Wltwn
chr.
Kaufgesuche
8
rstr.
UM»
Verschiedenes
SimMBN- blllv' . «nfffltP
Vereine
ier
arten
, la!! ohen, itzen, u en. . utir. Am. nag
e
Wien is.
DOllta Ültü @rö6e preii« wrnnbyifieb. 2870D Sellen tifl 89,1,Eli
1-2423 hl
Ml- sen M. Üni
ÖS aiiß. iirta eUer tnlti »gen ioei* )2436
Ml) rest ieae^
@ebr. gut etbalkn.
Melller-
LuNemr.eut mit Stativ au foul gesucht. §-t-r.A,'geb. unter MO an brn &ieit. ffrur/jirr eib.
Slawe itb.Ewanium Gcbr.Seiniloitbrn und bole sie ielbü ob Welllcrslr.tiL D
jillifl
ietfee
jer.
Ulgst
1 > .I«43 •eak innig i sehr •.Um* ifecrlt uerL esM 02405
'roll' btt!'
‘ti L
lenlürSexta
^lUkund! ioch bie zum ue erfolgen,
von 11 bis 12 Uhr fer Pädagogium» 1h0,dy £450
"Lwerfer fw
-»LS
eit., schü- St v
Auto SfriS*
Köln. l leer nach (flitbto* ns» 3t. Ml* «flbnboriir^4*
Televbon^—
ittu.
Si K itk chirl"
Wr
Die säUidc«Ä'"< SitzK
.--ZK i'S&i
SennS$
Wo? «ä
iÄttas-
1ÖA
| Gebraiichir
S AMMk
^Dtunttkhttn
A« billig <u
‘ " veilaulcn 024i7 Löberiir.lSIlNbd.
ZW
Hr. 83 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 8. April (930
Das Land der Legionäre.
Polens Prätorianertruppe.-Slawel, der neue Mnisterpräsident, der Exponent her Oberstenclique. — Oer Internierte von Magdeburg. — Eine verhüllte Diktatur pilsudskis.
Von Dr. Erwin Krug.
In diesen Togen hat Slawek, der Führer der polnischen Oberstengruppe, nach langen vorbereitenden Kämpfen die Macht übernommen und mit der Auflösung des polnischen Parlaments gedroht. Linser Mitarbeiter, der soeben von einer längeren Informationsreise durch Polen zurückgekehrt ist, schildert hier packend die Entstehung und den Ausstieg der Oberstenclique und ihre Beziehungen zu Marschall Pilsudski.
»Man lebt in Warschau wie auf einem Vulkan, ganz Polen gleicht einem Heerlager," erklärte vor einigen Wochen in Genf ein Diplomat, der Pilsudskis Staatsstreich vor vier Jahren miterlebt hatte und in diplomatischen Kreisen als vorzüglicher Kenner der Verhältnisse gilt. Gr hatte nicht übertrieben. In Warschau wurde man sosort von der schwülen Gewitterstimmung bedrückt, die auch in der nächsten Llmgebung des Marschalls Pilsudski vorherrschte. Dieser Mann hat in den letzten Iahren sehr an Volkstümlichkeit eingebüstt und seine Ausfälle gegen den polnischen Reichstag, den Sejm, seine abfälligen Aeusterungen über diese Volksvertretung in der Presse und bei offiziellen Veranstaltungen haben dem Schöpfer der polnischen Republik viele Sympathie bei seinen früheren Bewunderern verscherzt. Dennoch gilt der Marschall in weiten Kreisen als Rationalheros, dessen Autorität nach wie vor groß ist und jetzt ausgereicht hat, den Führer der Oberstenclique, Pilsudskis Freund Slawe! zum Ministerpräsidenten zu machen.
