Nr. |30 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 5. Zuni (950
OieKampfparoledesHanfabundes
Scharfe Abrechnung mif dem Kurs der Zwangsläufigkeiten^. - Durch Ausgabenabbau zu einer Sanierung der Reichsfinanzen.
Der Hansabund für Gewerbe, Handel und Industrie wendet sich im neuesten Hest seiner.Mitteilungen" mit einem Auf- sah seine- Vorstandsmitglied- E r n st M o s i ch an die breite Oesfentlichkeit. in dem es u. a. heißt:
Die im Dezember 1929 und insbesondere die jetzt im April vom Reichstag beschlossenen Sleuer- erhöhungen haben wir mit schürf stem Rachdruck bekämpft. Denn wir waren und sind der Uebcr- zeugung, daß schon aus dem vorher vorhanden gewesenen übersteigerten Riveau der an die Wirtschaft gestellten öffentlichen Steuer- und Abaabe- anforderungen eine .Sanierung" der öffentlichen Finanzen nicht durchzuführen war und ist. Wir behaupteten und behaupten, daß die Mcberfteige- rung der wirtschastlichen Lasten mit Ursache der sozialen und wirtschaftlichen Rot war und ist, dah jede weitere Steigerung dieser La st en die Rotstände vergrößert und den Staat vor neue soziale Leist ungspslichten stellt, denen er wiederum nur durch neue Lastensteigerung, neue Vergrößerung der Rotstände zu begegnen vermag b i s zum chaotischen Zusammenbruch
iner völlig entkräfteten Wirt- Haft. eines völlig zermürbten
Staatskörpers.
Der. die vielfachen Sparversprechungen unerfüllt lassenden ReichShaushaltsvorlage für 1930 stellten wir dos Verlangen nach umfassend- stem AuSgabenabbau entgegen aus der Erkenntnis, dah nur eine nunmehr sofort bis an die äußersten Grenzen des Tragbaren gehende Sparpolitik zu einer wirklichen Gesundung der öffentlichen Finanzen, zu einer unangreifbaren Stabilität der Bilanzierung des Rcichshaushalls führen könne. So, wie in den etatskritischen Arbeiten des Vorjahres stellten wir sest, daß.n ur der Weg vom AuSgabenabbau zur Steuersenkung, zur Entspannung der sozialen Rot stände, zur Kräftigung der Gesam twirtschaft. zur Gesundung der Steuerträger der Lösung des schweren Problems entgegcnsührt, die unmittelbaren und mittelbaren wirtschastlichen und sozialen Folgen des Weltkrieges ohne eine unerträgliche Rivellierung der Lebenshaltung der Gesamtnation zu überwinden.
Wenn Reichsregierung und Reichstag bisher nichts unternommen haben, bei den Beratungen der Haushaltsvorlage im Haushaltsausschuh und im Plenum des Reichstages wenigstens in den bescheidenen Grenzen des Vorjahres dem Spargedanken zu dienen, so ist festzustellen, dah nirgends dabei der Beweis dafür erbracht ist. dah nicht eine Minderung der Rettoausgaben des ReichShauShalts in dem von uns grundsätzlich voraezcichneten Ausinah von rund 800 Millionen Mark mit sofortiger Wirkung möglich sei. Wir wissen sehr wohl, dah fast für jede im ReichsAusbalt vorgeschlagene Ausgabe — gleichgültig, ob sie innerhalb oder außerhalb des Rahmens der gesetzlich sestgelegtcn .Zwangsläufigkeiten" liegt — eine Begründung und Rechtfertigung besteht. Aber wir verlangen, dah diese Begründungen und Rechtfertigungen dauernd und peinlichst gewertet werden an der Frage: ist die Ausgabe des einzelnen Titels s o dringlich, so starkes staatspolitisches Gebot, bah sie getätigt werden muh, auch wenn die Bereitstellung der für sie erforderlichen Mittel
Konstanze.
