Nr. 156 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Montag, 7. Zuli 1950
Oer Stand der Reichsreform.
Oie Bedeutung des vom Ausschuß der Länderkonferenz angenomimnen planes
Don Dr. Hans Gmelin, ord. Professor des öffentlichen Rechts an der Universität Gießen.
r ii ').
21 och bedenklicher könnten sich die Wirkungen der Reichsregierung für das Verhältnis zu den füddeutschen Ländern gestalten. Ich sage: die süddeutschen Länder, denn bei Sachsen ist eine besondere Lage gegeben, weil ein großer Teil seiner Bürger, abgestohen durch die trostlosen Parteiverhältnisse, die eine Regierungsbildung außerordentlich erschweren, den Einheitsstaat herbeisehnt. Anders liegen die Dinge in den drei süddeutschen Staaten: sie führen ein ausgesprochenes Eigenleben, das sich auch vom geopolitischen Gesichtspunkt aus rechtfertigen läßt. Dieses Eigenleben wird durch die Reichsreform eine Steigerung erfahren, weil den süddeutschen Staaten eine rechtliche Sonder st ellung im Vergleich zu den im Reichslpnd ausgehenden Ländern gewährt wird. Der Graben der Mainlinie, der in den letzten Jahrzehnten durch gemeinsames Erleben, durch ein dichtes Retz wirtschaftlicher, kultureller und persönlicher Beziehungen immer mehr überbrückt wurde, wird unnötigerweise wieder a u s g e r i s s e n. Die Urheber der Reform find sich dieser Gefahr bewußt. Gerade aus diesem Grunde wollen sie einerseits das norddeutsche Reichsland in Länder einteilen, anderseits die verbleibenden alten Länder durch Einführung der sog. Austragsverwaltung fester mit dem Reiche verknüpfen. Aber die vorgesehene Organisation wird diesem Zweck nicht gerecht, weil einerseits die neuen Länder mit zu dürftiger Selb st Verwaltung ausgestattet werden und anderseits die verbleibenden alten Länder durch die Einrichtung der Auftragsverwaltung eher eine Kompetenzerweiterung erfahren. Denn die Besorgung der im Auftrag des Reiches geführten BerwaltungSzweige wird sich von der eigenen Landesverwaltung nicht wesentlich unterscheiden, wenn nicht die Reichs- aufsicht in sehr fühlbarer Weise ausgeübt wird. Darum wird zwischen den neuen Ländern im norddeutschen Reichsland und den süddeutschen Ländern eben doch eine allzu große Spanne bestehen. Aus dieser Llngleichheit werden schon in normalen Zeiten Schwierigkeiten erwachsen, bei ernsteren Konflikten können sich ganz kritische Situationen ergeben. Man braucht nicht gerade an doch recht unwahrscheinliche Katastrophen zu denken, etwa daß sich Süddeutschland Oesterreich anschließen und Deutschland in ein überwiegend protestantisches sozialistisches Rord- deutschland und ein überwiegend katholisches, faschistisches, mit Oesterreich verschmolzenes Süddeutschland zerfallen könnte. Gleichwohl ist die überflüssige Betonung der Mainlinie außenpolitisch nicht ganz harmlos.
Innenpolitisch bedeutet die Reichsreform nicht nur, daß die von vielen ongestrebte älmstellung zum Einheitsstaat auf unabsehbare Zeit unmöglich gemacht ist, sondern daß auch die seit den 70er Jahren eigentlich ununterbrochen währende, allmähliche Aufsaugung der Landesstaatsgewalt erschwert und gehemmt wird. Unwillkürlich erinnert man sich eines Dismarckschen Wortes: als Baden im Februar 1870 seine Aufnahme in den Rorddeutschen Bund beantragte, lehnte sie Bismarck ab, um nicht „gewissermaßen den Milchtopf abzusahnen und das übrige sauer werden zu lassen" (Rede Bismarcks vom 24. Febr. 1870). Denn durch die Aufnahme Badens wäre der Eintritt Bayerns und Württembergs erschwert worden. Ebenso kann man sagen: Wer den deutschen Einheitsstaat jehl oder später will, der muß ihn bei Bayern vorbereiten und nicht etwa bei Schaumburg-Lippe, denn die größten
* Schluß aus Nr. 155 vom 5. Juli 1930.
