Aus der Provinzialhauptstadt.
(Sieben, den 6. Februar 1930.
Zrauenbeweguny und Jugend.
Eine ganz ungewöhnlich große Zahl von Zuhörerinnen hatte sich — wie man uns berichtet — zu der Februarsihung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, Ortsgruppe Gießen, eingesunden, um Fräulein stud. itir. Anita Rosenberg über das Thema „Frauenbewegung und Jugend" sprechen zu hören. Die Rednerin knüpfte in ihrem ausg:zeicyneten Dortrag an die Worte an, mit fccm.il am Schluß des großen Berliner Kongresses Dr. A. Wulf als Sprecherin der Jugend fcie Ziele und Formen der Frauenbewegung abgelehnt hat, weil die Bewegung zu sehr gegen den Mann gerichtet sei. Infolge dieser Abwehrstellung beschweren sich die Führerinnen der Frauenbewegung häufig darüber, daß fich die Jugend zwar aller Rechte bediene, die für sie erkämpft worden sind, daß sie aber den Dank dafür schuldig bleibe. Die Bortragende bemühte sich, darzulegen, daß man der weiblichen Jugend hierin doch Unrecht tue. Solange die jungen Mädchen noch in der Ausbildung sind, treten die Probleme der unterschiedlichen Bewertung der Männer- und Frauenarbeit nur selten an sie heran. Die große Zahl berufstätiger Frauen hat aber — bewußt oder unbewußt — das Erbe der Frauenbewegung angetreten und wurzelt viel zu fest darin, um sich davon zu lösen. Anders gestaltet sich die Frage hinsichtlich der Organisation. Hier ist seit dem Kriege eine große Zersplitterung eingetreten, denn die Mehrzahl der überhaupt für diese Dinge interessierten Frauen ist entweder politisch oder konfessionell organisiert. Auf diele Weise und in der Form von Berufsverbänden sind wohl die meisten jüngeren Frauen an die Bewegung angeschlossen. Sie sind aber dadurch und durch den wirtschaftlichen Existenzkampf doch so sehr in Anspruch genommen, daß ihnen die allgemeinen Probleme der Frauenfrage fremd geworden sind. Es ist jedoch dringend erforderlich, fcie heranreifende Generation im Dienste einer höheren Idee zusammenzuschließen. Hier handelt es sich um die Einwirkung der Frau auf die Zukunft unseres Lebens in- und außerhalb der Familie, damit aus der bisherigen Welt, die ausschließlich auf den Mann zugeschnitten war, eine Welt für beide Geschlechter geschaffen werde. An die Seite des väterlichen Einflusses, wie er heute, dem Sinn des BGB. entsprechend, im Staat, in der Partei und in der Familie vorherrscht, sollte in Zukunft gleichberechtigt der mütterliche Einfluß treten. Die äußerliche Gleichberechtigung aber muß getragen werden von dem tiefen Verantwortungsgefühl, das nicht als Geschenk vom Himmel herabkommt, sondern in unablässigem Bemühen erworben werden muh.
In der angeregten Diskussion wurde mehrfach der Wunsch nach einer politischen Schulungswoche für Frauen geäußert. Zum Schluß betonte Frau Landtagsabgeordnete Maria Birnbaum in warmen Worten, wie sehr auch die politisch tätige Frau an den allgemeinen Fragen der Frauenbewegung teilnimmt, wenn sich auch manches infolge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten heute noch nicht durchsetzen läßt. Der rechte Mensch an der rechten Stelle, gleichviel ob Mann oder Frau, das sollte unsere Forde-
9er Traum vom GM.
Roman von E. Lovett undM. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann. München.
(Schluß.)
Freilich war dies in den ersten Tagen ihrer jungen Ehe und dem ersten Aebermah ihres eigenen jungen Glücks gesch:h:n, wo Doris die ganze Welt wie in Rosenlicht getaucht erschien. Damals war es ihre Wonne gewesen, Sabine ein ähnliches Glück vcrzuspiegeln. Später verfuhr sie so in weniger überschwenglicher Weise.
