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Hr. 83 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Dienstag, 8. April (930

Das Land der Legionäre.

Polens Prätorianertruppe.-Slawel, der neue Mnisterpräsident, der Exponent her Oberstenclique. Oer Internierte von Magdeburg. Eine verhüllte Diktatur pilsudskis.

Von Dr. Erwin Krug.

In diesen Togen hat Slawek, der Führer der polnischen Oberstengruppe, nach langen vorbereitenden Kämpfen die Macht übernommen und mit der Auf­lösung des polnischen Parlaments ge­droht. Linser Mitarbeiter, der soeben von einer längeren Informationsreise durch Polen zurückgekehrt ist, schildert hier packend die Entstehung und den Ausstieg der Oberstenclique und ihre Beziehungen zu Marschall Pilsudski.

»Man lebt in Warschau wie auf einem Vulkan, ganz Polen gleicht einem Heerlager," erklärte vor einigen Wochen in Genf ein Diplomat, der Pilsudskis Staatsstreich vor vier Jahren miterlebt hatte und in diplomatischen Kreisen als vorzüglicher Kenner der Verhältnisse gilt. Gr hatte nicht übertrieben. In Warschau wurde man sosort von der schwülen Gewitterstimmung bedrückt, die auch in der nächsten Llmgebung des Marschalls Pilsudski vorherrschte. Dieser Mann hat in den letzten Iahren sehr an Volks­tümlichkeit eingebüstt und seine Ausfälle gegen den polnischen Reichstag, den Sejm, seine abfäl­ligen Aeusterungen über diese Volksvertretung in der Presse und bei offiziellen Veranstaltungen haben dem Schöpfer der polnischen Republik viele Sympathie bei seinen früheren Bewun­derern verscherzt. Dennoch gilt der Marschall in weiten Kreisen als Rationalheros, dessen Autori­tät nach wie vor groß ist und jetzt ausgereicht hat, den Führer der Oberstenclique, Pilsudskis Freund Slawe! zum Ministerpräsidenten zu machen.

Wer ist diese allmächtige Oberstenclique, die vor einigen Monaten beschuldigt wurde, die Telephongespräche zwischen dem Staatspräsiden­ten und dem Ministerpräsidenten zu überwachen, und deren Hand bei allen verfassungswidrigen Ereignissen es waren in letzter Zeit in Polen sehr viele zu finden war? Die Oberstengruppe ist herausgewachsen aus Pilsudskis pol­nischer Legion, und die für die europäischen Verhältnisse sehr wichtigen politischen Zustände in Deutschlands östlichem Rachbarstaat sind nur zu verstehen, wenn man die Geschichte dieser Le­gionäre kennt. Ihre Organisation wurde von Pilsudski geschaffen, als dieser noch als Revo­lutionär im Ausland weilte. Pilsudski, ursprüng­lich Student der Rechtswissenschaft an der ilni- versität Warschau, gehörte zu einer Verschwöre» gruppe, die für Bakunin und Krapotkin schwärmte. Rachdem er längere Zeit in der So­zialdemokratischen Partei Polens illegal gear­beitet hatte, meldete eines Tages die Grenz­polizei von Czernowitz, daß derRihilist- sudsli" nach Oe st erreich geflohen sei. Der Flüchtling ließ sich bei seinen Parteigenossen in Galizien nieder und lernte dort einen anderen Führer der polnischen Arbeiterschaft kennen: Ignaz Daszynski. Beide wurden Freunde und Kampfgenossen für Jahrzehnte: heute sind sie die schärssten Gegner, denn Daszynski ist Sejm-Marschall und Vorkämpfer der Demokratie in Polen.

