Ausgabe 
10.2.1930
 
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Montag, 10. Hebruar 1950

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 54 Zweites Blatt

Wege zur glücklichen Ehe.

Keine Frage bewegt heute die Oef- fentlichkeit so sehr, wie das Eheproblcm. Leider wird es nur allzuoft in leicht­sinniger, oberflächlicher Weise behandelt. Man macht es sich sehr leicht, reforme­rische Wege zur äleberwindung der an­geblichen Chekrisis zu weisen, und Über­sicht dabei ganz, daß man damit d i e Grundlagen unseres gesam­ten Familienlebens zu erschüt­tern droht. Wir haben deshalb einmal einer Reihe von Persönlichkeiten, die vermöge ihrer Stellung und ihrer Er­fahrung eine Einsicht in die Konfukts- niöglichkeiten des Ehelebens haben, die Frage vorgelegt: Welches sind denn tüt» sächlich die Klippen der Ehe, und wie vermeidet man am besten diese Ge- fahren? Hier die Antworten:

Aus meiner Praxis.

Don Dr. Annemarie Wever, Leiterin einer Ehederatungsstelle Charlottendurg.

In der Cheberatungsstelle werden die verschie­denartigsten Konfliktstoffe uns vorgelegt, die oft beim ersten Anhören als gänzlich unauflösbar er­scheinen. Jedoch muh man sich vergegenwärtigen, dah eine Frau oder ein Mann, die zu uns in Die Ehebcratungsstelle kommen, schon irgendwie positiv eingestellt sind, dalh: sie einen Rat wollen und bereit sind, ihn zum mindesten zu prüfen. Wer von vornherein entschlossen ist. eine Lösung der Ehe zu betreiben, wird sich bei uns nicht erst blicken lassen.

Wie wir beraten, das ist natürlich generell nicht zu sagen; wenn man überall individuell arbeitet, sodann doch in dieser Arbeit, die sehr behutsam und feinfühlig getan sein muh. Sehr oft sagen wir den ratsuchenden Ehegatten:Lauft nicht beim ersten Konflikt auseinander und nicht in der ersten Hihe der Leidenschaft! Laht ein paar Tage hingehen, ehe ihr Entschlüsse saht, die für euer Leben und auch für das Leben eurer Kinder sehr schwerwiegend sind. Rach ein paar Tagen sehen die Dinge schon etwas anders aus." Häufig raten wir auch zu einer kurzen räumlichen Trennung, damit die Ehepartner e ine g e w i s s e D i st a n z zu sich und zu den Gescheh­nissen gewinnen auch damit erreicht man mit­unter sehr vier Gutes. In der zeitweiligen Tren­nung sicht man sehr oft die Dorzüge des andern klarer, nicht mehr getrübt durch die Affekte des Alltags.

Wichtig ist auch, den in feinem Gefühl ge­kränkten Ehepartner dahin zu bringen, dah er die Angelegenheit einmal vom Standpunkt des anderen sieht. Besonders schwer ist das bei Konflikten, bei denen ein Dritter oder eine Dritte beteiligt sind. Denn der Eifersuchtstrieb ist bei den meisten Menschen fo stark entwickelt, dah keine gerechte äleberlegung ihn eindämmen kann. Häufig findet man auch die Idee, dah eine Frau, die von ihrem Mann betrogen toure, sich nicht scheiden läßt, damit er nicht die Rivalin heiraten könne, denneine Strafe müsse doch fein". ,,

