Mittwoch, 8. Oktober 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 255 Drittes Blatt
Lugend und Hochschule
Nach den vorliegenden Zahlen ist bis Ottern 1934 mit einem Neu zugang von etwa 12700 etuöien- relerendarcn, etwa 5300 Studienreferendarinnen zu rechnen, und die durch Niinisterialcrlah ergangene Warnung vor dem Philologie-Studium erscheint mehr als berechtigt. Bedenklicher noch als die ge- nannten Zahlen, als die .mit Sicherheit voraus- zusagende Derulsnot" und .Arbeitslosigkeit (Erlaß vom 30.7.30) ober macht den Hinweis, es tei zweifelhaft. .ob eine solche Zahl von Anwärtern überhaupt zu praktischer Ausbildung wird zugclasien werden können", lind was werden die ansangen, die trotz aller Warnungen sich auch jetzt noch für das höhere Lehramt vorzuberciten beginnen und sich nach etwa fünfjährigem Studium der Ausbildungssperre gegen- übersehen?-Da in den einzelnen deutschen Ländern die Beliebtheit des philologiicher. Studium- einerseits. das Verhältnis von Angebot und Nachfrage andererseits verschieden ist, ist die grohe, auf Grund einer Umfrage an sämtliche deutsche Unterricht-Verwaltungen zusammengestellte Ubcrsichtstabelle äu- herst lehrreich. In Preußen aber wie in den übrigen deutschen Ländern werben nach 1934 die Frauen an dem Uberschuß von etwa 14 000 Studienassessoren und Referendaren in besonders großer Zahl beteiligt sein Schon jetzt zu Nkichaelis ist die Nachfrage nach akademisch gebildeten Hilfskräften für den höheren Schuldienst, die Jahre hindurch lebhaft war. so gut wie verstummt.
Nlüsien die Aussichten der künftigen Studienräke und Studlenrälinnen alß fast hoffnungslos bezeichnet werden, so sind nach den im wesentlichen referierenden Ausführungen von Professor Meerwarth, Leipzig, die der Arzte und Zahnärzte in Deutschland nicht viel belfer. Der Bedarf — 1927 kamen bei uns auf je 10000 Einwohner etwa 7 Ärzte und 1,34 Zahnärzte — wird nach der Zahl der z. Z. Studierenden mehr als gedeckt. Nur an Assistenzärzten besteht augenblicklich ein Mangel, da seit 1927 die Zahl der Approbationen noch einer Hochflut gesunken ist, die jungen Ärzte aber zumeist nach dreijähriger Assistententätigkeit in den freien Beruf übergehen, um sich die Möglichkeit, zur Kaffenpraxis zugelasien zu werden, zu sichern. Gerade aber die Gestaltung der Krankenkassen, die heute im Fluß ist, wird entscheidend für die Entwicklung des ärztlichen und zahnärztlichen Berufes werden. Eine aussichtsreichere Zukunft eröffnet sich tüchtigen deutschen Ärzten vielleicht im Ausland, etwa in deutschen Siedlungen oder den aufstrebenden südamerikanischen Republiken. In Deutschland sind 14% aller Studieren- den Mediziner, an den fünf argentinischen Universitäten aber infolge des Ärztemangels 58 %, in Thur 45 70. in Paraguay 34 %. Dort auf den riesigen dünnbesiedelten Gebieten liegt ein großer Bedarf an Ärzten vor: mindestens doppelt soviel Ärzte wie bei uns mühten dort auf die gleiche Anzahl Einwohner entfallen, soll rechtzeitig ärztliche Hilfe gewährleistet sein.