Trotz all ihrer Freude und tausendfachen Beschäftigungen im eigenen, reizenden Heim vergaß Frau Doris ihre Freundin nicht. Sie besuchte sie täglich im Krankenhause und ließ unzählige Sendungen von Blumen, Früchten und Büchern in die Hände der sich nur langsam erholenden Sabine gelangen. Dann endlich kam ein Tag, wo der Arzt diese für so weit gekräftigt erklärte, daß sie das Hospital verlas,en konnte.
2m Beisein von Doris Hagenau tauchte die Frage auf, wohin sich die arme Sabine zunächst zu wenden gedächte.
„Zurück in meine frühere Wohnung", antwortete sie mit gepreßter Stimme.
„Das wäre nicht übel! Aebrigens hast du ja gar keine Mittel dazu!" wandte Frau Doris ein.
„2ch muß tun, was ich kann", lautete die zögernde Antwort. „Jene Zimmervermieterin ist eine gute Frau, die mich gewiß wieder bei sich aufnimmt. Bon dort aus muß ich mich dann gleich um eine Beschäftigung bemühen."
„2ch möchte wissen, was du in deiner Verfassung arbeiten willst. Du bedarfst noch der sorgfältigsten Pflege, mußt wochenlang deinen Portwein, dein zartes Geflügel, überhaupt alles mögliche haben, bevor du wieder bei Kräften bist. Und du sprichst von Arbeiten-wollen?"
Sabine machte einen Versuch zu lächeln.
„2ch hoffe auch ohne diese Pflege wieder kräftig zu werden. Und übrigens ich muh auf alle Fälle zurück in meine Wohnung: ich habe ja alle meine Sachen dort!"
„Die wirst du mir überlassen! 2ch werde mich sogleich danach umsehen — jetzt, sogleich —", sagte Frau Doris in bestimmtem Ton. „Ich fahre sofort in die P.-Straße und wickle alles für dich ab; dann komme ich hierher zurück, um dich zu holen. Du gehst mit mir nach Hause, Sabine!"
„O Doris!"
„Kein Wort weiter, ich bitte dich! Bei mir ist alles vorbereitet, und hier bist du bereits abgemeldet. Gott befohlen solange!"
Und hinaus eilte die kleine Frau und nickte zum Abschied mit ihrem zierlichen Köpfchen.
In kurzer Zeit hatte sie alle Habseligkeiten der verwaisten Freundin zusammengepackt und in ihre eigene Wohnung befördert. Rachdem sie der Zimmervermieterin in Sabines Ramen bezahlt hatte, kehrte sie sofort in das Krankenhaus zurück und holte sich die Rekonvaleszentin, die in ihrer Schwäche einem Kinde gleich war. in ihr schönes, geliebtes Heim. Dort war Sabine die erste Bewohnerin des reizenden Fremdenzimmers, das die energische junge Hausfrau ihrem lieben Gaste völlig zur Verfügung stellte.
Es ließ sich nicht verhehlen, daß dies Werk der Barmherzigkeit, das die gute Samariterin in einem Augenblick beschlossen und im nächsten
Oie wirtschaftlichen Forderungen des hessischen Gastwirteverbandes.
