Nr. 284 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Rnzeiger für Gderhesien)Donnerstag, 4. Dezember |930
Gedanken zur europäischen Lage.
Don * * *
Vorbemerkung der Redaktion: Man stellt uns von vorzüglich unterrichteter Seite die nachio'genden Darlegungen zur Verfügung. Obwohl wir uns nicht mit ihnen identifizieren, bringen wir sie dennoch Deshalb zur Kenntnis unserer Leser, weil wir im Augenblick nichts für wichtiger halten als die ehrliche Auscinanderfehung überzeugter und ihr Dater'and liebender Menschen mit ^en schwebenden auhenpo.i.ischen Fragen.
II.
Oie Landlarie.
Als Hitler am 14. September einen Wahlsieg errungen hatte, auf den ec selbst niemals gefaßt war. hielt er es für unerläßlich, in Interviews und Gesprächen die Tona.t, mit der seine Wahlpropaganda geführt worden war. herabzuniildern. Er begriff wohl so ort. welche na nenlo e Verantwortung er auf sich geladen hatte, als er Versprechungen in sein Programm aufnahm, deren Erfüllbarkeit ihm selbst unm g ich e.scheinen muhte. Man kann natürlich einen Vertrag aufwändigen — es fragt sich nur um welchen P.eis. Rur auf den Preis kommt es an. Lind darauf, wer ihn zahlt.
Das wissen auch sehr genau d e I t a l i e n e r — und deshalb machen sie eine Politik, welche darauf hinausläuft, ihre eignen Mach.gelüste möglichst von dritter Seite bezahlen zu laifen. Es ist erstaunlich, zu sehen, mit welcher Leichtgläubigkeit manche Deutsche auf die e italienische Politik her- einfallen. Wäre die Sache nicht so beängstigend, so könnte man sie komisch finden. Mussolini hat die nationalisti chen und expansionistischen Instinkte seines Volkes bis zum Siedepunkt erhitzt. Er hat einen Hast gegen Frankreich hochkommen lassen, der so weit geht, dah sich manchmal an dritten Orten die Vertre.er beider Länder kaum beachten. Er hat Geister gerufen, die er vielleicht nicht mehr bannen kann. In Paris wird etwa seit dem Juni dieses Jahres die Möglichkeit eines i t a l o - f r a nz ö s i sche n Konfliktes ernsthaft erwogen. Ein Dlick in Vuchläden genügt, um zu sehen, wie sehr diese Frage die Gemüter beschäftigt. Könnte Italien einen solchen Krieg allein führen? Schwerlich. Lind ganz bestimmt nicht, falls die Abmachungen zwischen Frankreich und Jugoslawien solcher Ratur sind, dah der Ausbruch eines Konfliktes zwischen Rom und Paris Belgrad automatisch zum Losschlagen an der Seite Frankreichs verpflichtete. Es wird sich also jedenfalls für Italien empfehlen. einen Bundesgenossen zu suchen, der ebenfalls mit Frankreich noch ein Konto zu regeln hat. Der Versuch mit Deutschland könnte «ich also vielleicht lohnen. Die psychologische Basis ist im Augenblick günstig. Italien unterstützt also das deutsche Revisionsrerlangen. Welches? Die Regulierung des Voungplanes? Seine Aufhebung? Die Einstellung der Repacationszihlungen? Aber es hat doch selbst Reparationen zu bekommen, hat doch selbst nicht uirbeträchtl.che Summen an Amerika zu zahlen? Lind auherdem: de Revision der Reparationen ist doch — letzten Endes — eine amerikanische Angelegenheit! Also etwa die Abänderung der Ostgrenzen? Italien unterhält gute Beziehungen zu Po.cn — und Italiens Stimme (Sforza> hat seinerzeit gar nicht unwesentlich zu Dem oberschlesischen Betrug beigetragen.
Also was unterstützt denn eigentlich Italien? Run: nur seine eignen Wünsche! Lind der deutsche Ideologe durch chaut wieder einmal nicht, was gespielt wird, weil er sich — völlig zu Lin- recht — in eine Art Vabanquestimmung hinein-
Auflösung des Kreises Scholien.