Vornan von Karl Heinz Voigt.
Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau.
29. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er hatte sehnsüchtig die Arme nach ihr aus- gcfhxdt, wie ein Ertrinkender nach der letzten festen Planke, die ihm eine schwache Aussicht auf Rettung bietet.
Sic kam llangsam zu ihm hin, trat ganz dicht an ihn heran. Aus feinem Gesicht las sie all sein Leid heraus. — Gab es keine Rettung mehr für diesen Schwachen? — War sie dazu bestimmt, jenen Unglücklichen heraufzuziehen zu sich? — Würde eS ihr gelingen, diesem Manne wieder einen Halt zu geben, dah er imstande war, die Stelle auszufüllen, an die ihn Gott gesetzt? — Oh. er war ein von Gott begnadeter Mensch. Sein Talent war mehr als bloßes Können. War dieses Talent nicht höhere Bestimmung? — All' diese Fragen schwirrten durch Konstanzes Kopf, als sie diesen Elenden vor sich sah.
Seine irrenden Augen tranken ihren ruhigen Blick. Da sagte sie mit ganz sanfter Stimme, in der Wunsch und Zuversicht zugleich lagen:
.Du wirst nicht mehr spielen, Peter!"
.Ich werde nicht mehr spielen, Konstanze."
ilnb dann folgte eine Stunde tiefster Zerknirschung für Peter. Er bekannte dieser Frau seine Fehler und Leidenschaften. Sie hörte ihm wortlos zu und er empfand es als wohltuende Entlastung, sie über seine Schwächen und alle Unwahrheiten, mit denen er sie hintergangen, aufzuklären.
.So, Konstanze! — Run muht du gehen. Run wirst du meine Wohnung nicht mehr betreten. Ich verdiene nicht deine Liebe. Ich habe dich betrogen und wie könntest du einem Lügner Vertrauen schenken?"
Er wartete, dah sie nun ausstehen würde, das Zimmer zu verlassen, um nie wieder hier zurückzukehren. Aber nichts von dem geschah.
..Ich weih," sagte sie, ..daß du dein Versprechen halten wirst, Peter. Wir haben alle Schwächen. Gott gab uns die Möglichkeit, diese Schwächen zu erkennen. Wir müssen unsere Fehler bekämpfen. Diese Möglichkeit ist wohl eine der größten Gnaden des Allmächtigen. — Du wirst deiner Kunst leben und diese Kunst. Peter, wird dich deinen Leidenschaften entreißen und zu Edlerem emportragen. So viel ich vermag, will ich dir halfen." — Sie hatte dies ganz schlicht gesprochen. Ein hehres Menschentum klang aus diesen Worten. „Ich werde mit dir kämpfen. Leidvoll wird dieser Kanrpf fein, aber nur durch tiefstes Leid ringen wir uns zum Höheren durch."
nur mit weiterer Zermürbung der wirtschaftlichen Kraft, weiterer Vertiefung der sozialen Rot, vor allem weiterer Steigerung der Arbeitslosigkeit herbeigeführt werden kann. An dieser Frage ist nichts zu deuteln! Sie muß gestellt, sie muß bei jeder Einzelausgabe vom Parlament beantwortet werden I
Wir wollen nicht Worte, sondern Taten! ilng find selbst geringe Taten wesentlich erwünschter als allzu starke Worte! Was nützt uns ein „Gesetz zur Vorbereitung der Finanzreform", was nützt uns ein sachlich nirgends unterbautes Versprechen von .Steuersenkungen in 1931", wenn einer Lastenerhöhung vom ©fernher 1929 und April 1930 im Ausmaß von fast 1000 Millionen Mark jetzt sich die Diskussion über eine weitere Lastenerhöhung von 600 bis 700 Millionen Mk. (210 Millionen Mk. Sozialbeiträge, 400 bis 500 Millionen Steuern) anschließt, ja anschliehen muß. da sich unsere Voraussage über die Entwicklung der Dinge als nur zu richtig erweist. Die Richtabkehr von den bisherigen Wegen der Finanz- und Sozialpolitik, die dadurch bedingte Erhöhung der sozialen Röte ist die Ursache des Zerbröckelns des Etats, bevor er noch zum Gesetz erhoben ist. Wit starken Worten läßt sich die Unbaltbarfeit solcher Politik nicht mehr übertünchen! Cs darf jetzt nicht über Steuer- und Sozialbeitragserhöhungen verhandelt und kom- promisselt werden. Das darf nicht sein!
