Jugoslawien auf der anderen Seile sollen gewisse Ergebnisse erzielt worden sein, wodurch Rumänien in eine isolierte Lage zu gelangen scheint. Rumänien ist noch immer der stärkste Gegner Ungarns. — 3n der bulg ari - schen Reparationsfrage sind gleichfalls heute eingehende Verhandlungen geführt worden. Auch hier liegen noch keine Ergebnisse vor, doch bereitet die bulgarische Reparatioirsfroge die geringsten Schwierigkeiten.
Die Aussichten.
Die Haager Konferenz wird aller Voraussicht nach — falls keine äleberraschungen eintreten -- in dem gegenwärtigen Tempo bis Ende der Woche weiter arbeiten.
Die Stimmung ist, wie bekannt und üblich, auf französischer Seite außerordentlich optimistisch. Die französische Presse bietet die bekannte Hilfsstellung. Auf deutscher Seite ist man sich der außerordentlichen Schwierigkeiten bewußt, die zum großen Teil aus die Beschlüsse der ersten Haager Konferenz zurückgehen. In den Hauptfragen befindet sich die deutsche Regierung infolge der bereits vorliegenden Abmachungen in einer Zwangslage, die ihre Bewegungsfreiheit sehr einschränkt. Die Hauptbelastungsprobe der Konferenz wird ohne Zweifel die Regelung der S a n k t i o n s - frage bilden. Ob überhaupt auf dieser Sionferenj über die Saarfrage verhandelt werden wird, ist zur Zeit noch unklar. Anhaltspunkte liegen hierfür noch nicht vor, da scheinbar auf keiner Seite die Neigung besteht, die Saarfrage, deren grundsätzliche Klärung zwischen den Außenministern dringlich erforderlich wäre, in Angriff zu nehmen.
Oie Angst vor Schacht.
Pariser Stimmen zur Berufung des Reichs- bankpräsidcnten nach dem Haag.
Paris, 7. San. (1BIB. Funkspruch.) Die Haager Berichte der französischen Presse beschäftigen sich sehr lebhaft mit der Berufung D r. Schachts nach dem Haag und lassen die Befürchtung erkennen, daß das Eingreifen des Reichsbankpräsidenten die Verhandlungen ungünstig beeinflussen könne. So erklärt der im Haag befindliche Auhenpolitiker des „Echo de Paris", die Nachricht von der Ankunft Dr. Schachts habe bei der französischen Delegation einige Besorgnis ausgelüst. Dr. Schacht werde innerhalb der deutschen Delegation nicht gerade für Zurückhaltung eintreten. Gewifse kreise behaupten, da es nun einmal so gehe, sei es schon besser, daß der große deutsche Sachverständige an die Seite von Eurtius und TNoldenhauer trete, denn dann habe er wenigstens mit teil an der Verantwortung. Allerdings frage es sich, in welchem Sinne Dr. Schacht operieren werde, und ob er überhaupt der Aufforderung nachkomme. Der Sonderberichterstatter des „Excelfior" tagt, wenn Dr. Schacht die Absicht habe, die Atmosphäre der Herzlichkeit, des vertrauens und des Entgegen k o m m e n s (?), die im Haag herrsche, zu zerstören, dann werde er eine schwere Verantwortung auf sich laden.
Oie Sozialdemokratie gegen Schacht.
Der unbequeme Reichsbankpräsideut.
'Berlin, 6. Ian. (Priv.-Tel.) Die Berliner Spätausgabe des sozialdemokratischen „Vorwärts" richtet heute einen scharfen Angriff auf die gesetzmäßige Stellung des Reichsbankpräsi- denken. Das Blakt betont, daß die Haager Verhandlungen wohl nicht mehr viel an den materiellen Lasten Deutschlands ändern könnten, aber sie könnten uns die Befreiung der deutschen Wirtschaft von der Diktatur des Reichsbankpräsidente n bringen. Das Blatt behauptet weiter, daß sich diese Diktatur immer mehr zum Verhängnis auswirke, wie man im Inland und im Ausland vielfach erkenne, aber gerade das Ausland trage Schuld an dieser Diktatur durch die Be st imm ungen des Dawesplanes. Wenn nun der Boungvlan grundsätzlich an diesem Zustand nichts änoere, dann bleibe der Reichsbankpräsident weiterhin der Beauftragte desFinanzkapitals
Papageienkrankheit.
