Nr. 55 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)Donnerstag, 6. März (950
Zündholzkönig Lvar Kreuger.
Von unserem Dr. P. O. - Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellangabe, verboten!
Stockholm, März 1930.
Ain 2. März wurde Ivar Kreuger 50 Jahre alt. Wenn - wie es in Schweden Brauch — alle seine Geschäftsfreunde und Schuldner ihm zum Geburtstag ein Glückwmrschtelegramm schicken würden, sollten cs deren gar viele wer- beir Auf der ganzen Welt gibt es kaum jemand, der so viele Kreditoren hat, wie der Beherrscher des schwedischen Zündholztrusts. Wenn er im vorigen Iahry der deutschen Regierung ein Darlehen von 500 Millionen Mark gab, bedeutet das schließlich doch, daß jeder Deutsche Herrn Kreuger aus Stockholm fast zehn Mark schuldet. Gleicherweise hat der Zündholzkönig ja aber auch der französischen Regierung, den baltischen Staaten unb denDal- kanländern mit großen Darlehen unter die Arme gegriffen: bis nach Südamerika reichen die Staatsanleihen des nordischen Finanzdiktators.
Zwölf Länder mit mehreren hundert Millionen Einwohirern haben vom Kreugerkonzern über 1300 Millionen geliehen: als letzter im Bunde hat sich soeben die Freie Stadt Danzig dem Zündholztrust verschrieben. Mit einer- ganzen Reihe anderer Länder schweben Monopol- und Anleihevcrhandlungen: dazu kommt der finanzielle Einfluß des schwedischen Zündholztrusts und seiner Tochtergesellschaften auf alle die Staaten, wo Kreuger ,->iDat rein offizielles Monopol besitzt, wo aber doch viel Tausende von Angestellten i« Betrieben arbeiten, die der Kontrolle des Schwedentrusts unterstehen, der in der Beherrschung des Weltmarktes nirgends ein Gegenstück hat.
Richt mit Automobilen, Lokonrotiven oder Petroleumquellen, nicht mit Objekten, die schon in der Einzahl erhebliche Werte darstellen, hat Kreuger sein Vermögen erworben. Mit dem verachteten Zündholz, dessen Preis sich kaum angeben läßt, hat er sein Reich aufgebaut, den weltumspannenden Konzern, von dem allein die beiden Stockholmer Stammhäuser im vergangenen Jahre einen Reingewinn von weit über 100 Millionen beim Steuerfiskus anzeigten. Mit den Zündholzinillionen hat der Kreugerkonzern später neue Wirtschaftszweige erobert, Erzfelder, Grundstücke. Wälder und Zellstoffabriken in aller Welt erworben - doch das Zündholz ist der Mittelpunkt, die Seele des Riesenunternehmens geblieben.
Der Zündholztrufst hat, wie iricht anders zu erwarten, viele Feinde. Ivar Kreuger hat keine Feinde. Persönlich kennt auch in Stockholm fast niemand den schwedischen Wirtschaftskönig. Er macht keine Gesellschaften mit, gibt keine Interviews und sucht zu verhindern, daß sein Rcune oder sein Bild in die Zeitungen kommt. Mit jungen Jahren ist er eine sagenumwobene Gestalt geworden, deren Fähigkeit, sich der öffentlichen Aufmerksamkeit zu entziehen, sprichwörtlich geworden ist.
Ivar Kreuger, dessen Vorfabren vor 200 Jahren aus Deutschland In Schweden ein- wänderten, stammt zwar nicht aus ärmlichen, aber doch einfachen Verhältnissen. Die kleine Zündholzsabrik, die sein Vater in Kalmar besaß. hat für seinen Werdegang wenig bedeutet. Wit 20 Jahren ging er, nachdem er ungewöhnlich frühzeitig an der Technischen Hochschule zu Stockholm sein Examen als Bauingenieur abgelegt hatte, nach Amerika. Auf beiden amerikanischen Kontinenten, in Afrika und Australien brachte er seine Jugend- und Studienjahre zu, baute Wege und Brücken, Sportpaläste und Hotels. Rach Schweden zurückgekehrt, gründete er kurz vor dem Kriege die Baufirma, die noch jetzt seinen Ramen trägt, und die aus kleinen Anfängen bald zum Weltunternehmen wurde.
