Poeten für pn'vatgebrauch.
Wie „Gelegenheiisdichter^ leben. — Jteime am laufenden Band. — Wie Bierzeitungen und Hochzeitscannina entstehen.
Von Ada Klein.
Ansere Mitarbeiterin hat eine Anzahl sogenannter Gelegenheitsdichter besucht, um einmal festzustellen, auf welcher Grundlage dieses verbreitete und dennoch ziemlich unbekannte Ge- werbe ruht.
Familienfeste sind unvermeidlich wie Gewitter, oder, um es liebenswürdiger zu sagen, wie der liebe Sonnenschein, den sie in das trübe Grau des Alltags bringen sollen. Wirklich beglückend ist die Hochzeit, die Taufe, die silberne Hochzeit nur, zur rechten Glanzentfaltung kommen die Feste erst, wenn der feierliche Anlas; besungen, in gereimter Rede würdig dargestellt wird. Run gibt es aber Familien, in denen niemand die Gunst der dichtenden Muhe genießt. Retter in der Rot sind in solchen Fällen die berufsmäßigen Festdichter. Wer aus einer begnadeten Familie stammt und daher noch nie in die Lage kam, sich vertrauensvoll an einen solchen Poeten wenden zu niüsien, stellt sich unter einem Gelegenheitsdichter gewöhnlich ein altes, dürres Männlein vor. wie Spihweg sie gemalt hat, mit dünnen, aber wallenden Haaren, schwärmerischer Seele, ständig knurrendem Magen und einem vertrockneten Lorbeerlranz an der kaltenWand seiner dürftigen Dachkammer. Dies rührend romantische Bild entspricht jedoch selten der Wirklichkeit. Es mag wohl einzelne Gestalten ähnlicher Art geben, aber gewöhnlich sehen sie ganz anders aus. .Festdichtungen, Hochzeitszeitungen usw. erstklassig, originell, witzig", oder „Sketches, Trinksprüche, Couplets (nach neuesten Schlagern!) verfaßt bestens, billigst, schnellstens ..liest man im Inseratenteil. Schon der Wortlaut der Anzeige beweist, daß man es hier nicht mit weltfremden Leuten zu tun hat, sondern mit Menschen, die den Forderungen des Tages durchaus gewachsen sind.
Wer sind diese Gelegenheitsdichter, wie kamen sie zu ihrem immerhin etwas merkwürdigen Beruf, wie arbeiten sie?WerAntwort auf diese Frage sucht, macht zuerst die überraschende Entdeckung, daß min- bestens die Hälfte aller Festpoeten weiblichen Geschlechts ist, von der alten, einsamen pensionierten Lehrerin, die mit Hilfe einer genauen Kenntnis sämtlicher in deutschen Lehrbüchern enthaltenen Reime die Rot ihres kümmerlichen Daseins ein bißchen zu lindern hofft, bis zur lebensfrohen, tatfrischen Frau des zwanzigsten Jahrhunderts, die sich dank ihres angeborenen hübschen Talentes eine angenehme Existenz aufgebaut hat. Als Beispiel für den Werdegang dieser Kategorie sei hier in kurzen Zügen die Entwicklung einer bekannten Berliner Gelegenheitsdichterin wiedergegeben. Schon als junges Mädchen schrieb sie mit Eifer und Wonne kleine Theaterstückchen, Gedichte, Märchen, aber immer nur für „den Hausgebrauch", nahm Musik- und Rezitationsunterricht, war auch etwas journalistisch tätig. Dann kam der Krieg, die Inflationszeit. Das Vermögen ging verloren. Die verwöhnte Frau sah sich plötzlich genötigt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und was sie bisher nur „zum Vergnügen" oder „aus Gefälligkeit" getan, wurde nun beruflich mit Fleiß und Energie fortgesetzt. Der Erfolg blieb nicht aus. Einer empfahl sie dem anderen, und die Mitglieder des Schützenvereins waren ebenso entzückt von den Festliedern wie der Generaldirektor von der Jubi- läumsaufführung. Die Dichterin erzählt heute nicht ohne Stolz, daß sie seit Jahren auf einen treuen Kreis von ständigen Auftraggebern rechnen kann, her sich über das ganze Reich und alle Gesellschaftsschichten erstreckt, von der Großindustrie bis zur Unterwelt, aus der übrigens eine, besonders sympathische Kundschaft kommen soll.