Rochmals bietet sich aus dem Zwang der Lage heraus eine zum Erfolg zu gestaltende Möglichkeit, den Kurs wirklich zu wechseln.
Gebt der Wirtschaft ihre Freiheit wieder! Rehmt ihr die untragbaren Fesseln ab, in die sie -durch die Ueberfteigcrung der öffentlichen Ansprüche unmittelbar und mittelbar gelegt 'ist! Froher Zukunftsglaube, größte Intensität neuen wirtschaftlichen Schassens, tagtägliche Minderung der sozialen Rotstände, Auflockerung der Rot- bindungen, die sich die Wirtschaft selbst schaffen mußte, um durch die Gefahrzonen dieser Jahre das Fundament für neues Blühen hindurch- führen zu können, wird das sofortige Ergebnis eines gesetzgeberischen Handelns fein, fein muffen, das der Privatwirtschaft stärkste Kraftentfaltung im Dienst am staatlichen^ sozialen und kulturellen Aufstieg unseres Volkes ermöglicht.
Sofort ist zu handeln! Die Haushaltsberatung ist noch nicht abgeschlossen. Alles, was erforderlich ist. ist — wenn man nur will — noch in ihm abzuändern, um- und neuzugestalten.
Wir werden nicht ruhen noch rasten, um unsere Auffassung durchzusetzen. Dabei verkennen wir nicht, daß wir jetzt nicht mehr im „Beraten", nicht mehr im „Vorschlägen" allein unsere Pflicht erfüllen können. Kamps ist die Parole! Wir drohen nicht mit den Fahnen des Aufruhrs. Aber wir werden nicht davor zurück- scheuen, die Massen des erwerbstätigen Bürgertums unter den rot-weißen Fahnen der alten Hansa zum offenen Protest aufzurufen, sollte Mut- und Willenslosigkeit die gesetzgebenden Körperschaften weiter hindern, das zu tun, waS die soziale Rot, die wirtschaftliche Schwäche der Gegenwart verlangen. Handel, Gewerbe und Industrie haben nicht nur diePs 1 icht, Steuern und Abgaben und nochmals Steuern und Abgaben zu zahlen, sie haben auch das Recht, alle in ihnen wohnende politische Kraft, das ganze
Ungläubig hatte er ihren Worten gelauscht. — Gab es so hohes Weibtum, das diese Fehler verzieh? — War man nicht ein Verzweifelter, ein armer Unglücklicher, der an solche Reden nicht mehr glauben konnte? — Sollte man ihn nicht lieber lassen, wo er war? — Es war vielleicht besser, diese Frau ihren Weg gehen zu lassen und ihn sollte man den seinen weiterschreiten lassen bis zur Vernichtung. — Da wehrte sich ein gewaltiges, heißes Verlangen, sein Leben mit dieser Frau zusammen zu Ende zu führen, in ihm gegen solche Gedanken. — War sie nicht die begehrenswerteste aller Frauen? War sie nicht ganz Verzeihen, ganz Güte, ganz Milde, ganz Liebe und ganz Verstehen?
