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Nr. 51 Zweites Blatt

Donnerstag, 6. Abruar MO

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Vmgenneister-Protest aus dem Kreise Aisseld.

Und Muffolmi?

Von unserem römischen ^.-Korrespondenten. Rom, Februar 1930.

Der Sturz des spanischen Diktators hat die Propheten aus die Zinne ihrer Partei ge­rufen und sie verkünden als bevorstehendes Er­eignis das, was ihnen und ihrer Partei am Her­zen liegt: auch Mussolini müsse weg. Wenn das spanische Mäntelchen fällt, folge der schwarze Herzog nach. Oder in algebraischer Form: wenn zwei Größen einer dritten Größe gleich sind, dann sind sie unter sich gleich. War Primo nicht der spanische Mussolini? Sein Werk ist mißglückt, folg­lich

Wenn in unserer vergnüglichen Zeit überhaupt noch eine Rechnung gilt, dann ist die obige falsch, die Gleichung kann nicht aufgehen, denn die Voraus­setzung ist irrig. Primo war kein Musso­lini, die spanische Diktatur keine italienische und nichts kann ungleicher sein als die Faktoren, mit denen beide Machthaber zu rechnen haben. Es heißt die historische Entwicklung der Stellung Mussolinis übersehen, wenn man jetzt Primo als seinen Schritt­macher betrachtet, der doch nur sein Nachahmer war. Der Spanier hal seine Macht aufgerichtet, nachdem sich die faszistische bereits zwei Jahre be­währt hatte, er importierte das Liktorenbündel, wie man sich einen interessanten Baum aus einer Baumschule kommen läßt, er nahm in Bausch und Bogen hin, was in Italien sechs Jahre zu seiner Entwicklung gebraucht hatte. Was Wunder, wenn es schlecht einwurzelte?

Primo war ein Diktator fast ohne Anhang, ein Feldherr ohne Soldaten, es stand nichts hinter ihm als eine Menge von Zuschauern, die ohne besondere Begeisterung sich fragten, ob das Experiment, das ihnen da voig.macht werde, wohl glücken könne. Hinter Mussolini dagegen steht nicht nur eine ge­waltige, eine Millionenarmee todbereiter Mann­schaften, sondern auch das, was Spanien nie be­sessen hat: ein Faszismus, das heißt eine Idee.

Es ist müßig, die beiden Männer auf ihre Cha­raktereigenschaften zu untersuchen, nachdem Pnmo selber zugegeben hat, einen unverzeihlichen Fehler be­gangen zu haben, als er die Offiziere, also Unter­gebene befragte. Ein Fehler, der eine Schwäche ver­rät, wie sie Mussolini nicht kennt. Weit öfter als sein Kollege in tyrannis ist der Duce in heikler, ja in viel gefährlicherer, in lebensgefährlicher Lage ge­wesen, der Lasso hing ihm einige Male um den Hals, ober immer wieder verstand er es, den Kopf noch rechtzeitig aus der Schlinge zu ziehen und da­mit seine Gegner zu fangen. Schwäche zu zeigen, das ist das bedenklichste, was ein Führer tun kann, denn er muß immer damit rechnen, daß die grim­migsten Feinde im eigenen Lager stehen. Als Mussolini noch der Erschütterung des Landes durch die Ermordung Matteottis nur einen Augenblick schwankte, ob er die Opposition versöhnen oder ver­nichten solle, da bekam er deutlich zu hören, daß die Revolution wohl einen Mussolini wert sei", mit anderen Worten, daß sie im Falle seines Versagens über seinen Kopf hinweg weitergetrieben werde. Und er erkannte die Zeichen der Zeit, er gab die Parole aus, daß man ihn töten solle, sowie er zu- rückweiche.

