Nr. 151 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Zreitag, 6. Zuni (950
•) Egon Caesar Conte Corti: Die trockene
Trunkenheit. Ursprung, Kampf und Triumph des Rauchens. 343 Seiten 8° mit 64Bildtafeln. 2m Insel- Verlag. Leipzig 1930. - (1920
Das Raucher-Buch.
Die Geschichte vom Triumph des Tabaks.
Von Peter Warmund.
Ein stattlicher Band in grauem Rohleinen, das irgendwie die Erinnerung an Tabakläcke erweckt, darauf die kaffeebraune Slthouette von Chodowieckis ,achtem Schmaucher", dem bezopften Mann, der an seiner Pfeife zieht: darin erzählt Egon Caesar Conte Corti, der die zweibändige Geschichte des Hauses Rothschild geschrieben hat, ein nicht weniger merkwürdiges Kapitel auS der Kulturgeschichte: Ursprung, Kampf und Triumph des Rauchens. Unter dem Titel, den er einer Streilschrift des IacobuS Balde 6.3. ouS dem Jahre 1653 entlehnte: .Die trockene Trunkenheit"'). RuS einer Fülle wissenschaftlichen Materials entstand hier die erste Geschichte des Tabakschmauchens, das erste Raucher-Buch. Welcher Raucher - und wer ist es heute nicht? - wollte vera.- säumen, sich dieses wistcnschaftliche und kuriose Werk in die Rähe seines ZigarrenschrankS zu legen, um sich gelegentlich über die Geschichte seiner Leidenschaft zu unterrichten?
Wer weih, dah das Rauchen ursprünglich eine Kulthandlung der Mayavölker war, die stch nach einer gewaltigen Katastrophe, die über ihr Reich kam. nach Rorden und Süden wandten und so in Amerika überall die Rauchsttten verbreiteten? Raturgemäh fand KolumbuS rauchende Indios vor, aber es ist nicht bekannt, ob die Sitte auf ihn oder seine Leute besonderen Eindruck gemacht hatte. Die erste Schilderung gibt Oviedo in seiner westindischen Geschichte (1526): ihm ist das Rauchen ein Laster, .ein sehr schädliches, das darin besteht, eine Art Rauch zwecks Betäubung in stch aufzunehmen, den ste Tabaeco nennen .... die Kaziken nahmen hierzu ein gegabeltes Rohr in Form eines V, gaben die beiden Gabelenden in die Rasenlöcher und das Rohr in ein angezündetes Kraut Ein merkwürdiges Dokument, denn hier taucht wohl die Bezeichnung Tabak zum ersten Male in Europa auf. Seine eigentliche Herkunft ist nicht beweisbar, hängt aber wohl mit der Provinz Tabasco in Mexiko zu- sammen. Oviedo brachte auch 1519 den ersten Tabaksamen nach Europa, in derMitte des 16.Jahrhunderts kam er auf verschiedenen Wegen nach Spanien, Portu- gal und Frankreich. Sie schön blühende Tabakspflanze wurde alsbald in den europäischen Ziergärten gezogen. Immer schon schrieb man Dem Tabak eine be
Oie (Sammlung der Mitte.
DaS Scheitern der Derhandlungen um die Sammlung der bürgerlichen Mitte hat erneut die Frage über daS deutsche Bürgertum der Gegenwart ausgerollt. Dabei wird nicht mit Unrecht darauf hingewiesen, daß daS Scheitern dieser Bemühungen das beste Symptom für die Zersplitterung im bürgerlichen Lager sei. Run muh mam sich einmal fragen, woher das kommt. Das hat seine mannigfachen Gründe.