Besonders schwierig und fragwürdig werden Schlüße von der Vergangenheit auf die Zukunft. woZusammenlegungvonBetrieben.Verschlechterung der Konjunktur und andere wirtschaftliche Faktoren die Berufsaussichten entscheidend beeinsiusien. Unter diesem Gesichtspunkt ist, wie Oberregierungsrat Dr. Keller vom Preußischen Statistischen LandeSamt nachweist, für die Chemiker und die akademisch gebildeten Landwirte und Forstbeamten kaum eine Prognose zu stellen. Selbst wenn die Zahlen der Studierenden vorübergehend einmal zurückgegangen sind, so beeinflußt der aus früheren Jahren stammende Uberschuß an Stellenanwärtern den Arbeitsmarkt noch ungünstig. Rach Ansicht von Keller sind auch im Ausland die Aussichten sü- deutsche Chemiker schlecht. Demgegenüber bleibt aber in Betracht zu ziehen, daß Chemie nach wie vor eines der Lieblingsfächer unserer ausländischen Gaststudenten ist. Gerade in entwicklungsfähigen und an Rohstoffen reichen Ländern wie etwa den südamerikanischen, die ihre Söhne zum Chemiestudium zu uns entsenden, liegt vielleicht auch für deutsche Chemiker ein Betatigungs- 'C1Ö3n dem düsteren Bild, das die „Statistischen Untersuchungen" von den Berufsaussichten der an Uni» versitäten Studierenden entwerfen, gibt es aber immerhin einige kleine Lichtblicke. Zweifellos wer-
Gibt es noch ansstchtsreiche akademische Berufe?
Don Or. Margot Melchior.
Kuranlagen führen, wo die drei heilkräftigen Sprudel dem Herzen der Erde entströmen. Don den Quellen wiederum folgten sie den Röhren bis unter die Badewannen, um dann endlich auß der Unterwelt an- Licht au steigen und die Pracht der Badehöfe zu bewundern.
Die Dresdener durchstreiften den Taunus bis zur Saalburg und zum Feldberg, lernten Geschichte und Literatur im „Römer" und im Goethe- Ixmß zu Frankfurt, sahen staunend vorn Dach der „Goldenen Waage" in das gotische Geäst des Domturms und schwammen im Main. Zu den Heilquellen von Wiesbaden und Bad Homburg führten ihre Streifzüge. Sie lernten die Burgen des Lahntales und die Herrlichkeiten des befreiten Rheines von der alten Willigis- unö Gutenbergstadt Mainz bis zum Deutschen E<k in Koblenz kennen, nachdem sie die Romantik der Iugendburg Stahleck genos er hatten. Die Pflegeeltern gaben so reichlichen Proviant mit, daß es nie an Betriebsstoff fehlte, um die Geistes^ maschine in Gang zu erhalten, die so viele Eindrücke aufnehmen und verarbeiten muhte.
So wurde der Hauptzweck des Austausch- erfüllt, eine andere Landschaft und ihre Kulturwerte durch Anschauung gründlich kennen und den deutschen Stammesbruder lieben zu lernen, weiter den erdkundlichen, geschichtlichen und künstlerischen Eigenheiten nachzugehen, mit offenen Augen und Ohren das Neue aufzunehmen und im Gedächtnis zu bewahren, in Notiz- und Skizzenbüchern Interessantes und Wissenswertes festzuhalten, um es zu gestalten. „Arbeitsschule auf Reisen" ist die Unterrichtsweise des Klassenaustauschs genannt und damit treffend das Wesen dieses modernsten Mittels gegenwart- betender Iugendbildung charakterisiert worden.
Den reichen, durch Erleben gefühlsbetonten Stoff der lieblichen Natur und der römischen und mittelalterlichen Kultur der Wetterau. des Taunus und der Dheinufer tragen wir wie Hamster nach Hause. Doch werden wir nicht alles egoistisch für uns behalten. Wir werden an unfern Beobachtungen und Erkenntnissen andere teilnehmen lassen, auf Elternabenden im Klassenverband und in der Schulgemeinschaft davon abgeben und die Lust hx Lehrern. Schülern und Eltern immer mehr wecken, auch selbst ins Hessenland zu fahren. Wir werden berichten von den
Schönheiten des Taunus, von der Farbenpracht der Blumengärten und Rosenfelder der Wetterau. und von den vornehmen Kuranlagen in den Taunusbädem. von ihren festlich gekleideten Men- schen, die mit Der heilkräftigen Kur einige Wochen Sonntagsruhe und Feiertagsstimmung verbanden, und von den gastlichen Hausern und Herzen, dxe sich uns erschlossen haben.