Wir können aber von der Tatsache, daß Musso­lini aus anderem Holz geschnitzt ist als der galante de Rivera, der Salondiktator, ganz absehen, denn auch die Verhältnisse in Spanien lassen sich in keiner Weise mit denjenigen in Italien ver­gleichen. Der General erlog einem Pronunziamento, dos ist nicht mehr als ortsüblich: gegen den Duce müßte sich, um ihn zu Fall zu bringen, eine gonze Nation erheben. Und selbst dann käme es noch auf eine m'litärische Machtprobe on, denn alle wafsenfähigen Männer sind in der Hand Musso­linis. Nehmen mir den schwersten, von ausländischen Gegnern so gern an die Wand gemalten Fall an, daß sich das königliche Heer gegen ihn wende dann kann er ihm immer noch viermal so viel Truppen entgegenperfen. Nach der neuesten Auf-

w> Alsfeld, 5. Febr. In einer heute unter dem Vorsitz von Bürgermeister K o r e 11 (Angen­rod) abgehaltenen Versammlung der Bürger- meistervereinigung des Kreises Als­feld, die im HotelDeutsches Haus" stattfand, an welcher auch die Vertreter des Kreisamts Alsfeld teilnahmen, befaßte man sich zunächst eingehend mit der Frage der Aufteilung des Kreises Alsfeld.

Das Referat hierüber erstattete Bürgermeister Dr. D ö l s i n g (Alsfeld), der einleitend darauf hinwies, daß die Auffassung eines Kreisamts und die damit verbundene Aufteilung des Kreises eine weit größere Bedeutung habe, als die Aufhebung irgendeiner anderen staatlichen Behörde. Auch die kleineren Städte mußten in den letzten Jahren für Reichs­und andere Stellen zwangsläufig recht erhebliche Aufwendungen machen, die fast ihre Finanzkraft überstiegen. Um so harter würde es sie treffen, wenn man ihnen heute ihre lebenswichtig st e Behörde wegnehmen würde. Auch die Landbe­völkerung hätte davon große Nachteile und erhöhte Aufwendungen. Gerade der Kreis Alsfeld fei in­folge seiner Lage abseits von großem Äerkehr und dadurch an sich schon gegenüber anderen Kreisen wirtschaftlich benachteiligt, die Steuerlasten seien aber die gleictjen. Schon aus diesem Grunde sollte man der Bevölkerung eines solchen Kreises nicht zu- muten, noch weitere Opfer zu bringen.

Alle Redner aus den verichiedenen Teilen des Kreises erklärten einmütig ihren festen Mil­len, bei dem Kreis Alsfeld zu blei­ben. Etwaige Svarmaßnahmen dürsten keines­falls auf Kosten der Bevölkerung gehen.

Aach reger Aussprache nahm die Bürgermei­sterversammlung eine

Entschließung

an, welche besagt:Sie heute versammelten Bür­germeister bzw. deren Vertreter der 8 4 Ge­meinden des Kreises Alsfeld erheben namens ihrer Gemeinden mit allem Aach- druck Protest gegen eine Auf teilung des Kreises Alsfeld. Eine solche Maß­nahme würde für die gesamte Kreisbevölkerur- zu untragbaren Mehrbelastungen führen und eine nicht zu verantwortende Ver­teuerung und Erschwerung des dienstlichen Ver­

stellung vom 1. Februar verteilen sich die faszisti- schen Streitkräfte wie folgt:

Kampfkaszio 1 049 923 Mann

Studenten und Professoren 27 963

Vortrupp 365 044

Zu diesen geschulten Truppen, die sämtlich militä­risch ausgerüstet sind, kommen nun noch als Hilfs­truppen die weiblichen Faszi mit rum) hundert­tausend Mitgliedern und als unerschöpfliche Reserve die Millionen der in den sadistischen Syndikaten und Verbänden der Arbeitnehmer und Arbeitgeber, der Beamten und Sportvereine straff gegliederten Männer, so daß m t einer schlagfertigen Heeres- macht von über 7 Millionen Köpfen gerechnet wer­den kann. Frauen und Kinder machen wieder über 2 Millionen aus, die genaue Zahl der organisierten Regierungskräfte beträgt 9 857 026 Menschen. Dabei dürfen die Kinderorganisationen durchaus nicht wegwerfend behandelt werden, denn sie sind die immer sich erneuernde Kraftzelle des Faszismus. Jahr für Jahr treten Hunderttausende von Schü­lern zu den Balillas, Hunderttausende von Balillas zum Vortrupp, Hunderttausende von Jungmann- schaflen zum Kampsfaszio über, der daher ftromartig anschwillt, ohne daß sich unsichere Kantonisten ein­schleichen könnten. Denn eines kann man in Italien nicht werden: Faszist. Die Reihen sind geschlossen. Wer unbedingt mitmachen will, dem bleibt nichts anderes übrlg, als noch einmal auf die Welt zu kommen und gleich als Neugeborener in ein schwar­zes Hemd zu schlüpfen. Diese grandiose Organisa-

