Einzelbild herunterladen

Mittwoch, 8. Oktober 1950

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 235 Zweites Blatt

Aus öer provinzialdauptstaSt.

Drehen, den 8. Oktober 1930.

Llnser neuer Vornan.

3n der heutigen Ausgabe desGießener An- zeigers" geht der mit so lebhafter 2l"Knbmhme rn unserem Leserkreise aufgenommene Roman Helene Chlodwigs Schuld und Sühne -von 3. Schneider- Foerstl zu Ende. 3n der morgen erscheinenden Hummer unseres Blattes werden wir mit der Veröffentlichung eines neuen Roman­werkes beginnen und das Vergnügen haben, einen jungen und sehr talentierten Schrrststeiler, der bisher imGießener Anzeiger" noch nrcht zu Wort gekommen ist. unserer Leserschaft vorzu­stellen. Seine Romane erfreuen sich zunehmender Beliebtheit beim Publikum und sind ausdrücklich auf die ganz besonderen Erfordernisse der Zei­tungsveröffentlichung zugeschnitten. Wir glauben daher im Sinne unserer Romanleserschaft zu handeln, wenn wir sie mit dem neuesten, erst vor wenigen Monaten erschienenen Werk dieses Autors bekannt machen.

Drei Menschen - ein Roman" von Hans Friedrich

ist eine höchst reizvolle und unterhaltsame Er­zählung, deren Schöpfer eine originelle Fabel mit gesundem Humor auszuschmücken, mit leben­diger Spannung zu entwickeln und in dramatt- schen Konflikten zu steigern weih: es ist ein mo­derner Roman, eine Geschichte von Menschen aus unserer Zeit, ganz unkonventionell geschrieben und anders, als man sie immer wieder zu lesen bekommt. Dabei versteht es sich aber auch in un­serem Falle von selbst, daß die Liebe für die drei Hauptpersonen, welche die Handlung des Romans entscheidend bestimmen, eine grohe und wichtige Rolle spielt.

Wenn wir uns also der bewährten schriftstelle­rischen Eigenschaften unseres neuen Autors und feiner sehr bemerkenswerten Erfolge in breiten Publikumsschichten erinnern, sind wir gewiß, daß jedermann den Ereignissen des morgen beginnen­den Romans und den herzbewegenden Schicksalen seiner Hauptfiguren mit wirklicher Befriedigung und zunehmender Spannung bis ans Ende fol­gen wird.

Bürgerverein und Kommunalarbeit.

Zu dem Artikel unter dieser Ueberschrift in unserer vorigen Samstag-Ausgabe erhalten wir folgende Zuschrift:

Die meisten Bürger sind heute parteimüde, also politisch erschöpft. Sie sehnen sich geradezu nach einer Stelle, die die Politik im Stadtpar­lament ausschaltet und an deren Stelle eine Lifte umfaßt, die, wie man zu sagen pflegt, jedem Ge­schmack Rechnung trägt. Lieber die Statuten des zu gründenden neuen B ü r g e r v e re i n s wird zu reden sein. Wir müssen unter allen ilm- ständen vermeiden, daß der Dürgerverein zu einer neuen Partei wird. Parteien haben wir genug. Der Bürgerverein hat auch nicht dir Ver­pflichtung, sich um Reichs- und Landtagswahlen zu bekümmern. Sein klar vorgeschriebenes Pro­gramm muß einzig lauten: das Wohl der Stadt. Verfährt der Bürgerverein nach diesem Grundsatz, so wird er in allen Kreisen der Bürger, die ihre Vater- oder Heimatstadt lieben, Beifall finden.

Dem Artikelschreiber ist es eine Freude, daß man der Verdienste des Herrn Rektor Müller gedacht hat. Da wir aber nicht dazu da sind, uns in den Tageszeitungen zu unterhalten, son­dern vor allen Dingen praktische Arbeit leisten wollen und müssen, so ergeht meine Anregung dahin, daß Herr Rektor Müller in aller Kürze einen Teil jener Männer zu einer Vor­besprechung einlädt, die sich darüber schlüssig werden, wann, wo und wie die gründende Generalversammlung abgehalten werden soll. Dies hat ja auch der Artikelschreiber in der Samstagsnummer am Schlüsse sehr richtig aus-

Der Goche-Vund im Jahre 1930/31.

Don Dr. Otto Henning, Äerlin.

3n wenigen Tagen eröffnet der Goethe-Bund seine Vortragstätigkeit 1930 31. Ein künstlerisch und kulturell beachtenswertes Vortragsprogramm ist auch für den kommenden Winter aufgestellt worden.