Häufig ist die Frau auch selbst daran schuld, dah der Mann seine Freizeit außer d em Hause verbringt. Vielleicht hat sie es nicht verstanden,' ihm die kurzen Freistunden nach an« strengender Arbeit im Hause wohltuend zu ge­stalten, vielleicht hat sie auch über Verschwendung geklagt, wenn der Mann einmal ins Kino oder zu einem Glase Vier fortgehen wollte. Ich sage in solchen Fällen zu den ratsuchenden Frauen: Sparsamkeit ist gut. Wenn sie aber dahin fuhrt. Dah der Mann, der schliehlich auch mal etwas anderes als Arbeit haben muh, dann allein ausgehl, so tojrb die Sache auf die Dauer nicht

billiger, denn er findet schon irgend jemanden, der mit ihm geht und zu der Ausgabe kommt noch die Gefahr." Hat der Mann irgendein Steckenpferd, das nicht zu teuer ist, Radio. Sport oder dergleichen, so soll eine Luge Frau es ihm nicht nur lassen, sondern, wenn es geht, ihn auch in seinen Interessen unterstützen.

Die größte Klippe der glücklichen Che aber ist heute d i e pekuniäre Frage. Die Frau muh erreichen, dah der Mann ihr regelmäßig und im Rahmen seiner Verhältnisse äuskömmliches Wirtschaftsgeld gibt, damit nicht t ä g » l ich der Kampf um den Groschen aus­gefochten werden muh. Der Mann muh lernen, die Haushaltarbeit der Frau auch richtig zu werten. .

Ferner rate ich allen Frauen, sofern sie ihren Veruf durch d'.e Ehefchliehung aufgegebvn ha­ben, doch wenigstens die Fühlung mit ihrem Berufe zu behalten, damit sie in Fäl­len der Rot wieder hineinkommen können. An Sparen und Zurücklegen können heute nur noch sehr wenige Menschen denken, Und die Sorge: Was wird, wenn der Mann krank, arbeitsunfähig wird. od:r wenn er st rbt? beschattet o t das Glück einer Ehe in starkem Mähe. Aus diesen Grün­den heraus sollen auch die Frauen irgendwelche Versicherungen, die sie für den 5 rant- heitsfall schützen, weiterführen und nicht wegen Der paar Mark Ausgaben die Kranken- und Invaliden- oder Lebensversicherungen aufgeben. Heute, wo alle wirtschaftlichen Verhältnisse fo schwer und unsicher sind, ist solch eine Versiche­rung oft die einzige Sparkasse und darüber hinaus eine Beruhigung, die sicher auf die Ge­staltung der Ehe nur günstig einwirken kann."

Keine pekuniären Gorgen.

Don Rechtsanwalt Or. F., Berlin.

Der Ursprung der Eheschwierigkeiten, wie sie sich mir in meinem Bureau bei Scheidungsprozes­sen zeigen, liegt meist entweder in erotischer Un­treue oder in finanziellen Unstimmig­keiten. Die Frage des Taschengeldes für Die Frau, um ihr innerhalb des Haushalts eine gewisse Selbständigkeit zu ermöglichen, ohne dah sie beim Wirtschaftsgelde .Schmu machen' muh, ist einer der Hauptgründe, aus denen eine Ehe im Keim zerstört werden kann. Ferner ist es d i e Unstimmigkeit über Ausgaben und Sparen, die gleichfalls zu fchtoerwiegenden Differenzen führen kann.

Viel zu selten haben die beiden Ehepartner so viel wirtschaftliches Verständnis, um zu wissen, dah man nicht das ganze Einkommen aufbrauchen, sondern einen Teil des Einkommens von vorn­herein zurücklegen soll, um im Laufe der Iahre ein Kapital für die Zeit anzusammeln, wo die Erwerbsfähigkeit des Mannes nachzulassen be­ginnt

Oft habe ich, wenn ich zur Beratung in ehe- lichen Differenzen wirtschaftlicher Ratur heran- gezogen wurde, angeregt, fünf bis zehn Prozent des verfügbaren Einkommens lausend in einer Lebensver s icher ung anzulegen und zwar so, dah das Kapital spätestens im 50. oder 60. Lebensjahr ausgezahlt wird. Will dann die Frau Anschaffungen machen, zu denen der Ehe­mann sonst seine Genehmigung nicht geben möchte, so erspart den Eheleuten die selbstver­ständliche Unantastbarkeit der Lebensversicherung Den für sie sonst üblichen Chekrieg. Dabei ist die Frau für diese Sparmethode am leichtesten zu gewinnen. Gerade sie hat ja in jedem Falle Den Ruhen, ganz gleich, ob der Ehemann vor­zeitig stirbt oder das 50. bzw. das 60. Lebens- jafjr erreicht, in dem die beiden Ehegatten das Kapital dann ausgezahlt erhalten.

