Nr. 208 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberheffen)Samstag, 6. September 1950
Revision im Osien.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Serlin
An einem Zage (29. August) find der Me - melländische Landtag und der polnische Sejm aufgelöst worden. Der erstere sprach säst einstimmig dem Direktorium daS Mih- Itauen auS, weil Herr Reisgvs bewußt gegen die Bevölkerung des MemelgebietS gewaltet hat. Er hat einen durchaus grohlitauischen Kurs gegen die Autonomie des MemelgebietS eingehalten. natürlich im Auftrag der Regierung in Äoöno. Diese wird nun vertuchen, ihre Absichten mit außerparlamentarischen Mitteln weiter zu verfolgen. So wird nun die Frage ein Stück der DölkerbundSarbeit und darin der deutsche n BölkerbundSpolitik. Hier werden Rechte verletzt, die durch den Döllerbund garantiert sind. Jede- Mitglied de- Rat-, also auch Deutschland, hat da- Recht, wie der Ausdruck lautet, den Rat auf eine Verletzung der Bestimmungen de- MemelstatutS vom 8 Mai 1924 ausmerksam zu machen. Da e- sich hier um ein Leben-interesse einer deutschen Minderheit handelt, hat Deutschland die Pflicht, dazu Um.
Aber man begreift die Starrheit und Engigkeit und Rücksicht-losigkeit nicht, mit der man in Äotono die Memelsragen behandelt. Man sieht dort nicht, wie man gegen daS eigene 3 n t e r e ff e verstößt, eine enge Zusammenarbeit ist für Litauen mit keinem Staate so möglich und so nützlich wie die mit Deutschland. Die macht man so unmöglich, obwohl Deutschland wirklich große Geduld bewiesen hat. Hat denn Litauen aber sonst so viele Freunde in der Welt? Wer einmal in Genf der Behandlung litauischer Fragen beigewohnt hat, weiß, wie Litauen in Europa völlig isoliert ist.
In Polen soll nun am 16. Rovember für den Sejm, am 23. für den Senat gewählt werden. ES ist also auch jetzt noch kein Staatsstreich versucht worden. Pilsudski will die Verfassungsänderung verfassungsmäßig durchsetzen, mit einem neuen Sejm. Wird das gehen? Wie wird die Wahlbewcgung sein, und was wird sie bringen? Zunächst ist jedenfalls da- „im Staat herrschende EhaoS", mit dem daS Dekret die Auslösung begrunhet, nur noch größer geworden. WaS hat eigentlich eine Diktatur für einen inneren Sinn, die lediglich die innere Spannung und Unsicherheit vermehrt, ihren Anhängern so die Zügel schießen läßt wie im ilebcrfall auf den Dizemarschall beS Sejm, den Bauernführer Domski und ähnlichen Vorgängen?
Darum ist ja auch in der Außenpolitik mit Polen nicht weiterzukommen. ES spricht nach wie vor strikt gegen jede Idee einer Grenz» reoifion im Osten. Aber e- kann nicht hindern, daß diese Erörterung in vollstem Fluh ist. Don seinem Standpunkt auS hat sich Poin- c ar 6 (in der „Illustration) dazu geäußert. AuS Deutschland hat man, wie eS nötig -tour, daraus geantwortet. Die Welt, auch da, wo eS ihr unbequem ist, muh sich daran gewöhnen, daß man über die Frage redet, wie im Frieden die heutige Grenze zwischen Deutschland und Polen zu revidieren sei.
Poincare sährt Geschütze aus der Geschichte aus, daß Ostpreußen „lein ursprünglich deutsches Land, sondern eher eine deutsche Kolonie war". Weiß er Bescheid in diesen Sachen, oder spricht er nur als Advokat, der eine faule Sache mit faulen Gründen verteidigt? WaS er (o schrieb, ist llnfinn, aber bei der Bedeutung deS Manne-, dessen Rolle in der Politik Frankreichs noch nicht au-gespielt ist, und bei der Kcnntnislosig» feit, mit der die Welt den Verhältnissen im Osten gegenübersteht, sollte man sich die Mühe
Anekdoten vom Balkan.
Don ^Robert Reumann.
