Aus der Provinzialhaupistadi.
Gießen, den 5. Juni 1930.
Hofoper.
Sonntagabend. Die Sonne ist soeben unterge- gangen, und itf) öffne das Slüdjenfenfter, dos auf das Gewirr der f)öfe des Viertels geht. Und bleibe erstaunt lauschend stehen. Eine Frauenstimme, hell, hoch, geschult, klingt leidenschaftlich bewegt aus dem fo Jmr nicht künstlerischen Milieu.
Wer singt so? Und wo? Nun find es zwei Sin- gende. ein Tenor ist eingefallen, und ein Orchester begleitet--ich blicke suchend nach rechts, nach
links, nach unten, nach oben — und do habe ich's.
Steil, unfdhjn, f)od) und eckig ragt der Kasten eines Hinterhauses auf. Und auf seines Daches Zinnen, zwischen Schornsteinen und unter einem wahren Drahtverhau von Telegraphen-, Telephon- und Radioleitungen sitzt auf Stühlen eine behagliche Familienrunde um den Lautsprecher. Sitzt da im letzten Tagesschein und loht sich aus dem Frankfurter Rundfunk eine Oper Vorspielen. Freiluft- «Heater mit Sesselplatz. Und ich genieße auf meinem Stehplatz als Zaungast (oder wie fagt man in bit- fern Falle? das neue Wort fehlt noch), was vom hohen Olymp herab beschert wird.
3d) bin nicht die Einzige. Allmählich kehren die Ausflügler dieses unwahrscheinlich schönen Sommertages heim und alles hält Ausschau nach der erstaunlichen- Hofoper, und daS Stammpublikum auf feinen Sessclplähen in luftiger Höhe ist Zielpunkt aller suchenden Blicke.
Die Dämmerung fallt ein. letzte Schwalben schießen jauchzend zwischen Drähten und Schornsteinen einher, und während die Beleuchtunos- «ssekte am Himmel wechseln, bis ein vollendet bühnenmäßiger Mond über den Dächern auftaucht, ist die Dunkelheit hcreingebrochen und macht daS Stammpublikum auf seinen Scsset- plätzen zu dunsten Schatten.
Don mir aus gesehen: zu Schwarzhörern. Aber daS liegt natürlich an meinem Standpunkt. Was sehr besinnlich ist. Doch man hat nicht die Zeit, über so etwas nachzudenken. Lind im übrigen ist die Oper zu Ende, das hohe HauS ist nicht vom Publikum geräumt, sondern in diesem Falle gefüllt worden, und ein Heimchen zirpt laut und schrill feine höfiche Aachtmusik als Finale. E. M.
Kamilientag der Matthäusgemeinde.
Familientag nennt die Matthäusgemeinde ihre jährliche sommerliche Zusammenkunft im Philosophenwold, um dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß solche Zusammenkunft etwas anderes ist, als der Gemeindcabend, der gewöhnlich im Anfang der Adventszeit von ihr veranstaltet wird. Alles ist beim Familientag familiär eingestellt. Wie eine große Familie sollen sich groß und klein am Kaffeetisch zusammenfinden bei fröhlicher Unterhaltung, bei Musik und Gesangsvortrag: das Ganze eine Familie, eine DolkSgemeinschoft, die alle bindet und vereint.
DaS Charakteristische deS Familientags ist das Zusammensein mit den Kindern. Unter der Führung der Kindertirchendomen, der „Fräuleins", wie sie von den Kindern genannt werden, waren die Kleinen in langem Zug nach dem Philosophenwald gewandert. Fröhliches Spiel überall in den einzelnen zehn Gruppen! Sinnig die Mädchen im Spiel, lebhaft und temperamentvoll die Buben. Hell leuchtet die Sonne über dem Grün
deS WalbeS und dem fröhlichen Spiel der Kinder: alle Sorge um daS Wetter war behoben. Die größte Freude aber ist jedesmal die Austeilung der Brezeln, die die Männer- und Frauenvereinigung den Kindern der Kinderkirche stiftet. Dann aber flinaS im Sturmschritt hinein in den Saal, wo die Eltern saßen, damit man ja noch etwa- von dem Programme deS Tages für sich ergattere.
3m Saal hatte sich eine zahlreiche Gemeinde versammelt. Diele von der Gemeinde saßen draußen, weil der Saal nicht alle faßte. Mitglieder deS DereinS für christliche Musik bildeten diesmal die Kapelle: sie boten Ausgezeichnetes. Ein Rhythmus und ein kraftvoller Wille in der Darbietung, der verriet, daß wir es hier mit ehemaligen Militärmusikern und einer guten Schulung zu tun hotten. Die Darbietung der Musikstücke fand lebhaften Beifall bei der zahlreichen Gemeinde.
