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Samstag, 8. November MO

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Nr. 262 Drittes Blatt

Mussolinis Spiel.

Don Dr. Paul Rohrbach.

3n einem vertraulichen Brief aus Paris, ber unlängst von einer internationalen politi chen Per­sönlichkeit dort an einen deutschen Freund ge­richtet wurde, heißt es:

ie müssen sich in Deutschland klarmachen, bah es bei ber überwältigenden Mehrzahl die­ses Volkes (der Franzosen) in auswär­tigen Fragen nur eine Stimme gibt, und die heißt: keinen Krieg! Hierin haben Sie auch die Erklärung für die phanlastischen Ausgaben zum Schutz der-Ost- grenze, die in Wirklichkeit noch höher sind, als die letzten Indiskretionen besagen. Sie toun- bem sich, daß Franzosen jetzt so oft über den Weichselkorridor schreiben und reden, und so wenig in polenfreundlichem Sinn. Sie kennen überzeugt sein, daß man sich hier im Stillen schon lange darüber ärgert, den Polen zuliebe dies Unglücksgebilde geschaffen zu haben. Man würde auch Iugoslawien den Italienern Preis­geben, wenn man nur sicher toäre, damit vor Italien wirklich Ruhe zu haben..

In der Tat, es ist nicht alles Gold, was glänzt. Frankreichs Position in Europa schien überwälti­gend, und manche halten sie jetzt noch dafür. In Wirklichkeit wird sie es immer weniger, und es ist interessant genug, nach der Antwort auf die Frage zu suchen: Warum?

Rach der Unterzeichnung der drei Pariser Dor- ort-Friedensbiktate und nach der Einsetzung des Bölkerbundcs als Cxekutivnsaus.chnß gab es wohl Stimmen genug, die da sagten: der Bogen ist überspannl, eineReaktion muh kommen. Rur pflegen die Reaktionen nicht von selber zu kommen, sondern es muß sie ein Ereignis oder ein Wille in Gang bringen. Wir woll:n h er nicht davon sprechen, daß manche fremde Poli.itet es merk­würdig finden, wie wenig hierfür gerade i n Deutschland g:le:stet wurde. Es bedurfte schon der Seplemberwa;l von 1930, um in der Wilhelm- straße dahin zu kommen,daß kräftigere Methoden in der Außenpolitik dec Derant- wortung des leitenden deutschen Ministers nicht abträglich (!) sein würden". Gleichviel, es hat sich dazu eine andere Stelle gefunden, und auch, was viel bedeutungsvoller ist: ein persön­licher Gegenspieler gegen F.ankrcich, d. h. gegen Versailles, Trianon u w. Die Poli ik kommt immer dann in ein ra'che:es Tempo, wenn Persön­lichkeiten von Format mit einer bestimmten Idee sie machen. In gewissem Sinn fühlt man sich dar­um heute erinnert an die Zeit, wo Dismarck a.'s Gegenspieler Aapoleons III. auf trat. Ruß­land war damals ausgeschaltet durch seine Rieder­lage im Krimkrieg und England durch seine rela­tive Interesselosigkeit an kontinentalen Dingen. Bismarck hatte das Ziel, die deutsche Einheit un er Preuße s^r' n "tz Wellen: Ravrlcvn wcll.e Deutchlan s Eil igung auf je ei Fal ver­hindern. Rur solange iv... uafc gelang, konnte ec sicher fein, Frankreichs bominieience Stellung auf­recht zuerhalten.

Wir wissen alle, wie dies Spiel ausging. Von den beiden Gegenspielern der 3a.)re 1862 bis 1810 mußte der Geschlagene vom Schauplatz der europäischen Geschichte a ,tre cil Mussolini will der Bismarck Italiens werden. Darum geht sein Spiel. Ob er s gewinnen wird, ist eine andere Frage, die heute noch niemand beant­worten kann. Manche Chance ist gegen ihn. vor aslem die militärische Unterlegenheit.der Italiener als Ration gegenüber den Franzosen; dazu die bekannte Schwäche in den Fundamenten der italie­nischen Wirtschaft. Eine Chance, und L>ine un­bedeutende. hat er aber für sich, nämlich die,

WMH-Mmil

Vornan von Hans Friedrich.