kehrs aller Gemeinden mit ihrer Krcisbehörde nach sich ziehen. Wir hoffen zuversichtlich, daß der Hessische Landtag und die Hessische Staats­regierung keine Maßnahmen treffen werden, die eine vom großen Verkehr abgelegene und dadurch an sich schon benachteiligte Gegend noch weiter schädigen müssen."

Diese Entschließung soll dem Minister des In­nern unterbreitet werden.

Als weiterer Punkt der Tagesordnung wurde die neue Anweisung des Finanzministeriums über die Ausstellung von Bürgschei­nen zur Sicherstellung gesteigerter Domanialgefälle behanoelt. Hierbei wurde allseitig scharfe Kritik geübt an dem neuen Bürgscheinformular, wodurch die Haftung der Bürgermeister für zahlungsunfähige Bürgen oder Käufer noch wesentlich weiter als seither au3- gcdchnt wird. Die Versammlung faßte hierzu folgende Entschließung:Die Bürger­meister des KreiseZ Alsfeld erklären den Inhalt des neuen Bürgscheinformulars für entschieden zu weitgehend und erheben dagegen nachdrück­lichst Beschwerde Sie lehnen im Hinblick auf die durch die neue Anweisung bedingte erhöhte Haft­barkeit der Bürgermeister aus der Bescheini­gung über die Zahlungsfähigkeit der Steigerer und Bürgen künftig alle Bürgschein­erteilungen ab, die nicht ganz einwandfrei sicher sind. Es muß den Ort i bürgern alsdann überlassen bleiben, sich gegen diesen, durch die Anweisung des Finanzministeriums geschaffenen Zustand zu beschweren." Diese Entschließung soll auch dem Hess. Landgemeindetag zur weiteren Verfolgung mitgeteilt werden.

Weiter wurde beschlossen, den Hess. Land­gemeindetag zu ersuchen, gegen die von der Regierung auf Kosten der Gemein­de n beabsichtigten Sparmaßnahmen Ein­spruch zu erheben, da dies in Wirklichkeit nur eine Verschiebung der Lasten, aber keine Ersparnis sei.

Zum Schlüsse wurden noch verschiedene innere Angelegenheiten der Bürgcrmeistervereinigung behandelt.

tion, ohnegleichen in der Geschichte, ist das Werk und die Burg Mussolinis. Was hat der spanische Marchese zur Seite zu stellen? Nicht einmal Ansätze.

Ein Vergleich der geistigen Kräfte ergibt dasselbe Bild. Auf ter Pyrennäenhalbinsel ein an sich be­grüßenswertes Gewoge von mehr oder minder klaren Ideen und Richtungen aller Art, auf der Apenninenhalbinsel nur eine einzige Strömung. In Spanien Kasten, Schichten, Bünde, ganze Pro­vinzen, die sich bekriegen, selbst in der Sprache, in Italien eine einzige politische Lebensform. Ein Parlament, eine Partei, eine Presse. Ein Staat, der alles und alle in seinen Dienst gestellt hat, der keine anderen Götter neben sich duldet. Ein ein­ziger Mann, der wirklich regiert, ohne Kompromisse und ohne Konzessionen. Man mag mit Fug und Recht verschiedener Meinung darüber sein, ob ein solches Staatswesen ein Ideal darstellt oder auch nur den Vorzug gegenüber demokratischeren Ge­bilden verdient, das steht hier nicht zur Beurtei­lung. Die Frage lautete nur, ob auch die Macht Mussolinis schwankt. Und wer ehrlich antworten will, der kann nur sagen: Nein.

