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Nr. 183 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Donnerstag, 7. August (930

3um Tode Siegfried

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Links oben: Siegfried Wagner im Kreise seiner Familie. Unten: Villa Wohnfried In Bayreuth. Rechts oben: Das Bayreuther Festspielhaus. Unten: Iugendbildnis Siegfrieds.

Argonner-Wald um Atittemachi---

Stimmungsbilder aus den ehemaligen Kampfgebieten. Don Wilhelm Meuter.

2ch habe meinen Freund noch einmal über die ungeheueren Blutfelder Verduns geführt. In die Kasematten von Dau? und Douamont sind wir hinuntergestiegen, haben Räume gesehen, die den Schrecken in feinen wahnsinnigsten Ausmaßen acfdxrut. Mein Freund wußte nicht, wie der Krieg aussah. Aber die Bezeichnungen des Ver­duner Schlach tfeldes hatten sich doch in seine Seele gegraben. Vom Ausbau des Forts Douaumont zeigte ich ihm dann die Vauxschlucht mit dem Seid), den Pfefferrücken, wir sahen Fort Souvilte drüben vor uns, und in der Feme den Toten Mann, die Hohe 304 und so vieles andere. Wir fuhren im Auto längs der Todesschlucht hinab zurück nach der Stadt Verdun--

Man kann gar nicht anders man muß von Ver­dun aus seinen Weg durch den herrlichen Ar- gonnerwald nehmen. Bald liegt Verdun hinter uns. Wir lassen Rixeville links am Weg liegen und fahren aus herrlicher Straße durch Biercourt, Dombasie, Recicourt, Parvis, Aubreville, Reu- villy, Dvureuilles

Halt, hier sind wir auf historischem Boden. Das ist die Vauquoishvhe. Eine berüchtigte Stelle. Umsonst sucht das Auge nach dem Dörfchen D a u q u o i s. S« ist nicht mehr. Versunken im Donner grausamer Materialschlacht. Um die Stätte, da cs gestanden hat, aber webt die Er­innerung an jene Feiten, da französische Angriffe auf die Vauquoishöhe in Blut erstickten. Don den zwei französischen Bataillonen, die am 28. Oktober 1914 heranstürmtcn. blieb der letzte Mann. Und, so oft der Feind, mit oder ohne Artillerie­

vorbereitung, herankommt, immer bleiben die Deutschen die Besitzer der Dauquoishöhe.

Freund, siehst du die riefenbaften Spreng­trichter? Siehst du die Spuren der Sprengungen an den Felsen? Hier ward der Krieg im Schoße der Erde geführt. Wochen uni) Monate gruben die Gegner an riesigen Stollen, um dann mit ungeheuren Sprengstoffladungen einen Teil der feindlichen Stellungen in die Luft zu jagen. Dort liegt der weiße Hügel. Auf ihm sind deutlich die Spuren der französischen Stellungen erkennbar. Rechts davon der berühmte Cheppywald, im Vordergrund ein nicht minder berühmter: der Hessewald. Es lohnt, hier noch einmal über Trich­ter, Zerhackte Waldriesen, Sprenglöcher von di­mensionalen Ausmaßen hinwegzuklettem. Der Frontkämpfer vergißt Hunger und Durst, er durchlebt noch einmal die Schrecken der Schlachten um Dauquois.

Richt weit ist es bis Darennes. Durch Zu­fall setzte ich meinen Fuß in den wunderbar neuerbcuten Ort. Wir haben nämlich die Absicht, oberhalb Darennes nach links zum Four de Paris zu fahren. Doch oberhalb Darennes streikt plötzlich unser Motor. Das Benzin war ver­braucht. 3d) muß hinab in den schmucken Ort, um neuen Betriebsstoff herbeizuschaffen. Am Ein­gang des Städtchens, hoch in der Luft, sehe ich das amerikanische Sternenbanner wehen und etwas weiter die Trikolore. Dann stehe ich vor einem der herrlichsten Kriegsdenkmale Frank­reichs. Es ist das Ehrenmal des Staates Penn- sylvanien. Es besteht aus zwei ungeheuren Seiten­

flügeln, in deren Mitte das eigentliche Denkmal steht. Die beiden Aügel sind etwa 40 Meter voneinander entfernt und ebenso lang Wunder­bare Anlagen liegen dazwischen, ständig gepflegt von tüchtigen .3ardinierS".

