Die gefiederte Schlange.
Roman von Edgar Wallace.
21 Fortsetzung Uiad)bni(f verboten
Während des Llrnkleiöens plauderte Ella dauernd weiter.
.Wir werden nach der Vorstellung zu dem Rapee-Klub gehen — Sie find doch im Abendkleid, meine Liebe, nicht wahr? Ich bin froh — ich hätte es Ihnen sagen sollen — wie dumm von mir!... Sie kennen Peter Dewin? Er war letzte Rächt hier — ein hübscher Junge! Aber so zynisch, ich hasse zynische Menschen — Sie auch, meine Liebe? Eie sehen nichts Schönes im Leben, mit Ausnahme ihrer eigenen verrückten Ideen!"
Fast die ganze Zeit über sah Ella vor dem Spiegel, betupfte ihr Gesicht hier und dort und starrte wie gebannt auf ihr eigenes Bild. Daphne hörte und beobachtete. Sie überlegte, warum sie wohl eingcladen worden war, und waö die Ursache dieser überschwenglichen Begrüßung sein könnte. Sie glaubte eben die Lösung gefunden zu haben, als Ella wieder auf Peter zu sprechen kam.
> „Er ist ein hübscher Iunge — Sie kennen ihn sehr gut, nicht wahr? Aber er stellt einem so gern ein Dein, wenn ich diesen vulgären Ausdruck gebrauchen darf. Wissen Sie, dieser schreckliche Zunge hat einen Schlüssel von mir und gibt ihn mir einfach nicht heraus — erzählt mir eine Geschichte von einem Einbrecher, der ihn gestohlen haben soll. Ich weih doch, daß er überhaupt nicht in seiner Rocktasche steckte. Erinnern Sie sich, meine Liebe — ein Schlüssel, den der arme Mr. Farmer mit sich trug. Dillh — Mr. Crewe — gab ihn aus Versehen Ihnen."
Eie erwähnte es nur nebenbei, aber Daphne ahnte jetzt, warum sie mit solcher Freigebigkeit cingeladen wurde. Sie wußte, daß sie mit Peter bekannt war, und bildete sich ein, doh diese Dekanntschaft etwas tiefer als gewöhnlich sei. Sie sollte Peter Dewin überreden, den Schlüssel herauszugeben. Sie amüsierte sich im stillen darüber.
Ella war fertig und führte sie durch ein Labyrinth von Gängen zu einem hohen Raum, in den viele Kulissen hineinragten. So sah also die Szene von rückwärts aus! Aus der Rahe kam der Ton von Geigen, und Ella drängte sie durch einen Wald von Pfosten und Versatzstücken zu dem Pult des Regisseurs, von wo aus man die Vorgänge auf der Dühne aus nächster Rahe verfolgen konnte. Der Regisseur stellte einen Stuhl für Daphne zurecht. Die Vorstellung bezauberte sie. So vergingen fast zwei Stunden.
Als die Statistinnen die hellerlcuchtete Bühne verliehen, lag ein Lächeln auf ihren geschminkten Gelichtern, und sie sahen so aus, als ob sie unendlich lange weitertanzen konnten. Aber hinter den Kulissen liehen sie die Maske fallen, und Daphne sah, daß sie vollständig erschöpft waren und sich von den Ankleidefrauen betreuen lassen mußten. Sie hörte ein trauriges, deprimierendes Gespräch zwischen Schauspielern mit an, welche pekuniären Vorteile die Verbrennung vor der Beerdigung voraus hätte. Einige Sekunden später
dröhnte daS ganze Haus wider von 6cni Gelachter, das ihre Späße und Grimassen hervorriefen.
Mit einem Seufzer des Bedauerns sah sie den Vorhang zum letztenmal fallen und ging in den Ankleideraum zurück. Ella legte liebenswürdig und zutraulich den Arm um ihre Schulter. Als sie in die Garderobe eintraten, erschrak Daphne heftig, denn dort sah ein Herr im Frack und rauchte eine Zigarre. Es war Leicester Crewe, der Mann, den sie am wenigsten an diesem Abend zu sehen wünschte.
Die beiden letzten Tage hatten ihn sehr mitgenommen, und er war auffallend gealtert. Säcke zeigten sich unter seinen Augen, und seine Mundwinkel hingen nach unten. Er muhte sich förmlich zu dem Lächeln zwingen, mit dem er seine frühere Sekretärin begrüßte.
.Hallo, Mih Olroyd, haben Sie nun Bekanntschaft mit der Dühne gemacht? Wir werden eines Tages auch Ihren Ramen in Heller Flammenschrift aufleuchten sehen!"
