Ausgabe 
8.9.1930
 
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ort muh auch eine stärkere Heranziehung der süddeutschen Länder in die Reichsregierung in die Wege geleitet werden. Wir wollen heraus auS der Zersplitterung der Parteien,- wir wol­len ein freiheitsliebendes Bürgertum, das An­sehen genießt.

3n Köln sprach der Führer des Iungdeut- schen Ordens, M a h r a u n. Die Deutsche Staatspartei wolle die alte politische Schablone durchbrechen und eine Bewegung ohne Gren­zen sein, die aus allen Lagern Zustrom auf­nehme und einige. Man bedürfe einer neuen geistigen Einstellung zum Staat, einer Fortentwicklung der deutschen Republik zum wah­ren Dolksstaat. Dabei müsse das Erlebnis des Frontsoldatentums mithelfen an der lebendigen, wirklichen Staatsbürgerbewegung. Man streite viel über Pazifismus in seinen ver­schiedensten Auffassungen. Aber die Staatspartei sei wohl darin einig, dah nur starker nationalen Wille Rettung bringen könne und daß es auf diesen Willen mehr ankomme als auf die Tanks, Geschütze und Flugzeuge.

Das Zentrum.

Brüning spricht in Bochum.

In einer Zentrumswählerversammlung in Bochum sprach Reichskanzler Dr. Brüning über den Sinn der Reichstagswahlen. Die schwere Lage der Industrie und der Arbeiterschaft, erklärte er, wird durch Kritik- und Agitations­phrasen nicht behoben, sondern nur durch positive Arbeit und Aufbau. Das Reichskabinett treibt Aufbaupolitik. Das Reichskabinett will nicht, dah man über die neuere deutsche Politik das Wortzu spät" setzt. Es handelt sich am 14. September darum, ob wir einen arbeitsfähigen Reichstag be­kommen. Drohe und schwere Aufgaben harren mxh der Lösung, die das Reichskabinett in bereit­liegenden Vorlagen unterbreiten werde. Wir brauchen Solidität in Finanz- und Wirtschaftspolitik. Dann werde es mög­lich sein, Sozialversicherungs- und Sozialpolitik zu treiben und zur Gesundung zu bringen. Aber Schluß mit der Pumpwirtschaft bei den Großbanken, daher Sanierung der Finanzen, Er­sparnisse überall. Dann wird man die Senkung der Lasten der Rotverordnungen nach einer gewissen Zeitspanne ermöglichen können. Solide Finanzen im Reich verschaffen der deut­schen Wirtschaft das Vertrauen im In- und Aus­lande. Dieses erzielt man nicht durch das Ge­schrei der Rationalisten, die Chaospolitik derer um Hugenberg und die Wahldersprechungen der Sozialdemokraten.

Oie Sozialdemokraten.

Braun antwortet dem Reichskanzler.

Ministerpräsisident Dr. Braun sprach in Tilsit über seine Kontroverse mit dem Reichskanzler Brü­ning: ,Zch habe dem Herrn Reichskanzler Brüning", erklärte er,klipp und klar die Frage vorgelegt, ob sich der Herr Reichskanzler die Erklärung des Reichs­ministers Treviranus zu eigen macht, wonach die Regierung es a b l e h n t, bei der Lösung der schwie­rigen Gegenwartsprobleme die Hilfe der So­zialdemokratie in Anspruch zu nehmen. Der Herr Reichskanzler hat meine Frage durch eine Gegenfrage beantwortet: Am 4. Sep­tember fragte er in einer Versammlung in Breslau, ob die Sozialdemokratie die Möglichkeit wünsche, mit einem Mann zusammenzuarbeiten, von dem es in einem sozialdemokratischen Flugblatt heißt: Doch mit den Aermsten unserer Armen, da kennt Herr Brü­ning kein Erbarmen. Die Frage des Herrn Kanzlers beantworte ich mit einem glatten I a, denn es geht -nicht an, daß ich meine Stellungnahme zum Zentrum und die Zusammenarbeit mit ihm abhängig mache von einer gereimten Flugblattfloskel."

Oie Wahlvorschläge

der Konservativen Volkspartei.