Der Duce deutet weder wie es Primo de Rivera nur allzu häufig getan hat, an, daß er dem­nächst zurücktreten werde, noch ist es fein geheimer Wunsch. Im vorigen Sommer wußten auf einmal eine Menge von Leuten und sogar faszistische Zei­tungen zu melden und zu munkeln, er werde die Partei auflösen. Und was erwiderte er? Wenn die Partei nicht wäre, dann würde er sie erfinden und

genau so zusammensetzen, wie sie jetzt ist. Alles an­dere Gerede seiabsurd und grotesk wie die Sache im Haag".

Und Anzeichen, daß der Duce gezwungen wer­den könne, anders als freiwillig von der Bühne abzutreten, müßten mit der Diogeneslaterne gesucht werden. Italien zeigt heute eine Ruhe und Oe- chlossenheit, wie kein anderes Land seiner Große. Das schließt natürlich unterirdische Gegen- trömungen nicht aus. Mussolini läßt sie jedoch, und hier schließt sich der Kreis, im Gegensatz zu seinem weniger starken Imitator nicht hochkommen.

Oer Wormser Oberbürgermeister bleibt im Amt.

WSN. Worms, 5. F-ebr. Oberbürgermeister Rahn hat den Antrag auf Pe n {i o n i e r u n g wieder zurückgezogen.

llm die (Gültigkeit

der Wormser Gtadtratöwahl.

WSA. D a r m st a d t. 5. Febr. Der P r o v f n- zialausschuh der Provinz Rhein- hessen beschäftigte sich mit dem Einspruch der Kommunistischen Partei Worms g.'gen die dortige Stadtratswahl. Es waren wegen einiger tatsächlicher und mehrerer ang:blichcr Verstöße gegen das Wahlgesetz Beschwerden beim Kreisausschuh Worms von den Deutsch­nationalen und den Kommunisten erhoben wor­den. Ter Kreisausschuß hatte die Wahl für gültig erklärt und wegen zweier strittiger Stimmzettel diese den Deutschnationalen zuge- wiesen. Dagegen legten die Kommunisten Berufung beim Provinzialausschuh ein, die als unbegründet zurückgewiesen wurde.

Oer neue Wetzlarer Etat.

H Wetzlar, 5.Febr. Der neue Etat der Stadt Wetzlar yat in seinem Entwurf eine gewisse lleberraschung in der Bürgerschaft hervorgerufen. Seine Endsummen sind von 4 7Z7OOO Mark im Vorjahre auf 5 800 000 Mark in diesem Jahre gestiegen. Der ungedeckte Fehlbetrag beträgt 793000 Mark, für den, falls es nicht gelingt, erhebliche Abstriche vorzunehmen, neue Steuerquellen erschlossen wer­den müssen. Wie wir aus unterrichteten Kreisen hören, ist die Erhöhung der Endsummen dadurch hervorgerufen, daß in erster Linie die Etats der Eigenwirtschaften erstmalig in diesem Etat erscheinen, da diese Betriebe als GmbH, ab 1. April aufhören sollen, und weiter der Etat des neuen Schlachthofes, der allein in Einnahme und Ausgabe mit einer Summe von 170 000 Mark abschlieht, jetzt auftritt. Sn der letzten Stadtverordnetensihung war gerade wegen dieses Etats eine größere Aussprache, da die neuen S ch l a ch t g e b ü h ren auf den Wider­spruch der Metzger gestoßen sind. Mit der In­betriebnahme des Schlachthofes werden die Schlachtgebühren gegenüber den bisherigen Sähen des Innungsschlachthofes eine wesentliche Er­höhung auf 15 Pfennig für das Kilo Fleisch er­fahren, wozu noch die Aebengebühren für Be­schau usw. treten. Da der Schlachthof sich in Einnahme und Ausgabe selbst tragen muh, war nach Ansicht der Stadtverwaltung eine Ermäßi­gung der Gebühren unter diese Sähe zur Zeit nicht tragbar. Der Gesamtetat wird nunmehr in den verschiedenen Kommissionen einer genauen Durchsicht unterzogen, und es steht zu hoffen, daß hier noch erhebliche Abstriche gemacht wer­den können, die das ungewöhnlich hohe Defizit erheblich herabmindern Werdern Bei der schlechten Wirtschaftslage ist dabei noch mit größeren Steuerausfällen auf der einen Seite und noch größeren Mehranforderungen derWohlfahrtsstelle für Erwerbslose auf der anderen Seite zu rechnen.