Widerstände gilt es eben bei Bayern zu überwinden. Aber was tut statt dessen die Reichsreform? Sie sammelt die norddeutschen Staaten, die ihr Eigenleben kaum mehr fristen können, in den Einheitsstaat ein und gewährt den süddeutschen Ländern und Sachsen eine gesicherte Sonderexistenz. Ohne Liebergang werden Reichsland und süddeutsche Mittelstaaten einander gegenübergestellt. Lind aus Liebergänge kommt es so sehr an in der Politik.
Immerhin bietet die Reichsreform die Möglichkeit zu Liebergängen. In dem Bericht des Ausschusses sind nämlich für größere norddeutsche Länder wie Hessen und Thüringen, die ebenfalls im Reichsland ausgehn sollen, gewiße Abweichungen von der Organisation des Reichslandes wenigstens ongedeutet. Rur eben angedeutet: auch wegen dieser Verschwommenheit hat der hessische Staatspräsident Stimmenthaltung geübt. In der Tat müßte Klarheit geschaffen werden über die Auswirkungen der Reichsreform für Hessen. Zwei Möglich- keiten bieten sich: entweder Hessen bliebe in der Form des alten Landes bestehen, aber durch verstärkte Auftragsverwaltung in engere Verbindung zum Reiche gebracht als die süddeutschen Länder, oder aber: Hessen ginge im norddeutschen Cinheits- st a a t auf, würde indes, im Llnterfchied von ben bisherigen preußischen Provinzen und norddeutschen Kleinstaaten, mit weitgehender Selbstverwaltung und Selbstgesetzgebung ausgestattet.
3m einen wie im andern Falle kann die Frage der Gebietsbereinigung aufgeworfen werden. Lieber ihre Lösung werden allerdings die Meinungen sehr stark auseinandergehen. Dem hessischen Staatspräsidenten schwebt die staatliche Zusammenfassung des sogen. Rhein-Maingebietes vor, das außer dem Lande Hessen das Maintal mit Hanau und Frankfurt und vielleicht noch Rassau umfassen sollte. Allein, es ist zum. mindesten zweifelhaft, ob eine derartige Grenzziehung die Zustimmung der Bewohnerschaft fände. Denn ein guter Teil der hessischen Bevölkerung wird der aus dieser Lösung sich ergebenden Folge, daß Hessen zu einem bloßen Llmland von Grohfrankfurt degradiert wird, keinen Geschmack abgewinnen können. Anderseits wünscht sich auch Frankfurt eine selbständigere Stellung. Vielleicht wäre es zweckentsprechender, die Lösung in der von dem Oberbürgermeister von Frankfurt kürzlich angedeuteten Richtung zu suchen, nämlich aus Frankfurt wie aus andern Halbmillionenstädten u n m ittelbare Reichsstädte zu bilden, im Zusammenhang mit der Reichsreform also „Länder neuer Art" innerhalb des Reichslandcs. Das „Land" Frankfurt wäre aus hessischen und preußischen Gebietsteilen, die wirtschaftlich zum Bereich der Großstadt gehören, also z. B. Vilbel, Offenbach, Hanau zu bilden. Das Land Hessen könnte durch Angliederung etwa von R a s - s a u eine vernunftgemäßere Gestalt erhalten. Aber es kommt viel weniger auf die künftige Gestalt des Landes Hessen an, als vielmehr auf die ihm einzuräumende Rechtsstellung. Denn nur, wenn ihm eine weitreichende Selbstverwaltung belassen wird, wird es imstande sein, zwischen dem Block des Reichslandes und den süddeutschen Staaten zu vermitteln. Auch hier sei an ein Wort Bismarcks erinnert: „Die Kleinstaaten bilden den Mörtel zwischen den Quadern"; m. a. W. sie dienen als Bindemittel und können Reibungen zwischen den größeren Staaten mildern. Eine solche Aufgabe des Ausgleiches könnte in dem neugestalteten Reich auch Hessen erfüllen. Es wird sie umso
Gustav Mahler.