WSR. Mainz, 7. Sept. Die Konservative Volks- Partei, Landesverband Hessen, teilt mit: Die amt­liche Veröffentlichung der Reichswahlliste erweckt den Eindruck, die Konservative Volkspartei erscheine überhaupt nicht mit einer eigenen Liste. Die amt­liche Veröffentlichung ist dahin zu ergänzen, daß die Konservative Volkspartei in sämtlichenKreis- wahloorschlägen unter der Liste Rr. 16 läuft. Darüber hinaus hat die Konservative Volks­partei eine gemeinsame Reichswahlliste mit dem Landbund vereinbart. Diese Reichswahlliste ist für die Wähler ohne Bedeutung, da sie nur der Verrechnung der Reststimmen dient. Der amtliche Stimmzettel für die Kreiswahl. Vorschläge trägt für die Konservative Volkspartei die Liste Rr. 16. Diese Liste ist dem Reichswahlleiter ordnungsgemäß eingereicht und von ihm anerkannt worden.

Oie hessische Kandidatenliste der Wirtschastspartei.

WSR. D a r m st a d t, 6. Sept. Die Kandidaten­liste der Reichspartei des Deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) für den Wahlkreis Hessen-Darm­stadt weist folgende Namen auf: Professor Dr. Ernst Horneffer, Gießen; Johann Weiser, Kaufmann, Offenbach; P. Jos. Gilles, Schneiderobermeister, Bin­gen; Christian Steuernagel, Bauunternehmer, Bad- Nauheim; Kaspar Greve, Papierhändler, Auerbach; Johs. Höfling, Weißbindermeister, Seligenstadt; Sa­nitätsrat Dr. Felix Walzer, Arzt, Bad-Nauheim.

Oie Thüringer Koalition.

Folgen des Wahltampfes.

Weimar, 6. Sept. (Tel.-Un.) Der Vorsitzende des thüringischen Kabinetts, Staatsminister Dr. Baum, sprach in einer Dertrauensmännerver- lammlung des Weimarer Bauernbundes über den Polizeikonflikt zwischen dem Reich und Thü­ringen. Die Behandlung, die Thüringen von Seiten des Reiches erfahren habe, zeige, daß Thüringen keine Veranlassung habe, der jetzigen Reichsregie­rung allzuviel Vertrauen entgegenzubringen. Wenn das Vorgehen des Reichs gegen Thüringen damit begründet werde, daß Nationalsozialisten in der Landesregierung säßen, so müsse dem Reichs­innenminister doch bekannt sein, daß die National­sozialisten nur einen Teil der Staatsregierung ausmachten und ihr Einfluß dementsprechend auch begrenzt sei. Das, was der Reichsinnenminister den Nationalsozialisten zum Vorwurf glaube machen zu können, könne niemals auf die gesamte Regierung Übertragen werden. Thüringens Finanzen hätten sich aber bereits s o gefestigt, daß der Abzug der vom Reich zuviel gewährten Polizeizuschüsse von den Ueberweisungssteuern keine Schwie­rigkeiten für Thüringen bedeuten würde. Der Minister befaßte sich auch mit dem Wahlkampf

Deutschland unter dem Versailler Mal.

Senator ftceö über die Eindrücke einer Oeutschlandreise.

Paris, 6. Sept. (TU.) Der frühere ameri­kanische Senator von Missouri, Iames A. R e e d. der von einer Autotour durch Deutschland nach Paris zurückgekehrt ist, hat einem Vertreter der Chicago Tribüne" eine Erklärung über die er­schütternde Lage in Deutschland gegeben. Senator Reed habe mit uneingeschränkter Ueberzeugung über die Ungerechtigkeit gesprochen, die Deutschland durch seine früheren Feindd erlitten habe. Er habe ein tragisches Bild von einem verarmten und von den Forderungen der Gläu­bigerstaaten erdrückten Land gezeichnet, das einen harten Kampf führe, um sich der niederschmettern­den Verpflichtungen, die ihm durch die Repa­rationslieferungen auferlegt wurden, zu erledigen. Deutschland sei gegenwärtig mit einem Menschen zu vergleichen, dessen Körper aus 30 Wunden blute, während seine Aerzte die alliierten Staaten ihn zu heilen versuchen, indem sie cklle Wunden öffnen. Gr sei ehrlich davon überzeugt, dah kein Staat, nicht einmal ein kräftiges und abgehärtetes Volk wie die Deutschen in der Lage sei, sich wieder aufzurichten, wenn ihm nicht eine Zeit gewährt werde, sich von seiner Riederlage zu erholen. Er sei der An­sicht, wenn ein Krieg vorbei sei, er wirklich