In jenen Tagen entstand bei Pilsudski der Plan, dem Kampf gegen den zaristischen Ab­solutismus eine militärische Grundlage zu geben und insgeheim Korps von Freischär­lern zu bilden, die für die Befreiung Polens kämpfen sollten. In geheimen Konventikeln wur­den in Krakau Pläne aufgestellt und Aufrufe zur Bildung von Freiwilligen-Korps versaht. Doch Pilsudski sah bald ein, daß ihm eine Vor­aussetzung fehlte, um fein Ziel zu erreichen: bie militärische Vorbildung. Er gab fein Exil in Galizien auf und reifte nun nach Paris. Dort vertiefte er sich in feiner Dachkam­mer in Generalstabskarten der österreichisch­russischen Grenze und hielt im Kreis seiner Mit­

verschwörer Vorlesungen über die kommenden Kämpfe in den Karpathen. Ein im Solde der russischen Botschaft stehender Landsmann ver­schaffte sich unter der Maske eines sibirischen Flüchtlings Zutritt zu Pilsudskis Mansarden­wohnung, sah dort das militärwissenschaftliche Bureau und ..verpfiff" ihn an den Kreis der Asew-Spitzel. Der russische Botschafter Oswolski erhielt vollständigen Einblick in die Organi­sation spläne der Legionäre und berichtete an den Petersburger Innenminister ..von einer pol­nischen Canaille, die in Gemeinschaft mit dem österreichischen Generalstab Aufstände in Myslo- Witz vorbereitete." Ehe man ihn ausheben konnte, floh Pilsudski wieder nach Galizien zu seinem Freund Daszynski.

Als die Spannungen zwischen Petersburg und Wien Zunahmen, also in der Zeit von der öster­reichischen Annektion Bsniens bis zu den ver­

hängnisvollen Schüssen von Serajewo, reifte Pilsudskis Werk auf galizischem Boden: die Ausbildung der polnischen Legio­näre zu einer Kampftruppe. Man entsinnt sich Wohl noch der Teilnahme der Legio- närkorps an den schweren Kämpfen der verbün­deten österreichischen und deutschen Truppen gegen die russischen Heeresmassen, an die wiederholten Auszeichnungen Pilsudskis und seiner Mitkämpfer durch die O&erftc Heeresleitung, die dem Führer der Legionäre so lange Anerkennung zollte, als er sich ihren Befehlen fügte. Pilsudski schwenkte ab, als bei den Mittelmächten der Plan auf- tauchte, eine polnische Monarchie mit einem Habsburger an der Spitze zu schaffen. Der alte Revolutionär wurde nun zum Ankläger gegen das Oberkommando Ost und be­zeichnete die österreichischen Generäle alsschmal­zige Operettenstrategen". Damals wurden Pil- sudski und die Wichtigsten unter seinen Getreuen, die jetzt zu seinen Freunden gehörenden Obersten Deck und Slawek, verhaftet und auf der Festung Magdeburg a l s Rebellen

interniert Dort entstand die Zelle, aus der sich die Oberstenclique entwickelte, jene Militär- kamarilla, die nun die Macht in Polen erobert hat

Es kamen die Tage des Umsturzes. Pilsudski und seine Freunde riefen in Warschau die souve­räne Polnische Republik aus, die ganze Ration jubelte den Legionären zu, Pilsudski wurde Marschall, wurde Präsident der Republik, Daszynski Ministerpräsident Doch eine Kluft trennt jetzt die beiden Männer. Schließlich verlieh Pilsudski die politische Tribüne, besonders ver­letzt durch gewisse, ihm feindliche Strömungen im Heer. Verbittert 30g sich der Marschall in die Einsamkeit seines Landgutes zurück, des früheren ZarenschlossesEpala , das ihm vom polnischen Volk zum Geschenk gemacht wurde. Aber nicht lange entfernte er sich vom politischen Leben. In der ersten Maiwoche 1926 kehrte Väterchen Pilsudski", wie er im Volk genannt wird, wieder zurück: die Legionäre umzingelten Warschau, lösten das Parlament auf, und das Kabinett mußte demissionieren. In kritischen Si­tuationen kann sich eben Pilsudski und mit ihm die Obersten-Gruppe auf eine Macht stützen, die in ihrer Treue unvergleichlich ist: auf die Legionäre, die Schulter an Schulter gekämpft haben und ihrem Führer blindlings folgen. Die Truppen des Generals Haller in Posen und alle übrigen Gegner des Marschalls wissen, daß

gegen diese Legionäre nichts auszurichten ist. Pilsudski hat sie erzogen, und diese Kampfgenossen wurden vom Marschall für ihre Treue tausend­fach belohnt, durch Renten und durch Siedlungs­land.