Leider bin ich eben in meiner langjährigen

Praxis, in der man mich naturgemäß immer nur in zerrüttete Ehen hat hineinblicken lassen, ein sehr nüchtern denkender Mensch geworden. Ro­mantik ist etwas sehr Schönes, mit Romantik allein aber sind die Wege zur glücklichen Ehe nicht garantiert. Rur das Bewußtsein, einen gefestigten materiellen Bo­den unter den Füßen zu haben, wird im 20. Iahrhundcrt Eheleuten die Möglichkeit schaf­fen. ein langes und nicht immer leichtes Leben hindurch treue Kameradschaft zu halten."

RaumistinderkleinstenHüiie?

Don Frau Dorothea Goebler.

In meine Sprechstunden kommen allwöchentlich viele Menschenkinder, um sich Rat zu holen. Meist sind.die Sorgen seelischer Art. Da vernachlässigt der*Chemann die Frau, da entdeckt die Frau, daß er mit der Geschäftskollegin ausgeht, dah er ihr von seinem geschäftlichen und seinem gei­stigen Geben nichts mitteilt und so fort. Daneben ist das Problem der Wohnung ein sehr großes; w.eviele junge Leute kommen zu mir und sagen: Wir möchten zwar gerne heiraten, aber wir können uns keine eigene Wohnung laufen. In wie vielen Fällen erzählen mir aber dieselben jungen Leute: Wir zahlen ein Motorrad, ein Motorboot ab, wir gehen jeden Samstag und Sonntag tanzen! Ich versuche ihnen dann klar zu machen, daß es besser ist. kein Motorboot zu haben und dafür eine eigene Woh­nung. Richds ist eine größere Klippe für die Ehe, als das möblierte Zimmer bei einer Wirtin oder bei der Mutter des Mannes. Ich möchte einmal eine Statistik aufftellen, wieviele Chen durch dieses Zusammenwohnen zerstört wurden. Darum ist mein erster Rat: Wohnt nicht bei der Schwiegermutter! Rur in seltenen Fällen ist die Mutter des Mannes imstande, die Eifersucht auf die Schwiegertochter zu über­winden. Aber felbst, wenn ihr das gelingt, sind d i e Ansichten von alten und jungen Leuten z u verschieden, als daß etwas Harmonisches im Zusammenleben herauskommen

könnte. Auch ist es klar, daß das möblierte Zim­mer nie das Gefühl der Behaglichkeit, nie eine Feierstunde nach schwerer Arbeit geben kann, wie das kleinste und bescheidenste Heim, für das man schafft und spart. Die Wohnfrage ist die Hauptklippe der Ehe. wer sie zu umschiffen weih, hat viel gewonnen."

pflege des Aeußeren ist erste Ehepsticht.

Don Or. mcb. Elfriede Ehrenreich.

