Helene Chlodwigs
Schuld und Sühne.
Vornan von J. Schneider-Foersil.
Llrheber-Recht schuh durch Verlag j^skar Meister, Werdau i. Sa.
32 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Hellas Stirne ruhte auf Frankes linkem Ann und ihre Lippen fingen die Tränen auf. die ihr ununterbrochen über die Wangen herabrannen.
..Ich glaube, dost ich euch jetzt ohne Sorge alleinlaffen kann", sagte er nachdenklich. „Hella, ich hoffe, dah ich dir als meiner g osten, vernünftigen Tochter die jüngere Schwester anvertrauen darf." _
Das verweinte Gesicht hob stch etwas: „3a. Vater I" . , . ,. ,
Er nahm ihre Hand in die seine und hielt sie fest. „3m übrigen vertraue ich unbedingt auf alles "das, was du mir versprochen hast. Du wirst mich nicht enttäuschen."
„Olein, Vater!"
Er erhob sich und sah lächelnd von einer seiner Töchter nach der anderen. Die V-lntersonne. die in breitem Vande durch die hohen Fenster kam. liest deren Blondhaar aufsprühen und umspann es mit goldenen Betzen. Wie sie der Mutter ähnelten! — Auch 3ust! Bur Bert — Bert war ganz anders! Vielleicht zog es ihn deshalb mit allen Banden zu diesem feinen Aeltesten, der zu einem Helden gereift war.
Beim Abschied hielt Sabine feine Hand in die ihre gedruckt und sah ihn flehend an. Er wandte das Gesicht von ihr und ging langsamen Schrittes nach der Türe.
Hella halte noch vor ihm die Finger auf die Klinke gelegt: „Vater — wenn du noch eine Minute Seit hast — ich habe vergessen, dir etwas zu sagen." 3hre Augen baten Sabine, den Baum zu verlassen und als deren Fuh brausten nach der Treppe schritt, sprach sie mit flehendem Ernst: „Mutter hat mir damals in Interlaken gestanden: „Es gibt niemanden in der Welt, den ich so über alles liebe, wie deinen Vater! — Sei barmherzig, Papa, und verzeihe ihr. wie du mir verziehen hast."
„3ch habe der Mama nichts zu vergeben, Kind."
„Daß sie dich verliest. Vater." Hellas schlanker Körper lehnte schwer gegen die geblümte Tapete des kleinen Zimmers. Ihre Augen flimmerten.
„Kleine Hella! Wie traurig, dast du mit deinen sechzehn Iahren schon Einblick in so viel Leid und Traurigkeit hast!" Franke nahm die Mädchenhand mitleidig zwischen die seine und hielt sie sorglich fest. „Wenn du mit Hhlmar Donnerswoda vor den Altar trittst, dann streife zuvor alle Unwahrheit von dir. Bur gegensei
tiges Vertrauen gewährleistet die Dauer jeder | Ehe."
Sie senkte den Kopf und wagte nicht xu fragen.
WaS immer auch die Mutier gefehlt haben mochte — sie wustie, et würde ihr ein gnädiger Richter fein. —
„Du gehst zu den Himmlischen beten und sie werden ein Herz von Stein für deine Tränen haben!" Immer muhte Helene an diese Worte ihres Mannes denken, als sie jetzt durch die Winterstille der Campagna nach Sankia della Travestare hinauSfuhr, um die Madonna der Sabinerberge zu mahnen, daß sie ihr Gelübde restlos erfüllt, die Himmlische aber ihre Gnade versagt hatte.
Heute betete kein Mönch neben ihr sein: „Mea culpa.“ — Sie war auch nicht allein im Abteil. In Sivoli war Lichterfest. Halb Rom zog aus, die Feier mitzumachen. Zu ihrer Rechten sah eine Amme und hielt den Säugling gegen die Brust gedrückt. Der Herr ihr gegenüber sah wohlgefällig, wie der kleine Mund behäbig schmatzte und die Bohrung in durstigen Zügen durch die Kehle rinnen ließ.