Wie bei vielen Volksführern, die Diktatoren wurden, ist anscheinend auch bei Pilsudski jede Erinnerung an die Zeiten geschwunden, in denen er sein Leben dafür einfetzte, Polen den Parla­mentarismus und das Wahlrecht zu bringen. Heute? Heute lebt Pilsudski entweder auf Schloß Spala" oder in den Räumen des Warschauer Kriegsministeriums: völlig abgeschlossen von der Außenwelt, nur seinen intimsten Freunden zu­gänglich, die ihn vor allen neugierigen Blicken schützen. In Warschau behauptet man, dah fein Berater Oberst Beck den Raum abschliehe, in dem sich der Marschall jeweils aufhält. Böse Zungen verbreiten sogar, daß Oberst Beck diese Vorsicht übe, damit niemand Zeuge sei, wenn der Marschall unter Wutausbrüchen zusammen- breche und das Parlament zu bombardieren drohe. Reben den Obersten Beck und Slawe! darf

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Die deutsche Einfuhr fiel 1929 infolge der schlechten Wirtschaftslage gegen das Vorjahr um rund 200 Millionen und ermöglichte so erstmalig einen lleberschuß der Ausfuhr. Aber immerhin ist noch die Höhe von 13 450 Millionen Mark erreicht. Wieder standen unter den Lieferanten die Bereinigten Staaten weitaus an erster Stelle.

sich noch der General Rycz-Smtgla dem Marschall auch in kritischen Stunden nähern. Dieser General, der Kommandeur des Legio- närkorps, faßte vor einigen Iahren den wahn­sinnigen Plan. Litauen zu besetzen und einen ähnlichen Spaziergang nach Kowno zu unter-' nehmen, wie ihn vorher der General Zeli- gowski nach Wilna mit Erfolg durchgesührt hatte. Als Rycz-Srnigla in Wilna die Annektion Li­tauens propagierte, sand er zwar begeisterte Zustimmung für seinen Plan, dem Marschall den Rachbarstaat als Geburtstagsgeschenk zu prä­sentieren, doch Pilsudski griff persönlich ein und verhinderte das Abenteuer. Immerhin zeigt diese Episode, welche Hitzköpfe und politisch unge­schulten Elemente es unter den Obersten gibt, die nun in Polen das Heft in der Hand haben.

Christlich-sozialer Volksdienst (Evangelische Volksgemeinschaft).

Die Ortsgruppe Gießen des Christlich-sozialen Volksdicnstes (Evangelische Volksgemeinschaft) hatte an einem der letzten Tage zu einer & f f e n t», lieben Versammlung eingeladcn und alS Redner den zweiten Landesvorsitzenden für Hessen, Pfarrer Page, Mainz-Weisenau, ge­wonnen. Der Redner erinnerte an den Zusam­menschluß der ., Christlich-Sozialen" mit dem Christlichen Volksdienst", wodurch der Bewe­gung der jetzige hohe RaineChristlich-sozialer Volksdienst" zugcwachsen sei durch Verschmel­zung der beiden Rainen. Die Bewegung sei nicht von Menschen gemacht, sondern mit .Urgewalt hervorgebrochen wie ein Quell. Sie denke nicht daran, eine Massenbewegung solcher zu werden, die ihre Belange vertreten haben wollen. Sie solle ein Sammelpunkt aller Reserven der Stillen im Lande" werden, der vielen politisch Heimatlosen. Es sei das Verdienst des Christ­lichen Volksdienstes gewesen,''daß er als erster von dem gegenwärtigen Parteiwesen bewußt ab­gerückt und für ein neues Parteiethos einge­treten sei. Er wolle sich weder nach rechts oder links festlegen lassen, sondern daS Gute aner­kennen, wo es irgendwie zutage komme. Er möchte also unberührt bleiben von allem Hatz der Parteien gegeneinander.