AIS wir abfuhren, liehen die Austauschschuler nicht nur Dutzende von Bleistiften, Radiergummis und Mützen zurück, sondern es blieb auch einTeilihresHerzensimHessen- lande, das die jungen Gäste vierzehn Tage lang an Kiixdesstatt angenommen hatte: bei den Pflegeeltern waren die Erholungsbedürftigen aus- gepäppelt und die Kranken aufopfernd gepflegt worden. Sie genoffen Einladungen aller Art und gemeinsame Ausflüge, auf denen sie auch die malerischen Hessentrachten bewunderten, die sie bisher nur in der Dresdener Galerie auf den Gemälden von Banher gesehen hatten.
„So schön hätte ich mit den Austausch nacht gedacht", sagte ein Mädchen.
„Es war so herrlich", setzte ein 3unge hinzu, „dah ich wünschte, die Nauheimer Zeit dauerte ewig!" und damit sprach er die Gefühle aller aus.
Als es ans Abschiednehmen ging, standen auch manchen von den Pflegemüttern Tränen in den Augen, dah der Besuch der „kleinen Kasfee- sachsen , wie sie scherzend genannt wurden, ein viel zu schnelles Ende nahm.
Und selbst als sich der Bummelzug nach langer Nachtfahrt der alten Heimat näherte, hörte ich den einen halb im Schlaf zum andern sagen.
„3ch führe gleich wieder nach Nauheim zurück und wenn ich noch eine Nacht fahren sollte!" Und das wollte etwas heihen.
Das Hessenland ist für die Dresdener Austauschklasse fein leerer Begriff mchr. Die Erinnerung daran ist erfüllt mit Vorstellungen von den Wäldern des Taunus und vom deutschen Rhein. Dah es so ist. danken wir den hessischen Pionieren des Austauschgedankens und der Bevölkerung, die den Sachsenkindern so liebreich entgegenkam und deren anheimelnder Dialekt so gewinnend in die Ohren klang. 3hnen alten und den opferbereiten Eltern, die alle Lasten, aber hoffentlich auch viele Freuden des Austausches empfunden haben, gilt unser Dank.
kommenheit führt:
„Werde der du bist." (Pindar.)
„Keiner sei gleich dem andern, doch glexch Jet jeder dem Höchsten!"
„Wie das zu machen? Es sei jeder vollkommen in' sich." (Schiller.) .
Daher die starke Beachtung der indxvl- d u e 11 e n Anlagen des Kindes, auch der praktischen und künstlerischen. Goethes Wort folgend: „Narrenpossen sind eure allgemeine Bu- bung und alle Anstalten dazu. Eines recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen."
Daher die frühe und starke Ausbildung der
Oie Odenwaldschule.
Zu ihrem 20jä6r. Bestehen unv Paul Geheeb« 60. Geburtstag.
Don Or. Martin Wagenschein.
