Nr. 262 3weites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbethesfen)Samstag, 8. November (630
Außenpolitische Umschau.
Von Dr. Otto Hoehsch, o. ö. proi. der (9e|d)id)te an der Universität Äeriin.
Lieber den Beginn der vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Genf in dieser Woche ist an sich nichts Neues zu sagen. Diese Deranstaltung hat ja auch gar nicht etwas Abschließendes zu machen, sondern, wie bekannt, nur die Methode und den Plan festzulegen für die allgemeine Abrüstungskonferenz im nächsten Iahr unh allerdings den Beschluß, daß diese allgemeine Konferenz auch stattsinde. Lord Robert E e c i l hat erneut bekräftigt, daß keine englische Regierung, aus welcher Partei sie auch sei, irgendwie Forderungen für die internationale „Sicherheit" im französischen Sinne erfüllen werde, „es sei denn, im Rahmen Lines allgemeinen internationalen Abkommens zur Begrenzung der Rüstung!" Damit hat Cecil die Genfer Erklärungen des englischen Außenministers bekräftigt.
Diese Erklärung aber gewinnt noch größere Bedeutung durch die Tatsache, daß der amerikanische Botschafter in Brüssel, G i b s o n, der wie üblich Amerika als „Beobachter" in Genf wieder vertreten soll, in Hoovers Auftrag zwischen Paris und Rom über den Anschluß Frankreichs und Italiens an den Londoner Fhrttenvertrag zu verhandeln hat. Was auch dnzu gesagt werde, es ist eine amerika- Nische Intervention! Ganz offenbar will Hoover den Erfolg vom Frühjahr in London jetzt weiterführen. Er will, daß die Genfer Tagung zu einem wirklichen Abschluß kommt. Natürlich arbeitet er dabei im Einverständnis und zusammen mit der englischen Politik. Lind ebenso natürlich will er mit einem solchen Erfolge auf die Stimmung in seinem Lande wirken, in dem am 4. November neu gewählt worden ist. Freilich hat er in den zwei Iahren seiner Amtsführung überhaupt sich damit etwas reichlich Zeit gelassen. Diese Wahlen selbst konnte er vielleicht mit dem Londoner Erfolg beeinflussen, obwohl er dafür im Lande selbst übermäßig viel nicht getan hat. Aber es ist ja nicht seine Wiederwahl. Die kommt e r st in zwei Iahren. Dafür braucht er Erfolge und Stimmung. eine Stimmung, die sehr stark für ihn und seine Partei verflog, seitdem die Prosperity dahingegangen ist.
Nehmen wir dazu die Reisen von V o u n g und des Staatssekretär für Handel, Iulius Klein, nach Europa — dann darf man schon sogen, daß Europa vor einer amerikanischen Intervention steht, so. wie sie 1923 einsehte. aus demselben Sinn, aus noch größeren Notwendigkeiten heraus, als damals. Seitdem sind die Forderungen Amerikas an Europa verknüpft mit Deutschlands Reparationslast und Zahlungsfähigkeit. Inzwischen ist der Kellogg- pakt vereinbart worden. Seitdem ist Amerika dem Haager Schiedsgerichtühof beigetreten, zu dessen Richter der frühere Staatssekretär Kellogg in Genf gewählt worden ist. Seitdem vor allem ist nun die Abr stungsfrage als die Zentralfrage der europäischen Friedensorganisation in ihr kritisches und entscheidendes Stadium getreten. Lind hinter all dem steht, wie mit der Peitsche, das Gespenst der Wirtschaft re und der Arbeitslosigkeit auch in Amerika. ' tou^gt alles das jetzt den Präsidenten, einen Zusammenhang zwischen Schuldenproblem und Abrüstung in Aknon zu sehen, der ohne jeden Zweifel damals, als der Dawesplan gemacht wurde, wenn auch ganz in weiter Ferne, von den am weitesten blickenden Amerikanern auch schon gesehrn wurde?
Die britische Politik, die die Reichskonferenz noch nicht zu Ende hat führen können.
Gießener Konzertverein.
