Nr. 181 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbsrheffen)
Dienstag, 5. August 1930
H
Die internationalen Hochschulmeisterfchasten in Darmstadt.
Der Einzug der Nationen. Links: die deutschen Teilnehmer. — Rechts: die Bannerträger von Aegypten, Argentinien und Amerika.
Bei den Studenten-Weltmeisterfchaften in Darmstadt wurden am gestrigen Montag die Wettkämpfe im Schwimmen und Wasserball ausgenommen, die im Fußball und Fechten sortge- setzt. Deutschland konnte im Wasserball durch einen überlegenen Sieg von 14:1 gegen Belgien einen großen Erfolg erzielen, und auch der dritte Platz der deutschen Vertretung im Degenfechten ist sehr ehrenvoll. DaS einzige Fußballspiel des Tages war ein mäßiger Kamps zwischen Luxemburg und Frankreich und endete 3:2 für Luxemburg.
Fast während des ganzen Tages war das Wetter trüb und regnerisch, und zu Beginn des Fußballspieles ging ein wolkenbruchartiger Regen nieder, der den Spielbeginn stark verzögerte. Trotzdem erschien am frühen Nachmittag das Lustschiss .Gras Zeppelin" über der Stadt und kreuzte auch mehrmals über dem Hochschulstadion, von den Teilnehmern mit großer Begeisterung begrüßt. 21m Nachmittag traf ein Telegramm des Reichspräsidenten ein, der den Studenten für ihren Gruß dankte und den Spielen weiteren guten 03erlauf wünschte.
Wettkämpfe im Schwimmen.
In den Schwimmwettbewerben wurden die Vor« läuft über 100 Meter, 400 Meter und 1500 Meter Freistil, 200 Meter Brust und 100 Meter Rücken abgcwickclt. Die Kämpfe verliefen einwandfrei und trotz des Regenwetters vor einer großen Zuschauer» menge. Die deutschen Vertreter konnten sich teilweise durchsetzen und sich für die Zwischenläufe placieren. Entscheidungen wurden in den Schwimmwetlkämp» fen am Montag noch nicht erzielt.
Die ersten Treffen Im Wasserball.
Von den drei für den Montag vorgesehenen Wasserballspielen fiel das erste am Vormittag aus, Italien verzichtete hier zugunsten Deutschlands auf die Punkte Rach diesem kampflosen ersten Erfolg der Deutschen fiel dann ein zweiter im Wettkampf. Deutschland konnte die belgische Vertretung mit 14:1 niederringen, und im letzten Treffen siegte England gegen Frankreich mit 9:1. Deutschland hat nach dem
ersten Tage nun im Wasserball bereits vier Punkte errungen.
Luxemburg schlägt Frankreich 3:2.
3m einzigen Fußballspiel des Montags lieferten sich Luxemburg und Frankreich einen sehr mäßigen Kamps, der allerdings durch den glatten Boden etwas beeinträchtigt wurde. Das entschuldigt aber allein nicht die schwachen Leistungen, zumal auf beiden Seiten internationale Spieler betätigt waren. Dank seines etwas besseren und durchschlagskrästigeren Sturmes siegte Luxemburg schließlich mit 3:2 (2:1).
Italien siegt im Degenfechten.
3m Degenfechten wurden die MannschastS- käftipfe ausgetragen. Dänemark und Belgien schieden in der Dorrunde aus. Deutschland hatte Dänemark knapp 8:7 geschlagen. 3n der Endrunde siegte dann erwartungsgemäß 3taüen vor Frankreich, Deutschland und der Schweiz. 3talien hatte aber gegen die Franzosen einen schweren Stand. Deutschland sicherte sich durch einen Sieg von 10:6 gegen die Schweiz den dritten Platz.
Kreistnrnsest-Sieger ans Obecheffen.
