Nr. 258 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Dienstag. 4. November 1950
MnWohrfeier der Realschule zu Aidda
wickeln der Realschule vorhanden, so daß bei günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen
Aussicht für den Ausbau zu einer Oberrealschule gehegt werden dars. Die harmonisch verlausen« cinsache Feier hat durch die große Beteiligung bewiesen, das; sich die Realschule Ridda bei den Bewohnern der Stadt und Umgegend des besten Rufes und Ansehens erfreut.
wie dein unter den Besuchern in bester Gesundheit sitzenden Oberreallehrer i. R. Küfer; er beglückwünschte die Realschule im Auftrag der anwesenden ehemaligen Schüler und der benachbarten höheren Schulen von Friedberg, Gießen, Grünberg. Schotten und Büdingen. Rektor M e r - g o t t beglückwünschte die Jubilarin, mit der die Volksschule 33 Jahre unter einem Dache in bestem Einvernehmen gewirkt hat, namens der Bolksschule, das gleiche tat Rektor Bitt für die Gewerbeschule und Landwirtschaftsassessor Dr. Günther als Vertreter der Landwirtschaftlichen Schule. Oberreallehrer i. R. Küfer, der von Ostern 1883 bis Ende 1927, also über 44 Jahre, seine ganze Dienstzeit an der jetzigen Realschule verbracht hat, dankte für die ihm dargebrachten Anerkennungen und gab eine kurze Lleberslcht über die Entwicklung der Anstalt.
Die Geschichte der Schule
hat Oberreallehrer i.R. Küfer in einer Broschüre zusammengefaht, die großen Anklang fand. Rach dieser Schrift gebührt dem Mühlenbesitzer und langjährigen Landtagsabgeordneten Wilhelm Erk sowie dem damaligen Pfarrer E ck st e i n und Lehrer Andres das Verdienst, die Gründung der Schule durchgeseht zu haben, so daß am 1. Rovember 1880 die erweiterte Volksschule Ridda mit 23 Schülern eröffnet wurde. Leiter war Pfarrer Eckstein, zweiter Lehrer H. Andres. 1883 hatte sich die neue Anstalt so entwickelt, daß noch Schulverwalter Küfer als weitere Lehrkraft herangezogen wurde. Bald erwiesen sich die seither: benützten Räume eines Privothauses für den Schulbetrieb zu klein Die Stadt kaufte deshalb die frühere Oberförsterei im Burghof und verlegte am 1. Rovember 1886 die Schule in dieses zu Schulzwecken eingerichtete Haus. Doch schon 1895 war auch dieses Haus nicht mehr für die immer weiter gestiegene Schülerzahl ausreichend. Deshalb verlegte die Stadtverwaltung die Anstalt in das große Dolksschulgebäude. in dem Llnterrichtsräume geschaffen wurden. Erst nach weiteren 33 Jahren erhielt dir unterdessen im Jahre 1898 zur Höheren Bürgerschule ernannte Anstalt ihr eigenes, zeitgemäßes und prächtiges Heim, das 1928 eingeweiht wurde. Bis jetzt haben 1071 Schüler die Höhere Schule Ridda in den 50 Jahren besucht. Jetzt sind die besten Hoffnungen für das Gedeihen und weitere Ent
• Oberheffen.
Landkreis (Nicken.