Erstes Lymphonlc-kontert.
In dem Liedschaffen Gustav Mahlers, das die denkbar verschieoenste Beurteilung erfahren hat, nähern sich die „Zwölf Gesänge aus des Knaben Wunderhorn", den Gegebenheiten des Textes folgend, dem Bolkvliedartigen. Mahler schafft nicht etwa neue Bolkslie^weisen in hergebrachtem Sinne, sondern er f^hrt zu dem Llrgestehungsgrund. zu der musikalischen Grundsphäre hin, aus der vielleicht einst die Worte des Volksliedes im Berein mit der Melodie entsprossen sind. So wird das LIrerlebnis in allen Phasen wieder wach, und die schnelle Folge der Situationen, über die das Volkslied mit naiver Selbstverständlichkeit hinweggeht, steht wieder im kausalen Zusammenhang. Die Lücken des Textes ergänzt in geradezu eindeutiger Weise die Musik durch ihre Zwischenspiele. Das melodische Llrgut flieht bei Mahler spontan, schlicht, natürlich, einfach. ungekünstelt. Die so sich ergebende Liedform ist nicht immer im traditionellen winne erfaßbar; sie erhält aber dadurch, daß sie aus dem Erleben der geistigen Zusammenhänge herausgewachsen ist. eine sachliche Begründung. Einen wesentlichen Faktor bildet die Orchesterbegleitung in diesen Liedern. Sie ist frei von großen Klangevolutionen, nirgends überladen, sondern durchsichtig, reizvoll, sinnig, ohne Bordringlichkeit; jede Klangfarbe erhält ihren besonderen symbolischen Wert und wird so zu treffend charakteristischer Stühe der Situation. So vermag er ebenso dem Lieber- mütigen wie auch dem Neckischen gerecht zu werden, als auch das Schaurige, Geisterhafte festzuhalten.
Nicht jedem unserer Sänger wird es möglich sein, diese Lieder durchzuführen; raffinierte Bortragskunst wird ebenso ausscheioen müssen, wie ein vorherrschendes Ichtum. Naive Hingabe ohne jede Künstelei im Verein mit sinniger Llrsprünglichkeit lleßen Eva Bruhn, Berlin (Sopran), diese Lieder in ihrem Eigenreiz wachrufen und ihre Webt erschließen. Sie fand ebenso den Ton für das Neckisch-Herzliche, Llebermütige wie auch für d-as Llnheimliche, Schmerzhaft- Klagende. Wäre auch ihrem sehr sympathischen Organ stellenweise mehr Expansion zu wünschen gewesen, so fesselte sie doch die Hörer durch die Art. wie sie das Musikalische in geifltger Vornehmheit erschloß. Die Begattung der Lieder war in allen ihren klanglichen Feinheiten und ' Durchsichtigkeiten auss Sorgfältigste abgestimmt. Iede Farbe, jeder Ton wurde organischer Teil des Ganzen; jedes Instrument diente mit seiner Individualität. Eine klangliche Welt, in der sich Musikdirektor Dr. Stefan Temesvary ebenso sicher heimisch fühlte, wie bei Brahms und Tschaikowsky.