„Ich verspreche dir alles, was du von mir verlangst, meine kleine Konstanze", sagte er und küßte dankbar die geliebte Frau. —
Don diesem Tage an wurde kein Wort mehr über Peters Leidenschaft zwischen den beiden gewechselt. Es schien wirklich eine gewisse Ruhe und Abgeklärtheit über ihn gekommen zu sein. Er matte wieder. Wenn sie jetzt heimlich in seinem Gesicht forschte, dann schien es ihr, als wäre das Befremdende, das ein unseliges Laster dort eingegraben hatte, verschwunden, und in manchen Augenblicken gewahrte Konstanze daS frühere Gesicht PeterS unter der dünnen Maske seines jetzigen Antlitzes hervorlugen. Es war das Gesicht, das in Klein-Giesow früher, früher, in verwehten Zeiten durch ihre sonnigen Mädchenträume geschwebt. — „Konnte nicht alles wieder so sein wie damals?" fragte eine Stimme in ihr. Sic lächelte der Stimme müde zu und schüttelte unbewußt das Haupt. „Damals sahen wir das Leben anders. Wir sind verschlungene Wege geschritten in der ganzen Zwischenzeit", antwortete Konstanze der Stimme. „Pfade zur Höhe und Pfade zur Tiefe. Damals gingen wir beide unbeschwert dahin auf blumigem Plan, tänzelnd und frohlockend. Run kennen wir das Leben, nun sind wir reif."
Sie öffnete die Augen wieder, die sie ganz mechanisch geschlossen hatte, und blickte zuPetcrS Staffelei hinüber. „Diese vergangenen Zeiten können nicht wieder auferstehen. Richts kehrt völlig unverändert wieder im Leben. — Warum war dieser Mann so schwach?" fragte sie sich. „Dieser Mann konnte der Menschheit mit seiner Kunst das Größte und Höchste geben. Seine Schwäche allein war es. die ihn daran hinderte." Und nun fiel es Konstanze wie Schuppen von den Augen. Diese Stunde wurde für sie zur inneren Erleuchtung. Sie wußte, sie war berufen, diesen Mann zu dem zu führen, wozu ihn Gott erwählt hatte. Das war kein Vermessen Konstanzes, keinesfalls. Es war Gefühl. Dieses Gefühl war so stark, daß sie an einen inneren, göttlichen Befehl glaubte. Sie würde alle Schwächen,
Gewicht ihres staatsbürgerlichen Wollens s ü r die Politik einzuschen, die ihnen im Interesse des Ganzen von Ration und Wirtschaft notwendig erscheint.
(Sfabfraf in Äav-Rauheim.
21 Dad-Rauheim, 4. Juni. Der Stadt- r a t belch oh in seiner gestrigen Sitzung die Einführung einer aisgemeinen Wcrtzuwachs- fteuer unter Aufhebung der Ortssahung über die Inflations-Wertzuwachssteuer. Der Muster- sahung des Ministers des Innern über die Erhebung einer allgemeinen Wertzuwachssteuer wurde zugestimmt. Rach der Satzung über die allgemeine Wertzuwachssteuer entscheidet über Billigkeitserlässe der Stadtrat, der beschloß, seine Befugnisse einem besonderen Eteuerausschuh zu übertragen, bestehend aus dem Bürgermeister oder einem von ihm bestellten Vertreter und aus vier Etadtratsmitgliedem (zwei Stellvertreter).
Für den Wohnungsbau 1 9 30 stehen an verbilligten Daugeldern 224 000 Mk. zur Verfügung. Im Eigenbau der Stadt sollen laut Besch uh des Stcd:rct:> zwei Häu er in der Friedrichstraße errichtet werden, die vierzehn Zweizimmerwohnungen mit Zubehör enthalten. Für den Bau beider Häuser soll aus den Baugeldern ein Betrag von 170 000 Mk. zur Verfügung gestellt werden. Außerdem wurde die Verwaltung ermächtigt, gegebenenfalls eine erftftcllige Hypothek bis zum Betrage von 20 000 Mk. aufzunehmen. Für den privaten Wohnungsbau werden acht bis zehn Baudarlehen in Höhe von je 7000 Mark für eine Dreizimmerwohnung unter den Bedingungen deS Jahres 1929 zur Verfügung gestellt.