Zuerst ist das Bürgertum keine Idee, wie z. D. der Marxismus, der große Menschenmassen zu- sammenfaht und in eine einheitliche Zielrichtung zwingt. DaS Bürgertum ist heute überhaupt nicht mehr der Begriff, wie er etwa noch inj vergangenen Jahrhundert existierte. Bürger sind wir schließlich alle. Was als Bürgertum bei der gegenwärtigen Bewegung verstanden werden wollte, daS war jene politische Schicht, die man im Gruyde genommen als Liberalismus begreifen könnte. Sie trennt sich von den Ideologien des Marxismus, sie trennt sich vom Konservatismus der Hugenbergianer und sie trennte sich nach den Scholzfchen Plänen auch von dem KlerikaliSmuS deS Zentrums. Unb damit erwuchsen der neuen Bewegung die großen Schwierigkeiten, die sie am Ende xum Scheitern verurteilten. Entweder mußte man bei den letzten Bemühungen das Zentrum mit einschließen, um damit die breite Wittelsront herzustellen, oder aber, man hatte von Anfang an die liberale These in den Vordergrund setzen müssen und damit nur die Wirtschaftspakte! und die Demokraten erfassen können. Man sieht also, daß daS Wort „bürgerlich" an sich nicht recht am Platze ist. Man sieht, daß hier in der Bezeichnung schon der Fehler lag, der, da er ein Widerspruch in sich war, ein Gelingen der fraglos wertvollen Bemühungen vereitelte. Diejenigen Kräfte, die bei der ganzen Aktion den Ausschlag gaben, wollen auch jetjt noch in ihren Bemühungen fortsahren. Unb babei ist es interessant, daß man nach ber ersten Rieberlage sofort zu einer anberen Taktik überging. Man will diesmal außerhalb der Parteibureaukratie vorgehen. Unb das wird fraglos den Stimmungen entsprechen, die heute im innerpolitischen deutschen Leben akut sind. Denn überall ist der Wunsch vorherrschend, eine Sammlung der Mitte zu schaffen, um damit endlich einmal der Zersplitterung im sog. bürgerlichen Lager ein Ende au machen. Die Kräfte müssen neutral sein, auf Denen die neue Bewegung ruhen soll. Da sie es bei ber letzten Aktion nicht waren. sondern im Gegenteil von ber Partei selbst ausgingen, war eS von vornherein klar, baß hier allenfalls eine lose Arbeitsgemeinschaft geschaffen werden konnte, aber niemals ein wirklicher Mitlelblock, der im deutschen Volke bodenständig gewesen wäre. Die Parteien vertreten Parteiinteressen, llnb da eS im Leben Aahllose Interessen gibt, bie besonbers in Deutschlanb kultiviert werben, so mußte sich unser Parlamentarismus von Anfang an zersplittern. Auch biefe Interessen müssen bei leite gesetzt werben. Die parlamentarische bürgerliche Ibee muß auS bern Volke selbst erwachsen, wenn eine sog. bürgerliche Sammlung tatsächlich zu- ftanbefommen soll.
Es wirb noch manche Zeit vergehen, biS bieses Ziel erreicht ist. Trotzdem muß man seststellen, daß die Idee der bürgerlichen Sammlung heute tatsächlich existiert. Sie ist nicht mehr ein Phantom. Unb aus b.esem Grün e wird es ohne F.age auch einmal gelingen, biete Gedanken in bie Wirklichkeit umzusetzen unb bamit dem deutschen Parlamentarismus eine seste Grunblage zu geben. Einschränkung des Beamten
tums be d r Re.chsbahn
Dom EinheitSverbanb ber Eisenbahner Deutschlands werden wir um Aufnahme eines Artikels gebeten^ in dem eS u. a. heißt:
Die Reichsbahndirektion Magdeburg hat von sich aus, wohl m unterstützender Weise ihrer
vorgesetzten Verwaltung, öffentlich tn ber Tagespreise bie .Reuregelung beS Anstellungswesen- für die ilntcrbeamten“ zur Diskussion gestellt. Die amtlichen Mitteilungen enthalten Rachrichten, nach benen .Maßnahmen vorgesehen sind, bie auf bi e Sicherung einer f rü h- zeitigen Anstellung als Beamte ab- zielen".
