Samstag. 8. März 1930
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Nr. 5Z Drittes Blatt
Verminderung der Eidesleistung
Die Verletzung der Eidespflicht bildet ein trübes Kapitel ün Rechtsleben. Täglich werden an den Gerichten Eide geleistet, von denen immer ein Teil — bdpufrt oder unbewußt — falsch ist. Lieber die geringsügigsten Dinge werden oft Eide geschworen, und leider auch Meineide, die für die Betreffenden, wenn sie bewiesen werden können. von den schlimmsten Folgen begleitet zu sein pflegen. Es ist deshalb der dringende Wunsch nicht nur der Juristen, sondern auch oller ern- sichtigen Laien, daß die Zahl der Eidesleistungen ganz allgemein vermindert wird. Auch der zur Zeit dem Reichsrat vorliegende Entwurf eines Einsührungsgcsetzes zum Allgemeinen deutschen Strafgesetzbuch und zum Strafvol'zugsgesctz sieht diese Herabsetzung für Strafsachen vor.
Im Zivilprozeh, also in den Prozessen um „Mein und Dein", können heute bereits die Parteien aus die Beeidigung von Zeugen verzichten. In diesem Falle genießt die unbeeidigte Aussage den gleichen Wert, wie eine beschworene, deren Verwendbarkeit und Verwertung für das Endergebnis des Prozesses bekanntlich der freien Würdigung durch den Richter unterliegt. Leider ist die Aichtbeeid.grmg von Zeugen eine Ausnahme, keinesfalls die Regel. Die Prozeßparteien erblicken in unliebsamen Zeugen. „die zum Gegner halten" — obwohl sie vielleicht einen Vorgang, oder eine andere Tatsache vollkommen objektiv bekunden — oft fast einen persönlichen Feind, der womöglich, wie es in der Sprache des Volkes lautet, „meineidig gemacht" werden soll, und recht häusig bildet die Tatsache, daß jemand in einem Prozesse als Zeuge aufgerufen wurde und aussagen mußte, den unmittelbaren Anlaß zu späteren, erbittert geführten Beleidigungsprozeffen. Kein Wunder, daß es für viele, die die Leidenschaften der Men» schen kennen, eine recht unliebsame Sache ist, als Zeugen vor Gericht aufzutreten.
Zunächst muß es als sehr wünschenswert bezeichnet werden, daß die Parteien nach Möglichkeit vermeiden, unbeteiligte Personen als Zeugen vor Gericht zu ziehen. Immer wieder kommt es vor, daß vor Gericht gestellte Zeugen, deren Ausbleiben mit schweren Geldstrafen geahndet würde, dort reicht das mindeste zur Sache auszusagen wissen .
In einem dankenswerten Ausschreiben weist soeben der hessische 2 u st i z m i n i st e r auf die Möglichkeit der Verminderung von Eideslei st ungen im Zivilprozeh hin. Die Richter sollen die Parteien darauf aufmerk« sam machen, daß ihnen nach der Zivilprozeßordnung das Recht zusteht, auf die Beeidigung von Zeugen zu verzichten. Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß die Beeidigung, vorausgesetzt, daß nicht in der Person oder Sache liegende, ganz besondere, vom Gesetze festgelegte Gründe für die Richtbeeidigung vorliegen (z. B. Verwandtschaft, Beteiligung am Prozeßausgang), doch erfolgen muh. wenn auch nur eine Partei auf der Beeidigung besteht. Sehr wohl kann aber auch ein Zeuge aus sich selbst heraus unter Hinweis aus seine Bereitwilligkeit zur Eidesleistung und seine wohl nicht anzuzweifelnde, den Parteien oder den Prozeßvertretern be- kannte Wahrheitsliebe an das Gericht und die Parteien ganz offen die Bitte richten, von seiner Beeidigung doch abzusehen. In der Tat wird auch ein erfahrener Richter in geeigneten Fäl-
len von selbst schon das hier erörterte Ziel zu erreichen wissen. 6.