Buenos Aires, 6. Sept. (WTB.) General llriburu richtete an den Präsidenten Jrigoyen telegraphisch ein Ultimatum des Inhalts, dah er, falls der Präsident nicht sofort endgültig zurücklrete, den Regierungspalast beschie. h e n lassen werde. Die Truppen Uriburus sollen sich bereits in der Rähe der Hauptstadt befinden, wäh­rend ein großes Truppenkontingent im Militärlager Campo de Mayo marschbereit die Befehle Uriburus abwarte. Die Unzufriedenheit der Armee mit dem Regime Jrigoyen ist allgemein. Die 13 im Hasen liegenden Kriegsschiffe und ihre aus 7000 Mann bestehende Besatzung schlossen sich der Bewe­gung gegen den Präsidenten Jrigoyen unter der Führung des Admirals Storni an. Dieser teilte der Regierung in einem von sämtlichen Offizieren unter­zeichneten Schriftstück mit, dah die Marine nicht auf die Armee feuern wird. Die Stimmung in Buenos Aires ist aufs höchste gespannt. Oberstleutnant Tor­res wurde im Lager von Campo de Mayo von seinen Offizieren erschossen, da er sich weigerte, sich der Bewegung anzuschließen, heute abend wurde aus dem Regierungsgebäude die weihe Flagge g e h i h t. Als die Fahne gehiht wurde, befanden sich die angreifenden Truppenabteilungen bereits im Anmarsch, vor dem Gebäude der Jrigoyen ergebenen ZeitungLa Epoca" kam es zu einer Schieherei zwischen regierungstreuer berittener Polizei und den angreifenden Truppen, die das Feuer der Polizei mit Maschinengewehrsalven er­widerten. Nachdem sich auch die Polizei den Auf­ständischen ergeben hatte, stürmte die Menge den Regierungspalast, rih die Bilder Jrigoyens von den Wänden und verbrannte sie. Auch die Büroräume des Innenministeriums wurden von der Menge ge­stürmt. Das Haus derCpoca" wurde in Brand gesteckt. Die Feuerwehr weigerte sich zu löschen.

Vizepräsident Martinez hat die Regierungs­geschäfte dem General llriburu und dem Admiral Storni übergeben. llriburu hat ein provi­sorisches Kabinett gebildet, dessen Leitung er selbst übernommen hat und zu dessen Vizepräsi­denten der konservative Abgeordnete Enrique Santa

der Thüringer Regierungsparteien, um fcstzustellen, daß die Nationalsozialisten und die übrigen Re­gierungsparteien sich ro i eHund und Katze" gegenüberständen. Dieser Kampf werde in einer Weise geführt, daß eine weitere Zusammen­arbeit der thüringischen Koalitionsparteien nach den Reichstagswahlen auf das äußerste er­schwert und gefährdet sei.

Furchtbares Elend in Santo Oomingo.

Die Folgen der Taifunkatastrophe.

Paris, 8.Sept. (WTB. Funkspruch.) Die Pa­riser Gesandtschaft der Dominikanischen Republik hat ein offizielles Telegramm erhalten, in dem es heißt: Die Stadt Santo Domingo ist so gut wie vernichtet. Man schätzt die Verluste auf snehr als 30 Millionen Dollar. Bisher sind über 100 0 Leichen geborgen worden, die zum größten Teil wegen Mangels an Zeit zur Be­erdigung eingeäschert worden sind. Heber 5000 Personen sind insgesamt ums Leben gekommen. Es fehlt an Raum in den Krankenhäusern und an Aerzten. Man birgt weitere Leichen und Verletzte aus den Trümmern. Viele Familien sind in den Kirchen und öffentlichen Gebäuden, soweit sie vom Sturm verschont blieben, untergebracht. 1000 Sol­daten haben Befehl erhalten, Leben und Eigen­tum der Geschädigten zu schützen und ihnen Hilfe zu leisten.

Heute trafen mit einem Flugzeug große Men­gen von Antitoxinen ein. Die Hilfsaktion ist je­doch infolge des Fehlens von trink­barem Wasser gefährdet, so daß der Ausbruch von Epidemien befürchtet wird. Man hat sofort mit der Errichtung eines großen be­helfsmäßigen Krankenhauses begonnen. Die Ret­tungsmannschaften, die die Umgebung der Stadt Santo Domingo im Umkreis von etwa 15 Meilen untersucht haben, fanden die Orte San Luis und Isidoro vollständig zerstört. In Villaduarte sind 300, in Villa Francisca 167 Personen getötet worden. Im Geburtshospital in Santo Domingo wurden 50 Tote gefunden. Als das Gebäude einstürzte, wurden die meisten Müt­ter und neugeborenen Kinder durch die herab­stürzenden Zinkplattenwände getötet. Zahlreiche Personen sterben noch infolge der entsetzlichen gesundheitlichen Verhältnisse. Die Friedhöfe find durch die Ueberschwemmungen aufge­wühlt worden, teils verfallene Särge wurden bloßgelegt und die Leichen treiben im Wasser.

vorüber sein sollte. Der ehemalige Feind sollte wieder als Freund gelten und der Sieger sollte dem Besiegten eine hilfreiche Hand entgegenhalten.