Erklärungen des Innenministers Leuschner.
Darmstadt, 3.Dez. (WSN.) Ucber die viel« erörterte tfraae der Auflösung von hessischen Kreisen machte Innenminister Leuschner vor einer Abordnung des Kreisausschustes des Kreises Oppenheim Ausführungen, die Klarheit in diese Frage bringen. Der Minister führte aus, daß sich die Regierung oom Landtage ein Ermächtigungsgesetz geben lassen werde, um auf Grund dessen Sparmaßnahmen durchführen zu können.
Es werden drei hessische kreise aufgelöst: In Oberhessen der kreis Schollen. In Starkenburg der kreis Bensheim und in Rheinhessen der kreis Oppenheim.
Die Stadt Bensheim wird durch die Verlegung des Amtsgerichts Lorsch nach Bens- hei m entschädigt. Der Minister begründete diese Maßnahme damit, daß ein Teil der Einwohner des Kreises Oppenheim durch mehrere Kreise fahren müsse, um in die Kreisstadt zu gelangen. Für die Auflösung der drei Kreise sind finanzielle und an- dere Gesichtspunkte maßgebend. Der Minister erklärte, daß er trotz aller Proteste bereit sei, diese Auflösung durchzuführen.
Es verlautet, daß diese Erklärungen des Ministers erfolgt find, nachdem er von den Fraktionen die Zusage erhalten Hot, daß sie für das Ermächtigungsgesetz stimmen werden. Damit scheint das Schicksal der Kreise Scholten, Oppenheim und Bensheim besiegelt zu sein, wcttn nicht in letzter Stunde der Landtag sich gegen das Ermächtigungs- gefetz ousspricht.
Entschiedenster Protest auel Schottey.
Wie wir zu der vorstehenden Meldung von der Stadtverwaltung in Schotten erfahren, werde die Bevölkerung der Stadt und des Kreises Schotten gegen diese ungeheuerliche Maßnahme, die man in Schotten allgemein als das Todesurteil für die Stadt und ihre Wirtschaft bezeichnet, auf das entschiedenste protestieren. Die Begründung des Ministers, als bedeute die Aufhebung des Kreises Schotten irgendwelche Ersparnis für den Staat, werde von Schotten mit gründlichster Beweisführung entschieden widerlegt werden. Darüber werde auch die Oeffentlichkeit in kürzester Zeit Näheres zu erfahren.
treiben läßt, die im Handumdrehen zu einer Da- banquepolitik werden kann. Seit Jahr und Tag werden deutsche Reisende in Italien — besonders von Offizieren — gefragt, wie es denn um die deutsch-italienische Abrechnung mit Frankreich bestellt sei. Lind leider geben die meisten dieser Reisenden nicht die kategorische Antwort, welche auf solche Fragen gegeben werden muß. sondern sie fühlen sich noch geschmeichelt, dah man sie nicht mehr als „quantit^ n^gligeable" behandelt.
Wo soll denn ein italienisch-französischer Krieg eigentlich geführt werden? In den Scealpen? Schwierige Sache... Auch dürften dann die Franzosen wohl eher in Turin als die Italiener in Rizza sein. Zur See? Das wäre eine Möglichkeit. Da aber Frankreich — in begreiflicher Wahrung seiner außerordentlichen Kolonialinteressen im Mittelmeer — die Gleichheit der italienischen und französischen Seerüstungen abgelehnt hat (und mit absoluter Zähigkeit weiterhin ablehnen wird): so dürfte die italienische Chance eines maritimen Krieges auch sehr zweifelhaft sein. Also im verbündeten Deutschland! Deutschland wird die Iran* zösisch-belgischen Armeen im Westen (Rhein? Weser?! bannen, das Rheinland durch Gas« und Sprengbomben verwüsten lassen, von den Tschechen in Berlin und von den Polen in Breslau besucht werden--und auf die Hilfe Rußlands warten,
welches ebenfalls im Bunde ist. Denn dah — im Falle eines deutsch-französischen Konfliktes — die französischen Bündnisse sofort aktiv spielen werden. bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Der Preis aber, den sich Ruhland für eine bewaffnete Intervention zahlen liehe, würde wohl auch kn Deutschland auf den Tisch gelegt werden müssen. Er könnte sehr variabler Ratur sein, je nachdem.