Die Mutter des Säuglings lehnte bequem in den Polstern und blickte über das Köpfchen ihres Bambinos hinweg nach dem Gatten, der ein Dreijähriges auf den Knien wiegte, während ein größerer Knabe den Arm durch den feinen geschoben hielt.
Helene kämpfte ihre Tränen nieder und bezwang ihr unsägliches Bittersein DaS alles hatte sie auch besessen und hatte cs bingegeben, eines Phantoms willen! Eines Gelübdes wegen, das kein, aber auch gar kein Gewähren zur Folge hatte.
„Du hast ein Herz von Stein, Madonna von della Travestare." Ihre feuchtschimmemden Augen suchten zu den Höhen hinauf, wo die Bergstädte tote zerfallene Ruinen sich in das Blau deS Himmels bohrten.
Der Bambino neben ihr tag an die Brust der Amme geschmiegt.
„Ich will meine Kinder wieder haben." Helenes Lippen bewegten sich stammelnd. Ihre Finger hoben sich zaghaft und legten sich auf den Flaum der Haare, der da an den Brüsten der rundlichen Frau schimmerte.
„Ist es nicht süß, Signora?" Die Amme neben ihr hatte es glückerfüllt geflüstert.
Da fielen Helenes Finger herab. So hatte Bert vor beinahe siebzehn Iahten an ihrem Herzen gelegen. Bert, das Kind, um dessentwil» len sie letzt allem entsagt hatte. — Lind die Madonna hatte sie nicht erhört. Es gab keine Barmherzigkeit bei den Himmlischen, wie es keine bei den Irdischen gab. — Bur Sünde und Schuld und Vergeltung und Buhe.
Buhe!
Draußen zogen die spärlich bevölkerten Ansiedlungen vorüber. Don den Abruzzen leuch
teten weihbeschneite Spitzen. Die- Schaf- und I Ziegenherden waren aus der Kälte der Berge | in die Ebene gezogen und drängten sich zusammen.
Madonna von della Travestare, du bist kühl, wie der Schnee auf den Hohen! Du bist unnahbar wie die CEDollen, die menfchenferne darüber hinwegziehen. Deine Seele hat sich an der Bitterkeit des eigenen Erdenlebens fattgetrunfen und will nichts mehr wissen von Mcnschennot und Menschentränem Dein Mund ist stumm jeder Bitte und dein Ohr taub jeglichem Flehen. —
„Madonna von della Travestare: Du bist so machtlos wie ich!"
Helene schrak aus. Beben ihr fing der Bambino zu weinen an. Die Amme drückte das Kleine beschwichtigend an die Brust und lächelte — lächelte über die kleine Bot des Levens, wo doch die große erst noch zu überwinden war.
Das Kind weinte noch immer. Da war es Helene, als müßte sie es zur Ruhe fingen, als wäre es Bert, den sie in Schlaf lullen wollte. Ihre Lippen taten sich auf. Sie fang mit süßer, finnbetörender Stimme das Wiegenlied. „Eia! Eia! Schlaf ein! Schlaf*ein!" Wußte nicht mehr, daß sie fang, sah die Augen nicht, die in grenzenloser Spannung auf ihr hafteten — sie fang, bis der Kindermund endlich mit einem Lächeln schlief und der Flaum der Wangen sich in wohligem Geborgensein wiederum an die Brust der Amme lehnte.
„Grazie, Signora! — Grazie!"
Da erbleichte sie.
Draußen stürzten die Wasser Tivolis in das riesige Talbecken. Der Tempel der Venus leuchtete weih über den sprühenden Gischt hinweg. Türen wurden aufgerissen. Menschenströme ergossen sich über den Bahnsteig.
Die Amme mit dem Bambino auf den Armen schlängelte sich, trotz ihrer Fülle, gewandt durch das Gedränge, welches ihren Schützling gefährdete.
