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Aus der Provinzialhaupifiadi

Gießen, den 6. März 1930.

Hausbesiheriagung in Gießen.

Dieser Lage hielt der Gießener Haus­besitzerverein unter der Leitung seines 1.Vorsitzenden, Stadtratsmitglied H. Launs- pach, seine 2 3. Hauptversammlung im HotelHindenburgs ab.

3u Beginn der Versammlung erstattete der Vorsitzende Launspach den

Jahresbericht.

Er führte dabei u. a. folgendes aus: Das Iahr 1929 stand für den deutschen Haus- und Grund- besitz unter dem Zeichen des Kampfes. Der ge­samte Mittelstand. Hausbesitz, Handwerk und Gewerbe, alle hatten gemeinsame Sorgen und berechtigte Wünsche. Betrachtet inan die wirt­schaftspolitischen Verhältnisse in Deutschland-, so kann der unparteiische Sozialpolitiker die Fest­stellung machen, daß der Kampf nicht mehr im Sinne des strengen Marxismus dem Kapital als solchem gilt, sondern daß er zu einem Bingen, um den Kopitalbesitz im Interesse politischer und wirtschaftlicher Machtgewinnung geworden ist. Es ist für unseren republikanischen Dolks- stoat Selbsterhaltungspflicht, wenn er den breiten Schichten des Mittelstandes ihre wirtschaftliche Selbständigkeit und Freiheit wiedergibt und ihre Existenz nicht untergräbt, auf deren Leistungs­fähigkeit Staat, Länder und Gemeinden keines­wegs verzichten können.

Die gerechte Forderung der Aufhebung der Wohnungszwangswirtschaft ist in der gewünschten Weise bisher nicht in Er­füllung gegangen. Hieraus läßt sich auch die schlechte Lage am Kapitalmarkt und bei dem Bauhandwerk erklären. Schon aus diesem Grunde müßte die freie Wohnungswirtschaft wieder ein­geführt werden, denn nur dann wird sich auch die Bautätigkeit wieder heben. Aber trotz wieder­holter Eingaben hat es die hessische Regierung nicht für nötig befunden, Abhilfe zu schaffen. Die einzige Erleichterung, die ober kaum in Frage kommt, ist die, daß in Gießen Wohnungen über 1800 Mark und Geschäftsräume über 4800 Mark Friedensmiete aus dem Mieterschuhgesetz herausgenommen worden sind. Diese sog. Locke­rung ist aber nur erfolgt, um die Hausbesitzer zu beruhigen; man will ihnen den guten Willen zeigen, wenn man auch schon vorher weiß, daß diese Lockerung praktisch keinen Wert hat. An eine wirkliche Lockerung oder gar Auf­hebung der Zwangswirtschaft denkt der hessische Minister gar nicht, obgleich es für größere Woh­nungen heute oft schon schwer fällt, einen passen­den Mieter zu bekommen. Geschäftsräume stehen bereits in größerer Anzahl leer. Die Reubau- wohnungen müssen trotz der angeblich großen Wohnungsnot, die hier bestehen soll, meist an Auswärtige vermietet werden, weil sich hier keine Mieter dafür finden. Es ist sicher, daß genug Wohnungen vorhanden sind, sobald die Zwangs­wirtschaft aufgehobeü wird. Der heutigen allge­meinen Entwertung des Haus- und Grundbesitzes, seiner Ausschaltung aus dem Kapitalmarkt und den unübersehbaren folgenschweren Auswirkungen der bestehenden Wohnungswirtschaft auf das Ge­samtgefüge der deutschen Wirtschaft muß mit Entschiedenheit entgegengetreten und die freie Wohnungswirtschaft mit Rachdruck gefordert werden.

Der Boden hunger der Gemeinden hat mit der Zeit groteske Formen angenommen und vielfach zu einer Aeberschuldung der Ge­meinden geführt, wodurch die Steuerlasten für die Bürgerschaft verstärkt wurden, was zu einer wirtschaftlichen und finanziellen Katastrophe füh-

Sie blonde Sklavin.

Roman von Hermann Weilt.

23 FortsetzungJladiDrurf verboten

Seine Hände sanken herab. Er wollte etwas sagen, brachte aber keinen Laut mehr über die Lippen.