Soweit die Frau bei Ehefchwierigkeitcn als .schuldiger' Teil in Frage kommt, scheint mir oft ihre mangelhafte Einsicht in die überaus große Wichtigkeit kosmetischer Körpers ur- sorge eine Rolle zu spielen. Gerade so. wie in geistiger Hinsicht nicht die großen Fragen der Weltanschauung die eigentlichen Klippen bergen, an denen die Ehe leicht scheitert, sondern Mei­nungsverschiedenheiten über öic Kleinigkeiten des täglichen Lebens so find es beim Aeußeren der Frau sehr oft nur kleine kosmetische Mängel, die den ersten Anlaß zur erotischen Entfremdung geben und da­mit zur allmählichen Untergrabung der Ehe füh­ren können. Eine häßliche Warze, ein Leberfleck, ein paar rote Aederchcn im Gesicht, fettige Haut, an unerwünschter Stelle sprießende Härchen, vor­zeitig auftretende Fältchen und Runzeln im Ge­sicht. ja sogar ein falsch gewähltes Parfüm und ähnliche Kleinigkeiten können auf die Zuneigung des Gatten wirken. .

Keine Ehe brauchte an solchen Klippen zu schei­tern. wenn die Frauen scharfsichtig genug wä­ren, sie rechtzeitig zu erkennen, und klug genug, sie zu umschiffen. Die ärztliche Kunst verfügt über wirksame Mittel gegen alle kosmetischen Sorgen der Frauen. Sache jeder Frau aber sollte es sein, die Wichtigkeit rationel­ler Körperpflege zu begreifen und damit j die Rotwendigkeit, in solchen Fragen nicht dem Rate Unberufener, sondern nur dem wirklichen I Sachverständiger zu folgen."

Oesterreich undMenSchulteranSchuller.

Bon unserem römischen Rom, Februar.

Zur gleichen Stunde, als in Sara j e v o eine Gedenktafel für den Anlasser des Kriegs­wagens enthüllt wurde, trat der Gesandte des italienischen Königs an die Wiege des neuen österreichischen Rationalismus. ®a- vriele Prineip goldene Buchstaben halten jetzt den Ramen fest, den man fast vergessen hatte war an jenem 28. Iuni 1914 für eine Sekunde laut gewesen, so laut, daß es knallte und ein viereinhalb;ährigcs Echo nachrollte, dafür ehrte ihn jetzt feine Ration durch ein zwei Mi­nuten langes feierliches Schweigen. Der Ge­sandte des italienischen Königs dagegen, der vierzehn Iahrc lang an Oesterreich schweigend vorbeigesehen hatte, rief öffentlich in Wien aus: Der durch die große und mächtige Volksbewe­gung der Heimwehr auf den Schild gehobene Kanzler Dr. Johann Schober wird wie ein Symbol dieser Bewegung vom saszisti - sch en Italien erwartet und be­grüßt!"

Welch eine Wandlung durch Gottes Fügung! könnte man sich versucht fühlen zu sagen, wenn dieser Gott nicht der Beelzebub Rationalismus träte, den anzubeten nur Siegervölkcrn erlaubt ist. Was würde zum Beispiel die Welt dazu sagen, wenn Deutschland einen Mörder durch Denkmäler verherrlichen würde? Oder kann sich jemand Poincare vorstellen, wie er die große und mächtige Volksbewegung des Stahlhelms be­grüßt und sich durch sie ein Bündnis mit dem

^-Korrespondenten.

Kriegsgegner von gestern, dem Erbfeind, cr- toartett

Oesterreich war nämlich, nebenbei bemerkt für diejenigen, die es noch nicht gewußt haben soll­ten, der Erbfeind I taliens, und es hat eine Zeit gegeben, sie liegt noch lange nicht so weit zurück wie die Revolverschüsse des serbi­schen Rationalhelden oder die Gründung des Völkerbundes oder der Marsch auf Rom, wo Mussolini in der Kammer vor der gefüllten Di- plomatrnloge jene wegwerfende Handbcwrgung machte:Oesterreich ist das, was es ist!^ Und hinzusehte unter dem kriegsdonnernden Beifalls­sturm der Tersammlung, das nächstemal würde er nicht mehr mit Worten, sondern mit Säten sprechen. Italien könne feine Fahnen über den Brenner hinaustragen...

