Ur. 5 Zweites Blatt
Dienstag, 7. Januar 1950
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Tumen, Sport und Spiet
ausgewertet werden müssen. Die Einheimischen Haden dagegen mehr Glück und können bald daraus den ersten Treffer buchen. Die Marine kämpft unter Aufbietung aller Kraft um den Ausgleich, wozu sich mehrmals Gelegenheit bietet, sie hat aber Pech im Schiehen. Beiderseits forciert man das ohnehin schon flotte Tempo: bei verteiltem Feldspiel ist bald das eine, bald das andere Tor in Gefahr, die aber von den gleichguten Verteidigungen stets geklärt wird, bis es Gießen gelingt, einen seiner Kombinationsangrisfe zum zweitenmal erfolgreich äbzuschliehen. Der Rest der ersten Spielhälfte verläuft bei gleichwertigen Leistungen und offenem Spiel.
Sn der Pause marschierten die Mannschaften geschlossen zum Ehrenhain, wo sie links und rechts vom Gedenkstein Aufstellung nahmen. Leutnant zur See Wittich gedachte in kernigen Worten derer, „die in Kraft und Schönheit für uns starben" (Inschrift des Ehrenmals) und legte im Auftrage seines Kommandanten einen Kranz nieder. Eine kurze und schlichte, aber um so eindrucksvollere Ehrung der Gefallenen des Vereins, die den „Hessen"-Leuten volle Sympathie und Anerkennung aller eintrug.
Aach dem Wiederanpfiff entwickelt sich wceder ein flottes Spiel. Die Gäste sehen alles ein ugd versuchen mit Macht das Resultat zu verbessern. Sie drängen einige Zeit, vermögen aber nicht zum Erfolg zu kommen, den sie eigentlich bereits verdient hätten. D. f. V. kommt auf und geht seinerseits zum Gegenangriff über. Trotz aufopfernder Abwehr müssen die „Hessen" ein' drittes Tor hinnehmen. Ihrem Eifer gelingt es, obgleich infolge Verletzung eines Spielers nur noch mit zehn Mann spielend, das Resultat trotz des überlegenen Feldspiels des Gastgebers, zu halten. Kurz vor Schluß kommen sie zum Chren-
tung der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft letzthin die Reichsbahnstellen aufgcfordert, daran mitzuarbeiten, daß auch aus allen Anschlägen und Bekanntmachungen, mit denen sich die Reichsbahn an ihre Kundschaft wendet, soweit wie irgend möglich ein gewinnender und damit für die Reichsbahn werbender Ton klingen soll. Daher sollen die in den Zügen, auf den Bahnhöfen und an sonstigen Stellen angebrachten Anschläge, Anweisungen und Verbotstafeln einer Nachprüfung in dieser Hinsicht unterzogen toerben. Man strebt an, den Ausdruck „Verbote n“, der im Geschäftsverkehr unfreundlich klingt, nach Möglichkeit zu vermeiden. Freilich wird dies nicht leicht sein, da aus rechtlichen Gründen oft ein bestimmtes Verbot nötig ist. Doch wird auch in solchen Fällen versucht werden, das „Verboten" durch die meist weniger schroffe Wendung „nicht gestattet" zu ersehen. Auch wird im Einzelfalle nachgeprüft, ob hierbei ein sachlich knapper Ton oder eine längere, höflichere Wendung in den einzel» nen Fällen vorzuziehen ist, wobei Ausdrücke wie „Kein E ntritt“ oder „Es wird höflichst gebeten, rechts an die Schalter heranzutreten", benutzt werden sollen. Auch soll durch den Zusatz des Wortes „Bitte", z.B. „Bitte rechts gehen", die erwünschte Verbindlichkeit der Anschrift hergestellt werden. Um unnötige Kosten zu vermeiden, soll die Aenderung der bisherigen Anschläge allmählich gelegentlich von Ausbesserungen und Instandsetzungen vor'enommen werden. Schon jetzt sollen aber die Dienststellen bei der Abfassung aller örtlichen oder auch nur vorübergehenden Anschläge und Bekanntmachungen nach diesen Anregungen verfahren.