Wortlos wandte er sich ab.

..Run, habe ich vielleicht gelogen?" sagte Honnecker in mitleidiger Ironie. Er machte eine verächtliche Gebärde zu Eva Witte hin.Wenn ich nicht gewesen wäre, säße sie im Gefäng- nis! Aus Mitleid mit ihr habe ich die Sache vertuscht ..., vor Gericht bezeugt, daß Rein­hold Witte sich selbst erschossen habe, als Dank dafür macht sie nun solche Geschichten! Das hat man von seiner Gutmütigkeit?"

Breitspurig, von der Gewißheit seines Sieges geschwellt, stand Honnecker da. Den beiden Herr­schaften hatte er ja die Suppe gründlich ver­salzen! ... Daß Schulhofs nach den Eröffnungen, die er ihm gemacht hatte, von jetzt an auf Eva verzichten würde, stand für ihn fest, llnö Eva? ... Sie würde froh sein, wenn sie nach dieser Blamage bei ihm, Honnecker, bleiben konnte.

Die Sache stand für ihn gut, besser als je?

Felix Schulhofs griff nach seinem Hut, der ihm vorhin entfallen war

In ihm war eine grenzenlose Leere. Er war keines klaren Gedanken mehr fähig. Rur fort wollte er ..., fort aus diesem Zimmer, wo die Wände auf ihn einzudrücken schienen und er zu ersticken meinte.

Da vernahm er einen herrischen Ausruf Honneckers:

Wohin willst du?"

Er wandte sich um und sah Eva Witte zur Tür wanken. Sie gab keine Antwort.

Honnecker vertrat ihr den Weg

..Du bleibst!"

Ein letzter Widerstand schien ihr neue Kräfte zu verleihen. Ihre Gestalt straffte sich.

>'Ich gehe fort!" sprach sie fest.

Du bleibst! sage ich noch einmal!

-Du kannst mich nicht halten?"

Er packte sie rücksichtslos an der Schulter.

Weiht du. was dir geschieht, wenn du mir nicht parierst?"

Sie entwand sich seinem Griff.

Bisher habe ich deine Drohungen gefürchtet. Heute schrecken Sie mich nicht mehr! Was kann mir nach die;er Stunde noch Schlimmeres wider­fahren!"

Verzweifelter Schmerz schrie aus ihren Wor­ten. Felix Schulhofs, der regungslos dastand wurde seltsam ergriffen. Mitleid durchströmte ihn heiß.

..Was dir widerfahren kann?" schrie Honnecker wutentbrannt. ..Das wirst du erfahren wenn du gehst!"

ren muß. Das von den Gemeinden weit über ihren Bedarf angekaufte Bodengelände liefert den sicheren Beweis, wie zielbewußt sie boden- reformerische Thesen in die Praxis um» gesetzt haben. Die Finanzierung dieser Käufe wurde zum größten Teil aus dem Auskommen der Realsteuern und sonstigen Abgaben be­stritten. aber auch auf dem Wege der Enteig­nung und durch Spekulationen, vielfach auf Kosten des mittelständischen Grundbesitzes, durch­geführt. Richt nur den bodenreformerischen Ge­sehen. sondern auch der Damaschkeschen Bodenreform bewegung gilt der Kampf des städtischen und ländlichen Grundbesitzes.

Rur Einigkeit und fester Zusam­menschluß des im Mittelstand verkörperten Bürgertums in allen feinen Schichten kann dazu beitragen, daß die immer verhängnisvoller wer­dende Wirtschafts- und Steuerpolitik durch Ge­genwehr verhindert werden kann.

Allgemeine?.

Irn vergangenen Iahre wurde die Grund­steuer für den bebauten Grundbe­sitz von der Stadt von 22 auf 25 Pf. pro 100 Mark Steuerwert erhöht und für den land- und forstwirtschaftlichen Grundbe- s i h von 32 auf 40 Pf. Der Wasf erpreis für den Kubikmeter stieg von 20 auf 25 Pf. Diese Erhöhung hatte der Hausbesitzer allein zu tra­gen, es war ihm keine 2lbwälzungsrnöglichkeit gegeben.

