Nr. 184 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 8. August 1930
Geburisstunde der Parteien.
Wie Deutschlands politische Parteien entstanden sind.
Don Dr. Ervin Krug.
Die Auslösung deS letzten Reichstages hat zu einer bedeutsamen Umgruppierung des deutschen Parteiwesens gesuhrt. und vorläufig kann noch niemand sagen, wann diese Bewegung -um Stillstand kommen wird. Reben der Deutschnationalen Bolkspartei ist eine DolkSkonservative Partei ent- standen, und soeben wurde die Oessentlichkeit durch die Gründung der Deutschen Staats- Partei überrascht. Die Volkskonservativen sind Absplitterungen der Deutschnntionalen, die Deutsche Staatspartei ist eine Reugründung demokratischer und jungdcutschcr Kreise. Diese beiden verschiedenen Formen der Gründung können als 'Beispiele dasür gelten, wie Parteien überhaupt entstehen- sie bilden sich gewöhnlich entweder aus Spaltungen bestehender Gruppen oder aus Zusammenschlüssen zueinander strebender Richtungen.
Parteien in unserem Sinn gibt eS in Zeutsch- land überhaupt erst seit der Revolution des Jahres 1848. In einer absolut regierten Mon- archie hat eine Partei keinen rechten Sinn, da sie ja keinen Sinsluß aus die Gestaltung des politischen Lebens gewinnen kann. Mit den ersten Parlamenten mutzten sich dagegen politische Gruppen bilden, die durch ein bestimmtes Programm oder durch die Persönlichkeit der Führer Wähler anziehen konnten. In der Konstitute- ren den R a t i o n a l v e r s a m m l u n g von 1 848 sahen Demokraten unter der Führung von Waldeck und sog. Konstitutionelle. Aber die groben Gruppen, auS denen sich unsere modernen Parteien entwickelten, find erst ein paar Jahre später entstanden.
Die älteste Geschichte hat wohl das Zentrum. Schon am 30. Rovember 1852 bildete sich in Preußen die sog. Katholische Fraktion unter der Führung der Brüder Peter und August Reichensperger. Da man sie als konfessionelle Gruppe sehr anseindete, erhielt die Partei im Iohre 1859 den Rainen .Zentrum" mit dem Untertitel Katholische Fraktion. Das war die Keimzelle der Zentrumspartei, die vor den Wahlen zum ersten deutschen Reichstag im Iahre 1871 zum erstenmal mit einem Ausrus an das
Geheimrat Dr. phil. Arthur von Weinberg, Dr. med. und Dr.-Jng. ehrenhalber seit 1925 Mitglied des Bcrwaltungsrats der I.-G.-Farben, wird am 11. August 70 Jahre alt. Die Stadt Frankfurt ernannte den berühmten Chemiker und bekannten Rennstallbesitzer zu ihrem Ehrenbürger.
ganze deutsche Bolt hervortrat, und zu der damals neben den Brüdern Reichensperger vor allem Windthorst, Savigny und der Mainzer Bischof von Äetteler gehörten. Ganz spurlos ist die Geschichte auch an dieser Partei nicht vorübergegangen. Bei den Wahlen zur Rationalversammlung trat sie vorübergehend unter dem Hamen .Christliche Bollspartei" auf, und später spaltete sich ihr bayerischer Zweig als .Bayerische Volks Partei" ab.