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Oer zärtliche Pinguin.

Von Martin Borrmann.

Im äußersten Rorden Europas, auf den furcht­baren Klippen der Fär°Oeer-2nseln, welche, von den Riedcrschlägen des sommerlichen Rebels und den grausamen Stürmen der Arktis zerrissen, hoch wie Gebirge aus den Fluten steigen, lebt das seltsame Volk der Riesen- oder Drillen­alken, eine große und humorvolle Schwimm­vogelart, Doppelgänger ihrer bekannteren Anti­poden, der berühmten südpolaren Pinguine. Die Pinguine kennt fast jeder von uns aus dem Film: und jeder, der sie gesehen hat, ist von ihnen entzückt: so rührend sind sie, so tolpat.chig und so menschlich. Ihre Parlamentsversamm­lungen gleichen dem Marktklatsch einer kleinen Stadt. Wenn sie von den Felsen herab, immer zwei und zwei, auf gewundenem Pfade zum Strande schreiten, wirken sie nicht anders als alte Priester, die schwatzend zu einer heiligen Waschung wandeln. Immer sind sie ernst, gütig" und würdevoll! Es gibt eine Ansicht, daß sich in ihnen die Weisen der Erde wieder verkörpert hätten.

Man muß sich die Riesenvögel, von denen diese kleine Geschichte handelt, vorstellen wie Pinguine. Sie haben ihre Statur, ihre Größe, ihre Lebensart, ihre seltsame Seele. Der alte Gouverneur der Fär-Oeer-Inseln, ein Däne, hat aus ihrem Geben eine Tragödie oder viel­mehr eine Komödie erlauscht, die an komischer Menschenähnlichkeit so bald ihresgleichen nicht hat. Ich gebe die Geschichte hier nur beiläufig wieder, so kurz, wie ich sie aus dem Mund meiner Gewährsperson, die jenen alten Dänen noch kannte, gehört habe. Sie wartet also noch ihres Andersen. Denn sie ist ein Märchen und ein Symbol zugleich, wert eines Märchendichters!

Wenn im Leben derPinguine" die Zeit kommt, wo unter ihren schwarzweihen Talaren die Herzen in Liebe zu schlagen beginnen, dann ist es bei diesem Stamm Aufgabe der Männchen, nicht der Weibchen, auf der geschützten Seite der Felsen, nah ihren verschlungenen Strandwegen, ein Rest zu bauen. Sie müssen diese Arbeit ver­richten, noch während sie Junggesellen find, mehr noch: dieser Restbau ist überhaupt die Grund­lage ihrer Verheiratung, ja, deren Vorbedin­gung. Rur zu dem, der ein brauchbares Rest gebaut hat, kommen die Weibchen. Wer das schönste fertiggebracht, hat Aussicht, zwei bis drei Frauen zu erhalten. Die Männer mit mittelmäßigen Restern hingegen bekommen höch­

stens ein einziges Weibchen. Wer aber schlecht I gebaut hat, kriegt gar keines!