Don Heppenheim geht man eine guteStunde das Hambachtal hinauf, erst durch das lange Dorf, dann zwischen Wald- und Wiesengrund, und findet schließlich. bevor die waldige Hohe erreicht ist, eine Reihe von Landhäusern zwischen Wald und Garten. Nichts deutet auf eine Schule, au her den vielen jungen Menschen, Knaben und Mädchen, die mit den Erwachsenen in vertrauter Gemeinsamkeit sich zwischen den Häusern bewegen. Sie gehen -um Unterricht, sie gehen zum Essen, fast immer fröhlich. Man sieht sie in den Unterrichts raumen sitzen, kleine Gruppen mit ihrem Lehrer um den runden Tisch versammelt — im Sommer auf der Wiese oder im Walde. Manche sitzen auch allem den ganzen Vormittag über einer Qlrbcit. Danz Kleine laufen umher, geschäftig oder spielend, lieber zweihundert Menschen, verlieren doch zwischen den Häusern. Nur Mittags nach dem Essen findet sich alles zusammen aus dem großen Platz, damit man einmal am Tage sich sicher treffen kann. Grohe und Kleine stehen in Gruppen beisammen: Kleinste spieleix dazwischen. Mitten darunter der Leiter, Paul G e - b c e b , mit dem grauen Barte, im hellen Anzug: zurückhaltend, freundlich mit Dielen sprechend, mit Kindern, Mitarbeitern. Eltern, Gästen. — Nachmittags auf dem Sportplatz im Walde sind Spiele, oft von Kindern geleitet; in den Werkstätten schlossern, schreinern, basteln sie, im Garten Pflegen sie kleine Beete. Abends in der Aula ist oft Musik, meist klassische oder ältere Kammermusik; man kann auch Kleine stundenlang au- hören sehen. Manchmal musiziert ein Gast, oder ein Gelehrter berichtet, oder ein Politiker erzählt von der Welt, ein 3nder z. B. von Gandhi. Indessen gehen andere spazieren, diese kurze, nicht planmäßig ausgefüllte Abendzeit, auch Knaben und Mädchen in offener Freundschaft, ohne Flirt, unbelächelt. Früh wird es still. Erwachsene sitzen noch zusammen, machen sich einen See. Geheeb hat noch Licht.
3475 weiblichen, auf 43433 männliche. 9250 weibliche erhöht, an den Technischen Hochschulen von 4173 bzw. 35 auf 8433 bzw. 162. Der Überfüllung der höheren Schulen entspricht die Überfüllung der Hochschulen und damit der akademischen Berufe.
Eine Prognose über Berufsaussichten Iaht sich zweckmäßig nur dort stellen, wo. wenn auch nur annähernd, der Bedarf ermittelt werden kann, d.h. bei Beamten und in beamtenähnlichen Berufen.
Am aussichtslosesten dürfte nach den vielseitigen und aufschlußreichen Untersuchungen von Profeffor Kullnick. dem Direktor der Staatlichen Auskunftsstelle für das Schulwesen in Preußen, z.Z und ver- mutlich auf lange Zeit der Beruf des Studienrats geworden fein. Ungerechnet die Studierenden des künstlerischen Lehramts und der Leibesubungen, deren Ausbildungsstätten, die Hochschulen für Musik, bildende Kunst und Leibesübungen die „Deutsche Hochschulstatistil" nicht ersaht.haben sich im Sommer- semester 1929 auf den deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen 23786 Studierende mit dem Berufsziel „Studienrat" einlragen lasten, d. h. etwa 2270 oder mehr als ein Fünftel aller männlichen und weiblichen Studierenden zusammengenommen. In ein besonderes Licht gerückt wird diese Zahl allerdings, wenn man aus der „Deutschen Hochschul- statistit" ersieht, daß fast die Hälfte aller weiblichen Studierenden sich dem höheren Lehramt widmen wollen, so dah der höhere Lehrberuf als der begehrtere aller akademischen Frauenberufe erscheint, selten eingreift, so liegt auch das in bet 3bee begründet, die ihn und durch die er die Schule leitet.
Wessen Geist hier gefolgt wird, verraten die Namen der Häuser: Goethe, Herder, Fichte, Schiller, Humboldt: Plato. Pestalozzi. Daß die Iugend in der Natur zu erziehen sei. e km w die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen fordert, von Rousseau und Pestalozzi beeinflußt, Fichte in feinen „Reden an die deutsche Nation". Fichtes Schriften machten den stärksten Eindruck auf Hermann Lieh und Paul Geheeb. die in Iena zusammen studierten und sich befreundeten. Geheeb studierte damals Theologie, ohne eine alte Neigung zur Naturforschung ganz aufzugeben (sein Vater war ein bekannter Moossorscher in der Rhon), die sich durch Medizin und Pädagogik wieder verband mit feinem Gtzundbemühen, den Menschen zu Helsen. Als Lieh sein erstes deutsches Land- crziehungsheim gründete, folgte ihm Geheeb, nach dem theologischen Staatsexamen den Prediger hinter den Erzieher zurückstellend, und wurde sein Mitarbeiter; später gründete er Wickersdorf und 1910 die Odenwaldschule.