Das Deutsche Hygiene-Museum wird im Laufe des Sommers hier eine Ausstellung über Gesundheitspflege veranstalten. Die der Stadt entstehenden Kosten belaufen sich auf
etwa 800 Mk., die durch Eintrittsgelder und durch Beiträge anderer intcrcfficrten Behörden ober öffentlichen Stellen zum großen Teil gedeckt tocri den sollen.
(Sfabfraf in A sseld.
fr* AlSseld, 4. Juni. In der gestrigen Stadtvorstandssitzung stand wieder auf der Tagesordnung die Bewilligung eine- weiteren Kredits für Rotstandsar- beiten. Wie der Vorsitzende dazu milteiltc, nimmt die Zahl der Wohisahrtserwerbslosen zu, für die nach Möglichkeit Arbeitsmöglich'.eit geschaffen werden soll. Es wurde daher ein weiterer Kredit von 1000 Mark zur Vornahme von Rotstandsarbeiten bewilligt. Zur Zeit werden die im Voranschlag des neuen Rechnungsjahres vor- gesehnen Kanalbauarbeiten auSgesührt. Insgesamt sind biS jetzt 10 000 Mark zur Vornahme von Rotstandsarbeiten bewilligt und verausgabt worden. Die Zahl der Erwerbslosen zeigt nur eine geringe Abnahme.
3m Zusammenhang mit der von der Provinz in Aussicht genommenen Teerung der Ortsdurchfahrt Alsfeld Altenburg ist eine Reuanlage des Bürgersteiges in einem Teile der Altenburger Straße notwendig geworden, welche die Erwerbung von Gelände erforderlich macht. Die von der Bürgermeisterei mit den Anliegern getroffene Vereinbarung wurde genehmigt. Für die Herstellung eines Bürgersteigs in der unteren Hohl mit Mofaikpslasler wurde ein Betrag von 760 Mark bewilligt.
Die Anschaffung eines AbhorchgeräteS für die Wasserleitung zum Zwecke der Feststellung von Schäden an der Leitung von der Firma Siemens & Halske zürn Preise von 312 Mark wurde genehmigt.
Stenographen-Tagung in Laubach.
Bezirk Gießen im hessisch-nassauischen Kurzschristverband „Gabelsberger"' (Verband für Einheitskurzschrist).
Dem Stenographenverein Gabelsberger Laubach war anläßlich seines 10. Stiftungsfestes am vorigen Samstag und Sonntag die Iahrestagung des Kurzschriftbezirks Gießen, dem alle Einhei tskurz- schrift-Dereine der Kreise Gießen, Friedberg, Schotten, Büdingen, Wetzlar, Marburg und Dillenburg angehören, übertragen worden.
Am Samstag fand in der Oberrealschule eine Unterrichtsleiterbesprechung statt, in der Oberreallehrer Kreuher aus Friedberg eine sehr interessante Lehrprobe gab. Im Anschluß daran referierte Lehrer Muth (Marburg) über Systemfragen. Um 9 Uhr fand die D e r trete r f i t) u n g in der „Traube" statt, in der der Bezirksvorsihende Prokurist Kuhl (Gießen) den Jahresbericht vortrug. Aus diesem war zu entnehmen, daß die Einheitskurzschrift eine riesige Ausdehnung genommen hat, während die übrigen Systeme immer weiter zurückgehen. Im De- zirksgebiet wurden zwei neue Vereine in Marburg und ein neuer Verein in Mücke gegründet. Der Bürorechner Gravelius (Gießen) erstattete die Rechnungsablage, welche einen günstigen Stand der Kassenverhältnisse zeigte. Die Berichte der Vertreter der einzelnen Vereine legten Zeugnis davon ab, welche Wertschätzung die Einheitskurzschrift überall gefunden hat. Als Ort der nächsten Bezirkstagung wurde Friedberg gewählt..