hat in Palästina. Aegypten und Indien mit neuen Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Erklärung über Palästina vom 20. Oktober ist ohne Zweifel eine Schwenkung. Sie gibt die freundliche Stellung zum Zionismus zu einem Teile auf unb hat eine bemerkenswerte und leidenschaftliche Opposition bei der Führung der Zionisten erregt. Die Einzelheiten können uns gleichgültig sein. Das Wichtigste ist. daß England die Bevorzugung der einwandernden Iuden nicht mehr wünscht, daß es deshalb Boden für die jüdischen Siedlungsbestrebungen nicht mehr zur Verfügung gestellt sehen will, um die arabische Landbevölkerung nicht zu benachteiligen. Der Sinn liegt wohl nahe: Man möchte mit den Arabern zusammengehen, um sich ihrer in Palästina ebenso, wie die in Mesopotamien,
Es konnte schon wiederholt an dieser Stelle betont werden, wie Dr. Temesvary als feinsinniger Musiker jeder Situation mit Stilsicherheit und Feinfühligkeit entgegentritt und sie sich völlig zu eigen macht. Die Durchführung der Brahms» variationen mit ihrer vielseitigen geistigen Einstellung, ihrer ständig wechselnden Thematik, ihrem mannigfaltigen Stimmungsgehalt, ließ einen immer wieder aufhorchen; immer wurden neue Seiten wach; neue klangliche musikalische Reize entfalteten sich, jedes Bild wurde in einheitlicher Geschlossenheit durchlebt und erschaut. Wie es im Vorjahre schon bei dem Finalsatze der vierten Symphonie von Brahms zu bewundern war. so wurde auch das Finale der Variationen mit seiner kontrapunktischen Lleberbauung des Basso ostinato zu einem starken Erlebnis, das über das Wissen um den Aufbau hinweg in dem Strom des Allgemein-Musikalischen mün- Idete. so dem letzten Endzwecke des Werkes dienend.
Mit einer Fülle von Temperament, die von der leisesten Regung bis zum naturalistischen Aufwallen zu folgen vermochte, führte er mit ausgeprägtem Sinn für klangliche Farbgebung in Tschaikowskys fünfte Symphonie ein, dem schicksa'.shaften Wiederkehren der Andanteeinleitung, die besonderen Beziehungen zum Gedankengehalt des Werkes gebend. Er vermittelte Eindrücke, die in ihrer klanglichen Lln- mittelbarkeit und geistigen Durchbildung noch lange im Hörer nachhallen werden.
Das Orchester erwies sich seiner großen Tradition würdig, zumal mit seiner seltenen Erlesenheit in der Besetzung der Bläser. Richt immer und nicht überall wird man das Horn- solo im Andante so zu hören bekommen; aber ebenso zu loben sind die Holzbläser; der Blechkörper gab stellenweise etwas zu grelle Farben.
Dr. H.
Oie neuen Rilke-Briefe.
Von Gerhard Vohlmann.
Etwa vor Iahresfrist war der erste Teil der Rilke-Briefe anzuzeigen; sie handelten von seinen Anfängen und schlossen mit seiner Trennung von Rodin, einem einschneidenden Ereignis, das auch in diesen Band hinübergreift und schmerzhaft nachwirkt; auch über die Zeit von Rilkes beginnender „Berühmtheit" wirft die Gestalt des Meisters noch seinen Schatten. Die Zahl der Briefempfänger ist langsam gewachsen; der zweite Teil, obwohl er nur die ausgewählten Briefe eines Iahres enthält — 1906 bis 1907 — ist erheblich stärker als der erste, der die Korrespondenz von 1902 bis 1906 vorlegte; beide lind vom Infel-Derlag fo ausgestattet, daß fie
überhaupt in ganz Arabien, zu versichern. Wir nehmen an. daß dieser Entschluß, der freilich kein Risiko in sich schließt, höchstens eine Völker- bundserörtcrung auslösen kann, zurückgcht auf die Fachmänner der englischen Politik im vorderen Orient und daß dem die Labourregierung folgte, obwohl das nicht so ganz mit ihren Gedanken übereinstimmt. Die Konservativen haben sofort daS innenpolitisch ausgeschlachtet, so daß der merkwürdige Widerspruch entstand, daß die Konservativen Englands die Labourregierung deshalb angriffen, weil ihr Verhalten in der Palästina-Frage — atiscmitisch wirkt. Bleibt es bei dem englischen Entschluß, so wäre freilich eine Bewegung gestoppt, die für das Schicksal der Ostjuden doch recht bedeutsam geworden war, bedeutungsvoll jedenfalls, daß die Sowjetregie
rung ihrerseits eine pro-jüdische Siedlungspolitik zu treiben sich veranlaßt sah.