Run sind wir auf der Straße zum Four de Paris. Der Wald ist wieder zum Walde ge­worden. Aus dem kräftigen Riederschtage strecken die alten Eichen von ehemals ihre traurigen Stümpfe in die Luft. Dringt man nur einen Schritt in diese Wildnrs ein, zeigen sich uns sofort die Spuren deS Krieges. Zerhackte Schützen­gräben, Trichter an Trichter, vermoderte Waffen und Geräte, Wahrzeichen wilder Kämpfe, die einst diese Gegend durchtobten. Hier ist der Boden mit Blut gedüngt Jetzt sind wir an der Stelle, wo einst die deutschen Linien die Straße kreuzten, auf der wir durch den Argonner- wald fahren.

Wir halten und steigen aus. Gin paar riesige Unterstände befinden sich gleich rechter Hand der Straße. Wir bringen in das dichte Unterholz ein, essen uns satt an prächtigen Himbeeren, die hier in geradezu verschwenderischer Fülle wachsen. Sin Bogel jubiliert im Gebüsch, sonst aber herrscht der Frieden des Grabes. Wir schweigen. Deutlich sehe ich vor mir aus dem Gebüsch feldgraue Gestalten hervorbrechen. Ich höre das Hurra des Angriffs, das Krachen der Handgranaten, ich höre Siegesjubel und Schmerzesstöhnen. - Alles will noch einmal lebendig vor mir stehen.

Selten wohl ist andächtiger das Argvnnerlied gesungen toorben, als hier:

Argonnerwald um Mitternacht

Ein Pionier ftanb auf ber Wacht,

Ein Sternlein hoch am Himmel ftanb, Bringt Grüße ihm aus fernem Heimatlanb"

Hier fang es zuerst der tapfere Argonnenpoet, und wie oft mag es in jenen Tagen hier auS beu deutschen Unterständen getönt haben:

Argonnerwald. Argonnerwald

Sin stiller Fnedhof wirst du bald, In deiner fühlen Erde ruht So manches tapfere Soldolenblut " Lange saßen wir. Und weit offen riß die Wund« um alles geflossene deutsche Blut.

Beim Erheben stößt mein Fuß an hartes Me­tall. Sin sauberer Rachbar Friedlich bat ein schwerer Blindgänger zwischen uns beiden ge­legen, ohne daß wir ihn bemerkten.

Am Four de Paris halten wir kur» und erinnern uns daran, wie dieser Platz und di« umliegenden Orte, wie Sachalade. Claon. Der- zieur, Binarville ost in den Heeresberichten er­wähnt wurden. Heber Dienne le Edäteau und St. Thomas führt uns der Weg nach Servon. Sin Rame von Klang für jeden ArgonnenkHmpfer. Hier besuchten wir den groben deutschen Friedhof. Don Servon fahren wir zur Hauptstraße zurück nach Dille f u r Jourbe. Hier begrüßte unS cinc Deutsche, die auS Kempten bei Bingen stammt und seit zehn Jahren hier glücklich ver­heiratet ist. Die Freude, Deutsche zu treffen, war auf beiden Seiten groß Lore Schmidt fühlt sich wohl in den Tlrgonnen, denkt aber gerne und oft an den sonnigen Rhein zurück. Heber Sechault und Monthois, wo wieder ein deutscher Friedhof besichtigt wird, führt unS der Weg nad) dem herrlichen Städtchen DouziöreS Gleich am großen Marktplätze finden wir Quartier. Dou- Jieres ist heute wieder ein liebliches Argonnen- tädtchen. Seine Bewohner sind freundliche Men­schen und im Hotel ä la Ville de Rennes sorgt ein deutschsprechender, gemütlicher Wirt für das Beste aus Küche und Keller.