So sieht die Hieroglyphenschrift der Landkarte aus. Eine Schrift, welche ein fünfzehnjähriger Junge lesen kann. Aber lassen wir die Landkarte noch einmal ganz unmittelbar sprechen: Deutschland ist eingekreist von: Frankreich, Belgien, Tschechoslowakei und Polen. Zwischen Deutschland und Ruhland liegt Polen. Polen ist als Territorium nicht viel kleiner als Deutschland, ist stark und modern gerüstet — genau wie Rumänien, dem es verbündet ist — und wird bis zum letzten Blutstropfen um seine eben erst erworbene
Existenz kämpfen. Zwischen Deutschland und Italien liegen die Al.cn. Rach Westen zu die Schweiz, deren Reutralität trotz italienischer Tessinggelüste wohl kaum verletzt werden dürfte, nach Osten zu Oesterreich, das- — falls es sich neutral erklärte — wohl weder von Italienern noch Jugoslawen respektiert würde. Im Falle einer Richtneu iralität würde cs sowieso das Kampfgelände zwischen diesen beiden Gegnern werden. Auch dieses Bild schenkt uns die Landkarte.--Rein: ein deut
scher Auhenminister sollte nicht, wie cs jüngst geschah. von „unteren russischen Rachbarn" sprechen. Ruhland ist weit. Lim Meere von Dunst und Blut. Lind Ruhland hat — gerade im Augenblick — wichtigere Dinge zu tun, als einen aussichtslosen Krieg zu führen: es sei denn, dah es durch einen polnisch-rumänischen Angriff provoziert würde. Aber auch an einen solchen Fall kann man kaum glauben. Denn auch Polen und Rumänien haben innere Aufbauprobleme zu lösen, zu denen Jahrzehnte gehören.
Eine eigentliche Kriegsgefahr von europäischer Tragweite liegt nur in einer aggressiven Verbindung überhitzter italienischer und u t o - pistisch-ideologischer deutscher Elemente gegen Frankreich. Man sollte annehmen, dah die Vernunft in Deutschland noch stark genug wä.e, über eine unmögliche Konstellation zu triumphieren. Bündnis ist etwas anderes als gute diplomatische Beziehungen. Lind auch diese brauchen noch lange nicht auf politischen Sympathien zu beruhen. Man kann Italien lieben — und sowohl seine innere als auch seine äußere Politik ablehnen. In dieser letzten Formel ist wohl die Haltung fast aller denkenden und die Lage durchschauenden Deutschen gekennzeichnet. Es gibt eine politische Neutralität, welche vorläufig absolut ist. Ihr Pendelschlag gegen Ja oder Rein bemißt sich nach der praktischen politischen A u s n u h b a r ke i t der Länder, gegen welche sie beobachtet wird, nicht aber nach einer theoretischen oder ideologischen. Lind diesen Pendelschlag pflegt sich eine gescheite Politik s o teuer als möglich bezahlen zu lassen. Rur in der deutschen Neutralität kann die Wende des deutschen Schicksals liegen. Die Möglichkeiten europäischer Konflikte bestehen durchaus. Auf sie zu spekulieren
wäre falsch und Zeitversäumnis. Denn eS gilt — nach wie vor — dos Wichtigste: in Frankreich eine neue Atmosphäre des Vertrauens in di» deutscheDernunftzu scha le.', die Linsinnig- kcit der französischen Angst vor einem deutschen Angriff mit allen nur eroenkliche.r Mitteln Dar» zutun, die geistigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern weit regcc als seither zu pflegen — und die Franzosen in unermüd.ichee Arbeit von der deutsch-französischen De ständ-.isnolwen.igkcit zu überzeugen. Rur die Entente Paris — Berlin kann Europa noch retten. Wer es immer noch nicht begreifen will, dem kann man nicht helfen: sei er Franzose, sei er D.utscher. Cs ist töricht, deutscherseits immer wieder einzuwerfen: „Die Franzo en wollen ja gar nicht!" CS ist die Ausgabe einer klugen und ra' linierten deutschen Politik, siewollenzu machen! DaS geht nicht in fünf Jahren! Dte te ifoar besten Anfänge waren ja da — daß Rückschläge kommen ist unvermeidlich: aber muh man dann im Bemühen sofort nachlassen? Genau das Gegenteil muß man tun.