WSR. Darmstadt, 4. Febr. 3m dichtbesetzten Saale des Rummelbräu hielt gestern der Rhein-Mainische Ga st Wirteverband (Hessischer Landesverband) eine Versammlung ab, in der zu den Fragen der bevorstehenden Finanz- und Steuerreform, insbesondere zur geplanten Biersteuerer- Höhung, Stellung genommen wurde. RachDe- grühungswrrten des Landesverbandsversitzenden hielt Gewerberat Peters (München) ein ausführliches Referat, in dem er sich gegen die Steuerlast des gewerblichen Mittelstandes wandte, insbesondere gegen die Sonderbelastungen des Gastwirtsgewerbes, dem neue schwere Belastung drohten. Sehr scharf kritisierte der Redner die hessische Lustbarkeitssteuer. Den Ausführungen des Redners entsprechen im wesentlichen die Forderungen, die in der nachstehenden Entschließung ausgestellt wurden:
„Die im Rummelbräu zu Darmstadt zahlreich versammelten Gastwirte aus allen Teilen des Volksstaates Hessen fordern aus tiefster Rot heraus von Reichstag und Regierung endlich die lange angekündigte, immer wieder hinausgeschobene Finanz- und Steuerreform unter besonderer Berücksichtigung folgender Ge° sichspunkte: llmfaf enöe Verwaltungsreform nach wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Gesichtspunkten; Aufhebung aller die Wirtschaft hemmenden Gesetze; Senkung der Ausgaben in Reich, Ländern und Gemeinden auf das unumgänglich notwendige Maß; klare Abgrenzung der Aufgaben des Reichs, der Länder und Gemeinden, sowie der Einnahmequellen zur Erfüllung dieser Aufgaben; Beschränkung der wirtschaftlichen Betätigung der öffent
lichen Hand auf lebensnotwendige Dersor- gungsbetriebe bei gleichzeitiger Beseitigung ihrer steuerlichen Bevorzugung; Beschränkung der steuerlichen Bevorzugung der sogenannten gemeinnützigen Betriebe und Anstalten durch stärkere Begreiizung des Begriffs Gemeinnützigkeit; Aufhebung der sog. Lex Brüning und Erteilung eines begrenzten Zuschlagsrechts zur Einkommensteuer an die Gemeinden unter Ablehnung weiterer Aenderungen der Einkommen- und Desihsteuem; Beseitigung der Rentenbankzinsen; Beseitigung der Gewe rbesteuer; Aufhebung der Aufbringungslast bis zum 31. März 1933 durch etappenmähige Heraufsetzung der Defreiungs- grenze derart, daß, mit dem 1. April 1930 beginnend die Aufbringungslast jährlich um etwa 110 Millionen Mark vermindert wird; sofortige Befreiung des Beherbergungsgewerbes von der Hauszins st euer und baldmögliche Beseitigung derselben; Verbrauchssteuern sind grundsätzlich nur vom Reich zu erheben, die zur Zeit bestehenden weder zu beseitigen, noch zu erhöhen. Mit Entschiedenheit erhebt das deutsche Gastwirtsaewerbe Protest gegen jede weitere Erhöhung der Bier st euer, da bei der gesunkenen Kaufkraft unseres Volkes eine Abwälzung starken Konsumrückgang und Vernichtung zahlreicher gastwirtschastlicher Existenzen zur Folge haben muß, das Ziel der steuerlichen Ertragssteigerung somit nicht erreicht wird. Schließlich werden noch reichsgesehliche Beschränkung und Begrenzung der Sondersteuern (Lustbarkeitssteu- em usw.) und stärkere Berücksichtigung der allgemeinen Wirtschaftslage bei der Ausgestaltung der sozialen Fürsorge verlangt.
rung sein. Die Röte des deutschen Volkes in seinem Existenzkampf nach innen und außen sind so groß, daß beide Geschlechter und alle Genera'innen sich zu gemeinsamer Arbeit zusammenschlie hen müssen.
Werbeschwimmen
des T. V. von 1846 Gießen.
Das Werbeschwimmen des Turnvereins von 1846 am vergangenen Sonntag im städtischen Volksbad erfreute sich eines auß:rordent ich guten Besuches und darf in jeder' Hinsicht als 'wohl- gelungen bezeichnet werden. Die engen Verhältnisse des Schwimmbades gestatteten es nur zirka 300 Zuschauem, den spannenden Wettkämpfen und abwechslungsreichen Darbietungen beizuwohnen; viele mußten wegen Aeberfüllung wieder umkehren. Ein Beweis für die wachsende 'Beliebtheit, der sich das Schwimmen in unserer Stadt erfreut.
Allein 93 Teilnehmer im Verein mit den befreundeten Schwimmabteilungen des Tv. Wetzlar. der Turngemcinde Friedberg und des Tv. Butzbach bedingten eine möglichst schnelle Abwicklung des Programms. Man konnte feststellen, daß der Tv. von 1846 Gießen in fast allen Lagen des Schwimmens die besten Kräfte zu
auch schon ausgeführt hatte, unserer Frau Doris hinterher doch einige Besorgnis verursachte.