In Berlin und letzhin auch in Hamburg, München, Prag und Bernburg waren in der letzten Zeit mehrere schwere Erkrankungen, von denen leider mehrere unter den Erscheinungen heftigster Lungenentzündung tödlich verliefen und deren Arsache zunächst rätselhaft erschien, zu beklagen. Rähere älnlersuchung der Begleitumstände läßt es jetzt im hohen Grade wahrscheinlich erscheinen, daß es sich hierbei um die äleber- tragung einer Tierkrankheit auf den Menschen handelt. Glücklicherweise sind die Tiere, die die Krankheit verbreiten, nicht allzu häufige Mitbewohner menschlicher Behausungen. Es handelt sich nämlich um die Papageien, nach deren wissenschaftlichen Ramen Psittakos (Sittich) die Krankheit den Ramen Psittakose führt. Die Tiere, die offenbar nur in ihrer südamerikanischen Heimat oder unmittelbar nach deren Verlassen, nicht aber nach der Akklimatisierung in unseren Breiten von der Infektion befallen werden,^ zeigen zunächst Mattigkeit, Freßunlust, Sträuben des Gefieders und schwere Durchfälle, denen sie gewöhnlich in einigen Tagen erliegen. Cs ist noch nicht sichergestellt, ob die lieber- tragung vom Tier auf den Menschen nur während der Krankheit oder schon in deren Dor- stadium, der sogenannten Inkubationszeit, erfolgen kann, ebensowenig die Ansteckung' von Mensch auf Mensch oder von frisch importierten Papageien auf akklimatisierte.
Die Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei den bedauernswerten Fällen in Berlin und Hamburg wirklich um die Papageienkrankheit bei den befallenen Menschen, nicht um ein zufälliges Zusammentreffen des Erwerbs frisch importierter Vögel mit in augenblicklicher Jahreszeit nicht seltenen Erkältungskrankheiten handelt, wird dadurch erhöht, daß gerade jetzt Zeitungen des süd° amertkanischeu Herkunftslandes der Tiere ein gehäuftes Auftreten der Ps ttakose melden
Das glücklicherweise bisher auf einen engen Kreis beschränkte Aufflackern der Krankheit, die vor einer Reihe von Jahren schon einmal in Paris beobachtet wurde, mahnt immerhin zu einer gewissen Vorsicht. Papageienbesitzer sollten dem Gesundheitszustand ihrer Pfleg! inge be*
Lin Berliner Mnzfälschnngs Prozeß
Dom Heichsbrmd der höheren Beamte??.
Berlin, 7. Ian. (Priv.-Tel.) Auf dem außerordentlichen Bundestag, den der R e i ch s b u n d der höheren Beamten am 4. und 5. Januar in Braunschwe»g abhielt, stand fast als einziges Thema zur Beratung, wie der Bund feinen d u i ch
Bestand der Kriegführenden, den Gegner durch Vernichtung der Währung zu treffen. Recht fleißig auch die Arbeit der beiden „Patrioten", die in kurzer Zeit falsche Roten über Riesen- beträge verfügbar hatten. Und ebenso geschickt erwiesen sie sich in der Wahl der Mitarbeiter: man machte sich an Leute in Deutschland heran, die gefühls- und überzeugungsgemäh die Sowjetunion bekämpften und daher mit dem Kampfplan durchaus einverstanden waren. Wo diese Voraussetzungen sich freilich nicht erfüllten, da mußte mit grobem Schwindel nachgeholfen werden.