Die durch Fichte vermittelte Entwicklungslinie wird indessen völlig ausgenommen durch die Bildungsidee Goethes (Wilhelm Meister, pädagogische Provinz), der zu dienen Geheeb immer deutlicher bemüht ist.
Die Odenwaldschule sucht eine Dxldungsanstalt zu fein. Bildung verstanden als ein nie endender Prozeß, der jeden einzelnen zu seiner gerade ihm gemäßen und möglichen Bott-
Arbeitsschule ausReisen.
Don Editha Kühn, Dresden.
Bad-Nauheim und Dresden reichten sich in diesem Icchr zum drittenmal öte Hand zum Austausch einer Sch u 11 la ff e, toxe es die Unterprima des Ernft-Ludwig-Reform- ayrnnasiurnS als Empfana-gruß -n die Dresdener Austauschfreunde symbolisch an iber Wandtafel ihres Klassenzimmers dargestellt hatte. DieDres- bener Dürerschule (Staatliche Höhere DersuchS- anstalt) betrachtet sich als eme Dorkampferm des KtassenauStauscheS, für den ihre Lehrer weder Muhe rxoch Zeit scheuen. So ist m diesem Iahre eine Unterprima zwecks Spracherlernung nach Schottland gegangen, eine Obertertia nach Aon, unbeine Untertertia hat den Au-tausch mit Dad- Nauheirn vorgenommen.
Die Dresden-Bad-Nauheimer Austauschklassen trafen sich auf der Wartburg, wo sich Lehrer und Schüler der beiden Klassen kennenlernten. Dann fuhr jede Klasse in ihre neue Heimat. Vierzehn Tage weilten die Dresdener Schüler und Schule- rinnen bei den Eltern der Dad-Nauheimer Primaner, die während dieser Zeit in Dresdener Familien untergebracht waren und Rechte und Pflichten, — in manchen Fällen auch solche des Verzichtens —. des eigenen KindeS genossen. Der Austausch der Eltern bedeutet für die Kinder unter Umständen einen Austausch der Stande und eine Schule sozialen Verstehens und taktvollen Anpassens an gegebene Verhalt- Nisse. Manches Kind sieht in den neuen, ihm unbequemen Verhältnissen ein. vüe sehr sich die Mutter daheim um sein Wohlergehen mupt unD wird ihr diese Erkenntnis nach der Rückkehr lohnen. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hatten auch die Klassenlehrer ihre Wohnungen ausgetauscht.
Dom sicheren Port der Familie aus, die vor den Iugendherbergen mit ihrem Lärm und ihrer Unruhe die Behaglichkeit und Gefuhlswarme der Heimstätte voraus hat, genossen die Vad-Rau- heimer Primaner in vollen Zügen die Schönheiten Dresdeixs, pilgerten begeistert über den „Ba kon Europas" zur Darockpracht des Zwingers, um dann in der weltberühmten Galerie das Wunder der Sixtinischen Madonna, Rubens. Rembrandt und die anderen Meister der unvergleichliche^ Sammlung zu genießen. Sie machten Ausfluge m die Sächsische Schweiz und konnten in den Hallen der Internationalen Hygieneausstellung feststellen. daß die Lehren der Göttin Hygiea in Bad- Nauheim schon lange hx die Praxis umgesetzt werden.
Inzwischen erfuhren die Dresdener Tertianer in Bad-Nauheim am eigenen Leibe die Segnungen eines hygienischen Ortes: daS große Schwimmbad im Grünen, die ruhigen staubfreien ©tragen, auf denen das Hupen der Autos kaum geduldet wird, aber dafür Droschkenkutscher beschaulich ihre Roh- lein lenken. Den Dresdener Grohstadtkmdern lern der Zauber des Weltbades im Kr^ize semer Wälder und Taunusberge und die Gartenstadt mit ihrer würzigen Luft zugute.