Wenn dem Christlich-sozialen Dolksdienst vor­gehalten werde, er jage der Illusion nach, christ­liche Politik treiben zu wollen, so wies der Red­ner darauf hin, daß alle seine Führer wieder­holt in breiter Öffentlichkeit erklärt hätten, datz auch er keine Patentlösung bringe, alle Röte zu beseitigen und dast aus der Bibel heraus z. B. nicht alle Wirtschaftsfragen zu lösen seien. Wohl aber sollten christliche Parlamentarier aus ihrem christlichen Gewissen heraus an die Lösung der politischen und wirtschaftlichen Probleme Heran­gehen. Oder glaube man, es sei besser, wenn diese Fragen weiter von den Interessentenpar­teien im egoistischen Sinne entschieden würden? Es existiere kein Parteiprogramm, wohl aber Richtlinien, die keinem die Gewissensfreiheit raub­ten, da sie nur in großen Zügen das festhielten, was jedem ernsten Christen selbstverständlich sei. Aber der Christl.-soziale Dolksdienst wolle aus der Unruhe des heutigen Parteigetriebes hinaus­fuhren und die Arbeit für das Dolkswohl in ruhige, sachliche, vom Geiste des Christentums geleitete Bahnen lenken, damit christliches Den­ken, christliche Grundsätze nicht bloß im Privat­leben herrschen, sondern auch im öffentlichen Le­ben sich auswirken und nicht verleugnet werden, und so die Christenheit mithelfe zur Gesundung des Volkslebens und zur Förderung der Volks­wohlfahrt im Geiste wahren Christentums.

Mit dem Appell, die Reihen zu schließen, beendete der Redner seine mit großer Zustim­mung aufgenommenen Ausführungen. Die an­schließende Aussprache gestaltete sich besonders lebhaft und interessant, da dem Referenten eine Reihe von Fragen zur Beantwortung vorgelegt wurden.

Daten für Mittwoch, S. April.

Sonnenaufgang 5.20 Ubr, «Sonnenuntergang 18.45 Uhr. Mondaufgang 13.47 Uhr, Monduntergang 4.21 Uhr.

1886: der Dichter Viktor von Scheffel in Karls­ruhe gestorben.

Persien trauert.

Yon Earl Baade-Koye.

An dos soeben gefeierte persische Neujahrs­fest schließt sich der Muharrem, der Trauer­monat an, den ein Kenner des Landes in einer packenden Szene fcsthält. .

Heiliger als den Türken und Arabern der Fasten» monat Ramadhan ist den Persern der Muharrem, der heiligste Monat des Jahres, der noch mit der­selben unerbittlichen Härte und Strenge gefeiert wird, wie vor Hunderten von Jahren, als Per­sien noch das Land von Tausend und einer Nacht war. Der Muharrem ist der Monat der großen Volkstrauer. Trauer über den getöteten Enkel Mo­hammeds, über Hussein, den die Perser als den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten verehren. Trauer über dus ganze erschütternde Schicksal, das ihr einst f*> mächtiges und glorreiches Volk zu einer Vederuungslvfjgkeit herabgedrückt hat, aus der kein Weg mehr auf die Höhen geschichtlicher Geltung zu führen scheint.

Als wir, von Armenien kommend, bei Djuloa die Grenze des Landes überschritten, hatte der heilige Muharrem gerade begonnen. Zunächst bot sich uns nichts Auffälliges. Wohl bemerkten mir, daß die Einwohner, mit denen wir in den Teehäusern übernachteten, stundenlang melancholische Melodien vor sich hinleierten, dazu mit Stöcken und Schwer­tern auf die Erde trommelten, aber wir hielten das für persische Eigentümlichkeiten. Erst als wir nach einigen Tagen das Städtchen Marand erreich­ten und Gelegenheit fanden, uns von den Stra­pazen der voraufgegangenen Tage zu erholen, sollten auch wir den tieferen Sinn dieser traurigen Musik erfahren. Unser Wirt, ein Perser von prinz- lichem Geblüt, ber in Marand als Polizeigewal­tiger fungierte, war ein kindlich-naiver, aber lie­benswürdiger uni), gastfreier Mann. Er weihte uns in das Geheimnis des Muharrem ein und nötigte uns, bis zum 10., dem Hauptfesttag des Monats der Trauer, zu bleiben. Wie es schon unterwegs gewesen war, bot sich uns auch hier in Marand allabendlich dasselbe Schauspiel. Große, dumpf dröhnende Trommeln vor sich hertragend zogen, wenn die Sonne am Horizont versank, Scharen von jungen Burschen durch die Stadt. Sie ließen dabei einen durchdringenden, immer sich wieder­