— Aus der umsangreichen Siegerliste vom Kreisturnfest in Hanau bringen wir im Anschluß an den gestrigen Bericht nachstehend einen Auszug mit den von heimischen Turnern und Turnerinnen errungenen Erfolgen:
ZwölfkampfTurner-Oberstuse.
(208 Bewerber, 168 Sieger.)
3. Willi Sinnwell, Tv. 1860 Bad-Nauheim, 213 P.; 19. Albert Würz, Tv. Alsfeld (früher Krofdorf), 192 P.: 33. Richard Seth, Tv. Grohen-Linden, 177 P., 42. Fritz Weitershaus, Tv. Grohen-Linden: 50. Köhne, Tv 1846 Gießen, 160 P.
Zwölfkampf-IurnerUnkerftufe.
(770 Bewerber, 477 Sieger.)
3. Hrch. Dechent, Tgm. Friedberg, 203 P.. 16. Karl Leinweber, Tv. Treis a. d. Lumda, 188 P., 17. Hrch. Stein, Tv. Lauterbach und Alois Burkart, Tv. 1846 Gießen, 187 P.; 19. Hrch. Schaaf, Tv. Treis a. d. L., 185 P.; 21. Franz Reuschling, Tv. Heuchelheim, und Karl Schick, Tv. 1846 Gießen, 183 P.. 28. R. Kraft, Tgs. Büdingen, 176 P.; 29. Hrch Hettche, Tv. T r e i s a. d. L., 175 P., 30. Albert Leun, Tv. Grohen-Linden, 174 P.; 31. Karl Würtz. Tv. Krofdorf, 173 P., 34. Fritz Mor
scher, Tgs. Büdingen, und Karl Bücking 1.; Tv. Alsfeld, 170 P., 35. Karl Bücking II., Tv. Alsfeld, 169 P.; 38. Otto Kem, Tv. 1846 Gießen, 166 P.; 39. Otto Stahl, Tv. 1846 Gießen, 165 P.; 40. Peter Becker, Tv. 1846 Gießen, und Friedrich Wenderoth, Tv. 1846 Gießen, 164 P.; 42. Wilhelm Striegel, Tv. Lauterbach, 162 P., 43. Emil Kröber, Tv. 1846 Gießen, F. Sprengel, Tv. 1860 Bad- Ra u h e i m, und Otto Bepler, Tv. Heuchelheim, 161 P.; 44. Hans Breidenbach, Tgs. Büdingen, und Wilh. Hofmann, Tv. Krofdorf, 160 P.: 45. Richard Greb, T. u. Spv. Butzbach, und Ludwig Urff, Tv. 1846 Gießen 159 P.; 46. Otto Rinn, Tv. Heuchelheim, 158 P.; 48. Gg. Sokoli, Tgs. Büdingen, Willi Hartmann, Tv. 1846 Gießen, und Wilh. Dreier, Tv. Lang-Göns, 156 P.: 49. Wilh. Hosmann, Tv. Hungen, 155 P.
Slebenkampf-Turnerlnnen-Oberstuse.
(127 Bewerber, 117 Siegerinnen).
6. Elfriede Münnich, Tv. 1846 Gießen, 119 Punkte: 10. Elli Langbein, T.- u. Spv. Butzbach, 114 P.. 15. Ria Schwan, Mtv. Gießen, 109 P., 18. Lotte Mohr, Tv. 1846 Gießen, 106 P.. 21. Hanni Graf, T.- u. Spv. Butzbach. 103 Punkte
Dirrfampf-Iurncrinnrn.
(43 Bewerber. 27 Siegerinnen).
3. Anna HieronimuS, TTgm. Friedberg, 74 P.: 8. Gusti Gaudes. Tv- 1860 Dad - Rauhe i m , 68 P.; 11. Erna Petermann. Turnv. Nidda, 65Punkte.
Siebenkamps-Turncrlnnen-Unlerstuse.
(373 Bewerber. 313 Siegerinnen).