V. f. B.
1 Fußballmannschaft ^Linienschiffes „Hessen" —
Der Verein für Bewegungsspiele kann diesen Tag mit Stolz als Markstein in seiner Geschichte verzeichnen. Es war ein Tag des vollen Erfolges in jeder Beziehung. Rund 1600 Zuschauer hatten sich eingefunden, eine in Anbetracht der Jahreszeit stattliche Zahl, die selbst in den besten Sommermonaten in Spielen gegen große Gegner nur selten erreicht wird. Kurz nach 2,30 Uhr betraten die „Hessen"-Fußballer im schmucken Marinesportdreß, von dem Publikum aufs lebhafteste begrüßt, das Feld. Aach Erscheinen der Platzmannschaft fand in der Spielfeldmitte ein kurzer Degrühungsakt statt. Der Führer der Marineabteilung, Leutnant zur See Wcttich, überreichte dem Vertreter des Vereins zum Zeichen der Dankbarkeit für die gastfreundliche Aufnahme ein Bild des Linienschiffes und jedem der V. f. D.-Spieler, sowie dem Schiedsrichter ein Mühenband, während Spielausschuhobmann Barth den „Hessen" zur Erinnerung an ihr Hiersein ein Bild des D. f. B.-Klubhauses übergab.
Dann hat der Fußball das Wort und em rassiger Kampf beginnt. Bei beiden Mannschaften macht sich vorerst eine gewisse Nervosität bemerkbar; allmählich finden sie sich und bringen Einheitlichkeit in ihre Aktionen. Während D.f.B. ein kleines Plus durch sein ausgesprochenes Kombinationsspiel hat, zeigt sich, daß den Güsten, durch den erklärlichen Mangel an Training, das richtige Zusammestspiel fehlt, was sie aber dank ihrer glänzenden körperlichen Verfassung und durch großen Eifer völlig aufzuwiegen verstehen. Ihr Sturm ist etwas schuhunsicher und vergibt eine klare Chance, die zum Führungstor hätte
versäumen, die Veranstaltung zu besuchen. Die Eintrittspreise sind sehr niedrig bemessen, um möglichst jedem Gemcindeglied den seltenen Genuß zu ermöglichen.
lieber die beiden hier noch wenig bekannten, nicht gehörten hervorragenden Künstler aus Leipzig und Oldenburg, die der Kirchengesangoerein für dieses Konzert zu gewinnen das Glück hatte, sei folgendes mitgeteilt: beide stammen aus Bad-Nau heim, aus dem dortigen Pfarrhaus Wifsig, in dem die Musica sacra ganz besonders gepflegt wurde. Frau Dr. Q u i st o r p sang kürzlich in Wiesbaden im 4. Konzert des Vereins der Künstler und Kunstfreunde. Ebenbürtig ihr zur Seite in der Beherrschung der Orgel steht ihr Bruder, Dr. O. W i s - s i g. Er ist ein Meister seines Fachs. Er beherrscht nicht nur sein Instrument und alle Feinheiten des Vortrags und der Registrierung, sondern er hat sich auch als Musiker von beträchllicher Gestaltungskraft erwiesen.
Möchte allen Freunden der herrlichen Musica sacra ein genußreicher Abend beschieden sein. Der Veranstaltung ist ein schöner materieller Erfolg zu wünschen, da der Reinertrag zur Bezahlung der neuen Orgel in der Kapelle des Alten Friedhofs bestimmt ist. W.
Dienst am Kunden bei der Reichsbahn.
Seit langer Zeit ist die Deutsche Reichsbahn bemüht, die guten Beziehungen zwischen der Reichsbahn und den Reisenden, den sog. „Dienst am Kunden", zu pflegen. Das Personal ist wiederholt angewiesen worden, beim persönlichen Umgang mit den Reisenden Höflichkeit zu beobachten. Aun hat die Hauptverwal-
aufgefangen, die augenscheinlich sie selbst betrafen.