In Aegypten hat König Fuad am 23. Oktober durch Erklärung einer neuen Dersassung mit einem Wort die Diktatur ausgesprochen. Er nimmt damit den offenen Kampf mit der sogenannten Wafd-Partei auf, die als ägy- tische Volks- und Bauernpartei die nationalägyptische Freiheitsbewegung verkörpert. Er glaubt, als aufgeklärter Despot und Diktator in Aegypten regieren zu können, unzweifelhaft ein kluger und moderner Mann. Wie diese Auseinandersetzung zwischen König und Wafd ausgehen wird, ist noch nicht zu erkennen. Aber der König wird nicht auf die Llnterstützung Englands dabei rechnen können. Es wird im Fall von Llnruhen zweifellos das Leben der Engländer und ihr Recht auch mit Gewalt schützen. Cs wird seine bekannten Interessen, über deren Vertragsfassung man sich immer noch nicht hat einigen können, natürlich auch unbedingt schützen. Aber es wird die strikteste Neutralität in dieser politischen Krise bewahren. König Fuad kann in feinem Kampf nicht, wie z. Z. als Lloyd englischer Oberkommissar in Kairo war, auf die englischen Bajonette rechnen. Der jetzige Oberkommissar — Lord Lloyd mußte ja sehr plötzlich auf Hendersons Druck Sir Percy Loraine weichen — hat die Aktion der Labour-Regierung durchzuführen, die einen Vertrag über die eng« Irschen Inlerejsen in Aegypten mit dem Wafd als Vertreter Aegyptens ha.en will. Lind nun muh König Fuad sehen, ob er gegen das Volk, gegen die Fellachen regieren kann. Nehmen wir noch die indische Frage hinzu, so sind die großen Schwierigkeiten der Labourregierung im nahen und mittleren Orient zur Genüge bezeichnet. Lind man sieht eigentlich im ganzen nicht, dah Macdonald und Hender'on in dieser Orientpolitik Englands eine große Linie hätten, mit anderen Worten, daß sie klar wären, worum es sich hier handelt, nämlich zu den nicht mehr aufzuhaltenden Freiheitsbewegungen im ganzen nahen und mittleren Orient eine neuzeitliche Stellung zu gewinnen, die zugleich Englands Interessen gerecht würde.
Die brasilianische Revolution ist mit dem Sturze des Präsidenten Washington L u i z am 24. Oktober zunächst entschieden. Das war kein unfähiger und erfolgloser Mann; drei Iahrzehnte hat er erfolgreich seinem Staate gedient. Ganz einfach sind auch die Gründe dieser Revolution, d'.e ein Teil der ganzen, durch Südamerika ziehenden Erschütterung ist. nicht zu fassen. Zum Teil ist es eine Revolution alten Stils; die Erhebung eines Generals und von Offiziers-„junten". die im entscheidenden Moment die Linterstützung der Truppen in Rio de Ianeiro fand. Zum Teil ist es aber auch eine Folge der Wirtschaftskrise, die hier ein ausschließlich auf ein Produkt, den Kaffee, eingestelltes Land mit vol.er Schärfe getroffen hat. Zusammenbrüche einer S.ützungs- aktion und Kaffcevreisftürze haben die Stellung des Präsidenten erschüttert, der selber aus der Reihe dcr „Kaffeebarone" kommt. Damit verband sich nun wieder die Abneigung einzelner Bundesstaaten gegen den Staat Sao Paulo, politische Eifersucht gegen einen bevorzugten Staat, aus dem der Präsident ebenso stammt, wie fein schon gewählter Nachfolger, der nun auch gestürzt ist. Lind all dieses richtet sich dann nationalistisch gegen eine Politik, die fremde Anleihen, namentlich ncrdamerikanische begünstigte, und das Land in eine größere Abhängigkeit von Nordamerika brachte. In Dra- fiüen steckt nicht weniger als eine Halle Milliarde Dollar nordamerikanischen Kapitals. Es ist da- duxch, wie fast alle südamerikanischen Staaten, nicht mehr in der Lage, offen gegen die Ber-
Frankreichs Rüstungsindustrie im Korr.dor!
Von Dr. Karl Gustav B.ttner.