3u seinem 70. Geburtstage. Don (Sophie Lederer-Sben.
Betrachtet man das Riesenwerk Gustav Mahlers, wie es seit seinem Tode (1911) abgeschlossen vorliegt, so ist kaum zu fassen, daß in diesem immerhin kurzen Leben eines Llnermüd- lichen ungezählte arbeitshemmende Elemente eine Rolle spielten, in so hohem Maße gewiß, wie in Goethes Geben, vor dessen Riesenwerk man immer wieder unverstehend staunt, erinnert man sich der ebenso ungezählten Hemmungen, die in Gestalt von Krankheiten, von Staatsgeschäften, ihm den Weg vertraten.
ES scheint für wahrhaft Schöpferische der Begriff „Zeit" nicht zu bestehen, — so wenig er besteht in jener Welt, darin sie leben. Für Gustav Mahler war das Leben der Wirklichkeit nur ein Traum, so „real" auch seine Briese an Freunde scheinen, in denen er: ängstlich sparend und herrisch mit Zeit und Raum wie mit Schachfiguren umherschiebt, um die umfangreiche Diri- acntentätigkeit am Konzert- und Opernpult in Prag, Wien mit seinem schöpferischen Werk zu vereinigen. — Weil er niemals „unerschöpfe- risch" sein konnte, so wirkte er auch in seinem zweiten Dasein, der Tätigkeit als Kapellmeister, aufbauend und stilbildend, aber auf die schmerzliche Frage, was der Rachwelt durch diese zweite, unendlich beanspruchende Wirksamkeit verloren ging, gibt cs keine Antwort.
Auch ist ihm das „Rachschaffen" der Werke anderer vielfach zum Verhängnis geworden, wenn cs ihn, den Schöpfer von Gottes Gnaden, auch nicht entwurzeln konnte, wie es schwächer begabte entwurzelt hat. Man denke an Hans von Bülow, der soviel Schöpferehrgeiz besaß, daß er seine eigentliche geniale Begabung, die Werke Größerer (Beethovens, Wagners, Liszts) auszudeuten, in jeder Wertung zurücksetzte, und als herzlich verbitterter Mensch resignieren mußte. Mahler warf so oft, wenn er eine eigene Sinfonie dirigiert hatte, noch glühend von der seelischen Hingabe, die zweifelskalte Frage auf: „Wem gilt nun eigentlich der Jubel, — dem Schöpfer oder dem Dirigenten meines Werks?" Immer traf der Dolch des Zweifels die seltene Freude über einen Erfolg, machte sie fragwürdig oder mordete sie völlig. Ein Zwiespalt, der tiefe Spuren im Menschen Mahler zurücklassen muhte, der ihm den Glauben an sich selbst zu nehmen geeignet war, und nur durch das Wunder eines
wahrhaft kindlichen Herzens immer wieder wettgemacht wurde. Erfolge, aber auch Mißerfolge, haben den Riß, den Zwiespalt in seinem Wesen, das die gegensätzlichsten Clemente barg, erweitert und vertieft. Ist es nicht erschütternd, wenn Mahler, angesichts des Jubels der Tausende, nach Aufführung seiner 8. Sinfonie, zu seinen Freunden vom Pult wegtritt, sie fragt: „Sagt, habe ich denn vielleicht ein minderwertiges Werk geschaffen?" In Berlin hatte man ihn ausgepfiffen, in Weimar, wo sein Wesen verhaßt war, in Wien, wo man ihn nur als Dirigenten galten lassen wollte: nun steht das große Kind mit angegrauten Schläfen kopfschüttelnd vor tausend- köpfiger Menge, begreift nicht, daß hier einmal „der Widerstand der stumpfen Welt" besiegt ist, bezweifelt eher fein Werk, als daß er dieser Menge, die ihn durch ihr „Kreuzige" so oft niedergeschmettcrt hat, Llrteilskraft zutrauel
Aber die feindlichen Mächte, die ihn von außen au bedrohen pflegten, vermochten es ebensowenig, die „schöne Welt", die blühenden Reiche, die in seinem Gemüt, in seiner künstlerischen Phantasie verankert lagen, zu zerstören, als die aus dem eigenen Wesen em Porst ampf enden herrischen Impulse, die so oft seine Umgebung, aber ihn selber am meisten, verletzten. Seine Kindlichkeit blieb schließlich immer siegreich, und seine Kämpfernatur ließ nicht ab, trotz aller Widerstände, das durch unersättliche Arbeitsleistung zu sichern, was, seinem bewußten Willen völlig enthoben, aus diesen blühenden Reichen emporquoll. Das Verantwortlichkeitsgefühl der Rachwelt gegenüber ließ ihn im Schatten nicht ruhen, wenn er auch gegen Schluß seines Gebend recht müde geworden war. Leidenschaftlich suchte er sich in seinen Werken sein Weltbild zu formen, es sich zurecht- Aurüden, und in titanenhaftem Widerstand gegen feindliche Mächte tarn er, wie der letzte Beethoven, dahin, das Metaphysische hinter dem Weltbild zu suchen.