Schwere Eiaissoraen in Wetzlar
5L Wetzlar, 7. März. Die Tagesordnung der gestrigen Stadtverordnetensiyung Hal eine LIeberraschung nach der Richtung gebracht, daß die Beratung des städtischen Etats und des Rachtragsetats nicht vorgenommen, sondern auf die nächste Woche verschoben wurde. Außer der Vereidigung der gewählten Deigeordnelen waren die Deratungsgegenstände von untergeordneter Art. Es handelte sich in erster Linie um die Besetzung von Kommissionen, wobei jedoch wie bei der gewerblichen Berufsschule und der Hofpital- verwaltung die Gegensätze zwischen den Bürgerlichen und der SPD. teils heftig aufeinander- plahten. So dürfte denn die nächste Woche die Hauptentscheidung bringen, wie die Stadtverordneten das Defizit für 1 930, das jetzt noch etwa 400 000 Mark betragen soll, zu decken beabsichtigen. Dazu kommt der Ergänzungsetat für 1929, der ebenfalls 3j0 000 Mark erfordert. In der Dürgerfchaft und in den Kreisen von Handwerk, Handel und Industrie machen sich schon seit einigen Wochen schwere Sorgen breit, wie man den zu erwartenden Steuererhöhungen begegnen soll. Zu'ammenkünste der einzelnen Berussgruppen haben stattgelunden, und man ist sich in diesen Äreifen allgemein klar, daß.man eine weitere Erhöhung der an und für sich recht hohen Realsteuern ablehnen muß. Man will in diesen Kreisen geschlossen an den kommenden Stadtverordnetensihungen tellnehmen, will demonstrieren und droht sogar mit einem Schließen der Läden, ähnlich der Metzgerinnung bei der Einweihung des Schlacht- Hoses. Ob alle diese Demonstrationen einen Erfolg haben werden, ist ungewiß: damit dürfte die Lösung der Deckungsfrage nicht erreicht werden, sie zeigen aber, wie gespannt die Lage ist. Lieber- all hört man nur eine Meinung, besonders im gewerblichen Mittelstand, daß nur eine Ablehnung des Etats Hilfe bringen könne, d. h. man hofft tuf ein Eingreifen der Regierung. Die nächste Woche wird daher eine ent- scheidungsschwere für unsere Stadt sein, und man ist gespannt auf den Ausgang der Verhandlungen.
Spielplan der Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sonntag, 9. März, 15.30 bis 17.30 Llhr: „Hänsel und Gretel". 19.30 bis gegen 22.30: „Indigo". — Montag, 10., 19.30 bis 22.30: „Der fliegende Holländer". — Dienstag, 11. März, 19 bis nach 22.45: „Der Rosen- kavalier". — Mittwoch, 12., 19.30 bis gegen 22.30: „Die Afrikanerin". — Donnerstag, 13., 19 bis 22.30: „Aida". — Freitag, 14., geschlossen. — Samstag, 15.. 19.30 bis gegen 22.30: „Indigo". —
Schauspielhaus. Sonntag, 9. März, 15.30 bis gegen 17.45 Llhr: „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk". 20 bis gegen 22: „Die neue Sachlichkeit". — Montag, 10., 20 bis nach 22.15: „Iulius Caesar". Dienstag, 11., 20 bis gegen 22: „Die neue Sachlichkeit". — Mittwoch, 12., 20 bis nach 22.15: „Iulius Caesar". — Donnerstag, 13., 20 bis nach 22.15: „Julius Caesar" — Frei- tag, 14., 20 bis gegen 22.15: „Marius ahoi! - — Samstag, 15., 20 bis gegen 23.50: „Seltsames
I Zwischenspiel". — Sonntag, 16., 15.30 bis 18: „Wilhelm Sell". 20 bis gegen 23: „Die andere Seite". — Montag, 17., 20 bis nach 22.15: „Julius Caesar".
Oiskonisenkung der Reichsbank.
Berlin, 7.März. Die Reichsbank hat — | wie in einem Teile unserer gestrigen Ausgabe chon gemeldet. D. Red — mit Wirkung vom 8. März den Wechseldiskont von 6 auf 5$ Prozent herabgesetzt.