holenden Nus:Schach-sei wach-sei" ertönen. Diese Worte, die dem Europäer seltsam und in ihrer ewigen Wiederholung schauerlich in den Ohren flingem bedeuten die Abkürzung von:Schah Hus­sein Wah Hussein", d. h.:König Hussein, Wehe Hussein!" Der Erfolg dieser Mahnrufe, die unauf­hörlich durch die ganze Stadt drangen, blieb auch nicht aus. Aus den umliegenden Häusern, an denen gerade die trommelnden und schreienden jungen Männer vorbeizogen, antwortete hinter dicken Lchmmauern das gleiche langgezogene Klagegeheul, das nur von den schrillen, nervösen Zwischenrufen der Frauen, die sich hierin ganz besonders hervor­taten, unterbrochen wurde. Bis spät in die Nacht hörten wir immer wieder denselben, eintönigen Klageruf.

Dies alles war jedoch nur eine Vorbereitung, eine allmähliche Steigerung, eine Konzentration des ganzen Denkens auf den einen Höhepunkt, den der Haupttag, der 10. im Murharrem bedeutet. Dann entfesselt sich der tief im Innern wühlende und künstlich hochgepeitschte Schmerz mit aller Gewalt, um in einer Raserei auszuschlagen, die feine Grenzen und keine Hemmungen mehr fennr. Für die Europäer bedeutet die Teilnahme an einem derartigen Fest immer ein Risiko, wenn nicht eine ernste Gefahr. Wir dankten es der außergewöhn­lichen Beliebtheit unseres Wirtes, des prinzlichen Polizeichefs von Marand, und vor allem der mustergültigen Disziplin, durch die sich die Truppen Separ Rhiza Khans auszeichneten, wenn man mit uns eine Ausnahme machte. Wir durften Zeugen eines Ereignisses werden, das den meisten Frem­den nicht zugänglich ist, wir nahmen Teil an der Offenbarung eines religiös-nationalen Gefühls, von dessen Stärke man sich in Europa keine Vorstellung machen kann. Auf jeden Fall saßen wir, so sicher wie mitten in einer europäischen Großstadt, auf dem Dach eines niedrigen Geschäftshauses und lie­ßen das gewaltige Schauspiel, das brutal und auf­regend war, aber auch in der Vehemenz feines Aus­bruchs imponierte, an uns vorüberziehen.

Die ganze Stabt war in Trauer gehüllt. Schwarze Tücher bedeckten die farbigen Geschäftsschilder und was sonst noch einer orientalischen Stadt von heute das bunte Gepräge gibt. Die wenigen Geschäfte, über die Marand verfügt, waren natürlich ge­schlossen. Soweit man sehen konnte, war kein Haus zu erblicken, das nicht mit großen schwarzen