Dieses „Metaphysische" in seinem Werk ist es hauptsächlich, was, trotz der orchestralen und chorischen „Mafsenwirkung", gegen eine Wirkung auf die Masse spricht. Das Liebersinnliche des Ideen- und Empfindungsgehaltes. Bei aller Klangpracht und Fülle, bei der äußersten Au» nutzung der vorhandenen Orchestertechnik, wie sie von Beethoven her bis Wagner über Weber überkommen ist, bei völlig neuen Klangmischungen und ins Riesenhafte gesteigerten Klangdimen- sionen (mehrere Doppelchöre, Fernorchester usw.) spukt, unirdisch gläfem, die fphärenhafte Celesta, werden fahl, wesenlos, zu den häusigen Tvten-
besser erfüllen können, je geringer der Abstand zwischen den Ländern alter und neuer Art fern wird. Leicht ist die Ausgabe der Länderkonferenz sicherlich nicht: sie muß die Dewegungsfreiheit der sog. neuen Länder über das vorgesehene Maß hinaus erweitern, ohne doch in den Fehler einer . Zerschlagung Preußens"" d. h. allzu- flartet Lockerung des staatlichen Gesamtgefüges im norddeutschen Reichsland zu verfallen. Rur wenn die Rcichsrcsorm diesen Anforderungen entspricht, kann sie für das deutsche Volk gute Früchte tragen.
Ein Ehrenmal für die Gefallenen der Großh. Hess. Train-Abteilung Jlr. 18 in Darmstadt.
In Darmstadt sind drei Gefallenendenkmäler entstanden, die die ehemaligen Zugehörigen des Leibgarde-Infanterie-Regiments, der beiden Dragoner- und der beiden Feldarttllerie-Rcgi- menter ihren Gefallenen errichtet haben. Bei der vierten Waffengattung, dem Train, konnte diese
Ehrenpflicht bisher nicht erfüllt werden, da daS Aufbringen der erforderlichen Mittel sich schwierig gestaltete. Die Kopfstärke der Trainabteilung 18 nebst Feldformationen war geringer als die der anderen Waffen, und gerade die Mannschaften der Feldformationen waren zu einem erheblichen Teil außerhalb des Staates Hessen beheimatet und sind nunmehr für die Werbetätigkeit sehr schwer zu erreichen. Aber nun ist das Ehrenmal in Auftrag gegeben und wird am 16. Rovember eingeweiht werden. Es erhält einen besonders schönen Platz im Bessungcner Orangeriegarten. Die Ausführung hält sich an den Entwurf, der auf dem ersten Traintag im Rovember 1926 einstimmig angenommen wurde. Don den Baukosten ist zwar ein ansehnlicher Rest noch auszubringen, doch ist zu hoffen, daß bei den Trainkameraden die Erkenntnis wach wird, daß der Ehrung der Gefallenen nur bann voll und ganz Genüge geschieht, wenn am Einweihungstage keine ungedeckte Schuld mehr auf dem Denkmal lastet. Vorsitzender des Denkmalsausschusses ist General a. D. v. Oheimb, Darmstadt.