Der Arbeitsweise des Baumeisters blieb er treu, auch als er zur Zündholzindustrie über» Sing. Klug berechnend, fügte er Stein zu Stein, aute auf festen Fundamenten den Zündholztrust
Gießener Gtadttheaier.
W. S. Maugham: „Die heilige flamme".
'Dian hat nach den vielen früheren Aufführungen dieses sehr erfolgreichen Stückes allenthalben ziem- lich einmütig erklärt, daß es ein Reißer fei. Dein rft kaum zu widersprechen. Es darf aber vielleicht betont werden, daß der englische Dramatiker Maugham schon schlimmere Stücke geschrieben hat als dieses.
llnb daß das Reißerische hier nicht in der Handlung liegt. Die Handlung ist in ihrer Verkettung zwar ungewöhnlich, aber durchaus nicht unwahr scheintich: uird es ist kaum ernsllich von der Hand zu weisen, daß die Wirklichkeit manchmal erheblich unglaubwürdiger spielt als die Literatur und sich manchmal geradezu kitschig gebärdet.
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Das Reißerische liegt also, für unser Empfinden, darin, wie die Wirklichkeit für die Literatur ausge schlachtet wird. Stellenweise sogar darin, daß sie überhaupt aufs Theater gebracht wird. Die Generalfrage des Stückes — ob eine Mutter, aus Liebe, imstande fei, ihr unheilbar krankes Kind zu töten und also durch den Tod von seinen Leiden zu erlösen — ist so beschaffen, daß sie besser von einer literarischen Diskussion ausgeschlossen bleibt, ... zumal wenn kein Dichter sich dieser Diskussion an- nimmt, sondern ein Schriftsteller.
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Maugham hat aber mit dem, was man bisher von ihm zu hören bekam, durchaus bewiesen, daß er ein Schriftsteller ist, ... mit diesem Stück hat er sogar gezeigt, daß er ein sehr geschickter Schriftsteller ist. Denn selbst da, wo sein dramatischer Instinkt aussetzt, was hier mehrfach geschieht, erzeugt und bewahrt er bis zuletzt eine starke Spannung, die den Zuschauer erst ganz kurz vor dem letzten Vorhang entläßt.
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Technisch ist also das Schauspiel keineswegs schlechter als manches der tüchtigen englischen Krirhinalstücke, die jetzt so beliebt sind. 'Aber gerade diese Technik, die glatte Handfertigkeit und speku latioe Geläufigkeit — einem solchen Stoff aegen- über — verstimmt ebensosehr wie das große Pathos und die Sentimentalität, die doch an bemerkenswerten Stellen (im geschwollenen Titel zum Beispiel und am Schluß des dritten Aktes) die scheinbare Gelassenheit und die typisch angelsäch-
„Svenska Tändsticksaktiebolaget" und den Finanztrust „Kreuger & Troll".
Der Zündholzkönig hat nicht einmal zum Heiraten Zeit gehabt: die amerikanischen Zeitungen haben ihn zum reichsten Junggesellen der Welt ernannt. Er gönnt sich nicht die Muhe, Feste zu feiern und Glückwunschtelegramme zu lesen. Zu seinem 50. Geburtstag ist er außerhalb der Landesgrenzen geflüchtet, hat streng untersagt, daß in seinen Betrieben eine Einsammlung erfolge oder in irgendeiner Form seines Geburtstages gedacht werde. Sein Versuch, der
Oeffentlichkeit den Jahrestag vorzuenthalten, ist gescheitert. Eine Reihe von Kreugerbiographien finb erschienen. Aeber den Kreugertrust können sie manches sagen — über Ivar Kreuger fast nichts. Seine Anonymität hat einen eigenartigen Rimbus um ihn gewoben: nur die Pressephotographen in Berlin, Paris und Reu- York haben wie eine schwedische Zeitung feststellt — den Beweis dafür erbracht, daß er wirklich lebt. In Stockholm, in seinem eigenen Vaterlande, ist der nüchterne Finanzdiktator eine romantische Sagensigur.