Oie Begründung.
Reichsbankpräsident Dr. Schacht begründete die Herabsetzung wie folgt:
Die Lage der Reichsbank bat sich in der bisherigen Richtung weiter entwickelt. Die Inanspruch, nähme der Bank, die sich in der Höhe der gesamten Kapitalanlage in Handelswechseln, Reick)S° schatzwechseln, Lombardkrediten und Effekten aus- drückt, ist von 3191 Mill. Mk. Ende 1929 auf 2315 Mill. Ende Januar zurückgcgangen und hält sich mit 2382 Mill. Ende Februar weiter ungefähr auf diesem sehr ermäßigten Stand. Eine ähnliche Entwicklung zeigt der" Umlauf an Reichsbank- ii o t e n und Rentenbankscheinen, der von 5441 Mill. Ende Dezember auf 5026 Mill. Ende Januar und 5087 Mill. Ende Februar gesunken ist. Während, wie diese Ziffern zeigen, der saisonmäßig in dieser Zeit zu beobachtende Rückgang der Bcan- sprlicbung sich seit der letzten Diskonterhöhung am 4 Feoruor nicht weiter ausgeprägt hat, haben sich die Zuflüsse an Gold und Devisen in den letzten Wochen beträchtlich erhöht. Die Bestände an Gold und Deckungsdevisen sind von 2687 Mill. Ende Dezember v.J. aus 2694 Mill. Ende Januar und seitdem weiter um 134 Mill, auf 2828 Mill. Mk. Ende Februar angewachsen, so daß sich die Deckung der Roten durch Gold und Devisen an diesen Ultimoterminen von 53,4 v. H. auf 57,9 v. H. und 59,9 v. H. hob.
Da die Rückflüsse zur Dank in den ersten Märztagen bei weiter zunehmendem Goldbestand in befriedigendem Umfange eingesetzt haben und sich im Durchschnitt der letzten Wochen außerdem sowohl am heimischen Geldmarkt, wie auch an den wichtigeren Auslandmärkten eine weitere Erleichterung hat durchsetzen können, glaubt das Reichsbankdiriktorium, dieser Tendenz durch eine abermalige Diskontermäßigung von 0,5 v. H. Rechnung tragen zu sollen. Cs ist zwar schon jetzt vorauszusehen, daß die im Frühjahr zu erhoffende Saisonbelebung der Wirtschaft eine stärkere Kreditbeanspruchung mit sich bringen wird: doch schien diese Erwartung, zumal ang^ichts der herrschenden Wirtschaflsdepression, es nicht zu rechtfertigen, der Wirtschaft die nach dem Stande der Bank unb der inner- wie außer' deutschen Geldmarktentwicklung an sich mögliche Erleichterung für die Zwischenzeit zu versagen.
Hinsichtlich der Golddiskontbankkredite verbleibt es bei dem bisherigen Satz von 5,5 v. H.
Erleichterung für die Wirtschaft.
Obwohl die Belastung der Reichsbank am Fe- bruar-llllimo über das normal erwartete Maß hinausgegangen ist, zeigt die Entwicklung des Geldmarktes in der Berichtswoche, daß die Entlastung einen überraschend schnellen Verlauf genommen hat. Die hohen Lombardkredite haben zwar zunächst für einige Tage den Geldmarkt noch in Spannung gehalten, aber bereits in der zweiten Hälfte der Berichtswoche fetzte eine fühlbare Erleichterung ein, und es ist anzu
nehmen, daß am Tagesgeldmarkt die oafec wieder auf den Stand zurückgehen werden, den sie vor dem Februar-Ultimo eingenommen haben.