Urheber-Rechts!- -3 durch Verlag Oskar Meister, Werdau L Sa.

26 Fortsetzung 'Rachdruck verboten

Der Semmelblonde neben dem Kraftwagenfüh­rer sah so harmlos, beinahe einfältig aus, daß er sozusagen die ganze übrige Reisegesellschaft legitimierte. Das war nichts für Frau 3rma Hänfen. Sie liebte andere, verwegenere Typen

Der Hausdiener von derPost" stellte sich aus das Trittbrett. Er trug einen Korb, aus dem Flaschenhälse schauten. Das sah Hansen noch, be­vor er sich abwandte.

Aha, eine feuchtfröhliche Gesellschaft... lachte er.

Irma in Sölden? Ganz ausgeschlossen!

So einen Unsinn zu denken! Sie liebte die See, sie war lein Freund von Bergtouren und Stra­pazen irgendwelcher Art. Repräsentieren wollte sie. Und das wäre im Dirndlkostüm eine glatte Unmöglichkeit gewesen. Wie schön nahm sich da­gegen ihr gut gewachsener Körper in einem der modernen Badetrikots aus! Frau Irma war auch keine passionierte Schwimmerin. Dieser herrliche Sport erforderte ihrer Meinung nach zuviel An­strengung. Sie plätscherte gern ein bißchen im Wasser herum verpatzter Stil, genau soviel Kraftaufwand, daß Mund und Rüschen Luft schnappen konnten - und promenierte im übrigen am liebsten am Strand. Blicke und Kritiken der Badegäste herausfordernd.

So ungefähr kannte Peter Hansen seine. Frau und schätzte sie entsprechend ein. Aber trotzdem liebte er sie. 3a, vielleicht liebte er diese ihre kleinen Schwächen mehr, als ihre Vorzüge! Diele Männer suchen und wünschen diese prickelnde Ko­ketterie bei der Frau.

Hein, die Alpen waren nichts für 3rma. Wenn man etwas genauer nachdachte, muhte man fin­den, daß diese Idee wirklich ganz widersinnig war.

Rach dem Mittagessen litt es Hansen nicht län­ger im Gasthof. Die servierende Hansi hatte Erd­mute noch nicht gesehen. .Sie wird noch droben am Berge sein..." Das war für den besorgten Vater der Weckruf.

3et)t geh ich selber 'nauf! Und wenn ich das Mädel find', gibt es eine gehörige Portion Grob­heiten !" brummte er, ohne selber an dieGrob­heiten" zu glauben. .

Tatsächlich machte er sich in der größten Sonnenhitze auf den Weg. Zwar blieb er ober­halb der Windachschlucht öfter stehen, fuhr sich stöh­nend mit dem Taschentuch über bie Stirn, aber zur Umkehr hätte er sich um keinen Preis ent­schlossen. Er wollte heute seine Tochter finden,

daß ihm auf bcr_französischen Seite kein gleich starker persönlicher Gegenspieler ge­genübersteht. P o i n c a r e ist. auch wenn er sich von seinem Kra..kheitszustand für längere Zeit er­holt haben solche, bei all seiner staatsmännischen Energie und Zähigkeit doch eine zu pha ntafielose Ralur, zu sehr nur auf dieHelligkeit der Ver­träge" eingestellt, als daß er einem Ideenpoliliker wie Mussolini auf die Dauer den Widerpart hal­ten könnte. T a r t> i e u ist eine gute zweite, aber keine erste Rümmer, außerdem mit ber von ihm verfochtenen Doktrin und mit feinem persönlichen Prestige zu sehr an die sterlle Idee der fort- tauemben Drosselung Deutschlands gefettet. Dti- and ist stark nur als politischer Schauspieler in Rollen, wo es barauf ankommt, den Gegner ein­zuwickeln, zu überrumpeln, ihn moralisch in eine Ecke zu manövrieren, aus der er sich nicht heraus­helfen kann. An dramatischem Talent nimmt es aber kein einziger Franzo e mit Mussolini auf.