Oie reichsten Leute der Welt.
30000 Oollarmill onäre. — Etwa 2 400 Millionäre in Deutschland. — Kein Deutscher unter den reichsten Männern der Welt.
Von Rudolf Bier.
Auch in Amerika gibt es eine Art „Gvthaer Almanach". In dem Buch „Who is who in America“ werden zunächst die führenden Familien des Landes aufgezählt, die „Oberen Vierhundert", die eine Art Hoch adel bilden, und in deren Gesellschaft der Außenseiter kaum jemals einbringen kann. Blättert man dies Buch durch, so vermißt man merkwürdigerweise zwei Ramen, von denen der Europäer als selbstverständlich annimmt, daß ihre Träger zu den „upper four hundred“ gehören: Die Ramen Rockefeller und Ford. Der Petrolemn- konig und Automobilkönig sind zwar die reichsten Männer der Welt, aber sie besitzen noch nicht genügend Ahnen, um in dem als Pluto- kratisch verschrienen Amerika in die vornehmste Gesellschaft ausgenommen zu werden. Wer in den exklusivsten Kreisen Reuyorks verkehren will, muh zwar sehr viel Geld besitzen, aber es wird außerdem von ihm verlangt, daß seine Familie schon lange wohlhabend ist. oder daß er nachweisen kann, von den ersten Einwanderern abzustammen. Run mag es kein besonderes Vergnügen fein, in dem langweiligen Kreis der Oberen Vierhundert zu verkehren, und viele amerikanische Multimillionäre werden gern auf diese Ehre verzichten. Sie werden sich damit begnügen, zu der Schicht der oberen Zehntausend zu gehören, die immer noch vornehm genug ist, und in die man ohne weiteres Eingang findet, wenn das Bankkonto eine gewisse Summe erreicht hat.
Allerdings gehören zu der Klasse der amerikanischen Millionäre längst viel mehr als zehntausend Menschen. Im Jahre 1914 gab es in den Vereinigten Staaten nur 4500 Personen, die mindestens je eine Million Dollars besahen: 1917 waren es 11 800 Dollarmillionäre, und vor wenigen Monaten meinte das Schatzamt, auf Grund der Steuerlisten 14 000 Dollarmillionäre feststellen zu können. Die Banken haben über die Angaben des Schatzamtes nur gelächelt, denn sie wissen, daß auch in Amerika die reichen Leute nicht gern ihr gesamtes Vermögen den ©teuer» behördett angeben. Rach der Schätzung der Banken gab es vor dem Krach an der Reuhorker Börse in den Vereinigten Staaten rund 30 000 Dollarmillionäre. Wieviel Personen inzwischen ihr Vermögen verloren haben, steht nicht fest. Aber wahrscheinlich haben es andere gewonnen, und so wird sich die Zahl der Dollarmillionäre nicht wesentlich verändert haben.