Reben dem Zentrum hat nur die Sozialdemokratie aus der Zeit vor dem Krieg ihren alten Parteiapparat ziemlich unverändert in das. republikaniscbe Deutschland übernommen. Die Geschichte der Sozialdemokratie ist mit wenigen Worten unmöglich zu umreiten. Die beiden Wurzeln sind der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein von Ferdinand Lassalle und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die sog. Eisenacher Richtung, die den Lehren von Karl Marx folgte. 3m Norddeutschen Reichstag von 1867 sahen die drei sozialistischen Abgeordneten Wilhelm Lieble ch t, Bebel und von Schweitzer. Erst im Iahre 1875 schlossen sich Lassalleaner und Marxisten zu einer gemeinsamen Partei zusammen, die im Mai 1875 auf einem Kongreß in Gotha das erste sozialdemokratische Programm annahm. Innere Kämpfe hat es seitdem ununterbrochen gegeben. Aber erst im Krieg ging die Uneinigkeit so weit, dah sich aus dem Kern der Sozialdemokratie eine neue Partei absplitterte. Schon im Rovember 1914 war Karl Liebknecht gegen die Bewilligung der Kriegskredite. Im März 1915 teilten weitere 23 Abgeordnete Liebknechts Standpunkt, und im Iahre 1916 entstand die Sozialdemokratische Arbeitsgemein- schast, aus der im Iahre 1917 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands wurde. Die Loslösung der USPD, von der Mutterpartei ist also allmählich erfolgt. Im Iahre 1916 gründete der radikale Slügel der Unabhängigen den Spartakusbund, der mehrere Iahre in der Organisation der USP. verblieb. Erst im Iahre 1919 wurde die Loslösung des Spartakusbundes vollzogen, der nun den Ramen Kommunistische Partei Deutschlands annahm. Die Gründer waren Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Paul Levi. Später spaltete sich die USP.: Teile gingen zu den Sozialdemokraten, andere Teile vereinigten sich mit den Kommunisten, und es blieben nur einige unbedeutende Splitter zurück, die heute noch bestehen, aber unter sich uneins find.
Sehr viel schwieriger ist die Entwicklung der übrigen Parteien zu verfolgen, die sich häufiger umgruppierten und nun wieder vor einer Neuorientierung stehen. Im Norddeutschen Reichstag von 1867 gab es eine konservative, eine frei- konservative, eine nationalliberale und eine fortschrittliche Fraktion. Die wichtigste Gruppe auf der rechten Seite der alten Reichstage war die Deutschkonservative Partei, die am 7. Iuni 1876 in Frankfurt am Main gegründet wurde. In ihrem Rahmen entwickelte sich die antisemitische Richtung des Hofprcdigcrs S t ö ck e r, die sich im Februar 1896 als Christlich- soziale Partei abspaltete. Aus den rechtsstehenden Parteien der alten Reichstage entstand nach der Revolution die Deutschnationale B o l k s p a r t e i, in der sich neben den Deutschkonservativen und Christlichsozialen auch Frei- konservative und Deutschvölkische sammelten. Die Führung übernahmen in erster Linie nicht frühere Abgeordnete, sondern ehemalige Staatsmänner. An die Spitze traten Hergk, Helffer ich und Graf Posadowsky, der aber bald nur noch eine untergeordnete Rolle spielte. Di- Deutsch-
nationalen waren also eine Sammelpariei, die der veränderten Lage entsprechend eine neue Organisation schaffen muhte Eigenartig verlief die Entwicklung der Nationalsozialist!- fchen Dcutfchen Arbeit er Partei, die im Iahre 1919 in München von Adolf Hitler mit ein paar Freunden gegründet wurde. Sie war zunächst völlig bedeutungslos, und als im Februar 1920 im Münchener Hosbräuhaus der Oessentlichkeit das "Parteiprogramm übergeben wurde, kümmerten sich nur wenige Leute darum. Aus vielen völkischen Splittergruppen, die sich untereinander heftig bekämpften, ist nach mancherlei Zusammenschlüssen und Spaltungen die heutige Partei entstanden.