Sehen wir einmal den Fall eines italienisch- französischen Konfliktes. Muh hier ausge echnet werden, was Deutschland durch Reutra ität, bewahrt bis zum Augenblick, wo sich die Zunge der Waage so oder so neigt, zu gewinnen hätte? CS mag dem Rachdenken der Leser überlassen bleiben. Der deutschen Jugend aber, der die deutsche Zukunft gehört, mag ans Herz geleit werden — in welchem Lager immer sie sich befinde — darüber zu wachen, dah nicht ein LInwiderrufliches und nie mehr Gutzumachendes geschehe.
Aus der provinzialhaupistadi.
Gießen, den 4. Dezember 1930.
Männer sind wie Wetterberichte.
Dcr Mann mag im Leben und im Geschäft verläßlich fein, wie ein Fels: in der Liebe und Frauen gegenüber zeigt er auffallende Aehn» lichkeit mit Den Wetterberichten.
Du hast von beiden das Gefühl, dah du ihnen nicht so ganz trauen darfst, aber immer wieder vernimmst du gläubig und mit neuen Hoffnungen ihre Feststellungen und Voraussagen.
Wenn er am Frühstückstisch noch heiter und mild erscheint, ohne die geringste Teildepressivn, kann ein zu weich gekochtes Ei oder irgendeine kalte Luftzufuhr jähe Temperatursprünge her«, vorrufen.
Wenn er dir gestern noch mit Wärme erzählte, dah du seine einzige Sonne seist, kann es verkommen, dah heute eine empfindliche Abkühlung mit Rebel und Riederschlägen das häusliche Klima stört.
Die LIrsache dieser Schwankung kann vielleicht in einer andern, dir unbekannten Sonne liegen, deren föhnig-heitere Strahlen ihn derart erwärmen, dah du in den Schatten gestellt wirst.
Die Lufthülle dcr Llnfehlbarkeit, mit der er sich meistens umgibt, und die höchstens durch Wetterleuchten oder Augenblihe durchbrochen wird, wenn man ihm widerspricht, ist eine förmliche Brutstätte für Gewitterbildung.
Die elektrischen Strömungen halten ihn in einem dauernden Dewegungszustand.
Er stellt Wechselbeziehungen zwischen Temperatur und Temperament fest und ist in dieser Hinsicht plötzlichen tropischen und subtropischen Einflüssen, auch wenn sie künstlich sind, auherordent* lich leicht zugänglich, zumal wenn sie von außen kommen.
Zu Hause indessen behauptet er, ständig auf einem übereisten Gebiet zu leben, unter dessen erkältenden Einflüssen er zu leiden habe.
Strahlt ihm jedoch hier ein Maximum von Sonne entgegen und wird er von Wärmegewrt-
Widmung für einen Landbriefkasten.
Don Anton Schnack.