Das Tal Der Dicken.

Marienbader Streiflichter. Oie Friedenskonferenz am Kreuzbrunnen. Sin Professor experimentiert. Welche Komponisten fördern den Stoffwechsel?

Don unserem Dr. G. 8tr.-Sonderberichterstatter.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Marienbad, Ende Juli 1930.

Wiedersehen mit Marienbad! Es ist genau so wie vor einem, vor fünf und vor zehn Jahren. Ratürlich sind wieder alle alten Bekannten da, die wohlvertrauten Bäuche, denen man außer­halb der Bade- und Kursaison entweder /tuf den großen politischen und wirtschaftlichen Konfe­renzen oder aur den Dölkerbundstagungen in Dens begegnet, Minister in und außer Dienst, Kommerzienräte und Industrielle, prominente Bühnenleiter aus allen europäischen Großstädten, Theater- und Filmgröhen, ein paar Schriftsteller mit gutem Bücherabsatz. aber gestörtem Stoff­wechsel und die schier endlose Reihe jener, die alle auf den gleichen Dornamen Horen:Herr Di- re k t o rl

Um sechs Uhr früh erstes Stelldichein am Kreuzbrunnen, das ominöse Brunnengläschen in der einen, den Dörfenfurszettel von gestern in 'Der '(fTTbercfr Hand. Was sonst laut Knigge in der guten Gesellschaft als verpönt gilt, wird hier zum Morgengespräch. Und aus dem Mor­gengespräch wird die Mittagsunterhaltung, und aus der Mittagsunterhaltung wird das Abend- referat Cs dreht sich alles, medizinisch gesagt, um den Stoffwechsel und um die Verdau- ung. Es gibt wie in Monte Carlo auch hier Leute, die nach einem ganz bestimmten System vor­gehen und daraus schwören: die behaupten, daß man erst auf Kreuzbrunnen und dann auf Ru- dolssquelle setzen müsse, wenn der Darmmotor die richtige Tourenzahl erreichen solle, während andere ihre Hoffnungen mehr auf den Ferdi- nandsbrunnen bauen.

Ruch ein berühmter Professor ist da. eine große, medizinische Kapazität, die sich hier mit sehr eingehenden Untersuchungen über den Ein­

fluß derMusik auf die Magen- und Darm­funktionen besaht. Wie eS heißt, hat er mit dem Kapellmeister der Kurkapelle zu Cxperimentier- zwecken nach langen Erwägungen ein besonderes Programm zusammengestellt. So soll beispiels­weise Griegsche Musik die Gallenabsonderung besonders günstig beeinflussen, ein Potpourri au« Richard Wagners .Tannhäuser" den Appetit fördern, Strawinsky für Qiierenfteinc gut sein, während die Leharschen Weisen die wohltuenden Wirkungen der Marienbader Moorbäder auf Rheumatiker noch erhöhen. Dagegen hätten sich die Beethovenschen Sinfonien für Fettsüchtige als wenig geeignet erwiesen. DieTannhäuser - Ouvertüre soll besonders die Tätigkeit der Hor­mone anregen, alles Behauptungen, die ich mit der gebotenen Reserve toiebergebe. Wenn aber die merkwürdigen Entdeckungen deS erwähnten Professors in der Therapie zur Anwendung ge­langen, werden sich die verschiedenen Radio- sendestellen in Zukunft auch darauf einftellep und statt derStunde für den Landwirt" etliche Konzertstunden für den Gallenleidenden, den Fettsüchtigen und den Rheumatiker einführen müssen. Die Funkintendanten feien jetzt bereits geziemend darauf aufmerksam gemacht. Hem Hem!

