Rr. 236 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 9„®ttober 1930
Oie bulgarisch-savoyische Heirat.
Don unserem v. ^.-Berichterstatter.
Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Dom, Oktober 1930.
„Ihre Maiestaten der König und die Königin hatten die Freude, Ihre Zustimmung zur Verlobung Ihrer Tochter, Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Giovanna mit Seiner Majestät Doris lll. König der Dulga- ren zu geben." Diese amtliche Mitteilung des italienischen Hofes lüstete den Schleier über dem großen „Geheimnis", das seit Iahren bekannt war und doch ein Geheimnis blieb, weil niemand wußte, wie es schließlich ausgehen würde.
jetzt rechnet man lediglich daraus, daß der Thronerbe orthodox getauft würde, während die übrigen Kinder katholisch erzogen werden könnten.
Wie der Vatikan sich zu dieser Frage gestellt hat, ist nicht bekannt. Doch scheint der Papst sich auch in diesem Fall aus den Standpunkt des kanonischen Rechts gestellt zu haben, nach dem eine Mischehe nur zulässig ist, wenn sie nach römisch-katholischen Ritus vollzogen wird und die katholische Erziehung der Kinder sichergestellt ist. Da nun die bulgarische Verfassung eindeutig
Die Verbindung des Hauses Savoyen mit der Koburger Dynastie der Dulgarenkönige ist nicht das Ergebnis rein politischer Berechnung. Zarte Bande rein menschlicher Art wurden schon vor längerer Zeit geknüpft und man sagt, daß sie ausschlaggebend gewesen sind. Tatsache ist, daß die Prinzessin Giovanna in Bulgarien an Popularität gewann, je mehr die Aussichten dafür stiegen, daß sie als Zaritza in Sofia einziehen würde. Umgekehrt besitzt auch König Doris, der zum ersten Male im Iahre 1928 inkognito in Italien weilte, und dann offiziell im Ianuar dieses Iahres der Hochzeit des italienischen Kronprinzenpaares beiwohnte, die Sympathien des italienischen Volkes. Kleinigkeiten wirken oft stärker als man glaubt. Niemand hat es hier vergessen, daß König Boris auf seiner Heimreise aus der ewigen Stadt seinen bequemen Salonwagen verließ, sich auf die Lokomotive des Sonderzuges stellte und das Stahlroh eigenhändig durch die Gefilde Italiens lenkte.
Die jahrelangen Verhandlungen zur Ueber- windung der religiösen Schwierigkeiten, die sich aus der Verbindung einer römisch- katholischen Prinzessin mit dem orthodoxen König ergaben, haben zu einem Ergebnis geführt, obwohl es öfters schien, als ließe sich ein Ausweg nicht finden. Man muß annehmen — und auch das spricht gegen einen rein politischen Kalkül — daß König Boris, der Neigung seines Herzens folgend, sich zu dem Kompromiß entschlossen hat, der die Ehe ermöglichte. Wurde doch anfangs in bulgarischen Kreisen der Uebertritt der Braut zum orthodoxen Glauben der Bulgaren für eine Selbstverständlichkeit erachtet. Später hörte man von einer Beschränkung dieser Forderung auf die Kind e r und
verlangt, baß der Thronerbe hn Glauben des bulgarischen Volkes erzogen wird, dürfte eine offizielle Zustimmung des Pap st es nicht erfolgt sein. In dieser Annahme wird man dadurch bestärkt, daß der vatikanamtliche „Osservatore Romarw" die Tatsache der Verlobung auf seiner letzten Seite kurz bekanntgibt, ohne auch nur den geringsten Glückwunsch daran zu knüpfen. Immerhin ist mit einem Protest des Papstes nicht zu rechnen, die Verhandlungen dürften vielmehr seine stillschweigende Billigung erzielt haben.