Wer ist diese allmächtige Oberstenclique, die vor einigen Monaten beschuldigt wurde, die Telephongespräche zwischen dem Staatspräsidenten und dem Ministerpräsidenten zu überwachen, und deren Hand bei allen verfassungswidrigen Ereignissen — es waren in letzter Zeit in Polen sehr viele — zu finden war? Die Oberstengruppe ist herausgewachsen aus Pilsudskis polnischer Legion, und die für die europäischen Verhältnisse sehr wichtigen politischen Zustände in Deutschlands östlichem Rachbarstaat sind nur zu verstehen, wenn man die Geschichte dieser Legionäre kennt. Ihre Organisation wurde von Pilsudski geschaffen, als dieser noch als Revolutionär im Ausland weilte. Pilsudski, ursprünglich Student der Rechtswissenschaft an der ilni- versität Warschau, gehörte zu einer Verschwöre» gruppe, die für Bakunin und Krapotkin schwärmte. Rachdem er längere Zeit in der Sozialdemokratischen Partei Polens illegal gearbeitet hatte, meldete eines Tages die Grenzpolizei von Czernowitz, daß der „Rihilist PÜ- sudsli" nach Oe st erreich geflohen sei. Der Flüchtling ließ sich bei seinen Parteigenossen in Galizien nieder und lernte dort einen anderen Führer der polnischen Arbeiterschaft kennen: Ignaz Daszynski. Beide wurden Freunde und Kampfgenossen für Jahrzehnte: heute sind sie die schärssten Gegner, denn Daszynski ist Sejm-Marschall und Vorkämpfer der Demokratie in Polen.
In jenen Tagen entstand bei Pilsudski der Plan, dem Kampf gegen den zaristischen Absolutismus eine militärische Grundlage zu geben und insgeheim Korps von Freischärlern zu bilden, die für die Befreiung Polens kämpfen sollten. In geheimen Konventikeln wurden in Krakau Pläne aufgestellt und Aufrufe zur Bildung von Freiwilligen-Korps versaht. Doch Pilsudski sah bald ein, daß ihm eine Voraussetzung fehlte, um fein Ziel zu erreichen: bie militärische Vorbildung. Er gab fein Exil in Galizien auf und reifte nun nach Paris. Dort vertiefte er sich in feiner Dachkammer in Generalstabskarten der österreichischrussischen Grenze und hielt im Kreis seiner Mit
verschwörer Vorlesungen über die kommenden Kämpfe in den Karpathen. Ein im Solde der russischen Botschaft stehender Landsmann verschaffte sich unter der Maske eines sibirischen Flüchtlings Zutritt zu Pilsudskis Mansardenwohnung, sah dort das militärwissenschaftliche Bureau und ..verpfiff" ihn an den Kreis der Asew-Spitzel. Der russische Botschafter Oswolski erhielt vollständigen Einblick in die Organisation spläne der Legionäre und berichtete an den Petersburger Innenminister ..von einer polnischen Canaille, die in Gemeinschaft mit dem österreichischen Generalstab Aufstände in Myslo- Witz vorbereitete." Ehe man ihn ausheben konnte, floh Pilsudski wieder nach Galizien zu seinem Freund Daszynski.
Als die Spannungen zwischen Petersburg und Wien Zunahmen, also in der Zeit von der österreichischen Annektion Bsniens bis zu den ver
hängnisvollen Schüssen von Serajewo, reifte Pilsudskis Werk auf galizischem Boden: die Ausbildung der polnischen Legionäre zu einer Kampftruppe. Man entsinnt sich Wohl noch der Teilnahme der Legio- närkorps an den schweren Kämpfen der verbündeten österreichischen und deutschen Truppen gegen die russischen Heeresmassen, an die wiederholten Auszeichnungen Pilsudskis und seiner Mitkämpfer durch die O&erftc Heeresleitung, die dem Führer der Legionäre so lange Anerkennung zollte, als er sich ihren Befehlen fügte. Pilsudski schwenkte ab, als bei den Mittelmächten der Plan auf- tauchte, eine polnische Monarchie mit einem Habsburger an der Spitze zu schaffen. Der alte Revolutionär wurde nun zum Ankläger gegen das Oberkommando Ost und bezeichnete die österreichischen Generäle als „schmalzige Operettenstrategen". Damals wurden Pil- sudski und die Wichtigsten unter seinen Getreuen, die jetzt zu seinen Freunden gehörenden Obersten Deck und Slawek, verhaftet und auf der Festung Magdeburg a l s Rebellen
interniert Dort entstand die Zelle, aus der sich die Oberstenclique entwickelte, jene Militär- kamarilla, die nun die Macht in Polen erobert hat
Es kamen die Tage des Umsturzes. Pilsudski und seine Freunde riefen in Warschau die souveräne Polnische Republik aus, die ganze Ration jubelte den Legionären zu, Pilsudski wurde Marschall, wurde Präsident der Republik, Daszynski Ministerpräsident Doch eine Kluft trennt jetzt die beiden Männer. Schließlich verlieh Pilsudski die politische Tribüne, besonders verletzt durch gewisse, ihm feindliche Strömungen im Heer. Verbittert 30g sich der Marschall in die Einsamkeit seines Landgutes zurück, des früheren Zarenschlosses „Epala , das ihm vom polnischen Volk zum Geschenk gemacht wurde. Aber nicht lange entfernte er sich vom politischen Leben. In der ersten Maiwoche 1926 kehrte „Väterchen Pilsudski", wie er im Volk genannt wird, wieder zurück: die Legionäre umzingelten Warschau, lösten das Parlament auf, und das Kabinett mußte demissionieren. In kritischen Situationen kann sich eben Pilsudski und mit ihm die Obersten-Gruppe auf eine Macht stützen, die in ihrer Treue unvergleichlich ist: auf die Legionäre, die Schulter an Schulter gekämpft haben und ihrem Führer blindlings folgen. Die Truppen des Generals Haller in Posen und alle übrigen Gegner des Marschalls wissen, daß
gegen diese Legionäre nichts auszurichten ist. Pilsudski hat sie erzogen, und diese Kampfgenossen wurden vom Marschall für ihre Treue tausendfach belohnt, durch Renten und durch Siedlungsland.
