Ausgabe 
10.7.1930
 
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Nr. 159 Erstes Blaff

180. Jahrgang

Donnerstag. 10. Juli 1930

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Die Illuitrtertr Gtetzener Familienblätter

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Eichener Anzeiger

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Furchtbares Grubenunglück im oberschlesischen Kohlenrevier.

Kohlensäureausbruch auf dem Kurtschachi des Neuroder Reviers.-Von mehr als 200 Eingeschloffenen nur 49 Bergleute lebend geborgen. Keine Hoffnung auf die Rettung der übrigen.

B reslau, 9. Juli. (2BIB.) Auf dem kurifchachl In Hausdorf im Reuroder Revier erfolgte heute nachmittag in der zweiten und dritten Sohle ein starker kohlensäureausbruch. 3n dem betroffenen Teil der Grube befanden sich rund 2 0 0 Mann, von einem Vertreter des Oberbergamles wird mifgeteilt: Das Reuroder Revier ist durch kohlenfäureausbrüche besonders gefährdet. Die von der Bergbehörde dagegen getroffenen Maß­nahmen haben fich in vielen Fällen bewährt. Der heutige Ausbruch im Kurt-Schacht war aber von einem Ausmaß, wie er bisher in europäischen Re­vieren überhaupt noch nicht beobachtet wurde. Der Säureausbruch erschwert leider auch die Bergungsarbeiten, weil die Rettungsmannschaften selbst außerordentlich gefährdet werden. Alsbald nach Bekanntwerden der Katastrophe, von der die 17. und 18. Abteilung der Belegschaft des Kurt- Schachtes betroffen wurden, begann die Rettungs­aktion, an der sich Mannschaften aus dem gesamten Revier und Feuerwehrleute beteiligten. Heber die Ursache der Katastrophe wird bekannt, daß der Ausbruch der Kohlensäure vermutlich durcheinen Sprengschuh ausgelöst worden ist, der e i n Gasnetz öffnete. Die Gase verbreiteten sich mit ungeheurer Gefchwindigkeit im ganzen Revier. Die vor Ort arbeitenden Bergleute stürzten sofort besinnungslos zusam­men. nur einige von den Schleppern, die weiter entfernt von der Unfallstelle arbeiteten, konnten sich retten, die Belegschaft der Rachbarreviere alarmie­rend. Sofort wurden die Wettertüren zu dem Unglücksrevier abgedichtet, aber auch in den Rachbarrevieren erlitt eine ganze An­zahl von Leuten Gasvergiftungen. An der Unglücks­stelle find mehrere Pfeiler zu Bruch gegangen, so daß die Lage der (Eingcfdjloffenen noch bedenk­licher geworden ist.

An der ilnglückstelle.

Große Schwierigkeiten für die Rettungs- arbeiten.

Reu rode, 10.3uli. (Bericht des an die TInglücksstelle entsandten Sonderbericht- e r st a t t e r s der TäZ.s Ganz unerwartet er­eignete sich am Rachmittag um 4.05 ilf)r auf der 17. Steigerabteilung des Kurtschachtes in Hausdorf bei Reurode während der Arbeit der Kohlensäureausbruch, von dem die 17. und 18. Steigerabteilung mit zusammen 19 3 Mann betroffen wurden. An die 18. Steigerabteilung in Stärke von 108 Mann konnte man herankommen, aber es gelang, nur 41 Bergleute lebend zu bergen, die verletzt im Knappschaftslazarctt untergebracht wurden. 57 Bergleute dagegen konnten nur a l s Tote geborgen werden, darunter zwei Steiger.

Die gesamte Belegschaft der 17. Ab­teilung in Stärke von 83 Mann befindet sich noch in der Grube. Die Rettungsarbeiten für sie konnten noch nicht aufgenomnten werden, da die Abteilung vollständig durch Kohlen­säure v e r g a st ist. Das Schicksal dieser Berg­leute ist noch völlig ungewiß. Die Rettungs­arbeiten setzten sehr schnell ein. Die umliegen­den Graben entsandten sofort alle zur Derfügung stehenden Rettungsmannschaften und auch die Hauptrettungsstelle in Waldenburg war nach kurzer Zeit mit den ihr zur Derfügung stehen­den Dereitschaftswagen und 40 Mann zur Stelle.