Die Verbindung des Bulgarenkönigs mit der italienischen Prinzessin entbehrt aber nicht der politischen Bedeutung, auch wenn es sich um eine freie Wahl des Herzens handelt. Zwar ist zunächst noch keine Rede von einem italienischbulgarischen Bündnis- oder Handelsvertrags, der früher so oft als Vorbedingung für diese Verlobung bezeichnet wurde, aber zweifelsohne bringen die neuen Beziehungen zwischen beiden Höfen eine Annäherung beider Länder mit sich. Die bulgarisch-italienische Freundschaft besteht trotz zeitweiser Abkühlung schon lange und dürfte nunmehr weiter gefestigt werden. Bulgarien hat bisher die italienische Unterstützung, die besonders in der Lage der Ostreparationen entscheidend war, stets dankbar anerkannt, sich aber nicht immer restlos zu der Politik bekehrt, die Italien wünschte. Die Angriffe gegen Duroff seitens der italienischen Presse, die dem bulgarischen Außenminister offen 'Franzosenfreundschaft vorwarf, liegen noch nicht weit zurück. Es ist nicht anzunehmen, daß Bulgarien seine selbständige Außenpolitik ausgeben wird, aber was Italien auf diplomatischem Wege vielleicht nicht erreichen konnte, das mag seine neue Botschafterin, die
als Königin in Sofia einzieht, ganz unbewußt fördern. Zu berücksichtigen ist hierbei, daß die Ueberwindung der Schwierigkeiten, die sich der Verlobung des Königs Boris mit der Prinzessin Giovanna entgegenstellten, zum Teil das Werk des Generals Volkoff ist, dessen Ernennung zum Gesandten in Rom von bulgarischen und italienischen Kreisen schon seinerzeit als Anzeichen für eine Aktivierung der ltalienisch-bul- garischen Beziehungen gedeutet wurde.
Rein äußerlich genommen hat das Verhältnis zwischen Rom und Sofia bisher noch keinen festen Rahmen bekommen, doch haben gerade die letzten Iahre auch eine Vertiefung der wirtschaftlichen und kulturpolitischen Beziehungen gebracht. Hier sei nur an die aktive ‘Betätigung der „Opera pro Oriente" in Bulgarien erinnert, die dort — einem italienischen Schutzbund vergleichbar — italienische Schulen gegründet und Stipendien für bulgarische Kinder gestiftet hat.
Die Glückwünsche des italienischen Volkes, dessen monarchistisches Gefühl sich in eindrucksvoller Weise während der großen Festlichkeiten anläßlich der Hochzeit des italienischen Kronprinzen vor aller Welt offenbarte, sind auch diesmal außerordentlich herzlich gehalten. „Glücklich ist der König, der als Lebensgefährtin ein engelgleiches Mädchen erhält, wie unsere Savoyer Prinzessin, glücklich der Staat, der sie Königin nennen wird", so schreibt ein Römer Blatt und gibt damit die Meinung vieler wieder. Die Prinzessin Giovanna, die als viertes Kind des italienischen Königspaares am 13. Dezember 1907 in Rom geboren wurde, soll ihrer Großmutter, der Königin Margherita auffallend gleichen. Schon das genügt, um in Italien beliebt zu sein. Italien ist stolz darauf, dem befreundeten Volk eine seiner Prinzessinnen zur Königin geben zu können.
Aus der provinzialpauptstadl
Gießen, den 9. Oktober 1930.
Ein Kuriosum im Fernsprechverkehr.
Zu der Notiz unter obiger lleberschrift in unserer Ausgabe vom 16. September erhalten^ wir, als Antwort auf die Frage jenes Gewährsmannes, ein längeres Schreiben des Gießener Telegraphenamtes, dem zu entnehmen ist, daß die Fernsprechgebühren gemäß der Fernsprechordnung vom 15. Februar 1927 nach der Entfernung zwischen den Vermittlungsstellen der verschiedenen Ortsnetze festgesetzt werden. Die Entfernungen bis zu 25 Kilometer^ werden nach der Luftlinie gemessen, die übrigen Entfernungen werden nach dem T a x o u a d r a t - verfahren berechnet, daS für die Zoneneinteilung im Postpaketverkehr maßgebend ist, mindestens wird jedoch die Fernsprechgebühr für Entfernungen von mehr als 25 Kilometer bis 50 Kilometer einschließlich (70 Ps.s erhoben.
