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Nr. 132 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 7. Zuni 1950

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Krühlmgssahrt durch Elsaß- Lothnngen.

Don Liesbet Dill.

3n 6a<rrgemünZ> ist .Ziehung". DieConscrits stehen an den Öden der Kasernen und kaufen sich bunte Seidenbänder, die sie an die Hüte steden, wie einst bei uns. Dasselbe Bild. Dur singen sie nicht und sehen der Tatsache, daß sie in die Grande Armte eingereiht werden, ziemlich trocken ins Auge... Links stehen auf einer Wiese eine Menge verrosteter Lokomotiven. KriegSkontribu- tion, von uns abgcliescrt, niemals benutzt, nie abgeholt lagern sie dort schon seit zehn Jahren, altes Eisen...

3n Straßburg begrüßt uns eineRue de 22 Novembre... Madame fährt auf dem Char ä bancs einkaufen in die Stadt. Dieselben schwar­zen Taillen, dieselben weißen getollten Mullhau­ben, dieselben Bänder flattern auf ihrem Rüden, während sie den Schimmel mit der Peitsche an­treibt ... Alle Hamen haben sich verändert, das alte .Schlettstadt" heißtSelestat und Saargemünd heißt Sarrcgucmines. Alte Parks, in denen das Gras wuchert, ein Gmpireschloß im Hintergrund dunkler Alleen mit geschlossenen Läden, Fähnlein flattern in Dorlisheim, wo der berühmte »Schlosser" sein Handwerk betrieb, dieser Zauberer, der aus einem .Pusch Haden- Haar" jede Krankheit eines Menschen feststellen konnte, an den man hier glaubte wie an einen Gott... 3n der Ferne blauen die Vogesen, ihre lange Kette, der wir uns nähern, wird immer deutlicher. 3m Dunst des Morgens gchts hügel- auf und hügelab. Enge Städtchen mit engen Gassen. Die Odilienburg grüßt herunter. Schwarze Kittelschürzen der Kinder im Dorf, die Mist­haufen vor der Tür, der Apfelschimmel vor dem Char ä bancs,Restaurant du paysan bleu ... Wicsengründe und Hopfen, Weinberge und Fel­der. Man ist hier auf Biehzucht eingestellt, auf den Wiesen weiden Fohlen und magere Kühe.

3n Pfalzburg halte ich an. Ich frage nach der einstigen Festung, dem berühmten Schloß ihres großen Pfalzgrafen, der Millionen verschwendete, um dieses stolze Schloß zu bauen. Es ist jetzt eine Huine. Aber niemand weiß etwas von diesem Pfalzgrafen, noch von seinem Schloß, und der Gendarm ist ..hier selber fremd". InPhahl- bourg ein Schloß? Davon hat er nie etwas gehört... Weiter... Bierre de Mutzig. Heilige am Weg, sterbende Heilande bilden unS brechen­den Auges nach. Aus dem grauen Duft des Morgens löst sich die Hohe Königsburg, stolz und trotzig auf dem Felsen. Selestat... Bor den Toren wird es himmelblau von Poilus, die zum Schießplatz marschieren. Selestat ist Garnison ge­blieben. Auf unserem Auto prangt groß und weithin sichtbar das Wort .Saar". Wir sind

gezeichnet:Boches. Die Autos, die unseren Weg kreuzen, sind weder elegant, noch sehr sauber, meist kleine, enge Kasten... Storchnester auf den Dächern,Place Gambetta,Pharmade du Cygne. DorrnRestaurant des voyageurs tanken wir Benzin und nehmen ein Frühstück in der Sonne vorm Haus. Ein Grammophon trällert deutsche Lieder aus^ Dorkriegszeiten, .die Träu­merei" von Schumann wird zur Bouillon serviert, die .Krone im Rhein" zum Deessteak, beim Dessert schmettert Siegsried fern Lied... 3n der Sonne sunkelt der rote Burgunder, der Dogesenwind