Wie bei vielen Volksführern, die Diktatoren wurden, ist anscheinend auch bei Pilsudski jede Erinnerung an die Zeiten geschwunden, in denen er sein Leben dafür einfetzte, Polen den Parlamentarismus und das Wahlrecht zu bringen. Heute? Heute lebt Pilsudski entweder auf Schloß „Spala" oder in den Räumen des Warschauer Kriegsministeriums: völlig abgeschlossen von der Außenwelt, nur seinen intimsten Freunden zugänglich, die ihn vor allen neugierigen Blicken schützen. In Warschau behauptet man, dah fein Berater Oberst Beck den Raum abschliehe, in dem sich der Marschall jeweils aufhält. Böse Zungen verbreiten sogar, daß Oberst Beck diese Vorsicht übe, damit niemand Zeuge sei, wenn der Marschall unter Wutausbrüchen zusammen- breche und das Parlament zu bombardieren drohe. Reben den Obersten Beck und Slawe! darf
Polin
o
Cb:
1 /
Millionen Mark
701
Die deutsche Einfuhr fiel 1929 infolge der schlechten Wirtschaftslage gegen das Vorjahr um rund 200 Millionen und ermöglichte so erstmalig einen lleberschuß der Ausfuhr. Aber immerhin ist noch die Höhe von 13 450 Millionen Mark erreicht. Wieder standen unter den Lieferanten die Bereinigten Staaten weitaus an erster Stelle.
sich noch der General Rycz-Smtgla dem Marschall auch in kritischen Stunden nähern. Dieser General, der Kommandeur des Legio- närkorps, faßte vor einigen Iahren den wahnsinnigen Plan. Litauen zu besetzen und einen ähnlichen Spaziergang nach Kowno zu unter-' nehmen, wie ihn vorher der General Zeli- gowski nach Wilna mit Erfolg durchgesührt hatte. Als Rycz-Srnigla in Wilna die Annektion Litauens propagierte, sand er zwar begeisterte Zustimmung für seinen Plan, dem Marschall den Rachbarstaat als Geburtstagsgeschenk zu präsentieren, doch Pilsudski griff persönlich ein und verhinderte das Abenteuer. Immerhin zeigt diese Episode, welche Hitzköpfe und politisch ungeschulten Elemente es unter den Obersten gibt, die nun in Polen das Heft in der Hand haben.
Christlich-sozialer Volksdienst (Evangelische Volksgemeinschaft).
Die Ortsgruppe Gießen des Christlich-sozialen Volksdicnstes (Evangelische Volksgemeinschaft) hatte an einem der letzten Tage zu einer & f f e n t», lieben Versammlung eingeladcn und alS Redner den zweiten Landesvorsitzenden für Hessen, Pfarrer Page, Mainz-Weisenau, gewonnen. Der Redner erinnerte an den Zusammenschluß der ., Christlich-Sozialen" mit dem „Christlichen Volksdienst", wodurch der Bewegung der jetzige hohe Raine „Christlich-sozialer Volksdienst" zugcwachsen sei durch Verschmelzung der beiden Rainen. Die Bewegung sei nicht von Menschen gemacht, sondern mit .Urgewalt hervorgebrochen wie ein Quell. Sie denke nicht daran, eine Massenbewegung solcher zu werden, die ihre Belange vertreten haben wollen. Sie solle ein Sammelpunkt aller Reserven der „Stillen im Lande" werden, der vielen politisch Heimatlosen. Es sei das Verdienst des Christlichen Volksdienstes gewesen,''daß er als erster von dem gegenwärtigen Parteiwesen bewußt abgerückt und für ein neues Parteiethos eingetreten sei. Er wolle sich weder nach rechts oder links festlegen lassen, sondern daS Gute anerkennen, wo es irgendwie zutage komme. Er möchte also unberührt bleiben von allem Hatz der Parteien gegeneinander.