Ein Vermögen von einer Million Dollars ist eine schöne Sache — aber es gibt in den Vereinigten Staaten nach der amtlichen Steuerstatistik sogar 283 Amerikaner, die jährlich mindestens dieses Vermögen verdienen! Zehn amerikanische Steuerzahler geben den Behörden an. daß sie in jedem Jahr ein Einkommen von über fünf Millionen Dollars ober von 21 Millionen Mark haben. Diese zehn Amerikaner verteuern jährlich ein Einkommen von zusammen rund 90 Millionen Dollars ober 380 Millionen Mark. Vergleicht man diese Summen mit den Beträgen, die die reichsten Männer Deutschlands versteuern,
so wird offenbar, wie wenig sich die deutschen Finanzmagnaten mit den Amerikanern messen können. Unter den Industriekapitänen, die in Deutschland am meisten Geld verdienen, steht Fritz Thyssen zweifellos an hervorragender Stelle. Man kann annehmen, daß er heute wieder ebensoviel besitzt wie sein Vater vor dein Krieg, nämlich 50 Millionen Mark, und dieses Vermögen wird sich durchschnittlich um drei Millionen Mark jährlich vermehren. Damit würde Thyssen in Amerika noch nicht zu den 283 Leuten gehören, die ein Einkommen von mindestens einer Million Dollars Habern Auch das Oberhaupt der I.--G.-Farben, der Geheime Kommerzienrat Dr. Karl Bosch, könnte sich nicht in diese Kategorie einreihen, da sein Einkommen auf jährlich „nur" mehr als zwei Millionen Mark geschäht wird: sein Vermögen ist mcht genau bekannt, doch dürfte sein Aktienbesitz etwa 20 Millionen Mark wert fein. Reben ihm besitzen in der chemischen Industrie die Brüder Karl und Arthur von Weinberg bas meiste Geld. Zu den Männern mit dem größten Einkommen in Deutschland gehört auch Karl Friedrich von Siemens, der jährlich etwa anderthalb Millionen Mark verdient und ein Privatvermögen von mindestens 20 Millionen Mark besitzt. Bei allen diesen Angaben ist nicht das Vermögen der Familie gemeint, daß weit größer ist, sondern nur die Summe, über die die einzelne Person verfügt. Man kann schwer schätzen, wie reich Jacob Michael ist, der gerade in den letzten Wochen größere Aktienpakete verkaufen muhte. Es wird angenommen, daß er mindestens 100 Millionen Mark hat. Wie schwer es jedoch ist, zuverlässige Ziffern anzugeben, geht daraus hervor, baß der Nachlaß bes vor vier Monaten verstorbenen Berliner Multimillionärs Albert L o e s k e von ben verschiedenen Sachverständigen auf 20 bis 130 Millionen Mark angegeben wird. Da die reichsten Leute gewöhnlich nur einen bescheidenen Teil ihres Vermögens m barem Geld anlegen, da aber andererseits Grundbesitz und Beteiligungen an Gesellschaften einen schwankenden Wert haben, können die Schätzungen stets nur mit großer Vorsicht benutzt werden. Immerhin steht fest, daß die drei Brüder Georg, Wilhelm und Franz Wertheim sowie bie Herren Georg und Martin Tietz und Dr. Zwillenberg im deutschen Handelskapital an führender Stelle stehen. Unter den Bankiers gelten Franz von Mendelssohn und Jakob Goldschmidt von der Darmstädter und Rationalbank mit je 40 bis 50 Millionen Mark als die Reichsten. Karl Fürstenberg von der Berliner Handelsgesellschaft und Rathenaus Schwager A n d r e a e , der Geschäftsinhaber des Bankhauses Hardy L Co., mögen je über 20Millionen Mark besitzen. Schließlich sind der Hamburger Bankier Warburg, die Kölner Finanzleute Louis Hagen und Freiherr von Oppenheim sowie die Inhaber des Bankhauses von Goldschmidt-Rothschild bei einer Aufzählung der kapitalkräftigsten Bankiers nicht zu
fische Nüchternheit in der Entwicklung des „Falles" durchbricht.
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Ja, um einen Fall handelt es sich hier: ob man ihn nun als Familienkatastrophe, als psychoanalytische Schuluntersuchung oder als Kriininal- sache auffassen will, tut nicht viel zur Sache.
Die wesentlichen Elemente der Fabel: ein im Kriege abgestürzter Flieger liegt seit Jahren ohne Hoffnung auf Genesung gelähmt. Er hat eine junge und schöne Frau: er liebt sie ... wie ein gesunder Mann und also hoffnungslos. Die Frau ist gut zu ihm, aber sic verwechselt ihr Mitleid mit Liebe. Ihre eigentliche Liebe gehört, dem Kranken verborgen, dessen Bruder. In der Nacht nach dem Abend, an dem diese heimliche Leidensd)aft (dem Zuschauer) offenbart wird, stirbt der Kranke. Seine Pflegerin kommt am nächsten Morgen mit der Nachricht des Todes — mit der Anklage des Mordes und mit der Anschuldigung, die Frau des Toten, die am Abend einen Schwächeanfall überstand, erwarte ein Kind.