Diese Geschichte ist verbürgt, und es ist von ihr sowohl im Vierzehnten Bericht de- Politischen Komitees zu Odessa an Lenin die Rede als auch in einer Ehiffredepesche deS österreichisch-ungarischen Botschafters Grasen MenSdorsf an den Minister Ezernin. Gin Balkanstaat, dessen Ramen ich nicht nennen will — und der es im übrigen verstanden bat. anläßlich der großen Teilung der Beute sich den Wanst wie wenig andere vollzuschlagen und seine Grenzen um ein Beträchtliches nach Rorden und Westen weiterzurücken —, ein Balkanstaat wußte, als der große Brand in Europa auSbrach, so lange und geschickt zwischen Mittelmächten und Entente zu lavieren, bis schließlich um ihn zwischen Oesterreich und Rußland ein regelrechtes Wettbieten anhob. Sagten die einen Beute au im Rordosten, so versprachen die andern Land im Südwesten. sprachen die einen von Geld, so sprachen die andern von Gold, wußten die einen den Weg zu drei Ministern zu finden, so bestachen die anderen drei weitere — cs war zu keinem Ende zu kommen. Verhandelte man mit den Russen in Odessa, fo verhandelte man mit den Oesterreichern in Budapest — bis es schließlich doch den Russen gelang, dem Minister des königlichen Hauses ein kleines Bankdepot in der Schweiz zu errichten und so den ganzen Staat auf ihre Seite zu ziehen. .Also topp , sagte der Russe. Aber der älnterbänöler der Dalkanleute lehnte sich in seinem Sessel zurück und sagte .Roch einen Augenblick. Wir sind also bereit, für unsere heiligen Belange zum Schwert zu greifen. Aber ist den Herren bekannt, daß unsere Ausrüstung höchst mangelhaft ist?" Der Russe winkte ab und sagte: .WaS Ihre Armee zur vollen Ausrüstung braucht, wird selbstverständlich von uns zur Verfügung gestellt." — .Alles?" — .Alles." — .Dann bitte ich um Aufnahme dieses Punktes in den Vertrag." Aber auch alS dieser Wunsch erfüllt toar, konnte der Balkanmann sich noch nicht zur Unterzeichnung verstehen. „Ucbcnnorgcn, meine Herren, übermorgen", antwortete er auf alles Drängen. Das toar am 12. September. Am 14. erschien der Dalkanmann in Odella. .Ein Qllann — ein Wort", sagte er mit Lächeln und unterschrieb. Erst am 15. traf bei den Russen die offizielle Mitteilung ein, daß fic dem neuen Bundesgenossen eine neue Artillerie zur Verfügung zu stellen hatten — der Bundesgenosse hatte am 13. feine gesamten Kanonen an Oester-
nicht verdrießen lassen, auch amtlich diese Sätze im einzelnen schlagend zu widerlegen, waS ja nicht schwer ist.
Schon die Manlelnote vom 16. Juni ISIS, mit der der FriedenSvertrag übergeben wurde, hat gesagt, daß damit .ein Apparat geschaffen fei, durch den die im Jahre 1919 geschaffene Regelung selber von Zeit zu Zeit abgeändert werden und neuen Ereignissen und neu entstehenden Verhältnissen angepaßt werden kann". Da- zielt auf den Artikel 19. da- gibt d i e Möglichkeit und da - Rechl zur Revision. Auch Poincarö kann da- nicht au- der Welt schallen. Darum sucht er. wieder al- Advokat, nach allem, was Deutschland unmöglich machen könne, dielen Rechtsanspruch geltend zu machen. Die Derhältnifse
im Osten gefährden ja gar nicht den Weltfrieden, sagt er. nur Deutschlands Aevifion-parlet ist die Gefahr. llnö eine Revision kann ja nur in Gang gebracht werden durch einstimmige Entscheidung des Völkerbundsrats oder des an- gerufenen < die durch Polens Stimme
immer unmöglich fein werde ufto.
Mit dem Ge'chick. das wir an Poincare kennen. wird hier die Frage auf da- Blei- juristischer Advokatenause nanderleyung geschoben. Das zeigt, daß eine Aktion auf Anwendung deS ArtikelS 19 von deutscher Seite aus das sorgfältigste vorbereitet sein muß. wenn sie nicht einfach zu Boden fallen soll Daran haben die berufenen politischen und juristischen Köpfe der deutschen Außenpolitik zu arbeiten. Inzwischen muß eine möglichst geschlossene Diskussion in Deutschland und mit dem Ausland dasür
sorgen, daß der Artikel 19 In der Erörterung bleibt und man nicht mit der Scheu an ihm vorbei geht wie jahrelang seit Gründung des Völkerbundes.