Da die bei dem Alnglüd verletzten Bergleute noch nicht vernehmungsfähig sind, ist man über den Beginn der Katastrophe zur Zeit noch völlig im Unflaten. Es ist aber bekannt, daß die Kurt- Grube eine Kohlensäuregrube ist, die schon viele Todesopfer gefordert hat. So fielen im Jahr« 1921 einem Kohlensäureausbruch fünf Bergleute zum Opfer, im Jahre 1926 vier und im Zähre 1928 acht Bergleute. Da das Unglück verhältnismäßig spät bekannt wurde, sind noch nicht sehr viele Angehörige an die Unglücksstätte geeilt, doch sieht man schon vor der Grube An­gehörige, die entweder die Toten beweinen oder voller Bangen und Zweifel die Rettungsarbeiten für die noch Eingeschlossenen verfolgen.

Vermutlich 145 Todesopfer.

70 Tote geborgen Keine Hoffnung mehr für 80 Cingcfchloffcnc.

Reurode, 10. Juli. (WTD. Funkspruch.) 3n Mitleidenschaft gezogen werden zwei Eteiger- abtellungen, die 17. und 18. Abteilung, mit zu­sammen 200 Mann. Don diesen sind aller Wahr­scheinlichkeit nach 145 bet Katastrophe zum Opfer gefallen. Lebend geborgen sind bisher 56 Mann. Die gesamte 17. Steigerabtei­lung von 83 Mann ist aller Voraussicht nach ums Leben gekommen. Die Rettungs­arbeiten mußten einige Zeit unterbrochen werden, well erst die Ausgasung der Abteilung dorge­

nommen werden muß, bevor die Rettungs­mannschaften wieder eingesetzt werben können.

Rach einem weiteren Funkspruch von Donners­tag früh konnten im Laufe der Nacht noch einige weitere Leichen geborgen werden, so daß sich die Zahl der bisher geborgenen Toten auf über 70 beläuft. Ungefahr 80 Personen sind noch eingeschlossen, und es besteht keine Aussicht, sie lebend zu bergen. Die AuSgasung ist zur Zelt noch nicht beendet, so daß auch keine Angaben über die Ursache der Katastrophe gemacht werden können. Wenn die Unglücksabteilung vollständig befreit ist, wer­den die Rettungsarbeiten wieder ausgenommen.

Nie Rettungsarbeiten vorläufig eingestellt.

Der letzte Funkbericht.

Reurode, 10. Juli. (1DIB. Funkspruch.) 9 Ahr vormittags. Erst heule ist es möglich, einen klaren Ueberblicf über die Situation auf den von dem kohlensäureausbruch betroffenen Schacht der Wen- zeslaus-Grube in Hausdorf zu gewinnen. Bon der 193 THann starken Gesellschaft der Abteilungen konnten bisher nur 49 gerettet werden, die im Reuroder Stadtlazarett Aufnahme fanden und für die nach dortiger Ansicht auch noch keine Lebens­

gefahr besteht. An Toten wurden 81 gebor­gen. Alle, die noch nicht über Schacht gesördert werden konnten, befinden sich in der Ableitung 18, die vollkommen unter kohlenfäuregas liegt, die Rettungsarbeiten wurden nachts um 12 Uhr abgebrochen, da ein weiteres Borbringen der Rettungsmannschaft mit Lebensgefahr verbunden war. Die Leitung der Rettungsaktion ist der Ansicht, daß die noch unter der Erde befindlichen Bergleute als tot zu betrachten feien. Ls ist demnach anzunehmen, daß die Zahl der Todesopfer über 150 betragen wird. Jm Laufe des Bormittags fallen aus Berlin Berlrefer des Ministeriums in Hausdorf ankommen, um die Untersuchung zu leiten. Ob es möglich fein wird, die Rettungsarbeiten fortzufehen, steht zur Zeit noch nicht fest, da erst der Bersuch unternommen werden muh, den Kohlenfäuregafen in der Abteilung 18 Abzug zu verschaffen. Bon der Rettungsmannschaft sind einige Personen schwer verletzt. Jm Knappschaftslazarett wurden 5 9 Tote aufgebahrt, von denen bisher 51 identifiziert werden konnten. Da es an Raum mangelte, muhten die Toten zum Teil im städtischen Krankenhaus untergebracht werden. Die (Erregung unter der Be­völkerung ist naturgemäß sehr grvh. Heute früh ist die Belegschaft nicht eingefahren, son­dern trat, obwohl sie auf der Grube erschienen war, den Heimweg an.