• Lollar, 2. Rvv. Aus der großen Jung- geflügelschau in Hannover konnte der hiesige Rohdcländerzüchter Wilhelm Hofmann einen sehr schönen Erfolg erzielen. Seine dort ausgestellten fünf Tiere erhielten bei sehr starker Konkurrenz die Rote ..sehr gut". Mit Ehrenpreisen wurden ein Hahn und zwei Hennen ausgezeichnet, davon eine Henne in der Eliteklasse. Auch der Wyandottcnzüchter L u d w. K l i n k e l von hier konnte mit seinem in Hannover ausgestellten Material bei ebenfa.ls sehr starker Konkurrenz ein recht gutes Resultat er-
l i G r o ß c n - L i n d e n. 3. Rov. Der G e - meinderat beschäftigte sich in seiner jüngsten Sitzung mit der Vergebung der Jnstalla- tionsarbeiten für die neue Schule. Mit -der Schaffung der Klosett-, Bade- und Küchcnanlagc sowie der WarmwasserbcreitungS- anlage wurde Installateur Heinrich Faber VI. betraut. Die Anbringung der Wand» und Bodenplatten wurde dem Baugeschäft Wilh. Weiß II. übertragen. Der Gemeinderat stimmte sodann der Ausfertigung eines Schuldscheines für die Landeskommunalbank zu und entsprach einem Antrag der hiesigen Freien Turnerschaft um Erlaß der GrunderwerbSsteuer für erworbenes Svortgelände. In der Angelegenheit Bieroder Bürger st euer faßte der Gemeinderat noch keinen Beschluß, sondern vertagte diesen Punkt.
• Leihgestern, 3. Rov. Der Verein für Geflügel- und Kaninchenzucht hielt am gestrigen Sonntag im Saale der Wirtschaft „Zur Krone" leine erste Lokal schau ab. Die Ausstellung war als Werbeschau gedacht und sollte die dem Verein noch Fernstehenden für die Züchtung interessieren. Zugleich foUlen die Mitglieder Klarheit erhalten über die Ziele der Züchtung und über den Stand und den Wert der bereits in dieser Ausstellung vorliegenden Zuchtcrgebnissc. Als Preisrichter walteten die Herren Mai (Lang-Göns) und Schmelz (Gr.- Linden ihres Amtes. Die zur Schau gebrachten Tiere bewiesen den Ernst, mit dem die Züchter der guten Sache dienen wollen. Linker dem Gesichtspunkt betrachtet, daß der Verein noch nicht lange besteht, bzw. erst im vorigen Winter wieder ins Leben gerufen wurde, konnten die Ergebnisse als sehr gut bezeichnet werden. Folgende Züchter wurden mit Preisen ausgezeichnet: Enten: Khaki Champbell(Schrader); Hühner: Barnevelder (Dauer): Amer. Leghorn (Gibb): Orpington (Karl Brück II.); Wyandottes, schwarz. (Arnold,: Wyandottes, hell, (Weil): Plymouth Rocks (Gg. Luh): Rheinländer (Gustav Schrader); Italiener (Held); Italiener (Schäfer); Hamburger (Karl Luh>: Antw. Bart-Zwerge (Brück); Porz. Zwerge (Gibb). Für Brief taub en.blau (Iunker und Th. Schäfer). Mohrenköpfe (Dern); Steiger (Ludwig Loh). Am Rachmittag begrüßte der Vorsitzende des Vereins, Gustav Schrader, die Besucher der Ausstellung und die Mitglieder des Vereins. Anschließend hielt der Preisrichter M a i (Lang-Göns) einen auf* klärenden und belehrenden Werbevortrag.
ri. Lich, 3. Rov. Der Turnverein Lich hielt am Samstag seine Rovember-Monatsver- sammlung ab. Zunächst wurde die inzwischen gelaufene Will-Stasfel besprochen. Man beschäftigte sich sodann mit der Wahl eines Leiters der Handball-Abteilung, die dadurch notwendig geworden war, daß der bisherige verdiente Leiter Otto Zimmer durch unvorhergesehene Umstände
A Ridda, 3. Rov. Am. 1.Rovember waren fünfzig Iahre verflossen, seit die hiesige Realschule als erweiterte Volksschule gegründet wurde. Deshalb feierte man am gestrigen Sonntag in der Turnhalle das fünfzigjährige Bestehen.