Ratürlich erfreut sich Marienbad auch eine» elegant aufgezogenen Strandbades, da« mehr von der Jugend frequentiert wird. Wa« sollen fchließlich die Söhne und Töchter machen, wenn Papa Brunnen trinkt und Mama sich wohlig im Moorbad wälzt? Schon am frühen Morgen beginnt beiRübezahl" und in den an­deren Kaffee- und Frühstücksstationen auf den Waldhöhen ring« um den Kurort das Tanzver­gnügen, während sich in den langgestreckten, mit Dielen kleinen Zellen ausgestatteten Häuschen ein lebhaftes Hin und Her entwickelt. Fast in

Theater-Humor.

Oer unglückliche Kofinsky.

Emil Brachvogel, der Dichter desRarziß", halte in feiner Jugend die große Sehnfucht, als Schauspieler auf den weltbedeutenden Brettern Tri­umphe zu feiern; er lief aus der Lehre bei einem Graveur fort und zu einer Schmiere nach Hietzing bei Wien, wo er als Kosinsly in denRäubern" Lorbeeren zu ernten hoffte. DaS Ergebnis war aber ein ungeheurer Durchfall. Die Zuschauer machten sich aus dem Auftreten deS Unglücklichen eineHetz". Rach den Worten:Man warf mich ins Gefängnis, alle meine Sinne waren hinweg", erscholl von allen Seiten des Hauses kräftig das Echo:Weg! Weg!" Roch schlimmer wurde es bei seinem Auftreten im nächsten Akt. Der Sah:Die Pserde stehen gcfattelt!", vor dem auch der erfahrenste Darsteller der Rolle bangt, entfesselte ungeheure Heiterkeit, und die Fort- sehung: .Ihr könnt aussihen, wenn ihr wollt," fand Widerspruch:Rein! Wir wollen nicht! Laßt s andere aufsitzenI" Der aus der Fassung gebrachte Debütant stammelte:Ich zäume gleich wieder ab!" Worauf jubelnder Beifall losbrach. Wenn ihr's ha­ben wollt!" bat Kosinsky dann noch zu sagen, und als der Anfänger dies hervorstammelte, da johlte die Menge grausam: .Jawohl! Abzäumen! Weg, Weg!" Rach diesem Erlebnis hatte Brachvogels Bühnenlaufbahn ein jähes Ende.

Oer Orden-Tiger.

Karl Sontag, der Bruder der.göttlichen Hen- riette", selbst ein ausgezeichneter Schau'pieler, hatte die Schwäche, den Ordensschmuck über alles zu lie­ben. Wie Paul Lindau von ihm erzählt, hatte er eine Karte Europas, auf der alle Länder, von denen er eine Auszeichnung erhalten, sorgfältig schrassiert warem Deutschland war beinahe ganz schwarz, aber in Thüringen war noch ein kleiner weißer Fleck, und da ruhte er nicht, bis er auch in diesem Kleinstaat gastiert und etwas ergattert hatte. Er war dabei nicht wählerisch, und nahm alles, was nur irgendwie nach einem Orden aussah. Einst war er einmal wieder beim Herzog Emst von Roburg ausgetreten, und da er bereits die höchste Auszeichnung, die bis dahin einem Schauspieler zuteil geworden, das Komtur- kreuz des Sächsifch-Emestinischen Hausordens hatte, so war guter Rat teuer, was man ihm noch verleihen könne. Der damalige Intendant Becker erkundigte sich bei ihm.Da hat und doch bei Tisch so ein großer Lakai bedient mit einer mächtigen silbernen Me­

daille," sagte der Orden-Tiger. .Die habe ich noch nicht." .Aber, mein lieber Sontag," erwiderte Becker, Das ist eine Auszeichnung für 25 jährige Dienste im Haushalt des Herzogs. Die bekommen nur Kut­scher, Köche und Lakaien."Das macht nichts," über­wandt der Mime alle Bedenken.Eie ist ungewöhn­lich groß und glänzend, und wiffen Sie, wenn sie auf einem Samtkiffen hinter meinem Sarg getragen wird das macht sich doch gut" Und er bekam die Medaille und dazu ein kostbares Geschenk.