Also ganz und gar politisch, dieser Fälscher- Prozeß? Run, der finanzielle Beigeschmack ist nicht ausgeblieben, wie die deutsche Staatsanwaltschaft in mühevoller, drei Jahre währender Untersuchung feststellen konnte. Der Kopf der Fälscherbande hat einige von seinen schönen neuen Boten einer Münchener Bank zum Einwechseln vorgelegt und von dem Ertrage dieser anstrengenden Beschäftigung recht gut ge
sundere Aufmerksamkeit widmen, namentlich von zu naher körperlicher Berührung, besonders von der Unsitte, ihnen Leckerbissen mit den Lippen zu reichen, sich endgültig abkehren. Dann aber sollte die Kontrolle aus dem Ausland eingeführter Luxustiere, deren Mangelhaftigkeit z. B. auch zu der monatelangen, unumgänglich notwendigen, aber tierquälenden Hundesperre in Berlin geführt hat, eine wesentliche Verschärfung erfahren, die ohne weiteres durchzuführen wäre.
Bei Innehaltung der genannten Vorsichtsmaßregeln braucht keinerlei Beängstigung über ein bedrohliches Umsichgreifen der Infektion zu herrnfchen. Dr. M.
Mißbrauch des Asylrechis.
Berlin, 7. Ian. (Priv.-Tel.) Es ist kein Durchschnitts-Münzfälschungsprozeß, der am Montag im Berliner Kriminalgericht begonnen hat und sich sehr wahrscheinlich über längere Zeit erstrecken wird. Auf der Anklagebank sitzen ein paar Ausländer, Georgier, die de tacto Sowjetrussen sind, neben ihnen einige Deutsche, die der Beihilfe beschuldigt werden. Die Ausländer S a d a t h i e r a s ch w i l i und K a r u « midze sind zweifellos die interessanteren Personen. Sie sind auf die ausgefallene Idee gekommen, russische Tscherwonehnoten herzu st ellen und begannen sie eben zu vertreiben. Rach ihrer Aussage war dabei die tiefere Absicht, die glühend bekämpfte Sowjetunion, die ihr Heimatland Georgien überwältigt und sich angegliedert hatte, durch die Erschütterung der Währung zu gefährden. Genial ersonnen dieser Plan, wenn auch freilich nicht neu: Es gehört zum eisernen
und die deutsche Regierung werde zu immer neuen Kapitulationen vor ihm genötigt sein. Die gegenwärtigen Haager Verhandlungen böten vielleicht die letzte Gelegenheit zur Beseitigung dieses unwürdigen und verfassungswidrigen Zustandes.
Unwürdig und verfassungswidrig? Die Sozialdemokratie war es doch gerade, die seinerzeit für den Dawesplan durch dick und dünn gegangen ist. Die Behauptung, daß die Diktatur des Reichsbankpräsidenten sich zum Verhängnis der deutschen Wirtschaft gestaltet habe, kann mit
Aber ich hatte einen Beruf und reifte zu Studien- Zwecken nach Amerika. Ich kannte, ich durfte ihn nicht bei mir behalten, er hätte mein Leben umge- worfen. Zerstörte ich das seine, indem ich ihn der Ungewißheit zurückgab, ich der id) ihn gefunden hatte? O Frage, ruhelos wie das Meer!
Ein englifdjer Arzt fragte am nächsten Tag nach ihm; feine blaffe Frau wolle den Jungen, falls allo Nachforschungen ergebnislos blieben, ein paar Jahre lang behalten. Später könne man ihn in eine Anstalt tun.
Ich fror. Ick) erkannte, daß ein warmes pulsendes Heldenherz eingezwängt werden sollte in die Eintönigkeit einer unpersönlichen Erziehung. Und ich sah irgendwo in der Welt die Augen einer Mutter vorwurfsvoll auf mich gerichtet, die übermeinkn Al>gen einer Unglücklichen, die sich — warum nur? — des kostbarsten Schatzes ihres Lebens hatte entledigen müssen.
Ick- sah den Knaben auf dem Schiff nur noch selten. Ich ging ihm — uns beide zuliebe — aus dem
H a m m e r ft e i n, Januar 1930.