„Armes, kleines Dingi" hörte sie die letztere in mitleidigem Ton halblaut sagen, und war nicht im Zweifel, wer damit gemeint war.
„Ihnen allein hot sie es zu danken, daß meine Mutter sie jetzt mit uns speisen läßt", erwiderte Kurt darauf. „Wie gut Sie sind."
Fräulein von Rechtens Erwiderung war nicht zu verstehen; dann nahm er wieder das Wort:
„Io, ich muh auch sagen, es ist ein wenig hart für ein so junges Mädchen; aber sie wird in Wahrheit nicht so vernachlässigt, wie Sie es anzunehmen scheinen. Meine Mutter ist ihr sogar sehr zugetan."
„Sie hat auch etwas sehr Sympathisches. Finden Sie dos nicht auch, Herr von Wildhofen?"
Doris sah mit klopfendem Herzen auf ihren Teller hinab; das Blut schoß ihr in die Wangen, und mit fieberhafter Spannung suchte sie die Antwort von Kurts Lippen zu lesen, doch eben erhob Frau von Rechten chre Stimme besonders laut, so daß sie nur ein Bruchstück von seiner Antwort auffangen konnte.
Er hatte seinen Blick nicht von Sabines gesenktem Antlitz abgewandt und schloß soeben:
„Lind Sie vor allen anderen sollten mich hierin verstehen."
Wie ein scharfer Stich fuhr es durch das Herz der Lauscherin. Jetzt hatte sie mehr gesehen und verstanden, als für ihre Ruhe zuträglich war.
Was Kurt weiter sagte, bezog sich wieder auf das schöne Mädchen an seiner Seite:
„Sie besitzen das beste Herz von der Welt, und nur deshalb denken Sie auch ihrer so teilnehmend."
Doris gab im stillen zu. daß er recht hatte, und schalt sich gefühllos, daß sic keine größere Dankbarkeit für Sabines mitleidige Regung empfand.
Aach beendeter Mahlzeit sollte ihr eine Erklärung werden für Fräulein von Rechtens plötzlich erwachtes Interesse an ihrer Person. Diese nötigte sie neben sich auf ein Sofa in einer versteckten Ecke des Salons, möglichst entfernt von den beiden älteren Damen.
„Aun bleiben Sie bei mir und plaudern Sie mit mir, Fräulein Horter. Ich habe mir dies ausgedacht, denn es langweilt mich zu Tode, bei der alten Dame zu sitzen und zuhören zu müssen. Als junges Mädchen sind Sie mir natürlich amüsanter, und es macht mir gerade Spaß, daß Sie weder über Großstädte noch über Gesellschaften mitsprechen können."
Das also war der Grund, weshalb die verwöhnte. gefeierte Schöne sich herablieh, das arme Gesellschastsfräulein, zu beachten.
' (Fortsetzung folgt)
Aobile-Expedition." (263 Seiten 8° mit 57 Abbildungen und drei Karten. Geh. 6 Mk., Leinen 7 Mark) bei F. A. Brockhaus in Leipzig als Buch erschienen (750). Die Darstellungen Dehou» neks tragen den Stempel der Wahrheit und Llnvoreingenommenheit. Sie ermöglichen es, etwa aus Rom anläßlich der amtlichen Untersuchung der Tragödie zu erwartende Tendenzmeldungen und manche andere durch Sachkenntnis wenig belasteten Veröffentlichungen von Aichtteilneh- mern zu berichtigen. Das Buch Behouneks ist eine unbeschönigte, menschlich ebenso erschütternde wie sachlich sensationelle Erzählung dieser Expedition. Hier liegt der objektive Originalbericht des einzigen überlebenden, nichtitalienischen Teilnehmers an der Expedition vor: zugleich auch ein wertvoller Beitrag zur großen Geschichte der Polarforschung überhaupt.
Geistliches Konzert in der Stadtkirche.