DerWerdegang der gelegenheilsdichtenden Männer ist natürlich in der Regel ein etwas anderer. Fast
alle hegten in ihrer Jugend kühne Träume von Dichterruhm und großen Ehren, kamen aber bei zunehmender Reife zu der Einsicht, daß man mit der „hohen, reinen Kunst" viel schwerer auf einen grünen Zweig gelangt als mit der „schlichten Gebrauchs- tunst". Denn ein kleines Publikum ist nicht nur dankbarer. sondern meistens auch zahlungsfähiger als das große. Freilich muß man auch hierbei Glück haben, um vom Versemachen allein leben zu können, weshalb viele Festpoeten „nebenbei" noch einen bürgerlichen Beruf haben und ihren Pegasus nur in den Mußestunden reiten. Andere wieder, die am Anfang ihrer Laufbahn „richtige" Erfolge in der Öffentlichkeit hatten, dann aber durch unglückliche Zufälle - oder aus Mangel an glücklichen - immer wieder zurückgedrängt wurden, entschloffen sich nur unter dem Zwange der Rot. ihr zu Befferem bestimmtes Talent in den Dienst der Gelegenheitsdichtung zu stellen. Da lebt z. B. im Westen Berlins ein Mann. Verfasser amüsantester, geistvoller Lustspiele und Parodien, der um die Jahrhundertwende ein ausgezeichnetes Kabarett leitete,in der damaligen Berliner Literatur« und Theaterwelt bekannt und anerkannt war, später jedoch, durch besondere Ungunst des Schicksals den Kontakt mit der Öffentlichkeit verlor. Wer diesen Schriftsteller in seinem Heim besucht, die mehrere tausend Bände starke Bibliothek sieht, ein kleines Heine-Museum bewundert (der Betreffende ist einer der besten Heinekenner), und im Lause der anregenden Unterhaltung mit dem Hausherrn einen leichten Begriff von dessen ungewöhnlich umfassenden Wissen und geradezu verblüffendem Gedächtnis bekommt, der bedauert aufrichtig, daß hier ein überlegenes Können keine Gelegenheit findet, fich an würdigeren Aufgaben zu betätigen. Solche Erscheinungen bilden selbstverständlich Ausnahmen, und die Festpoeten dieses Riveaus befassen sich im allgemeinen nicht mit den üblichen „Hochzeits-, Eisbein- und sonstigen Zeitungen". Ihr Publikum rekrutiert sich fast ausschließlich aus den oberen Zehntausend - die allerdings keine Zehntausend mehr sind. Ein weites Tätigkeitsfeld, häufig auch ein recht interessantes, und zugleich eine gute Einnahmequelle bietet übrigens heutzutage die Reklame.
Eines ist allen Gelegenheitsdichtern gemein: sie arbeiten mit beneidenswerter Begeisterung, ja, wie mir einer sagte, manchmal geradezu mit Besessenheit, ganz gleich, ob sie als geschickte Handwerker für ein Durchschnittshonorar von ungefähr zehn Pfennig für die Zeile ein einmal ausgearbeitetes Schema dem jeweiligen Fall anpassen - etwa so: „Darum sei heute die Devise: Hoch lebe unsere Tante Lise!" oder: „Darum sei heute unser Motto: Hoch lebe unser Onkel Otto!" - oder ob sie, von schöpferischem Drang getrieben, immer wieder Reues produzieren- und dem Preis nach dem künstlerischen Wert bemessen. Ratürlich haben viele dieser im wahrsten Sinne volkstümlichen Poeten ihre Spezialität, in der sie sich auszeichnen, und der biedere Bierdichter greift sein Thema anders an als die zarter besaitete Kollegin. Doch muh jeder von ihnen, will er auch nur einem einigermaßen ausgedehnten Kreis von Kunden genügen, erstaunlich vielseitig sein. Außer der selbstverständlichen Begabung, Reime aus dem Ärmel zu schütteln und gewandt aneinanderzusügen, außer der Beherrschung aller Stilarten und Bers- formen, braucht er eine gute Portion Witz, Phantasie und Einfühlungsvermögen und eine wenigstens oberflächliche Kenntnis sämtlicher Gebiete der Wissenschaft, der Industrie, der Wirtschaft, des Sports. Denn mag der Jubilar nun Maschineningenieur oder Bäk- kermeister sein, der Bräutigam Psychoanalytiker oder Berufsboxer - der Festdichter muh alle Angaben,
alle Anspielungen verstehen und sie klar und sicher verarbeiten.