Wenn dem Christlich-sozialen Dolksdienst vorgehalten werde, er jage der Illusion nach, christliche Politik treiben zu wollen, so wies der Redner darauf hin, daß alle seine Führer wiederholt in breiter Öffentlichkeit erklärt hätten, datz auch er keine Patentlösung bringe, alle Röte zu beseitigen und dast aus der Bibel heraus z. B. nicht alle Wirtschaftsfragen zu lösen seien. Wohl aber sollten christliche Parlamentarier aus ihrem christlichen Gewissen heraus an die Lösung der politischen und wirtschaftlichen Probleme Herangehen. Oder glaube man, es sei besser, wenn diese Fragen weiter von den Interessentenparteien im egoistischen Sinne entschieden würden? Es existiere kein Parteiprogramm, wohl aber Richtlinien, die keinem die Gewissensfreiheit raubten, da sie nur in großen Zügen das festhielten, was jedem ernsten Christen selbstverständlich sei. Aber der Christl.-soziale Dolksdienst wolle aus der Unruhe des heutigen Parteigetriebes hinausfuhren und die Arbeit für das Dolkswohl in ruhige, sachliche, vom Geiste des Christentums geleitete Bahnen lenken, damit christliches Denken, christliche Grundsätze nicht bloß im Privatleben herrschen, sondern auch im öffentlichen Leben sich auswirken und nicht verleugnet werden, und so die Christenheit mithelfe zur Gesundung des Volkslebens und zur Förderung der Volkswohlfahrt im Geiste wahren Christentums.
Mit dem Appell, die Reihen zu schließen, beendete der Redner seine mit großer Zustimmung aufgenommenen Ausführungen. Die anschließende Aussprache gestaltete sich besonders lebhaft und interessant, da dem Referenten eine Reihe von Fragen zur Beantwortung vorgelegt wurden.
Daten für Mittwoch, S. April.
Sonnenaufgang 5.20 Ubr, «Sonnenuntergang 18.45 Uhr. — Mondaufgang 13.47 Uhr, Monduntergang 4.21 Uhr.
1886: der Dichter Viktor von Scheffel in Karlsruhe gestorben.
Persien trauert.
Yon Earl Baade-Koye.
An dos soeben gefeierte persische Neujahrsfest schließt sich der Muharrem, der Trauermonat an, den ein Kenner des Landes in einer packenden Szene fcsthält. .
Heiliger als den Türken und Arabern der Fasten» monat Ramadhan ist den Persern der Muharrem, der heiligste Monat des Jahres, der noch mit derselben unerbittlichen Härte und Strenge gefeiert wird, wie vor Hunderten von Jahren, als Persien noch das Land von Tausend und einer Nacht war. Der Muharrem ist der Monat der großen Volkstrauer. Trauer über den getöteten Enkel Mohammeds, über Hussein, den die Perser als den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten verehren. Trauer über dus ganze erschütternde Schicksal, das ihr einst f*> mächtiges und glorreiches Volk zu einer Vederuungslvfjgkeit herabgedrückt hat, aus der kein Weg mehr auf die Höhen geschichtlicher Geltung zu führen scheint.