Den Auftakt bildet ein Volksbildungs- ta g, den der Goethe-Bund zusammen mit der Gesellschaft für Volksbildung Berlin am kommen­den Sonntag veranstaltet. Dadurch sollen vor allem der Ausbau einer Volkstumhaften Bil­dungspflege, Wirtschaftlichkeit und Planmäßig­keit im Dortragswesen, Aufbau eines leistungs­fähigen Vortragswesens auch in kleinen, für unser Dildungsleben ebenfalls bedeutsamen Orten, gegenseitige Förderung und Unterstützung der Dildungsarbett in Angriff genommen werden. 3m Mittelpunkt der Dormittagstagung wird ein Vortrag des Dolksbildners Dr. h. c. 3ohannes Tews über das ThemaGegenwartsfragen der freien Volksbildungsarbeit" stehen. Rachmittags hält der bekannte Dierpsychologe Professor Dr. Bastian Schmid aus München einen Licht­bildervortrag über das ThemaSprache und Spiele der Tiere".

3n Weiterführung der Vortragsreihe Dichter am D o r tr a g s tisch" bringt der Goethe-Bund auch in diesem Winter einige her­vorragende Vertreter unserer zeitgenössischen Dich­tung. Der erste Abend führt den Dichter 3osef Ponten zu uns. Sodann war es möglich, Hermann Stehr, Schlesiens bedeutendsten Epiker, nach hier zu verpflichten. Beim dritten Dichter­abend wird der elsässische Dichter Rene S ch i ck e l e Gast des Goethe-Bundes sein. Richt minderes 3nteresse dürste der vierte Dichterabend finden. Dazu ist für einenAbend junger Dichter" Ernst P e n z o l d t zur Vorlesung aus eigenen Werken eingeladen worden.

Die Morgenfeiern im Stadtthea­ter, die seit einigen 3ähren von der 3ntendanz des Stadttheaters und dem Goethe-Bund veran­staltet werden und bei ständig wachsender Be­sucherschaft viel Anerkennung gefunden haben, I werden auch in diesem Winter ein abwechslungs­reiches Programm bringen. Es ist gelungen, I

das Orchester derWeintraubs Shnco - pators" zu einer Musikalischen Bühnenschau zu gewinnen. Weiter hat Dr. LeopoldStahl aus München zu einem Lichtbildervortrag über Die deutsche Bühnenkunst von den Meiningern bis zu Reinhardt und Piscator zugesagt. Ferner sind für die Morgenfeiern vorgesehen die Auf­führung des Bühnenwerkes .Der Brückengeist" von dem fränkischen Dichter 3uliuS Maria Decker und die Aufführung eines Schwankes von Hans Sachs. Zur Einführung in das Büh­nenwerkDer verlorene Sohn" von Kamniher, der im Lause der Winterspielzeit im Stadt­theater gebracht werden wird, wird Professor Dr. D i e t o r einen Dortrag halten.

Auf dem Gebiete des allgemeinen W i s - s e n s sind vier Dorträge vorgesehen, die Ein­blick in die wissenschaftlichen und kulturellen Bestrebungen und Errungenschaften unserer Zeit geben sollen. Außer den Dorträgen von Dr. Tews und Professor Schmid werden noch folgende Dorträge stattfinden: Professor Roy aus Lahore in 3ndien, zur Zeit Lektor an der Universität Berlin, wird einen Lichtbildervortrag über .Das Wunderland 3ndien" halten. Ein besonderes Erlebnis dürfte der Lichtbildervor­trag des bekannten Astronomen Bruno H. Bürgel überDas Werden und Dergehen der Welten" fein.

Ein höchst beachtsames literarisches Ereignis wird der Vortragsabend der großen dänischen Dichterin Karin Michaelis werden, die eine Einladung des Goethe-Bundes zu einem Dor­trag über »Eltern, Kinder und Moral" ange­nommen hat.

Diese kurze Skizzierung des neuen Vortrags- programmes des Goethe-Bundes zeigt, daß er unserem Gießener Geistesleben wiederum wert­volle geistige Anregungen bringen teilt Aber nicht nur ein hervorragendes Vortragsprogramm teilt der Bund bieten, sondern er will auch seine Darbietungen zu einem Eintrittspreise vermitteln, die jeder, trotz der wirtschaftlichen Ungunst der Zeit auf bringen kann.

geführt. Wohlan denn, ans Werk! 3ch bin überzeugt, dah sich |bie früheren Dorstands­mitglieder des alten Bürgervereins der Sache nicht ablehnend gegenüberstellen.