3. Mathilde Koch. Tv. 1846 Gießen. 122 P.: 7. Ria Herrnbrodt. T - u. Spv. Butzbach. 118 Punkte: 12. Ria Philipp. Tv. 1846 Gießen, Erna Luh, Tv. 1846 Gießen. Klara Am end, Tv. Krofdorf, Tilly Reinheimer, Turngem. Friedberg. 112 P.: 14. Käthe Bath. Tv. Heuchelheim. 111 P.. 16. El. Kreßmann, Tgm. Friedberg. Gertrud Gombert, Turnv. Krofdorf, 109 P., 17. Martha Becker, Turnv. 1846 Gießen. 108 P. 18 Marie Eschenfelder. Tv. Büdingen: IDei Hauck, Tv 1846 G i e- h e n, und Hilde Süßkind. Turnverein Krofdorf, 107 P.. 20. Frieda Ruppel. T.- u. Spv. Butzbach, 105P.: 21. E Möller, Tv. Lauterbach, 104 P.. 24. Gretel Branhold, T - u. Spv. Butzbach. 102 P.. 25. Emilie Reuschling, Tv. Heuchelheim. 101 P.. 28. Hilde Schmidt, Tv. Krofdorf. Lina Frank. Tv. Büdingen, 98 P.: 29. Elfriede Barth, T.- u. Svv. Butzbach, Ruth Bmggeman, T.- u. Spv. Butzbach, 97 P.: 31. Anna 3äger, Tv Lauterbach, 95 P.: 32. Marie Sack, Tv. Heuchelheim, 94 Punkte.
lurnerinnen-vlerkamps.
2. Else Bickelhaupt. Mtv Gießen, 334P.; 9. Erna Althaus, Mtv. Gießen. 291 P.. 10. Tilly Gspach, Mtv. Gießen, 288 P.
Altersklasse 1 (35 bi» 39 Jahre).
(108 Bewerber, 99 Sieger.)
11. Otto Meier, Tv. 1860 Bad-Nauheim, 150 P.: 12. Hans Thöt, Tv. A 1 sfe 1 d. 149 P.; 32. Heinrich Post. Tv Alsfeld. 128 P.
Altersklasse 2 (40 bi» 45 Jahre).
(105 Bewerbe«, 94 Sieger.)
19. Anton Feuerstein, Tv. 1860 Bad-Nauheim, 147 P.: 20. Jean Fleischbauer, Tv. 1860 B a d - N a u h e t m, 146 P.; 28. Fritz Henkelmann, T.u. Spv. Butzbach, 138 P.; 30. Albert Rinn. Tv. Heuchelheim, 136 P.
Altersklasse 3 (über 45 Jahre).
(152 Bewerber, 151 Sieger.)
10. Georg Dtckhardt, Tv Alsfeld, 161 P.: 20. Heinrich Amend, Tv. Krofdorf, 150 P; 26. Konrad Bücking, Tv. A l s f e 1 d, 144 P-. 29. Emst Jung, Tv. 1846 Gießen, 141 P.. 31. Willi Henes, Tv. 1860 Bad-Rauheim, 138 P.: 32. Bernhard Pfeffer, Tv. 1860 Bad-Ra u- heim, 137 P., 33. Karl Müller, Tv. Alsfe 1 d, 136 P., 40. Heinrich Henes, Tv. 1860 Bad- Rauheim (mit 63 Jahren ältester Wettkämpfer bei dem Kreistumsestl), Fritz Wiegand, Tv. 1846 Gießen, 128 P.
Mustcrricgenturncn.