Man schreibt uns: Der Evang. Kirchengesangverein Gießen hat es stets als seine Hauptaufgabe betrachtet, durch Pflege des kirchlichen Chorgesangs den evangelischen Gemeindegesang zu heben und hierdurch zur Förderung des kirchlichen Lebens der evangelischen Gemeinde mitzuwirken. Zum andern aber will er auch durch Veranstaltung von besonderen k i r ch en- musikalischen Aufführungen der Gemeinde auserlesene Stücke edler Kirchenmusik darbieten. Diesen Zweck verfolgt auch das g e i st l i ch e Konzert, das er am Donnerstag, 9. Januar, abends in der Stadtkirche veranstaltet.
Das Hauptstück dieses Abends ist die Kantate für Soli, Chor, Orchester und Orgel von I. S. Bach: „Wie schön leuchtet der Morgenstern." Umrahmt und getragen wird der Kantatetext von der ersten und letzten Strophe des Chorals: „Wie schön leuchtet der Morgenstern", der nicht mit Unrecht als „Königin" unter den Chorälen bezeichnet wird. Zwischen beide Strophen fügen sich Rezitativs und Arien ein (Weissagung auf die Geburt des Heilandes und Verkündigung des Engels Gabriel an Maria). Der feierliche große Eingangschor ist eine Choralphantasie größten Stils mit reicher instrumentaler, Ausstattung. Nach dem Vorspiel setzt der »Sopranchor ein mit der Choralmelodie, die als Cantus firmus den ganzen Chor durchzieht, von den drei anderen Stimmen wirkungsvoll begleitet. Am Schluß entwickelt sich ein wunderbarer, gewaltiger Choraufbau, umrauscht von fesllichem Orchester- Und Orgelklang. Des weiteren seien aus dem Programm erwähnt: zwei kleine geistliche Konzerte für Sopran und Orgel von H. Schütz: „O Jesusname" und „O du allerbannherzigster Jesu"; ferner eine Arie für Sopran von I. S. Bach: „Jesus soll mein erstes Wort" und ein Rezitativ und Arie für Tenor von I. S. Bach: „Verschmähe -nicht" und „Nimm mich dir zu eigen hin." — Bereichert wird der Abend durch Orgelkompositionen aus Passacaglia von Buxtehude (1637 bis 1707) und Toccata und Fuge in v-Moll für Orgel von I. S. Bach. Buxtehude, ein berühmter Orgelkomponist, bekleidete von 1668 bis zu feinem Tode die Stelle des Organisten an der Marienkirche in Lübeck. Bach pilgerte zu Fuß von Arnstadt in Thüringen nach Lübeck, um Buxtehude zu hören und von ihm zu lernen.
Ausführende sind neben dem Kirchenchor in erster Linie Frau Dr. Anny Q u i st o r p - W i s s i g aus »Herr H. Landzettel aus Darmstadt, rganift H. Simon aus Gießen und Herr Musikdirektor Dr. Wissig aus Oldenburg; die Orchesterpartien werden von Mitgliedern des O r - chesteroereins mit Unterstützung von geschätzten hiesigen Kräften ausgeführt. Die Leitung des Ganzen liegt in den Händen des Herrn Otto Linde n st r u t h , Dirigenten des Evang. Kirchenge- sangvereins.
Wie ersichllich, wird den Besuchern des Konzerts erstklassige Kirchenmusik geboten; es sollte niemand
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 7. Januar 1930.
lZin Gefährte Nobiles spricht in Gießen.
Der Goethe-Bund hatte für gestern abend lZrof. Dr. Fr. D e h o u n e k, der seinerzeit an der ;iobile-Aordpol-Expedition teilgenommen hat, zu einem Vortrag gewonnen. Die Aeue Aula war cicht besetzt, ein Beweis für das große In- : presse, welches man auch in Giehcpt dieser For- 'Zningsexpedition und ihrem Schicksal entgegenbringt. In äußerst interessanter Weise schilderte der Redner, dem die deutsche Sprache teilweise i vch etwas Schwierigkeiten bereitete, ferne Er- 1-bnifs« und den tragischen Ausgang der Robrle- Vordpol-Expedition, die trotz alledem der Wtssen- fchaft wertvolle Dienste geleistet habe.
