Einzelbild herunterladen

Samstag, 4. Oktober 1930

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Nr. 232 Zweites Blatt

Die romanischen Schwestern.

Außenpolitische Umschau.

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. pro,, der Geschichte an der Universität Äerlin,Mitglied der deutschen

Dölkerbundsdeiegation.

Genf, 2.Oktober.

Ohne daß ba8 nach außen irgendwie hervortritt, werden wichtige Auseinandersetzungen Des Bölter» bundcs von der Frage: Italien Frank­reich überschattet. Die letzten Verhandlungen zwischen beiden Mächten haben ja auch tn Genf durch die beiden Sachverständige», den Fran­zosen W a s s i g l i und Len Italiener Rosso stattgefundcn. Sie sind völlig gescheitert. Wie die italienische Verlautbarung behauptet, weil Frankreich unannehmbare Gegenvorschläge gemacht habe, die die italienische Regierung ver­anlaßt hätten, die Verhandlungen abzubrechen. In Frankreich wiederum glaubt man oder be­hauptet man zu glauben, daß der Sieg Hitlers in Deutschland Mussolini wieder zu einer Schwen­kung veranlaßt habe, indem der Duce das da­durch für Frankreich schwieriger gewordene Ver­hältnis zu Deutschland für sich ausnutzen wolle. Das sind ja nun keine ernst zu nehmenden Kombinationen.

Man hatte in den Verhandlungen den Aus­weg versucht, die Parität in der Gesamttonnage der Kriegsflotten und die Parität der Schiffs­einheiten (bekanntlich ist Italiens Hauptforderung in der Rüstungsfrage die Parität mit Frankreich) voneinander zu unterscheiden. Run ist diese tja. 'tätsforderung für Italien eigentlich mehr etwas Theoretisches, dahinter steht immer die Absicht, in einer Gesamtbereini- gung zwischen Frankreich und Italien für letzteres bestimmte andere politische Forderun­gen zu erreichen, wobei natürlich zu allererst an die bekannten Kolonialsragen gedacht wird. Aber die französische Politik setzt hinter diese ganzen Verhandlungen keinen ernsthaften Rachdruck. Driand ist es wohl ernst, diesen Gegensatz in Rüstungsdingen etwas zu ent­spannen, aber er findet nicht die Möglichkeit dazu, noch hat er wohl auch den ernsten Willen, französische Opfer für eine französisch-italie­nische Verständigung zu bringen. Die französische Politik fragt sich, was sie für dergleichen Opfer hatte, was Italien dafür geben könne? Wenn man das Verhältnis so rein machtmäßig und nach der augenblicklichen Situation nimmt, ist kms ja auch richtig: Frankreich hat von Italien noch nichts zu fürchten, Italien fordert und hat dafür nichts zu bieten. Lind England? Es strengt sich nicht besonders an, zu vermitteln, und neigt in her ganzen Frage mehr zu Frank­reich als zu Italien, was, absolut betrachtet, seltsam, ja widerspruchsvoll, aber in der heutigen Lage Englands zu verstehen ist. So bleibt es zwischen Frankreich und Italien im besten Falle auf dem toten Punkt.

Aber diese an sich verständlichen Erwägungen sind doch keine Behandlung eines großen euro­päischen Problems. Es sind doch nicht _ zwei starre Faktoren, die im heutigen Machtverhältnis einander dauernd gegenüber stehenbleiben wür­den. Italien ist doch ein Land von großer zur Expansion drängender Lebenskraft, und ein so tief begründeter Gegensatz wie der zwischen dem konservativen Imperialismus Frankreichs und dem expansiven Italiens, die sich auf gar manchen Plätzen berühren und reiben, löst sich doch nicht von selber, indem man ihn auf dem toten Punkt stehenbleiben läßt. Er ist und bleibt in jedem Falle eine Bedrohung des europäi­schen Friedens. Richt heute und morgen im Sinne einer ernsten Gefahr, wohl aber lähmt er die ganze Arbeit, den Frieden Europas zu organisieren". Das eben spürt man hier in Genf an manchen und gerade den wichtigsten Stellen. Warum bleibt ein englischer Ab- rüstungsvorstoh (Hendersons Erklärung) dann schließlich doch halb und halb hängen?

Wie soll die am 3. Rovember zusammentretende letztevorbereitende" Abrüstungskonferenz wirk­lich etwas zustande bringen? Immer ist es diese Frage denn das Problem England Frank­reich ist es bei weitem nicht so, die Frage Frankreich Italien, die wie eine Zentnerlast auf diesen Bestrebungen liegt.