Als Unlerbeamte bei ber Reichsbahn sind diejenigen Beamten zu betrachten, bie in den Besoldungsgruppen 9—IZa eingeftuft sind unb durchweg auS dem Lohnarbeiterverhältnis stammen. Rach einem Erlaß vom 12. Dezember 1921 sind Grundsätze für den Uebertritt von Arbeitern hx bie Beamtenlaufbahnen aufgestellt. Voraussetzung für die liebem ahme in daS Deamten- verhältnis sind körperliche Tauglichkeit, Eignung für die Verwendung im De amtendienst, die teilweise neben anderen Prüfungen, durch die psycho- technische SignungSuntersuchung feftgeftellt wird, ferner eine Bewerbung, die erst nach zweijähriger Eisenbahndienstzeit erfolgen kann und bevor eine bestimmte HöchstlebenSgrenze erreicht ist, die beispielsweise bei den Betriebsassistenten 24 Jahre, bei Weichenwärtern, Stellwerksbeamten und Zugbegleitpersonal 28 Jahre beträgt. Diejenigen, bie alle Bedingungen erfüllt haben, werden durch Aktenbescheid der Reichsbahndirektion in bestimmte Anwärterlisten eingcrci^t und, wenn sie dauernd und überwiegend an jedem Tage den Dienst eines Beamten verrichten, als Hilfsbeamte geführt, ist ihnen die endgültige Anstellung als Beamte nach dem bestehenden Bedürfnis zugesichert. Das Bedürfnis, Beamte zu beschäftigen, richtet sich nach den Dienstposten und Stellen, deren Tätigkeit für Beamte vorgesehen ist.
Die Frage, wo zweckmähigerweise Beamte statt Arbeiter zu beschäftigen sind, hat die Eisenbahnverwaltung auf Grund dienstlicher Erfahrungen und unter Würdigung vielfältiger Heberlegungen genau bestimmt, ohne den Rat deS Personals ernstlich zu beachten. Aber von Jahr zu
Die Elaldebatte im
Die Etatsdebatte im Gießener Kreistag.
Bei der VoranschlagSdebatte im Gießener Kreistag, über dessen De- schlüsfe wir am Dienstag schon berichteten, handelte eS sich zunächst um die von der Kreisver- waltung beantragte Schaffung der
Siel e e»nee KreiSkechnunqSr v sors
Abg. Klein, Klein-Linden (Landbd.) nahm ?legen diesen Antrag der Kreisverwaltung Stel- ung und betonte, daß diese Stelle unnötig sei, wenn die gesetzlich vorgeschriebenen Revisionen vorgenommen würden. Dazu müßten die Beamten der Kreisverwaltung genügen, im übrigen müsse bei den in Betracht kommenden Personen mehr Furcht vor der Strafe Platz greifen. Die KrciSverwaltung müife mehr als früher von ihrem Revisionsrecht Gebrauch machen.
Abg. Beckmann, Gießen (Soz), wie- daraufhin, daß der Ausgabe von 7000 Mk. für den beantragten Posten Einnahmen in Höhe von 4500 Mk. gegenüberständen. Er glaube, daß durch die Wirksamkeit eines solchen Revisors vorsorgend zum Schutze der ösfentllchen Gelder gearbeitet werde. Für eine solche vorbeugend wirkende Kontrolle sei eine Ausgabe von 2500 Mk, nicht zu hoch.
Oberregierungsrat Ritzel als Vertreter der Krcisverwaltung erklärte, die neue Kreisleistung für diese Stelle beziffere sich nicht, wie Abg. Beckmann gesagt habe, auf 2500 Mk., sondern auf 1000 Mk., da 1500 Mk. bisher schon im Voranschlag für Kassenkontrolle eingestellt waren. Wer öffentliche Geldgeschäfte verwalte, müsse dauernd kontrolliert werden. Der Redner erinnerte an den Fall Kautz, der sicherlich unmöglich gewesen fei, wenn man damals schon
sondere desinstzierende und seinen Blättern eine sehr heiftame Wirkung zu, eine Frage, über die sich die Gelehrten auch heute noch nicht einig sind. Da befand sich 1559 ein gewisser Jean Ricot aus Rimes als ftanzösischer Gesandter am portugiesischen Hofe: er empfahl die rätselhafte Pstanze der Wissenschaft, und al- er einen wissenschaftlichen Dictionnaire verfaßte, trat er für sie leidenschaftlich ein, so dah sie fortan den wissenschaftlichen Ramen Ricotiane erhielt und auch das Ricotin, daS erst im 19. Jahrhundert alS daS TabakSgift entdeckt wurde, erhielt feinen Ramen von dem Gesandten Jean Ricot, der somit in die Kulturgeschichte Der Welt eingegangen ist, ein so unfähiger Politiker er auch gewesen sein mag. In Shakespeares Werten findet sich vom Rauchen keine Spur: aber sein Zeitgenosse Sir Walter Ra- leigh, der Grober r Virginiens, war dem neuen Laster schon leidenschaftlich ergeben: als sein Gärtner einst leinen Herrn rauchend fand, stürzte et davon, um mit einem Kübel Wasser wiederzukommen, mit dem er seinen .brennenden" Gebieter begoß. Schon rauchten auch die Kapitäne und Matrosen auf öffentlichen Straßen: daS Volk scharte sich um sie und starrte sie an. Wie heute die Riggertänze, wurde damals die Sitte der IndioS fashionable, die Tabagieen entstanden, die nach Art Der Wirtshäuser eingerichteten Rauchhäuser, und der elegante junge Mann betrachtete eS als einen besonderen Vorzug, rauchen zu können.