Gießener Hochschnlgesellschast.
Am Samstagnachmittag hielt die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Llniversität Gießen (Gießener Hochschulgesellschaft) unter der Leitung ihres Vorsitzenden Provinzialdirektor Graes ihre diesjährige Hauptversammlung und Festsitzung ab. Die
Hauptversammlung
sand in der Kleinen Aula statt. Se. Magnifizenz der Rektor, Prof. Dr. Brüggemann, hieß die Anwesenden Willkommen. Hierauf erstattete der Vorsitzende, Provinzialdirektor Graef, den
Jahresbericht des Vorstandes, dem folgendes zu entnehmen ist: Die Hochschul- gesellfchast hatte im vergangenen Jahr den Tod folgender Mitglieder zu beklagen: Kammerdirektor Bräun ig, Birstein, C. Cmmelius, Zürich, Studienrat Gräber, Alsfeld, Heinrich H e 111 e r, Gießen, Oberkonsistorialpräsident I). Rebel, Darmstadt, Landgerichtsdirektor P r ä t v r i u s , Gießen, Generaldirektor Stephan, Wetzlar, und Pfarrer Weber, Holzheim. Die Gesellschaft zählte am 1. Januar 1927 757 Mitglieder, durch Tod und Austritt verlor sie, im Jahre 1928: 53 Mitglieder, neu eingetreten sind 31 Mitglieder, so daß zu Beginn des Jahres 1929 bei 735 Mitgliedern gegenüber dem Vorjahre ein Verlust von 22 Mitgliedern zu verzeichnen ist. Auch für 1930 haben bereits 31 Mitglieder ihren Austritt erklärt, eine weitere Anzahl Mitglieder hat ihren Austtitt zum Ablauf des Jahres 1930 angemeldet.
Die am Schluß des vorigen Geschäftsberichts ausgesprochene Hoffnung, daß das Jahr 1929 eine weitere Stärkung der Gesellschaft bringen werde, hat sich leider nicht erfüllt. Schwerer als je zuvor hat sich 1929 30 die wirtschaftliche Rot auf den Mitgliederstand ausgewirkt. Diesen zu erhöhen oder den Verlust durch Werbung neuer Mitglieder auszugleichen, hat sich leider nicht ermöglichen lassen. Die aussichtsreichste Möglichkeit scheint in vermehrter Werbetätigkeit der einzelnen Mitglieder und Ort^ruppen zu liegen. Große Hoffnung seht der Vorstand in dieser Hinsicht auf die Freunde der Gesellschaft in Mainz und Darmstadt und erhofft auch von Alsfeld die lange in Aussicht gestellte Gründung einer Ortsgruppe. Eine wesentliche Stärkung wäre schon durch den Beitritt sämtlicher Dozenten der' Landesuniversität gewährleistet. Jedes einzelne Mitglied muh es sich angelegen sein lassen, der Gesellschaft neue Mitglieder zuzuführen. Die Mitgliederbeiträge erbrachten 1928: 11 520,50 Mk„ 1929: 10 421 Mk.: somit ergibt sich ein Rückgang von 1099,50 Mk.
Die wirtschaftliche Rot übt leider auch auf unsere Llniversität einen großen Einfluß aus. Zur Milderung der seelischen und wirtschaftlichen Rot des akademischen Rachwuchses greift die Gießener Studentenhilfe ein, die ein stattliches neues Heim erstellt hat, das im Herbst d. 3. feiner Bestimmung übergeben werden soll. Die Hochschulgesellschaft hat hierzu einen einmaligen Beitrag von 5000 Mark bewilligt. — 3m Jahre 1929 wurden durch die Hochschulgesellschaft indgefamt elf Vorträge veranstaltet, und zwar fünf in Alsfeld, drei in Worms, zwei in Offenbach und einer in Gießen. — Pros. Dr. Schlesinger schied infolge feiner Versetzung in den Ruhestand aus dem Vorstand aus: an seine Stelle trat Prof. Dr. Goetze. Der Gesamtsenat hat das Vorstandsmitglied Fabrikanten Ludwig Rinn in Gießen in Anbetracht seiner großen Verdienste um die Landesuniversität zum Ehrensenator ernannt.