Seitdem der Wasserverbrauch von dem Hausbesitzer uneingeschränkt zu tragen ist, ist der Verbrauch von 1914 bis heute über 100 Prozent gestiegen, obgleich die Einwohnerzahl nur um etwa 1000 Personen gewachsen ist.

Ob und wie der Hausbesitzer dieses Iahr wie­der belastet werden soll, steht noch nicht fest; fest steht es für uns jedoch, daß von unserer Fraktion jeder Versuch auf Reubelastung des Besitzes auss äußerste bekämpft werden wird.

Es muh auch einmal in der Oeffentlichkeit ge­sagt werden, daß Gießen bei der neuen Be - soldungsordnung in Die ^-Klasse gekom­men ist und somit die Beamten ihren Woh­nungsgeldzuschuß nach dieser Klasse berechnet bekommen, während die Mieten immer noch nach der O-Klasse bezahlt Werdern Es ist sehr be­dauerlich, daß es trotzdem immer noch Beamte gibt, die von ihrem Vermieter verlangen, daß er ihnen die Wohnung vollständig in Ordnung hält, selbst wenn der Vermieter eine arme Witwe ist, die ihr Leben nur kümmerlich fristen kann. Daß solches Verlangen nicht gebilligt werden kann, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Innere vcreinsangelegenheilen.

Es wurden im verflossenen Jahre ad gehalten eine Hauptversammlung, eine Mitgliederversamm­lung und vier Vorstandssitzungen. Die Geschäfts- stelle wurde in verstärktem Maße in Anspruch genommen, ganz besonders dann, wenn es galt, Steuererklärungen abzugeben, oder Gebnhren-Ver- teilungen oorzunehrnen. Weiter hat es der Verein an Eingaben an Behörden nicht fehlen lassen, wenn es galt, die Interessen seiner Mitglieder wahrzu­nehmen.

2Rifglieberberoegung.

Die Mitgliederzahl betrug am 31. Dezember 1928 1027, neu hinzugetreten sind 43, durch Tod, Ver­kauf, Zahlungsunfähigkeit usw. schieden aus 42, so daß die Mitgliedcrzahl am 31. Dezember 1929 1028 beträgt.

Es müßte eine moralische Pflicht für jeden Haus­besitzer fein, der Hausbesitzerorganisation anzuge hören, denn nur durch Macht ist das Ziel der freien Wirtschaft zu erreichen.

afsenberrcht U"d Wahlen

Aus dem Kassenbericht, der von Bauober­inspektor Matheis vorgetragen wurde, ging her-

Eva Witte gab ihm keine Antwort. Als sei er nicht da, schritt sie an ihm vorbei, bet Türe zu. Dort drehte sie sich kurz um. Ein weher Blick streifte abschiednehmend Felir Schulhofs.

Eva!"

Wie ein Alarmruf gellte die Stimme Schnl- hofss durchs Zimmer. Mit ein paar Schritten war er an Evas Seite.

Ich gehe mit dir, Eva!"

Fassungslos sah sie ihn an. Etwas wie Freude huschte über ihr verstörtes Gesicht. Dann schüt-. telte sie das Haupt.

Ich gehe mit dir!" sagte Schulhofs nochmals bestimmt und ergriff ihre Hand.

Honnecker hatte sich in einen Sessel geworfen. Er schüttelte sich vor Lachen. Aber aus diesem Lachen klang drohend, wie unterirdisches Beden, der wilde Grimm über das Mißlingen seines Planes.

Wundervoll? Der reinste Film!" rief er schal­lend.Man könnte heulen vor Rührung!"

Plötzlich sprang er auf. Sein Gesicht war in tierischer Wut entstellt. Drohend schüttelte er die Faust.

Ihr sollt mich kennenlernen! Zugrunde richte ich euch beide! Darauf könnt ihr euch ver­lassen!"

XXII.

Anfangs waren sie die Straße hahin- gehastet, als könnten sie sich nicht schnell genug von Honneckers Hause entfernen. Run aber ver­langsamten sie ihre Schritte mehr und mehr.