Direktor und Lehrer des Bad-Ncmhemler Gyrn- nasiurns taten alles, um den Schülern Belehrung und Erholung zu verschaffen. Eie gaben Ratschläge für die Erforschung von Taunus. Wetterau und Vogelsberg. Die Gäste Ernten auf Stadt- Wanderungen die Entwicklung vorn RitteAtz und Landstädtchen zum Weltbade kennen Eie beklopf tcn die Gesteine um Kloster Arnsburg und Ruine Münzenberg. die wegen ihrer charakteristischen Silhouette das „Wetterauer Tintenfaß heißt. Sie wurden von einem bcimatbcgeifterten Mor durch die architektonischen Schönheiten urtümlichen Reichsstädtchens Fried b e r g geführt, in dessen Museumsschahen h« einen Ausschnitt aus der alten Romer- und reicher mittelalterlichen Kulturgegend sahen, Sw Fachmann erklärte ihnen die technischen Anlagen der Sa luxen, Gradierwerke. Waschanstalten und Bäder Besonderen Reiz hatte es für die Km^ axff unterirdischen Gängen durch halb Dad°Rauhci den Röhren nachzugehen, die vom Salinenwerk an der Peripherie der Stadt zum Zentrum der
Cs liegt nahe, diese Frage von vornherein mit „Olein“ zu beantworten. Zwar ist der Prozentsatz derer, die nach der Reifeprüfung nicht studieren, sicher weit höher als früher, seitdem man durch das Abiturium die „Berechtigung“ für zahlreiche Berufe erwerben muß. zu denen früher Obersekundareife genügte, feitdem das Gespenst künftiger Arbeit-- losigkeit die Eltern schreckt und die Heranwachsenden in den Schulen verbleiben heißt. Während die Gesamtschülerzahl seit Jahren sinkt, wächst die Zahl der Schüler höherer Lehransta'ten, und zwar be- sonders die der Mädchen- In Preußen, das al6 der Schüler in Deutschland stellt-eine Reichsschulstatistit nach Maßgabe der „Deutschen Hochschulstatistik“ gibt es noch nicht-.haben sich innerhalb 8 Jahren die männlichen Schüler der Oberstuse der höheren Schulen verdoppelt, die weiblichen sogar vervierfacht. Die Zahl der Abiturienten ist zwischen 1925 und 1930 von 10519 auf 21619 gestiegen, eine Zahl, an der prozentual die Mädchen heute doppelt so stark beteiligt sind wie vor 5 Jahren. Im gleichen Zeitraum, zwischen dem Wintersemester 1924 25 und dem Win- tersemester 1929,30 hat sich die Anzahl der Studierenden an den preußischen Universitaten-dte Reichs- hochschulstatistil nach einheitlichen Gesichtspunkten besteht erst seit dem Sommersemester 1928 unter dem □tarnen „Deutsche Hochschulstatistik. Mit textlichen Erläuterungen und graphischen Darstellungen heraus- gegeben von den Hochschulverwaltungen (Verlag Struppe L Winkler, Berlin) - von 26526 männlichen, ^Di^sUindrüUat der flüchtige Besucher, der einen Sag durch die Schule gegangen ist. Er beginnt zu fragen und hort vielerlei. 170 Kinder aller Altersstufen sind hier, Knaben und Mädchen. gesunde normale Kinder; 40 Erwachsene. Frauen und Männer, auch Ehepaare. Man kann das Abitur jeder Schulgattung machen. Es gibt keine Klassen, statt dessen „Kurse", kleine wechselnde Gruppen. Die in Mathematik zusammen sind, brauchen deswegen nicht auch in den Sprachen zusammen zu arbeiten. Deshalb kann man nicht „sitzen bleiben". Täglich hat das Kmd denselben Stundenplan, und nur zwei bis drei Facher, jedes l1/» Stunden lang; da kann es gründlich arbeiten. Alle vier Wochen etwa t^chselt der Plan, andere Fächer können an die Reihe, kommen Dabei dürfen die Kinder ihre Wunsche sagen, in welchen Fächern sie jetzt gerne arbeiten wollen. Klassenarbeiten smd nicht notig, man kennt sich. Abschreiben kommt Nicht vor. Roten gibt es nicht, doch Urteile, ©tra, en tote Arrest und dergleichen werden sinnlos durch gegenseitiges Vertrauen. Iedes Kind lebt in einer
Familie" mit einigen anderen zusammen bei einem Erwachsenen, dem es Der trauen schenkt Diele haben ein Amt: Eines forat für Kreide und Tinte, ein anderes für den Blumenschmuck des Saales: ein wichtiges und schweres.Amt.hat der Saalordner während des Eisens; iede Zachbibliothek wird von einem interessierten Schuler verwaltet. Man sagt nicht Schüler, sondern Kamerad, nicht Lehrer, sondern Erwachsene oder Mitarbeiter. Ieder Kamerad muß em Handwerk gründlich lernen, bei Sport oder Gartenbau beteiligt sein. Im Winter, wenn es stark geschneit hat fällt nach alter Sitte der Lin'.erricht aus, und die ganze Schule geht aus (Stern in den Odenwald. Rach ein paar -Lagen beginnt man wieder zu arbeiten. Die Kinder selbst verlangen danach.