Ietzt eben ist Mussolini wieder ein gutes Teil- spiel in der Partie geglückt! Denizelos, der leitende Minister Griechenlands, hat in Angora einen Doppelvertrag mit der Türkei unterzeichnet, einen über Reutra ilLt und Schieds­gericht, und einen über Handel, Schiffahrt und Riederlctsung; dazu noch einProtokoll" über den Ve.zicht auf maritimes Wettrüsten. Keine von beiden Mächten soll ihre Seemacht verstärken, ohne der a ibeten sechs Mo.ra.e vorher dir Ab­sicht anzuzeigen. Es ist interessant, die Einstellung ber englischen Pre.se zu die'er griechisch-türkischen Annäherung zu ber(0.gen. Dir ..Times' z. D. lobt beide Teile, daß sie sich entschlossen haben, ihre Feindschaft zu begraben. Sie zieht auch mit deut­licher Betonung Bulgarien heran, indem sie diesem ein rasches Eingehen auf griechische Zu­

sagen wegen der bulgarischen Minderheit in West- Mazedonien empfiehlt. Sie betont auch, was noch wich.iger ist, daß die griechische und d e türkische Regierung beide die gu.en Dienste Mussolinis für die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen ihnen anerkannt haben. Dagegen spricht sie kein Wort davon, daß gleichzeitig mU Veni- zelos und seinem Minister des Auswärtigen, MichalakopuloS, auch Graf Bethlen, der ungarische Regierungschef, in Angora war, und daß sich Dethlen und Denizelos, d.e Angora an verschiedenen Tagen verließen, in Konstantinopel noch einmal getrogen haben. DaS heißt also, daß man es in England nicht für nützlich halt, bie Tragweite bes Abkommens zwischen Athen unb Angora zu unterstreichen.

Was wir vor uns haben, ist im Grunde ein neuer Dalkanbund. der Bulgarien, die Türkei und Griechenland umsaßt, in den Ungarn als ein besonders wichtiger Faktor mit e nbezogen ist und ber unter Mussolinis Füh­rung steht. Die italienisch bulga.ische Heirat war ein Zug im selben Spiel. Der ungarisch bulgarisch- griechische Druck soll sich gegen 3ugofla- toicn richten. Alle drei 6taa.cn haben etwcs aus jugoslawische Kosten zu gewinnen. Der Ausgleich zwischen Griechenland und der Türkei hat den Zweck, die Griechen im Rücke r zu sichern, wenn sie aus der Taltanhalbinsel aktiv toerten wollen. Mumolin s Spiel ist nach dieser Seite hin so deut­lich, wie cs nur sein kann, ohne daß er die Karten ge.aoczu auf den Lisch legt. Man fragt sich: Wie sieht bas französische Gegensviel aus <* * Betonie­rung der Ostgrenze von Gala 8 bis Rizza? Herve als Vorsülsler im französisch d utschen Derstä ldi- gungsgelände? Beides wäre kein imponierender Ansatz der Partie.

im Range eines Gesandten nach Europa entsandt habe, sie e Chinesin bat an ber Pariser Universi­tät 5ura und Nationalökonomie studiert. 6ic wurde vor dem Krieg aus Frankreich audgemidcn, weil sie an einer Verschwörung ge en den früheren ch»ne- stschen Prä identen Juanschikai leilgcnommen haben sollte. Als bie Truppen der Südarinee in Schang­hai einzogen, wurde Fräulein Sumet Lcheng zum Obersten Richter dieser wichtigsten chinesischen Stabt ernannt.