Zu der vom Vorsitzenden erstatteten IahreS- rechnung ist u. a. folgendes zur Erläuterung zu bemerken: an Jahresbeiträgen gingen ein: in 1927 -- 9 790,40 Mk.: 1928 = 11 520,50 Mk., 1929 ----- 10 421 Mk. Die einmaligen Beiträge im Jahre 1929 betrugen insgesamt 9800 Mk. (1928: 15100 Mk.), und zwar gingen ein von Ungenannt 5000 Mk.. von Prof. Dr. Junkers (Dessau) 3000 Mk.: vom Verband der Hess, landwirtschaftlichen Genossenschaften 1500 Mk.: vom Mittelrheinischen Fabrikantenverein 300 Mk. Die Beträge wurden dem Wunsche der «Stifter entsprechend folgendermaßen verwendet: 5000 Mk. der Gießener Studentenhilfe, Bauzuschuh für das Studentenheim: 3000 Mk. der Philosophischen Fakultät für Besichtigungsreisen von Studenten und zum Ausbau der Meteorologie an der Universität Gießen: 1500 Mk. dem Landwirtschaftlichen Instttut: 200 Mk. an Pros. Dr. Günther für eine wissenschaftliche Exkursion: 100 Mk. an das Instttut für Wirtschaftswissenschaft. Außerdem wurden 1929 aus eigenen Mitteln der Gesellschaft 7959,50 Mark (1928 : 9875,25 Mk.) verteilt. Das Gesamtvermögen am 31. Dez. 1929 betrug 32 824,55 gegen 34 020,90 Mk., der Rückgang von 1196,35 Mk. ist im Kursrückgang des Wertpapierbestandes begründet. — Der Iahresbcritch wurde genehmigt, dem Vorstände und dem Verwaltungsrat Entlastung erteilt.
Die in der Hauptversammlung Dor genommenen Wahlen
hatten folgendes Ergebnis: Zum Vorstand wurden wiedergewählt: Provinzialdirektor G r a e f, Dankdivektor Grießbauer, Dr. h. c. Hum - perdinck (Wetzlar), Dr. h. c. Leitz (Wetzlar), Landgerichtspräsident Reuenhagen, Justiz
tanzen die Geigen mit dem Holz des Bogens gestrichen.
Das Holzschnittrnähige des Volksliedes, das er immer und immer wieder zu tiefster Wirkung verwendet, konnte ihn daher so faszinieren, — als der Ausdruck eines ihm nicht gemäßen, aber von ihm sehnsüchtig erstrebten allerschlichtesten Empfindens. Rur eine tief von Gegensätzen zerklüftete Persönlichkeit konnte darum das schlichte Lied, das er so vielfach zu den „Wunderhorn"-Texten fand, zum breiten Symphonischen erweitern und es mit so schwer prunkendem Klanggewande beladen. Das schlichte Lied war ihm Offenbarung, darum, weil er selbst ein Lyriker war. Erstlingsarbeiten sind unfehlbar zugreifende Impulse und ganz sichere Ctoeg- weiser: das erste Werk, was ihn bekannter machte, waren die „Lieder eines fahrenden Geselle n", deren prägnante Liedformen er so vielfach später in die Sinfonien übernahm. Rur von diesem Punkt aus ist Mahler recht zu verstehen und voll zu würdigen: wer in seinen Sinfonien abgewandelte musikalische „Themen" sucht, wie sie, den Inhalt der Werke Beethovens, Brahms' und Bruckners ausmachen, wird dem Verständnis dieses Meisters immer fern bleiben.
Er ist so sehr Ghrifcr, daß er vielfach die „Wunderhorn'-Texte weitergedichtet hat, auch die herrlichen Verse Klopft ocks: „Auferstehn, ja ouferstehn wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh" in seinem Sinne selbst zu Ende fang. Die Verse lauten:
„Glaube, mein Herz, Es geht dir nichts verloren! Hast nicht umsonst gelebt, gelitten! Dein ist, was du gesehnt. Dein, was du geliebt, erstatten!