Die Parteien, deren Umgruppierung augenblicklich die Oessentlichkeit beschäftigt, Haven ihren Ursprung in den nationalliberalen und freisinnigen Gruppen der Zeit vor dem Krieg. Ostpreu- ßtsche Mitglieder der altliberalen Kammermehr- heit in Preußen waren unzufrieden und schlossen sich am 9. Iuni 1861 unter Führung des Abgeordneten von Forckenbeck zur Deutschen Fortschrittspartei zusammen. Das Programm, das sie verössentlichtcn, trug unter anderem die Unterschriften von Schulze-Delitzsch, Birchow und M o m m.s e n. Die Fortschrittler waren Gegner Bismcr^ls und verweigerten ihm in der Konsliktszeit die Mittel für den Staatshaushalt. Nach dem Krieg von 1866 wollte ein beträchtlicher Teil dieser Partei mit Bismarck Frieden schließen. Am 26. September 1866 taten sich 15 Abgeordnete der Fortschrittspartei und neun Mitglieder des linken Zentrums unter Laskers Führung zusammen und gründeten die Nationallioerale Parket. Zu ihr gehörten Bennigsen und Forckenbeck. Gleichzeitig schieden aus der konservativen Rechten des Parlaments die Freikonservativen aus, die ebenfalls Bismarck unterstützen wollten. Damit war die Parteibildung zu einem gewissen Abschluß gelangt. Die Fortschrittler spalteten sich, vereinigten sich aber im Iahre 1884 wieder und nannten sich nun Freisinnige. Sie erhielten im Iahre 1896 Verstärkung durch den Nationalsozialen Verein Friedrich Naumanns, der in feiner Zeit eine ähnliche Entwicklung durchgemacht hat wie jetzt der Iungdeutsche Orden, der ebenfalls von rechts kommt und sich nun in der Deutschen Staatspartei mit den Demokraten verbindet.
3m November 1918 trafen sich im Hause des Berliner Reichstagspräsidiums auf Anregung von Theodor Wolff führende Männer der Freisinnigen und der Nationalliberalen, um der veränderten Situation entsprechend eine neue Partei zu gründen. Das war die Geburtsstunoe der Demokratischen Partei, die am 16. November mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit trat. Zu den Gründern gehörten Hugo Preuß, Dr. Schacht, Professor Weber, Helmuth von G e r l a ch, um nur einige zu nennen. Auch Ötrefcmann, der Führer der Nationalliberalen, war mit drei ober vier anderen Politikern zu der entscheidenden Sitzung erschienen. Er sagte nicht, daß er beitreten wollte, und man forderte ihn auch nicht auf. Daraus entschloß sich ötrefcmann kurzerhand, mit Hilfe der Nationalliberalen die Deutsche Volkspartei zu gründen, in die damals auch ihr jetziger Führer Dr. Scholz eintrat. Erst sehr viel später gründeten Hausbesitzer und Gewerbetreibende unter Führung des späteren Abgeordneten Ladendorss die Wirtschaftspartei, die zunächst nur unbedeutend wa r. Man weiß, daß es ihr gelungen ist, sich in verhältnismäßig kurzer Zeit einen Parieiapparat au schaffen und eine beträchtliche Zahl von Mandaten zu erobern. Damit sind freilich nicht entfernt alle Parteien aufgezählt, die sich um die Gunst der deutschen Wähler bewerben. Aber es sind doch die größten und wichtigsten genannt. Sie alle sind, wie man sieht, meist in kritischen Situationen entstanden.
Geheimrat Profestor Dr. Ludwig Heck, seit 1888 Direktor des Berliner Zoologischen Gartens, wird am 11. August 70 Jahre alt. Seiner Tätigkeit ist die Entwicklung des Berliner Zoos zu einem der wissen- schaftlich wertvollsten der ganzen Welt zu verdanken.
Neue Römersunde in der Wetterau.
5 Friedberg, 7. Aug. Ein dichtes 'Retz von Fundorten hat schon seit langem den Beweis erbracht, daß die südliche Wetterau al- römisches Okkupationsgebiet stark besiedelt war. Immer wieder stößt man bei Bodenarbeiten auf die Spuren römischer Kultur. Den Römern waren auch schon die Mineralquellen der Wetterau bekannt, so der Schwalheimer Brunnen und der Selzerbrunnen bei Groh-Karben. Don beiden Oertlichkeiten liegen wertvolle Römerfunde vor. Nun ist man neuerdings in der Nähe des S e l - zerbrunnenS wieder auf die Spur der Römer gestoßen. Bei RegulierungSarbeiten an der Nidda entdeckte man unweit der De ge 1 - wühle eine noch gut erhaltene römische Holzbrücke, die im Strahenzuge von der Saalburg nach dem Kastell Marköbel über einen alten Niddalauf führte. Die senkrechten Stützpfähle und die darüber liegenden Dohlen waren noch deutlich festzustellen. Man fand auch römische Ziegelsteine mit den bekannten Legionsstempeln, Scherben aus römischer Töpfererde, zwei Zimmer- mannsäxte ldavon eine mit Stiel), eine Grab- schippe. Di^ von Prof. Blecher bestimmten Sunbe wurden dem hiesigen Wetterauer Museum zugeführt.