Schor: lange vorher schickte Lowjetruhland Frauen als Q)eianbte, Ccgationäräte unb Legatronssettetäre in bie Welt, ohne freilich überall damit auf Gegen­liebe zu [toten. Rm bekanntesten unter den russi chen Diplomaiinnen ist Frau illejanbra Kollontay, die die Sowjet-Union nacheinander in Mexiko und in Rorwegen vertreten hat. 5rau Kollontay. ehemals eine kommunistische Agitatorin, hat sich auch lite­rarisch hervorgetan und recht umstrittene Dinge übet neue Formen der Liebe geschrieben. Das Aufsehen, das die Ernennung dieser Frau zum Gesandten machte, ist beute nicht mehr recht verständlich. Denn wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, daß auch in anderen Ländern, die getoin nicht im Verdacht kommunistischer Experimente stehen, Frauen mit ähn­lich vorantwortungsvollen Ämtern betraut wurden. In Finnland regierte vor ein paar Jahren daS Kabinett Tanner, und in dieser Regierung sah Frau Miina Sillanpää als Minister für soziale Angelegenheiten. 3rau Sillanpää war damals sech­zig Jahre, cie stammt aus einer Häuelerfamilie, muhte tchon mit zwölf Zahlen in einer Textilfabrik selb.l ihr Brot verdienen und hat noch nicht einmal eine Schule besucht; während der Fabrikarbeit lernte sie lesen und schreiben, und die Kenntniste, die sie inzwischen erworben hat, muhte sie sich nebenbei aneignen. 3m 3a ,re 1919 wurde stein den Gemeinde­rat von tzelsin fors gewählt, und fünf Jahre später zog ste in das finnische Parlament ein.

Dänemark hat sich ebenfalls nicht gescheut, eine Frau zum Minister zu machen. Frau Ri na Bang, eine beiannte Führerin der nordischen Frauen, hat sich um die Reform des dänischen Schulwesens Dr- d enne erworben. 3m englischen Unterrichtsministe­rium belleidete die Herzogin von Al holl den Rang einer S.aatslelrelärin; ste wirkte mit solchem Ersolg, daß ste von der Universität Oxford zum Ehrendoltor ernannt wurde. Von kurzer Dauer war dagegen die Wirksamkeit Margarethe Bond- fields, die im ersten Kabinett Mac Donald das Arbeitsministerium erhielt, aber den Posten sehr schnell wieder abgab und sich nur als parlamen­tarische Sekretärin in diesem Min> erium betätigte. 3m 3uni 1929 wurde Aiih Bo stelds wiederum mit dem Arbeitsministerium be.iaut. Eie ist eine rüstige alte Engländerin mit einem unerhört klugen, mütterlich ernsten Gestcht, die schon vor mehr alS 30 3ahren auf Gewertscha tSIongresien hervorgetre- ten ist. 3ahrzehnte rieb sie sich in Kleinarbeit auf, organisierte Gemeinschaftsküchen, pflegte Kranke, trat in Versammlungen für das Recht unehelicher Kinder ein und bemühte sich, übcrooiteilten Witwen ihr kleines Vermögen zu reiten. Im Jahre 1914 gehörte sie zu den wenigen Mitgliedern ber englischen Arbei­terpartei, die sich gegen den Krieg erklärten- Ganz allmählich rückte sie in die vordere Linie der Poli­tiker vor und eroberte sich einen Platz, von dem aus ihre soziale Hilfsarbeit erfolgreicher gestaltet werden konnte.

Man muh zugeben, daß die deutschen Frauen ähnliche Posten noch nicht erhalten haben. Trotzdem haben sie keinen Grund zur Klage. Hohe Ministerial- posten werden auch in Deutschland schon recht oft Frauen eingeräumt. Sie werden Amtsrichter, es gibt einen weiblichen Vikar, man hat sie zu Krimi- nalkommisiaren gemacht und ihnen überhaupt gestat­tet, mittlere Beaintenstellen zu übernehmen. Aber in die hohe Politik dringt die deutiche Frau nur ein, wenn sie Abgeordnete wird. Wenn man von

Frauen erobern die Politik.

Lleberraschende Karrieren. Wozu eine Frauenpartei? Weibliche Minister, Diplomaten und Gtaatögouverneure. Frauen als RegierungSräte, Geistliche und Kriminalkommissare.

Don Senate Fels.