Die Aerzte haben verschärfte Quarantäne über das Lager verhängt. Schon von weitem leuchten den Ankommenden die weißen Armbinden der Wächter entgegen, die den Unberufenen fernhalten. Merkwürdig, wie sich die Luft veränderte. 'Der kräftige Qzon des Waldes ist einer von Desinfektionsmitteln geschwängerten Atmosphäre gewichen, und schon stehen wir in einem Kreis großgewachsener Gestalten, deren freundliche, kluge Augen neugierig und wohlwollend auf uns gerichtet sind. Der erste bestimmende Eindruck. den man von diesen Deutschen aus dem Wolgaland empfängt, ist die ausgesprochene Sicherheit des Benehmens. Reben dem gläubigen Vertrauen des Mennoniten steht der Stolz des Katholiken, beide sich in ihrem Wesen völlig gleichend. ,,W i r wollen nach Ka - na da", so sagen sie, „aber erst, wenn die Kinder wieder gesund sind." Die schwere epidemische Lungenentzündung, bekannt in den Ländern des Hungerns, der lastende Tod drückt die Stimmung, die an sich zukunftsfroh war. als das russische Schiff in Deutschland anlegte. Ja, die Kinder müßten wieder fröhlich fein, diese lärmende Schar, deren Mehrzahl — Gott sei Dank — nichts erfuhr vom bitteren Massentod. Die Kinder drücken überhaupt dem Lager ihren eigenen Stempel auf. Da gibt es noch kinderreiche Familien. Wie die Orgelpfeifen stehen die Kleinen vor uns, mit großen Augen, und erzählen von der guten Schwester „Sonnenschein", die immer so lieb zu den kleinen verkümmerten Wesen ist. Die Helferinnen haben es nicht leicht, besonders die „Sonnenschwester" Hedwig und Schwester Margarete. EnergischeVorbeugungsmahnahmen gegen das erschreckende Umsichgreifen der Krankheit wurden ergriffen. Die Mißtrauischen und Gesundbeter mußten in Kürze überzeugt und unschädlich gemacht werden, und so gab es Rächte schwerster Arbeit. Und dabei das schnelle, erbarmungslose Hinsterben der kranken Kinder.
Ein Augenzeuge erzählt ein erschütterndes Erlebnis: „Täglich gehe ich durch die Krankenbaracke und sehe, wo ich helfen kann. Vor wenigen Tagen bemerke ich mit Freuden ein krankes Mädelchen von vier Jahren, das recht wohl und munter in seinem Stühlchen sitzt, in der kleinen Hand einen Becher Milch. Auf meine Frage, ob es gut
llnb muß immer noch alle Kraft und alle 3er« nunft zusammennehmen, nm nicht planlos in die zu ziehen und ihn zu suchen, den stummen ■natiehjoft, ihn an m?in Herz zu nehmen und nicht nieder herzugeben.
einem Schein des Rechtes nur auf dieWirt- fdjaft der öffentlichen Hand bezogen werden, die gegen das „internationale Finanzkapital" zu verteidigen gegenwärtig die Sozialdemokratie zu ihrer besonderen „nationalen" Aufgabe gemacht zu hoben scheint. Offen bleibt übrigens die weitere Frage, wie sich die Sozialdemokratie die Sicherung der deutschen Währung denkt, wenn ihrer uferlosen und sinnlosen Wirtschaftspolitik von keiner Seite mehr Einhalt geboten werden kann.