Der große Regisseur der Dölkerschauspiele, dem man einen Altar weihen sollte wie dem Unbe­kannten Gotte der Alten, hatte aber noch ganz andere Inszenierungseinfälle als die eingangs genannten in Sarajevo und Wien. Er ließ auch, als er den dramatischen Höhepunkt nach Rom legte, den Irredentismus, den Interventionis­mus und Den Faszismus aufmarschieren, die drei Großmächte, denen Oesterreich erlag. Er fügte cs, daß gerade in dem Augenblick, wo Herr Schober den Südexpreß in Wien bestieg, in Rom der alte Oesterreichhasfer Michele Bianchi sich auf das Krankenbett legte und gestorben war, als der Bundeskanzler ausstieg. Sein erster Gang war nun an die Bahre des Irredentisten, des Inter­

Gießener Gtadttheater.

Drei alte Schachteln "

Unter den neueren Operetten gehören dieDrei alten Schachteln", drei Akte mit Borsviel von Hermann Haller, Gesangstexte von Ridea- in u s, Musik von Walter Kollo, zu den hübsche» ften und erfolgreichsten.

Die Spielhandlung und das Libretto verzichten zwar auf die große reouemäßige Aufmachung der modernen Sch'.ageropcrette, haben dafür aber einen angenehm volksstückmäßigen Charakter, mit einer Pfunden Mischung aus derbem Humor und sanfter Sentimentalität, die um so weniger ihre Wirkung aufs Publikum verfehlt, als das Ganze im Bieder­meierkostüm und in der Potsdamer Garnison spielt, wodurch in Stil und Stimmung sogleich eine sym­pathische Einheitlichkeit erzielt wird.

Die Musik ist ganz anspruchslos und ohne beson­dere instrumentale oder gesangliche Entfaltung, aber liebenswürdig, einprägsam rhythmisiert und melodiös.

Die Partitur zeigt den gewiegten und erfahrenen Komponisten Kollo von der besten Seite und erweist seine ausgesprochene Begabung für singspiel- mäßige Kompositionen. Die Soldatenlieder und das Glockenspiclmotio des ersten Aktes, das Terzett der alten Schachteln" im ersten und das Menuett im zweiten Akt find musikalische Zierstücke und werden immer ihrer Wirkung sicher fein.

Die Handlung ist auf einfachen, schlagkräftigen Motiven aufgebaut: sommerliche Beaegnung Der Liebenden im Park von Sanssouci, Abschied und Auszug in den Krieg, Wiederkehr und glückliche Verein gung nach zehn Jahren, dazwischen eine kleine Komödie der Irrungen, und als heitere Paraphrasierung der Haupthandlung ein drastisches Duett, gesungen, gespielt und getanzt im alten Pots­damer Stil vom Sergeanten und seiner Köchin.

*

Die Aufführung stand diesmal auf erfreulichem Niveau. Direktor Hans Baars hatte mit liebe­voller Sorgfalt eine stimmungsreiche Inszenierung des Biedermeieridylls besorgt, und er wurde vom Kapellmeister Max Klier trotz kleinem Or­chester und bescheidenen musikalischen Mitteln vorteilhaft unterstützt.

LyOthmar zeigte sich als Anführerin des Ter­zetts gesanglich und darstellerisch in bester Form und. machte als graziöses blondes Biedermeierdäm­

chen eine reizende Figur. Auch Hans Schneider hinterließ als ihr Gegenspieler Klaus Kersting dies­mal recht sympathische Eindrücke. Ein volkstümlich- lustiges Pärchen bildeten Rosel Hübner-Beyer und Fritz Beyer als die Köchin Auguste und der Sergeant Cornelius Hasenpfeffer. Margarethe Berthold (Ursula) fügte sich dem Ensemble dis­kret und geschmeidig ein. *

Es gab mehrere Wiederholungen und verdienten Applaus. Ein hübscher Erfolg. Dr. Th.

Allerlieben.

Don paul AlverdeS.