Ein Extrazug von Gießen, Autobusse von Schotten, Bad-Rauheim und Friedberg führten am Sonntagmorgen eine gewaltige Menge Wett- schreiber nach Laubach. Die Schulräume reichten nicht aus, die Schnellschreiber alle aufzunehmen, weshalb noch in den Sälen der Gasthäuser geschrieben werden mußte. Dank der guten Organisation des Wettschreib-Ausschusses konnte das Ergebnis noch am Sonntag verkündet werden. Beim Festessen im „Solmser Hof" begrüßte Ober» justizsekretär Elbe die Stenographen und Gäste. Bürgermeister H ö g y gab feiner Freude darüber Ausdruck, daß der Bezirk feine Tagung nach Laubach gelegt hatte und beglückwünschte den Laubacher Verein zu seinem zehnten Stiftungsfeste und feiner tüchtigen Vereins lei tung. Prokurist Kuhl erkannte dankbar an, daß die Stadt Laubach, das Gräfliche Haus Solms-Lau- bach und die Geschäftswelt wertvolle Stiftungen gemacht hatten, so daß eine große Anzahl von Ehrenpreisen verteilt werden konnte.
Der große Saal des „Solmser Hofs"' konnte die vielen Stenographen, denen bei Musik und Tanz einige schöne Stunden geboten wurden, nicht alle fassen. Erst der Eonderzug am Abend lichtete die Reihen, so daß nun auch die Laubacher selbst Platz fanden, um ihr 10. Stiftungsfest noch feiern zu können. Studienrat Detter begrüßte die Gäste und gab einen Rückblick auf die Geschichte des Vereins, aus dem mit besonderer Genug-
alle Leidenschaften, die in diesem Mann noch wühlten, mit seiner Hilfe niederringen. Tiefstes Leid war der Preis, das wußte sie.
Roch eines war da, das Konstanze fühlte. Sie merkte, daß Peter mit einer Absicht umging, die Konstanze erbeben ließ. Er hatte des öfteren Anspielung gemacht, die dahin zielten, Konstanze möchte seine rechtmäßige Frau werden. Sie war ausgewichen.
Es gab zwei Punkte, weshalb sie dem flehenden Blick Peters entfloh, so daß er in letzter Sekunde immer wieder schwieg.
Erstens stand Lothar einer Che mit Peter im Wege. So seltsam es war, aber es schien Konstanze, als könne sie es nicht überleben, daß Lothar schlecht von ihr denke. Sie konnte Lothar nicht das geringste vorwerfen. Was dächte er wohl von ihr, wenn sie ihn jetzt bäte: Gib mich frei. Ich will den Mann heiraten, dem meine Jugend gehörte und dem meine Liebe gehört?
Der zweite Punkt: Roch mußte Peter ringen und kämpfen. Roch war die Zeit nicht erschienen, da er mit ihrer Hilfe auf unantastbarer, reiner Höhe stand, von der es kein Zurück mehr gab.
Konstanze hatte ihre alte Liebhaberei wieder auf genommen und ihre Mufikstunden, die sie lange Jahre unterbrochen hatte, wieder fortgesetzt. Lothar hatte nie Musik geliebt und so hatte Konstanze in den Jahren ihrer Che mit Lothar allmählich alle musikalischen Hebungen ein schlafen lassen.
Man hatte ihr den Professor Scholl empfohlen. Er befaß einen guten Ruf in der Musikwelt und war ganz entzückt gewesen über KvnstanzeS volle und weiche Altstimme, als et sie gebeten hatte, ihm vvrzusingen.
Sie nahm also wöchentlich zwei Stunden bei dem alten Herrn. Dienstag war Gesangstunde und Freitags übte sie unter Aufsicht des alten Professor Scholl Klavier.