Hölzerner Briefkasten, der von Unruhe und Fern» sucht beiallene und getriebene Dichter grüßt dich, da er schon weit ist und dich niemals Wiedersehen wird. Er hat dich geliebt und seine Traurigkeit und Be- klommenheit durch dich an vielen Abenden und Tagesansängen verloren. Er sieht den grauen Zaun, an dem du wie ein Rest mit vielen Geschenken und Überraschungen hingst. Dein breiter, auf geri ttener Mund öffnete sich begehrlich auf die Straße, die sich in Gärten, Grün und Hügelenden verlor: dein gutes, gläsernes Auge sah zu den Fenstern herein, hinter denen der Dichter saß und an den sansten Pastellen schrieb, worin die Llhren gingen, schmale Frauengesichter lächelten und der Mond auf die Dank der Liebenden heradsah. Der Dichter ging aber du bleibst, Jahre um Jahre, und immer wieder wirst du die gleichen Dinge erlebeKsdie einzigen Dinge, die Welse und treu sind: immer wieder den Regen, der auf dich niedertropft und dir von Meeren an südlichen Golfen erzählt, die Dir immer unbetanni und fern sein wer den. Der Dichter erinnert sich der Schneehaube, dre nach einer pichenden und bitteren Rächt auf Deinen Holz- hüt sich gestülpt hatte und dich ganz zu einemab- sonderlichcn und märchenhaften Wefen machte. War es nicht damals, dah an einem Morgen der schwarze Brief in dir lag. worin stand, im Kindergcsicht von Senile glühe ein giftiges Lieber. Dedeuiete dies nicht, dah über Lochen und Fröhlichkeit ein Reif gefallen war. der dem Dichter schwere Rächte und Schlaf- losigkeit ins Herz legte. O Kasten, du wirst den Bogel immer wieder sehen, der stngend aus dem Hafelgcbmch auf deinen Kopf rm kühlen Morgen- fdiein Ded Juni hüpft und dich mit braunem und zärtlichem Schnabel bellopft. Alles hast du mit dem Manne geteilt, besten Herz tagtäglich auf dich mit gewannter Verwunderung zugina. Alles hast du zu- erst gesehen: die farbigen Postkarten aus ieder Rich- tuna des Windes, die Absagen und die Zustimmun- aen Die Briefe der Liebe und die Briefe der Trauer, die Mitteilungen des Hastes und der Zuneigung. Wenn er an dich herantrat, zweimal am Tage, veränderte sich sein Her» und es veränderte sich nach dem. was du bargst. Es wurde voll Kummer und Bestürzung oder voll leichter Freude und klarer Helle doch du bliebst für jedes Gefühl der uner- schütierliche Freund, der sein Auge auf ihn richtete: erschrecke nicht, Dichter, und ubertteibe nicht, Dichter: Denn alle Dinge haben ihr Maß, ihre Rotwendigke» und ihre Vergänglichkeit! ®r bat beine Semut gemerkt. Die ihm unverbkuchlich schw^gend Diente. Den Zaun hat er sich tn fein Gedächtnis auf- gezeichnet, der alt und schwankend war und unter den Windstößen des Herbstes und des Frühlings litt, auch den ausgetretenen und stillen Weg, der zu dir,
o Kasten, hinführte und Den schon viele unD zögemDe Füße gegangen fein mußten. Lind Der Dichter erinnert sich mit Stille und Schwermut überm Herzen jenes Mannes, der vor ihm da war in der Zeit des grausamen und peinigenden Krieges, jenes alten Mannes, dem das Herz plötzlich befahl, tagelang nicht von dir zu weichen, da er das Gefühl hatte, als würde jeden Augenblick eine Rachricht von des Mannes Sohn aus Dem Felde eintreffen. Sie kam auch, eine dunkle und schwarze Botschaft, Blut war darüber gefloßen, Giftgas war in sie bineingcDrun- gen, und vom Krachen der Granaten war sie noch erfüllt. Da war der alte Mann vor dich, schweigen- des und verwetkertes Holz, hingefunken, von lau end unerträglichen Schmerzen niedergezogen und hatte seine Finger in dein weiches und morsches Brett gekrallt. Lind diese aus dem Schmerz geborenen Spuren waren dem Dichter Besinnung und Maß- Haltung, wenn er dir die Rachrichten von Feind- schäft, von Treuwsigkeit und Ablehnung entnahm. Wie geringfügig und winzig waren sie gegen das eine Blatt, das die Hände Des