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Tie Unterlagen für bie Anklagen finb schwerwiegend genug. Die junge Frau gibt zu, ihrer Mutterschaft entgegenzugehen und wird durch dieses halbe Geständnis schwer belastet. Eine gerichtliche Verhandlung scheint unvermeidlich, da die Pflegerin aus Pflichtgefühl, wie sie sagt, auf einer Obduktion besteht, die die Berechtigung ihrer Qlntlage erbringen müßte. Im Laufe der sehr geschickt zugespihten Untersuchung im Familienkreise ergibt sich, bah die Krankenschwester nicht so sehr aus Pflichtgefühl als aus jahrelang uneingeftaubener Liebe zu dem Kranken und aus eifersüchtigem Haß gegen dessen Frau auf einer Aufklärung bestand. Aber endlich stellt sich heraus, bah nicht bie junge Frau, sonbem bie greife Mutter bie Tat begangen hat. —
Tie Ausführung, von F a s s o 11 recht wirkungsvoll geleitet und gesteigert, war besser als bas Stück: glattes, sauberes Theater mit flüssigem Zusammenspiel, bas nur ein eittziges Mal infolge einer entschuldbaren Hemmung aussetzte.
Die freunblichsten Eindrücke des Abenbs gingen von der Wiederbegegnung mit Frau Auguste Prasch-Grevenberg aus: sie hatte als Gast die Rolle der Mutter übernommen, und inan kann sich nicht leicht einen willkvmmeren Anlaß zur Entfaltung ihres bedeutenden Könnens und
ihrer persönlichen Eigenart vorstellen. Es war eine Freude, der reifen und abgeklärten Darstellung, der schauspielerischen Kultur und der klaren gepflegten Diktion von Frau Prasch- Grevenberg zu folgen, bie ihre Gestaltung der Rolle weit über das Niveau des Stückes hinaushob: sie gab mehr, als der Text zu geben vermag: menschliche Wärme und seelische Gröhe einer sehr gütigen, klugen und mütterlichen Frau.
In der schwierigen und wichtigen Rolle der Stella fand Trude H e h eine ihrer Begabung durchaus entgegenkommende Aufgabe, bie sie — hier etwa auf einer mittleren Linie zwischen ihren Leistungen in „Mary Dugan" und ber ..Perlenkomödie'' — in überzeugender Weise beherrscht und löst. - Auf einen feinen und stillen Ton hatte T a n n e r t, im ersten Akt, den jungen Maurice Tabret gestimmt; Arzdorf holte aus ber spröben und wenig dankbaren Figur des Colin das Möglichste heraus: Lieselotte Fuhrmann (Schwester Wayland), hingegeben an die verbissene Aktivität ihrer anklägerischen Rolle, wirkte von Ansang an zu starr und stellenweise auch mimisch verkrampft. Gut standen an ihrem Platz Hais (Dr. Harvester) und Fassott (Liconda): beide angenehm knapp und reserviert.
Starker Beifall schien in erster Linie ber Aufführung zu gelten; besonders Frau Prasch- Grevenberg wurde herzlich begrüßt.
Dr. Th.
Kaiser Friedrich II. und das Elsaß.