Um den besonderen Verhältnissen in der Umgebung der Großstädte gerecht zu werden, ist — was in dem Schreiben des Telegraphenamts eingehend dargelegt wird — für Ortsnetze mit mehr als 10000 Hauptanschlüssen ein besonderer Maßstab für die Feststellung der Entfernungen vorgesehen, wodurch für die nähere Umgebung der Großstädte eine Ermäßigung der Fernsprechgebühren ein tritt. Für den vorliegenden Fall ergeben diese Bestimmungen, daß bei einer Entfernung von etwas über 25 Kilometer Luftlinie Gießen — Bad-Nauheim die Gebühr 70 Pfennig und bei einer Entfernung von Frankfurt a.M. — Bad-Nauheim die Fernsprechgebühr 40 Pfennig beträgt. Au Grund der oben angedeuteten Vergünstigung für
die Großstädte ergibt sich, daß von den 23 Kilometer Entsernung Frankfurt a. M.—Bad Nauheim 5 Kilometer abgcseyt werden, wodurch die olrede Frankfurt-Bad-Nauheim in eine niedrigere Berechnungszone gegenüber der Strecke Gießen— Bad-Nauheim kommt.
In dem Schreiben wird betont, daß der Unterschied in der Berechnung von dem DerwaltungS- rat der Reichs post als berechtigt anerkannt worden sei.
VolkSbildungStag in Gießen.
Am nächsten Sonntag findet in Gießen auf Anregung der Gesellschaft für Volksbildung. Berlin, und des Goethe-Bundes C-iehen ein Dolksbildungstaa statt. Zu der Tagung werden Vertreter des öffentlichen, wie des freien Volksbildungswescns aus Hessen und Hessen- Nassau erwartet. Zweck der Versammlung ist, so schreibt man uns, die engere Zusammenarbeit dieser Bildungsstellen anzuregen, die durch die Not der Zeit für die Erhaltung unseres Bildungs- und Geisteslebens dringend crsorderlich ist. In diesem Sinne sollen vor allem der Ausbau einer volkstumhaften Bildungspflege, Wirtschaftlichkeit und Planmäßigkeit im Vortragswesen, Ausbau einer leistungsfähigen Vortragstätigkeit auch in kleinen, für unser Geistesleben ebenfalls bedeutsamen Orten, gegenseitige Förderung und Unterstützung der Bildungsarbeit in Angriff genommen werden. Die Tagung wird eine Reihe von Bildungs- fragen zur Behandlung bringen. U. a. wird der bekannte Volksbildner I)r li. c. Johannes T c w s. der langjährige Geschäftsführer der Gesellschaft für Volksbildung, Berlin, einen Vortrag über
Gegenwartsfragen der freien Volksbildungsarbeit" halten. Im Hinblick auf die kulturelle Bedeutung der Tagung wäre zu wünschen, das? die Verhandlungen zu einem den Bestrebungen würdigen Ergebnis führen.
Gießener Wochenmarktprcisc.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Kochbutter von 130 Pfennig an, Butter 160 bis 170, Matte 30 bis 35, Käse (10 Stück) 60 bis 140, Wirsing 8 bis 10 (pro Zentner 4 Mk.), Weißkraut 5 bis 6 (pro Zentner 3 Mk.), Rot- krauit 8 bis 10 (pro Zentner 5 Mk.), gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15 bis 20. Bohnen 15 bis 20, Unterkohlrabi 6 bis 8, Rosenkohl 40 bis 45, Feldsalat 100, Tomaten 15 bis 20, Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 50 bis 70, Schwarzwurzeln 40 bis 60, Kürbis 8 bis 10, Kartoffeln 3,5 bis 4 (pro Zentner 2,50 bis 2,80 Mark), Falläpfel 8 bis 10, Aepfel 20 bis 35. Birnen 15 bis 30, Dörrobst 30 bis 35, Zwetschen 20 bis 25, Nüsse 40 bis 60. Honig 40 bis 50. junge Hähne 100 bis 110, Suppenhühner 100 bis 110 pro Pfund: Tauben 50 bis 70, Eier 14 bis 15, Blumenkohl 30 bis 70, Salat 10 bis 15. Salatgurken 10 bis 30, Endivien 10 bis 15. Oberkohlrabi 6 bis 10. Lauch 5 bis 10. Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 50 pro Stück: Radieschen 10 bis 15 Pfennig pro Bund.