In ber letzten Zeit ist in den großen Frauenverbänden wiederholt erörtert worden, ob zur Vertretung der weib­lichen Interessen eine Frauenpartei ge­gründet werden solle. Unsere Mitar­beiterin zeigt hier, daß eine solche poli­tische Reugründung nur offene Türen einrennen würde, da die Klagen über eine zu geringe Berücksichtigung der Frauen zumindest in der europäischen Politik ungerechtfertigt sind.

Die Zeit der »großen Dame" ist längst vorüber. Reizvolle Salons, in denen sich Politiker mit Män­nern der Wissenschaft und mit großen Literaten tra­fen, gab es kaum noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Aus dem Umweg über diese Salons haben früher geistvolle Frauen Einfluß auf die Poli­tik genommen und manchen Staatsmann, der zu »schieben" glaubte, nach ihren Wünschen geleitet. Wie ist es heute? Haben die Frauen in der Poli­tik wirklich nichts mehr zu sagen, seit die große Dame der Sportlerin und ber berufstätigen Fiau gewichen ist? Das Gegenteil ist richtig. Ohne jeben Umweg können in unseren Tagen Frauen in der Politik eingreifen wobei sich freilich herausstellt, daß sich die Ansichten der Par lamenlarier innen sehr wenig von denen ihrer männlichen Kollegen unterscheiden. Es zeigt sich bie etwas beschämende Tatfache, bah bie 3rau, die Jahrzehnte um ihre Anerkennung ge­

kämpft hat, heute nichts anderes zu tun weih, als sich als gelehrige Schülerin des von ihr früher oft angefeinbeten Mannes zu erweifen.

Der Umschwung, ber sich in wenigen Jahren vollzogen hat, läßt sich am eindruckoollsten zeigen, wenn man einmal bie Witzblätter aus der Zeit vor dem Krieg durchblättert. Da sindet man die verspot­tete Utopie des weiblichen Richters und Staatsan­walts, der Polizistin, der Frau auf der Kanzel und der Frau im Reichstag. Alles daS ist Wirklichkeit geworden, unb darüber hinaus ist die Frau in Stel­lungen aufgerückt, die man nicht einmal im W hblatt zu karikieren wagte, aus Angst, daß die allzu hei­lige Übertreibung ber Susiragetten-Programme den Witz töte. Ein weiblicher Minister, ein weiblicher Botfcha ter - das war früher sogar für den Karika­turisten zu viel. Run, im Dezember 1927 übernahm die steirische Politikerin Olga Rudel°Zeyi> ek den Vorsitz im österreichischen Bundesrat. Sie war die erste Präsidentin einer parlamentarischen Körper- scha.t, und sie erreichte diese Stellu g, obwohl sie damals erst acht Jahre aktiv in ber Politik stand. Im Jahre 1919 wurde sie in den steirischen Land­tag gewählt, und von 1920 an war sie im österrei­chischen Rationalrat tätig. Als diese Frau den Vor­sitz im Bundesrat übernahm, wurden die europä­ischen Hauptstädte gleichzeitig davon verständigt, daß die chinesische Regierung Fräulein Dr. Sumet Schen g in einer bedeutungsvollen diplomatischen Mission

und wenn er bis zur Spitze des Brunnenkogels hätte auffteigen müssen!

Ich kann mir Zeit nehmen... riet er sich, denn Mute ist sicher schon am Abstieg. Es gibt nur diesen einen markierten Pfad. Ich muß also unbedingt auf sie stoßen."

Allmählich gelangte er immer höher hinauf. Das ungewohnte Steigen fiel ihm sauer genug, doch von Mute war nichts zu sehen oder zu hören. Mehrfach legte er die Hände an den Mund, rief laut ihren Ramen. Das Echo antwortete.

Zweimal kamen ihm Touristen entgegen. Sie wußten nichts von einer jungen Dame und einem Herrn zu berichten.

Run setzte Hansen die Kraxelei erst recht fort. Verfluchte Schweinerei!" schimpfte er und war sich selbst nicht im klaren ob er die Kletterei, den quälenden Durst oder die Verwegenheit seiner Tochter verwünschte. Tatsache war, daß er die Besorgnis um Mute als bitteren Geschmack im Halse spürte. Er traute prinzipiell weder den Wegtafeln noch den Auslünften der Einhei- mischen.