Wir willen, daß vieler so dehnbar gesaßte Artikel 19 kein Zauberstab ist. der einfach die Zur zur Revision aufspringen läßt. Aber cben’o willen wir. daß er im Völkervundstatut drin steht, mit ganz klarer Absicht. Revisionsmöglichkeiten zu schassen. Der Völkerbund hat nur Daseinsberechtigung. wenn er auch diele Aufgabe erfüllt, durch Möglichkeiten friedlicher Revi- fion kriegerifchen Konflikten vorzubeugen. Will er fich darum drücken, so muß ihn eine überlegte. aber auch entschlossene deutsche Völker- bundtpolitik aus da- Glci- aktiver Arbeit dasür eben bringen.
Der unbekannte Diktator: Thomas Vota kommt nach Deutschland.
Oer gigantische Aufstieg eines genialen Mannes. — Vom Pantoffelmacher zum $orb der Schuhindustrie. — Oas „System Bata". — Oie tschechische Invasion in Obrrschlesien.
Don Egon Larsen.
Der alte Anton Data, sprich Batia, war Pa ntoffelschuster im Dörfchen Zlin in Mähren, dort, wo die tschechischen den slowakischen Wölfen Gutenacht sagen. Und e- sah nicht danach aus. al- sollte der kleine Thoma- Bata jemals zu Höherem bestimmt fein, als in dumpfer Stube Paputfchen, wollene HauS» fchuhe für reiche Leute zu nähen. Wenn man nach fünf Schnlfkhren noch nicht dividieren kann und nicht einmal rechte Lust zum väterlichen Gewerbe zeigt, dann scheint eS nicht sonderlich bestellt zu sein um die Zukunft solch eines Arbeiterjungen.
Aber es dauerte nicht lange, da zeigte der kleine Thoma- andere Talente. Erst begleitete er den Vater auf feinen Fahrten von Markt zu Markt und verstand eS, recht geschickt beim Verkauf zu Helsen; dann zog er alleine los, nach Prag und Wien, und schloß — alS Sechzehnjähriger — öle ersten .Kaufverträge" für die väterliche Heimindustrie. Er reifte viel und ah wenig — ein paar .Kipfeln" genügten ihm, und wenn er müde toar. schlief er in den Wartesälen der Bahnhöfe. Unö als er nach Zlin zurückkehrte, brachte er Bündel von Aufträgen für seinen Vater und die anderen armen Heimarbeiter mit...
Unaufhaltsam schuftet Thomas Bata sich auswärts. Br macht auS der Werkstatt des Vaters die ständig wachsende Firma T. L A. B a t a. AlS 26jähriger geht et auf ein Jahr nach Amerika, holt dort in den Schuhfabriken seine HandwerkSkenntnisse nach, arbeitet auf dem Rückweg in einigen englischen und deutschen Fabriken, vor allem in Pirmasen-, wo er Absätze .putzt". Zuhause, in Zlin, gestaltet er sein Unternehmen nach modernen, westlichen Gesichtspunkten um. Und 1914, da er am Tag der Kriegserklärung „zufällig" in Wien ist, gelingt es ihm, den phantastischen Auftrag von 50 000 Paar Milltär-Segelschuhen zu erlangen. Er verteilt ihn sofort unter die ZI inet Schuhmachermeister, macht sie zu seinen Unterlieferanten. Das „System Data" entsteht.
Der Krieg mit seinem Warenhunger, seinen Militärlieferungen macht Data groß. Das Ende der Donaumonarchie, die Konstituierung der Tschechoslowakischen Republik macht ihn noch größer. DaS Genie diese- Mannes kennt keine Hindernisse, keine Kompromisse, keine Riederlagen. Bald gehört ihm ganz Zlin, ein neue- Zlin: mit sünszig Riesenkästen, den fast über Rächt auS der Erde gestampften gleichförmigen
reich verkauft, an der Landesgrenze übergeben und mit blanker Münze bezahlt bekommen.