.Tabak trinken" nannte man's damals: .Sauferei des Rebels" sagte man in Holland. .Wüste Menschen". erzählt ein Bericht aus dem Jahre 1627, .pflegen den Rauch von einer Pflanze, die sie Ricotiana oder Tabak nennen, mit unglaublicher Begierde und unauslöschlichem Eifer zu trinken unb einzuschlurfen." Gegen diele unauslöschliche Begehrlichkeit halfen weder die staatlichen Verordnungen noch die Erlässe der Päpste: der .neue Unfug" mochte bei der Methode des Tabakanzündens durch Feuerstein, Schwamm und glühende Kohle noch so verheerende Brände zur Folge haben - wenigstens schob man die großen Feuersbrünste immer aufs Raucherkonto - die Menschheit ließ sich nicht abhalten, ihre Pfeife zu rauchen. Rervnisch trieb es der Sultan Murad IV. in Konstantinopel, wo Hinrichtungen, Folterung und Auspeitschung die Tabakanhänger bedrohten: auch die Geschichte des Rauchens hat ihre namenlosen Märtyrer. Wenn sich endlich Die Staaten, Obrigkeiten und Regierungen Dem neuen Gift ergaben, warum geschah es? Man konnte seinen Genutz mit Steuern belegen, und 1627 hatte ein Mantueser Herzog den genialen Einfall, gegen eine jährliche Summe von 16900 Lire den Verkauf von Branntwein und Tabak an einen gewissen Tugnoni zu vergeben: hier liegen die Quellen alles Monopolwesens, das für die Staaten von
Jahr hat die Reichsbahn ihren Bedarf an Beamten reduziert: im Jahre 1927 waren im Bezirk Magdeburg vorgesehen in den DesolbunaSgruppen 9—17a 8859 Beamte, in jedem Jahre eine ruckweise Ermäßigung, jetzt. 1930, sind noch vorgesehen 8197 "Beamte. Tatsächlich sind vorhanden 9161 planmäßige De- amte und 3121 Hilfsbeamte, die im Wechsel mit den Beamten gleichen Dienst leisten. Außerdem benötigt die Reichsbahn im Bezirk Magdeburg eine große Zahl Aushilfsbeamtendiensttuer. Dadurch, daß der Stellenbedarf willkürlich gesenkt wurde, durfte in den meifben Beamtengruppen nur jede zweite oder dritte freiwerdende Stelle wieder besetzt werden, daS ist die Ursache, daß natürlicherweise die für Lohnarbeit zur Verfügung stehenden HllsSbeamten an Oe» oensjähren älter werden mußten. Wenn die Reichsbahndirektion jetzt erklärt, fte wolle die Hilfsbeamten zukünftig in jüngeren Jahren in das Beamt en Verhältnis überführen, so ist das ein Verstoß gegen Treu und Glauben. Sie hat Arbeiter in jungen Jahren animiert, zur Bahn au kommen tn der Erwartung, hier bei Fleiß, Willigkeit und Eignung in späteren Lebensjahren eine gesicherte Existenz zu erhalten. Sie hat die Arbeiter zu Bewerbungen aufgefordert, sie hat die Arbeiter geprüft, sie hat sie in Bewerber- und Anwärterlisten eingetragen, und in jedem die Hoffnung genährt, dah er eine feste Anstellung erhalten würde. Jetzt, nachdem durch die Stellenprogrammpolitik der Reichsbahn die seit vielen Jahren auf Deamtenposten beschäftigten Hilfsbeamten Dienst geleistet haben, sollen sie abgeschoben werden. Der Beamtenausschuß des Einheitsverbandes der Gifenbahner hat nach sachlicher Prüfung dieser Maßnahmen feftge» stellt, .daß es sich hier um einen schwerwiegenden Anschlag auf den Bestand des Deamten- verhältnisses in den unteren und mittleren Gruppen handelt, indem eine ganze Generation von Beamtenanwärtern in Lohnverhältnis einfach beseitigt werden".