Die Beteiligung von feiten der Eltern der Schüler, der ehemaligen Lehrer und Schüler sowie der gesamten Einwohnerschaft war überaus stark. Rach einem Cröffnungsmarsch des Schülerocchesters und einem von der Schülerin Kaschmieder aus Fauerbach gesprochenen Prolog begrüßte der Leiter der Realschule, Studiendirektor Lauckhard, die Festversammlung, besonders die Vertreter der Stadtverwaltung, der hiesigen Behörden und Schulen, sowie die ehemaligen Lehrer der Anstalt und die Vertreter der höheren Schulen der benachbarten Städte. Dann verlas er ein herzliches Glückwunschschreiben, das Staatsrat Block der Stadt gesandt hatte, der am Erscheinen verhindert war. Direktor Lauckhard gedachte auch der als Opfer des Weltkrieges gefallenen drei Lehrer der Schule, und die Versammlung ehrte ihr Andenken durch Erheben von den Sitzen. Ferner sagte er
dem Stadtvorstand Dank für die stetige Unterstützung der Schule und für das große Opfer, da» die Stadt durch Errichtung des neuen Schulgebäudes gebracht hat.
Die folgenden Vorführungen gefänglicher, musikalischer und theatralischer Art jetziger un^ehemali- ger Schüler waren von Reallehrerin Schmitt vorzüglich vorbereitet und fanden den Beifallaller Gäste. Besondere Anerkennung fanden die Leistungen des Schülerorchesters.
Im Ramen des Kuratoriums der Realschule und als Vertreter der Stadtverwaltung übermittelte Bürgermeister Rullmann herzliche Glückwünsche und wies auf die guten Leistungen und Erfolge der Schule in den verflossenen 50 Iahren hin. Er widmete den ehemaligen und jetzigen Lehrern Worte des Dantes und der Anerkennung.
Studienrat Freitag, Gießen, überbrachte die Glückwünsche des Hess. Philologenvereins. Einer der Gäste, Professor Lampas von Friedberg, der bei der Eröffnung der erweiterten Volksschule vor 50 Iahren in diese eintrat, widmete tiefempfundene Worte der Dankbarkeit den ersten Lehrern, Pfarrer Eckstein und Lehrer Andres, so-
Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Paris. November 1930.
Frankreich litt bis jetzt verhältnismäßig a m w e n i g st e n unter der Krise, die die ganze Weltwirtschaft Heimsucht. So erklärt es sich auch, daß di.e Welle der weltwirtschaftlichen Deprcs.wn von der öffentlichen Meinung Frankreichs vorerst nur in ihren politischen Auswirkungen beachtet wurde. Rach und nach drang aber die Einsicht von der Wichtigkeit der weltwirtschaftlichen Situation auch von anderen Seiten in das französische Denken ein. Am 4.Rovember wird die Kammer eröffnet; die Zeichen deuten auf eine große innenpolitische Auseinandersetzung hin. Lind bei dieser Gelegenheit werden die mittelbaren und unmittelbaren Auswirlungen der Wir.scha ts- krise auf die politische Entwicklung in Frankreich klar zutage treten. Der Einfluß der ungünsti- gen Konjunkturentwicklung auf die Außenpolitik ist so augenscheinlich, daß niemand ihn übersehen konnte. England, Deutschland und Italien haben nacheinander in verschiedener Art Politisch auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten reagiert. Für die französische Außenpolitik bedeutete das eine sehr bedenkliche Erschwerung ihrer Situation. Dasselbe trifft zu auf die Wirtschafts- und Finanzsorgen der kleinen Entente und insbesondere auf die Polens.
In Frankreich hat, trotz der geschilderten glücklichen Wirtschaftslage, die allgemeine A l a r m ft i m m u n g die Seelen bereits erfaßt. Sie äußert sich in unsinnigen Gerüchten und in einer kritischen Lage auf der Börse. Die Regierung versucht jetzt auf dem üblichen Wege (der noch nie und nirgends zum Erfolg geführt hat) die Gemüter zu beruhigen. T a r - dieu hält an seinem Optimismus sest, aber seine Volkstümlich.eit hat er bereits verloren. Die Presse der Regierung und der Opposition führt einen erbitterten Streit darüber, ob die Krise auch Frankreich erfaßt hat oder nicht; die Pessimisten behaupten, — und es gibt ihrer stets viele in Frankreich — daß die Situation sich bald noch erheblich verschlechtern werde. Deutsche werden sich vielleicht wundern, daß es möglich ist, darüber zu streiten, ob in einem Lande eine Wirtschaftskrise vorhanden ist oder nicht. Die französische Wirtschaft ist aber ein Buch mit sieben Siegeln, die wichtigsten Statistiken und die elementarsten Auskünfte fehlen, die Bilanzen der großen Gesellschaften verraten nichts, und Finanzpresse und Wirtschaftsliteratur wie etwa in Deutschland gibt es kaum. Dazu kommt noch der o f f i z i e l l e Optimismus, die Regierung weiß es, daß sie für Schwierigkeiten, für die sie nicht int geringsten verantwortlich ist, asgegriffen wird und sucht sie demgemäß zu verschleiern. Tardieus letzte Reden brachtet JUtJ Vergleiche zchischan der günstigen Lage Frankreichs und der ungünstigen des Auslandes.