Eine Generalverständigung zwischen Frankreich und Italien wäre an sich durchaus mög­lich und gar nicht so schwer. Der Gegensatz ist, so bedeutsam er ist. nicht einfach mit dem deutsch- englischen vor dem Kriege gleichzusetzen. Denn es stehen nicht Schwierigkeiten zwischen diesen Ländern wie der deutsche Welthandel und die deutsche Flotte damals im deutsch-englischen Ver­hältnis. Auf der Balkanhalbinsel und in Südosteuropa ist die französisch-italienische

Rivalität überhaupt keine wirkliche Realität: sie arbeitet mit antiquierten schematischen Vorstel­lungen. Ist Albanien wirklich für Italien ein Cxpansionsgebiet, das der Rede wert wäre? Der Kampf um Afrika? Handelspolitische Gegensätze? Das einzig ernsthafte ist natürlich die Position im westlichen Mittel­meer, die aber doch auch nichts Absolutes ist, sondern Mittel zum Zweck. Aber trotz alle­dem: Weder in Paris noch in Rom kommt man von Vorstellungen los. die nicht mehr in jeder Beziehung passen, und die Frage bleibt, mit allen unerfreulichen Konsequenzen für Europa, eben auf dem toten Punkt.

Man sieht nicht, daß die deutsche Poli- t i k erhebliches tun könnte, die Lage überwinden zu helfen. Die gegebene Stelle, von der der

Einfluß kommen könnte, wäre natürlich London. Allein kommen Frankreich und Italien offenbar nicht zusammen, aber unter englischer Vermitt­lung wäre das wohl möglich. Warum tut England nichts oder so wenig, daß es nichts nützt? Die englische Außenpolitik kann bei der Lethargie, in die die amerikanische Außenpolitik wiederum verfallen ist, auf wirkliche Mithilfe der Vereinigten Staaten, die ja ent­scheidend sein würde, nicht rechnen, und biccng- lische Außenpolitik kann ebensowenig größere Aktionen anlegen und überlegen, wie die deutsche. Denn das Labour-Kabinett. das ganz gute Ge­danken und gute Köpse für die Außenpolitik hat, steht zu wenig fest, als daß es sich irgendwie erheblich vorwagen könnte.

An die Abcschützen des Reichstages!

Kleines Brevier für neue M. d. R.'s. - Was ein großer Mann von einem Hohen Hause wissen muß. - Verkehrssignale auch fürs Reden.

Rachdruck verboten!

Der Direktor beim Reichstag. Berlin NW 7 im September 1930.

Sehr geehrter Herr Abgeordneter!

Rach Zeitungsnachrichten sind Sie zum Mitglied des Deutschen Reichs­tags gewählt worden und haben daher während Ihrer Zugehörigkeit zum Reichs­tag nach tz 11 des Gesetzes über die Ent­schädigung der Reichstagsmitglieder das Recht zur freien Fahrt auf allen deutschen Eisenbahnen. Die gleiche Vergün­stigung gewährt die Reichspostverwaltung für ihre Kraftpostlinien. Zur Ausferti­gung der Fahrkarten sind zwei un- aufgezogene Lichtbilder erforderlich, um deren umgehende Einsendung an das Bureau des Reichstags ich ergebenst bitte. Die Fahrkarten werden Ihnen dann sofort von hier aus zugesandt werden.

In vorzüglicher Hochachtung Galle.'

So beginnt's! Lind was den neugewählten Herren M. d. R.'s dann weiter blüht, schildert unser Berliner St^.-Mitarbeiter in den nach­folgendem Zeilen.

Herr Direktor läßt bitten!", lautet die Mel­dung, aber das Interview mit dem Direktor beim Reichstag ist erstaunlich kurz: Denn in den weiten Räumen des Hauptbureaus herrscht Hoch­betrieb. Es gilt, in fieberhafter Eile das neue Reichstagshandbuch herzustellen, zu welchem Zweck jeder Abgeordnete per Fragebogen alles das an den Reichstag mitzuteilen hat, was er zur Veröffentlichung für nötig hält.

Was das neue M. d. R. alles wissen muß, soll ich Ihnen sagen? Lieber Herr, dazu habe ich augenblicklich wirklich keine Zeit, und außerdem fragt man mich das so oft! Gestatten Sie, daß ich Ihnen lieber einen Wegweiser mitgebe und machen Sie Ihre Erkundungsfahrt auf eigene Faust! Guten Tag!"