Gießener Kreistag.
eine Kontrolle in der jetzt hier vorgeschlagenen Form gehabt habe. Die Revisionen durch die Oberrechnungskammer könnten eine solche laufende und unvermutete Kontrolle nicht ersetzen. Durch die Tätigkeit eines Kreisrechnungsrevisors hoffe man auch zu einer beschleunigten Rechnungslegung und einer einwandfreien Kassen» und Geschäftsführung in allen Gemeinden au kommen. Wenn der Posten vom Kreistag ab» gelehnt werde, müsse die Kreisverwaltung dem Kreistag die Verantwortung bei etwaigen unliebsamen Vorkommnissen überlassen, sie habe rechtzeitig auf wirksame Vorbeugungsmaßnahmen aufmerksam gemacht.
Abg. Schmidt» Gießen (Wirtsch. Vgg.) bemerkte, in dem Antrag der Kreisverwaltung liege zweifellos etwas gutes, aber in Anbetracht der ganzen Wirtschaftslage müsse der Kreistag sich die Schaffung dieser Stelle versagen. Die finanzielle Verpflichtung des Kreises werde durch diese neue Stelle vergrößert, da der Kontrollbeamte doch das ganze vorgesehene Arbeits- Programm nicht allein bewältigen könne und mindestens doch eine Hilfskraft notwendig fein werde. Er (Redner) gebe zu bedenken, ob der Kreistag in der Lage sei, in Anbetracht der gegenwärtigen Wirtschaftslage diesem Anträge zuzustimmen. Es sei die Pflicht der Kreisbehörde, in der erforderlichen Weise durch die vorhandenen Kreisbeamten nach dem rechten sehen zu lassen. Er fei gegen den Antrag.
Oberregierungesrat Ritzel betonte, selbstverständlich werde die Kreisverwaltung ihrer Auf- sichts- und Revisionspflicht in der erforderlichen Weise nachkommen, aber durch einen speziellen Revisionsbeamten könne die Kontrolle noch wirksamer als bisher durchgeführt werden.
fo großer Bedeutung werden sollte. .Toback, des Sol- baten gewöhnliches Konfest", nennt Abraham a Santa Clara das neue Gift, denn die rauchenden Landsknechte des Dreißigjährigen Krieges waren feine toirlfamen Propagandisten. Unb eine Seuche war es, feltfam genug, die den SiegeSzug deS Rauchens unterstützen sollte: die Pest. Denn noch immer erhielt sich der Glaube an die heilsamen Kräfte der Pflanze. Am Anfang deS 18. Jahrhunderts hatte die Welt vor dem Tabak kapituliert. An das Tabaks» lollegium Friedrichs L, bei dem sich auch die Königin die lange Tonpfeife an einem FidibuS entzündete, fei nur vorübergehend gedacht. Ja, die Pfeife war bisher die Herrin gewesen, gegen Ende des 18. Jahrhunderts aber kam die Zigarre auf, und das napoleonische Zeitalter stand unter ihrem Zeichen. Im Brockhausschen Lexikon von 1809 ist die Zigarre noch als eine kuriose Reuheit beschrieben: .... es sind dies Blätter, welche man zu fingerdicken, hohlen Zylindern zusammenrollt und die dann, an dem einen Ende angezündet, mit dem anderen in den Mund gesteckt und so geraucht werden. Diese Art.... fängt an, auch in unseren Gegenden sehr gemein zu werden ....•) ** Immerhin wurde daS Rauchen im Freien noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts als demonstrative Auflehnung gegen die Staatsgewalt betrachtet, jeder öffentliche Raucher war als Demokrat verdächtig. Als diese das Hambacher Fest veranstalteten (1832), befand sich unter den Teilnehmern bet Chemiestubent I. F. Kammerer aus Ludwigsburg, der Dafür ein halbes Jahr Festung erhielt: während seiner Haft erfand er ein Hölzchen, das stch durch Reibung ent- zündete: das Zündhölzchen, das schon einige biS ins Jahr 1680 zurückgehende Vorgänger gehabt hatte, war geschaffen. Man weiß, dah die Berliner Märztage des Jahres 48 durch eine Rede des Fürsten Lichnowskh beendet wurden, der, eigenmächtig genug, dem Volke das Rauchen - .ooch im Tiergarten" - erlaubte. Bezeichnend genug, dah in einem solchen kritischen Augenblick das Volk diese Forderung stellte. In Österreich wurde 1865 die erste wirkliche Zigarette, die sogenannte ordinäre Doppel- z i g a r e 11 e von der Tabakregie erzeugt: sie trug an beiden Seiten ein Mundstück und muhte vor dem Gebrauch in der Mitte gebrochen werden.