Das war, als ihr, freilich ein wenig verspätet, einfiel, daß ihr Herr und Gebieter erst nach der Heimkehr von seinen Berufsgeschäften von Sabines Anwesenheit erfahren sollte. Der Gedanke, was er beim Anblick der umfangreichen Koffer sagen würde, die das nicht gerade geräumige Vorzimmer seiner Wohnung ganz beängstigend anfüllten, verursachte der kleinen entschlossenen Frau doch ein wenig Herzklopfen.
„Holla! Was hat das zu bedeuten?!" rief der Rechtsanwalt denn auch gleich bei feinem Eintritt im höchsten Erstaunen. „Haben wir Besuch erhalten?"
Doris, die ihn schon mit innerer Erregung auf der Schwelle des Speisezimmers erwartet hatte, eilte ihm schnell entgegen und gab ihm mit fliegendem Atem die nötige Erklärung.
„So, so!" meinte Hagenau ein wenig trocken.
„Run ja, was nützt einem ein behaglich eingerichtetes Fremdenzimmer, wenn man seinen Freunden — denen es not tut — nicht einmal etwas Gutes dadurch erweisen kann? llnö die arme Sabine hat ja jetzt keine anderen Freunde in der weiten Welt als und, Konrad. Sie ist so bleich unö schwach, und — und — du bist doch nicht böse mit mir, Konrad?"
„Böse? O du liebes, kleines Weib! Sei gesegnet vom Scheitel deines teuren Hauptes bis zu den Spitzen deiner zierlichen Füße! Rein, ich bin nicht unzufrieden mit dir, Geliebte! Ich wünschte nur, es gäbe viele Frauen deiner Art in der Welt!" — llnö damit umschlang Rechtsanwalt Hagenau fein junges Weib und preßte es innig an feine Brust.
„So darf Sabine also bei uns bleiben?" „Solange wie es dir gefällt, mein Lieb!" „O Konrad, Konrad, wie unbeschreiblich gut bist du! Ich erfahre es ja immer und immer wieder; du bist der beste Mensch auf der weiten Welt!" ilnb so war es gekommen, daß Sabine ein Gast des jungen Ehepaares geworden und vorderhand auch geblieben war. Don ihrem Fortgehen war keine Rede mehr, und man erschien es als selbstverständlich zu betrachten, daß das Heim der Freunde auch das ihre bleiben sollte, bis — Kurt von Wildhofen von seiner langen Reise zurückkehrte. Um sie zu holen?
Vielleicht!
Heute war der zehnte Juni, und man wußte im Hause Hagenau, da«; Vetter Kurt bereits vor Tagen in die engeren Grenzen seines Vaterlands zurückgekehrt war und heute in der Residenz cintrcffen würde. Ein Telegramm hatte die Freunde von der Stunde seiner Ankunft in Kenntnis gesetzt, und infolgedessen war ein zweites Fremdenzimmer hergerichtet worden.
„Wenn du deine Freundin zur Seite hast, sehe ich nicht ein, warum ich nicht auch meinen Freund im Hause haben soll!" hatte der Rechtsanwalt mit lustigem Augenzwinkern zu feiner sehr beschäftigten und äußerst befriedigt dreinschauenden jungen Frau gefagt.
„Warum nicht!" lautete die Antwort. „Ist es doch schon sehr, sehr lange her, daß du mir einen ernsten Vortrag darüber gehalten hast, wie sehr es meine Pflicht wäre, den armen, verblendeten Kurt aus den Händen einer Intrigantin, einer Abenteuerin gefährlichster Art, zu befreien. Wegen der Mutier hattest du recht, wegen der Tochter aber ich. Ist es nicht so?"