Der Redner kam zunächst auf die früheren Polarflüge und deren Ergebnis zu sprechen, um sch im weiteren mit den bei diesen Forschungs- kßpeditionen aufgetretenen Mängeln zu beschäftigen Er schilderte dann eingehend Zweck und 3tel der im Jahre 1928 durchgeführten Robrle- Blordpol-Expedition, erläuterte die Vorbereitungen nub die Ausrüstung des Luftschiffes „Italra", besprach dessen Leistungsfähigkeit. Bauart und (Hinrichtung, um sich dann mit den Teilnehmern rn dieser 'Forschungsexpedition zu beschäftigen Oer 'Redner besprach weiter die Schwierigkeiten während der Fahrt nach Spitzbergen und von fa aus zum Rordpol, den das Luftschiff etwa zwei Stunden umkreiste, ohne niedergehen zu können, weil der Wind die Landung auf dem (i?i8 verhinderte Er zeigte dann, welche Gebiete neu erforscht wurden, schilderte die dort gemachten wissenschaftlichen Feststellungen, um sich dann eingehend mit der verhängnisvollen Rückfahrt - zu beschäftigen. Der Redner erläuterte die Eindrücke vor, während und nach der Katastrophe, Ibci ber secHs Mann der Besatzung von dem Luftschiff entführt wurden und verschollen sind, schil- b<rte die körperliche,, und seelischen Qualen der I Schiffbrüchigen, die sieben Wochen zwischen Leben ^nrd Tod schwebten erzählte dann, wie es nach cndlosen Versuchen gelang die Funkverbindung mit der Außenwelt herzustellen, wie die ersten Flugzeuge über der Eisscholle erschienen, wie Nobile von dem Flieger Lundberg gerettet wurde und warum Aobile als e r st e r abflog. Er erzählte weiter, wie der zweite Versuch des Fliegers Lundberg, zu landen, mißlang und dieser selbst an die Eisscholle gebannt war, schilderte bann, wie drei der Schiffbrüchigen die Eisscholle verließen, den berühmten Marsch nach Hilfe antraten, wobei Malmgrens sein Leben * lassen mußte, während die übrigen beiden später , gerettet wurden, erwähnte die Rettung des Flie- Vyers Lundberg durch Schyberg und end- L lich die Rettung aller durch den russischen Eisbrecher „Krassin".
Der Vortragende lobte die Aufopferung der schwedischen und russischen Hilfsexpeditionen, dagegen vertrat er die Auffassung, daß man sich auf 8 italienischer Seite hinsichtlich der Rettungsmaß- J nahmen sehr zurückhaltend benommen habe. Er legte Verwahrung dagegen ein, daß man in Italien versucht habe, Aobiles Erfolg und Verdienst Iju verkleinern.
Zum Schluß besprach der Redner noch kurz die mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin" geplante Aordpolexpedition, und er schloß seine durch ■ zahlreiche italienische Lichtbilder entsprechend erläuterten Ausführungen mit dem Ausspruch: „Viel Glück und Erfolg der nächsten Polar-Expe- dition."
Professor Dr. Behouneks Bericht ist vor - iurzem unter dem Titel „Sieben Wochen auf der Eisscholle. Der Untergang der
doch nicht nur Pflichten zu haben?" — Doris errötete.
„Oh, ich verdanke Onkel Georg so vieles — ja alles, was ich bin und besitze!" entgegnete sie zögernd. Aber sie empfand die Wahrheit dessen, was Sabine ausgesprochen hatte. Es war auch wirklich hart, daß sie kein einziges von den Vergnügungen anderer junger Mädchen kannte. Doch tapfer diese Regung niederkämpfend, setzte sie hinzu:
„Ich besaß nichts in der Welt, als Onkel Georg mir hier eine Heimstätte bot."