Vieles an diesen Vergleichen ist richtig, aber Frankreich als Gläubigerland muß auch die Weltwirtschaftslrise zu fühlen bekommen. Die ausländischen Anleihen, die aA der Pariser Vörse notiert sind, haben einen beträchtlichen Teil von ihrem Wert eingebüßt. Bei der allgemeinen Daissebewegung fiel das vielleicht nicht genügend auf, Tatsache ist aber, daß der französische Sparer sich schon heute um die Anleihen an eine Reihe von europäischen Kleinstaaten Sorge macht. Der französische Kapitalmarkt wird immer um neue Anleihen bestürmt, in vielen Fällen mit politischen Argumenten. Gewiß sind die pessimistischen Gerüchte, die an der Börse zirkulieren, zum größten Teil auf Manöver zurückzuführen; es wird auch gegen ihre Verbreiter scharf vorgegangen. Das ändert aber nichts daran, daß Frankreich sehr viele zweifelhafte Schuldner hat. Der finanzielle Aufbau der nach dem Krieg entstandenen neuen Staaten geschah zum großen Teil m i t französischen Kapitalien. Die offizielle
wird, wie man meint, jetzt oder später nachgeben müssen. Aber es wird wahrscheinlich dann dafür sorgen, daß auch die anderen Gläubigerländer nachgeben. .
Für den Augenblick herrscht in Frankreich Goldübersluß. Ein so abnormer sogar, daß vielfach — aber wohl fälschlicherweise — die französische Goldpolitik für die Weltwirtschaftskri e allein veranwortlich gemacht wird. Für den französischen Bürger bedeutet die Goldanhäufung der Bank von Frankreich jedoch keinerlei Annehmlichkeit. Als unmittelbare Wirkung der Goldanhäufung wird die große T e u c ru n g angesehen. Während der Gebend- Index in den meisten Ländern zurückging, st i e - gen in Frankreich die Preise und sie steigen noch immer. Tardieu trieb die Preise der landwirtschaftlichen Produkte, um einer Agrarkrise vorzubeugen, künstlich in die Höhe. Die Preise der Industrieprodukte müssen selbstverständlich folgen. Das Resultat ist eine allgemeine Verstimmung. Bis jetzt wagte Frankreich die Konseguenzen der weltwirtschaftlichen Lage — von gewis en Schachzügen auf dem Balkan abgesehen — außenpolitisch nicht zu ziehen. Der Quai d'Orsay wird es aber nicht vermeiden können, sich mit der Lage ausein- anderzusetzen. Allerdings muß ihn der Llmstand, daß die breiten Massen aus die neue Situation nicht vorbereitet sind, hemmen. Man wird in Paris viel Geschicklichkeit brauchen, um die Klip- । Pen der jetzt kommenden außen- und sinanzpoli- I tischen Llebergangsperiode geschickt zu umschiffen.
Politik wäre gewiß nicht geneigt, diese Schulden unerbittlich einzutreiben und dadurch politische Sympathien einzubüßen. Nichtsdestoweniger: der Rentner und der Sparer sind in Frankreich Clemente, mit denen jede französische Regierung auf die Dauer rechnen muß. Man hat diesen bereits sehr viel zugemutet — so viel, daß der kleine Kapitalist fein Qkrtrauen zu allem verloren hat.