Privatinteressen wirtschaftlicher Art müssen wegbleiben. Auch danken wir für die Männer, die in den Parteien unter allen Umständen das Männchen glauben machen zu müssen. Wir brauchen nichts als freie Bürger, die sich auch nicht genieren, einmal den Mund auszutun und den Finger auf kommunale Wunden zu legen, die aber keine Angst davor haben müssen: ich verliere so und so viel Stimmen. Wird der Bürgerverein auf dieser Basis gegründet, dann kann er nur zum Wohle der Stadt und damit zum Wohle der Bürger wirken. Das wird er, das ist meine felsenfeste Ueberzeugung. Drum ans Werk! F.

Krastpostlinie GießenHochelheim.

Seit dem 5. Oktober verkehrt die Kraft- postlinie Gießen Hochelheim wie folgt: Dienstags, Freitags und Samstags: ab Hochelheim 3.25, an Großen-Linden Bahnhof 3.46, ab Großen-Linden Bahnhof 3.56, an Ho­chelheim 4.13 Uhr. Dienstags: ab Hochelheim 4.20 (über Großen-Linden), an Gießen Bahnhof 5.00 Uhr. Ab Gießen Bahnhof 5.10 (über Großen-Linden), an Hochelheim 5.45 Uhr. Werk­tags: ab Hochelheim 6.35 (über Abzwei­gung Groß-Rechtenbach), an Gießen Markt 7.35 Uhr: ab Gießen Bahnhof 10.50 (über Abzweigung Groh-Rechten-

bach), an Hochelheim 11.27 Uhr. Werktags und Sonntags: ab Hochelheim 11.39, an Großen- Linden Bahnhof 11.56; ab Großen-Linden Bahnhof 12.47, an Hochelheim 13.04; ab Hochel­heim 13.06 (über Klein- und Groß- Rechtenbach), an Gießen Bahnhof 13.52 Uhr; ab Gießen Bahnhof 17.10 (überGroß- und Klein-Rechtcnba ch), an Hochelheim 19.50; ab Hochelheim 19.51, an Hörnsheim 19.54; ab Hörnsheim 19.55, an Hochelheim 20.00 Uhr.

Daten für Donnerstag, 9. Oktober.

Sonnenaufgang 6.12 Uhr; Sonnenuntergang 17.22 Uhr. Mondaufgang 17.50 Uhr, Mond­untergang 8.01 Uhr.

1477: Gründung der Universität Tübingen; 1813: der Komponist Giuseppe Derdi in Ron- cole geboren; 1841: der Architekt Friedrich Schinkel in Berlin gestorben; 1906; Zeppelins Luftschiff steigt zu seiner ersten größeren Fahrt auf.

Bornotizen.

Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater:Die Prinzessin und der Eintänzer", 20 bis 22 Uhr. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Der Greifer". Astoria-Lichtspiele:Rin-Tin- Tin" undBräutigam mit 100 PS".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Das erfolgreiche LustspielDie Prinzessin und der Eintänzer" von Engel und Grünwald findet heute seine erste Aufführung in Gießen. Die Handlung spielt in den Luxushotels

von London, Paris und Biarritz, ferner in der Gon­del eines modernen Verkehrsflugzeuges. Die Haupt­rollen spielen Maria Koch, Lony Leuthols. Walter Bäuerle und Eduard W e se n e r. Die Spielleitung liegt in den Händen von Peter F a s - sott. Die Bühnenbilder stammen aus der Werkstatt Karl L ö s s l c r. Die Intendanz hat sich entschlos­sen, das Deutsche Künstlertheater Berlin mit Leo- p o l d i n c Konstantin als Gast zu verpflichten. Zur Aufführung gelangt das LustspielWasserscheu" von Maugham.

Ein deutsch-österreichischer Al­pen-Kulturfilm über Tirol wird am nächsten Sonntagvormittag und am kommenden Montagnachmittag im Lichtspielhaus Bahnhof­straße vorgeführt werden. Der FilmTirol" hat nach Den uns vorliegenden Pressestimmen in allen bisherigen Vorführungsorten starken Anklang gefunden. Aus die Deranstaltung sei besonders hingewiesen. (Siehe heutige Anzeige.)