Auf Einladung des O b c r h e s s i s ch e n G e - schicht svereins sprach an dessen letztem Vortragsabend ber Frankfurter Historiker Prof. Dr. Fedor Schneider über den großen Hohenstaufen und seine Beziel-ungen zum Elsaß. Noch immer herrscht die Ansicht, der letzte Hohestaufe habe nur in Italien gewirkt und mir für dieses, das Land seiner Geburt, Liebe gefühlt; in Deutschland, das er einige Male durchzogen habe, sei er ein Fremder geblieben. Eine Auffassung, die dec Vortragende zu widerlegen suchte, indem er auf die Persönlichkeit des Staifers und seine Beziehungen zuni Elsaß einging. Im Anschluß an eine Rektoratsrede Karl Hampes wies der Redner auf den Mythus vom Fortleben des Herrschers hin, der sich sofort nach seinem Tod entwickelte und in Deutschland wie in Italien zum Auftreten zahlreicher „falscher Friedriche"
vergessen. Etwa 50 Millionen Mark soll der Bauunternehmer Adolf Sommerfeld haben, und die gleiche Summe schreibt man sowohl den beiden Brüdern Dr. Ernst P e t s ch e k und Karl Petschek sowie ihrem Vetter Paul Petschek zu; die drei Petschcks. bie aus ber Tschechoslowakei stammen, besitzen große Braunkohlengruben. Damit ist die Liste der reichen Deutschen freilich noch nicht erschöpft; es fehlt z. D. das Kruppsche Vermögen, und vor allen Dingen fehlt eine Berechnung des Hohenzollern-Der» mögens, das aus Landbesitz, aus Schlössern und Kunstwerken besteht. Der Regierungsrat Rudolf Martin hat vor etwa einem Jahr berechnet, daß ber Hohenzollernbesih, wenn man ihn verkaufen würbe, etwa 500 Millionen Mark einbringen könnte.
Aber bas Vermögen des früheren Kaisers ist nur groß für deutsche Verhältnisse, wirb bagegen weniger bedeutsam, wenn man es mit amerikanischen Vermögen vergleicht. 100 Millionen Dollars? Die Familien Ford und Rockefeller besitzen zweifellos jede mehr als das Zehnfache, die Brüder Mellon. Bankiers und Aluminium- industrielle, mindestens das doppelte. 2n seiner besten Zeit hatte man ben verstorbenen belgischen Bankier Alfred Loewenstein nahezu auf diese Summe geschätzt, wenn seine Hinterlassenschaft auch nur etwa 100 Millionen Mark betragen haben soll. Die Astors, die Vanderbilts ober ber japanische Baron Mitsui, um nur ein paar weltbekannte Ramen zu nennen, finb sicherlich vermögenber als die Hohenzollern. Auch Ivar Kreuger, der schwedische Zündholzkönig-. Simon P. P a t i n n, der Besitzer der bolivianischen Zinngruben, ober gar ber Herzog von Westminster, bem ber wertvollste Teil Lon- bons gehört, sind mit deutschen Multimillionären nicht zu vergleichen. Ueberhaupt gibt es in England eine große Zahl reicher QBäuner, bie sich eher als Deutschlands Millionäre mit ben Amerikanern messen können. Da ist zunächst ber in ben letzten Jahren oft genannte englische Rüstungskönig Sir Basil Z a h a r o s f, der mindestens 600 Millionen Mark „schwer" sein soll. Insgesamt gibt es nach der Statistik des britischen Schatzamtes 572 Engländer, die mehr als eine Million Pfund besitzen. In Deutschland leben nach der Steuerstatistik 2400 Millionäre, gegen 15 547 vor bem Krieg. Aber um in Englanb Millionär zu werben, muß man nicht über eine Million Mark, sondern über den zwanzigfachen Betrag: nämlich eine Million Pfund, verfügen! Während sich die Zahl ber Marlmillionäre feit bem Krieg auf ein Sechstel verringert hat, ist bie Zahl ber Pfunbmillionäre, bie im Jahre 1906 nur 19 betrug, feit biefer Zeit auf bas Dreißigsache gestiegen. 138 Englänber haben ein Jahreseinkommen von mehr als zwei Millionen Mark versteuert! Insgesamt haben biete 138 Multimillionäre im Jahre 1927 27 Millionen Pfunb, also über eine halbe Milliarbe Mark einkassiert. Wenn man ganz von ben Durchschnittseinkommen ber Völker absieht, fonbem nur bie Spihenbeträge ber reichsten Männer in Betracht zieht, ergibt sich auch aus biefen Ziffern, baß Deutschland heute zu ben ärmeren Rationen gehört — obwohl allein in Berlin 290 Millionäre leben.