Die Gemeinde begrüßt« mit herzlichen Worten der zweite Dorsitzende der Männer- und Frauenpereinigung, Herr Lehrer H ö r r. Der erste Dor- sitzende, Herr Derusslehrer W e h r h e i m , sprach über .Männer und Kirche". Gr wies darauf hin, daß die Männer in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr die Fühlung mit der Kirche verloren haben, daß die materialistische Gesinnung unserer Zeit, der Athei-mus, die antitirchliche Propaganda, vor allem dos wirtschaftliche Leben die Ursachen dieser Entfremdung sind: er wies ferner darauf hin, daß unsere besten und größten Männer im Glauben gestanden und zu ihrer Kirche geholten haben, daß unser Dolk in erster Linie einer Gesundung von innen her, aus den Kräften deS Glaubens bedürfe, daß der Kampf gegen den Unglauben, die antikirchliche Propaganda, der Kampf für Erneuerung des Dolkslebcms aus den Kräften des Evangeliums, die Erfüllung der Politik mit christlichen Grundsätzen gerade besondere Aufgaben an die evangelifche Männerwelt stelle. Welch imponierendes Zeugnis katholischen DolkSwillens sind die großen Katholikenversammlungen. Aehnliche Zusammenfassung des evangelischen DolkSwillens sind geschaffen in den Verbänden der evangelischen Männervereini- ffungen; von hier aus muß Einfluß gewonnen werden auf den Oeffentlichkeitswillen unseres DolkeS. Ein solcher Verband evangelischer Männerte reim gun^ besteht auch in Hessen: bis vor kurzem war die Männer» und Frouenvereinigung der Matthäusgemeinde die einzige oberhessische Dereinigung, die dem Derbande angehörte. Der Dortcagende forderte auf zu einer zahlreichen und lebendigen Beteiligung der evangelischen Männer an dieser Aufgabe: in ganz anderer Weife als seither, stärker und lebendiger müsse man den evangelischen Willen hineintragen in die große Oefsentlichkeit.
Pfarrer Mahr alS der Gemeindepfarrer sprach über „Frauen und Kirche". Wir geben nur einen kurzen Auszug, da wir hören, daß die Ansprache in dem Gemeindeblatt „Die Matthäusgemeinde" zum Abdruck kommt. Der Redner führte aus, daß Frauen und Kirche, Frauen und Frömmigkeit allezeit zusammengehört haben, daß die Welt deS Hauses die Welt der Frau sei: ein kleiner Ausschnitt wohl aus dem Leben, aber eine wunderbare und die tiefste Welt, die es gebe. Was hier die Frau durch die Welt der Familie dem Volk« schenke, sei nicht auszuschöpfen. Der größte Reichtum der Frau ist ihr Herz, ihre
eigentlich« Schönheit di« Füll« der Lieb«, die sie verströmt, ihr tiefsteS Glück die leuchtenden Augen der Kinder und die dankbar« Treue ihres Mannes. DaS alles aber sei der Frau nur möglich in engster Derbindung mit den Quellen der Ewigkeit mit dem Gotteswort, daS die Kirche verkündet, in der Gemeinschaft der christlichen Gemeinde.
Frau Flimm (Gießen) hatte die Sopranpartie übernommen und fang zwei Löns-Lieder mit ihrer klangvollen, wohltuenden Stimme. Frl. Anna D a r t h (Frankfurt o. M.) sang Schuberts .Du bist die Ruh'" und .Frühlingsglauben". Eine außerordentlich gut geschulte Altstimme, rein im Ansatz, lebendig und bewegt in der Dynamik. Ganz außerordentlichen Beifall fanden die Sängerinnen in den beiden Duetten: daS war ein Zu- fammenklingen von seltener Einheit und Reinheit. Der Beifall wollte nicht enden. Herr Heinz Simon (Gießen) sang Loewes .Die wandelnde, Glocke", .Der getreue Eckhard". Wir kennen' seinen sympathischen Bariton aus der Kirche: diesem Sänger begegnet man gern in unseren kirchlichen Programmen. Frau Elfriede Fischer (Gießen) begleitete auf dem Klavier mit gewohnter Meisterschaft: ihre Begleitung ist stets dezent, sich lebendig anschmiegend der Sing- ftimme. Die Spielschar der 3ugendvereim- gung brachte die erste Szene aus .Spengler- meister Dimbächer", farnoS gespielt: die Mädchen der 3ugendvercinigung tanzten Reigen und trugen Gedicht« vor. Alles in allem ein wohlgelungener Tag! -y-
Dornotizen.
--TageSkalender für Freitag. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: Tonfilm „Wien, du Stadt der Lieder". — Astoria-Lichtspiele: „Der Sheriff von Arizona" und „Diolantha".
— Stadttheater Gießen. Man schreibt unS: DaS Tiroler Dolksstück .Flieg, roter Adler von Tirol", mit dem am kommenden Dienstag daS Stabttheater seine Sommerspielzeit beginnt, hat durch feine starke Theaterwirksamkeit sich sehr rasch nach der Uraufführung in Bamberg einen sicheren Platz auf den Spielplänen fast aller deutscher Theater errungen. Die Gießener Ausführung leitet Peter Fas sott als Regisseur. Der Dorverkaus hat bereits begonnen. Die Aufführung ist zugleich die erste im diesjährigen Sommerabonnement.