Als wir, von Armenien kommend, bei Djuloa die Grenze des Landes überschritten, hatte der heilige Muharrem gerade begonnen. Zunächst bot sich uns nichts Auffälliges. Wohl bemerkten mir, daß die Einwohner, mit denen wir in den Teehäusern übernachteten, stundenlang melancholische Melodien vor sich hinleierten, dazu mit Stöcken und Schwertern auf die Erde trommelten, aber wir hielten das für persische Eigentümlichkeiten. Erst als wir nach einigen Tagen das Städtchen Marand erreichten und Gelegenheit fanden, uns von den Strapazen der voraufgegangenen Tage zu erholen, sollten auch wir den tieferen Sinn dieser traurigen Musik erfahren. Unser Wirt, ein Perser von prinz- lichem Geblüt, ber in Marand als Polizeigewaltiger fungierte, war ein kindlich-naiver, aber liebenswürdiger uni), gastfreier Mann. Er weihte uns in das Geheimnis des Muharrem ein und nötigte uns, bis zum 10., dem Hauptfesttag des Monats der Trauer, zu bleiben. Wie es schon unterwegs gewesen war, bot sich uns auch hier in Marand allabendlich dasselbe Schauspiel. Große, dumpf dröhnende Trommeln vor sich hertragend zogen, wenn die Sonne am Horizont versank, Scharen von jungen Burschen durch die Stadt. Sie ließen dabei einen durchdringenden, immer sich wieder
holenden Nus: „Schach-sei wach-sei" ertönen. Diese Worte, die dem Europäer seltsam und in ihrer ewigen Wiederholung schauerlich in den Ohren flingem bedeuten die Abkürzung von: „Schah Hussein Wah Hussein", d. h.: „König Hussein, Wehe Hussein!" Der Erfolg dieser Mahnrufe, die unaufhörlich durch die ganze Stadt drangen, blieb auch nicht aus. Aus den umliegenden Häusern, an denen gerade die trommelnden und schreienden jungen Männer vorbeizogen, antwortete hinter dicken Lchmmauern das gleiche langgezogene Klagegeheul, das nur von den schrillen, nervösen Zwischenrufen der Frauen, die sich hierin ganz besonders hervortaten, unterbrochen wurde. Bis spät in die Nacht hörten wir immer wieder denselben, eintönigen Klageruf.
Dies alles war jedoch nur eine Vorbereitung, eine allmähliche Steigerung, eine Konzentration des ganzen Denkens auf den einen Höhepunkt, den der Haupttag, der 10. im Murharrem bedeutet. Dann entfesselt sich der tief im Innern wühlende und künstlich hochgepeitschte Schmerz mit aller Gewalt, um ’ in einer Raserei auszuschlagen, die feine Grenzen und keine Hemmungen mehr fennr. Für die Europäer bedeutet die Teilnahme an einem derartigen Fest immer ein Risiko, wenn nicht eine ernste Gefahr. Wir dankten es der außergewöhnlichen Beliebtheit unseres Wirtes, des prinzlichen Polizeichefs von Marand, und vor allem der mustergültigen Disziplin, durch die sich die Truppen Separ Rhiza Khans auszeichneten, wenn man mit uns eine Ausnahme machte. Wir durften Zeugen eines Ereignisses werden, das den meisten Fremden nicht zugänglich ist, wir nahmen Teil an der Offenbarung eines religiös-nationalen Gefühls, von dessen Stärke man sich in Europa keine Vorstellung machen kann. Auf jeden Fall saßen wir, so sicher wie mitten in einer europäischen Großstadt, auf dem Dach eines niedrigen Geschäftshauses und ließen das gewaltige Schauspiel, das brutal und aufregend war, aber auch in der Vehemenz feines Ausbruchs imponierte, an uns vorüberziehen.
Die ganze Stabt war in Trauer gehüllt. Schwarze Tücher bedeckten die farbigen Geschäftsschilder und was sonst noch einer orientalischen Stadt von heute das bunte Gepräge gibt. Die wenigen Geschäfte, über die Marand verfügt, waren natürlich geschlossen. Soweit man sehen konnte, war kein Haus zu erblicken, das nicht mit großen schwarzen