Sie hatten noch nichts miteinander gesvrochen. Es war, als sei alle Kraft, alles Leben in ihnen erloschen. Zwei Zerbrochene. Dom Schicksal Ge­schlagene, so schleppten sie sich hin.

An einer Straßenkreuzung blieb Eva Witte stehen. Mit hilfloser Gebärde streckte sie Schul­hofs ihre Hand entgegen.

Adieu? ..." sagte sie leise.

Wohin willst du gehen?"

Sie sah zu Boden.

Ich. weiß es nicht ..."

Er hielt ihre kalte Hand in der seinen. Willst du nicht bei mir bleiben. Eva?" Ein harter Zug war um ihren Mund. 2ch habe dir schon genug Unglüd gebracht, Felix... ich muß meinen Weg jetzt allein gehen!" Schmerzbewegt sah er ihr in die vergrämten Züge.

Was willst du beginnen?" fragte er nach kurzer Pause.

Sie zuckte resigniert mit den Schultern.

..Ich weiß es nicht... Lange wird... er ja nicht zögern, seine Drohung auszuführen ..."

Schulhofs senkte, wie von schwerer Last gebeugt, ben Kopf. Er atmete schwer. Dann aber brach es aus ihm, leidenschastlich. überstürzt:

Wie war das möglich. Eva... das Schreck­liche? ... Ich kann es nicht fassen! ..."

Eva Witte gab nicht gleich Antwort. In ihren Zügen arbeitete es wie in einem schweren Kampfe.

vor, daß die Siaffc wiederum ein Plus aufzuweisen hat. Kasse und Bücher wurden von den gewählten Revisoren Herbert und Götz eingehend geprüft und in bester Ordnung gefunden.

Bei der Ersatzwahl für die ausschei­denden Vorstandsmitglieder wurden die Herren Matheis, Ringel und S i l b c r e i s e n wiedergewählt. Neugewählt wurde Oberingenieur Stadtratsmitglied Kurz.

3tc Aussprache.

An der freien Aussprache beteiligten sich in her­vorragender Weise die Stadtratsmitglieder PH. N i - colaus, Kurz und Bäckerobermeister Wilhelm Loeb er sowie Bergassessor Petri und Druckerei- besiher Klei n. Alle Ausführungen galten dem Kampfe gegen die Zwangsgesetze und gegen die steuerliche Ueberlaftung des Hausbesitzes, wie der gesamten deutschen Wirtschaft.

*

** Zusammenschluß alter Soldaten. Im größten Teile des Reiches hrrben sich, wie man uns mitteilt, die ehemaligen 4. Gardisten und Kriegsteilnehmer des Res.-Jnf.-Regts93 (Tochterregiment) als Reichsbund 4. Gar­disten mit dem Sih in Berlin in Gaue und Ortsgruppen zusammengeschlossen. Runmehr haben sich auch die ehemaligen Angehörigen beider Regimenter in Hessen-Rassau, Kreis Wetz­lar, Hessen und den angrenzenden Teilen zu- sammengefunden und den Gau Hessen-West mit bem Sitz in Gießen, sowie den Gau Hessen-Ost mit dem Sih in Kassel gegründet. Den Vorsitz des Gaues Hessen-West hat Oberst a. D. Kock in Gießen übernommen. Der Bund ver­folgt den Zweck, die Lieberlieferung der Regi- meuter aus Kriegs- und Friedenszeit treu zu bewahren, kameradschaftliche und vaterländische Gesinnung zu pflegen, bedürftige Kameraden und deren Hinterbliebenc zu unterstützen und den Wehrgedanken vorwärtszutragen. Am 28. und 29. Mai soll in Berlin eine Wiedersehensfeier der alten Kameraden beider Regimenter statt- finden.