Die -Unruhe wegen des Boungplanes ist auch groß. Man zweifelt an ihm, auf Grund rein wirtschaftlicher Gedankengänge. Und man sieht nach Amerika. Amerika macht auch von sich reden. Die Verhandlungen Schachts in den Vereinigten Staaten werden von hier aus mit größter Aufmerksamkeit verfolgt und mit allerhand Gerütchen umwoben. Die offiziösen Stimmen lauten kühl und abwartend. Daß die Frage der Weltverschuldung eines Tages eine radikale Lösung erfahren muß, ist für jeden Denkenden klar. Frankreich zeigt sich aber in dieser Frage möglichst zurückhaltend, denn es ist nicht nur Schuldner, sondern auch, sogar in erster Linie, Gläubiger- land. Es sträubt sich natürlich dagegen, daß die Lösung auf seine Kosten erfolgt; man ist der Meinung, daß Amerika berufen ist, die Kosten einer endgültigen Schuldenregelung zu zahlen.^ Amerika
Frankreich und die Weltwirtschaftskrise
Don unserem ^-Berichterstatter.
„tlnterdenOächernvonparis"
Lichtspielhaus Bahnhofstraße.
Roch ehe der Tonfilm sich auch bei uns durch- gesetzt hatte, erschien als origineller und ganz neuartiger Versuch ein Film ohne Helden, ohne Siebe, ohne Handlung, ja saft ohne Text unter dem einfachen Titel „Berlin". Er war die „Symphonie einer großen Stadt" und zeigte im Grunde nichts anderes, als was jeder selbst sehen konnte von morgen bis mitternachts, — wenn er sich Zeit ließ und die Augen aufmachte. Dennoch war es etwas Llngewöhnliches und sogar Spannendes: diese technisch verfeinerte Photomontage, die nichts weniger versuchte als den ins Optische übertragenen Roman einer Stadt zu schreiben.
Leider blieb der Film — bei aller Großzügigkeit der Idee und der Ausführung — am Außen- bilde haften. Er zeigte die Straßen, die Häuser und Höfe, die Fabriken und Plätze und Büros, die Autos und Stadtbahnen in ihrer verwirren- den pausenlosen Lleberschneidung und Vielfalt, die eben das Ganze dieses Bildes ausmacht. Aber er drang nur ganz selten, ganz andeutungsweise und sofort abbrechend ins Innere, hinter die Fenster und Türen und Fassaden, unter die Oberfläche eben, ins Menschliche ein. Der zweite, wichtigere Teil des Films ist nie gedreht worden. (Döblin, im „Alexanüerplah", hat etwas ähnliches versucht, im geschriebenen Roman; ein ungeheurer Stofs wäre noch zu bewältigen, ist noch frei!)
Lind dann: diesem Film „Berlin" fehlte — außer dem Schicksalhaften und Menschlichen, was doch allein einen Roman erst ausmachen kann — die Atmosphäre. Bei aller Intensität der Schilderung war das Bild nicht so, daß es unbedingt und unverwechselbar eben „Berlin" sein mußte, was sich da aus hundert und tausend Einzeleindrücken und Momentaufnahmen zusammensetzte. Es konnte schließlich auch irgend eine andere Großstadt sein.
Der französische Film „Sous les toits de Paris“ — Regie und Manuskript von Rene C l a i r —, der jetzt in allen deutschen Städten, wo er gezeigt wird, einen ungewöhnlichen Erfolg hat, gibt zugleich mehr und weniger als der deutsche, von dem wir eben sprachen.
Weniger insofern, als er nicht so großzügig und so weiträumig angelegt ist wie jener, so auf die Totalität eined Begriffes bedacht wie der Film von Berlin. „Berlin" war in der Lat ein Ganzes; „Sous les toits de Paris“ ist ein Ausschnitt; eine
Teilvision. Man kann es auch so sagen, jener war eine sachliche Symphonie, dieser ist ein lyrisches Idyll.