Städtische Grundstücksverpach­tung. Bei der gestrigen Derpachtung von städtt- schen Grundstücken in der Rähe des Rahrungs- bergs, des Philosophenwaldes und im Schwa rz- lachgebiet herrschte nach cingefricbigten Gärten mit Obstbäumen eine größere Rachfrage, als bei der vorhergehenden Derpachtung im 3ahre 1927. Die verstärkte Rachfrage wirkte sich auch in den Pachtpreisen aus, die im Durchschnitt auf 7 bis 9 Pf. pro Quadratmeter,' gegen 4 bi» 6 Pf. im 3ahre 1927 kamen. Für offene Gräb­st ücke in der Gröhe von 200 bis 265 Quadrat­meter wurde ein geringerer Pachtpreis als im 3ahre 1927 geboten, nämlich nur 1 bis 2 Pf., gegen 2 bis 3 Pf. pro Quadratmeter im 3ahr« 1927. Das 3nteresse für Ackergelände zu land­wirtschaftlichen Zwecken war diesmal stärker, da­gegen blieben die Pachtpreise ungesähr auf der Höhe von 1927; man bot jetzt 20 bis 30 Mk. pro Morgen, gegen 25 bis 30 Mark im 3ahrs 1927.

* Die Personen st ands- und B e - triebsaufnahmc wird, wie aus einer amt­lichen Bekanntmachung in unserer heutigen Ausgabe ersichtlich ist, am 10. Oktober durchgeführt.

* * Neue Ortsbausatzung. Die Stadtver­waltung veröffentlicht im heutigen Anzeigenteil eine Bekanntmachung über neue Bestimmungen zu dem Bebauungsplan für das Gebiet zwischen Freiligrath-, llhland-, Friedrich- und Frankfurter Straße. Inter- esscnten seien auf die Bekanntmachung besonder» hingewiesen.

* * Die erhöhten Beitragssätze zur Arbeitslosenversicherung gibt die Allge­meine Ortskrankenkasse Gießen-Stadt im heutigen Anzeigenteil bekannt.

** Grünanlage im Entstehen. Seit un­gefähr acht Tagen sind Erwerbslose damit be- schästigt, ein bisher in wenig schönem Zustande befindliches Grundstück am Schiffenberger Weg unmittelbar vor dem Eingang zum Platze des Männer-Tumvereins umzugraben und zu pla­nieren. Es soll dort eine neue Grünanlage ge­schaffen werden.

" Dolksbildung in der Provinz Oberhessen. Die diesjährige Dorschlags­liste der Doltshochschule Oberhessen enthält, wie uns mitgeteilt wird, eine Auswahl von 41 Kur­sen und außerdem von Einzelveranstaltungen aus folgenden Gebieten: 1. Natur und Mensch; 2. Lebensgestaltung und Weltanschauung; 3. Staat, Recht und Wirtschaft; 4. Geschichte; 5. Literatur, Kunst, Musik. Die Ginzelveranstal- tungen sind nicht zwecks Aufbaues einesDor- tragswesens", sondern lediglich zu gelegentlicher Ergänzung von Kursen vorgesehen. Berücksich­tigt wurden in erster Linie die Bildungsbedürs- nisse des Landes, namentlich in den Abteilungen Natur und Mensch" undStaat, Recht und Wirtschaft".

** Der Bund ehemaliger hessischer Leibgardisten hält am kommenden Sonntag in Mainz seinen diesjährigen Bundestag unter dem Vorsitz des Generalmajors a. D. Freiherr von Preuschen ab. Aus den etwa 50 Orts-

Gonderkonzert des Gießener Konzertvereins.

Es ist nicht gerade angenehm, aber es bleibt nichts übrig, als mit einer negativen Feststellung beginnen zu müssen: Das Konzert war scylecht besucht. Un­verdientermaßen. Denn, abgesehen von dem guten Programm, ist es auch im Hinblick auf die Bestre­bungen des Konzertoereins, der sich, trotz der in iebem Jahr schwieriger werdenden allgemeinen wirt- chastlichen Verhältnisse, stets bemüht, ein auf hohem Niveau stehendes Winterprogramm durchzu­führen, höchst bedauerlich, wenn zu einer Sonder­veranstaltung sich nur eine so geringe Zuhörermenge einfindet. Gerade in diesem speziellen Fall hätte die Veranstaltung, bei der man in anertennensmerter Weise einer jungen Gießener Pianistin die Mög­lichkeit gab, sich, unseres Wissens zum ersten Male, in größerem Nahmen öffentlich hören zu lassen, einen besonderen Zuspruch verdient. Daß dieser ausblieb, ist allein schon im Hinblick auf die niedri­gen Eintrittspreise unbegreiflich.