Angesichts oiefer Entwicklung kann tue neue Diskontermäßigung ter Reichsbank nicht Wundernehmen, man hatte sie allerdings so schnell nicht erwartet. Den Anstoß zu dem raschen Entschluß der Reichsbank hat die Diskontermäßl- gung der Bant von England gegeben, wodurch der Reichsbank der Weg zur neuen Diskont - ermäßigung freigegeben worden ilt. Aus der Begründung zu "dem Ermäßigungsbeschluß der Reichsbank geht hervor, daß es, zwei Grunde waren die die Reichsbank veranlaßten, den Diskontsatz nach so kurzer Zeit abermals zu ermäßigen, obwohl die Senkung des Rcuyorier Diskontsatzes, mit der man gerechnet hatte, nicht erfolgt ist. Diese zwei Gründe sind bic Absicht, weitere Goldzuflüsse aus London, die bei der sowieso starken Valuten- und Goldreserve der Reichsbank nicht angenehm sind, zu verhindern, ferner der Wunsch, der Wirtschaft die Kreditbeschaffung zu verbilligen und zu erleichtern, was bei der herrschenden Wirtschastsrepression dringend notwendig erscheint. Die Reichsbank hat sich dabei über Bedenken hinsichtlich größerer 3n* anspruchnahme infolge der üblichen Früh ja _s- belebung der Wirtschaft hinweggeseht, sie sieht aber, wie ausdrücklich festgestellt wird, in dec neuen Diskontermäßigung einen Versuch, dec natürlich rückgängig gemacht werden müßte, wenn die Geldmarktentwicklung nicht den die Diskontermäßigung rechtfertigenden Verlaus nehmen würde.
Durch die Diskontermäßigung auf 5,5 Prozent ist der deutschen Wirtschaft ein Landeszins - f u tz bzw. eine Zinsbas is gegeben, die auf die wirtschaftliche Tätigkeit wenigstens in psychologischer Hinsicht nicht ohne Einwirkung bleiben können Man muß berücksichtigen, daß in einem Zeitraum von vier Monaten der Reichsbank- diskont eine Ermäßigung um volle 2 Prozent von 7,5 auf 5,5 Prozent erfahren hat und somit um mehr als 25 Prozent die Zinslast gegenüber dem Vorjahre für die Wirtschaft zurückgegangen ist. Selbstverständlich muß jetzt auch eine entsprechende Erleichterung in den Konditionen des privaten Bankgewerbes auf der ganzen Linie erfolgen, um die Wirtschaft in den vollen Genuß der Geld- verbilligung zu setzen. Es ist kein Zweifel, daß die vorletzte Diskontermäßigung der Reichsbank sich nicht in dem erwünschten Umfange ausgewirkt hat, vor allem nicht auf dem Kap italmarft, den die Wirtschaft für ihre langfristigen Investitionen in Anspruch nimmt. Für kurzfristiges Geld, welches heute in der ganzen Welt billig zu haben ist, besteht eben in der Wirtschaft nur eine geringe Verwendungsmöglichkeit. Woran es fehlt ist Kapital, und zwar billiges zu Bedingungen, die eine rentable und Ruhen bringende Verwendung von vornherein gewährleisten. Man darf wohl aber nunmehr nach der starken Gelbverbilligung erwarten, daß auch ber Kapitalmarkt merklich unb in größerem Umfange als bisher sich auf biefe einstellen wirb. Solange der Kapitalzins nicht fühlbar zurückgeht, dec für die Investitionstätigkeit ausschlaggebend ist, hat die Gelbverbilligung nur einen sehr bedingten Wert für die Volkswirtschaft. Es nützt nichts, wenn die freien Kapitalien kurzfristige Anlage
Die blonde Sklavin.
Vornan von Hermann IPeid.
25. Fortsetzung Rachd'-uck verboten
XXIII.
Eva Witte stand im dunklen Zimmer am Fen- ster. Cs war ein regnerischer Abend. Laut, aufdringlich drang der Lärm des Verkehrs zu ihr herauf. Das Licht der Lampen spiegelte sich in dem nassen Asphalt ber Straße, über bie in unablässiger Folge die Autos jagten.
Eva wartete auf Felix Schulhofs.