Roch etwas ist von größter Wichtigkeit, ja, eine Hauptbedingung, nämlich eine ausgesprochene Musikalität. Das Publikum verlangt von seinem „Hos- poeten", daß er jede gewünschte Melodie kenne, vom ältesten Volks- und Studentenlied bis zum neuesten Operettenschlager, und daß er befähigt sei, seinen Text mit geübten Ohr dem Rhythmus und Klang des betreffenden Tonstücks anzupassen. Endlich muh sich der Festdichter oft als Lehrmeister, Regisseur und Dortragskünstler betätigen, seine Stücke einstudieren und zuweilen selber eigene Werke rezitieren. Kurz, er hat eigentlich ungefähr ein halbes Dutzend Berufe in sich zu vereinigen.
Mit alledem soll nicht behauptet werden, daß ein Gelegenheitsdichter ein großer Künstler oder gar ein Genie sein müsse, auch dann nicht, wenn er von heut auf morgen die schwungvollste, längste und mit treffenden Espritblitzen nur so gespickte Festrede in tadellosen Hexametern heroorzaubert.Wer sich zwanzig, dreißig Jahre mit solchen Dingen befaßt, bekommt schließlich.Übung. Im übrigen gibt es hier wie überall Könner und Pfuscher. Besser als die gelungenste bestellte Dichtung bleibt aber stets das „hausgemachte" Erzeugnis. Darum dichte jeder Familienpoet ruhig weiter, selbstgemachte Verse sind die „persönlichsten" Geschenke, auch die billigsten, und sie nehmen so herrlich wenig Platz in der Wohnung weg.
Oer Sternhimmel im September.
Sonnenaufgang von 5.10 bis 6 Uhr. Sonnenuntergang von 18.50 bis 17.40 Uhr. Lichtgestalten des Mondes: Vollmond am 8. um 10 Uhr, letztes Viertel am 15. um 22 Uhr, erstes Viertel am 29. um 16 Uhr.
rnfi. In diesem Monat verschiebt sich sowohl der Sonnenaufgang als auch der Sonnenuntergang um etwa eine Stunde, denn die Sonne
eilt nun rüit Macht der südlichen Himmelshälfte zu, deren Grenze sie am 23. kurz nach 19V$ Uhr erreicht: damit erhält der Herbst ein sozusagen vom Kalendermacher umschriebenes Recht, seinen Einzug ins Land zu halten. Am Sternhimmel macht sich die Verschiebung dadurch bemerkbar, daß im Osten zwar allmählich immer neue Sterne heraufkommen, im Westen aber die alten wegen des früheren Eintritts der Dunkelheit nur langsam verschwinden. Hoch am Himmel erblicken wir das Himmelsquadrat, das aus drei Pegasussternen und einem Andromedastern besteht, und darunter das langgezogene Sternbild der Fische, in dem der Frühlingspunkt liegt. Das an sich unscheinbare, dem Scheitelpunkt nahe Sternbild des Kepheus zwischen Schwan und Cassiopeia hat dadurch eine große Bedeutung erlangt, daß nach einem seiner Sterne eine gewisse Gruppe von veränderlichen Sternen den Ramen „Kepheiden" erhalten hat, und daß diese Sterne eine immer größere Rolle in der heutigen Sternkunde spielen.
Von den Wandelsternen wäre zunächst die Venus zu erwähnen, die am 13. ihren größten
Abstand von der Sonne hat, aber trotzdem nur eine knappe halbe Stunde zu sehen ist, weil zwischen der Sonne und ihr der Tierkreis ganz besonders steil abfällt, so daß die Venus schon in sehr winterliche Gegenden hineinkommt. Dem Saturn hingegen kommt der frühere Eintritt der Dunkelheit ganz besonders zaststten, denn die Dauer seiner Sichtbarkeit nimmt nur um etwa
Sterne: Der die 24 Stundenzahlen von Mitter-
Kleine Buch- nachi bis Mitternacht eines Tages enthaltende Kreis und die dick punktiert« Linie, der sogenannte Horizont, sind feststehend zu denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden - geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zei- ger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt. Der eingezeichnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sichtbaren Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Monatsmitte. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtungssturule zeigt; dadurch werden die zu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tage vor der Monatsmitte ist der,gerade Pfeil 1/j Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monatsmitte Vs Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er die angedeutete Lichtgestalt zeigt.