alten Mannes in Dich krallen ließ. Der Dichter danlt Dir für Die ge- Diente Zeit, für Die FreuDe unD für Die Erschütterungen, für Die Llberrafchungen unD Enttäuschun- gen, für Die guten Grüße unD für Die bitteren Worte, Die Du ausgenommen und ihm gebracht hast. Lr behält Dich in feiner Erinnerung, wie Du am Zaune hängst unD auf Den genagelten Schritt Des alten LanDpoß boten wartest, besten Schnurrbart vom ge- fchnuvsten Tabak braun unD unansehnlich ist. Er behält Dich in Erinnerung zusammen mit Dem Ge- schluchze Der Singdrossel, der blechernen Glocke, Die Die KinDer nicht läuten konnten, weil sie zu hoch hing, er vergißt auch nicht Die unerbittlichen, triefen Den Regengüsse, Die über dich niedergingen, nicht das schwarze, halbzahme Eichhörnchen, das manchmal auf dir saß unD Dich mit zerschroteten Fichtenzapfen bestäubte. So toirD es lein. Insgeheim wirb er Die Knaben bitten, Dein Glas nicht mit Steinen einzufchlagen unD Deinen MunD nicht mit SanD unD Abfällen zu füllen. Der Gott. Der über Dein Dasein mit Dämmerung. Gestirn und Gewittersturm herrscht, möge Dir, so wünscht es Der Dichter, lauter gute Post schenken. Post eines liebenDen MäDchens, das Rottraut geheißen ist, Das Die Spinne im rechten Winkel Deines Kastens nicht stört und Das mit Lächeln und Glückseligkeit zu Dir kommt und von Dir geht.
Wie Scotland tfard gefoppt wurde.
Dieser Tage bekam der Postminister in London einen Brief, Den er sofort an Die .zuständig Stelle" nämlich an Scotland QJatD, wertergab. Was stand Darin? - Vor längerer Zeit, es mag ein Jahr her sein. Da begab es sich, daß auf Dem Postamt in Dublin ein Posten Briefmarken im Werte von fast 20 000 Pfund Sterling, also 400 000 Mk., gestohlen wurde. Deshalb wurden
einige Der zuverlässigsten Beamten Der berühmten Londoner Polizei nach der irischen Hauptstadt entsandt Ihre Untersuchungen führten aber zu feinem Ergebnis. Lind nach langem Hin und Her muhten sie eingestellt werden. Die Diebe hatten besonders raffiniert alle Spuren zu vertilgen verstanden, man hatte es also mit gewiegten Burschen zu tun. Aber man konnte sich ja immerhin damit trösten, daß der Verkauf eines so großen Postens Marken aus privater Hand ausgefallen wäre, während ein tropfenweiser Verkauf zu mühsam und zeitraubend gewesen wäre, um lohnend zu fein. — Lind nun die Lieber- raschung: in dem Brief, der von den Banditen selbst stammte, hieß es nämlich, daß bis heute sämtliche Marken bis auf einen kleinen Rest verkauft seien, — der sich noch in den Automaten befindet und der der Post großmütig geschenkt toirD. Die Automaten — ihre Anzahl und ihr Standort waren genau angegeben — hatten sich die Liebe extra aus Amerika kommen lassen und an verschiedenen Stellen, an' Straßenecken, auf Bahnhöfen, aber auch bei Den BehörDen „ unter- gestellt". UnD Das Geschäft lohnte sich so, daß Der riesige Markenbestand in noch nicht einem Jahr verkauft werden konnte. Die Automaten wurden ebenfalls der Post geschenkt, die, wie es in dem Brief weiter heißt, „der Organisation des Automatenwesens längst nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkt". — Cs heißt, dah Scotland Vard den Brief unbeantwortet gelassen habe.
Kinder singen ans der- Straße.
Don Peter Bauer.
Der wolkige Spätherbsthimmel ist voll Schwermut, Die sich auch im Anllitz der Stadt spiegelt. Der Rauch etlicher Schlote zerflieht schwarz auf dem Grau und zottelt langsam über die Dächer, die feucht schimmern von ben Rebeln der Rächt. Manchmal blauen Heine Aetherinseln auf und leuchten eine zeitlang mit silberhellen Säumen, bis schwere Wolken sie wieder unter sich begraben. Die Strahenbäume halten ihre kahlen Aeste wie gespreizte Reiserbesen in die Lust. Ihr totes Laub ist mit dem Staub des Asphalts in die Gosse gekehrt und wie Müll und Schutt abgefahren worden.
