den Ausschußmitgliedern die Aus- Wirkungen der bekannten Notverordnung des Reichs­präsidenten auf die städtischen Finanzen erläutert. Gr teilte dabei mit, daß namentlich durch die Be­lastung mit Ausgaben für die Wohlfahrts­pflege

ber Voranschlag für das Rechnungsjahr 1931 einen Fehlbetrag von mindestens 750 000 Alk. ausweisen werde.

Da für das lausende Rechnungsjahr 1930 bereits ein weiterer Fehlbetrag insbe­sondere durch Wenigerüberweisung von Reichs­steueranteilen von 1 27000 Mark festgestellt worden sei und es völlig ausgeschlossen erscheine, auch diesen Fehlbetrag in das Rechnungsjahr 1931 mit zu übernehmen, hat der Oberbürgermeister un­verzüglich dem Finanzausschuß seine Vorschläge über die

Deckung des Im Rechnungsjahr 1930 weiterhin vorhandenen Fehlbetrages

gemacht. Danach kommt als Deckungsmittel in erster Linie eine Anpassung der Gießener Real st euer- sähe an die entsprechenden Sätze oller übrigen hessischen Städte in Betracht, wobei jedoch die vor- geschlagenen Steuersätze noch wesentlich unter dem Durchschnitt der Steuersätze aller anderen hessischen Städte sich bewegen werden. Auch eine Erhöhung des Waffergeldes von 25 auf 28 Pf. sowie des Hundertfatzes der gesetzlichen M i e t e um 2 v. H. ist vorgesehen. Der Oberbürger­meister wies in der Sitzung des Finanzausschusses darauf hin, daß eine Erhöhung der Realsteuern nur noch bis 1. Januar 1931 gesetzlich möglich (ei und daß die Lage der städtischen Finanzen im Rechnungs­jahre 1931 eine katastrophale fein werde, wenn der Stadtrat nicht

unverzüglich die vorgefchlagenen Veckungsmiktel beschließe.

Zum Schluß bemerkte der Oberbürgermeister, daß die finanzielle Lage der Stadt eine günstigere wäre.

wenn der Stadtrat nicht, entgegen den Anträgen des Oberbürgermeisters, in den letzten Jahren die Real- fteuerfäh? unbegründeterweise weit unter dem Durch' schnitt aller anderen hessischen Städte festgesetzt hatte. Die Anträge der Stadtverwaltung: Der Finanzausschuß wolle beschließen und beim

Stadtrat beantragen:

Der in der Betriebsrechnung für das Rechnungs­jahr 1930 sich ergebende Ausfall von 12 7 0 00 Mk. (Holz- und Grasgeld = 24 000 Mk., weniger lieber- Weisung von Reichssteueranteilen = 92 000 Mk., Fehlbetrag der Betriebsrechnung des Wohnungs- dau-Kontos = 11 000 Mk.) wird wie folgt gedeckt:

1. Mit Wirkung vom 1. April 1930 werden er­höht:

a) die Gewerbesteuer vom Ertrag von

220 Pf. auf 280 Pf., Mehr- Mk. einnahme 52 000

b) die Gewerbesteuer vom Kapital von

55 auf 60 Pf., Mehreinnahme 14 900

c) die Grundsteuer von Gebäuden und Bauplätzen von 27 auf 33 Pf, Mehreinnahme 60 000

2. Das W a f s e r g e l d wird vom 1. Ja­

nuar 1931 ab von 25 auf 28 Pf. je cbm

erhöht, Mehreinnahme 9 000

3. Der Hundertsatz der gesetzlichen Miete wird vom 1. Januar 1931 ab um zwei Prozent erhöht.

4. Der Stadtratsbeschluß vom 28. Novern- ber 1930 über die Erhebung einer Was- feranschlußgebühr wird aufgehoben.

Anmerkung:

Die Durcbschnittssätze der Realsteuern in fämt- lichen hessischen Städten betragen:

1. Für die Gewerbesteuer: Pf.

a) vom Ertrag 326,2

b) vom Kapital 79,61

2. Für die Grundsteuer:

a) von bebauten Grundstücken und Bauplätzen 39,25

b) vom land- unb forstwirtschaftlich ge­nügten Grundbesitz 58,05

nen. Er warnte sodann die Konsumentenschast vor der unbearünbeten Zurückhaltung beim Warenein­kauf, ba sich die nach dieser Richtung hin gehegten Erwartungen nicht erfüllen könnten. Don den Re- Gierungen forderte er wirksame allgemeine Lasten­senkung. Er beschäftigte sich dann eingehend mit ber Steuerpolitik ber hessischen Regierung, bie gerabe in ber Zeit ber Preissenkungsmaßnahmen es für richtig halte, ber Bevölkerung neue große Steuer- anforberungen aufzuerlegen, gegen bie man sich mit aller Energie zur Wehr setzen müffe. Der Rebner kritisierte bie Steuervorschläge der Regierung In den wesentlichsten Einzelheiten unb hob babei hervor, daß gerabe bem Mittelstanb burch diese Steuer- .Politik neue schwere Lasten aufgebürdet würden. Er forderte für die Zukunft, daß Einrichtungen, die nur einem Teile der Bevölkerung dienen, sich selbst erhalten müßten, die öffentlichen Ein­richtungen für die Gesamtheit unter Aufwendung geringster Mittel zu verwalten feien und alle über­flüssigen Dinge zu verschwinden hätten. Er ver­langte die Einsetzung einer Kommission mit um­fassenden Vollmachten, die auf eine gründliche Reform des gesamten Derwattungsorganismus mit dem Ziele der größtmöglichsten Ersparnis hinzu- arbeiten habe. Weiter verlangte der Redner Abbau unb Zusammenlegungen an zahlreichen Stellen ber öffentlichen Verwaltung unb der Staatseinrichtun- gen, wofür er eine Reihe von Einzelvorschlägen machte. Zum Schluß betonte er, daß bie Wirtschafts. Partei Jebe offene unb versteckte Steuererhöhung ablehne unb den Ausgleich der öffentlichen Haus­halte trotz ber gestiegenen Lasten burch Sparmaß­nahmen verlange.

In ber anschließenden Aussprache unterstrich Stabtratsmitglieb Nicolaus bie Darlegungen des Redners noch in verschiedener Hinsicht, wobei er u. a. mit Nachdruck heroorhob, daß auch in Gießen nicht an Steuerabbau, sondern an wei­tere Steuererhöhungen gedacht werde unb baß man jetzt schon roieber ben Stadtrat ernst- lich mit berartigen Fragen befasse. Der Mittelstanb werbe sich gegen bie neuen Vorschläge schon in aller Kürze zu einer Protestoersammlung zusammen- finben müssen.

Zum Schluß erklärte sich bie Versammlung ein­stimmig für bie nachstehende

Entschließung:

.Die Teilnehmer ber heutigen Protestversamm­lung der Wirtschastsparrer ergeben schärfsten Pro­test dagegen, daß unter bem Deckmantel der Vereinfachung durch Beibehaltung überholter Be» steucrungsgrundlagen bei der Gewerbesteuer 19c0 den Steuer f tätigen ungerechtfert'g'e Belastun­gen aufgebürdet werden.

Wir protestieren dagegen, daß Bettelei um Billigkeit an Stelle klarer Rechtsansprüche ge­setzt werden soll.

Wir protestieren gegen Erhöhung der Grund- und Eondersteuem, weil dadurch die durch die Rotverordnungen der Reichsregierunq in Aus» ficht gestellten Ermäßigungen illusorisch gemacht werden.

Wir protestieren dagegen, dah der ohnehin entrechtete HauSbcsitz noch w'iter belastet wird, und daß die Mieten in den Zeiten der Arbeits­losigkeit, des Lohn- und Gehaltsabbaues und der Vergleiche und Pleiten noch weiter gesteigert werden sollen.

Wir protestieren dagegen, daß die Preissen­kungsaktion mit Mitteln durchgeführl wird, die jeder Sachkenntnis entbehren und nur wirtschaft­liche Schädigungen durch Zurückhaltung der Käufer nach sich ziehen.

Wir erwarten vielmehr, dah nun endlich die längst in Aussicht gestellten Sparmaßnahmen durchgeführt werden und dah nicht nur wieder die geringsten Kategorien der Staatsdiener in ganz unglaublicher Weise in ihren ohnehin be­scheidenen Bezügen geschmälert werden. Abbau der Ministerien, Entlassung der politischen Be­amten und Wiederherstellung eines beruflich vor­gebildeten Beamtentums find die Forderungen der gesamten Bevölkerung Hessens."

t*ornoturti.

Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater: .Meine Schwester und ich", 19.30 bis 22.30 Uhr. Archäologisches Institut der Landesuniversität: Giehener Winkelmannsfest, 20 älhr, im großen Hörfaal des Vorlefungsgebäu- des. Deutscher und Oesterreichischer Alpen­

verein: Vortrag mit Lichtbildern über ,Is­land, seine Gletscher, Berge und Vulkane", 20 älhr, im Gesangsaal des Realgymnasiums. Lichtspielhaus Bahnhofstraße: »Leutnant warst du einst bei den Husaren." Astoria-Lichtspiele. »Der Flieger von Kalifornien" und »Prinz Louis Serbinanb".

Aus dem Stadt-theaterbureau wird uns geschrieben: Heute. 19.30 Ähr, erste Wiederholung der mit großem Erfolg und Bei­fall aufgenommenen Iazzoperette:Meine Schwe­ster und ich" unter der Spielleitung von Intendant Dr. Prafch. - Am Freitag, 19.30 ilfyr,Rose Bernd" von Gerhart Hauptmann.

Die Historische Fachschaft der Landesuniversität Gießen und der Oberhessi­sche Geschichtsverein veranstalten am Donnerstag, 11. Dezember, im Hörfaal 44 des neuen Dorlesungsgebäudes einen Vortragsabend. Prof. Dr. Mommsen (Marburg) wird über Emil Ludwig und die deutsche Geschichtswissen­schaft" sprechen. Der Vortrag dürfte wohl all­gemeines Interesse finden. Roheres in der An­zeige vorn Montag.

D. H. V. Morgen, Donnerstagabend, Vor­trag von Oberinspektor Busse, Gießen, über das Thema:Was muh der Kaufmannsgehilfe von feiner Versicherung wissen?" (Siehe heutige Anzeige.)

Die Steuerkarten für bas Jahr 1931 müssen von allen Arbeitnehmern im Stadthaus, Bergstraße 20, angeforbert werben. Näheres in ber gestrigen Bekanntmachung.

** Mietberechtigungsscheine werben mit Wirkung ab 1. Januar 1931 für den Bezirk ber Stabt Gießen eingeführt. Anspruchsberechtigte Personen können ben Schein beim Städtischen Woh­nungsamt abholen. Näheres in ber heutigen Be­kanntmachung.

Sparmaßnahmen im Zu chthaus Marienschloß. Seit dem 1. Dezember be­finden sich im Zuchthaus Marienschloß in Rockenberg keine weiblichenStraf» gefangenen mehr. Sic wurden in die grauenftrafabtcilung des Landgerichtsgefäng- niffes nach Mainz verbracht. Offenbar liegen dieser Maßnahme Ersparungsabsichten zugrunde.

** Schwerer Einbruch. In der vergange­nen Rächt wurde im Zigarrenhaus Decker in Friedberg, Hanauer Straße 1, in der Rähe des Tahnhoses, ein schwerer Einbruch verübt. Den Einbrechern fiel eine große Menge von Tabak­waren in bie Hände. Der Gelamttchaden ist im Augenblick noch nicht zu übersehen. Die Landes- kriminalpolizei Gießen ist zur Zeit noch mit den Ermittlungen beschäftigt.

Vorsicht beim Baumfällen in der he von gernfbrecbietlungen. In bet Zeit des Baumfällens werden an ben Straßen unb in ben Ortschaften bie Reichs-Telegraphen- unb Fernsprechleitungen durch umstürzende Bäume ober durch herabfallende Aeste häufig be­schädigt, weil die Personen, denen das Baum­fällen obliegt, in ber Regel die zur Sicherung der Telegraphenanlagen gegen Beschädigungen erforderlichen Vorkehrungen überhaupt nicht ober in ungenügendem Maße treffen unb es unter­laßen, von ben bevorstehenden Arbeiten ber nächsten Postanstalt rechtzeitig Mitteilung zu machen. Da auch fahrlässige Beschädigungen ber Telegraphenanlagen im § 318 des Reichs-Straf- gesctzbuches mit Strafe bedroht sind, sei ben Baumbesitzern empfohlen, die nächste Postanstalt von der bevorstehenden Baumfällung so zeitig zu benachrichtigen, daß erforderlichenfalls die Entsendung eines Beamten zur Sicherung ber Leitungen veranlaßt to?rben kann.