Die hessischen Aerzie müssen Gewerbesteuer zahlen.
Vor einigen Tagen befaßte sich ber Hessische Verwaltungsgerichtshof mit einer Rechtsbeschwerbe bes praktischen Arztes Dr. W i h m a n n, Darmstadt, gegen die Heranziehung zur hessischen Gewerbesteuer, die im Jahre 1928 ei?geführt wurde. Das Verwaltungs- gericht hat sich numueyr wie die beiden Vorinstanzen auf den Standpunkt gestellt, daß die Heranziehung der hessischenAerzte- schaft zur Gewerbesteuer gerechtfertigt ist. Die Rechtsbeschwerbe des Arztes, bie als Präzebenzfall geführt wurde, wurde kostenpflichtig abgewiesen.
führte. Das Charakterbild dieses „ersten modernen Menschen auf dem Throne" bleibt umstritten: Konrad B u r d a d) und Franz Kampes betonen mehr das mittelalterliche Element in Friedrich II. Wir wissen wenig Auchentisches vom Wesen dieses außer- gewöhiüichen Fürsten und Menschen; im ganzen nur das, was spätere Benützer aus seiner verlorenen Biographie übernahmen.
In dieser Biographie war der Kaiser, wie es scheint, als ein Unioersalmensch bezeichnet: das Per- fönlichkeitsideal der Renaissance. Aus der Vielseitigkeit seines Wesens hob der Vortragende in erster Linie die Staatskunst hervor. Friedriä) tritt uns zunächst als praktischer Staatsmann entgegen. Er ist dec Verwaltungskaiser, beginnt mit übersichllicher Organisation, Vermehrung des Staatsgutes und der Einkünfte. Aber dieser Rationalist hat im Grunde etwas Dämonisd)es: sein Leben ist ein faustisches Ringen, die Welt allseitig zu begreifen, das eigene Ich zu (teigem, alles seiner Macht zu unterwerfen. Wie durch ein Wunder bemächtigte sich ber Siebzehnjährige des Reiches seiner Väter. Acht Jahre lang regierte er wie diese als deutscher König. Das Elsaß, in dem er zuerst Fuß faßte, blieb der Mittelpunkt seiner Macht; ein ebesondere Liebe verbindet ihn mit Hagenau, ber stolzen Barbarossapfalz.
Der Redner gab einen Ueberblick über den stau- fischen Besitz im Elsaß, der so beträchllick) war, daß Alois M c i ft e r diese Landschaft eine stoufische Provinz nennen konnte. Weben Hageimu waren Schlett- stadt. Erbe der staufischen Ahnfrau Hildegard, Colmar, ber Odilienberg mit Kloster Hohenburg wich- tige Besitzungen. Friedrich II. Bedeuümg für das Elsaß besteht in den Etädtegründungen und in ber Organisation der Verwaltung. Der Kaiser schuf die Prokuration des Elsaß, eine Zenkraloerwaltung mit dem Sitz in Hagenau. Hier nahm Friedrich nach der Hochzeit mit seiner dritten Gattin Aufenthalt bis zum nädjfteii Frühjahr.
Aber die Tätigkeit Friedrichs für das Elsaß ging nicht mit ihm selbst zu Grunde. Rudolf von Habs bürg knüpfte gerade zwischen Rhein und Vogesen an ihn an, und erst der Westfälische Frieden vernichtete die starke Stellung Habsburgs an der Westfront, die auf staufischen Grundlagen aufgebaut war. Wenn überhaupt irgendwo in Deutschland, so ist Kaiser Friedrich II. mindestens nickst im Elsaß ein Fremder gewesen.
Rach reichem Beifall dankte der Vorsitzende, Unio.- Bibliotheks-Direktar Dr. Ebel, bem Redner. An der Diskussion beteiligten sich Prof. Dr. Roloff, Studienrat Dr. König und Prof. Dr. Ebel, der bie Versammlung schloß. Dr. Wn.