„Arme Kleine", sagte Sabine im Fortgehen, und Doris empfand recht bitter, daß diese Bezeichnung richtig war, als sie sehnsüchtig dem Trio nachblickte, das der Spiegelfläche des Sees fröhlich entgegenschritt. Roch eine Zeitlang lauschte sie auf den lustigen Klang der Schlittschuhe. dann wandte sie sich bedrückten Herzens vom Fenster ab.
Seit dem kurzen Wortwechsel mit Sabine hatte sie diese lieber als zuvor.
„Ich glaube, ich habe ihr unrecht getan,“ schalt sie sich, „denn sie ist sicherlich nicht so falsch wie ihre Mutter. Auch hat sie etwas unendlich Einnehmendes im Wesen. Ob, ich wünsche ihr alles Gute!"
Das waren für die arme Doris drei traurige Tage, die nun folgten! Vom Frühstück bis Mittag und nach Tisch bis zum Dunkelwerden war Kurt mit den Damen draußen; entweder aus dem Eise oder zu Rad, je nachdem es ihnen gefiel.
Die Abende verbrachte man gemeinsam im Familienkreise, und wenn Doris jetzt auch auf Sabines Vitten an der Mittag- und Abendtafel teilnahm, so hatte sie doch wenig Freude daran. Sie saß schweigend und beobachtend 'da, sich nur am Gespräch beteiligend, wenn sie direkt hinein- gezogen wurde. Frau von Rechten plauderte anregend und lebhaft mit ihren Gastgebern, während Kurt, der stets neben Sabine saß, sich fast nur mit dieser unterhielt und kaum ein Wort an die anderen richtete.
Frau von Rechten besaß eine glänzende Unter» Haltungsgabe und hatte auch den Schlohherrn bald völlig gefesselt. Sie erging sich auf allen erdenklichen Gebieten. Schien ein Thema nicht das rechte zu sein, so wußte sie geschickt auf ein anderes überzugehen, so daß Onkel Georg ihr unumwunden seine Bewunderung über ihre große Vielseitigkeit aussprach.
Doris konnte ihm innerlich nicht beistimmen, denn sie fand die Unterhaltung seiner Tischnachbarin äußerst oberflächlich.
Als sie übrigens zum ersten Male in größerem Kreilc speiste, hatte sie zufällig ein paar zwischen Kurt und Sabine gewechselte Wort«
„Aun ja, Mama ist auch Schlittschuhläuferin und Radlerin", erwiderte die junge Dame mit der unschuldigsten Miene der Welt.
„Ihre Frau Mama ist auch sehr viel jünger als ich, liebes Kind!"
„Oh, nicht so viel wie Sie denken, gnädige Frau!"
Sie sagte das so liebenswürdig und natürlich, daß Frau von Wildhofen sich im stlllen schalt, sie für spottlustig gehalten zu haben.
Aur Doris hinter ihrem silbernen Teekessel fühlte, wie ihr vor Alntoillen das Blut in die Wangen stieg. Vetter Kurt schien nichts gehört zu haben; er war ganz vertief in den Anblick des schönen Gesichts, das er mit eigentümlich bewegtem Ausdruck, wie ihn Doris noch nie an ihm gesehen hatte, zu studieren schien.
Es zuckte ihr schmerzlich durch die Seele. Sie wußte, daß er Damen gern den Hof machte.
Oft war sie Zeuge davon gewesen, ohne daß ihr je ein Kummer daraus erwachsen wäre; das war Ujr immer nur sehr harmlos erschienen. Wie oft aber hatte sie sich klar gemacht, daß er sich eines Tages ebensogut einmal ernstlich verlieben könne, und sicherlich auch heiraten würde. Für sie selbst — das wußte sie nur zu gut — würde er doch nie und nimmer etwas anderes sein als eben der Vetter Kurt. Wie gern wollte sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, wenn nur seine Wahl eine in jeder Beziehung würdige fein möchte. Jetzt aber stiegen ihr ernste Zweifel auf, ob Sabine von Rechten bei all ihrer Schönheit seiner wert sei. Sie war ihr sympathischer als die Mutter; aber an beiden haftete ein gewisses Etwas, das sie abstieß und ihr Mißtrauen erweckte. Warum war Frau von Rechten so tödlich erblaßt beim Anblick einer Briefadresse? Warum trug sie im nächsten Augenblick die heiterste Laune zur Schau, trotzdem sie den bewußten Brief so hastig zu verbergen fuchte?