Edeltraut Raab, Gießen (Klavier), stellte sich mit Bachs Chromatischer Fantasie und Fuge, den O-Moll-Variationen von Beethoven und zwei Scherzi von Chopin vor. An ihrem Spiel besticht zunächst eine außerordentliche technische Bravour und Sicherheit und ein biegsamer und differenzierter Anschlag. So steht sie manuell-technisch über dem Werk und kann ihrem Formungswillen entsprechen­den Ausdruck geben. Bei Beethoven, Chopin und Liszt (Zugabe) trat das besonders hervor. Bachs Fantasie und Fuge bekamen davon weniger ab, aber hier stand vielleicht ein noch zu pflegender Pedalbebrauch der völligen Ausschöpfung technischen Vermögens zugunsten musikalischer Gestaltung hin­dernd im Wege. Bei Beethoven war das nicht mehr der Fall und vollends gar nicht bei den beiden Chopinschen Scherzi, die unter ihren Händen sprühen­den Glanz bekamen. Ohne Zweifel eine starke Be­gabung.

Lic. I. F. ßaun sang einen Zyklus von sechs englischen Liedern verschiedener Jahrhunderte, von denen uns die drei ersten am besten schienen. Die Stimme hat große Weichheit, der Ansatz ist klar und die Modulationsfähigkeit ist besonders in der Mittel­lage ausgeprägt. In der Höhe büßt die Tongebung hie und da von ihrer Weichheit ein und in dem tiefen Register darf sie noch an Kraft zunehmen (SchlußHeimweh"). Die rein musikalische Wieder­gabe ließ keinen Wunsch offen, jedoch seien als be­sonders eindrucksvoll gestaltet WolfsFußreise" und

SchubertsLitanei",Atlas" undMusensohn" (Zu­gabe) hervorgehoben. Am Flügel begleitete Uni- oersitätsmusikdirektor Dr. Temesvary den Sän­ger mit feinfühliger Anpassung.

Es gab sehr viel aufrichtigen Beifall.

*

Eine alte Musikerregel saat:Wenn die General- probe schlecht ist, wird die Aufführung gut." Bitte, man verstehe mich nicht falsch! Nehmen mir dieses Konzert, was den Besuch betrifft, als Generalprobe und hoffen wir, daß sich bei den bald beginnenden Abonnementskonzerten diese alte Mu- fiterregel bewahrheitet. F. B.

Lektüre vor dem Einschlafen.

Don Harry Schreck.

Obschon es kaum vernünftig ist meist kommt es doch so: während der Halbschlaf schon rüstig auf dem Marsche ist, um uns auf sieben oder acht Stunden vergessen zu laffen, dah wir in dieser Welt hausen, die nach einer nützlichen philo­sophischen Einsicht immerhin wohl die beste unter allen möglichen Welten ist, während der Licht­schalter schon mürrisch darauf wartet, daß ihn jetzt eine entschlossene Faust ohne weiteres nach rechts drehe währenddes zögert der Mensch im Pyjama ein bißchen.

Er gähnt, aber er will noch nicht so recht ans Einschlafen denken. Richt etwa deshalb, weil er nicht rechtschaffen müde wäre. Sondern deshalb, weil ihm, all seiner Müdigkeit ungeachtet, irgend etwas zum Einschlafen fehlt: er braucht seine abendlichen fünf oder zehn Druckseiten und die holt er sich dann auch. Obgleich er weih, daß er sie eigentlich lieber nicht holen sollte.

Weil es nur selten bei den fünf oder zehn Seiten bleibt.

Der Mensch im Pyjama bedauert es, daß es meist so weit kommt.

Gleichwohl tut er wenig dagegen. Denn wenn er sein abendliches Buch herbeiholt, nimmt er fast stets einen Band, den er schon am Tag in der Hand gehabt und bis zur Hälfte gelesen hat: er will darin noch flink ein wenig weiterkommen, damit er das Bewußtsein hat, ein braver Leser zu fein, der fein Buch nicht mitten auf dem Wege stehen läßt, wenn er es noch halbwegs begleiten kann.

Daß das sicher nicht richtig ist, ahnt er zwar zuweilen.

-Nichtsdestoweniger aber beharrt er in seinem Trott und vertteft sich beherzt in den massivsten Dorrat, weil der nun einmal in der Nähe ist: er kämpft sich unverdrossen in den gründlichen Um­fang eines Sechshundertseiters hinein, schlägt sich stramm mit dicken Romankapiteln herum und scheut unter Umständen sogar den schwersten Ab­schnitt ans derKritik der reinen Vernunft" nicht.