Damit stehe ich schon wieder draußen. Aber nun bemühe ich mich, mich eingehendst zu informieren, um zu Ruh und Frommen all derer, die zum erstenmal in das Hohe Haus vor dem Brandenburger Tor einziehen, das Wich­tigste hier wiederzugeben. Vor allen Dingen, sehr geehrter Herr neuer Abgeordneter, wollen Sie sich bitte nach Empfang des großen weihen Briefumschlages mit dem Stempel:Reichstag Bureau Frei durch Ablösung" in die nötige Positur setzen: denn Ihre große Stunde hat nun begonnen. Richt mehr brauchen Sie den Wählermassen wie vordem nachzulaufen und um ihre Gunst werben, nein, jetzt sind die Dinge umgekehrt: ein Volk liegt zu Ihren Füßen.

Warum, das werden Sie gleich sehen! Wenn Sie, glücklicher Besitzer einer Freifahrtkarte und monatlicher Diäten von zur Zeit noch monat­lich 750 Mark (ob cs weniger wird, kann man ja noch nicht wissen!), zum erstenmal Ihren Hut und Mantel im Reichstagsgebäude auf den eigens für Sie bestimmten und mit einem Ramens- schild verzierten Kleiderhaken gehängt haben, legt der Garderobendiener einen kleinen Hebel um und sofort wird die Tatsache Ihrer Anwesen­heit dem Hohen Hause automatisch mitgeteilt.

Auf der Ramenslasel in der Rordhalle, wo sich der Anmelderaum befindet, und auf einer ähn­lichen Tafel in der Telefonzentrale leuchtet Ihr Rame auf: und von nun an können Sie tun und lassen, was Sie wollen, man findet Sie immer und überall.

Das Postamt zum Beispiel, das extra nur für die Abgeordneten unterhalten wird, stellt Ihnen Telegramme, Eilbriefe und Wertsendun­gen unmittelbar durch besondere Briefträger zu, Denen keine Mühe zu groß ist, Sie treppauf, treppab im ganzen Hause zu suchen: Ein­schreibe- und gewöhnliche Briefe übermittelt Ihnen der Fraktionsdiener. Wenn Sie aber Briefe oder Telegramme absenden oder gar (Gott behüte!) Geld einzahlen wollen, dann steht das Postamt von acht Llhr früh bis neun Llhr abends zu Ihren Diensten, und wenn die Sitzun­gen etwa länger dauern sollten, auch noch bis zum Schluß. Für gewöhnliche Briefe, für die der Weg zum Postamt Ihnen sicherlich zu Leit ist. befinden sich an allen Ecken des Reichstags besondere Briefkästen, die stündlich ge­leert werden.

Wenn Sie bereits aus diesen Angaben ersehen können, daß alle und alles miteinander wett­eifern. um Ihnen Ihre schwere Aufgabe leicht und erträglich zu gestalten, so werden Sie auch an anderen Orten des Reichstages Gelegenheit haben, festzustellen, wie man Ihnen Ihre Wünsche geradezu von den Augen abliest. Denn der Schreibsaal zum Beispiel ist nur für die Mitglieder des Reichstags und des Reichsrates bestimmt Sie dürfen jeden unbarmherzig hin^ auswerfen lassen, und gar i m Zeitungs­lesesaal hängt nicht nur eine größere Anzahl in- und ausländischer Tageszeitungen, sondern man berücksichtigt auch Ihre Wünsche wegen etwaiger Auslegung weiterer Blätter.

Unnötig natürlich zu sagen, daß sich die T e l e- phonzentrale Ihrer ganz besonders liebe­voll annehmen wird, weil sie ja sowieso schon Kummer gewöhnt ist, nach den Herren Abgeord­neten dauernd suchen zu müssen. Denn zu sagen, nach welchen Räumen er geht, fällt niemandem ein. Aber die Zentrale weiß schon, wie sie sich hilft: sie läutet zunächst einmal im Restau­

rant an, und das stimmt ja auch in den meisten Fällen. Für die restlichen Fälle hat man Ihnen jegliche Lauferei abgenommen: denn in jedem Raum und Räumchen ist ein Femsprech- apparat.

Ratürlich hat man Ihnen auch die Arbeit selbst möglich bequem gemacht. So erhalten Sie beispielsweise Ihre Reden noch während der Sitzung fein säuberlich nachstenographiert und abgeschrieben zur Kontrolle vorgelegt (voraus­gesetzt, daß man Sie hat zum Wort kommen lassen), und wenn Sic etwa während der letzten Stunde vor Sihungsschluß gesprochen haben soll­ten, so schickt man Ihnen die Riederschrift noch am selben Abend in die Wohnung.