Rach beendetem Frühstück, als alle durch die Vorhalle schritten, redete Fräulein von Rechten die kleine Gesellschafterin freundlich an:
„Können Sie auch Schlittschuhlaufen und Radeln, Fräulein Horter?'
„Ich habe bisher beides leider noch nicht versucht."
„Warum nicht? Sie sind doch jung genug dazu."
„Ich bin zwanzig Jahre alt.“
„Dann stehen wir ja beide in ganz gleichem Alter. Warum treiben Sie aber keinen Sport?"
„Ich glaube, Onkel und Tante würden es nicht gern sehen", antwortete sie zögernd. „Wie Sic vielleicht bemerkten, habe ich ja auch meine Pffichten im Haufe."
„Aber in Ihrem Alter und in Ihrer Stellung als Verwandte des Hauses pflegt man
9er Traum vom Glück.
Vornan von E Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
4 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Frau von Rechten warf einen verstohlenen Mick auf chre Umgebung, und riß. als sie sich völlig unbeobachtet glaubte, den in ihrer Hand befindlichen Brief hastig auf und überflog die erste Seile, worauf sie ihn mit der Hand zu- sommenballte und schnell in der Tasche ihres Kleides verschwinden ließ. Run ergriff sie ihre Tasse und nahm einige lange Züge daraus; allmählich kehrte jetzt das Blut in ihr Antlitz zurück, und in der normalen Gesichtsfarbe verschwanden die toten Flecke auf Wangen und Lippen. Gleich darauf ertönte auch schon ihre Stimme silberhell und heiter wie zuvor.
„Was für ein köstlicher Morgen! Ich hoffe, Sie werden uns so bald als möglich hinaus auf Ihre schone Eisbahn führen, Herr von Wildhofen!" wandte sie sich an Kurt. „Sabine und ich sind so begierig auf das in Aussicht gestellte Vergnügen."
„Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Gnädigste!“ erklang Kurts muntere Antwort. „Bitte, bemühen Sic" sich einen Augenblick an dies Fenster! Sie können den See von hier aus sehen — dort unten an jener Krümmung des Parkes. Sobald die Damen bereit sind, können mir aufbrechen.“
„Run, ich denke, sofort nach beendetem Frühstück! Wir haben neue Schlittschuhe mitgebracht und brennen darauf, sie zu probieren. Richt wahr, Sabine?“
Doris war im nächsten Augenblick ganz erschrocken über eine Bemerkung der anmutigen , Sabine. Sie fragte nämlich die Schlohherrin:
„Huldigen Sie auch dem Schlittschuhsport, gnädige grau'?“
Frau von Wildhofen sah mit gerunzelter Stirn auf ihren Teller. Was sollte sie, eine wohlbeleibte, ältliche Dame von etwa hundertsiebzig Pfund Gewicht, auf eine solche Frage antworten? Sie war augenblicÜich sehr unangenehm berührt.
Jetzt sah sie auf und warf einen mißtrauischen Vlick auf ihren jungen Gast. Fast schien sie anzunehmen, daß Sabine sich über sie lustig machen wollte. Diese aber erwiderte ihren Blick mit einem so harmlos freundlichen Ausdruck ihrer i strahlenden blauen Augen, daß die alte Dame allen Groll vergaß.
„Aber, mein Kind!" rief sie, „was haben Sic für eine Vorstellung von meiner Gelenkigst feit! Gestern abend fragten Sie mich schon, ob ich radelte!"