Seit vierzehn Tagen wohnte sie nun in btefer Frembenpension, die nur wenige Schritte von Schulhofss Behausung entfernt lag. Zu vielen Stunden des Tages waren sie beisammen: auch den heutigen Abend wollten sie gemeinsam verbringen. , , „ „ ,
Wo nur Felix so lange blieb?... Seit einer Stunde sollte er schon da sein. Gespannt wander- ten Evas Augen bie Straße hin unb her
Die krankhafte Unruhe, bie sie neuerdings kaum mehr verlieh, überfiel sie aufs neue mit Liebermacht. Eie trat ins Zimmer zurück unb schaltete das Licht ein. ~
Ihre Deine versagten ihr plötzlich den Dienst In wilden Schlägen hämmerte ihr Herz. Sie litt jetzt oft unter diesen Schreckzuständen, bie sie jäh überfielen. r _
Stets saß ihr, wie ein gespenstisches Grauen, die Angst vor ber kommenben Stunbe in ben ©liebem. Honneckers drohende Worte gellten ihr immer wieder in ben Ohren.^ Beim geringsten Geräusch zuckte sie zusammen. Sie glaubte, Stimmen zu Horen, bie nach ihr fragten, sie sah die Tür ihres Zimmers aufgehen, sah Männer auf sich zukommen, die sie ergriffen unb mit fort» nahmen .. ins Gefängnis, in bie Schanbe.... fort von Felix...
Bei Tag unb Rächt burchlebte sie in Gebanken diese Szene, bie sie wie etwas Llnabänberliches erwartete.
Aber nichts dergleichen geschah. Bis heute hatte Honnecker seine Drohung nicht wahr gemacht.
Warum zögerte er so lange?... War es ein teuflischer Plan von ihm, sie noch eine Welle in dieser Ungewißheit schweben zu lassen, bie Sage der Folter zu vermehren.... um dann plötzlich ben vernichtenden Schlag gegen sie, die er so ganz in seiner Hand wußte, zu führen?...
Schwerfällig erhob sich Eva Witte. Kälteschauer jagten ihr über ben Körper.
Wenn nur Felix enblich käme!
Seine Gegenwart gab ihr immer wieder neue Kraft, dem Kommenden entgegenzusehen. Cr sprach ihr Mut zu, er versuchte, sie aufzurichten unb zu stärken.
Sa bei sah sie, wie er sich selbst in dem aus- sichtslosen Kampfe verzehrte, ben er führte, um das Schlimmste, ben Konkurs seiner Firma, zu vermeiden.
Aber alle seine verzweifelten Bemühungen, bie er auch in ben letzten Wochen gemacht hatte, waren fehlgeschlagen. Unaufhaltsam trieb er bem Abgrunb zu.
Ramenlos litt Eva, wenn sie in fein zermürbtes, sorgenvolles Gesicht sah. Warum muhte das Schicksal gerabe sie ihm in ben Weg führen? Rur durch sie hatte er sich Honneckers Haß zu- gezogen, sie war schuld an seinem Untergang I...
Verzweifelt stöhnte Eva auf. Selbstvorwürfe peinigten sie. Gab es denn nirgends einen retten ben Ausweg?...
Da läutete die Flurglocke. Sie hörte Felix Stimme.
Rauschend drang ihr das Blut zum Herzen. Alle Rot war versunken. Mit einem Ausschrei warf sie sich Felix in die Arme.
„Wie froh bin ich. daß du wieder bei mir biftl" stammelte sie selbstvergessen.
„Verzeihe, daß es so spät geworben ist, Cval
Sie hörte einen fremben Klang in seiner Stimme unb sah ihn forschenb an. Da gewahrte sie, bah seine Züge oeränbert waren. Das Müde, Versorgte war gewichen und hatte einem frischen, lebendigen Ausdruck Platz gemacht.
„Was ist geschehen?" fragte sie rasch.
Er faßte sie an beiden Armen und zog sie ganz nahe zu sich heran.
„Ich glaube, jetzt geht es doch wieder aufwärts mit uns!"
„Wie meinst du?"
In seinen blauen Augen war wieder ber stahl- harte Glanz, ber ihnen so lange gefehlt hatte.