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•• Akademische Berufung. Don der Pressestelle der Landesuniversität wird mitge- teilt: der ordentliche Professor an unserer ilni- versität, Dr. Richard Laqueur, hat einen Ruf auf den Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Universität Tübingen erhalten.
*• Polizeipersonalien. Ernannt wurden die Polizeihauptwachtmeister Hilmar E i l - Hauer in Gießen und Wilhelm Heutzen- rüber zu Dad-Rouheim zu Polizeimeistem mit Wirkung vom 1. April ab.
Eine Erwerbslosenkundgebung sand gestern mittag vor der Alten Bürgermeisterei in der Gartcnstraße und anschließend vor dem Stadthaus, Bergstraße, statt. Dort erschienen unter Führung der kommunistischen Stadtratsmitglieder K ä st - ner und Lepper etwa 100 Erwerbslose, die zunächst im Stadthaus, Gartcnstraße, durch eine Kam- Mission bei Bürgermeister Dr. Seid und anschließend im Stadthaus, Bergstraße, bei Oberbürger
meister Dr. .Heller die Forderung aus Gewährung einer Pfingstbeihllfe in Höhe eine, »Unterstützung für die Erwerbslosen geltend machen ließen. Das Wohlfahrtsamt zahlt zur Zeit als Wochen- unterftützuna an die Erwerbslosen den Betrag von rund 5000 Mark aus. Da die Stadtverwaltung über Mittel zur Bewilligung einer Sonderunterftützung nicht verfügt, wurde die Forderung der Kommission abgelehnt.
** Sie Hebregister für d i e Handelskammerbeiträge liegen vom 7. bis 16. 3uni zur Einsicht offen. Interessenten feien auf die heutige Bekanntmachung der Industrie- i.nb Handelskammer Gießen hingcwiefen.
** Sic Zahlung rückständiger Gel* der für elektrische Stromlieferung betrifft eine Bekanntmachung der Sirdtion des städtischen Elektrizitätswerks in unserem heutigen Anzeigenteil. Auf die Bekanntmachung fei besonders aufmerksam gemacht.
•• Preußisch-Süddeutsche Klaffen« lotterte. Sic Erneuerung der Lose zur 3. Klasse muh planmäßig späte st en S bis zum 11.3 uni 18 Uhr bei Derlust deS Anrechts in der zuständigen Lotterie-Einnahme erfolgen. Sie Beachtung dieser Frist wird namentlich bei der jetzt beginnenden Reisezeit dringend empfohlen.
Litt matumderOarmstädiei-WirischaflS- verbände.
WER. Darmstadt, 5. 3uni. Sic 3ndustrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer, die 3ndustriellen-Dereinigung, der Großhandel, Einzelhandel, Hausbesiherverein, Gewerbeverein und Handwerkervereinigung haben gegen die Verfügung des Oberbürgermeisters auf Einstellung der Unterhaltungsarbeiten, der Rechnungszahlungen, der freiwilligen Leistungen in der Wohlfahrtspflege und der Baukostenzuschüsse Stellung genommen. Ganz abgesehen davon, daß die 'Derfügung den Eindruck einer überstürzten und durch die Art ihrer Qkroffcnt- lichuna einer das Ansehen der Stadt außerordentlich schädigenden Maßnahme mache, fei ihr Zn- Halt bedenklich, weil sich der Oberbürgermeister über die Rechtsansprüche der betroffenen Kreise einfach hinweg- s e tz e. Sie genannten Körperschaften fordern, daß alle Verfügungen des Oberbürgermeisters unverzüglich zurückgenommen werden. Sollte bis Pfingsten eine entsprechend« Maßnahme der Stadt nicht erfolgt fein, fo halten sich die Körperschaften für berechtigt, daraus zu schließen, daß der Oberbürgermeister nicht gewillt ist, den berechtigten Wünschen auf Zurücknahme zu entsprechen. Für diesen Fall werden alle weiteren Schritt« Vorbehalten.
Schöne weiße Zahne. „Auch ich möchte nicht verfehlen, Ihnen meine größte Anerkennung und vollste Zufriedenheit über die „Ehlorodont-Zahnpasle" zu übermitteln. 36 gebrauche „Ehlorodont^ schon seit Jahren und ich werde ob meiner schönen wcihcn Zähne oft beneidet, die ich letzten Endes nur durch den täglichen Gebrauch Ihrer „Ehlorodont-Zahnpaste" erreicht habe." E. Relchelt, Schwerz, Amt Niemburg, Soalkreis. — Ehlorodont: Zahnpaste 60 Pf. und 1 Mk., Zahnbürsten, Mundwasser 1 Mk. bei höchster Qualität. In allen Ehlorodont« Derkaussstellcn zu haben.