Der französische Film gibt aber mehr insofern, als er vor dem deutschen eben jenes kaum definierbare Fluidum voraus hat, das dort fehlte: er hat Atmosphäre, er hat eine unverwechselbare Stimmung, die alle Menschen und alle Szenen und Bilder umgibt. Was man hier sieht, ist in dieser Form eben nur in Paris möglich und nirgendwo sonst in der Welt.
Ferner: der Film von Rene Clair geht ebenfalls vom Auhenbilde her an den Stock heran; aber er bleibt nicht daran haften, sondern er bringt ins Innere und unter die Oberfläche. Er zeigt die Häuser, die Dächer, die Türen, die Höfe — wie „Berlin". Aber dann macht er die Türen auf, läßt den Beschauer hinter die Fenster sehen, die Treppen hinaufsteigen bis unters Dach, — kurz: er bringt ein und gewinnt so den Anschluß ans Menschliche. Auf dem immer gegenwärtigen und erregend spürbaren Hintergründe der großen Stadt Paris entwickeln sich flüchtig, spielerisch, ost unterbrochen kleine Szenen, die sich allmählich zu einer Handlung wie von ungefähr zusammenschließen.
Das ist alles nicht bedeutend, nicht pathetisch, nicht großartig — aber es ist ganz nahe, ganz natürlich, ganz selbstverständlich und also menschlich auch für uns legitimiert. Der Film ist nicht übersetzt, sie sprechen und fingen und streiten und lieben und lachen und erzählen sich in ihrer Sprache und noch dazu ziemlich schnell und mit manchem Argotausdruck dazwischen. Aber auch wenn man kein Wort versteht, begreift man die Vorgänge und folgt man der Handlung, wie wenn es alles auf deutsch geschähe. Llebrigens wird gar nicht so viel gesprochen. Der Tonfilm als solcher ist hier keine Sensation mehr. Man vermag schon wieder zu schweigen und ein stummes Bild, eine lautlose Szenerie für sich wirken zu lassen.
Die Handlung? Sie ist nicht das Wesentliche an diesem Film und sie läßt sich auch nicht erzählen, ohne das man das Beste dabei unterschlagen würde. Man muh das in seiner Gesamtheit auf sich wirken lassen: dieses Stück Paris am Rande, fern von der City, vom Verkehr, von der großen Eleganz und der großen Politik.
Ein Stück Vorstadt, ein Stück Alltag, ein Gassenhauer, eine kleine Liebesgeschichte, die Episode einer Freundschaft, ein wenig Kriminalfilm, ein wenig Llnterwelt — ein Fetzen vom wirklichen Leben, ganz ungestellt und unverschminkt, überspielt von der leitmotivisch wiederkehrenden Melodie: „Sous les toits de Paris". Die Mischung eben ist es, die unbeschreibbare: der Wechsel und dennoch die Einheitlichkeit der Stimmung, die bald lustig und frech, bald zärtlich und traurig ist, aber immer im beschwingten, graziösen Rhythmus des Ganzen eingefangen bleibt.
Gerade in so schwer definierbaren und hier kaum zu üermiltelnben Werten liegt die Kunst der Regie: Clair ist ein Meister des Idylls, der Episode, der kleinen und scheinbar nebensächlichen Einzelheiten, des Sllllebeas und der lockeren, leicht hingetupften Impression. Sv ist dieser Film gar nicht sachlich-nüchtern wie „Berlin", sondern malerisch und — wenn man den Begriff nicht mißverstehen will — sogar romantisch.
Pola 2 l l e r h. Albert P r 6 j e a n und Gaston M o d o t spielen die erste Geige in dem kleinen Menschenensemble des sranzösischcn Alltags. Sie spielen ausgezeichnet und, was hier wichtig ist, ganz unabsichtlich und unliniiert. Sie sind da als die selbstverständliche, lebendige Staffage der vorstädtischen Szenerie. —
Etliche Llne-ienheilen in der Uebertragung werden sich wohl in den nächsten Aufführungen abstellen lassen. —
Auch hier, wie überall, scheint man diesem Film ein lebhaftes Interesse entgegenzubringen: wir zweifeln nicht daran, daß er bei uns den gleichen Erfolg haben wird wie allenthalben bisher.