Aerzte halten ihn dann mit gutem Grund für unverständig.

*

Trotzdem wird der Mensch im Pyjama gelassen weiterlesen.

Denn er darf sich mit Recht sagen, daß man im Leben weit schlimmeren Gefahren ausgesetzt ist als denen, die das allzuviele späte Lesen mit sich bringen kann. Und in der Tat, wer den Lärm, den Aerger und die Geschäftigkeit eines geschlagenen Tages hinter sich hat nun, der ist zu glauben geneigt, daß seine nächtliche Lek­türe eher ein Gegengewicht als eine Mehr­belastung ergibt.

(Wahrscheinlich hat er mit dieser Vermutung sogar recht.)

Aber wenn er auch zehnmal recht hätte, vor den Büchern selbst bliebe das schon deshalb gleich­gültig, weil es denen wenig ausmacht, ob und wann man sie mit Recht oder Unrecht liest: ihnen würde es vollauf genügen, wenn man sie ein wenig weltmännisch zu behandeln wüßte und als Weltmann ein natürliches Empfinden dafür hätte, was jeder Tagesstunde ansteht und ihrem Stil gerecht wird.

Auch die Lektüre vor dem Einschlafen braucht einen Stil.

Weltleute lesen darum am Abend anders als am Nachmittag.

Statt ein Buch nur darum weiterzulesen, weil es eben an der Reihe ist, bemühen sie fich, eine kleine Sonderbibliothek zusammenzustellen, die ihren tiefsten Reiz darin findet, daß sie nur ganz erlesene, winzige Leckerbissen vorzusetzen hat: eine Sonderbibliothek mit literarischem Teegebäck; eine Sonderbibliolhek der dichterischen, essayistischen und philosophischen petits fours.

Leserische Kultur wird sich erst hier wirklich erweisen: denn nur das, was zuchtvoll schlaick in der Form, straff im 3nhaltlichen, geschmeidig und erregend in feiner bis ins Letzte gefeilten Kürze ist, dürfte hier Raum haben: der ele­

gante, Harle Aphorismus Schopenhauers etwa wird sich zwanglos zu der Hellen lebhaften Fabel Lessings reihen; und eine kräftige Kurzgeschichte 3ack Londons soll ruhig neben einem Kiabund- Gedicht stehen.

3eder wird da schon wissen, waS und wen er wählen könnte.

Falls es einer unter uns aber doch nicht wissen sollte nun, für den sei nach dem Vorbild des alten Drillat-Savarin ein Wochen­zettel geschrieben:

Montag: ein philosophisches Fragment Fried­rich Schlegels.

Dienstag, ein Einakter von Shaw; ein paar Verse von Rilke.

Mittwoch: eine Novelle von Arnold Ulih; ein wenig Balzac.

Donnerstag: ein Essay aus dem 3apanbuch Lafcadio Hearns.

Freitag: ein Dialog von Oskar Wilde; eine Skizze von E. A. Poe.

Samstag: ein bißchen Maupassant und eine Seite Auburtin.

Sonntag: drei Anekdoten von Kleist; Nietzsches Aphorismen.

(An den Rand schreibe man: Wochenzettel ge­nügen ihrem Sinn am besten immer dann, wenn man sie zwar lieft, sie im übrigen aber nicht sehr beachtet.)

Hochschulnachnchien.

Der Ordinarius der fystematifchen Theologie an der Universität Halle Prof. D. Dr. Georg Wehrung hat einen Rus an die Universität Tübingen erhalten. Pros. Wehrung wurde 1916 als Extraordinarius für systematische Theo­logie an der Universität Straßburg als Nach­folger Lobsteins berufen; 1920 wurde er Ordi­narius in Münster als Nachfolger Heims und sieben 3ahre später Nachfolger Stephans in Halle. Eine Berufung nach Gießen hat der Gelehrte abgelehnt. Ernannt wurde der Ber­liner Privatdozent, Gerichtsassessor Dr. jur. Walter Hallstein zum außerordentlichen Pro­fessor für deutsches Recht an der Universität Rostock; zugleich wurden, ihm für die Dauer feiner Zugehörigkeit zum Lehrkörper der Universi­tät Rostock die Amtsbezeichnung und die aka­demischen Rechte eines ordentlichen Professor- verliehen. Prof. Hallstein ist in Rostock Nach­folger von Prof. Ulmer.