Gurel gesteht.
WSN. Frankfurt a. M., 7. August, Der Wohlfahrtspfleger Durek hat nunmehr der Kriminalpolizei ein Geständnis abgelegt. Er hat den vorgetäuschten Raubüberfall und die Veruntreuung der durch die Post erhaltenen Summe von 5200 Mk. zugegeben. Ferner hat er eingestanden, auch noch 344 Mk. von früher erhaltenen Wohlfahrtsgeldern für sich verbraucht zu haben. Von der Kriminalpolizei sind 5004 Mk. herbeigcschasst worden. Die Stadt hat jetzt nur noch einen Schaden von 540 Mk. Der Verbleib dieser Dumme ist auch festgestellt und die Stadt wird dieses Geld zu- rückerhalten.
Daten für SamStag 9. August
Sonnenaufgang 4.35 Uhr, Sonnenuntergang 19,35 Uhr. — Mondaufgang 20.10 Uhr, Monduntergang 3.59 Uhr.
1919: der Naturforscher Ernst Haeckel in 3ena gestorben.
Bürgerlich und romantisch.
Betrachtungen am Vierwaldstättersee
Von Anita.
Luzern, 3uli 1930.
Landschaften, die noch Raum und Zeit für geruhsame Dergnügunasdampser haben, weisen immer Gefühlswerte solider Qualität auf.
Don allen Seen der Schweiz wird der Vier- waldstätter wohl am meisten befahren. Wie ein guter Wirt die reichhaltige Speisekarte, bietet er so Mannigfaltiges, daß die verschiedensten Geschmacksrichtungen vollauf befriedigt werden können.
Auf hohen Gipleln finden Ewigkeitssucher schneeschimmernde Einsamkeit, der Rigi bietet ein Schulbeispiel des Sonnenaufgangs, wie er sein soll, in Axenstein sind die angenehmsten Golf-links, in Brunnen ist herzliche Gemütlichkeit und gewöhnlich gerade ein Wanderzirkus, in Dürgenstock gibt es die elegantesten Rundblicke, Ditznau atmet südliche Heiterkeit. Iedes Fleckchen und jeder Höhenpunkt an diesem blaugrünen See hat seine persönliche Note.
In der Schweiz ist an vielen Stellen Natur mit Literatur verwoben: in Göschenen hat der Dichter-Gastwirt Zahn Diermah und Versmaß gehandhabt, und hier bei Altdorf leben alle klassischen Gefühle auf. Schiller hat ja dieses Land seiner Sehnsucht nie betreten, aber sein Geist schuf sich die Ehrenbürgerrechte. Ietzt steht mancher Jüngling im Schillerkragen an der Tells- kapelle und zitiert unweigerlich eine Stelle aus jenem populärsten Schauspiel, das gleichzeitig der meisten erstes Theatererlebnis war.
Die Axenstraße entlang halten unzählige Autos, deren Insassen historisches und Baedeker- besterntes nebst persönlicher Staffage knipsen. Auf dem See ziehen die freundlichen weihen Dampfer laut tutend ihre Furchen, während eifrige Passagiere mit Hilfe von Operngläsern die richtigen oder auch falschen Namen der Berggipfel ausrufen.