Dieser gleiche Balkanstaat hat also bei der großen Teilung der Beute den Wanst nach Kräften sich vollgefchlagen — aber doch nicht so sehr, daß nicht seine Währung zugleich mit den Währungen der Staaten ring-um nach FriedenS» schluß im allgemeinen Aschermittwoch ins Gleiten gekommen wäre. Und da eben damals große Danknotenfälfchungen fich fühlbar machten <wie ja die Fälscher ganz allgemein und sehr verschieden den Ratten sinkende Schiffe den seetüchtigen vorziehen), und da gleichzeitig von Leuten, die man nicht zu der Krippe gelassen hatte, ein paar großartige Unterschleife und Durchstechungen an den Tag gebracht wurden (WaS der strauchelnden Währung einen neuen Prügel zwischen die Füße warf), und da anderseits den großen Bundesgenossen im Westen es wichtig schien, diesem Straucheln beizeiten eine Krücke zu reichen (und das, die Wahrheit zu sagen, nicht so sehr auS BundeSgenossenschaft als weil die verschiedenartigsten Friedens-. Krieg--, Eisenbahn». Tabaks-, Salz- und weih Gott waS für ein Anleihen dieses Balkanstaates an der westlichen Börse notiert und in der Hand von Leuten waren, die es nicht lieben, ihr Geld zu verlieren), — sahen die guten Vulkane sen. die nicht verfehlt hatten, aus vollem Halle um Hilfe zu rufen, ihre Finanzen wohl mit einem Schlage saniert, sich selbst aber aus ihrer eigenen Geldwirtschast mit gelinder Gewalt verdrängt und so gründlich vor die Türe gesetzt, daß schließlich seine Exzellenz der Herr Erste Minister, ob er nun sich selbst ein neue- Automobil oder seiner Kanzlei eine Schachtel neuen Schreibpapiers ka ifen wollte, zu solchem Staatsakt der Genehmigung durch drei englisch-französische Aussichtsräte bedurfte. Unnötig zu sagen, wie wenig das nach der Herren Geschmack war. „Sind wir dazu für die heiligen Ideale unserer Ration auf sechsunddreißig Schlachtfeldern in den Tod gegangen, daß ich jeijt meiner neuen Braut nicht einmal eine Perlenkette verehren kann?" fragte im Ministerrat der Premier anklagenden Tonfalls. „Aber die Währung ist saniert", meinte schüchtern der für Gesunweit und Unterricht. Doch der Premier rief: „Was habe ich von einer sanierten Währung, die ich nicht benützen kann!" Und der für Rekruten wesen und Viehzucht ergänzte: .—während jeder zechntc Einwohner des Königreichs sie trotzdem benützt, indem er Banknoten fälscht." Der für öffentliche Bauten schlug sich nur an die Stirn. »Dir werden diese« un-
Zabrikgebäuden. in überamerikanischem Stil gehalten: mit einer neuen Stadt von Wohnhäusern für Arbeiter und Angestellte, mit Hunderten von Verkauf-Häusern, Filialen. Werkstätten in der ganzen Welt. Bata wird -um reichsten Mann der Tschechoslowakei, zum Diktator der Schuhindustrie Böhmen-, zum Machtsaktor im europäischen Wirtschaftsleben. Bata wächst zum Gegenstück Fords, ülertrifft den Amerikaner an „Amerikanismus" krast feines .Snftems", das in der gesamten Welt nicht seinesgleichen hat.
„Selbständigkeit der Werkstätten mit Gewinnbeteiligung", so nennt eS Bata. Es ist eine Art Akkordlohn, der ergänzt wird durch eine Gewinnbeteiligung am Unternehmen — und vermindert werden kann durch gleitbxcitigc Risikobeteiligung. Geht da- Geschäft gut. bann verdient der Arbeiter mehr: geht eS schlecht, so wird ihm die entsprechende Summe vom Lohn abgezogen. Die einzelnen Werkstätten. auS denen sich der Data» Konzem zusammensetzt, .verkaufen" ihre Ware an Bata. In Zlin existieren keine Gewerkschaften — Data hat sie In erbittertem Kampf niedergerungen und stellt organisierte Arbeiter nicht ein —, reine Taris- und Lohnver- träge, keine ArbeitSzeitgrenzen. die in der Praxis irgendwelche Dedeutung hätten. Und so ist Data der leistungSsähigste Schuhlieferant der Welt.