Die Ergänzung der Deüungsvvrschläge

Oie Forderungen der Dolkspai tei finden vom Kabinett Berücksichtigung.

Nie neuen Vorschläge.

Tie Gestaltung

der kommunalen Bürgcrabgabe.

Berlin, 9. Juli. (BDZ.) Aus Grund der Par- teisührerbesprechung hat das Reichskabinett den Reichstogssraktionen der Regierungsparteien heute nachmittag Vorschläge zur Erweiterung ihres Deckungsprogrammes zugehen lassen. Dabei handelt es sich zunächst um eine Abänderung des Arbeitslo senoer sicherungsgesetzes, wonach der Höchstbetrag der Darlehen des Reiches an die Arbeitslosenversicherung vom 1. April 1931 ab jeweils im haushaltsgesetz fe ft gelegt werden soll.

Außerdem wird ein Gesetzt über eine Bürger- steuer vorgeschlagen, das 13 Paragraphen zählt. Jlad) diesem Gesetz sollen die Gemeinden von jedem wahlberechtigten Bürger eine Bürgerabgabe erhe­ben, deren höhe von den Ländern bestimmt wird. Bei Personen, die der Lohnsteuer nicht unterliegen darf der Sah nicht weniger als 3 Mark jährlich betragen. (Eine Staffelung der Steuer ist aus­geschlossen. Bis zum jnkrasttreten des Grund- steuerrahmengesehes und des Gewerbesieuerrahmen- gesehes dürfen Gemeindegrundsteuern oder Gemeindegewerbesteuer um mehr als 100 Brojent, jedoch nicht mehr als 150 Prozent des Landesdurchschnitts, erhoben werden, wenn für das gleiche Rechnungsjahr ein Zuschlag von 50 Prozent zur normalen Bürgersteuer erhoben wird. Bei einem Zuschlag von 100 Prozent zur Bürgersteuer dürfen die Realsteuern 150 bis 200 Prozent, bei einem Zuschlag von 150 Prozent zur Bürgersteuer auch mehr als 200 Prozent betragen. Born 1. April 1931 ab ist das Aufkommen der Bürgersteuer von den Gemeinden zur Senkung der Realsteuern zu verwenden. Die Bürgersteuer darf nicht als Abzug vom Lohn erhoben werden, sie wird in den Gemeinden selbst verwaltet. Das Gesetz soll am 1. Oktober d. J. in Kraft treten.

Außerdem ist die Regierung bereit, eine Erklärung abzugeben, daß die Streichungen im haus­halt für 1930 nicht auf 100 Millionen beschränkt werden, sondern mindestens 10 0 Millionen betragen sollen.

Das Kabinett mit den Ergänzungen einverstanden. Auf der Luche nach der parlamentarischen Mebrheit.

Berlin, 10. Juli. (Tel-Mn.) Amtlich wird ge­meldet: Das Reichskabinett trat in den späten Abendstunden unter dem Borsih des Reichskanzlers Brüning in der Reichskanzlei zusammen, um die politische Lage zu erörtern, wie sie sich nach den inzwischen bekanntgewordenen Beschlüssen der hinter der Reichsregierung stehenden Parteien darstellt. Das Reichskabinett hält nach wie vor an seinen bisherigen Deckungsvorschlägen fest, ist aber bereit, sie im Sinne der am Dienstag

mit den Parteiführern vereinbarten Borschtäge ; u ergänzen.