Das Ausfallende ist nicht immer das DAent- liebe. Es bedarf langer gründlicher Einfühlung, um es wahrzunehmen. Ie mehr dies aber gelingt. desto deutlicher wird es. tote alle Einrichtungen dieser Schule, von einer erzieherischen 3t>ce aus bestimmt werden. Der DeNvalter dieser Idee ist Geheeb. Er leitet die Schule wirklich And toenn er trotzdem unauffällig bleibt und
Selbsttätigkeit des Schülers im Unterricht („Arbeitsschule" Kerschensteiners), die Intensivierung des Stundenplanes, und die Mitbestimmung de- Kindes über seinen Arbeitsplan, die „Wahlfrei- heit"; Freiheit aber iin Sinne Lagardes: „Frei ist nicht, wer tun kann was . er will, fonöem wer werden darf, was er soll."
3m Einklang damit die Koedukation, als die Kunst, das in der Verschiedenheit der Geschlechter beruhende Kraftfeld erzieherisch zu nutzen, überhaupt die Bemühung, auS der Schule einen Raum des Lebens zu machen, und die Fülle der Kultur in derselben unaufdringlichen Bereitschaft zu halten, mit der der Wald die Schule umgibt. Es gibt toenige Schulen in der Welt, die darin der Odenwaldschule nahekommen. Nur wer die individualistische Haltung mit der egoistischen verwechselt, kann befürchten, dah darunter die religiöse und sittliche Erziehung Schaden leiden könnte. Vielmehr wird erst durch die individuelle Einordnung in die Gemeinschaft der einzelne dazu gebracht, nach feinen Kräften dem Ganzen zu dienen, durch einen überkonfessionellen Religionsunterricht dahin geführt, in der ihm überkommenen und geachteten konfessionellen Bindung das eigentlich Religiöse lebendig werden zu lassen.
Die Grundüberzeugung Geheebs, zu der vielleicht die vielgestaltige Mooswelt der Rhön den ersten Grund gelegt hat, daß die zu ihrer Vollkommenheit gebrachten individuellen Gestalten gleichberechtigte Formen sind derselben übergeordneten Idee, bestimmt auch die Haltung der Schule zu den Fragen der Nation und Nasse. Wenn diese nach Gesinnung und Herkunft so besonders deutsche Schule immer einige Ausländer unter ihren Kameraden hat, so führt sie dadurch über das Verständnis für die Eigenart der Nationen einen Weg zu ihrer Verständigung.
Die Odenwaldschule selbst ist ein Individuum, einmalig, niemals nachzuahmen, und gerade dadurch wirksam. Sie selbst durchläuft als lebendiges geistiges Wesen einen Bildungsprozeh, und wenn sie sich in diesen Tagen in einem Fest, das Leben und Arbeit der ganzen Schule vereinigt, ihrer 20jährigen Dauer erinnert, so kann dies im Sinne Geheebs nur bedeuten, daß sie erneut ihrer ewigen Ausgabe inne wird.