dreiviertel Stunden ab. Der Mars und der Jupiter stehen ziemlich dicht beieinander im Sternbild der Zwillinge. Sie gehen zu Beginn des Monats um Mitternacht auf, und zwar der Mars etwas früher, der Jupiter etwas später: im Laufe des Monats kommen sie immer zeitiger zum Vorschein. K ü st e r m a n n.
Reiche Beute von v-Zugdieben.
WER. Frankfurt a. M., 8. Sept. Vor einigen Tagen wurde im v - Z u g auf der Fahrt von Holland nach Frankfurt der britisch- indische Staatssekretär Alfred Tamgoe von Dieben schwer bestohlen. Den Dieven fielen mehrere Koffer in die Hände, in denen sich neun kostbare indische Frauenkleider in Silber- und Goldarbeit, acht bis zehn Seiden- jumper, zahlreiche Goldketten mit Diamanten und Saphiren, Broschen, Goldringe, Rubinhalsketten, Perlenhandschuhe, Platinketten, Kleider und Wäsche im Werte von mehr als 15 000 Mark befanden. Die Rachforschungen nach den Dieben unb dem gestohlenen Gut waren erfolglos.
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Helene Chlodwigs
Schuld und Sühne.
Vornan von Z. Schneider-Foerstl.
Urheber-Rechtschuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er willfahrte ihr und warf ein schwarzes Tuch über das grinsende Knochengesicht. „Richts ist so harmlos, als solch ein fleischloses Haupt", suchte er ihr Grauen abzuschwächen. „Laß dir jetzt behilflich sein, mein Liebes." Er nahm ihr Mantel und Hut ab und hing es an den Haken der Türe. „Setz dich hier in den Stuhl — nein, in diesen hier, bitte. Und habe keine Angst, mein armer Vogel, es geschieht dir nichts. Es sind doch meine Hände, Kind, denen du dich anvertraust."
Sie schloß die Augen und ließ sich, ohne Widerstand zu leisten, in den Sessel drücken. Als sie die Lider wieder hob, sah sie ihn in ebnem weißen Kittel vor einer Lampe stehen, deren Reflektor S'lweihes Licht in den Raum warf. Er rollte
Apparat etwas näher heran und tauchte seinen Llick in den ihren. „Bitte, Helene."
Sie legte den Kopf zurück und fühlte, wie ein le'.cher Schwindel ihr ganzes Bewußtsein in grauweiße Rebel hüllte. Aufblickend, verschwamm seine schlanke Gestalt vor ihr, zerfloß, verdichtete sich dann zu ungeheuren Dimensionen, und schien auf sie niederzufallen. „Richt!" — Sie stieß seine Hand zurück, schnellte auf und glitt wieder auf den Stuhl.
„Helene!" —
„Laß mich doch! Es ist ja alles" — Lüge wollte sie sagen — und stammelte nur undeutlich: „Alles umsonst, Just!"
Er war ganz Güte, ganz Rachsicht und Geduld, und schob seine Hand behutsam unter ihr strenggeformtes Kinn. „Ich habe schon Kinder von drei Jahren hier sitzen gehabt, sie haben alle stillgehalten. Wenn du vernünftig bist, ist es in wenigen Minuten zu Ende."
Willenlos lieh sie sich den Kopf zurückdrücken, fühlte unter den geschlossenen Lidern ein grelles Licht, das sich in ihren Mund hineinbohrte und ergab sich in das Unabänderliche.
Frankes knabenhaft herzliches Lachen zwang sie, die Augen zu öffnen. „Eine ganz minimale Anschwellung des Rachens, mit einer ebenso Ich minimalen Rötung der Bänder des Kehlkopfes." Dann wurde er plötzlich sehr ernst. „Um dieser Bagatelle willen hättest du dein Leben hingeworfen, Helene!"
Ihre Lider fielen wieder herab. „Um dieser Bagatelle willen!"
Ein krampfhaftes Weinen machte ihren Körper erschüttern.