verzeichnen hatte. Er gewann alle Staffeln gegen die kombinierten Mannschaften von Friedberg und Wetzlar. Lediglich wenn drei Mannschaften starteten und Gießen die mittlere Bahn inne* hatte, mußten Riederlagen eingesteckt werden, da Gießen infolge des Bogens im Bassin bei jeder Bahn einen Meter mehr zu schwimmen hatte. Aber auch die kleinsten Schwimmer hatten sich bald die Gunst der Zuschauer erworben. Mit welcher Vorsicht wurden die brennenden Kerzen von den Schülerinnen durch das Wasser getragen und was für einen großen Beifall löste das Massenspringen der Schüler aus! Der Reigen sämtlicher Turnerinnen wurde formvollendet vorgeführt und fand großen Anklang. Eine nicht auf dem Programm stehende humoristische Einlage löste sich nach anfänglichem Unwillen der Zuschauer unter großer Heiterkeit zur allgemeinen Zufriedenheit auf. Im Tauchen und Kunstspringen wurden von den Turnerinnen und Turnern gute und beachtenswerte Leistungen gezeigt. Von guter Schulung zeugte das Figurcnlegen der Turnerinnen des Tv. von 1846 Gießen, das einen besonderen Reiz durch Schein- werferbelcuchtung erhielt. Das zuletzt ausgetragene Wasserballspiel konnte der Gaumeister, Tv. von 1846 Gießen, trotz Zusammenstellung der besten
„Laß mich in Ruhe, kleine Frau!"
„Ich will nur wissen, ob du dich zu meiner Ansicht bekehrt hast?"
„Ja. natürlich! Ich habe doch nicht umsonst an der Seite meiner kleinen Weisheit gelebt!"
Obgleich sich Hagenau mit den Anordnungen seiner Gattin einverstanden erklärte, befiel ihn doch nachträglich ein ernster Zweifel darüber, ob ihr beiderseitiges Verhalten auch richtig und klug zu nennen sei.
„Meinst du nicht auch, daß wir dem Heimkehrenden mit der Aufforderung, bei uns zu wohnen, doch die Pistole auf die Brust sehen werden?" meinte er nach Empfang von Kurts Telegramm ganz besorgt. „Angenommen, mein Freund hat seine Meinung über die Sache geändert — erwähnt hat er Sabine ja nie in seinen Briefen, und Zeit und Trennung haben ihn das Unvorteilhafte seines Verhaltens recht erkennen lassen, ebenso die Anklugheit, direkt gegen den Willen seiner Eltern zu handeln? Was bann?"
„Waren Sie jemals leidenschaftlich verliebt, Herr Rechtsanwalt, wenn ich fragen darf?"
„Anglücklicherweise ja!" lautete die von einer Liebkosung begleitete Antwort.
„Haben Sie damals das Anvorteilhafte Ihrer Heirat erwogen oder nach eines anderen Menschen Meinung gefragt, mein Herr?"
„Oho, das war etwas ganz anderes!"
„Richt im geringsten! Alle verliebten Männer sind einander auf ein Haar ähnlich."
„Du scheinst ja eine große Erfahrung darin zu besitzen!"
„And du nicht die geringste! Aeberlasse deshalb nur alles mir, du Zweifelsüchtiger, und — räume uns jetzt endlich das Feld! Du bist un8 ganz schrecklich im Wege — hast mir auch schon mindestens viermal „Auf Wiedersehen!" gesagt, du urkomischer, lieber, einziger Mensch! Roch eins. Konrad: vergiß ja nicht, heute zeitiger nach Hause zu kommen! Kurt wird um fünf Ahr hier fein, denke ich; wenn du konnst, muht du ihn empfangen."
Hagenau nickte zustimmend und trennte sich endlich von seinem emsig schaffenden Frauchen.
*
Run stand der sehnlichst erwartete Wagen vor der Tür, und gleich darauf betrat Kurt die Schwelle des Hauses.
Sabine erhob sich von ihrem Sih und machte einige Schritte zur Tür; dann blieb sie zögernd stehen.
„Ich bitte dich, Doris, gehe hinaus und empfange du ihn allein!" flehte Sabine, die Hände bittend ineinander legend. „Ich gehe hinauf in mein Zimmer."
„Rein, bleibe, wo du bist! Ich höre Konrads Stimme, der mit unserem Gast gekommen ist. Ich gehe ihm jetzt entgegen und werde ihn schnell ein wenig vorbereiten."