Der Brunnenkogel is a Promenaden... hatte einBergbauer gesagt.

Unb dabei konnte man auf eine bequeme Arb das Genick brechen, stellte Hansen erbittert fest.

* * *

Schwaihofer, ber Improvisator!

Unb alles klappte. An ber Drücke in Zwiesel­stein stiegen bie Fahrgäste aus. Währenb ber Münchner ben Chauffeur entlohnte unb für den nächsten Morgen bestellte, trat der Hausdiener aus berPost" mit dem Flaschenkorb schon den Aufstieg zur Iagdhütte an. Ihm folgten dicht auf dem Fuße Weißkugl, Gertrud und Strobl. Als letzte in größerem Abstande tarnen Schwai­hofer und die Blondine hinterdrein. Sie nahmen sich gemächlich Zeit. Die Sonne stand im Zenit, und dieser Gemsenpfad, der noch vor den Häu­sern von Zwieselstein in (teilen Serpentinen zum Wald hinaufführte, war stellenweise wirklich nichts anderes als eine Regenrinne.

Sie haben von einem bequemen Reitweg Phan­tasiert, und nun finde ich einen Steig, der wahr­scheinlich selbst ben Gemsen zu gefährlich ist!" ta- beite die Unbekannte mit einer vom raschen Atmen zerhackten Stimme.

Schwaihofer ließ fich nicht aus ber Ruhe bringen.

Dafür hat biefer geheime Pfad den Vorzug, von Touristen last gar nicht benützt zu werden und außerdem gelangen wir auf ihm in einer Stunde schon zur Hütte. Und das, glaube ich, rechtfertigt seine Benützung."

Die Blondine schien die Mühen des Berg­steigens absolut nicht gewöhnt zu sein. Sie rang um Luft, klagte über heftigeTranfPrration und großen Durst. 2llle Heiterkeit, die fie unterwegs

während der Fahrt an ben Tag gelegt hatte, war «wie weggeblasen.

Sie können bas Opfer, das ich Ihnen bringe, gar nicht fassen, mein lieber Herr Schwaihofer!" sagte sie einmal, schon oben im Walde, an schat­tiger Stelle auf einen Stein sinkend. Ihr Tie-, gleiter setzte sich ihr zu Füßen; er war bei bester Laune.

Ich werde Sie entschädigen... sagte er ge­heimnisvoll.

Rach einer Viertelstunde waren sie alle in der Hütte angelangt. Für uen ersten Augenblick machte die Unbekannte ein enttäuschtes Gesicht. In dieser schwarz geräucherten Spelunke sollte sie sich einige Stunden wohlfühlen?

Schwaihofer ließ feine Gäste gar nicht erst zur Besinnung kommen. Er war ein Hexenmeister, zauberte ein schmackhaftes Frühstück auf den Tisch, und als erst der TirolerReathel" in ben Glä­sern glänzte, da ließ die gute Stimmung nicht lange auf sich warten.

Dort über der Tür seht ihr, meine lieben Gäste, das Geweih des Kapitalen, zu dessen Eh­ren wir uns heute hier versammelt haben... sagte Schwaihofer betont und beinahe feierlich.

Die Blonde zog eine Grimasse.Um Himmels willen keine Tischreden!" Ihr Lachen flatterte auf, fegte die Weidmanns freude Schwaihofers hinweg.

Und nun TCufif!"

Zwei ©eigen, gespielt von Strobl und Weißkugl, und eine Laute, auf der Trude Gutenberg die Akkorde anschlug, füllten den lleinen Raum mit Melod ien, eligfeit.

Und als bann noch der weiche, wenig umfang­reiche a;er reine Sopran wie trillernder Lerchen­sang über dem Instrumentenklang schwebte, gin­gen die Stimmungswogen hoch und h her.

Walzer! Wiener Walzer!" bat Schwaihofer.