Evangelischer Bund. Rach längerer Unterbrechung fand am vorigen Sonntag in der Ioßanneskirche wieder ein Familienabend statt. Rach einem eindrucksvollen Orgelspiel richtete der Vorsitzende des Zweigvereins herzliche Be­grüßungsworte an die sehr zahlreich Erschiene­nen. Darauf hielt Frau Lina L e j e u n c, Eisenach, einen Vortrag über das Thema: ..Freude als Quelle der Kraft". Die Rednerin führte etwa aus: In der heutigen Zeit wird die Pflege des Körpers als Quelle der Kraft sehr betont, um den schweren Kampf ums Dasein besser bestehen zu können. Doch bringt diese Körperkultur nicht die ewigen Kräfte, wonach die Seele des Menschen verlangt. Als Voraussetzung zur Erschließung dieses Freuden- guells ist es notwendig, daß eine Freude am Dasein an und für sich bestehen kann, was leider mancherorts, z. B. in den armen Thüringer Dörfern wegen des allzu geringen Verdienstes in Der Heimindustrie nicht möglich ist. Ebenso kann d a keine rechte Freude auskommen, wo für große Familien nur ein bis zwei Wohn- räume zur Verfügung stehen (wozu durch sta­tistische Angaben erschreckend traurige Bilder ent­rollt wurden). So wird oft der Alkohol als Quelle der Freude angesehen. Ferner werden jetzt die Menschen vielfach irregeleitet, wie das z. B. aus dem ., Freidenker-Vaterunser" zu er­sehen ist. Man muh besonders die Iugend da­vor warnen, sich falschen Freuden hinzugeben, die nur zerstörend und zersetzend wirken. Welches sind nun die Brunnenstuben echter, wahrer Freude? In eindringlichen, herzlichen Worten wies die CBortrageiiDe auf den hin. der für uns die reinste und stärkste Quelle der Kraft ist: Iesus von Razareth. Auch verstand fie es,

Endlich sagte sie mit seltsam harter, klangloser^ Stimme:

Ich will Dir erzählen, wie alles gekommen ist. Vielleicht ist es gut, wenn du es erfährst... da­mit du nicht mit gar zu bitteren Empfindungen an mich zurückdenkst!"

Sie gingen weiter, gelangten in eine breite Allee, in der nur wenige Häuser standen, und schritten langsam, in ihre Gedanken verstrickt, dahin.

Roch immer hatte Eva Witte nicht zu sprechen begonnen. Es war, als fände sie keine Worte, um das zu sagen, was gesagt werden mußte. Schulhofs ließ sie gewähren; ec fragte nicht. Er ahnte, was in diesen Augenblicken in Eva vor­ging.

Plötzlich sing sie an. Sie sprach ruhig, sach­lich, als schildere sie ihm Leben und Schicksal einer Fremden.

Meine Eltern, die mich sehr geliebt hatten starben früh. Allein stand ich im Leben. Ich war jung, unerfahren, als Reinhold Witte in mein Leben trat. Er war seit langem der erste Mensch, der gut zu mir war. Sein frisches, unbekümmer­tes Wesen nahm mich gefangen. Ich ahnte da­mals nicht, daß diese geflissentlich zur Schau ge­tragene Forschheit, dieses Draufgängertum nur Maske waren; daß er im Innern ein schwacher, charakterloser Mensch war. Er war Schauspie­ler und zu der Zeit, als ich ihn kennenlernte, an einer großen Berliner Privatbühne en­gagiert.

Ich wurde seine Frau. Anfangs schien alles gut zu gehen; aber bald zeigte sich mir das wahre Wesen meines Mannes. Er vernachlässigte mich, wurde unfreundlich, brauste bei dem geringsten Widerspruch auf und blieb oft die ganze Rächt außer dem Hause, llnö wenn er Dann morgens heimiam, betrunken, übernächtig, in sinnlos ge­reizter Stimmung, ließ er seine schlechte Laune an mir aus. Ich bemerkte bald die beiden Leiden­schaften, denen er fröhnte: er tränt und spielte! Ich redete ihm gut zu, schilderte ihm Die Gefah­ren, Die dieses Treiben für ihn und sein künst­lerisches Fortkommen hätten; er versprach auch Besserung, aber nach wenigen Tagen verfiel er wieder den beiden Lastern.

Das Leben wurde mir so zur Qual. Mein Ge­fühl für Reinhold Witte, das wohl niemals stark gewesen war, erkaltete mehr und mehr. Dennoch hielt ich bei ihm aus und versuchte alles, ihn auf einen ordentlichen Weg zu brin­gen. Es war vergebens!