Das Dereinsriegenturnen brachte am Samstagnachmittag ein eindrucksvolles Bild turnerischer Breitenarbeit. Bon den Musterriegen tarnen 54 in den ersten Rang, 71 in den zweiten Rang, 15 in den dritten Rang. Ein achtunggebietender Erfolg turnerischer Gesamtarbeit war die Beteiligung des
Tv. 1846 Gießen,
der eine Riege stellte die sich auf verschiedenen Gebieten betätigte und mit 84 Punkten Wertung im ersten Rang den besten Riegen auf dem Turnplätze zugehörte. Es traten an:
an zwei Barren (Leitung: Tumwart K. Müller) die Turner K. Reuter, W. Bernhardt, K. Stork, 3. Köhne, K Schick, E. Ktöbet, O. Stahl, P Becker, Fr. Wenderoth, W. Straub, O. Kem, H. Herbert:
zu Stabübungen (Leiter: Obertumtoart Erb) die Alterstumer E. Jung, W. Laudon, Fr. Wiegand, L. Röhrich, G Wahl, E Marx, H.
OskarWetter, derOzeanfranz.
Von Wilfrid Bade.
Oskar Weller, der Sportjournalist und jetzige .Franz" bei Wolf Hirth, dem wagemutigen Ozeanflieger auf einem Klemm-Kleinflugzeug, der am vergangenen Freitag auf Island landete, ist ausgesprochen das, was man einen .frechen Hund" nennt
Wellers Karriere begann als Pressechef des Bayerischen Automobilklubs. Damals kannte jeder in München den quicken, immer erregten, immer mit schweren englischen Zigaretten bepackten kleinen Kerl, dessen Augen von dicken Brillengläsern verdeckt waren und der ein technisches Wissen von Motoren besah, um das ihn mancher Dr.-Ing beneiden konnte. Es gab einfach keine Konstruktion, keinen Typ, ob es nun Motorrad oder Auto ober Flugzeug oder sonst etwas war, das Oskar Weller nicht kannte wie die Marke feiner Zigaretten.
Außerdem aber pflegte Oskar mehr auszu- geben, als er verdiente, und so war es nur natürlich daß dies finanzielle Mißgeschick seinen Optimismus und seinen sportlichen Wagemut aufs Höchste steigerte. .Da muß so ein großer Flug her", erklärte er oft, .dann ist die Kiste geschmissen." Und es gab wohl keinen Ozeanflug der letzten Jahre, bei dem Weller seine Finger nicht gar zu gern darin gehabt hätte, aber keiner hatte zu seinen Brillengläsern das rechte Bertrauen. Das tat ihm bitter weh.
.Und dabei fahre ich ohne Führerschein geradezu blendend Motorrad", erläuterte er sein Mißgeschick und steckte sich eine neue Zigarette an. Im Motorradfahren hat er wirklich einige nette Stückchen geleistet. 1927, Weller war noch gar nicht lange beim BAE., fuhr er als Beiwagenmann im Salzbergrennen. Die Herren vom Komitee stehen ahnungslos in einer der Kurven, da braust eine Maschine an ihnen vorüber, und im Beiwagen voltigiert ein mit einem - Tropenhelm versehenes Etwas und macht seine „Kurven- männchen", daß den braven Herren Hören und Sehen vergeht: Weller' Man denke: ein Fahrer des Bayerischen Automobilklubs, im Ealzberg- rennen, im Tropenhelm! Die Direktoren traf beinahe der Schlag. Sie stürzen nach dem Rennen aus Weller zu, ... wie er denn dazu komme,.. was ihm eigentlich einfalle... der saugt ruhig an seiner Zigarette: 3a, man habe ihm gesagt, irgend etwas müsse so ein Rennfahrer aufhaben, und einen. Sturzhelm habe er partout nicht ge
pumpt bekommen, und da habe er feinen alten Tropenhelm eben herausgefucht... Seinen Tropenhelm, sagte er ganz ruhig, weiß Gott, von welchem Fasching der stammte! und die Herren vom BAE. rangen die Hände über ihren Pressechef
Und jetzt also fliegen Wolf Hirth und Oskar Weller auf einem Spvrtflugzeug nach USA. Möge es ihnen gut gelingen, und Oskars Sehnsucht nach einer großen, tapferen Sache befriedigt werden...