Wir feiern im Juni.... '

Der 3uni bringt eine große Anzahl von Dolks- feften, namentlich in Süddeutschland, wo sich solche Feste noch am besten unverfälscht erhalten haben. Hier einige bemerkenswerte Deranstal- tungen, die uns dieser Tage gemeldet wurden: Das hesftsche Städtchen Schlitz feiert am Sonn­tag, 22.3uni, nach dreijähriger Pause wieder sein Trachtenfest. 16 Dörfer des Schlitzerlandes beteiligen sich an dem Festzug in historischen Trachten, dazu natürlich ebenfalls in male­rischer Tracht! auch Schwälmer, Hüttenberger, Dogelsbcrger und kurhessische Dauern. Eine Bur­genbeleuchtung wird das Fest, zu dem bei schönem Wetter 8 bis 10 000 Teilnehn.er erwartet wer­den, verschönen. Auf dem 830 Meter hohen Büchelstein bei Schöllnach im Bayerischen Wald soll anläßlich des am 16. 3uni stattsinden- den B-üchelstciner Festes ein Erinnerungskreuz ausgestellt werden. Eigentlich sollten wir alle dielen Berg kennen, denn dasPichristeiner ^Fleisch" das Leibgericht des Fürsten Dis» *mard, das wohl jeder schon einmal gegessen hat, wurde hier am Büchelstein in einem Gast­haus .erfunden"! In Ansbach, der alten Markgrafenstadt, ist am 14. und 15. Juni ein großes .Fränkisches Fest" mit Festkonzert im Orangeriesaal des Ho gartens. Rokokolä.ize au8 Ansbachs früherer Glanzzeit und eine prächtige Beleuchtung des Gartens stehen auf dem Pro­gramm. Anläßlich der 400-Iahrfeier der Confessio Augustana ist am 22. Juni in Augsburg ein großer evangelischer Dolkstag mit Festumzug und eine Festbeleuchtung

Bad-Bilbcl

Seit einigen Jahren besteht in Dilbel ein Der- kehrsverein, der sich die Hebung des Verkehrs und die Verschönerung des Ortes zu seiner Aufgabe gemacht hat. Das Dereins'ahr 1929 brachte die Herausgabe eines Führers und Werbeprospekts, der in mehreren Tausenden Exemplaren nach allen Gauen Deutschlands geschickt wurde, um

spielt mit der Kaffeedecke...Avenue Joffre, Au canon d'or ... Colmar, die alte Stadt naht. Parks und grüne Fronten, daS Museum ist unser Ziel, der Isenheimcr Altar, der so lange in Deutschland war, jetzt zurückgckehrt ist und hier untergebracht in diesem ehemaligen Kloster.

Ein Brunnen sprudelt im alten Klosterhof, im Weinmuseum" steht auf einem großen Faß .Mit Denus laßt mich ungeschoren"... oder .Ich edles Faß". Da sind altelsässerFouloirs und Passoirs aus Holz,Pressoirs" undTrotsebs (Hürden, für die Trauben vorn Jahre 1607.

Dad-Dilbel zunächst einmal im größeren Umkreis bekanntzumachen. Ter Führer warb gleichzeitig für die noch im Wachsen begriffene Wasferin- dustrie. Den in Vilbel weilenden Fremden ist Gelegenheit geboten, schöne Spaziergänge zur Erholung rund um Vilbel zu machen. Dabei laden die Bänke des Derkehrsvcreins zur kurzen Ruhe ein. Besonders erwähnt feien die schönen Plätz­chen am Steinbruch und auf der Dilbeler Höhe, von denen man auch noch eine herrliche Aussicht genießt. '

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Bade in Sccschlick!