Der Senator gab dann eine ausführliche Schil­derung über die Eindrücke in Deutschland, über die hoffnungslosen Lebensbedingungen der Ar­beiter, über verödete Bauernwirt­schaften und Güter und über Dauern, die mit veralteten Geräten unter entmutigen­den Bedingungen arbeiten müßten. Deutschland habe einen prachtvollen Geist und es werde sich niemals aufgeben. Man sollte ein Pro­gramm entwerfen, um seine Industrie zu be­leben, damit bessere Löhne an die Arbeiter ge­zahlt werden könnten. Es würde dies eine wahre Geste der modernen Humanität fein. Ge­genwärtig werde aber Deutschland a u s ge­saugt. Dagegen seien die französischen Kriegsschulden an Amerika seinerzeit aus Sympathie mit einem zusammengebrochenen Staat so gut wie annulliert worden. Die ge­genwärtige Zahlung betrage nur Vs des seiner­zeit geliehenen Betrages, desgleichen habe auch Amerika große Zugeständnisse an England gemacht.

Marina berufen wurde, konieradmiral Carlo Sher- melo wurde zum Polizeichef von Buenos Aires er­nannt. Das Kabinett hat den Belagerungs- ; u st a n d im ganzen Lande erklärt. Rach der Ent­waffnung der Polizei übernahmen Truppenabteilun­gen den Ordnungsdienst.

Irlgoyen soll sich an Bord des Kreu­zersGaribaldi" begeben haben. Von anderer Seite wird berichtet, er habe sich in eine aus­ländische Gesandtschaft geflüchtet. General llriburu hat eine Botschaft an das Volk veröffent­licht, in der er erklärt, daß er den Wünschen des Volkes gemäß mit Unterstützung von Heer und Ma­rine die Regierung übernommen habe, um den end­gültigen Zusammenbruch im Lande zu verhindern. Die provisorische Regierung hat den Kongreß aufgelöst.

England und der Umsturz in Buenos Aires.

London, 8. Sept. (TTl.) In britischen Ge­schäftskreisen, die in Argentinien interessiert sind, neigt man dazu, die Ursachen der Revolution in Buenos Aires auf die Verschlechterung der wirtschaftlichen und finanziel­len Lage während der letzten zwei Iahre zu­rückzuführen, für die nunmehr Irigohen ver­antwortlich gemacht werde. Der General­direktor der Buenos Aires-Westeisenbahn, die in englischem Besitz ist, hat ein Telegramm erhalten, demzufolge der Eisenbahnbetrieb unter der Revo­lution bisher nicht gelitten hat. Für England interessiert natürlich die Frage, inwieweit die politische Entwicklung in Argentinien auf den beabsichtigten Besuch des Prinzen von Wales zur Eröffnung der britischen Industrie­ausstellung in Buenos Aires rückwirken kann. Man hofft zur Zeit noch auf eine Besserung der Verhältnisse bis zum nächsten Frühjahr, damit ein Programmwechsel vermieden, werden kann. Wie weit Behauptungen gewisser' englischer Zei­tungen von dem Einfluß amerikafeind­licher Elemente bei der Revolution zutref­fend sind, läßt sich zur Zeit schwer nachprüfen.

Grubpen verstörter Personen irren planlos im Lande herum.

Ein internationales Heer. Paul-Boncour schlägt die Schaffung einer Bölkerbundsstreitmacht vor.