Mit Flügeln, die ich mir errungen In heißem Liebesstreben, Werd ich entschweben
Zum Licht, zu dem kein Aug gedrungen.
Sterben werd' ich, um zu leben!“
Ein ganz unirdisch klingender a-cappella-Chor- einsah bereitet dieses selige Hoffnungsbekenntnis der Altstimmen so gnadenvoll in Mahlers Zweiter Sinfonie, die man um ihres letzten Satzes willen, die „Au f e r ste hu n g s s i n f o n ie" genannt hat. War die erste erfüllt von allen, den jungen Menschen bedrängenden Problemen des wachen Lebens, so ist jetzt das Problem deS Todes und die Frage nach dem Jenseits an den „Helden" (im Deethovenschen Sinne) herange- treten. Diese Sinfonie malt ganz in großen Zügen, ganz ai fresco, zuerst in schweren Klän
gen einen Trauerzug, die Angst der Kreatur vor der Vernichtung. Hohl und gellend tönt die Fiedel des Todes: aber im Laufe des Werkes dämpft sie sich zu einer Mahnung, das Leben, den Augenblick zur Tat zu nutzen, weil alles so schnell vergeht. Den Inhalt des letzten SaheS konnte Mahler lange nicht finden. Erst Erst der Tod Hans von Bülows, der ihn tief erschütterte, gab das blutwarme Erleben her für die gewaltige Vision des jüngsten Gerichtes, die dieser Sah offenbart. Mahler selbst schildert das Bild: „Sie kommen alle aufmarschiert, in gewaltigem Zug, Bettler und Könige, die ecclesia militans, die Päpste. Bei allen die gleiche Angst, und Schreien und Beben. Deim vor Gott ist keiner gerecht."
Man geht fehl, wenn man seiner bildhaften Dr- chestersprache wegen Mahler einen „Programmmusiker" nennt. Keine festen Vorstellungen wiesen der Musik den Weg, wie bei Liszt oder Richard Strauß. Es ist in erster Linie der Musiker, der in Mahlers Werk fein Weltbild enthüllt. Daß dies nicht ohne „Anhaltspunkte" bei den benachbarten Künsten der Dichtung und Malerei möglich war, ist klar. Brahms nannte, nach dem Anhören der Zweiten Sinfonie in C-Moll Mahler den „König der Umstürzler", und übersah dabei die festgefügte, geradezu „klassische" innere Ordnung des Riesen- Werkes.
Die Dritte Sinfonie in O-Moll wendet sich nach der ungeheuren Schwere der verflossenen Probleme zurück zur Natur, zum Leben mit Wolke, Blume, Vogel. Es ist das Lied vom großen Pan, was hier verführerisch aufklingt und seine Fortsetzung und sein Gegenstück in der Vierten, dem „Lied vom himmlischen Leben" findet, dessen Schilderung in rührender Kindlichkeit, an Wunderhornverse sich anlehnend, den Himmel als ein Schlaraffenland sich auftun läßt, wo lustig gegessen, getrunken, getanzt und gesungen wird.
Die Fünfte, Sechste und Siebente Sinfonie verkünden in ihrer polyphonen Stimmführung ein großes neues Erlebnis ihres Schöpfers: es heißt Johann Sebastian Bach. Das nun folgende „Lied von der Erde" (nach Hans B e t h g e s „Chine- fifcher Flöte") aber ist, wie die „Neunte", bereits der West abgekehrt und von ganz transzendentalem Inhalt und Klang. Die „Neunte", vor deren Bezifferung sich Mahler ahnungsvoll fürchtete, „weil die Zahl Neun in ihren sinfonischen Werken auch Beethoven, Schubert und Bruckner verhängnisvoll wurde, die danach starben", wurde in der Tat fein Schwanengesang, — der Sehnsuchtsruf eines nur noch Müden nach Ruhe.