Das schöne Luzern ist Ausgangspunkt aller Vierwaldstättersee-Besucher: dennoch scheint eS ausschließlich für England und Amerika reserviert zu fein. In der Kurliste wird aus einheitlichem Stilgefühl manchem Gast aus Dresden, Linz oder Hannover ein Mr. oder Mrs. vor den Namen gesetzt. Nur ein paar deutsche Fürstlichkeiten werden mit sämtlichen Titeln der Dorkriegszeit genannt Bei einem indischen Mahara
dscha h (der natürlich der reichste Indiens ist) steht schlicht: mit Gesolge. Märchenhafte Visionen von verschleierten Prinzessinnen, Leibfakiren, tiefbraunen Dienern und haselnuhgroßen Smaragden entstehen. Später ist man sehr enttäuscht, auf dem Tennisplatz einen dunklen, bescheidenen Mann zu sehen, der — wenn nicht alles täuscht — mit ganz gewöhnlichem hölzernen Schläger und schlichten Bällen spielt: der Maharadschah ■ •.
Hingegen stammt die exotische, schmuckübersäte, dämonisch blickende Schönheit im Hotel National (sprich .Neschnell") aus dem schönen Böhmer- land, das schon einmal durch Hervorbringung einer Gaby Deslys seine diesbezüglichen Fähigkeiten bewiesen hat.
Neben den großen Hotels am Kai entlang sind schöne, pompöse Geschäfte, die natürlich all das ausstellen, worauf das zahlende Publikum vom jenseitigen User .fliegt“. Unendlich viel Schmucksachen, Reifen, Ketten, Ringe, die den beliebten exotischen Schick ausmachen, kostbare antikisierende Brokattaschen und -decken und allerlei Dinge, die sich .Euriosities" nennen und so vornehm überflüssig sind.
Die meisten Geschäfte aber dienen zur Ausstellung der wunderbaren Schweizer Stickereien. Auf bauebbünnen Tüchelchen sind mit unendlicher Mühseligkeit ganze Legenden eingestickt. Vor den Läden sitzen in langen Reihen junge, stille Schweizerinnen mit dunklem Mieder über die Stickrahmen gebeugt und zeigen den staunenden Amerikanerinnen, wie man sich dabei die Augen verdirbt.
.Simply wondersul", sagen Mrs. Dorothy und Miß Evelyn und treten kauffreudig in den Laden.
Kaffeedecken heißen hier entgegenkommend .Bridgegedecke'' und man erfährt aufhorchend, dah jene haarfein gestickten Gebilde Cocktailservietten sind. Es ist manchmal beschämend, Gegenstände des täglichen Bedarfs nicht gleich richtig erkannt zu haben...
Etwas abseits dieser Luxusgeschäfte steht ein anderer Erwerbszweig in höchster Blüte: die Schweizer Holzbären und der Löwe von Luzern. Seit Jahrzehnten liegen diese Erzeugnisse in völlig unDcränberter Ausführung zum Verkauf aus, und es ist also anzunehmen, daß viele, ja unzählige Menschen sich hier gerne einen Bären aufbinden lassen. Man kann sie, wenn man reich genug ist, in Lebensgröße als Schirmständer kaufen, man braucht aber auch bei bescheidenem Geldbeutel nicht verzagen und kann sich tanzende, musizierende, kletternde, spielende
Fingerhuttragende, auf dem Töpfchen sitzende Bären in jedem Format erstehen.
Der ruhende Löwe aber, dessen schönes ausdrucksvolles Monument der tapferen Schweizer Garde geweiht wurde, ist besonders preiswert und naturgetreu in Schokolade zu kaufen. Man kann ihn bitter, mit Vanille ober mit Milch haben.
Wenn man aus irgendeinem Grunde (grundlos tut man es doch nie) sehr früh aussteht, kann man ein Stündchen lang Luzern als Stadt an sich betrachten. Der herrliche ßaubengang am Kai, die schöne, alte Holzbrücke, viel fröhliche, bemalte Häuschen von vor paar hundert Jahren und die vielen Hotels mit den furchtbar vielen Engländern, die im Moment noch schlafen. Oder ruhen, wie es vornehmer heißt.
Aus dem gipfelumrahmten See liegen die bürgerlichen Dampfer, die smarten Motoryachten und die romantischen Boote und warten auf ihr jeweiliges Publikum. Während die Hotels ihr Tagesmenü mit Preisangabe aushängen, stellen Cook und die anderen Reisegesellschaften unter .heute" die Konvolutausflüge zu festem Preis aus. ES geht alles sehr ordentlich und korrekt zu
Nur ein Papierfetzen.