Die parlamentarische Lage ist so, daß zu­sammen mit der D. D. P. auch die Wirt- schaftspartei und das Zentrum hinter den Crgänzungsvorschlägen stehen, während die Bayerische Dolkspartei die Einführung einer Gemeindeabgabe bisher ab gelehnt hat und auch die Demokraten ihre Zustimmung zu einer Kopfsteuer davon abhängig machen wollen, daß gleichzeitig auch eine Gemeinde­getränkeverzehr st euer eingeführt wird. Da die Kopfsteuer bei der Sozia Idemokra- tie Widerstand begegnet, rechnet man in Kreisen der Reichsregierung damit, daß die erforderliche parlamentarische Mehrheit im Kabinett von rechts her zur Verfügung, gestellt wird. Sicherem Vernehmen nach verlautet weiter, daß in den nächsten Tagen noch Ausgleichsverhand­lungen mit der Bayerischen Volkspartei und den Demokraten geführt werden sollen, um sie in die gemeinsame Front der anderen Regierungspar­teien miteinzuordnen.

Die Stellung her Parteien.

Demokraten und Bayerische Bolkspariei haben noch Wunsche

Berlin, 9. Juli. (DDZ.) Die Reichstags­fraktion der Bayerischen Dolkspartei hat in ihrer Abendsihung fich mit den Crgän­zungsvorschlägen zu den Deckungsvorlagen der Reichsrcgierung beschäftigt. Sie ist zu folgender Stellungnahme gekommen:

1. Dem Vorschlag, betreffend die Reform der Arbeitslosenversicherung, tritt die Fraktion bei.

2. Den Entwurf des Bürgersteuergesetzes lehnt die Fraktion ab.

Auch die Reichstagsfraktion der D. V. P. hielt am Mittwoch eine Fraktionssitzung ab. Wie wir aus Kreisen der D. V. P. erfahren, erkennt die Fraktion an, daß die nunmehrige ilmgeftaltung der Deckungsvorlage der Reichs­regierung wesentliche Verbesserungen aufweist, die in der Einfügung der Bürger- abgabc, in der Aenderung des § 163 der Arbeits­losenversicherung und in der Ermöglichung wei­terer Ersparnisse im Etat bestehen. Mit der Führung der weiteren Verhandlungen ist der Fraktionsvorsitzende Reichsminister a. D. Dr. Scholz beauftragt worden.

Die Zentrumsfraktion des Reichstags faßte folgenden einstimmigen Beschluß: Trotz mancher Bedenken stimmt die Zentrumsfraktion den Ergänzungsvorschlägen der Regierung zu, weil dadurch die einzige Möglichkeit besteht, die Deckungsvorlagen auf parlamentarischem Wege zu erledigen.

Heber die Sitzung der demokratischen Rcichstagssraktion wird mitgeteilt: Die Frak­tion kann vorbehaltlich aller Einzelheiten an weiteren Verhandlungen über das Deckungspro­gramm nur teilnehmen, wenn dem jetzigen Pro­gramm eine Vorlage über eine Alko - hol-Gcmeinde-Dcrzeh r ft euer hinzu­gefügt wird. Die demokratische Reichstags­fraktion hält einmal die jetzige Vorlage im Hin­blick auf die Sanierung der Gemeindefinanzen nicht für ausreichend, sie kann es aber nicht verantworten, eine Kopfsteuer einzuführen, ohne den Alkohol zu belasten.

Nie Kreditgebarung her öffentlichen yanh.

Tie Beratungsstelle für AuSlandanlciHcn bleibt bestehen.

Berlin, 9.3uli. -Unter dem Vorsitz de» Finanzministers und in Anwesenheit des Rcichs- bankpräsidentcn fand eine Länderbespre­chung statt, in der über die geplante Aus­gestaltung der Beratungsstelle für öffentliche Kredite verhandelt wurde. Rach einleitenden Worten des FinanzrninisterS und des Reichsbankpräsidenten stimmten die Län­dervertreter der Notwendigkeit einer pfleglichen Behandlung der Kapi­talmärkte zu. Es bestand Einmütigkeit dar­über, daß eine Heberwachung der Aus- landkredite sortbe stehen muß und daß auch für Inlandkredite geeignete Wege zur Wahrung der gemeinsamen Interessen der öffentlichen Kreditnehmer gefunden werden müs­sen. Demgemäß wurde zur Festlegung der Ein­zelheiten eine älntersuchungskommis- fion eingesetzt, die ihre Tätigkeit bereits aus­genommen hat. Die Tätigkeit der Beratung s- stelle für AuSlandanleihen wurde zu­nächst durch Vereinbarung bis zum 1. Rov. 19 30 verlängert.