schmeckt, strahlen mich zwei Augen an. Ich gehe einige Schritte weiter. Da stößt die Schwester einen Schrei aus, ich fahre entsetzt herum. Der Becher ist den Händen des Kindes entglitten. Das Köpfchen fällt schwer auf die Brust, und ein dicker, bräunlicher Schleim tritt aus dem bleich gewordenen Mund. Rach wenigen Minuten halten wir eine kleine, magere Leiche in den Armen." Schrecklich hat der Tod unter den armen Geschopf- chen aufgeräumt. Rur die Kleinen sind es, die der Gottesgeißel zum Opfer fielen. Die älteren sind gesund und munter, und die ganz Kleinen, die im Lager zur Welt kamen — es sind heute bereits 18 gedeihen prächtig unter guter Rahrung und sorgsamster Pflege. Täglich werden 300 Liter Vollmilch, sowie große Mengen von Lebertran und Malzextrakt an die Kinder und Wöchnerinnen ausgegeben. Täglich werden in mehreren Küchen gute, nahrhafte und reichhaltige Speisen zubereitet. Kranke und Gesunde sind streng getrennt, und schon beginnen sich die Mienen auszuhellen, denn die Gefahr hat ihren Höhepunkt überschritten. Dank der opferfreudigen Hilfe der Aerzte und Schwe- ftern ist seit Freitag kein neuer Krankheitsfall eingetreten. „Wir haben gewußt," Erzählt uns ein Lagerinsasse, „daß wir viele unserer Kinder sterben sehen mußten. Schon in Rußland herrschten die Masern, die bei dem bitteren Mangel selbst am nötigsten Lebensbedarf nicht behandelt werden konnten. Dann haben wir und die Kinder monatelang verdorbenes Brot essen müssen, weil wir kein anderes in Rußland bekamen, und als die Kleinen zu husten anfingen, da wußten wir, daß bei vielen von den Kindern menschliche Hilfe zu spät kam: denn wir kennen diese Lungenentzündung, die nur die schwächsten Kinder trifft und die uns schon viele genommen hat."
Mit Würde trägt der deutsche Bauer, so nennt sich der Landsmann aus dem Osten, den .schweren Verlust. Der fatalistische Mennoniten- glaube bannt die Verzweiflung, und so schließt unser Erlebnis mit der eigenartigen Beobachtung, daß die Flüchtlinge mit ilnge&ulö das Ende der Quarantäne erwarten, um dann von neuem die starten arbeitgewohnten Arme zu regen zu neuer besserer Zukunft.
Mten Tage für ihn zu sorgen: bald würden sich ja seine Eltern melden. Man telegraphierte nach Hamburg, Polizei wurde benachrichtigt. Alles ohne Er- folg.
Der stumme Knabe trug einen Gürtel aus weißem Wildleder, daran hing an einer silbernen Kette ein schmales silbernes Taschenmesser mit der Inschrift: Au revoir, Benvenuto.
Ob er Benvenuto heiße? Er nickte trotzig, er verstand einige Brocken Deutsch, Französisch, Englisch, auch etwas Rumänisch.
Benvenuto war Tagesgespräch. Er wurde photographiert, und sein Bild erschien nicht nur in allen Polizeirevieren, sondern aud) auf den Titelblättern der großen Zeitschriften. Aber das Rätsel um ihn blieb ungelöst. Es ckiar nichts aus ihm yerauszube- fommen; man fühlte genau, daß er sich bei allem, was er nichp zu beantworten beabsichtigte, so stellte, als verstünde er nicht, was gemeint sei. Obwohl er ein Kind war, weinte er bei den langen Verhören nicht, aber stampfte mit dem Fuß auf und ballte die Hände zur Faust: ein sprungbereiter, gequälter junger Tiger, voll Feuer und Blut. Es war klar, er verbarg ein Wissen um Dinge und Geschehen, die er um nichts in der Welt preisgeben wollte. Sein stummer Mund, zu hart für Kinderlippen, verschloß eine Welt, die er feinem verriet. Er war ein Held mit der Unbestechlichkeit eines Gottes.
Wen verteidigt dieser Knabe, indem er ihn verschwieg? Wem opferte er feine Zukunft, fein kleines, unendlich großes Schicksal?
Er schlief neben mir in einem weißen Kinderbett, das id) für ihn bestellt hatte. Als ich ihm abends die Haare aus der Stirn strich und ihm ein deutsches Abendlied vorsang, preßte er feine Hand an meinen Mund und warf' feinen ungestümen Körper gegen meine Brust. Seine Kraft, die Kraft eines Titanen, ließ ihn. im Stich, und er zitterte. Ich küßte fein edles braunes Gesicht, und feine unschuldigen, wissenden Augen sagten mir Dank.