Eines Tages brachte er Peter Honnecker mit nach Hause. Sogleich beim ersten Anblick des Mannes hatte ich ein unerklärliches Gefühl des Anheimlichen. Seine harten, brutalen Augen, die mich rücksichtslos betrachteten und mich gleichsam zu entkleiden schienen, flößten mir Angst ein. Ich ahnte, daß er Schlimmes gegen uns im Schilde führte.

Meine Ahnung trog mich nicht. Honnecker kam fortan regelmäßig zu uns und ich fühlte, daß es nur meinetwegen geschah. Die Gier, mit der

in beredten Worten auf die reinen Freud«, hinzuweisen, Die uns im Born Der Ratur fp reichlich sprudeln und Kraft in Fülle spenden; ebenso auf diejenigen, welche die Kunst Da« bietet. Erst recht sei eine Freudenquelle für die Familie die Geburt Der Kinder und die ständige Freude beim Heranwachsen und bei der Er­ziehung. Ferner, welche Kraft geht aus dem Leuchten von frohen, glücklichen Menschen über auf Deren Umgebung! Alle diese edlen und reinen Freuden sind ein Kraftquell, der nie verfandet. Er führt dazu, die Sorge für das Ich ganz zu verlieren, und immer mehr zu der auf­opfernden Hingabe an die Nächsten emporzu- wachsen, wie sie Iesus Den Menschen vorgelebt hat. Umrahmt tourDc Der Vortrag von vier Liedern, die Fräulein Siglinde B u ch h o l d vom Konservatorium Frankfurt a. M. unter Beglei­tung des Organisten Habicht seelenvoll und in höchster Vollendung vortrug. Mit herzlichen Dankeswortcn für alles Gebotene schloß Der Vor­sitzende die schöne Veranstaltung. - Im Anschluß daran sprach die Rednerin noch im Konfirmanden- saale über die von ihr geleitete ..Heimglück"- Bewegung und zeigte in vielen Lichtbildern Die herrliche Lage ihresHeimglückhauses" in Eise­nach, seine zweckmäßige Einrichtung, sowie das Leben der darin feit einem Iahre bestehenden ..Bräuteschule", in der Verlobte in der Führung des Haushaltes, in Der Säuglingspflege, wie überhaupt für ihren späteren Pflichtenkreis eine Ausbildung erhalten, die darauf abzielt, ent­gegen Den vielfach zersetzenden Bestrebungen Der Gegenwart dein christlichen Charakter der deut­schen Familie wieder zu seinem Recht zu ver­helfen und damit Aufbau-Arbeit im besten Sinne I zu leisten.

** Allgem. Deutscher Frauen vereiw Ortsgruppe Gießen. Man berichtet uns: Die Märzsihung Der Gießener Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins bracht» einen Vortrag von Frl. Anna D ö ß über ihr« Arbeit an der Mädchenfortbildungsschule im Kreis Schotten. Der ländliche Fortbildungsunter- richt in dieser Gegend liegt erst feit wenigen Iahren in Der Hand beruflich ausgebildete« Kräfte, die sich natürlich ihren Wirkungskreis erst mühsam und mit großen Kämpfen ausge­stalten müssen. Der Unterricht befaßt sich in der Hauptsache mit Rähen und Kochen. Gerade auf letzterem Gebiet hat die Lehrerin eine sehr dank­bare Aufgabe, Denn es bietet sich ihr Gelegen­heit, die SchülerinnLn zu einer geordneten un­behaglichen Ausgestaltung Der Häuslichkeit anzu- leiten. Am Schlüsse ihrer interessanten Aussüh- rungen Der trat Die Rednerin die Ansicht, daß die jetzige Ausdehnung des Fortbildungsunter­richtes auf mehrere Iahre nicht zweckmäßig sei und daß man Wohl bessere Erfolge erzielen könne, wenn einfach ein volles Schuljahr mit ausschließ­lich hauswirtschaftlicher Lehre an Die achtklasstge Schule angefügt werde. Die gegenteilige Auf­fassung vertrat in der Diskussion Fräulein Weitzel, die Rektorin Der Gießener Fortbil­dungsschule. Sie ist Der Meinung, daß die Mäd­chen im ersten Iahr nach Der eochule nod) nicht genügend Interesse für eine abschließende Haus­wirtschaftslehre hätten; auch bedeute ein weitere- 3abr ohne Verdienst eine zu große Belastung für Die meisten Eltern. In Der zweiten Hälft» Der Sitzung berichtete Frau Koeppe übet Die guten Fortschritte der als Zweigverein des Ml- gemeinen Deutschen Frauenvereins und in Zu­sammenarbeit mit den anderen Gießener Frauen­vereinen eingerichteten Hausfrauenberatungs­stelle. Erfreulicherweise hat sich auch in weiterem Kreisen der Bevölkerung reges Interesse für die iiue Einrichtung gezeigt, so daß man hoffen Darf, daß die Beratungsstelle Den Gießener Hausfrauen bald unentbehrlich wird. N. M,