.Hält man alles bisher Erörterte zusammen, so erlangt die Annahme immer größere Wahrscheinlichkeit, daß durch eine auf- äußerste gesteigerte Ausnutzung deS ökonomischen Machtelement- — mit Hilfe eines psychologisch aus- klügste durchdachten Systems — Erscheinungen gezeitigt werden, die sich als stärkste .Ausbeutung" der Arbeiterschaft darstellen." Diese Zeilen, die das System Data charakterisieren wollen, stammen nicht von einem seiner Feinde, sondern auS einem Urteil deS preußischen Kammergerichts zuDerlin, dessen Unparteilichkeit und Gerechtigkeit seit Friedrichs des Großen Zeiten bekannt ist. Thomas Data hatte gegen den Schriststeller Rudolph Philipp geklagt, der ein dickes, von der ersten bis zur letzten Seite mit schwersten Anschuldigungen gefülltes Buch „Der unbekannte Diktator Thomas Data" herausgegeben hatte. Obwohl zwei Dutzend Sähe laut Urteil aus diesem Duch gestrichen werden mußten, war damit die moralische Riederlage Datas, zu
patriotischen Fälschern das Handwerk legen", sagte er leise. Dann wurde die geheime Sitzung für noch geheimer erklärt.
In den nächsten drei Monaten wurden 6212 Verhaftungen wegen Danknotenfälfchungen vorgenommen. 1418 Werkstätten ausgehoben, ungezählte Pressen. Platten, Stempel beschlagnahmt und die Mehrzahl der Ergriffenen zu Kerker» ftrafen zwischen zehn und zwanzig Jahren verurteilt. Die englisch-französischen Aufsichtsräte waren über solche tatkräftige Unterstützung ihrer Demühungen sehr befriedigt und schickten ellenlange Derichte nach Hause.
Rur — die Fälschungen hörten nicht auf. Sie haben nie aufgehört. So viel konnte man immerhin feststellen, daß man nicht feststellen konnte, wohin all die beschlagnahmten Pressen, Platten und Stempel geraten sind. Aber wer sich ihrer bedient hat — das hat die königliche Polizei trotz lebhaften Demühungen und trotz ständiger Aneiferung durch den Ministerrat bis heute nicht an den Tag gebracht.
Lehrmeister und Ahnherr all dieser guten Leute war lein anderer als der während des Kriege- so still verstorbene König Rikita von Montenegro. Dauer unter Dauern, hat er e- verstanden, in den ersten 14 Jahren diese- Jahrhunderts, inmitten eines allgemeinen Wettrennen- der großen Mächte in seiner kleinen Hauptstadt Ectinje, Öen Kopf klar zu behalten unö, solchen Eifer wahmehmend, zu seine- armen Dergvolkes unö nicht zuletzt zu seinem eigenen Ruhen manchen goldenen Quell zum Fließen zu bringen. Auch an seinem Hofe waren es wieder Rußland und Oeßerreich, die einander von Tag zu Tag den Rang abliefen, unö konnte der Rulle sich auf Blutsverwandtschaft und zehn der montenegrinischen Armee gespendete Laftautomobile berufen, fo trumpfte der österreichische Rachbar auf mit Segnungen der Zivilisation, mit einer Schule mit einem Krankenhaus, mit regelmäßigen Schiffsverbindungen, ja zuletzt mit einer Einbeziehung de- montenegrinischen Staates in den österreichischen Post- sparkallenoerkehr. Das wollte heißen: wurde in einem österreichischen Postamte für einen Wann in Montenegro Geld eingezahlt, fo muhte das nicht erst wirklich außer Landes geschickt werden, sondern es genügte ein Brief der österreichischen an die montenegrinische Post, besagend, die solle an jenen unö jenen in RjeguS, Pnirend ober Eetinje Öen in Oesterreich einge- -ahllcn Betrag zur Auszahlung bringen. Unö gleicherweise hatte, versteht sich, die österreichische
mindest In Deutschland, gerichtsnotorisch besiegelt.
Di- zu diesem Zag — e- Ist jetzt genau ein Jahr her — war Data in der Tat der .unbekannte Diktator", dessen Rame nur in kleinem KreiS in Deutschland bekannt war. Mit einem Schlag öffnete sich nun der Blick hinter die Kulissen, und die Oesfentlichkelt erfuhr Dinge, die man, ein paar Sisenbahnstunden hinter der Grenze, kaum für möglich gehalten hätte. Die deutschen Schuhfirmen erneuerten ihre Aufträge bei der Firma Bata nicht mehr, unö eifrige .Kräfte waren am Werk, daS Gesicht Data- und seine- Konzern- au enthüllen. Hunger und Rot. Grausamkeit und Ausbeutung — so riefen Data- Gegner — herrschen in Zlin der Lebensstandard der ohnehin bedürfnislosen und leidgewohnten mährischen Arbeiter werde durch Bata noch rücksichtsloser gedrückt, der durchschnittliche Tagesverdienst betrage nur 2 Mark: die sozialen und hygienischen Lebensbedingungen der Arbeiter seien menschenunwürdig.