Paris, 6. Sept. Auf dem Kongreß der ehe­maligen Kriegsteilnehmer und Kriegsverletzten in Versailles hielt der sozialistische Abgeordnete Paul-Doncour eine Rede, in der er die Schaffung eines internationalen Heeres oder einer internationalen Polizei als wünschenswerte Präzisierung des Dölkerbundsge- dankens bezeichnete. Das Bestehen einer inter­nationalen bewaffneten Streitmacht habe jedoch die völlige Abrüstung aller Ratio­nen zur Voraussetzung, denn sonst könnte irgend­eine Ration versuchen, die internationale bewaff­nete Streitmacht in Schach zu halten; oder man müßte dieser eine derartige Ausdehnung und Stärke geben, daß es keine Erleichterung der Militärlasten fein würde. Beim gegenwärtigen Stande wäre es eine Chimäre, wenn man diesen Gedanken auf die ganze Welt ausdehnen wollte. Schon das kleine Europa werde Mühe genug haben, dazu zu gelangen. Aber immerhin sei das ein Weg, der befolgt werden müsse.

Rach der Rede Paul-Boncours nahm der Kon­greß eine Entschließung an, die die Hoffnung ausspricht, dah die französischen Völkerbunds­delegierten die Annahme eines allgemeinen Sicherheits-, Schiedsgerichts- und Abrüstungspaktes beschleunigen werden. Die bewaffnete internationale Streitkraft soll aus nationalen Kontin­genten aller dem Völkerbünde angehörenden Län­der bestehen, wobei jedes Kontingent außerhalb der Grenzen seines eigenen Landes einzusetzen wäre.

Paneuropa und der Völkerbund.

Die Besprechung in Genf beginnt.

Genf, 7.Sept. (TH.) Außenminister Dr. Cur- ti us ist in Begleitung dec Ministerialdirektoren Dr. Gaus, Dr. Ritter und Dr. Zechlin heute in Genf eingetroffen. Er hat von der französischen Regierung eine Einladung zu einer ersten Besprechung über das Memorandum Bria nds erhalten. Aus der Einladung geht hervor, daß es sich im wesentlichen

nur um die Erörterung des weiteren Verfahrens handeln soll. Insbesondere geht es darum, ob die Frage der europäischen Union in einer Sonderkonferenz der europäi­schen Staaten erfolgt, ober was für wahrschein­lich gehalten wird, ob sie der Völkerbunds- sammlung zur weiteren Behandlung überwiesen wird. Damit würde die Entscheidung aus den Hän­den Frankreichs in die an der Völkerbundsoer- fammlung teilnehmenden europäischen und außer­europäischen Mächte verlegt. Die englische A u f- f a s s u n g, die in wachsendem Maße auch unter den übrigen europäischen Regierungen Anhänger findet, kann dahin zusammengefaßt werden, daß j m Rahmen des Völkerbundes eine Art europäische Abteilung geschaffen werden soll, in der die paneuropäischen Fragen gemeinsam mit den außereuropäischen Staaten zu prüfen sind. Die letzte Verantwortung soll jedoch nicht die euro­päische Konferenz, sondern der Völkerbundsrat und die Vollversammlung des Völkerbundes tragen. Im Rahmen eines vom Völkerbund einzusetzenden Aus­schusses sollen sodann sämtliche europäischen wirt­schaftlichen Fragen, insbesondere die Frage der Ab­rüstung, der Minderheiten sowie einzelne regionale europäische Fragen, wie die Balkanfrage, die bal­tische Frage und die die Donaustaaten berührende Frage, zur Erörterung gelangen.

Aus aller Welt.

Neue Reste der Andr6e-Expediiion gefunden.

Stockholm, 7. Sept. (WTB.) Die Vermutung Dr. Horns, daß sich noch weitere Reste bet Andree-Expedition auf der Weihen Insel befinden, Hal sichSagens Ryheter" zufolge bestätigt. Die von der Zeitung ausgefanbfe Expedition fand bei der Durchsuchung der Insel das Lager der Andrse-Expedition unter einem Glet­scher, dessen Lis soweit geschmolzen ist, daß sich bas Lager jetzt über dem Eise befindet. Anter den Trümmern eines primitiven Hauses sand man dar auseinandergefallene Skelett eines Menschen, außerdem viele Ausrüstungsgegen­stände, Jnstrumentenkasten, Waffen, verschiedene Werkzeuge, Konservenbüchsen, Teile der Ballon- gonbel, Kleider, einen Brief an Strinbberg und b i e Aufzeichnungen Fränkels. Alles deutel darauf hin, dah die Andree-Expedition von einer plötzlichen Katastrophe, vielleicht einem Schnee st urm, heimgesuchk worden ist. Die Ex­pedition wird frühestens in sieben bis acht Tagen in Tromsö zurückerwarlet.

Diamond nach Philadelphia abgeschoben.