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Bücher für das „Frauenzimmer" vor 300 Zähren.
Aus einem verschollenen anonymen Schristchen, das im Jahre 1705 zu Güstrau gedruckt wurde, macht Käthe d. Jezewski im Buchhändler-Börsenblatt interessante Mitteilungen über die Lektüre, die man damals der Frauenwelt empfahl. Die deutsche Frau begann damals erst langsam ihren Anteil an der allgemeinen Bildung zu gewinnen, aber sie wurde bald ein wichtiger Bestandteil des lesenden Publikums, und so ist denn der Versuch des Berfassers, ein „Frauen-Zimmer-Bibliotheckgen für ein deutsches Frauenzimmer mäßigen Vermögens" zusammen-
zustellen, sehr zeitgemäß. Für Frauen, die nur geringe Mittel besitzen, ist schon „die liebe Bibel, der Kathechismus, ein Gebet- und Gesangbuch und des seligen Herrn Arndt wahres Christentum" genügend. Während so die Erbauungsbücher den Grundstock bilden, warnt der Verfasser vor „bösen Büchern", zu denen er „alle Liebesbücher" rechnet. „Nicht Unrecht tue ich", fährt er weiter fort, „wenn ich den Liebesbüchern hinzufüge, die sog. Noma ne, die mir nimmer gefallen können, so züchtig man sich darinnen aufzusühren gedenkt! Es steht mir nicht an die Schreibart, die insgemein schwülstig und hochtrabend ist, selten natürlich und lieblich fließend; nicht steht tpir an der Inhalt. Denn was ist aus einem Roman zu machen? Es ist kein Oiedicht, weil es keine Versart führet, und ist auch keine wahre Historie." Ebenso werden die „Komplimentierbücher", weil „die Komplimente darin so kraus und lächerlich sind, daß ichs nicht sagen kann", sowie die „Wahrsager- und Verbotene Kunst-Bücher" abgelehnt. Nicht ganz so streng ist der Ratgeber gegen die „Traumbücher". „Es ist wahr", schreibt er, „bei manchem Frauenzimmer findet sich eher ein Traumbuch als etwa die Bibel. Und das ist freilich gar schädlich und höchst unanständig für diejenige, die eine Christin heißen will. Manche ist solch böser Art, daß sie kaum aus dem Bette steigen kann, so greift sie schon nachs Traumbuch"; aber bei ungewöhnlichen und ganz dunklen Träumen dürfe man doch von diesem Helfer einen mäßigen Gebrauch machen. Besonders harte Worte erhalten die so beliebten Schwankbücher, wie die Historie von Dr. Faust vom Claus Narren usw.; sie gelten als .Lügen- und Zotenbücher". Dagegen werden neben den Erbauungsbüchern Geschichtsbücher und Haushaltungsbücher empfohlen. Die Zahl der eigentlichen Erbauungsbücher, die neben Arndts berühmtem „wahrem Christentum" aufgesührt werden, sind sehr zahlreich; dagegen wird an Geschichtsbüchern nur das viel gebrauchte Schulbuch „Kurze Frage aus der politischen Historie" von Joh. Hübner genannt; außerdem follen ein Werk über Heimatkunde, eine Chronik, Bücher über fremde Völker und ihre Lebensweise nicht fehlen. Bechers „Kluger Hausvater und verständige Haumutter" erscheinen neben dem Kochbuch der „Schelhammerin" und Samuel Müllers „Kräuter- Buchlein" sowie Heinrich Heß' „Neuer Gartenlust" und Helwigs „Frauenzimmer-Apotheckgen". Die Kosten für eine solche Bibliothek werden auf ungefähr 30 Taler geschätzt, was der Verfasser „sehr leidlich" findet, wenn man bedenkt, daß Frauenzimmer für ein einziges Kopfzeug nicht selten 30, 40 ja 50 Taler und mehr zahlen, nur um den äußeren Kopf zu schmücken?"