Gesellschaft für Erd- und Völ­kerkunde. Im Rahmen eines Vortragsabends der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde der dieser Tage ftattfanb, berichtete Prof. Dr. 'Karl Troll, Berlin, über einen Test feiner fast brei- euchalbjährigen geographischen Forschungen in den Anden Südamerikas. Der schlichte, höchst anschauliche Vortrag ließ die Hörer nur ahnen, was für eine imponierende Leistung in technisch- tourcstischern sowohl, wie auch besonders in wissen­schaftlichem Sinne die Reisen des Redners ge­wesen sind. Rach einer einleitenden älebersicht über die Landschaftsgürtel ber Anden und kur- zen humorvollen Schilderungen seiner Reisetech­nik mit der Maultiertropa und dem treuen Die­

ner Mariscal wandte sich Troll demjenigen Ge­biet zu, dessen Erforschung er sich am längsten widmen konnte, den bolivianischen Anden. Zu­nächst schilderte er an der Hand von prachtvollen Lichtbildern die großen landeskundlichen Einhei­ten de- Gebietes, wobei er über außerordent­lich fesselnde Einzelheiten berichtete. Im zweiten Teil seines VortrageS behandelte ber Redner den Menschen der bolivianischen Anden, insbesondere den Indianer. Er brachte sehr schöne Dilber von den beiden Hauptvölkern, den Aimarä und den Quichua welch letztere erst wenige Iahrhunderte vor bem Eintreffen der Spanier die Herrschaft an sich gerissen hatten, aber auch von dem auf 70 Familien zusammengeschrumpften Restvolk, den dunkleren, zäh an Sitte und Sprache festhaltenden Chipaya Anfchaulich schilderte er die Anbau- methvde, die Bereitung der umxrDerblidxnt Starkemehlknolle Chuno onus ber Kartoffel, die Webkunst, die Zucht von Llama und Alpaka, den Bergbau. Den Abschluß feiner mit reichem Bei­fall aufgenommenen Ausführungen bildete die Schilderung der Hochgsbirgstouren, bie Troll mit einer deutschen Bergsteigergruppe als wissen­schaftlicher Teilnehmer auf Einladung deS deut­schen unb österreichischen Alpenvereins in der bi« über 6600 Meter aufragenden Cordillera Real ausführte. Dr. L.

"Tannenbergbund. In einer öffentlichen Versammlung des TannenbergbundeS sprach am Montagabend imBayerischen Hof" Major a. D Pommer über das ThemaLudendorf Kampf gegen die Kriegspvlitik der deutschen Faschisten". Der Redner gab zunächst einen kurz gehaltenen äleberblick über die Bestrebungen Ludendor^fs um die Wehrhastmachung des deutschen Volkes auf breiterer Basis vor dem Kriege. Hierauf befaßte er sich mit der Person deS früheren Kallers. kriti­sierte seine Ratgeber unb seine Politik deS Frie­dens. Ec bezeichnete den Weltkrieg als eine be­wußt herbeigesährte Aktion, die den Zweck haben sollte, die Dynastien Hohenzol.ern und Romanow zu beseitigen. Der Vortragende ging weiter auf bie gegenwärtige aus^npolitische Lage ein, defi­nierte die Begriffe Bolschewismus Marxismu- und Faschismus, kritisierte den Stahlhelm im Hin­blick auf bas Verhalten au Italien, sprach übet bic Golbwährung unb ihren Einfluß auf das Wirtschastsleben einer Ration, beschäftigte sich mit ber Spannung zwischen Frankreich, Italien und

..l^an& un^ der Rolle Deut chlands in ber euro­päischen Politik der Zukunft. Bre ten Raum wid­mete der Redner dann noch einer Betrachtung über eine eventuelle zukünftige kriegerische Aus­einandersetzung ber Völker Europas. Die Zuhöret es waren derer nur sehr wenige folgten mit Aufmerksamkeit dem Vortrag.