Taten sür Freitag. Itt. Oktober.
Sonnenaufgang 6.13 Uhr, Mondaufgana 18.08 Uhr, Sonnenuntergang 17.20 Uhr, Monduntergang 9.18 Uhr.
1825: der Präsident der südafrikanischen Republik geboten; — 1861: der Nordpolforscher Frilhjos Nansen geboren.
*
•• Von den Kraftpostlinien Gießen — Krofdorf und Gießen — Wiß - m a r. Der in Krofdorf täglich um 12.55 Uhr noch! Gießen abfahrende Wagen, mit dem man an der Haltestelle Krofdorf-Gleiberg der Eisenbahnlinie Lollar—Wetzlar Anschluß zur Bahnfahrt nach
fiel menf men - einBomoii
Roman von Hans Friedrich.
Utheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa
Nachdruck verboten.
1.
DaS Parktor der Villa kreischte in den Angeln. Erdmute Hansen machte ein böses Gesicht, sagte leise zürnend für sich: „Ich habe es Fritz schon hundertmal geheißen, daß ^er einen Tropfen Oel auf die Zapfen geben soll!"
Aber während sie ihr Motorrad ein Stück auf der nachtstillen Parkstrahe hinschob, verflog ihr Unmut so rasch, wie er aufgeloht war. Die Laternen blinzelten müde in die fahle Morgendämmerung. Von einem Turm hallten drei Glockenschläge m die neblige Kühle dieses Iunimorgens. Die Stadt schlief noch.
Erdmute lächelte spitzbübisch.
„Wie ein Dieb in der Nacht stehle ich mich fort. Sie werden Augen machen, wenn ich nicht zum Frühstück erscheine."
Dieser Gedanke belustigte die junge Sportlerin. Dis zur nächsten Straßenecke hatte sie einen srohen Ausdruck um den frischen Mund.
So, jetzt war sie weit genug von Villa Hansen entfernt, um nicht mehr gehört zu werden. Noch ein Griff nach dem wohlgefüllten Rucksack, der auf dem Soziussitz verstaut war. Riemen und Schnallen, alles in Ordnung. Fertig zur Fahrt.
Mechanisch tippte der Finger auf die Schwimmemadel des Vergasers Der Fuß betätigte den Starter.
„Der Motor ist zu kalt.. “ sagte Erdmute wie entschuldigend zu sich selber.
Endlich „tarn“ er. Nun schnell in den Sattel. Gas. Ab.
* » *
Fünf Stunden später gab es in der Villa des Dresdener Motoren-Jndustriellen Peter Hansen eine kleine Palastrevolution. Tüe Tochter deS Hauses war nicht zu finden, weder in ihrem Zimmer noch irgendwo im Park.
»Fritz, sehen Sie mal in der Garage nach!" befahl der Senior ohne besondere Aufregung. Er war der einzige, der den Lauf der Ereignisse ahnte.
Der Diener lief hinab in den Autoschuppen.
Frau Irma, die zweite Gattin Hansens, die am Morgen durch die Aufregung in ihrer Toilette gestört worden war und noch nicht so vortellhaft aussah, wie an späteren Stunden des Tages, rang die Hände.
„Sie wird doch nicht ohne Genehmigung — —" rief sie in ihrem hohen Diskant, ohne vor Aufregung den Satz zu Ende xu können.
Da kam schon Fritz zurück, meldete: „Die Garage war offen. Der Wagen ist noch da, aber das Rad des gnädigen Fräuleins fehlt —"
„Na ja", lachte Hansen. „Da haben wir's: Erdmute hat sich selbständig gemacht. Lassen wir ihr das Vergnügen."
Zu gleicher Zeit tauchte die Zofe Frau Irmas auf der Schwelle auf. Sie hielt einen Brief in der Hand.
„Er lag auf dem Schreibtisch des gnädigen Fräuleins."
Hansen las den knappen Inhalt vor: „Liebe Eltern!