3n der seit 1918 nicht mehr benutzten zweiten Einfahrt zum Ausrüstungshafen in Wilhelms­haven hat sich im Laufe der Jahre eine 5 Meter starke, sand- und muschelfreie Schlammschicht ge­bildet/die nach einem Gutachten der Zentralstelle für Balneologie außerordentlich heilkräftige Eigenschaften besitzt. Dieser Seeschlick wird nun­mehr Heilzwecken nutzbar gemacht Werdern Die Dadeverwaltung Wilhelmshaven plant in An­lehnung an die bestehenden Dtrandanlagen die Errichtung einer Kuranstalt für Schlickbehand­lung. Vorläufig sind dieser Tage im städtischen Krankenhaus Wilhelmshaven balneotechnische Einrichtungen für Schlickbäder in Betrieb ge­nommen worden.

Allerlei Reisewinke.

Dann stehen wir vor dem berühmten Altar, sehen den schmcrzverkrampften Christus, seine erstor­benen Hände, die sich noch in wütenden Schmerzen krallen, die Hagel grausam inS Fleisch gedrückt, den müden Kops voller Dornen, die blutenden Füße übereinandergewürgt in wahnsinnigem Krampf... So hängt er da, an seinem schweren Holzkreu», daS er den Berg hinausschleppte... Und diese Mutter, die totenblaß und lautloS zusammensinkt, um an einem Herzkrampf zu ver­löschen in den Annen deS vor Entsetzen schreien­den FreundeS, der sie stützt... Ein Gemälde des Schmerzes. Dagegen versinken alle Schätze, die dieses Museum enthalt...

ImCaf6 Central machen wir Rast. Stalle Marmortische, Bierflaschen, blaue Siphons, ein heißer Kassee in Biergläsern ohne Milch, Fasten­brezel als einziges Gebäck... Weiter. Die Hohe KönigSburg taucht wieder auf und zeigt sich von einer anderen Seite, wie eine kokette Frau sich ihrer Schönheit bewußt. Zabern,Hötel du soleil, Au tigre Bock alte deutsche Briefkasten, aber himmelblau gestrichen, grün stießt die 311 unter den Brücken. Die Arbeiter kehren auf Rädern heim aus den Fabriken. ImEstaminct ä lAgneau und der BarAu Cygne sitzen sie vor den Türen.Restaurant au Ttlleul",Hötel au CerfEscargots en gros steht auf einem Gar­tenschild. Wir sind im Land der Froschschenkel, der gebackenen Weinbergsschnecken, des Weiß­brots und des Rotweins. Es geht auf Straß­burg zu, die alte Stadt, nirgends mehr ein deut­sches Schild.Bonncterie sans parcülc, enge Gassen.Ddbit du Tabac, Bierre de l'Espd- rance.

In der Sprachenfrage hat sich hier wenig geän­dert. Es wird deutsch im Elsaß gesprochen und französisch, je nach dem. Die Kinder wachsen zweisprachig" auf, sie sprechen ihr Dütsch oder ihr Patois zu Hause, mit dem Behörden sprechen sie die Sprache, die dort verlangt wird.ES ist verboten, deutsch zu sprechen" hängt ein Schild in der Poft in Metz... Das wechselt, das ist immer so gewesen und wird immer so bleiben. Daraus irgendeine Zu- oder Abneigung für eine Ration herzuleiten, wäre falsch. Die Grenzländer haben- nun mal nicht besser, sie reden, waS ihnen am bequemsten ist. Mit dem weißen Kragen legt man zu Hause die befohlene Sprache ab, und zieht mit den Pantoffeln die gewohnte an, die man in der Schule gelernt hat.

Durch abendliche Dörfer geht eS heim. Sie machen einen tristen Eindruck. Kein Mensch zeigt sich, fein Laut ist hörbar, kein Licht brennt, die Bauern schlafen früh. Hur die riesigen Mist­haufen vor ihren Türen wachen. Don den Drücken und Unterführungen leuchten die Plakate: Ah, si vous aviez un Peugot! Wir rufen an einer Weggabelung einem Elsässer zula route de Srasbourg? xa?" ... Und es kommt zurück »Grabaus, do unne leitS" ...

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