Er ist ein netter Kerl, mit dem man Pferde stehlen kann, ein frecher Hund, und ein Erfolg ist ihm zu gönnen.
plattdeutsch und Flämisch.
Meine Mißverständnisse auf einer Flandernfahrt
Don Franz Fromme.
So leicht werde ich meinen ersten Tag in Flandern nicht vergessen. Es war noch vor dem Weltkrieg, und niemand von uns dachte daran, daß diese weiten, friedlichen Fluren so bald von Krieg und Zerstörung heimgesucht werden sollten
Zwei 3ahre kannten wir einander schon, mein flämischer Freund und ich, irgendeine seltsame Fügung hatte es ergeben, daß wir uns bisher aus Englisch miteinander verständigt hatten, wenn wir uns in isländischen Gewässern oder schwedischen Wäldern zusammen Herumtrieben.
Aber als wir auf dem Hof mit den hohen Eschen einfuhren, der feinem Bater, einem hochgeachteten Flamensührer, gehörte, fragte er .Welche Sprache wollen wir nun sprechen? Französisch duldet mein Bater nicht: Hochdeutsch schätzt er auch nicht besonders, weil er die Preußen nicht liebt..." Da fiel mir ein: .Wo ist mit Plattdütsch?" Und als ob das Ei des Kolumbus - reichlich spät — gesunden wäre, pflichtete et bei: .Ja, Rederduitsch. bat zal je spteeken!"
Und es ging glänzend mit dem Plattdeutsch unserer nordwestlichen Wasserkante: .Slapen — Eten — Drinken!" Es war buchstäblich dasselbe, plattdeutsch und flämisch, bei allen Bedürfnissen, den nächtlichen -wie den täglichen Und im .Slapen" und .Drinken" kam ich gut mit; aber beim Essen ging es minder gut. Darin waren sie mir .über“. 3mmer sollte ich noch mehr zu mir nehmen; das Nötigen nahm kein Ende, und ich wußte schließlich keine andere Rettung, da
das Danken keine genügende Abwehr schien, als die offenherzige Erklärung: .3k bin f a t tl“
Erstaunen, ja, im Gesicht der Hausmutter, unter Lächeln gütig verdeckt, so ein ganz klein wenig Entrüstung .Zoo vroeg — so früh am Tage — U hebt toch niets gebronten?“ Das Wörtchen „falt“, flämisch „zat" geschrieben, bebeutet nämlich .betrunken".
Und nun nahmen die sprachlichen Mißverständnisse kein Ende. Eine .N i ch t“ wurde angemeldet. Welcher Mann freut sich nicht, wenn derartige jugendliche Wesen austauchen.- Aber, o Enttäuschung! 3m Flämischen sind „Nichten" durchaus nicht so jung wie im Deutschen; da ist „nicht" dasselbe, was wir „Base" ober „Muhme", auch wohl „Cousine" nennen, ja, dem Alter nach sind es oft eigentlich mehr „Tanten" 3edensalls war die Nichte, die alsbald erschien, etwa 80 (in Worten achtzig) Fahre alt und meine Freude erheblich geringer als die Ehrfurcht vor der Anzahl ihrer 3ahre.
Sie machte den Vorschlag zu einem Spaziergang, und unterwegs bat sie mich, ihr in einen Winkel zu folgen. 3ch muh wohl ein etwas verdutztes Gesicht gemacht haben, denn sie gab mir längere Erklärungen, die ich aber erst richtig begrifs, als wir in einen Laden traten, dafür lagt nämlich der Flame (wie der Niederländer überhaupt) „Winkel". Dort fiel nun bet Ausdruck „knapp mit Gelb“ — was ich für bie Einleitung zu einem Pumpverfuch hielt. Das war es aber nicht, fonbem „knap met gelb" ist einer, der über sein Geld gut zu disponieren versteht
Wieder draußen, schlüpfte ich rasch vor einet Elektrischen über den Fahrdamm und glaubte zu vernehmen, daß die Deutschen wohl recht „ruchlos" feien, „tockeloos" bedeutet aber nur „wagehalsig" ober „unvorsichtig". Auch für „verrückt" hörte ich mich einmal erklären, als ich meine Bewunderung für bie alten gotischen Kirchen Brügges aussprach, aber das war gleichfalls ein Irrtum, „verrukt" hat dort den Sinn von „begeistert“ aber .entzückt".