Gleichzeitig aber tauchten andere Gerücht« um Data auf: er versuche nunmehr mit allen Mitteln, der tschechische Wirtschaft-» Rationalheld zu werden, der sein Vaterland von fremdem Einfluß mehr und mehr zu befreien trachte: die Gründung einer Automobil- und einer Herrenkleiderfabrik stehe unmittelbar bevor. Daß auch in diesen neuen Unternehmungen nur da- Data-System herrschen werde, konnte keinem Zweifel unterliegen; da- Duch „Reue Wege", das gerade in Deutschland große- Aufsehen erregte, toar ein einzige- DekenntniS des Mannes zu seinen Prinzipien, mit denen er seinem Lande, seinem Volke, der ganzen Welt zu dienen glaubt. Klug, wie Data ist, zeigt er aber niemals nach außen die drohende Faust seiner ungeheuren wirtschaftlichen Machtstellung: fein stummes, doch nicht minder schlagende- Argument Ist die Zahl der Schuhe, die jährlich seine Fbrik verlassen: 23 Millionen Paar.
In der Aktenmappe des preußischen Landwirtschaftsministers liegt seit einigen Tagen der Entwurf zu einem DerkaufSvertrag zwischen dem preußischen Staat und der Firma T. & A. Data in Zlin. GS handelt sich um ein 3000 Morgen große- Stück For st gebiet in Oberschlesien, KreiS Kosel, und der Kaufpreis soll 1,6 Millionen Mark betragen, also bieenorme Summe von 500 Mark pro Morgen: außerdem fällt der Ertrag au- den Holzbeständen dem Staat zu. Die Firma Data verpflichtet sich, sofort den Dau einer großen Sch u h-
Post die Aufträge der montenegrinischen durch- zuführen. Zu Jahresende sollte dann Soll und Haben verrechnet werden und der, der In de- anberen Auftrag mehr aufgelegt hatte, den Unterschieb in barer Münze beglichen bekommen. Als aber ein Jahr um war, erwies eS sich, daß offenbar in Oesterreich kein Mensch lebt, der nach Montenegro, und in Montenegro keiner, der nach Oesterreich Geld schickt. Da gab eS nichts zu verrechnen. Doch ließ man den nun einmal geschlossenen Vertrag — und sei eS auch nur der Gebärde und guten Form zuliebe — weiter aufrecht bestehen.
In dem dann folgenden Jahr fuhr Rikita von Montenegro höchst persönlich nach Wien, um dort eine neue Anleihe aufzunehmen — er brauchte eine Million Kronen in Gold. Run ward er zwar in Wien bei Hof in Ehren ausgenommen, aber seinen Geldwünschen gegenüber zeigte man sich diesmal um so harthöriger, alS man knapp vorher vertraulich erfahren hatte, et habe sich im Geheimen mit Haut und Haar den Russen verschrieben. Rikita bemühte sich in Wien um seine Anleihe 15 Tage lang. 15 Tag« vergebens.
Am 16. Tage kam eine Postanweisung. Die montenegrinische Post schrieb der in Wien, eS sei zu Eetinje für Herrn Rikita, derzeit in Wien in dem und dem Hotel, ein 'Betrag von einer Million Goldkronen eingezahlt worden. Die Wiener Post gab sich die Ehre, Herrn Rikita noch gleichen Tages einen Kassen boten mit tausend neuen Tausendem zuzuschicken. Herr Rikita nahm, unterschrieb, machte noch seine Abschiedsbesuche unö fuhr öann nach Hause.
Das war im Oktober. Im Januar wurde verrechnet. ES ergab sich, daß außer jener einen Postanweisung im Lause des IahreS keine zweite gelaufen war. „Jetzt habe ich also von öir eine Million Kronen in Gold zu bekommen", sagte die österreichische Post zur montenegrinischen. Die montenegrinische sagte: „Ja, du foILft eine Million bekommen — aber ich habe sie nicht." Und da man deshalb Montenegro nicht gut mit Krieg überziehen konnte, ist eS habet geblieben.
Hochfchulnachnchien.
Professor Dr. Julius EbbinghauS tn Freiburg L D. hat den Ruf auf Öen ordentlichen Lehrstuhl der Philosophie an der Universität Rostock angenommen. Der aus 'Berlin gebürtige Philosoph promovierte in Heidelberg 1921 wurde er Pripatdozent in Freiburg L D.