Der Tisch wurde zur Seite geschoben. Die Mu­siker drückten sich eng an die Wand, Trude saß unter der Tür, bie zur Küchel führte, und so blieben lat ächlich einige Quadratmeter zum Tanz frei. Die rauhen Dohlen deS Fußbodens bildeten zwar keinen Parke.tersah, wie Schwaihofe.s an­spruchsvolle Tanzpartnerin fand, aoer etwas Auf­merksamkeit und Phantasie schuf immerhin Illu­sionen, die das primittve Leben hier oben erträg­lich machten.

Strobls Geige führte die Melodie in hohen Lagen. Selbst Weißkugl fand jetzt Vergnügen an dieser Spritztour ins Hochgebirge. Der schwarze Kater (von links nach rechts!) war vergeßen. Und das war gut so. Unten und Miesepeter konnte Schwaihofer in seiner Iagdhütte nicht gebrauchen. Strobls Augen hingen wie gebannt an Trudes schmalem Ge ichtchen. Er spielte die Slraußschen Walzer aus dem Profll der Par.nerin.

Sie merkte es kaum. Ihre Gedanken be chäftigten sich mit der Dlondine: Was mochte das für eine Frau fein? Dem Dialekt nach war es sogar eine

Landsmännin. Die Sachsen stellten jedes Iahr ein großes Kontingent Atpenfa>)r.r. Truoe füllte in­stinktiv, daß diese Frau etwas zu verbergen hatte. Der Schwaihofer najm es mit der Wahl seiner Geliebten nicht sonderlich genau. Möglicherweise sah irgendwo ein betrogener Mann, der um diese Frau trauerte.

Rach dem Frühlingsstimmenwalzer stand die Dlondine wie hingeweyt vor einem ungerahmten, kleinformatigen Tilo, das über der rückwärtigen Dank hing. Schwaihofer neigte sich zu ihr.

Das ist meine neueste Erwerbung. Röderkogel von einer hochbegabten Künstlerin gemalt."

Es entging ihm, daß feine Dame die Lippen zusammenpreßte. Sie studierte eifrig das Künstler­signum.

Erdmute Hansen..."

Der Münchner blinzelte.

Du kennst die junge Malerin?"

Rur flüchtig!" Uno damit wandte sie sich ab, griff zum ©la,e.

Wein! Ludwig, gib mir Wein zu trinken! Wir wollen heute fröhlich fein!

Sie stürzte ein volles Glas hinunter, tränt den Roten" wie Wafier.

Und die anderen Herrschafteir: Wohlauf noch getrunken! Ich will Leden in meiner Hütte sehen!" feuerte Schwaihofer d.e Mu.iler an.

Trude lat nur zögernd Bescheid. Irgendein Flackern, ein winziger Funken in Strobls Augen warnte fie. Auch Weißkugl trank nur mäßig.A Maß Bier wär mir Habet... gestand er Trude leise.

Sie seufzte:Wenn das so weiter -geht, liegen wir gegen Abend alle u.i.erm Tisch."

Schwaihofer najm die Laute und gab einige seiner humorigen Schnadahüpfl zum Besten. Die Dlondine klastchte vergnügt in die Hände.

Dacapo!" rief fie mit ihrer schrillen, tremo- lieren&en Stimme. Und bann summten fie alle mit.

Franzi, ergib dich net dem stillen Suff!" warnte Schwaihofer, als der Geiget gar zu oft heimlich nach dem Glase griff und seine Augen schon be­denklich glänzten.

Draußen schlich der ©meiner Sepp vorüber. Ein Dlick durch das kleine Fenster sagte ihm genug, wenn er auch niemand erkennen konnte.

Infame Dagasch!" zstrnte er. Da drinnen trän­ten fie den guten Rotwein wie Wa fer, und er stand als Zaungast mit einem respektablen Durst hierauBi.

Wie ein Dieb drückte er sich hinein in den Schat­ten des Waldes.

Iatzt geh i zur Mied! und bleib da hocken bis zur Rach.!" najm er sich vor.

Rach fünf Minuten stieß er auf einen Fremden.

Haoen Sie die Malerin gesehen, die hier oben Studien gemacht hat?" fragt* Hansen, der durch Riml wußte, daß feine Tochter ein Bild für Schwaihofer gemalt hatte. (Fortsetzung folgt)