Polen feiert den Iahrestag von Deutschlands endgültiger Nicdeilaz ?. den 9. November, In ganz eigener 'Weise: Ql:. , fern Taz wird d e ft r a t e - gisch wichtige Hi > e n b a h n l iie B r o m - berg Gdingen feierlich eröffnet. Frankreichs Regierung und Frankreichs Industrie sind in gleicher Weise an die,em strategisch-ver- kehrstechnischen Strich interes iert, den Polen zwischen Deutschland und Ostpreußen zieht. Deutschland und Ostpreußen f.nd ja für die Entente, ob sie nun klein ober groß ist, längst zwei verschiedene Begriffe geworden und' man wartet nur auf den Tag, an dem das alte Dcutschordensland wie eine reife Frucht dem polnischen Nachbar in den Schoß fällt. Die Ei enbahnlin'.e Bromberg—Gdingen gehört der Firma Schneider-Creuzot. der g.öß- ten Waffenschmiede Frankreichs. Polen ist der militärische Trabant Frankreichs und d:ssen wichtigster D rposten im Osten Europas. S o sieht d a s P a n - C u r o p a B r i a n d s aus!
Man tarf nicht vergessen, was sich zur Zeit in Polen ab,(fielt: noch nie wurde deutsche Kultur in solchem Zynismus, mit solcher Brutalität mißhandelt, wie jetzt, wo sich unter dem Dittorat Pil- sudskis Wahlen vollziehen, aus denen Polen als reiner Qlatlon alftaat ohne Minderheiten hervorzugehen die feste Ab,ächt hat. Deutsche Kulturarbeit von mehr als einem halben Iahrtauscnd ist im Osten in Gefahr! Große Gebiete an der Ostsee find längst abgebröckelt; mühsam hielt fich unter russischer Herrschaft die baltische Oberschicht in Kurland, Livland und Lettland ; heute ist sie verarmt, am Rand des Abgrundes. Memel ist abgebrochen, es besitzt eine „Autonomie", die zu traurig ist, um zu einer Operette fig irreren zu können. Danzig ist eine „freie" Staat, die langsam, aber mit grausamer Konsequenz von Polen wirtschaftlich erdrosselt wird, ilnb Ostpreußen? Man kann von Berlin aus leichter, schneller und vor allem bequemer Venedig oder Paris erreichen, als Königsberg, die nordische Leuchte den schen Geistes, die Stätte des Wirkens des großen Kant.
Mit sa'anischer List und Klugheit hat der Versailler Vertrag tiefe Wunden in den deutschen Osten geschnitten, hat dort Grenzen gezogen, die weder strategisch, noch ethnographisch, noch wirtschaftlich zu rechtfertigen find. Denn keinem ist durch diese Grenzziehung geholfen, allen geschadet. Wenn das noch einige Menschenalter so weiter geht, wird sich dort, wo jetzt noch stolz und hehr die g tischen Bauten der deutschen Ritter stehen, eine „Kultur" breit machen, die wir erschaudernd im Weltkrieg kennengelernt haben.
Schmutzige Kassubendörfer werden ihren übel- riechendem Rauch über eine Landschaft verbreiten, in der einst Städte standen, die deutscher Fleiß, deutsche Ordnung errichtet haben ... — Ist das der Wille, der hinter dem Dokument von Versailles steht?
Rein; solche Fragen find den heutigen Herren der Welt gleichgültig. Es handelt sich lediglich darum, dem in Waffen starrenden „friedlichen" Frankreich einen östlichen Stützpunkt zu schaffen. Lind dieser Stützpunkt ist Polen, das auf Frankreichs Geheiß eine • Armee unterhält, die, wirtschaftlich gesehen, ein Wahnsinn ist. Frankreichs Politik zielt unverhohlen auf eine Hegemonie in Europa ab. Eine Hegemonie, die durch Driands Paneuropa-Reden einen vertrauenerweckenden Anschein erregen soll, deren Spitze g:^en England und Italien gerichtet ist. Deutschland aber ist in diesem Schachspiel eine recht untergeordnete Figur. Vielleicht der Schauplatz, auf dem sich die kommenden Kriege abspielen s llen? Iedensalls aber weiß Frankreich, daß es Deutschlands Zustimmung zu einem Paneuropa unter französischer Führung erzwingen muß; denn freiwillig kann Deutschland diese Zustimmung nur geben, wenn es sich selbst aufgibt.