Nie Lübecker Kinhertragöhie.

Vorläufige Feststellungen des Reichs» inncnministcriums.

Berlin, 9. Juli. (WTD.) Zu dem Lübecker Säuglingssterben teilt das ReichSmini st e- r i*i m des Innern u. a. mit: DaS ReichS- gesundheitsamt ist mit der Klärung der Frage beauftragt worden, ob der Calrnette-Schutz- st o f f die schweren Tuberkuloseerkrankungen der Säuglinge Hervorrufen konnte, anstatt sie dagegen zu schützen. Das endgültige Ergebnis kann nicht vor drei bis vier Wochen erwartet werden. Soweit sich aus den bisherigen Unter­suchungen des damit betrauten Professors Dr. Ludwig Lange schon jetzt ein Urteil gewinnen läßt, ist die Calmettesche Kultur vom Institut Pasteur in Paris einwandfrei geliefert, aber bei der W e i t e r z ü ch t u n g in Lü­beck verunreinigt worden. Die Frage, ob in Lübeck alles geschah, um die Schuhbehandlung nach Calmette einwandfrei durchzufüh­ren, ist in erster Linie Sache des Staates Lübeck. Im Laufe der Untersuchungen hat sich hierbei allerdings sehr bald eine Reihe von Be­anstandungen herausgestellt.

Nachdem das Reichsinnenministerium 1927 in der Frage der Tuberkuloseschuhbehandlung mit lebenden Bazillen Zurückhaltung empfoh­len hatte, hätten die in Betracht kommenden Lübecker Stellen zur Einleitung der dortigen Schuhbehandlungen sich vergewissern sollen, ob das Reichsinnenministerium an diesem abwar­tenden Standpunkt noch festhält. Nachdem die vom Institut Pasteur bezogene Originalfultuc f a ft drei Vierteljahre lang im Lübecker Laboratorium auf vers chiedenen Nähr­böden weitergezüchtet worden war, hätte vor der ersten Verabreichung des SchuhstoffeS an die Säuglinge dessen Unschädlichkeit im Tierversuch geprüft werden müssen. DaS ist nicht geschehen.

Die gesundheitliche Ueberwachuna der schutz­behandelten Kinder war mangelhaft. Die von Professor Deycke am 26 April 1930, also nach der Feststellung der Schädlichkeit des oermenbeten Schutzstoffes, Dorgenommene Vernichtung der noch vorhandenen Giftstoffmengen, muß, gleich aus welchen Motiven sie erfolgte, als bedenklich bezeichnet werden. Allerdings ist durch das Vorgehen von Prof. Deycke die Aufklärung der Angelegenheit nicht beeinträchtigt worden, da das Reichsgesundheitsamt trohdem in den Be­sitz von völlig genügenden Resten des verwende­ten Schutzstoffes gelangt ist. Auch sonst hat daS Reichsgesundheitsamt alles mögliche Untersu­chungsmaterial erhalten. Cs ist nicht zu recht­fertigen. daß, nachdem am Vormittag des 26. April 1930 bie Schädlichkeit des ver­wandten Schuhstoffes durch die Obduktion eines verstorbenen Säuglings bereits erwiesen war, noch einige Dosen des Schuhstofses in den Händen von Hebammen verblieben. Glück­licherweise wurden die Schutzstoffmengen nicht mehr an neu hinzugekommene, sondern nur noch an solche Säuglinge verabreicht, die bereits vor dem 26. April, der ersten, für die Erkrankung wohl entscheidenden Schuhbehandlung unterzogen wurden.

Cs ist zu beanstanden, daß die für die Durchführung der Schuhbehandlung Verantwort­lichen, zwischen denen es zum Teil Wohl auch a n der genügenden Zusammenarbeit fehlte, versäumten, der zunächst zuständigen Stelle in Lübeck von den eingetretenen Schädi­gungen unverzüglich Kenntnis zu geben. Die Reichsmedizinalverwaltung wurde erst am 14. Mai unterrichtet.

Inwieweit diese Beanstandungen, die einem wissenschaftlichen Werturteil über daS Cal-