Run lebte unter den Pinguinen, die der alte Gouverneur beobachten konnte, ein besonders schö­nes und kluges, menschenähnliches Männchen. Stolz trug es seine anderthalb Meter Größe, straff und fett war es wie ein Gänsebraten, an allen Körperfüllen wohlgerundet wie das Baby einer Riesin. Rach dem Begriffe der Pinguinen: ein prachtvoller junger Mann! Leider hatte er einen großen Fehler: er besah nicht die Fähig­keit, sich ein Rest zu bauen. Er versuchte es fort und fort. Zweige gab es hier nicht, aber Erdklumpen, ein wenig Gras und viel Geröll. Den andern Männern genügte das, um ein run­des, großes und schützendes Rest zustande zu bringen. Er aber konnte es nicht! Immer fiel ihm alles auseinander. Seinen Schnabel ver­mochte er nur unbeholfen zu bewegen. Ach, wenn es doch statt dessen auf gute Manieren, auf kluge Reden oder sicheres Auftreten an­gekommen wäre! Das konnte er. Beim Spazie­rengehen vermochte er es, ruhig zu gehen wie ein Assessor, während seine Kameraden sich so un­geschickt habet aufsührten, wie er mit dem Schnabel: sic watschelten ganz fürchterlich. Aber Schönheit galt hier ja nichts. Wohin er sah, herrschte nur krassester Materialismus. Er blieb ohne Weibchen, ilnö die anderen hielten Hochzeit!

Das alles sah der gute alte Gouverneur von den Fär-Oeer-Inseln. Menschen sind nicht in jedem Fall grausam und schlecht. Zuweilen sind sie auch hilfreich. Jene Inselbewohner, die mit Hilfe von Strickleitern sonst die höchsten Felsen erklommen und, während die aufgescheuchte Schar der erschrockenen Eltern mit ihren schwirrenden Flügeln den Himmec verfinsterte, die saftige Brut mit Knütteln totschlugen und in ihre Jagdtasche steckten -- jene Inselbewohner bewiesen sich plötz­lich als Freunde und liebevolle, göttlich ein­greifende Retter. Auf Befehl des Gouverneurs legten sie nämlich wiederum Strickleitern an die Felsen. Aber sie tarnen diesmal nicht, um zu töten. Statt der Knüttel und Flinten brachten sie Körbe mit, denen sie einen grauen, zähen In­halt entnahmen, Mörtel genannt, einen auf den Fär-Oeer-Inseln sehr kostbaren Stoff. Ungläu­big und einstweilen noch schüchtern sah die Pin- guinenherde ihrem Beginnen zu. Die Menschen näherten sich der geschützten Felsseite und den Restern der Pinguinenmännchen. In ihrer Reihe, dort, wo die kläglichen Baureste des ungeschickten schönen Pinguins lagen, begannen sie, sich zu be­schäftigen. Sie bauten es war ein Ereignis, das man kaum glauben konnte und das jedem.

der es sah, den Atem verschlug, dem ungeschick­ten Pinguin ein Rest! Ein Rest? Ach, es war der Traum, das Ideal eines Restes, es war eine Burg, ein Monsalvatsch, vom Pinguinenstand- punkt aus gesehen! Es war glatt und zementiert und kreisrund und mit einer schützenden Brust­wehr gegen die Orkane versehen: man konnte da­rin schlummern, ohne daß sich auch nur ein Flaum bewegte, während darüber der Nordwind raste. Eine weiche Einlage, von der man verwundert feststellte, daß sie dem Gefieder längst entschlafe­ner Brüder entstammte, war die Innenausstat­tung. Das Verblüffendste aber war die Gröhe des Restes. Richt zwei, nicht drei Weibchen gingen dort hinein, vielmehr zehn, ja, ein gan­zes Dutzend!

Und sie tarnen. Kaum daß die Menschen fort waren und der Pinguin sein Prachtnest bezogen hatte, begannen die Ehebrüche. Treulose gab es in jedem Rest, wo mehrere Weibchen waren, aber cs kam auch vor, daß die einzige Gattin ihren Gemahl verließ und sein schäbiges Rest mit der sündigen Gralsburg vertauschte. Der Gatte blieb einsam zurück und war schrecklich verlassen wie vorher der schöne ungeschickte Pinguin. Der schöne Pinguin aber hatte jetzt auf einen Schlag zwölf Frauen erhalten, die wie Mauerzierate nach allen Himmelsgegenden aus der zementierten Burg herausblickten und ihrer Freude an Haus und Mann lauten, gellenden Ausdruck geben.

Hierbei soll fein Gesicht, so hat der Gouverneur von Fär-Oecr versichert, zum erstenmal neben seinem maßlosen Stolz auch maßloses Entsetzen gezeigt haben.