Fahnen die Anteilnahme seiner Bewohner am Schmerz der Allgemeinheit, des ganzen Volkes offenbarte. Nirgends aber fehlte die silberne Fatma- Hand, die man auch als die Schwurhand des Propheten deutet. Ihr ursprünglicher Sinn ist den Gläubigen heute nicht mehr bekannt: sie wurde jedenfalls als heiliges Zeichen bereits vor Jahrhunderten übernommen und wird seitdem heilig gehalten. Der größte Platz von Marand, auf dem sich sonst das bunte Gewimmel und farbige Treiben des täglichen Marktes entfalten, war gründlich gesäubert worden und bot einer nach Tausenden zählenden Volksmenge Raum zur Befriedigung ihrer Schaulust. Militär und Polizei hatten alle Hände voll zu tun, um unter den Zuschauern Ruhe und Ordnung aufrechzuerhalten, die ihre zitternde, erwartungsvolle Spannung kaum verbergen konnten. Endlich ertönte ein dumpfer Paukenschlag, auf den die Menge mit ebenso dumpfem Gemurmel antwortete. Es war das Zeichen des Beginns. Mit dem An- fchwellen des Paukenlärms wuchs auch die Unruhe des Volkes. Da plötzlich ertönten aus der dunklen Wölbung des auf den Markt mündenden Basars schmetternde Trompetenstöße. Mit diesem Signal verstummte jäh jeder andere Laut. Totenstille trat ein. Nun erschien unter ständigem Rufen und Singen eine Schar junger Burschen, in doppelter Reihe gegeneinander gerichtet. Sie hüpften nach dem Takt der Pauken immer drei Schritte vor und drei zurück, wobei sie mit den Stocken auf den Boden schlugen. Ihnen folgten die Paukenschläger und diesen wieder eine Reihe von Kettengeihlern, unter denen sich sogar Kinder und Greise befanden. Sie alle ließen die Geißeln unbarmherzig auf die nackten Rücken niedersausen, die sofort blaurot anliefen und bei weiteren Schlägen unter den spitzen Metallenden der Geißeln aufsprangen. Bald waren die Körper von dicken Blutbächen überströmt. Man konnte nicht Zeit finden, die Grausamkeiten des Schauspiels richtig zu empfinden, weil immer neue Gruppen vor- überzogen, und jede einen anderen, jammervollen Anblick bot Im Mittelpunkt standen die Schwertschläger, die Helden des Tages, mehr als hundert junge Leute in langen weißen Hemden, geführt von einer Schar von Priestern, gefolgt von Aerzten und Apothekern der Stabt und einer unübersehbaren Reihe heulender und schreiender Menschen. Sie schlugen sich im Takt der neben ihnen schreitenden Paukenschläger in wilder, fanatischer Wut mit kur
zen scharfen Schwertern auf den frisch rasierten Schädel. Das Blut rann ihnen über Kopf und Sdjultern, in langen Streifen über die weißen Hemden. Unaufhörlich forderten die Paukenschläger immer wieder durch wilde Zurufe und Pauken- schläge zur Fortsetzung und Steigerung des tollen Treibens aus. Die Raserei begann sich bald der zu- schauenden Menge mitzuteilen, und schließlich wütete jeder einzelne in der Volksmenge mit Faustschlägen gegen sich, wie es die Schläger mit dem «Schwert taten.
Einige schienen die Ekstase bis zum Wahnsinn gesteigert zu haben: sie achteten nicht mehr auf Takt und Zurufe, sondern hieben so schnell und unbarmherzig auf sich ein, daß Aerzte und Zuschauer dazwischenfahren mußten, um ihnen die Schwerter zu entreißen, was nicht immer ohne Gegenwehr der Wütenden abging. Andere brachen erschöpft ober ohnmächtig zusammen und mußten auf bereit» stehenden Wagen abtransportiert werden. Obwohl alle Aerzte des Ortes beschäftigt waren und unermüdlich Hilfe leisteten, erforderte die Zeremonie drei Todesopfer. Aber auch mit diesem furchtbaren Zug war das Programm noch nicht erschöpft. Immer neue Gruppen qualvoll leidender Menschen zogen vorüber, immer von neuem kündeten Stock- und Paukenschläge ein anderes Bild an. So waren in den wenigen Stunden, die wir auf dem Dach des Basars verbrachten, dreizehn Züge an uns vorübergegangen und hatten uns ein Schauspiel geboten, wie wir es in diesem Ausmaß wohl kein zweites Mal mehr sehen werden.
So schwer es dem Europäer auch sein mag, diese Art von Kult zu verstehen, und so gern er geneigt ist, ihn als Verirrung eines fanatischen Volkes zu verwerfen, wird er doch (ein hartes Urteil mildern müssen, wenn er bedenkt, daß sich in diesem grauenvoll äußernden Schmerz eine tiefe Sehnsucht verbirgt. Sehnsucht nach einem fernen und unerreichbaren Ziel, nach der Erlangung einstiger Große, politischer und religiöser Macht. Wurde doch das einst hochstehende Kulturvolk der Perser von den kriegerischen Arabern bezwungen, und ihm die fremde Religion des Islam aufgenötigt. Der machtvolle Protest gegen die Vergewaltigung liegt in ber Verehrung bes ebenfalls um fein Schicksal betrogenen Helben Hussein und finbet niemals so starken Ausbruch wie am 10. Muharrem, dem höchsten Tage der tiefsten Trauer,___
k