Oer pflichttreue Claqueur.

Alexander Dumas der Ältere erzählt, daß er ein­mal bei der Aufführung eines schlechten Stückes im Parkett einen Herrn bemerkte, der heftig klatfchte und dabei ausrief:Pfui Teufel, ist das ein jämmerliches Stück! Das ist ja nicht zum aushalten!" .Warum klatschten Sie denn bann so eifrig Beifall?" fragte ihn einer seiner Rachbarn. .Ich habe ein Freibillet bekommen, damit ich klatschen soll," erwiderte er, .und da ich ein ehrlicher Mensch bin, klatsche ich, aber ich habe nicht versprochen den Mund zu halten, und deshalb äußere ich laut, was ich denke."

Anschauungsunterricht..

Eine mehr galante als begabte junge Dame nahm bei der großen Schauspielerin Sophie Schröder dra­matischen Unterricht. Diese suchte ihr auf jegliche Weife mehr Temperament beizubringen, und als es sich um das Studieren einer leidenschaftlichen und unglücklichen Liebhabenolle tändelte, bei der die Heldin von ihrem Geliebten verlaßen wird, sagte sie zu ihr: .Also verletzen Sie sich an die Stelle der Liebhaberin! Stellen Sie sich vor, daß Sie verraten und oerlaffen sind von einem Mann, den Sie über alles lieben. Was werden Eie tun?" .Was weiter?" erwiderte die junge Dame naiv,ich würde mir halt schnell einen anderen Liebhaber suchen!" Daraufhin verzweifelte Sophie Schröder daran, mit Anschau­ungsunterricht hier noch etwas auszurichten, und erklärte der Same, sie solle ihre Erfolge lieber auf einem andern Gebiete suchen.

Das geheimnisvolle Haus in der 5. Avenue.

Das .Haus des Geheimniffes" in der 5. Avenue Reuhorks ist kein Geheimnis mehr. Diese altmodische Villa, deren Haustür sich nie öffnete, deren Fenster- läden stets verschloffen waren, wirkte unter den Wolkenkratzern und Palästen dieser vornehmen Straße

wie ein Gespenst aus einer vornehmen Vergangenheit, und die seltsamsten Gerüchte waren über die sechs Schwestern verbreitet, die hinter dieser toten Front ein Leben von Abgeschiedenen führten, während draußen Hast und Lärm, Prunk und Glan, der modernen Welt vorüberbrausten. Run ist Frau Re­becca Wendel Swope gestorben, und der Schleier ist gelüstet von dem l OOMillionen Dollar-Der- mögen dieser Frauen, die im bescheidensten Stil lebten und in steter Angst waren, dem Hungertode zu verfallen, wenn einmal ihr Geld zu Ende sei. Die einzige noch lebende der 6Schwestern,die80 jährige Ella Wendel, wohnt jetzt allein in dem geheimnis- vollen Haus und ist die einzige Erbin des Riefen- vermögens, das in Liegenschaften in Reuyvrk be­sieht und feit vielen Jahren zur jetzigen Größe angewachfen ist. Den Grundstock zu diesem Reichtum legte der Vater der Schwestern, John Wendel, der mit Pelzhandel viel verdiente; er legte seinen Nach­kommen die strenge Verpflichtung auf, nichts von dem Besitz zu veräußern und nur Liegenschaften in Reuyork dazuzukaufen. Die sechs Schwestern, die so lange in dem Haus der 5. Avenue gelebt haben, standen unter der Aufsicht ihres Bruders John Gottlieb Wendel, der aufs strengste darüber wachte, daß das Familienvermögen durch keine Heirat zer­splittert werde. Rur eine der Schwestern wagte gegen feine tyrannische Herrschaft sich auszulehnen. Las war Rebecca, die im Aller von 50 Jahren Pros. Luther Swope, den Geistlichen der Trinity- Kirche, heiratete. Uber diesenEeitensprung" war John Gottlieb so erzürnt, daß er den andern Schwestern selbst nicht mehr den Besuch des Gottes­dienstes gestattete. Aber auch Rebecca wagte sich nicht der Macht des Bruders zu entziehen und blieb der Sparsamkeit der Familie treu. Rach dem Tode Rebeccas sind nun zum erstenmal seit einem Viertel- jahrhundert die Fensterläden des öden Hauses ge­öffnet; die Tür bleibt immer noch verschloffen, aber einigen Beamten war der Eintritt gestattet. Was sie erblickten, war eine Lebensform, an der die Jahr­zehnte spurlos vorübergegangen sind. Das Haus enthält kein Telephon, keine elektrische Anlage; es wird nur mit Gas beleuchtet. Die Schwestern be­sahen selbst keine Dähmaschine, um sich ihre Kleider zu machen, sondern nähten ihre Gewänder mit der Hand. sie trugen stets schwarze Toiletten in der Krinolinensorm, die damals üblich war, als für sie der Zusammenhang mit der Außenwelt aushörte. Im Sommer verliehen die sechs Schwestern das Stadthaus, um auf dem Landgut des Bruders zu leben, aber auch hier waren sie streng abgeschlossen.