* * *
Die Geheimrätin stand erstarrt. Endlich, als der erste große Sturm der Erregung abzuflauen begann, fand sie Worte: „Just, das kann doch nicht dein Ernst fein! Ich bitte dich um alles, Just! — Seit wann stehst du denn in Beziehungen zu ihr?"
„Seit Wochen schon, liebe Mama."
„Als Vater noch lebte?"
„Ja! Damals schon!"
„Wo, um Gottes willen, hast du sie denn kennengelernt?"
„Als ich seinerzeit ins Gebirge reiste." Franke sah abwesenden Blickes im Lehnstuhle des Erkers und starrte auf die Straße, deren wirre Geräusche durch die geschlossenen Scheiben in gedämpftem Tone heraufklangen.
Zwischenhinein jammerte die Stimme der Ge- heimrätin: „Wenn ich doch mit Papa gestorben wäre! Wenn ich doch schon vor ihm die Augen zugetan hätte! Wenn ich —“
„Mama, ich gehe jetzt", unterbrach er sie und hob sich vom Stuhle auf. „Wenn du dich etwas beruhigt hast, spreche ich wieder vor. Heute ist es doch unmöglich, mit dir über all das zu reden, was zwischen uns gesagt werden muß."
„Rein, nein, Just, bleib bitte!" Sie hielt ihn am Aermel zurück und weinte haltlos vor sich hin. „Bleib doch! Du kannst es mir ja nicht verdenken, wenn ich für den Augenblick nicht ein und aus weiß! Wenn ich alles, was ich für dich und mich zusammen geträumt hatte, auf einmal über den Haufen geworfen sehe — durch — durch —“
„Sprich es nur aus, Mama — durch meine Heirat mit Helene Chlodwig."
Sie rang nach Beherrschung und stellte sich vor die Türe, als fürchte sie, er möchte ihr entschlüpfen, ehe sie fertig gesprochen hatte. „Was wird diese Frau dir alles bringen, Just!"
„Ich hoffe alles Glück der Erde, liebe Mutter!"
„Das hoffst du? Ja?"
Sie hatte zu weinen aufgehört und suchte ihrer Stimme Ueberzeugung und Festigkeit zu geben. „Es wird anders kommen! Ganz anders! Rach dem ersten großen Rausche deiner Leidenschaft wirst du von ihr ernüchtert fein.“
„Ich bitte dich, Mama, du vergißt dich", warnte er abweisend.
„Ich vergesse mich nicht, mein Sohn! Ich vergesse mich nicht!" rief sie erregt. „Eine Arztfrau, die von der Bühne kommt! Sie wird tanzen und fingen. Gesellschaften geben und das Haus voll Gäste haben wollen. Du mußt ihr den Schrank voll Kleider schaffen. Drei Dienstboten werden euer Hauswesen nicht in Ordnung
zu halten vermögen. Das Geld wird ihr unter den Fingern zerrinnen."
„Mama, erlaube, daß ich mich jetzt wirllich verabschiede. Dies Zukunftsbild, das du mir da entrollst, ist zu trostlos."
Sie gab ihm den Weg zur Türe nicht frei. So muhte er sich mit Aufbietung all seiner Beherrschung wieder in den Stuhl am Erker setzen und hören, was sie ihm noch zu sagen hatte.
Er lehnte den Kops gegen die hohe Rücken- polsterung und lieh ihre Worte an sich vorüberrauschen, glaubte Helenes Gesicht über sich geneigt zu sehen und schloß die Augen.
Wenn die Geliebte das mit anhören müßte, was die Mama eben gegen sie vorbrachte. — Das beste war, er gab den Plan des Zusammenlebens mit der Mutter auf. Obwohl er es gern gesehen hätte, daß sie zu ihm zog. Aber so, wie sie zu Helene stand, würde das eine ununterbrochene Kette von Reibungen und ein ständiger Herd von ünruhe sein. Das mußte unter allen Umständen vermieden werden.
Er gab sich einen Ruck und suchte das Unbehagen, welches mehr einer unbestimmten Angst glich, von sich abzurütteln. „Würdest du im Falle meiner baldigen Verheiratung zu uns übersiedeln, Mama?"
„Rie!" — Es kam so schroff und unversöhnlich, daß er nichts zu entgegnen vermochte.