„Unsere Firma ist gerettet, Eva! Soviel ist heute schon gewiß! Aber es ist auch sehr wahrscheinlich, bah wir rasch toleber ausbauen und bas große Werk, bas wir begonnen haben, nun doch ausführen können!"
Sie sah ihn an, als begreife sie ben Sinn seiner Worte nicht.
^Wie ist bas so schnell gekommen?" fragte sie ungläubig. r v
Er setzte sich neben sie auf ben Divan.
„Erinnerst du bich. baß ich bir neulich von einem 3ugenbfreunb meines Vaters erzählte, ber uns besucht hatte?"
„Meinst du den Krefelder Seibrnfabr.kanten?'
"Ja! In früheren Zeiten kam Hugo Möckel öfter nach Berlin, dann war er stets bei uns zu Gast Seit einigen Jahren hörten wir aber nur noch feiten von ihm. In ber vorigen Woche tauchte er plötzlich toieber bei uns auf. Er hatte hier an einer Konferenz teilgenommen unb wollte bei dieser Gelegenheit meinen Vater Wiedersehen.
Ms ich nachher mit Möckel allein war unb er sich übet ben Gang unseres Geschäftes ertunbigte, fügte ich ihm offen, wie bie Dinge stehen. Auch von ben Machenschaften Honneckers unterrichtete ich ihn Möckel, ber kein Freund vieler Worte ist, liefe sich von mir die finanziellen Verhältnisse unserer Firma in allen Einzelheiten schll- bem, wohl zwei Stunben lang safe er über ben Büchern unb Papieren. Als er endlich vom Schreibtisch aufstand, sagte ex, er wolle sobald er
heimkomme, die Sache mit einigen Geschäftsfreunden besprechen: er denke, daß sich ein Weg finden werde, um uns wieder aufzuhelfen. Die Pläne und Berechnungen unseres Bauprojektes solle ich ihm mit genauen Angaben, wie weit die Bauarbeiten gediehen seien, sofort nach- fenden."
Mit wachsendem Staunen hatte Eva Witte zugehört.
„Warum hast du mir von alledem nichts erzählt, Felix?"
„Offen gesagt, war ich sehr skeptisch! Ich hatte im letzten halben Jahre so viele Versprechungen bekommen, die dann doch zu nichts wurden, daß ich auch dieses Mal wenig Vertrauen hatte. Wozu hätte ich da auch in bir, Eva, Hoffnungen erwecken sollen, die bann nur zu am so größerer Enttäuschung hätten führen müssen!"
Er sprang auf Seine Gestalt straffte sich.
„Vor einer Stunde hat Möckel angerufen unb mir mitgeteilt, daß es ihm gelungen sei, ein Konsortium von rheinischen Industriellen und Bankleuten für unsere Sache zu interessieren. An einem ber nächsten Tage kommen einige ber Herren hierher, um bie Verhandlungen zum Abschluß zu bringen 1"
Er riß Cva zu sich empor.
„Weißt du, was das heißt, Cva?" rief er in leidenschaftlichem Jubel. „Unsere Firma, unsere Ehre ist gerettet! Erhobenen Hauptes kann ich wieder vor meinen Vater treten! Und das große Werk, das ich schon vernichtet glaubte, es wird nun doch geschaffen werden!"
Er reckte die Arme. Seine Blicke leuchteten.
„Run kann die Arbeit wieder losgehen! Run wird draußen, auf dem toten Platze, mit einem Schlage wieder Leben sein! Kannst du ermessen, wie mir nun zumute ist?"
Sie schmiegte sich in seine Arme. Die eigenen Sorgen waren verstummt. Das Glück, das Felix erfüllte, klang tausendfältig in ihr wieder.
Plötzlich fuhr sie zusammen.
„Und Honnecker?... Wird er dir nicht wieder Schwierigkeiten machen?" fragte sie angstvoll.
Unbekümmert schüttelte Schulhofs ben Kops.