„Oh, Doris, Doris, bedenke, wenn er mich vergessen hat. wenn er ganz anderen Sinnes geworden ist. wenn —“
..... wenn der Mond einmal am Tage scheint ..entgegnete die kleine Frau lachend und schlüpfte dann schnell aus dem Zimmer.
Kurt von Wildhofen kam soeben die Treppe heraus, gefolgt von ihrem Gatten.
Kaum hatte er die junge Frau Rechtsanwalt in wärmster Weise begrüßt, als er schon fragte: „Wo ist Sabine? Ich habe Konrad schon gesagt,
Kräfte von Friedberg und Wetzlar, tn überzeugender Weise mit 8:1 gewinnen.
Bornoti,;cn.
— Tageskalender für Donnerstag: Akademische Kurse für Kaufleute und Gewerbetreibende: Vortragender: Univerfitätsprofessor Dr. Rosenberg: Thema: Die für den Kaufmann und Gewerbetreibenden wichtigen Teile des Bürgerlichen Gesetzbuches, 20.15 Uhr, Großer Hörsaal der Universität. — Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde Gießen und Deutsch-Oesterreichischer Alpen-Verein: Lichibilderoortrag Dr. Karl Wien (München): „Die Deutsch-Russische Pamirerpedition", 20.15 Uhr, in der Reuen Universitätsaula. — D.H. V.: Vortragsabend „Rheinischer Humor", 20.30 Uhr, im Eafs Leib. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Bruder Bernhard" (Der Eremit) und „Sein Herzensjunge". — Astoria-Lichtspiele: „Gefangene des Meeres" und „Das Haus ohne Männer".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: In der morgigen Premiere von Frank Wedekinds „Musik", das er selbst ein Sitten* gemälde in 4 Bildern nennt, hat Peter Fassot die Spielleitung. Es wirken mit die Damen Doering, Fuhrmann, Heß, Jüngling, Koch und die Herren Arzdorf, Hais, Bolck, Zingel. Bühnenbilder Karl Löffler, Beleuchtung Keim. Beginn der Vorstellung 20 Uhr. — Am Sonntag, 9. Februar, findet die Erstaufführung der bekannten Schlageroperette „Drei alte Schachteln" statt. Walter von Kolo hat sich mit dieser Operette Wellruhm verschafft.
— Der Goe t he - Du n d will, wie man uns schreibt, mit seinem nächsten Vortragsabend am kommenden Sonntagabend seinen Freunden und Vortragsbesuchern einen besonderen Kunstgenuß bereiten. Das Harlan-Lucas-Duis-Trio, fcem ein guter Rus vorausgeht, bringt nach einführendem Vortrag „Alte Haus- und Kammermusik auf historischen Instrumenten", Werke des 15. bis 18. Jahrhunderts auf den originalem Instrumenten, wie Clavichord, doppelchörige Laute, Blockflöten, Violen, Pochette und Viola d' amore u. a. mehr zum Vortrag. (Siehe heutige Anzeige.)
** Reue Freimarkendrucke. Künftig werden die Freimarke zu 10 Pf. in rotvioletter und die Freimarke zu 20 Ps. in fiibergrauer Farbe her- gestellt werden.
*• Eigentümer gesucht. Der Polizeibericht meldet: Bei einer in der Goethestraße verübten Sachbeschädigung ließen die Täter eine zur Tat benutzte, etwa drei Meter lange, runde eiserne Torsperrstange zurück. Der Eigentümer wird ersucht, die Stange nach Anerkennung bei der Kriminalpolizei in Empfang zu nehmen.