Don MaxZungnickel.
Vorgestern traf ich einen alten Sänger, dem es herzlich schlecht geht. Ein von der Not und vom Unglück verregneter Mensch, der sich mit seiner rostigen, ausgesungenen Stimme noch einige Groschen verdient, damit er wenigstens das nackte Leben hat. Ein seltsam erschrockener Ausdruck liegt in seinen Augen, wenn er längst vergessene Schlager auf Hinterhöfen fingt Derwüstet und gebeugt steht er aus- Ein wahrer Bortenkäfer des Hungers.--
Und doch: wenn er fo spricht, dann hat man das Gefühl, daß in ihm ein Adel schimmert wie ein Gespenst inmitten eines verfallenen Schlosses. Sechs Jahre lang war er Konzertsänger. Und nun holt er aus seinem abgeschabten Rock ein abgegriffenes Notizbuch heraus. Und in diefem Notizbuch liegen Papiersetzen Bedruckte Zeitungsausschnitte. Er zeigt ste vor. Und wie er sie vorzeigt, geht über sein not» verwüstetes Gesicht ein heller, glücklicher Schimmer. Die Zeitungsausschnitte sprechen in guten Worten über seine Kunst, übet die Schönheit seines Gesanges. Irgendeine unbekannte Feder in Magdeburg, in Leipzig, in Hildesheim und Halle hat über den Sänger liebenswürdig geurteilt- — Das Papier ist schon gelblich geworden. Es wird nicht mehr lange
dauern, dann zerfällt es von selbst. Ader es hat trotzdem immer noch die Macht: im zerschellten Leben eines Menschen eine Rolle zu spielen. — SS ist wahr; diese lumpigen Papierfehen sind heute noch, im dunklen Dasein eines Gescheiterten immer noch so etwas wie Sterne. Die Zeitungsnummern, in denen diese Kritiken gestanden haben, modern schon längst in Archiven oder sind in die Papiermühle gekommen. Einige Zeilen daraus aber ruhen im Notizbuch eines Bettlers und halten ihn noch am LebenSsaden fest. Diese Zeilen haben damals, als sie zum ersten Male in das Dasein eines Menschen traten, die ungeheure Kraft besessen: den Bogen deS Tages jubelnd, zukunstssroh und strahlend über ein Leben zu spannen. — Und nun, wo daS Menschenleben nur noch Schatten und Ruine ist, nun nisten die vergilbten Papierfetzen immer noch darin wie Vögel, die stumm und geisterhaft in einem Irrgarten fliegen.
Oie Narrenkappe.
Splitter und Sparren vom Redakttonsttsch.
Kinderstube.
Lottchen und Wllli unterhalten sich tiefsinnig.
Sagt Lottchen:
»Ich wollte, ich wäre ein Junge geworden."
Denkt Wllli ein Weilchen nach und erwidert dann.
»Da kommst du aber jetzt zu spät! DaS hättest du vor der Taufe sagen müssen!"
Einkauf.
.Für zehn Pfennige Kaffee, für fünf Pfennige Zucker, drei Oelsardinen, für zwei Pfennige Salz und ein Diertelstück Butter", verlangt Elfriede Harpagon.
Fragt der Verkäufer:
»Sie geben wohl heute einen HauSball, gnädige Frau?"
Unterricht.
.Pappt, und jetzt sag mir, waS ist eigentlich .Bankrott* T*
.Well, Junge — Bankrott ist, wenn man sein Geld in die Hose steckt uni> läßt die Weste pfänden."
Ehrgeiz.
.Nun bist du schon ein kleiner Mann und darfst dir heute zu deinem zehnten Geburtstage recht was Schönes wünschen", sagt Mama z» Ottchen.
Otto schweigt.
.Na", ermuntert die Mutter.
.Darf ich Auguste zu dir fagen?" wünscht et sich in höchster Spannung. (Lust. Bl.) ,