Meine Verwirrung nahm zu. Ich tounberte mich über nichts mehr, auch nicht, als ich vom auf bet Elektrischen stand und da las, daß man das Publikum ersuchte, die „Aandacht" des Wagenführers nicht zu stören. Daß bie Flamen seht „gob3öienftig“ sind, wat mir bekannt, aber daß der Wagenführer vom aus der Elektrischen feine „Andacht" hielt, schien mix etwas weit zu gehen.
Da standen wir nun vor einem bet schmalen Einfamilienhäuser, wie sie in den langen Straßen
bet flämischen Vorstädte stehen, und konnten nicht hinein; aber meine achtzigjährige „Nichte“ meinte, wir müßten noch einmal „bellen“. Diesmal begrifs ich rascher. Sie wollte mich nicht zum Hunde erniedrigen, sondern es ist hier wie in England: „bellen" bedeutet „schellen".Drinnen aber wurden wir „u i t g e n o o b i g t", b. h. nicht etwa wieder .h i n a u s g e n ö t i g t“, sondern freundlich „eingelaben".
Der Höhepunkt des flämischen Volkslebens toat damals, als die Flamen noch kaum zu eigener Politik erwacht waten, Kirmes und Jahrmarkt. Diel wurde mir davon vorgeschwärmt, nicht nur mündlich, aus einer Karte bezeichnete mir ein jugendlicher Freund den Höhepunkt dieses Höhepunktes mit Schie tkraam Das ist nun im Plattdeutschen alles andere als ein Lob. es ist ein solches Wort, daß man es in guter Gesellschaft nicht auf Hochdeutsch wiederzugeben pflegt. Und im Flämischen bedeutet es — Schießbude.
Das Derby der 6000 Brieftauben.
Don dem Barackenlager in der Nähe von Algier sind jetzt 6000 Brieftauben abgelassen worden, die aus allen Teilen Frankreichs und Belgiens flammen. Um in ihre Heimat zurückzukehren, müssen sie die lange und beschwerliche Reite übet das Mittelländische Meer und durch Frankreich, bie belgischen auch noch ben Weg weiter nördlich übet die stanzösische Grenze machen.
Dieser großartige Detfuch mit Brief tauben ist von dem französischen Ralionalverband der Brieftaubengesellschaften veranstaltet worden und findet die Unterstützung aller Behörden. Die Tauben wurden in ©onöerxügen nach Marseille befördert, und bei ihrer Ueoerfahrt nach Algier an Bord der „Martinique" wurden alle Vorsichtsmaßregeln angewendet. Man hofft, daß wenigstens bie Hälfte bet Vögel jyelunb an ihren Bestimmungsort ankommen wirb, obwohl beinahe 80 Ptoz. bet französischen Tauben, bie im vorigen Jahre in Spanien freigelaffen wurden, bie Pyrenäen nicht überqueren konnten. Doch ist bei gutem Wetter anzunehmen, bah das Meer ein geringeres Hindernis bietet als das Gebirge Aufrufe sind erlassen worden, den Vögeln, wenn man ihnen begegnet, jede Hilfe zu gewähren. Jeder Vogel trägt zwei Zettel, auf dem einen steht geschrieben „Wettbewerb Algier 1930" auf dem andern „Gib mir etwas zu essen und zu trinken, bann laß mich frei. Vielen Dank!“