*D i e Dona u". Die Kulturfilm Vorstellung Im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, am Sonntag- Vormittag brachte einen Film, ber sich burch seine Schönheit vor allen anderen auszeichnet. Gr zeigte zunächst den Zuschauern in herrlichenBlliern einen Teil des deutschen Dalerlandes. den Schwarzwald, das bayerische Land und das deutsche Oesterreich, brachte bann Bilder von hvchausstrebenden Do- wen, zeigte idyllisch gelegene Dörfer unb Städte, bic Hügel unb bie Fellengebirge, durch die sich das Wasser der Donau ben Tveg bahnt: man sah Land unb Leute in der unmittelbaren Frische ihrer Einfachheit, in ber Schönheit ihrer Trachten und ber Originalität ihrer Gebräuche und Sitten. Das dürfte für den ganzen Film gelten, der weiterhin bic Balkanstaaten, die bie Donau berührt. In ebenso feiner unb geschickter Form toiebergab. Mit besonderem Interesse sah man die Bilder von ben deutschen Siedlungen in Siebenbürgen. Der Wert be8 Films wurde, über feinen Gegenstand der Darstellung hinaus, durch eine Vollkommenheit ber Landschaftsphotographie gehoben, die ihn zum wahren Kulturfilm stempelte.

Der Hessische Landbund gegen die Kreis-Auflösung.

Don der Landesgeschäftsstelle des H e s s i s ch e n Landbundes wird uns mitgeteilt:

Die Landtagsfraktion des Hessi­schen Landbundes hat im Laufe ber letzten 3abre bei Erörterung ber Sparmaßnahmen im Hessischen Canbtag immer ben Standpunkt Der- treten, keine Kreise aufzuheben, well damit kaum Ersparnisse erzielt werden und weil die allenfalls zu erzielenden geringen Erspar­nisse längst durch erhöhte Opfer der Bevölkerung ausgewogen würden. Die Fraktion wird sich auch weiterhin der Aufhebung von Kreisen widersetzen und sich bemühen, durch Einsparungen auf anderen* Gebieten ber Staatsverwaltung (Ministerien, Landestheater, Fortbildungsschule, höhere Schulen, Hochschule, innere Finanzausgleiche bezüglich der städtischen Ortspolizei, Beamten - Besoldungs - Reuordnung u. d. a.) zur Verminderung der Staatsausgaben und Damit zur Beseitigung des Staatsdefizits und zur Senkung ber Staatssteuern beizutragen.

Insbesondere wird bie Fraktion ber hessischen Regierung unterteinenälmftänbeneine Ermächtigung geben, eine Reuordnung bet Kreiseinteilung ohne Mitwir­kung des Landtages vorzunehmen.

Darmstadt. 9.Dezember 1930.

Dr.v. Helmolt, Dorsitzender der Landtagsfraktion des Hessischen Landbundes.

Wettervoraussage.

Ucber Frankreich und England hat sich höherer Druck entwickelt, welcher dort zu vielfachem Nacht­frost geführt hat. Namentlich über England und Schottland lagen die Morgcntemperaturen bis zu 4 Grad unter Null. Die Auswirkungen Des hohen Druckes werden sich zunächst auch über Deutschland erstrecken, so daß trockenes, meist nebliges Wetter mit Aufklaren eintritt und Die Temperaturen nachts unter den Gefrierpunkt zurückgehen. Das Frostwet­ter Durfte nur vorübergehend standhalten. Denn an Der Westküste Irlands drehen die Winde noch Süden um, erneuter Temperaturanstieg setzt ein unb das Barometer fällt. Wahrscheinlich wird bas neue Tief bis Freitag auch Einfluß auf unsere Wetterlage gewinnen bürfen unb bei ben niederen Tempera­turen Niederschläge Dann in Form von Schnee auf- treten.

Aussichten für Donnerstag. Racht- frvu. meist nebliges und dunstiges Wetter mit Aufklaren, trocken.

Aussichten für Freitag. Rach Äacht- frvst im Laufe des Tages Milderung unb ftär- . SiTitrubung mit vereinzelten Riederschlägen in Schnee wahrscheinlich.

Lufttemperaturen am 9. Dezember: mittags 2,7 ©rab Celsius, abends 3,1 Grad: am 10. Dezember: JT-r35ns Grab. Marimum 3,2 Grad, Minimum 0,5 (8rab. Erdtemperaturen in 10 an Tiefe am 9. Dezember: abends 0,2 Grad.