„Kennen Sie meinen Freund? Aber natürlich kennen Eie ihn, meine Frage war jo ganz überflüssig", begann Ella. „Also, bitte, unterhalte Miß Olroyd solange, bis ich mich umgezogen habe. Später kannst du uns dann zum Essen ausführen und die Rechnung bezahlen."
Offenbar sollte dies eine Schmeichelei sein, denn man hörte ein schrilles Gelächter aus der Rische, in der sich Ella umzog.
„Zum Abendessen ausführen?" sagte Crewe. „Sie engagiert mich immer für derartige Dinge."
Mr. Crewes Anwesenheit war nicht zufällig. Ella hatte es so eingerichtet, daß er der Dritte bei dem Abendessen sein sollte, und Daphne war dies um so unangenehmer, als sie sich an die kühlen Pläne erinnerte, die dieser Mann mit ihr vorhotte. Zehn Minuten lang unterhielten sie sich über alle möglichen Nebensächlichkeiten, während Ellas Zofen mit Handtüchern, Coldcreams und anderen Schönheitsmitteln kamen und gingen. Das Gespräch kam wieder auf den Mord.
„Farmers Tod ist ein schwerer Schicksalsschlag für mich", sagte Leicester. „Eine ganze Prozession von Polizeibeamten ist in mein Haus gekommen, und sie haben sich dort direkt häuslich eingerichtet. Rahezu hundert Zeitungsreporter haben mich mit Fragen gequält."
Er betrachtete Daphne von der Seite.
„Es wundert mich eigentlich, daß Ihr Freund mich seit der Mordtat nicht wieder aufgesucht hat — er ist sonst so ein großer Sachverständiger in kriminellen Dingen."
„Welchen Freund meinen Sie?"
Die Frage verblüffte ihn.
„Ich meine natürlich Dewin. Er ist ein guter Mensch, aber ein wenig hitzig, und sehr geneigt, vereilige Schlüsse zu ziehen. Er hat mich in endlose Schwierigkeiten gebracht. Erinnern Sie sich an die Sache mit dem Schlüssel? Ich habe es Ihnen damals nicht gesagt, aber er gehört Ella — Miß Creed — und die hat mich seitdem dauernd daran erinnert!"
Er schaute nachdenklich auf seine Zigarre.
„Ich würde gern ein paar hundert Pfund geben, wenn ich den Schlüssel zurückbekomme. Ich vermute, daß Zeitungsreporter nicht gerade fürstlich bezahlt werden, und ein paar hundert
Pfund kann man immer mitneymen — wenn er sie nicht selbst haben will, kann er ja ein hübsches Geschenk für eine Freundin dafür kaufen. Was meinen Sie dazu?"
Eie war entrüstet, aber sie fiel nicht auf diese plumpe Anspielung herein.
„Es ist verflucht schlecht für mich", sagte Leicester. Er sah sich um, ob Ella noch in der Rische mit ihren Zofen beschäftigt sei, und senkte dann seine Stimme. „Sie sind doch eine Dame von Welt, Miß Olroyd."
Daphne war das allerdings nicht, aber sie erhob keinen Widerspruch dagegen.
„Wir wollen jeden Skandal vermeiden — es ist nämlich der Schlüssel zu Ellas HauS — verstehen Sie mich?"
Daphne verstand, was er damit sagen wollte, und sie war so wenig Dame von Welt, daß sie über die Mitteilung ganz bestürzt war.
„Sie sind nämlich jahrelang Freunde gewesen — nun werden Sie auch begreifen, warum wir den Schlüssel zurückhaben nrüssen."
Es schien eine ganz glaubwürdige Erklärung zu sein, und Daphne hatte sich schon halb dazu entschlossen, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um dieses verfängliche Deweisstück wieder herbeizuschaffen.
„Zweihundert oder auch dreihundert Pfund", fing Leicester wieder an, aber hier unterbrach sie ihn.
„Ich glaube nicht, daß Mr. Dewin sich um Ihr Geld kümmert", sagte sie. „Ich bin ganz sicher, daß er den Schlüssel nicht dazu benützen wird, Miß Creed irgendwie in Verlegenheit zu bringen."
„Würden Sie wenigstens über diese Sache mit ihm sprechen?" drängte er.
Sie nickte.
In diesen: Augenblick kam Ella aus dem Rebenraum zurück. Hm ihrem Gast ein Kompliment zu machen, trug sie auch ein schwarzes Kleid und keinen Schmuck, außer den blitzenden Ringen an ihren Händen.