„Sie haben einen guten Anschlag, gnädige Frau", lobte dann der alte Herr anerkennend und wiegte den weihen Lockentopf hin und her. „Und diese Stimme! Don Woche zu Woche wird sie kräftiger. — Sie haben entschieden ein dramatisches Organ, gnädige Frau! Hätten Sie nicht Lust, die Bühnenlaufbahn zu ergreifen T'
Konstanze lächelte und senkte das schone Haupt über die Tasten. Sie muhte an den Ausspruch ihres Vaters b en len, damals, als sie das letjte- mai im Elternhaus gewesen: „Eine Theaterprinzessin übelster Sorte!" Sie sah im Geiste ihre Geschwister und das höhnische Lächeln ihres Schwagers.
Da klang wieder des alten Musikers Stimme an ihr Ohr: „Eine Zeit Unterricht noch — ein haar dramatische Stunden — ich garantiere Ihnen, Sie könnten Karriere machen." Seine
Augen unter den weihen Brauen blickten gutmütig auf die schöne Frau. Seine Blicke wanderten an ihrem Körper entlang. „Und bei dieser Figur! — Sie sind für Gestalten, wie die Drun- hilde, wie geschaffen."
Konstanze hob ihren Blick von den Tasten auf. Ihre Hände lagen im Schoß. Sie lächelte den Professor an.
„Das ist etwas für Menschen, die das Geben anders sehen, als ich, Herr Professor. Meine Verwandtschaft ist überdies sehr voreingenommen gegen die Bühne."
Run ereiferte sich der weißgelockte Herr: „Immer wieder stößt man auf die verkehrten Ansichten einer alten Generation, die das Bühnenleben für nicht gesellschaftsfähig hält. Ist alles, was Kunst heißt, und nicht zuletzt die Bühne, nicht etwas Hohes, Hehres? — Glauben Sie mir, gnädige Frau, ich bin stolz, schon so manchen der herrlichen Kunst in die Arme getrieben zu haben. — Wieviele meiner Schüler stehen jetzt als gereifte Menschen beinahe allabendlich einer andächtig lauschenden Menge gegenüber und tragen in ihre Seelen reine Freude und edelsten Genuh durch ihre Kunst."
Er verlor sich immer mehr in dieses Thema, so daß Konstanze ein kleines huschendes Lachen von ihren Lippen nicht verscheuchen konnte. Aber das, was Professor Scholl von der hehren Kunst gesagt hatte, war ganz in ihrem Sinne gesprochen gewesen. Auch sie empfand die Kunst als etwas Göttliches, als etwas, das geeignet fei, die Menschheit zu heben und zu fördern und emporzuziehen, hinauf zu goldener Hohe.
„lleberlegen Eie es sich, gnädige Frau! — Ein Wort von Ihnen genügt und ich werde sofort mit meinem Freunde, Generalmusikdirektor ©tonet über den Punkt reden. Er wird Sie hören und er wird entzückt fein.“
Dieses Gespräch verarbeitete Konstanze die ganze nächste Zeit in ihrem Innern.
Es war Konstanze aufgefallen, dah Kurt Helbing sie geflissentlich mied. Sie wußte, daß der Bildhauer in ihrer Gegenwart litt.
Es gibt Frauen, deren sensibles Gefühl ihncn anzeigt, toenn_ ein Mann sie liebt, auch wenn er_ eine vollständige Gleichgültigkeit zur Schau trägt. Zu dieser Art von Frauen gehörte Konstanze.
Kein sehnsüchtiger Blick aus den todgeweihten Augen des tuberkulosekranken Künstlers traf sie mehr, wenn sie sich zufällig Begegneten, aber dennoch war etwas da, das Konstanze mit der Bestimmtheit erfüllte, daß Kurt Helbing sie heftiger liebte denn je. Vielleicht war diese Liebe flärfet geworden, weil sie ohne Hoffnung war uni) voll von lohender Eifersucht gegen Peter Uhlstädt.
. (Fortsetzung folgt)