Oer größte Rummelplatz.

Die Amerikaner, die ja bekanntlich von allem das Größte haben müssen, sind besonders stolz auf die ungeheuere Dergnügungsstadt Reuyorks, die sich an der Küste von Coney Island dehnt. In den heißen Tagen, die die Millionen­stadt in eine brodelnde Hölle verwandeln, schleu­dern die Untergrundbahnen alltäglich Hundert­tausende von erholungsbedürftigen Menschen in dieses Chaos, in dem ihrer neue Sensationen harren.Hitze, Feuchtigkeit, ein Wirrwarr von Sprachen. Fünf Kilometer einer durcheinander quirlend-n Menschheit, die eng wie Sardinen auf einer Fläche brennenden Sandes zufammenge- packt ist: ein verlassenes Meer auf der einen Seite, unendliche Reihe parkender Autos auf der anderen: ein unablässiger Lärm von mechanischen Klavieren, Karussells, Berg- und Talbahnen Radau und Hitze, Durst und Gähnen." So schil­dert Sir Percival Philips in einem Londoner

Blatt den ersten Eindruck von diesemgrößten Rummelplatz der Welt".Es ist ein unwahr­scheinlicher Ort, dieser Vergnügungsplah, ein Badeort, für den es keine Vergleiche gibt. Coney Island ist das Armenviertel von Reuyork, das ans Meer oefördert wird. Auf dem Hintergründe eines Rummelplatzes mit den tollsten Sensationen und unzähligen Duden, in denen man essen und trinken kann, sitzt hier der Reuyorker Spießer mit seiner ganzen Familie bis zum kleinsten Daby auf dem heißen Sande, den er der salzigen Flut vorzieht. Cie sind so eng aus in indergepackt, daß man nur mit der größten Sajwierigkeit sich zwi­schen den Mcnschenmassen hindurchwinden kann. Das Gewühl dieser Stätte findet kein Ende. Wenn die Siedehitze über Reuyork glüht, dann findet man erst um Mitternacht hier ein wenig Abkühlung, und bis in die frühen Morgenstunden rollen die Kraftwagen an. Riemals herrscht Stille. Die weiten Flächen desVergnügungsparks" und derkomischen Stadt' dröhnen von dem ewigen Rattern der Rutschbahnen, von dem Sausen der Flugzeuge, die sich um ein Riesenrad schwingen, von dem Geheul und Gekreisch der Fahrenden und von dem Schreien nachwarmen Würstchen". Die Desucher von Coney Island haben stets Hunger: sie essen zu allen Stunden und in allen Stellungen. Kleidervorschriften gibt es hier nicht. Die Dadekostüme find auf ein Mindestmaß be­schränkt, und sie werden nicht nur am Strande getragen, sondern auch im Innern der Insel, wo sich der ungeheuere Rummelplatz ausdehnt. Die Straßen sind gefüllt mit Menschen in jedem Alter, die ihrem Auszug nach stets bereit schei­nen, sich in die Fluten zu stürzen, aber gar nicht daran denken. Coney Island ist nur ein Teil der Küste von Long Island, an der Reuyork in den schwülen Tagen Abkühlung sucht. Da schließen sich Brighton Beach und Manhattan Beach an, und hier liegen die riesigen Freibäder, deren Leben sich wohl allein mit dem Treiben am Berliner Wannfee vergleichen läßt. Auch hier dringt der Rummelplatz bis an die Küste. Eine ganze Menschheit in Dadekostümen wandert umher, erfrischt sich an den Duden oder sitzt an den Tischen der Restaurants, hört Musik und besucht die Schaustellungen. Hier spielen Männer in Dadekostümen Daseball und dort Frauen in nicht minder unvollkommener Kleidung Tennis. Da schiebt eine junge Frau im Dadekostüm ihr Daby im Kinderwagen vor sich her. und niemand sieht sich nach ihr um. Geniert fühlen sich nur die Leute in Hemden und Deinkleidern. Man mutz ganz unter dieser Menge untertauchen, wenn man den größten Rummelplatz der Welt erträg­lich finden will."