Das ist eine kleine Ausbeute aus dem ungeheuren kulturgeschichtlichen Material, das dieses Buch enthält. Es bringt noch mehr: eine lyrische Tabaksanthologie, einen sehr originellen Dildallas zur Geschichte des Rauchens und eine Bibliographie, auS der man die gewaltige Arbeit ermessen kann, die in diesem einzigartigen Werke steckt. Auch die Geschichte des KaffeeS ist an merkwürdigen Momenten reich. Der Verfasser der .Trockenen Trunkenheit" sollte sie erzählen.
Abg. DommerSheim - Langsdorf (Ldbd.) erklärte nod) einmal die Ablehnung deS Antrages durch den Landbund. Er bczweisele auch, ob die Einnahmen für diese Stelle in der erwarteten Weise kommen würden. Im übrigen würden durch diese Einnahmen auS Revisionen in den Gemeinden diese neu belastet. Zum Schluß wieS der Redner daraus hin, daß jetzt schon durch die RamenSunterschrift zweier KreiSkasse- beamten eine weitgehende Sicherungsmaßnahme geschaffen sei.
OberregierungSrat Ritzel machte hieraus die schon am Dienstag berichtete Mitteilung übet die Einstellung des staatsanwaltschastlichen ®r- mittelungsverfahren- in der Sache Kautz und erwiderte sodann dem Abg. DommerSbeim, daß die Belastung der Gemeinden durch Die Revi- sionStätiakeit des beantragten Rechnungsrevisors nicht höher sein werde, als bisher durch die Visitationen, der OberrechnungSkammer, die künftig von dem Rechnungsrevisor au-geübt werden sollten. Die Kosten würden eher geringer werden und keinesfalls eine Reuausgabe bringen.
Abg. Dr. Katz- Gießen (Dem.) bemerkte, eS gebe keine wirksame Kontrolle, wenn ein Beamter eben unterschlagen wolle. Auch die von ber Kreisverwaltung jetzt vorgeschlagene Ein- richtung sei nicht geeignet, Unterschlagungen auS der Welt zu schassen Er bitte von der Anstellung eines solchen Beamten abzusehen und die Kontrolle durch die Beamten der Kreisverwaltung durchzuführen
Abg. Benner-Wieseck (Soz.) erinnerte Daran, dah der vorige Kreistag im verflossenent Jahre einmütig empört war über den Fall Kautz und damals geschlossen Mittel und Wege gefordert habe, um Derartigen Dingen künftig gründlichst vorzubeugen. Die Tatsache, daß die Oberrechnungskammer nur alle Drei Jahve prüfe, sei keine Garantie gegen die Wiederholung von Unterschlagungen. Der Kreistag solle doch im Hinblick auf die trüben Erfahrungen der hier vor geschlagenen Kontrolle zustimmen, Da sie wirksam erscheine und in Der finanziellen Auswirkung für Den Kreis nicht allzuschwer fei.
Abg. Schudt - Gießen (Deutsche Dp.) erklärte, wenn er sich gegen diese Stelle ausspreche, so bleibe er nur konsequent. Als im vorigen Kreistag allgemein Der Schrei nach Dem Kontrolleur ertönte, sei er (Redner) auch damals schon gegen eine solche neue Stelle gewesen, und die damaligen Gesichtspunkte seien für ihn auch heute noch maßgebend. Die jetzigen KreisverwaltungS- organe hätten natürlich auch Die Kontrolle vorzunehmen. Man könne bei Der Ablehnung diese- Postens nicht einfach Dem Kreistag Die Verantwortung auf erlegen.
OberregierungSrat Ritzel betonte, eS sei von Der Kreisverwaltung nicht Daran gedacht. Dem Revisor eine neue Hilfskraft beizugeben, sondern er soll eine solche Hilfe aus dem jetzt schon vorhandenen Personal deS Kreisamts erhalten. Daneben solle auch die Revisionstätigkeit der Kreis- und Staatsbeamten bestehen bleiben.