Fahnen die Anteilnahme seiner Bewohner am Schmerz der Allgemeinheit, des ganzen Volkes offenbarte. Nirgends aber fehlte die silberne Fatma- Hand, die man auch als die Schwurhand des Pro­pheten deutet. Ihr ursprünglicher Sinn ist den Gläubigen heute nicht mehr bekannt: sie wurde jedenfalls als heiliges Zeichen bereits vor Jahr­hunderten übernommen und wird seitdem heilig ge­halten. Der größte Platz von Marand, auf dem sich sonst das bunte Gewimmel und farbige Treiben des täglichen Marktes entfalten, war gründlich gesäubert worden und bot einer nach Tausenden zählenden Volksmenge Raum zur Befriedigung ihrer Schau­lust. Militär und Polizei hatten alle Hände voll zu tun, um unter den Zuschauern Ruhe und Ordnung aufrechzuerhalten, die ihre zitternde, erwartungs­volle Spannung kaum verbergen konnten. Endlich ertönte ein dumpfer Paukenschlag, auf den die Menge mit ebenso dumpfem Gemurmel antwortete. Es war das Zeichen des Beginns. Mit dem An- fchwellen des Paukenlärms wuchs auch die Unruhe des Volkes. Da plötzlich ertönten aus der dunklen Wölbung des auf den Markt mündenden Basars schmetternde Trompetenstöße. Mit diesem Signal verstummte jäh jeder andere Laut. Totenstille trat ein. Nun erschien unter ständigem Rufen und Sin­gen eine Schar junger Burschen, in doppelter Reihe gegeneinander gerichtet. Sie hüpften nach dem Takt der Pauken immer drei Schritte vor und drei zu­rück, wobei sie mit den Stocken auf den Boden schlugen. Ihnen folgten die Paukenschläger und die­sen wieder eine Reihe von Kettengeihlern, unter denen sich sogar Kinder und Greise befanden. Sie alle ließen die Geißeln unbarmherzig auf die nackten Rücken niedersausen, die sofort blaurot anliefen und bei weiteren Schlägen unter den spitzen Metallenden der Geißeln aufsprangen. Bald waren die Körper von dicken Blutbächen überströmt. Man konnte nicht Zeit finden, die Grausamkeiten des Schauspiels rich­tig zu empfinden, weil immer neue Gruppen vor- überzogen, und jede einen anderen, jammervollen Anblick bot Im Mittelpunkt standen die Schwert­schläger, die Helden des Tages, mehr als hundert junge Leute in langen weißen Hemden, geführt von einer Schar von Priestern, gefolgt von Aerzten und Apothekern der Stabt und einer unübersehbaren Reihe heulender und schreiender Menschen. Sie schlugen sich im Takt der neben ihnen schreitenden Paukenschläger in wilder, fanatischer Wut mit kur­

zen scharfen Schwertern auf den frisch rasierten Schädel. Das Blut rann ihnen über Kopf und Sdjultern, in langen Streifen über die weißen Hemden. Unaufhörlich forderten die Paukenschläger immer wieder durch wilde Zurufe und Pauken- schläge zur Fortsetzung und Steigerung des tollen Treibens aus. Die Raserei begann sich bald der zu- schauenden Menge mitzuteilen, und schließlich wütete jeder einzelne in der Volksmenge mit Faustschlägen gegen sich, wie es die Schläger mit dem «Schwert taten.

Einige schienen die Ekstase bis zum Wahnsinn gesteigert zu haben: sie achteten nicht mehr auf Takt und Zurufe, sondern hieben so schnell und unbarm­herzig auf sich ein, daß Aerzte und Zuschauer da­zwischenfahren mußten, um ihnen die Schwerter zu entreißen, was nicht immer ohne Gegenwehr der Wütenden abging. Andere brachen erschöpft ober ohnmächtig zusammen und mußten auf bereit» stehenden Wagen abtransportiert werden. Obwohl alle Aerzte des Ortes beschäftigt waren und uner­müdlich Hilfe leisteten, erforderte die Zeremonie drei Todesopfer. Aber auch mit diesem furchtbaren Zug war das Programm noch nicht erschöpft. Immer neue Gruppen qualvoll leidender Menschen zogen vor­über, immer von neuem kündeten Stock- und Pau­kenschläge ein anderes Bild an. So waren in den wenigen Stunden, die wir auf dem Dach des Ba­sars verbrachten, dreizehn Züge an uns vorüber­gegangen und hatten uns ein Schauspiel geboten, wie wir es in diesem Ausmaß wohl kein zweites Mal mehr sehen werden.

So schwer es dem Europäer auch sein mag, diese Art von Kult zu verstehen, und so gern er geneigt ist, ihn als Verirrung eines fanatischen Volkes zu verwerfen, wird er doch (ein hartes Urteil mildern müssen, wenn er bedenkt, daß sich in diesem grauen­voll äußernden Schmerz eine tiefe Sehnsucht ver­birgt. Sehnsucht nach einem fernen und unerreich­baren Ziel, nach der Erlangung einstiger Große, politischer und religiöser Macht. Wurde doch das einst hochstehende Kulturvolk der Perser von den kriegerischen Arabern bezwungen, und ihm die fremde Religion des Islam aufgenötigt. Der macht­volle Protest gegen die Vergewaltigung liegt in ber Verehrung bes ebenfalls um fein Schicksal be­trogenen Helben Hussein und finbet niemals so starken Ausbruch wie am 10. Muharrem, dem höchsten Tage der tiefsten Trauer,___

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