1893 flüchtete Georgiana Wendel aus dem Land­haus. wurde von ihrem Bruder wieder eingefangen und in ein Irrenhaus gebracht. Der oberste Gerichts­hof erklärte diese Maßnahme für ungesetzlich, und Io kehrte sie wieder in die Gesangenschast des ge­heimnisvollen Hauses zurück. Als John Gottlieb 1915 starb, wurde bekannt, daß er der alleinige Eigentümer des ganzen Wendel-VermögenS mar. Rber auch nach seinem Tode änbeiten die Schwestern nichts an ihrem Dasein. Jede Woche hingen sie ihre Wäsche im Hinterhof auf, obwohl die vornehmen Rachbarn der 5. Avenue dagegen Einspruch erhoben. Run ist Ella Wendel die einzige Überlebende diese« seltsamen Millionärsgeschlechts. daS niemals einen Pfennig an Bekannte oder Freunde oder zu Öffent­lichen Zwecken fortgegeben hat.

Oer teuerste $i(m.

Die Marotte eines amerikanischen Millionär» hat den teuersten Film der Welt geschaffen, und obgleich seit vielen Jahren an diesem Werk ge­arbeitet wird, ist es noch immer nicht bollenbet 3e$t soll diese gigantische Bilderreihe für den Tonfilm umgearbeitet werden. Der Film kostet nach neuesten Mitteilungen bisher 3 866 475 Dol­lar, also bedeutend mehr als der FilmBen Hur", der bisher für den kostspieligsten Film galt. Wenn er herausgebracht wird, so werden die Gesamtkosten die phantastische Summe von 4 M i 11. Dollar überfteigen. Eine einzige Szene, die die Zerstörung eines Zeppelins dar­stellt, foll über 460 000 Dollars gekostet haben. Die Länge des Films erstreckt sich über fast zwei Kilometer, von denen die eben erwähnte Szene nur etwa 100 Meter einnimmt. Ob etwas Brauch­bares herausgekvmmen ist, bleibt fraglich, aber jedenfalls ist dieses Unternehmen ein Zeichen de» amerikanischen Rekordwahns.

Hochschulnachrichten.

In Bonn verschied der außerordentliche Pro* fesfor der allgemeinen Pathologie und patholo* gischen Anatomie an der dortigen Universität Dr. Paul P r y m, im Alter von 48 Jahren. 6r erhielt 1906 eine Attistentenstclle am Bonner Pathologischen Universitäts-Institut. Dort habi­litierte er sich 1909. Der Historiker Professor Dr. Percy Ernst Schramm in Göttinger, hat den Rus an die Universität FreiburgüB^ als Rachfolger von E. Caspar abgelehnt.