Helene atmete auf. Bun war sie allein. Sic nahm ein Buch aus der Handtasche und begann zu lesen, legte es wieder zur Seite und hing, ihren Gedanken nach, hetzte mit ihnen durch Vergangenheit und Gegenwart und hatte nichts, als ein großes Staunen in den Augen, als die kleine Station ihres Endzieles in der sonnenflimmernden Helle des Bachmittags auftauchte.
Am Bahndamm sah Peppo und winkte ihr mit einem Fetzen Taschentuches zu. Sie hatte der schlampigen Wirtin der Osteria von Rom aus mitgcteilt, daß sie heute eintreffen würde und dah sie den Iungen bestellen möchte.
Er hüpfte, noch ehe der Zug hielt, auf das Trittbrett und sah zu ihr auf: „Hat die Madonna von della Travestare geholfen, Signora?"
„Bein", sagte sie leise. Vor diesen gläubigen Kinderaugen wollte sie nicht zur Anklägerin der Himmlischen werden.
Er schüttelte ungläubig den Kopf, nahm Ihre Handtasche, als die Räder stille hielten und sie langsam über daS Trittbrett stieg. Ihre Hand streifend, sagte er tröstend: .Zwanzig Kerzen hat Fra Ilfonso aufgesteckt. Sie sind bis zum letzten Stümpfchen ßerabgebramü.“
„Ich danke dir, Peppo!"
Roch immer stand daS tröstende Lächeln in feinem Gesichte: „Sie wird noch helfen, Signora. Du muht nur glauben.“
Helene wollte den Kopf schütteln, aber sie wagte es nicht. Sie durfte diesem Kinde das Vertrauen nicht nehmen. Peppo hatte weder Mutter noch Vater. Er b^sah keinerlei Zuflucht als die Madonna von della Travestare.
Die Wirtin hatte diesmal sogar einen sauberen Krug bereit und ein Glas, an welchem kein Fliegenschmuh klebte. Trotzdem trank Helene nur die Hälfte des Weines, den ihr die Frau kredenzte. Peppo durste den Rest leeren. Dann brachen sie nach dem Kloster auf.
Der Aufstieg dünkte sie diesmal weniger beschwerlich. Sie war nicht mehr in dieser gräh- lichen Seelenstimmung, wie damals. Sie hatte das Letzte versucht, hatte alles getan, was ein Mensch für seine Schuld an Sühne und Buhe zu tun vermochte.
Lieber, armer Bert! Ich habe dir das Opfer meines Glückes gebracht! Es war umsonst! ilm- sonst die Entsagung, umsonst die Verbannung, die sie sich selber auferlegt hatte. Vielleicht wollte die Madonna von della Travestare ihr Leben? —
Sie sollte es haben! Es war wertlos für sie geworden.
Peppo fah ab und zu mitleidig zu ihr auf. Er hätte so gerne mit ihr geplaudert, aber er ehrte ihr Schweigen. Wenn der Sohn noch immer so hoffnungslos krank war, dann hatte sie wohl keine Lust mit ihm zu reden.
Richt ein einzigesmal war sie gestrauchelt, nicht ein einzigesmal ermattet stehengeblieben, als sie jetzt so unvermittelt das Kloster vor sich auftauchen sah. Sie ist doch eine tapfere grau, erwog der Dunge. Sic ist es sicher wert, Madonna, daß du ihr hilfst.
Diesmal wollte Helene nicht bei den Mönchen versprechen. Bur Fra Ilfonso, der, beide Arme mit Blumen beloben, nach der Kapelle ging, erhielt einen stummen Gruß von ihr. Peppo blieb dicht an ihrer Seite, als sie jetzt vor den Schrein des Heiligenbildes trat und mit ruhigen Augen zu dem Frauengesichie emporsah, das da, in lächelnder Reinheit, die Arme um ihr Kind geschlungen. auf sie herabfah.
„Was muß ich noch tun, dein Herz zu rühren, du Unnahbare? — War es dir nicht Sühne genug, was ich tat und hielt id> nicht treulich, was ich gelobte?" Als müßte fte Antwort bekommen, blickte sie fragend zu der Himmlischen auf. „Was forderst du noch?"
(Schluß folgt.)
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