Der im Kraftwagen von Bremen nach Ham­burg beförderte Iack Diamond ist an Bord des im Edinburger Hafen zur Ausreise nach Phila­delphia bereitliegenden DampfersHannover" gebracht worden. Die Ueberführung nach Ham­burg war schnell im Hafen bekannt geworden, so dah am Kai eine größere Menschenmenge und zahlreiche Pressephotographen die Ankunft er­warteten. Diamond, elegant gekleidet, unterhielt sich lachend mit den ihn begleitenden Polizeibe­amten und ging dann an Bord. Er hat durch einen Berliner Rechtsanwalt eine hohe Scha­denersatzforderung gegen den preußischen Polizeifiskus geltend gemacht. Diamond verlangt Ersatz der Kosten für seine Hin- und Rückreise von den Vereinigten Staaten nach Deutschland, Schmerzensgeld für die Zeit der Polizeihaft und Schadenersatz für die schwere Kreditschädi- gung, die durch seine Festnahme erfolgt sei. Von einem Auslieferungsersuchen sei keine Rede gewesen. Wenn die deutschen Behörden ihn in Deutschland nicht hätten haben wollen, so hätten sie sich das bei der Erteilung des Visums über­legen müssen, nicht aber, nachdem er im Ver­trauen auf die ihm gewährte Einreiseerlaubnis die deutsche Grenze überschritten habe.

Todesurteile wegen Lebensmiltelschiebungen in Rußland.

Die staatliche politische Verwaltung hat eine Grupve von Schiebern ermittelt, die aus den Genossenschaftsläden mit Hilfe von Tausenden g e - fcilschter Lebensmittelkarten Lebens­mittel, die sonst nur in beschränkten Mengen ab­gegeben werden, erstanden, und zu Wucher- preisen absetzten. Drei Händler und drei Angestellte der Genossenschaftsläden wurden zum Tode, die übrigen Beteiligten zur Internierung in einem Konzentrationslager verurteilt.

Ein belgischer Thronfolger geboren.

Auf Schloß Stuyvenberg wurde die belgische Kronprinzessin A st r i d Sonntagnachmittag 16.30 Tlhr von einem gesunden Knaben entbunden. Der Eintritt des Thronfolgers ins Leben wurde durch 101 Kanonenschüsse be­kanntgegeben. Kronprinzessin Astrid ist eine Tochter des schwedischen Prinzen Karl und seit 1926 mit dem Kronprinzen Leopold, Herzog von Brabant, vermählt.

(Eine Kundgebung der Stenographen.

Im Rahmen der in diesen Tagen in Berlin stattfindenden Stolze - Schreh - Woche wurde eine öffentliche Festversammlung im ehe­maligen Herrenhause veranstaltet, auf der auch der greife Mitbegründer des Systems, Ferdi­nand Schreh, anwesend war. Das Fest­programm war ausgefüllt mit Vorträgen von Dankdirektor Thielecke überKurzschrift und Wirtschaft", von Regierungsrat Maßmann über Kurzschrift und Verwaltung", und von Ober* studiendirektor Dewischeit überKurzschrift und Schule". Die Redner betonten übereinstimmend den großen Bildungswert der Kurzschrift und traten für ihre weiteste Verbreitung ein. Bei dem allgemeinen, öffentlichen Kurzschrift* w ettbewerb wurden insgesamt abgegeben: im Deutsch-Schnellschreiben von 120 bis 240 Silben je Minute 6286 Arbeiten, im Fremd* sprachen-Schnellschreiben von 60 bis 240 Silben je Minute 300 Arbeiten. Insgesamt waren 5924 Arbeiten, also etwa 90 v. H. preiswürdig.

Schweres Autounglück am Plattensee.

Bei einem Bahnübergang in der Rahe des ungarischen Plattensees wurde ein mit fünf Per­sonen besetztes Automobil von einem Per* fonenzug erfaßt und zertrümmert. In dem Auto befanden sich Iagdpatronen, die explodierten und die Wagentrümmer in Brand setzten. Von den Insassen wurde der Hauptmann Dudahazh, seine Frau und die frühere Abgeordnete Dela Danes auf der Stelle getötet. Ihre Leichen sind völlig verkohlt. Der Wagenlenker und die Mutter des Hauptmanns wurden schwer verletzt ins Spital gebracht wo der Chauffeur seinen Verletzungen bald erlag.

Revolution in Argentinien.

Irigoyen gestürzt. - Heer und Marine bilden eine neue Negierung.