Mehr als tausend Iahre währte der gallisch- germanische Kampf um den Rheim Er ist noch nicht zu Ende. Geht er auch nicht mehr um den Fluß als Grenze, sondern um Kohle und Eisen, wird er auch nicht mehr in Lothringen, sondern im Osten geführt. Wird Deutschland mürbe an der slawischen Grenze, dann wird es auch nicht mehr die Kraft haben, das Saargebiet jemals wieder in feine Hand zu bekommen. Ostpreußen und das Saargebiet hängen schicksalhaft zusammen! Lind Frankreich führt feinen Krieg weiter gegen den deutschen Nachbarn, führt ihn weiter mit Schneider-Creuzot; heute mit Cisenbahnaltien, wie gestern mit Kanonen.
Der Ausgang dieses Kampfes, den Frankreich am 9. November 1930 ebensowenig endgültig gewinnen wird, wie zwölf Iahre früher, wird über Europa entscheiden. Deutschlands Schicksal ist Europas Schicksal: Ein starkes, freies Deutschland in einem starken, freien Europa — oder ein geknechtetes, verarmtes Deutschland in einem geknechteten, verarmten Europa, das von Negern bewacht und in Sklaverei gehalten wird — bis ein stärkerer die Beute an sich reißt: Amerika. Wir brauchen ein Pan- Europa; aber ein organisches, des,en Herz Deutschland ift
sich Rilkes „Gesammelten Werken" angleichen.'
Aber trotz wachsender Teilnahme, welch ein weiter Raum um den Dichter, welches Verlangen nach einsamer Ruhe und ungestörter Entwicklung. Er weiß selbst, dah er in der Erledigung brieflicher Verpflichtungen läffig ist, aber ihm ist jede Art der Mitteilung eine ernsthafte, persönliche und fast heilige Sache, er kann sich nicht entschließen, Karten zu schreiben, der Gedanke an eine Schreibmaschine wird überhaupt nicht in Erwägung gezogen, alles Mechanische stört und verwirrt, und man meint das verlegene Lächeln zu sehen, mit dem dieser Sensitive von seiner Lingeschicklichkeit in den Dingen des äußeren Lebens redet, wie er fürchtet, nicht allen Ansprüchen genügen zu können, wie ihn die Forderungen des Augenblicks erregen, überraschen, ungerüstet finden, während er doch ganz einsam und zurückgezogen bleiben möchte: „Ich muß mit meiner Arbeit allein fein“, steht dick unterstrichen da; er kann sich nicht entschließen, Kritiken und Broschüren, die nun über ihn zu erscheinen beginnen, zu lesen und entschuldigt sich bei den Einsendern auf feine Art, einmal fo: „Mit einiger ilebertreibung ausgesprochen, ist mein Empfinden dieses: daß ich au hören müßte zu arbeiten, sobald irgendwelche Stimmen mich über das Verhältnis zu meiner Arbeit, über ihre Art, ihren Llrsprung, ihren Verlauf au'zu- klären vermöchten. In meiner völligen Unbefangenheit dieser Arbeit gegenüber, meinem sie-nicht-kvntrvllieren-können, meinem nichts-vvn- ihr-wissen beruht (ich weiß es nicht anders zu sagen) das Wesentliche meiner inneren Sicherheit." Wie kann sich diese Sicherheit einzig erhalten? In Einsamkeit. Man verstehe also diese Worte tiefster Entrücktheit: „... so will ich niederknien und aufstehen, täglich, allein in meiner Stube, und will heilighalten, was mir darin widerfuhr; auch das Nichtgekommensein, auch die Enttäuschung, auch die Verlassenheit. Cs gibt keine Armut, die nicht Fülle wäre, wenn man sie ernst und würdig nimmt und nicht zum Aergemis macht und preisgibt.“