Ein paar Iahre nach dem großen Krieg ist Iakob. genannt Köbes, der Knecht eines nieder­rheinischen Bauern in der Kailerswcrthcr Ge­gend, noch einmal mit vielen Toten zusammen­gewesen. Das hat sich in einer Winternacht be­geben. Köbes war ein fleißiger und getreuer Knecht, aber er war fast immer traurig und manchmal so sehr, dah ihm keine Arbeit mehr von der Hand ging. Er sah dann auf dem Häcksel­boden. oder auf einem Feldstein, und wiegte den Kopf hin und her. und wenn ihn einer fragte, fo pflegte er zu antworten:Ich sorge mich, ich sorge mich, es ist in meiner Ratur." Damals aber ist er mitten in der Rächt von einer großen Fröhlichkeit wach geworden; er faß eine Weile auf dem Bett, schwenkte die Arme hin und her und lachte und redete laut mit sich.Erhebe dich, alte Kreatur," sagte er,erhebe dich, heute ist Allerlieben." Eilends stand er auf' und zog sich an: die zerschlissene Hose mit den Knie- ledern, die hohen Stiefel, den Rock, den er im Feld getragen, hängte den Mantel darüber und stieg leise in den Hof hinab. Es war sehr hell von Sternen und wurde immer heller über dem Stallfirst, als wollte der Mond dort kommen. Köbes wunderte sich nicht, daß die dicke weihe Schimmelstute, die sonst so träge und auffasf-.g war, schon im Schnee beim Tore stand und voller Ungeduld dcn Kopf n^ch ihm warf. Er fahte ihr in die Mähne, fah auf, sie streckte sich und stob wiehernd davon, dah ihm der Wind in den Ohren fang. Sie hielt auf den Wald vor dem Wasser zu. und nun faß Köbes auch, dah die Helle über dem Rhein stand. Drohe Feuer f«bienen dort auf der Erde zu brennen, denn der Himmel zuckte von wechselndem Licht, auch zog es zuweilen wie Schwaden Rauches und stob wie Funkenregen über den Bäumen. Als er aber näher fam, .faß er,, dah es kleine Sterne waren,

die wie Leuchtkugeln dort stiegen und langsam zerfielen, Licht bei Licht aller Farben, wie ein ft an der Front, soweit er sehen konnte. Aber diesmal fürchtete er sich nicht, auch vermeinte er, Gesang von drüben zu hören und den Schlag von Pauken.

Richt lange darauf, schon unweit der Fähre, ist ein großer Mann in einer fremden Tracht, mit langen Haaren, in eine Art von Reitermantel gehüllt, quer über die Straße getreten und hat Köbes geboten, abzusteigen. Er fei der letzte, sagte er, und sie könnten nicht länger warten. Köbes gab der Stute einen Schlag auf die Hinterbacke, sie wandte den langen, wiegenden Leib herum, wieherte laut auf und stob davon.

Die Fähre war schon gedrängt voll, von lauter Männern, wie es schien, jungen und alten, viele in sonderbaren Anzügen und viele bis unter die Augen vermummt. Köbes kannte keinen von ihnen, aber er setzte sich getrost zwischen ihrer zweie, die stumm zur Seite rückten. Der lange Mensch im Reitermantel stellte sich ans Steuer, und schräg gegen den Strom gedreht, der mit Eis ging, und sehr geschwinde glitt der Rachen über das Wasser. Alle wendeten jetzt mit großem Begehren in den Gesichtem die Köpfe nach drüben, ja einige stellten sich auf und späh­ten, schwankend wie die Fähre schwankte, über die Schultern und Köpfe der andern hinweg un­verwandt nach dem andern Ufer. Dort vernahm Köbes jetzt deutlichen Gesang und da; Rasseln von Wagen und Geschützen und das Klappern von tausend Pferdehufen, dazwischen freudiges Rufen und Gelächter erscholl. Zu sehen aber war nichts, denn es zog sich alles auf der Straße hinter dem Damm entlang. Als das Boot aber an das Ufer stieß, stürmten sie alle sogleich ans Land und den Damm hinan und mit ihnen Köbes, als liefen sie um die Wette miteinander. Als er aber schon oben stand, da ist er mit einemmal ganz allein gewesen, die anderen waren verschwunden, auch schienen die Feuer erloschen, die Sterne fliegen nicht mehr auf und in den gefrorenen Pfützen spiegelte sich auch das blaue Firmament. Richt lange aber sah Köbes still auf dem Damm in der Höhe, als er wiederum und immer lauter ein Trappeln und Scharren und Brausen vernahm, und das Klappern von Eisen und das Knirschen von Leder, dazwischen laute Ruse, Zurufe und die Antworten, die fich weit in die gerne verloren. Dies währte sehr lange, dah auf der Strahe unter ihm welche mar­schierten, die er nicht sah; er fürchtete sich nicht, aber weil er auf feine Rufe, mit denen er den Ramen seines Regimentes und die Rümmer