Die Schultern nach vorne geneigt, sah er nach dem Muster des Teppichs, das ineinanderverschlungene Arabesken trug. „Erlaubst du auch nicht, daß ich dir meine Frau ins Haus bringe?" sagte er ohne aufzublicken.
„Das bleibt dir unbenommen, Just. Rur bitte ich dich, mir den Tag zu bestimmen. Ich möchte nicht gerade im Schlafrock vor ihr stehen."
„Ich begreife, Mama! — Ist es dir morgen angenehm?"
„Margen habe ich mir borgenommeir den Schreibtisch meines armen Mannes zu ordnen."
Daß sie „meines Mannes" und nicht wie sonst „des Vaters" sagte, war bezeichnend. Eine leichte Röte färbte ihm die Stirne. „Dann Samstag."
„Am Samstag — du weiht, Just, es gibt gerade am Wochenende soviel zu tun.“
„Ist dir der Sonntag recht?"
Sie zögerte einen Moment, sah den Blick ihres Einzigen kühl und ablehnend werden und ftimmte zu. „Aber nicht vor zwölf Uhr, Just. Zuvor will ich in die Kirche! Dann will ich noch mit Ruhe essen — wenn ich etwas im Magen habe, bin ich gefaßter."
Er unterdrückte ein Lächeln und fühlte etwas wie Mitleid. War es denn schließlich verwunderlich, wenn man jemand, der dreißig Jahre lang unser ausschließliches Eigentum gewesen ist, nur ungern einem anderen überlieh? Und wäre dieser
andere ein Engel in Person, es bliebe eben doch ein Raub, den man an dem Herzen der Mutter beging, wenn man die Liebe des Sohnes, die vorher einzig und allein auf sie beschränkt war, zersplitterte.
Unter dieser Erwägung wurde ihm eigentümlich weich ums Herz, so daß er aufstand und zu ihr hinüberging. „Bin ich denn nicht mehr dein alter Junge, Mama?"
Statt einer Antwort warf sie beide Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht gegen seine Schulter. „Wenn sie dich enttäuscht — wenn du genug hast von ihr oder umgekehrt — bei1 mir wirst du immer eine Zuflucht finden und wäre es auch nur, um dich an meinem Herzen auszuweinen."
„Wie schlimm du dir alles denkst", tröstete er, von ihrer Sorge um ihn gerührt. „Du wirft sehen, Helene entwaffnet dich! Alles an ihr ist frauenhaft zart und ohne Falsch."
„Die Schatten fallen immer erst nach der Hochzeit über den Weg, mein Just. Vorher liegt er wie ein einziges, goldenes Band, das eitel Sonne spiegelt."
Er bestritt es nicht und dachte, daß es nur natürlich wäre, wenn, ab und zu eine Wolke über den Himmel seines Glückes sich ziehen würde. 3n welcher Ehe gab es das nicht? Kämpfe hatte er immer geliebt! In Stürmen immer noch feine höchste Kraft erprobt. Er dehnte die Arme, zog die Mutter an sich und küßte sie knabenhaft zärtlich und doch ganz anders, als er es früher getan hatte.
Sie fühlte den Druck seiner Lippen und hielt zitternd still. Aller Groll war in dieser Minute vergessen, nichts als ein einzig heißer Wunsch des Segens für den Sohn flieg aus dem Frauenherzen zum Himmel.
Als er schon längst gegangen war, sann sie noch immer und suchte sich auf sich selbst zu besinnen. Für sie war der Mann von dreißig! Jahren immer noch das Kind von damals, der blondlockige Junge, dessen ganzes Herz ihr, der Mutter, gehörte, und nun sollte das nimmer so sein. Das fremde Weib halte ihn zu fich hinübergezogen, ohne zu fragen, ob es ihr recht sei, hatte einfach Besitz von ihm ergriffen und würde ihn halten, bis ihrer beider Leben sich zu Ende neigte.
Sie taumelte über den Teppich und fiel in den Stuhl am Fenster, hörte ein Singen und Surren und verspürte ein beängstigendes Schwächegefühl. Das ganze Zimmer fing plötzlich an zu tanzen. Die Tapeten! Die Lampe, die über dem großen Eßtisch hing! Die Bilder in den schwarzen Rahmen bewegten sich hin und her, wie das Pendel eines unermüdlichen Llhrwerkes.
(Fortsetzung folgt.)
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