Wenn Ihr diese Zeilen findet, bin ich schon ein tüchtiges Stück fort. Bitte nehmt mir meine Eigenmächtigkeit nicht übel. Ich bin nun zweiundzwanzig und sehne mich nach Selbständigkeit. Mami wird sich auch ohne mich in Swinemünde gut amüsieren. Ihr wißt, mir liegt das Meer nicht. Das hat auch Professor Steinmüllec gesagt, äleber das Ziel meiner Reise bin ich mir selbst noch nicht im klaren. Vielleicht fahre ich ins Riesengebirge. Auf jeden Fall werde ich von mir hören lassen.
Geld habe ich vorläufig genug. Der Erlös aus den beiden Stilleben hilft mir die ersten Tage meinen Lebensunterhalt bestreiten.
Also bangt Euch nicht um mich und verzeiht Eurer eigenwilligen
Erdmute."
Hansen nickte bedächtig mit dem leicht angegrauten Kopse. „Sie schreibt vom Riesengebirge — wir können also sicher sein, daß sie in die Alpen fährt."
Frau Irma spielte die Entrüstete.
„Unverschämtheit von dem Mädel, mir das Bauprojekt zu verderben!"
Sie sah alle ihre Felle davonschwimmen, -weit diesem „Bauprojekt" hatte es seine besondere Bewandtnis. WeUr Peter Hansen noch Erdmute wußten darum.
Diese Eigenmächtigkeit Urner Tochter ist unerhört! Natürlich darf sie sich alles erlauben, weil sie ganz genau weiß, daß du jeden Blödsinn sanktionierst." Dabei stampfte sie wütend mit Um blauseidenen, hochhackigen Morgenschuh auf, wie ein ungezogenes Kind, das feinen Willen durchzusetzen versucht. , . ,
Der Hausherr lachte beschwichtigend. Er nahm die Angelegenheit auf die leichte Schults.
Irmel, auf Ehre. — Du wirst auch ohne den Magnet Mute auf deine Kosten kommen!" Und dazu zwinkerte er so beredt und Infam mit den Augen, daß seine Frau wie ein beleidigter Pfau aus Um Zimmer rauschte.
Hansen lieh sich seine gute Laune nicht verderben. Er kannte den weiblichen Teil ferner ^Äe^kommen beide zurück zu den Fleischtöpfen Aegyptens". Uhauptete er, am Frühstückstisch
Platz nehmend. Und Ur feine Spott um seinen Mund hielt noch lange an.
Erdmute — ja, das war Geist und Fleisch von ihm! Sie ließ sich nicht auf die Dauer ans Haus fesseln. Und im übrigen war Verlaß auf das MäUl. Mute kam auch ohne den Schuh ihrer Usorgten Stiefmama durch die Welt. Notfalls brauchte sie die Fäuste.
Junge Menschen sind wie flügge Adler, die die Schwingen zum Flug in die Ferne rühren.
* . *
Als der graue Sportwagen Peter Hansen der Fabrik entführt hatte, entfaltete Frau Irma eine erhöhte Tätigkeit. Sie hatte inzwischen ihre Toilette UcnUt und sah sich befriedigt im Spiegel: Das wuschelige, hellblonde Haar, das Ur geschickteste Fräseur nie völlig zu bändigen vermochte, und das immer ein wenig wild um das weih gepuderte Gesicht IrmaS stand, die hellblauen, durch Atropin glänzend und grohpupillig gemachten Augen und Ur nachgezogene, brennend rote Mund waren wie heimliche Kuppler aufeinander abgestimmt, schufen gemeinsam eine verführerische Note.
Aus Ur Marmorplatte Us Frisiertisches standen offene Büchsen, Tuben und Flakons in wirrem Durcheinander. Ein Duftgemisch von teurem Parfüm hing wie eine unsichtbare Wolke unter Ur Decke dieses kosigen, Ur Schönheit gewidmeten Gemaches.
„Soll ich ihn anrufen oder persönlich zu ihm fahren?" fragte Irma ihr Spiegelbild, das die Dreihigjährige um mindestens fünf Iahre jünger zeigte.
Sie entschied sich sür's Telephon. Der Zeige- finger betätigte schon die Zahlen Us Selbst- onschluhapparates. Halb auf Ur Lehne eines Ukorativen Sessels sitzend, hielt Frau Irma Un Hörer an das Ohr. Endlich meldete sich Ur Angerufene.