„Er wird es versuchen, davon bin ich überzeugt. Aber es wird ihm nicht viel helfen! Ich bin nicht mehr so ahnungslos wie früher! Jetzt kenne ich feine Praktiken unb kann ihm rechtzeitig begegnen!“
Er ging im Zimmer hin unb her. Hinter seiner hohen Stirn arbeiteten bie Gedanken.
Run blieb er vor Cva stehen.
„Es ist eigentlich seltsam, daß Honnecker nichts unternimmt!" sagte er.
Cva Witte wurde bleich. Ein Zittern befiel sie. Sie konnte nicht antworten.
„Vielleicht hält er es für zweckmäßiger, bie Sache begraben zu lassen," fuhr Schulhofs fort. „Sein langes Stillschweigen läßt darauf schlichen."
Cva Witte machte eine verneinende Gebärde „Glaube das nicht, Felix!" ftiefe sie erregt her
vor. ,Er will nur unsere Qualen in bie Länge
ziehen... Sein Hafe ist viel zu groß, als daß cr sich die Rache entgehen liehe!"
Felix Schulhofs hatte sich wieder gesetzt. Jäh war die Freude in ihm erloschen. Was hals es ihm, bafe bie geschäftlichen Sorgen im Schwinden waren, wenn über Eva dieses drohende Gespenst lastete!
Gab es denn kein Mittel, um Honnecker zu zwingen, daß er von dem Vergangenen schweige?
Wieder wie schon so oft tauchte jene Stunde vor Schulhofs auf, wie Cva sie ihm geschildert hatte: als sie ihrem Manne mit der Waffe drohens gegenübergetreten war und bann plötzlich ein Schuh ihn zu Boden gestreckt hatte.
Wie konnte das geschehen?... War Eva in der Ausregung versehentlich an ben Hahn des Revolvers gekommen?... oder hatte sie, ohne es zu wissen, losgedrückt?
Seine Gedanken nahmen unvermittelt eine andere Richtung.
War es nicht Honnecker gewesen, der Evas Gatten immer weiter auf die Bahn des Lasters gedrängt hatte?... Hatte er nicht, wie Eva sagte, sie selbst mit seiner Gier verfolgt?...
Welches Spiel hatte Honnecker in dieser Che getrieben?
Ein Verdacht stieg in Schulhofs auf.
In jener Rächt, als Reinhold Witte erschossen wurde, hatte Honnecker sich in bem gleichen Zimmer befunden. Was hatte er da zu schaffen? Welchen Zweck verfolgte er mit seinem Kommen zu dieser ungewöhnlichen Stunde?...
Hatte er geahnt, daß es zu einem Zusammenstoß zwischen den beiden Ehegatten kommen würde?... Hatte er selbst diesen Zusammenstoß geflissentlich herbeigeführt?
Zu welchem Zwecke?...
Schulhofs fuhr sich an ben Hals.
Ein Gedanke hatte ihn durchzuckt, der war so ungeheuerlich, daß er ihn nicht auszudenken wagte. Unb doch ließ er ihn nicht los.
Wenn ber Schuh, ber Deinholb Witte getötet hatte, gar nicht aus Evas Revolver gekommen war...
In einer jähen Gebankenverbindung fragte cr Eva, die in sich zusammengekauert, mit trosllosem Blick dasah:
„Weiht du eigentlich den Ramen des Arztes, der damals das Zeugnis von deines Mannes Tob ausgestellt hat?"
Betroffenheit malte sich in Evas Zügen.
„Olein... Warum fragst du?"
Blitzschnell überlegte Schulhofs, ob er Eva von seinem Verdacht etwas sagen sollte. Dann verwarf er diesen Gedanken. Sein Verdacht war ja so vage, so phantastisch, bah er ihn lieber für sich behalten wollte.
So antwortete er mit gemacht gleichgültiger Stimme.
„Es war nur ein zufälliger Gedanke..
Er begann von anderem zu sprechen. Aber wie von magnetischer Kraft angezogen, kreisten seine Gedanken immer wieder um denselben Punkt.
(Fortsetzung folgt)