Seitdem liebte ich Benvenuto, liebte ihn mit der selbstlosen Liebe einer Mutter, mit jener Liebe, die einzig ist, weil sie ungetrübt ist von leidenschast lichen Menschlichkeiten und dein Ewigen verschwistert. Ich hätte seine kluge tapfere Seele tn meinen Schutz nehmen, ihm in seiner ergreifenden Stnmmyeit durchs Leben helfen mögen, durch das rauhe Leben, dem er sich mit bewußtem und rührendem Ver schweigen in die fremden. Arme warf.
lebt. Solange, bis ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wurde und er einen Ortswechsel für ratsam hielt. Diese ..Devisentransaktion" aber hatte mit einem Schlage das Bestehen einer Fälscherfabrik der deutschen Falschgeldstelle bekanntgemacht unk dazu geführt, daß die Fäden auf- gedeckt wurden.
Danach sollte es sich in Berlin doch nur um einen durchschnittlichen Betrugsprozeß handeln? So stimmt die Sache auch wieder nicht. Denn int Hintergrund tauchten bei der Tlnteriuchung doch allerlei markante Gesichter auf, der Oelmagnat der Welt Sir Henry Deterding, der inzwischen verstorbene General Hoffmann, bekannt aus seiner Arbeit am Friedenswerk von Brest-Litowsk, dazu die gewaltige Organisation der Fälscher, die für den Vertrieb der gefälschten Roten nach allen Teilen der Alten Welt geschaffen war und darauf hinwies, wie tatsächlich ein konzentrischer Angriff aus die russische Währung zum mindesten ge- . Plant war. Das muß erst der Ausgang der öffentlichen Hauptvcrhandlung lehren, ob die Fälscher die Politiker oder die Politiker die Fälscher für ihre Sache ausbeuten wollten. Mer daß sie ihre Kunststücke ausgerechnet auf deutschem Boden aussähren mußten, nimmt den Beteiligten die Oeffentlichkeit mit Recht übe'; hier wird der Staatsanwalt kräftig in die Kerbe hauen dürfen. Mißbrauch des Asylrechts verbitten wir uns!
Kritik der Berliner Presse.
Gegen die Sanktionssorderung.
Berlin, 7. Jan. (TU.) Zu der Streitfrage der „Sanktionen" schreibt die „D.A.Z.": „Unsere Gegner unternehmen den Versuch, ausdem negativen Pfandrecht, das sie besitzen, ein positives zu machen und z. B. dem Sonderausschuß, dessen rein beratender Charakter absolut feststeht, weit- gehende Befugnisse der Ueberwachung. Nachprüf un gunddesaktioenEingrei- sens in die deutsche Finanzwirtschaft zu geben. Sie greifen damit das zweite Hauptargu ment für eine Erwägung des Poungplanes durch Deutschland an, daß nämlich durch die Neuregelung die eines großen Volkes unmiirbige ausländische Kontrolle über seine Wirtschaft beseitigt werden soll. Man soll mit starken Worten sparsam sein, denn es ist nicht der erste und nicht der letzte Ueberfall, der uns hier bedroht. Aber von fairer Verhandlungsmethodr ist dieses Verhalten offenbar weit entfernt und der Versuch, es mit dem Volksbegehren oder gar mit dem Memorandum des Reichsbankpräsidenten zu begründen, schlägt völlig fehl." — Die „Germania" sagt: „Der Kampf wird hart werden, denn in diesem einen Punkt kann und wird die deutsche Delegation feinen Schritt zurückweichen, ohne den Tjoungplan zu einem Siegerinstrument zu degradieren."