" Allerlei Diebstähle. Der heutige Polizeibericht meldet: In der Rächt vom 22. zum 23. Januar wurde aus dem Hofe des Grundstückes Mühlstrahe 26 ein Stallhase (Häsin) von tiefschwarzer Farbe mit weißer rechter Vorderpfote entwendet. — In Hanau wurde ein Fahrrad- und Manteldieb festgenommen, der bei seiner Vernehmung angab. Ende Rovember 1929 in Gießen einen gestohlenen Mantel an einen Passanten auf der Straße für 20 Mk. verkauft zu haben. Diejenige Person, die den Mantel in gutem Glauben gekauft hat, wird im eigenen Interesse ersucht, der Kriminalabteilung, Zimmer 24, Rachricht zukommen zu lassen. — Kurz vor Weihnachten wurden abends bei cingctrc»
daß ich sofort zu ihr muh; ich habe den Wagen gleich unten warten lassem Deinen Brief, liebe Doris, mit all den traurigen Rachrichten über mein Lieb, erhielt ich leider erst vor acht Tagen. Haltet mich jetzt nicht länger zurück — ihr lieben, guten Menschen! Also — wo ist sie?"
„Hier!" unterbrach ihn Doris mit glückseligem Lachen, unö einen triumphierenden Seitenblick auf ihren Gatten werfend, rief sie:
„O bu scharfsichtiger, alter Kurt! Wie traurig wäre es um euch bestellt, gäbe es nicht Frauen in der Welt! — So. jetzt komm mit mir, und du, Konrad, schickst wohl den Wagen fort. Komm nur, lieber Kurt, ich habe in meinem Salon eine kleine Aeberraschung für dich!"
Doris öffnete fcie Tür des'Salons und lieh Kurt eintreten, ihn mit scherzhafter Gewalt ein wenig vorwärtsschiebend; dann schloß sie schnell die Tür und zog sich zurück.
Regungslos stand Sabine in der Mille des Zimmers. Bleich und wortlos sah sie ihm entgegen.
Kurt sah auf den ersten Blick, daß sie heftig zitterte. In seinen Augen hatte die schmächtige, schwarzgekleidete Gestalt nie so rührend, so verführerisch ausgesehen als in diesem Augenblick. Ihr goldenes Haar leuchtete ihm wie Sonnenschein entgegen und ihre blauen Augen blickten ihm durch einen Tränenschleier tief ins Herz. Es waren Freudentränen des Wiedersehens. Was las er noch außerdem in diesen geliebten Augen? Schmerz, Reue, Schüchternheit, Demütigung und eine unbeschreiblich rührende Ditte um Verzeihung. Es war, als erwarte das zarte Wesen aus seinem Munde ein Urteil, von dem ihr ferneres Leben, ihr Sein oder Richtsein abhängen sollte.
Sie brauchte nicht lange zu warten.
Mit schnellen Schritten hatte er den Salon durcheilt — und hielt die zitternde Gestalt in seinen Armen, sie mit leidenschaftlichem Entzücken an fein hochschlagendes Herz pressend.
„O Kurt, sind sie denn ganz, ganz sicher, daß Sie mich lieben — trotz alledem?' f.'üfterte sie mit halb erst eher Stimme, als er sie nach langer Pause freigab.
„Ganz, ganz sicher, Geliebte!"
„Aber meine unglücklichen Eltern! Auch ihr Tod kann den befleckten Ramen nicht auslöschen — ich weiß es! Wie könnten Ihre Eltern, Ihre Freunde und Antergebenen Achtung und Vertrauen finden für ein von der Welt geüchtctes Wesen, wie ich es bin?"
„Was gilt mir die Welt uni) ihre Meinung'. Was sind mir andere Leute! Dich will ich haben, nicht sie!"
„Aber deine Eltern — deine Eltern?" beharrte sie in ihrem ängstlichen Forschen.
„Die Eltern find glücklich in der Kinder Glück!" sagte er ernst. „Glaube mir, auch die meinigen werden keine Ausnahme machen."
„Aber an mir war alles falsch, unedel und niedrig, Kurt! Ich bin nicht wert, deine Gefährtin im Leben zu sein."
„Törichtes Kind! Du bist für mich die Eine auf der ganzen Welt, die ich allein begehre. Ich will keine Einwendungen mehr hören. Sage mir nichts mehr als das eine: daß du mich liebst!"
And nur dies eine sagte sie ihm, und dann schwieg sie jubelnden Herzens; denn das Glück 1 schloß ihr die Lippen.