„Guten Morgen, Doktor!"
Im Mikrophon war die klangvolle, schwach nasale Stimme Dr. Kriegers, Us jungen Frauenarztes, hörbar.
Irmas Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an. _ ~
„Ach, hören Sie, lieber Doktor: Die Reise nach SwinemünU muh um einige Tage verschoben werden! Erdmute ist ohne meine Einwilligung ins Riefengebirge gefahren. Zu Studienzwecken. Aber ich werU sie zurückrufen, sobald ich —
Dr. Krieger unterbrach sie.
„Nein, das Ziel kenne ich leiUr nicht. Das Kind ist manchmal so eigensinnig." Und mit weicher, fast herzlicher Stimme: „Mute braucht eine feste Hand ... Aber die haben Sie doch--
ja, ja, ich weih ..." „ _ ,
Und wieder nach einer Pause: „Gewiß, lleber Doktor, Sie haben nun schon disponiert und fahren voraus Verlaffen Sie fich darauf Ich
hole Mute zurück und dann kommen wir sofort nach!" Ihr Lächeln vertiefte sich: „Man mutz als Mutter immer ein wenig nachhelfen bei diesen modernen störrischen Mädels ..."
Dann wurde die Verbindung plötzlich Dom Amt getrennt. Irma Hansen sah noch ein Weil^ chen lauschend und legte dann auf. Sie hatte während des Gespräches dauernd mit ihrem! Spiegelbild kokettiert. Auf diese Art erlangte die Erfahrene im Laufe Ur Zeit eine wichtige Kontrolle über ihr Mienenspiel.
Als sie mit einem kleinen, graziösen Sprung vom Sessel glitt, lachte sie in sich hinein: „Ich werde Mute zu dieser Heirat mit Dr. Krieges zwingen. Er ist ein scharmanter Mensch, und ich könnte mir keinen besseren Schwiegersohn» wünschen ..."
Dabei dachte sie seltsamerweise mehr an sich, als an ihre Stieftochter. Sie stellte es sich ft> prickelnd reizvoll vor. ihren besten Freund als Schwiegersohn zu bekommen ... Dr. Kriegeo bewarb sich schon seit einigen Wochen um die Gunst Erdmute Hansens. Wenn es bisher nicht zu einer Verlobung kam. so trug daran nur daS widerspenstige MäUl die Schuld, Us einem unbestimmten Phantom von „Freiheit" und „künstlerischen Idealen" nachjagte. AUr in Swinemünde sollte die Angelegenheit perf'kt werden. Dafür wollte die hübsche Heine Frau Hansen schon sorgen!
2.
Wenn der Wagen im hemmungslosen Vorwärtsstürmen die Bergstraßen wie BänUr auf* spulte, wenn er durch betriebsame Städte untz verschlafene Dörfer rollte, wenn die sommerbunte Landschaft in immer neuen Bildern sich bot. hätte Heinz ®utenberg auf schreien mögen vor Freude.
Dieses herrliche, unerschöpfliche Leben!
Wie ein geschliffener Edelstein in vielfarbigem Feuer erstrahlt, wie man ihn auch wenden mag, so bietet sich das Leben Denen, die Augen haben, zu sehen Nicht die toten, miUn Augen US Stadtmenschen, des hinter Schraubstock und Pult abgestumpften Arbeitstieres. sonUrn die ewig hungrigen suchenden Augen Us Naturfreundes, der U weiß, daß es eine GnaU ist, was et schauen und in sich hineinsaugen darf.
..Bei Gott Herr Doktor, das war aber höchste Zeit, daß ich dem Trott des Alltags entrinnen durfte!" Wie ein Stöhnen entrang es sich Um Munde Us jungen Blonden, in dessen etwas farblosem Gesicht die graublauen Augen ein Leben für sich führten.
Der ältere Infasse Us großen ReisewagenS lächelte gutmütig und verstehend. In Un kaum merklich vibrierenden Rhythmus Us Motors hinein sagte er wie abgehackt, fast unmotiviert; „Wird iwch besser ..."
(Fortsetzung folgt)