Aus Seitengassen kommt der Wind, der Dort geduckt lauerte, um die Ecke gefegt und fährt einen überraschend an, ehe man den Hut tiefer in die Stirn gezogen. Sein Atem ist kalt und frostig geworden. Gesicht und Hände empfinden unangenehm, wie sich die verkühlende Haut rötet, und ziehen sich verdrossen in Kragen, Pelz und Handschuhe zurück. Die Schaufenster langweilen sich in dem unfreundlichen Wetter und sehnen das künst
liche Licht der Abendbeleuchtung herbei, das ihre Auslagen in Märchen von Farbe und Schimmer verwandelt.
An einer Haltestelle warten schwarzgekleidete Menschen auf die Elektrische. Die Männer stehen steif zurechtgetakelt, zylindergekrönt und plaudern in Gruppen. Abseits von ihnen haben sich einige Frauen um eine Kranzträgerin geschart. DaS wagenradgrohe Lorbeergebinde ist mit weihen Chrysanthemen und einer weihen, goldbeschrifteten Schleife geziert. Zwei Wagen füllen sich mit Trauerteilnehmern. Sie bimmeln leiser als sonst, da sie die Fahrt zum Friedhof beginnen.
Roch hör' ich ihr schrilles Geräusch in der nächsten Kurve, da hallt ein Kindertagen an mein Ohr. Es ist eine lustige Weise, die unbekümmert um Rovembertrübnis und Trauer in den gewohnten Lärm des Tages einbricht. Drei kleine Knaben, die sichtlich über die Kraft ihrer Stimmen erfreut find, fingen weniger fchön als laut. Auf den ärgerlichen Zuruf eines Passanten hin schweigen sie verdutzt. War ihm die kleine Ausgelassenheit so unangenehm? Störten ihn die kindlichen Stimmen mehr als Autohupen, Motorgeratter, Radfahrergeklingel und Lastwagengepol» ter? Gottlob! Die Sänger haben sich Den Zwischenfall nicht sehr zu Herzen genommen. _ Sie fingen eine neue Weise. Das Lied vom Müller, dessen Lust das Wandern ist. Das heißt: Der größte singt den Text, den er wohl in Der Schule gelernt hat. Die andern beiden trompeten nur Die MeloDie, indem sie auf dünnen Holzstäben, die von eifrig fingernden Händen bearbeitet werden, mit Begeisterung und Ausdauer blasen. Der Wind wühlt ihnen derb in Kleidern und Haaren, denn sie sind mantel- und mühenlos. Cs schiert sie nicht. Sie fingen....
Ihr fröhliches Trio triumphiert minutenlang über die geräuschvolle Hast der Menschen. Dann verlieren sich die Stimmen, als marschierten die Knaben tiefer und tiefer in einen dichten Wald hinein. Der vereinzelte, mein Ohr erreichende Ton wird kleiner und leiser, bis er nicht mehr ist. T(ei Menschen, die mir entgegenkommen, scheinen den frohen Gesang gar nicht gehört zu haben. Auf ihren gleichgültigen Gesichtern blieb nicht die winzigste Spur einer Freude zurück.
ilnterDeffen ziehen die Knaben sicher schon am anderen Ende der Straße. Ihre Unbekümmertheit ist beglückend. Sie singen, ohne dazu gebeten worden zu sein. Sie fingen, ohne nach Anerkennung und Beifall zu fragen. Ihr Lied klingt. Sie schmettern es, sich allein zur Freude.
Verwunderlich, dah der fchwermutstrübe Himmel auf einmal so aufgeheitert dreinschaut. Ein warmer Sonnenstreif fällt in die besungene Straße. Klang ist Licht geworden. Eine goldene Spur leuchtet Den kleinen Sängern nach.