„Geht an die Tür und seht, was für Wetter wir haben", sagte sie zu den beiden Zofen, die ihr auf dem Fuße folgten. Dann wandte sie sich an Daphne. „Wir haben nicht weit. Ich werde Sie mit nach Rapee nehmen, dort haben wir nach dem Essen noch eine gute Kabarett- vorstellung."
Crewe nickte zustimmend.
„Dillh, ich hoffe, daß du Miß Olroyd nichts Schlechtes über mich gesagt hast."
Gr lächelte.
„Ich bin zu gut mit dir befreundet, um dir etwas Schlechtes nachzusagen, Ella."
Das gehörte alles zu der Komödie, die sie Daphne vorspielten, und es klang so, als ob sie ihre Rollen gut einstudiert hätten Aber Daphne ließ sich nicht im mindesten täuschen Die Enthüllung Leicester Crewes mußte vorher zwischen ihnen verabredet worden sein Sie war nicht erstaunt, als sie Plötzlich alles durchschaute.
Die Zofe kam zurück und berichtete, daß es stark regnete und schneite.
„Haben Sie ein Cape, meine Liebe?" Als Daphne ihren Seidenschal zeigte, schüttelte Ella den Kopf. „Sie werden durch unb durch nah
werden, bevor Die bis zum Ende de« Aofeg kommen Iessie, geben Sie Mih Olroyd mein rotes Cape. Bitte, widersprechen Sie nicht, Sie müssen es anziehen. Es ist möglich, daß einige Mädchen von der Galerie Sie draußen um Autogramme bitten, weil sie glauben meine Wenig- kelt vor sich zu haben, aber das ist nun einmal die Strafe der Berühmtheit."
Die Zofen halfen Daphne in den Mantel und hüllten sie bis zum Kinn ein, während Ella ein einfacheres Cape nahm.
Als sie durch den Gang zur Bühnentür schritten, sprach Leicester leise zu Ella, und feine Stimme hatte einen gewissen Unterton.
Die Schauspielerin blieb plötzlich stehen.
„Warum konnte [ie denn nicht kommen?" fragte sie ärgerlich. „Sie lst genau so beteiligt wie wir all?- In letzter Zeit tut Paula viel zu vornehm." Dann sagte sie laut zu Daphne: „Gehen Sie nur voraus, meine Liebe. Mein Auto wartet vor der Tür." —__
..Sie lieh am Telephon sagen, dah sie Kopfschmerzen hätte," erklärte Leicester. „Ich konnte nur mit ihrem Mädchen sprechen."
Ella bih sich nachdenklich auf die Lippen.
„Das sieht Paula nicht ähnlich. Aber komm letzt — die verdammte Stenotypistin wird sonst kalte Füße bekommen!"
Sie gingen zusammen über den langen, dunklen Hof und traten auf die Straße, die hinter dem Theater lag. Es war eine schmutzige, verlassene Durchfahrtsstrahe. Ein Müßiggänger lehnte an der Mauer, um etwas Schutz gegen das Wetter zu suchen, aber von Daphne und dem Auto war nichts zu sehen. Ella wandte sich an den Mann.
»Haben Sie nicht ein Fräulein hier herauS- kvmmen sehen?"
„Iawohl, meine Dame. Sie trug einen roten Mantel, und der Wagen fuhr gleich ab, als sie eingestiegen war."
Ella fluchte.
„Ich werde den Chauffeur sofort hinauS- toetfen! Dillh, besorge schnell eine Taxe!"
•
Kurz vorher war Dapbne aus der Dühnentür getreten. Sie ging über den nassen Asphalt und stieg in das Auto, dessen Türe offenstand. Die erschrak, als sie an jemand anstieh, der in der Ecke sah.
„Ach, entschuldigen Sie, ich dacht ..."
Die Tür wurde von drauhen zugeschlagen, und der Wagen fuhr an. Sie lehnte sich vor und llopfte an das Fenster.
„Warten Sie doch, warten Sie! Es kommen noch mehr Leute —"
Dann wurde sie am Arm ergriffen und auf den Sitz zurückgezogen.
„Seien Sie ruhig und schreien Sie nicht — oder es wird sehr unangenehm für Sie," sagte eine rauhe Stimme.
In diesem Augenblick fuhr der Wagen gerade an einer Hellen Straßenlaterne vorbei, und sie konnte einen Dlick auf ihren Begleiter werfen. Es waren nur ferne Rase und seine Augen zu sehen, denn er hatte ein buntes Taschentuch um fein Kinn gebunden und hinter dem Kovf zu- sammengeknotet.
(Fortsetzung folgt.)
HN
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