seiner alten Kompanie zu erkennen gab, keine Antwort bekam, begann er allmählich immer trauriger zu werden und sich zu schämen. Als er aber ganz verzagt eben wieder zum Flusse hinuntersteigen und nach der Fähre ausschauen wollte, da gewahrte er endlich Lichter und Fackeln auf der Straße und sah viele tausend Marschierende in Mänteln und Helmen die Straße Heraufziehen, und da waren sie auch schon heran, die er alle kannte und nie ver­gessen hatte: alle Lieben, alle Toten, a^er er wußte nicht, daß er sie mit solcher Liebe l?*3tc. Sie aber erkannten ihn sogleich und riefen fei­nen Ramen und schwenkten die Gewehre wie Fahnenstöcke, und er tanzte eine Weile auf der Straße neben ihnen einher und schrie ihre Ramen, und sie antworteten wiederum mit lauter Stimme. Endlich aber reihte er sich ein, wo eine Lücke war und faßte Tritt, und er fah, daß neben feiner Gruppe der Sergeant marschierte, den er als letzten im letzten Iahre hatte begraben helfen. Jetzt aber hatte er keine Wunde mehr, und auch die anderen Toten alle schienen unver­sehrt und hatten stille Gesichter. Köbes war fröhlich zumute, wie nie in seinem Leben, er fragte nichts und wußte auch nichts zu fragen, und sie sprachen auch nicht, aber so oft sie zu fingen begannen, fiel er mit schallender Stimme ein. In den Dörfern aber und Städten, die fie mit unbegreiflicher Geschwindigkeit durchzogen, schien keiner sie wahrzunehmen; nur hier und da sprang aus einem Hause heraus in langen Sähen einer von ihnen nach oder reihte vom Bür­gersteig herunter sich still bei ihnen ein und ward sogleich in ihresgleichen verwandelt. Gegen Morgen aber, als sie sich dem Siebengebirge näherten, in einem großen Wald, winkte der Sergeant Iakob zu fich heraus und hob die Zelt- laterne, die er in der Hand trug, und leuchtete ihm lange ins Gesicht:Hast du gesehen, Köbes?" sagte er bann,wir sind alle noch da und alle heil." Damit gab er Köbes die Laterne in die Hand. Sie erlosch sogleich, da graute schon der Morgen, und er ist allein in dem fremden Wald gestanden.

Köbes ist erst anderen Tages auf seinen Hof zurückgekommen. Er hat dann erzählt, was ihm begegnet war, aber sie haben ihm nicht ge­glaubt, auch nicht, als er das Zeltlicht vor­zeigte, das er mitzebracht hatte. Das Licht darin aber verzehrte sich nicht, so oft er eS auch anzündele. Oftmals fitzt er in feiner Kammer allein und schaut in die Flamme, und wartet, daß Allerlieben wiederkehrt und sorgt sich nicht mehr.