Abg. Schief er st ein-Lich (Landbd.) bemerkte, im vorigen Kreistag fei er für strengste RevisionStütigkeit eingetreten. Er hoffe jetzt, dah eS dem großen Organisationsgeschick des neuen OberregierungSrats Ritzel gelingen werde, diese scharfe Revision Durchzuführen auch ohne einen neuen Beamten.
Abg. Fenchel- Oberhörgern (LanDbD.) bestätigte, daß im vorigen Kreistag allgemein eine schärfere Kontrolle bedangt worben fei. Es fei jedoch festzustellen, dah vor dem Bekanntwerden des Falles Kauh überhaupt keine Revisionen der KreiSverwaltung bei dem Kreiskasserechner stattgefunden hätten. Er bedauere, Daß auch die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittelungen in Der Sache Kauß bisher keinen Erfolg hatte und nun das Verfahren einstelle. Um so jneljr sei eS nun Pflicht der Vertreter Des Kreises, nachzuprüfen, ob und inwieweit Diejenigen, Die eS früher an Der erforderlichen Kontrolle hätten fehlen lassen, zur Schadensdeckung herangezogeir werden könnten. Der Landbund werde beim
Napoleonische Lleberbleibsel.
3n Livorno hat Dieser Tage eine merkwürdige Versteigerung stattgefunden. Veranstaltet wurde sie vom Kämmerer der genannten Stadt, und ihr Objekt waren vier Kisten, enthaltend insgesamt 800 Pfund — Gewürznelken. Ist eS schon an und für sich eigenartig, wenn die Verwaltung einer Stabt „auf diesem nicht mehr ganz ungebräuchlichen Wege" ein so großes Quantum ausgerechnet dieser Speisezutat losschlägt, so gewinnt die ganze Angelegenheit durch die geschichtlichen Umstände, die sich an sie knüpfen, einen ganz besonderen Reiz. In der Tat bedeutet diese Versteigerung nicht mehr und nicht weniger als Die letzte LiquiDation eines napoleonischen Machtspruches.
Infolge ber unzähligen Kriegsbeschlagnahmen englischer „Schwarzware" hatte der Schah Bonaparte- auch über 900 000 Pfund Gewürznelken -u verfügen, die der Amortisationskasse in Verwahrung gegeben waren. Was sollte mit diesem ungeheuren Vorrat geschehen? Der Kaiser, der sich um alle- persönlich kümmerte, befahl Darauf eineS Tages, dah eine Reihe ihm botmäßiger Städte, ditz er in drei Klassen einteilte, diese Gewürze gegen bar kaufen sollten. In der ersten Klasse, der je 40 000 Pfund zugedacht waren, figurierten Madrid, Antwerpen, Daris. Trieft, Danzig, Reapel und Hamburg. Dre Städte Der zweiten Klasse: Ranies, Bordeaux, Marseille, Genua, Dayenne, Livorno, Venedig. Lübeck, Ancona unb Ragusa erhielten je 20 000 Pfund. Je 9000 Pfund waren Toulouse, Montpellier, Rom, Mailand, Turin, £h)on, Straßburg, Pam» pelona, Dittoria, Augsburg, Frankfurt, Leipzig, Warschau und Krakau zugedacht.
Allerdings wurde diese sonderbare Idee Bonapartes nur zum Teil ausgeführt: nur einige italienische Städte, Darunter Livorno, sowie Paris und Bordeaux mußten ihr Quantum Gewürznelken abnehmen. In Livorno war davon bis heute noch ein Rest von 800 Pfund übriggeblieben. Anfang dieses Jahres untersuchte ein Sachverständiger Den Inhalt der in einem Do» denwinkel des Rathauses verstaubten Kisten und fand ihn noch durchaus brauchbar. Aber die Versteigerung blieb ein Hieb in die Luft: zum Dersteigerungstermin erschien überhaupt kein Dieter! Unb so beschloß der Stadtrat, die napoleonischen Lleberbleibsel den flammen zu übergeben. So ist auch die letzte gewissermaßen „lebende" ReminifAenz an Bonapartes „gepfefferte" Regierungsmnst zu Asche geworden.