Der Dichter. Das Wort hat heute einen lächerlichen Klang, es schmeckt nach unsachlicher Qkr- stiegenheit und höheren Regionen. Aber hier redet ein Dichter noch mit Glauben und Lieberzeugung von dem Erlebnis, aus dem das Werk stammt: Kunstdinge sind ja immer Ergebnisse des In-Gefahr-gewesen-Seins, des in einer Erfahrung Dis-ans-Ende-gegangen-Seins, bis wo kein Mensch mehr weiter kann. Ie weiter man geht, desto eigener, persönlicher, desto einziger wird ja ein Erlebnis, und das Kunstding endlich
' Rainer Maria Rilke: Briefe aus den Iahren 1 9 0 6 b i s 1 9 07. Heraus- gegeben von Ruth Sieber-Rilke und Carl Sieber. 429 Seiten 8°. Im Infel-Derlag zu Leipzig, 1930. (438.J
ist die notwendige, ununterdrückbare, möglichst endgültige Aussprache dieser Einzigkeit." Dieser Einsame in Capri, Berlin, Paris', einsamer und stiller, je lauter es um ihn wird, lebt wirklich nicht mehr, um dazufein; seine Gedanken kreisen ständig um sein Werk, seine Berufung und Sendung. Das alles ohne Hochmut; er klagt, wie sehr er sich im Deutschen immer noch als Anfänger fühlt — da.ei ist eben fein „Stundenbuch" crfch.enen — wie weit entfernt er davon fei, immer nach den Worten zu greifen, die „jedesmal" die einzig richtigen find — fo wird auch feine Cinsamleit zu einer immerwährenden Schule, zu einer unaufhörlichen Prüfung.
Cr kennt die'e Prüfungen, ohne zu verzagen, denn er hat die Gnade des Wartens und des Gewähren lassens, und so ist es verständlich, daß cr Erscheinungen wie Walther Cale (der sich jung den Tod gab) ablehnt: zu schnell und zu leicht ha.e dieser Iüngling die Aufgaben bewältigt, „in denen ein Werdender langsam Geduld und Siebe und Hingabe nach ihrer Schwere werken lernt".
Einsamkeit bedeutet nicht Welt^remdheit oder Llnkenntnis der Menschen. Er sieht und durchschaut sie sogleich mit dem intuitiven Blick des Sehers, und so entstehen die untrüglichen feinen Charakterze.chnungen, die zahllos in diefem Bande sind: „Ellen Key, die mir vorkommt, als wäre von ihr kaum mehr etwas übrig, fo ist sie benagt und angefreffen von allen bilden Ratten-« feelen ... wie sie nichts ist als ein Fetzchen altmodischen Ideals, eingesetzt in einen sezessionisti- schen Lehnstuhl und ganz entzückt über ihre eigene Verwendung ...“ Gorki: „Cs war lieb und herzlich, ihn zu sehen und zu hören ... aber der „Demokrat", den er herauskehrt, steht Loch arg zwischen uns. Das Hindernis ist um so größer in diesem Fall, als der Revolutionär mir sowohl ein Widerspruch gegen den Künstler wie gegen den Russen scheint: beide haben so sehr viel Grund, gegen Revolutionen zu fein in ihrem Innersten, weil beiden nichts so wichtig ist wie die Geduld ..."
Der Einsame begegnet eigentlich nicht vielen. Seine Begleiter sind die Luft einer Stadt, die Farben auf Capri, das Silber eines Morgens, der Duft einer Frucht und dann die Dinge der Kunst. Er fühlt sich vor Bildern als unverständiger Laie, aber er leitet aus ihnen das Wesen ihrer Schöpfer ab, als kenne er sie persönlich. Am Ende des ersten Briefbandes stand das Erlebnis Rodins, dieser wird durch ein neues beschlossen. Es heißt Cezanne.
* Cs dürfte hier interessieren, daß eine Am» zahl Briefe des Iahres 1906 aus Schloß Friedel- Hausen bei Lollar datiert sind, wo Rilke bei Frau Alice Faehndrich, geb. von Nord eck zur Rabenau» einige Sage zu Gast war.