er mich betrachtete, entging mir nicht; so gut eS ging, mied ich seine Rähe.

Auf meinen Mann hatte er einen unheilvollen Einfluß. Seitdem Honnecker mit ihm verkehrte, trank und spielte Reinhold mehr als je. Es war, als suche Honnecker ihn immer tiefer in das Laster hineinzutreiben. Tage- und Rächtelang sah ich meinen Mann nicht mehr. Er vernach­lässigte seinen Beruf und war bald ohne En­gagement. Wovon er... und ich dann lebten, blieb mir nicht lange verborgen. Von Honnecker schien mein Mann Geld zu belonunen. Als ich ihn einmal deshalb fragte, herrschte er mich wü­tend an: das seien seine Sachen, Die mich nichts angingen I

Da wußte ich, daß mein Verdacht richtig war. Warum aber gab Honnecker meinem Manne Geld? Warum schleppte er ihn immer wieder M Gelagen und Spielereien?... Warum suchte er bann immer wieder meine Rähe, zeigte et mir immer deutlicher seine Begehrlichkeit? ...

Ich hatte ein Gefühl des Grauens. 21m liebsten wäre ich geflohen. Was hätte mich länger hal­ten sollen? Ie tiefer mein Mann in feinem lasterhaften, ausschweifenden Treiben versank, desto mehr machte er mir das Leben zur Quak. Alle Schuld, daß es mit uns abwärts ging, bürdete er mir auf. Er schalt mich, er mißhan­delte mich; einige Male drohte er mir auch mit Dem Revolver in der Hand, mich zu erschießen.

Diese unablässigen Kämpfe und Aufregungen hatten meine Kräfte zermürbt. Eines Tages aber, nach einer häßlichen und Demütigenden Szene, fand ich doch noch Die Kraft zu einem Entschluß. Warum sollte ich dieses elende Le­ben weiterführen? Ich war jung und wurde mich allein schon durchbringen.

Mein Mann war abends fortgegangen; ich wußte, daß er vor Dem nächsten ^Mittag nicht zurückkommen wurde. In der Frühe des fol­genden Tages gedachte ich. Das Haus zu ver­lassen. Ich packte meine Koffer unD legte mich gegen Mitternacht zu kurzem Schlafe nieder.

Plötzlich fuhr ich in die Höhe. An Der Schlaf­zimmertür, Die ich verschlossen hatte, wurde ge­rüttelt. Zu gleicher Zeit hörte ich Die trunken» Stimme meines Mannes. Ich gab leine 2Int- toort. Da schlug er mit den Fäusten an Die Tur; immer lauter schrie er.

war entschlossen, ihm nicht zu offnen, sieben meinem Bett standen die Koffer; er tourDc sie sehen, mich fragen, warum sie ge­packt seien, es würde zu einer Auseinander­setzung kommen; dies wollte ich vermeiden, ich hatte genug von den ewigen Streitereien.

Stärker aber als dieser Grund bewog mich ein anderer, die Tür aufzumachen. Aus der Stimme meines Mannes vernahm ich eine heiße Gier, die ich nur zu gut kannte. Schon einige Male in letzter Zeit hatte er mich so, betrunken, seiner Sinne kaum mächtig, überfallen, und es hatte mich alle Kraft und List gekostet, um mich feinem tierischen Verlangen zu entziehen.

(Fortsetzung folgt.)

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