Der Berichterstatter der ..Deutschen Tageszeitung" erklärt in einer sehr scharf gehaltenen Kritik, daß bis jetzt noch keines der für Deutschland entscheidenden Probleme über das Stadium der Vorbesprechungen oder Sondierung hinausgelangt und daß tatsächlich Deutschland wieder völlig in die Defensive gedrängt sei. Das feien aber auch die Folgen der ministeriellen Rundfunkreden, in denen der Poung-Plan über den grünen Klee gelobt und von den Sanktionen fast wie von einem Recht Frankreichs gesprochen wurde. So fei auch den Engländern die Brücke gebaut 3 u ihrer völligen Indifferenz, mit der sie den französischen Sanktions- absichten bis jetzt gegenüberständen. Ebensowenig sei offenbar mit einer ernsten Ausrottung der Saarfrage und deren enger Verquickung mit der Annahme des Poung-Planes im Sinne der Kaasschen Forderungen zu rechnen. Was den Vertrag mit Polen angeht, so trete auch hier wieder der alte grundlegende Fehler der deutschen Politik in Erscheinung: Die deutsche £:iftuin werde erst unabänderlich gemacht, und dann hoffe man auf geneigtes Entgegenkommen der Polen.
Oas Rätsel um rin Kind.
Von Dorothea Hollah.
Als vor einigen Jahren die „Deutschland" Hamburg verließ, lief anfangs alles wie ein Bienenschwarm durcheinaner. Winken, Abschiedsgrüße, Lachen und Tränen! Und als nach etwa einer Stunde Ruhe eintrat, stand er plötzlich allein, mutterseelen- allein im Speisesaal 1. Klasse, wo die lifdje für das Mittagsmahl geschmückt wurden: der Knabe, etwa zehnjährig, mit dem sorgfältig gepflegten Haarschnitt und den schwarzen rätselhaften Augen. Er war wundervoll gewachsen, war das Ideal einer Knabengestalt, braun, sehnig und schlank Er trug geflochtene Sandalen und einen Anzug aus Rohseide dem «ine breite rote Schleife fremdländischen Reiz verlieh. Man fragte ihn, zu wem er gehöre und wie er heiße, aber dieser kleine Gott der Schönheit war stumm. Man konnte nichts erfahren, um so weniger, als er sich and) weigerte, durch Zeichen irgenbroeldje Auskunft za geben. Er wurde auf dem Schiff aus- gerufen, alle kamen und ftajmten über feinen süßen leidenschaftlichen Blick und über feine stolzen tier haften Bewegungen, aber niemand kannte sich ent- finnen, ihn zuvor an der Seite eines Erwachsenen gesehen zu haben. Man sah ihn an, wie man ein eigenartiges, fremdes und schönes Bild ansieht, und ging weiter, es nahm sich niemand seiner an, denn cs hatte schließlich jeder sein Päckchen an Leid oder j-uft zu tragen, das er weder bereichern noch fchmä- lern wollte, schließlich erbot ich mich, während der
3d deuMlandfiWlingen imLasaHammaM.
Sonderbericht der Telegraphen-älnion.
Wege. Nur von hinten betrad)lcte ich ihn oft lange, wenn er an der Seite des englischen Arztes sich gegen die Brüstung lehnte und mit dem Blick eines Heroen übers Meer schaut«, in seinem baftfarbenen Anzug mit der flatternden brandroten Schleife, die auf sein stolzes verschlossenes Antlitz einen Schein gebannter Glut warf. Der Wind fing sich in der Seide seiner Bluse, und der weiche Stoff schmiegte sich eng um seine ebenmäßigen Glieder.
Al2 der Dampfer „drüben" anlegte, wußte mich der Kleine im Menschengewühl zu finden, und einen Augenblick lang fühlte ich die geliebte Knabenhand in der meinen: Er schenkte, mir sein Messer, seinen cin3I9cn Besitz. Ich wandte mich ihm zu, wollte ihm gute Worte sagen. Er aber legte den braunen Finster auf feine stummen Lippen und fd)üttelte fttchend oen bronzedunklen Kopf, als fürchte er, ich wollte Augenblick auf irgendeine Art noch em Geständnis abringen und die Kette, die Gcheim- ms und Rätsel um sein Leben wanden, zerreißen.
Er ging, ich war allein, so allein wie nie zuvor. jJielt in der Hand das kleine silberne Messer: Au revoir, Benvenuto.