Weiter ist dafür gesorgt, daß Sie die wich­tigsten Stellen für Ihre Tätigkeit nicht ver­passen. Kein Gott hielte es ja aus, ununter­brochen allem zuzuhören, was da geredet wird, so wird man füglich auch von Ihnen nicht ver­langen, was man vom lieben Gott nicht erwartet. Also werden Sie die Restaurationsbetriebe und die Wandelhallen mit den breiten und sehr be­quemen Ledersesseln häufig frequentieren (doppelt häufig sogar nach dem Fortfall der Schreibtische im Plenarsaal und ihrem Ersah durch Bänke), und man hat daher die Pflicht, Sie stets auf dem Laufenden zu halten. Verzagen Sie nicht, wenn es klingelt: das Klingeln ist nicht für die Dienstboten, sondern für Sie!

Wenn es dreimal tief an der großen Glocke läutet, kommt eine Abstimmung oder die Fest­stellung der Tagesordnung an die Reihe: drei­maliges Helles Läuten dagegen zeigt Redner» roedjfel an und kann Sie nur dann interessieren, wenn Sie selber an der Reihe sind. Bei großer und kleiner Glocke abwechselnd handelt es sich um besondere Vorkommnisse (man kann nie wissen...!), und hupenähnliches Signal ruft zur namentlichen Abstimmung, zu der Sie jedoch nur zu erscheinen brauchen, wenn Ihre Fraktion es verlangt.

Da wir gerade von den Abstimmungen reden, möchte ich mir den Hinweis auf die Ia - und Rein-Türen erlauben. Eie werden dann be­nutzt, wenn über das Ergebnis der Abstim­mung auch nach der Gegenprobe noch Llnklar- heit herrscht. Dann müssen die Abgeordneten den Saal verlassen, und alle Türen bis auf drei wer­den geschlossen. Die eine ist die Ia-Türe, die andere die Rein-Türe, die Dritte ist für Indiffe­rente. Die Ia-Tür ist rechts, die Rein-Tür links vom Präsidium. Ditte verwechseln Sie bloß nicht die Anordnung. Wenn Sie aber ganz sicher gehen wollen, wählen Sie in allen Fällen den goldnen

Gießener Giabttheater.

Franz Lehar:Das Land des Lächelns".

Die neue Lehar-Operette ist bemerkenswert zunächst durch die Tatsache, daß sie der große Erfolg der letzten Spielzeit war (wieviel von diesem Erfolg allein auf das Konto von Richard Tauber zu sehen ist, kann nach der hiesigen Auf­führung nur geahnt werden) zum andern aber dadurch, daß es sich hier eigentlich gar nicht um eine Operette handelt.

*

Sofern es bisher nämlich als untrügliches Kennzeichnen der echten Operette galt, haß abgesehen von andern charakteristischen Wesens­merkmalen spätestens im dritten Akt min­destens ein Paarsich gekriegt Ijat", daß das Ganze also, volkstümlich gesprochen, gut aus­geht (happy end) ... dann kann hier von einer Operette im hergebrachten Sinn nicht die Rede sein. Es geht bös aus, zum mindesten sehr zweifelhaft, sie kriegen sich nicht, sondern sie gehen mit großer Szene auseinander: das Stück endet mit Schluchzen und Tränen, auf der Bühne und sogar im Parkett ... beinah wie in der Butterfly",

Madame Butterfly", die traurige und rüh­rende Geschichte von der kleinen Frau Schmetter­ling, ist. wie uns scheint, überhaupt hier das Stichwort. Einmal der unverkennbaren motivi­schen Anklänge wegen (in der Handlung und im Milieu) und überdies für die Bewertung der Partitur, die mehr der Oper als der Operette zuneigt.

Zwischen Peking und Wien pendelt die Hand­lung hin und her. Abendland und Ferner Osten sind die landschaftlichen, raffen mäßigen und psychologischen Kontraste, auf denen das Libretto sich aufbaut,... wenn überhaupt in einer Operette ernstlich von Psychologie die Rede sein könnte. Gelber Mann und weiße Frau, gelbe Frau und weißer Mann das sind die Gegensätze, die sich nach dem Willen der Autoren, nicht vereinigen lassen und dem Operettentext den opcrnhaften Akzent geben. (Don Tragik kann natürlich so wenig die Rede fein wie von Psychologie.)

Eine Wiener Generalstochter schlägt den An­trag eines jungen österreichischen Offiziers aus, um einem hohen chinesischen Würdenträger, den fie liebt, als Gemahlin in feine Heimat zu

folgen ... ins Land des Lächelns: in China lächelt man immer ... auch wenn man eigentlich lieber weinen möchte. (Zur Erläuterung des Titels und des lyrischen Grundmotivs.)

Es geht nicht gut: Europa und Asien sind und 'bleiben einander fremd. Dies als operetten- haste und ganz ins Persönliche getriebene Ruh­anwendung weltpolitischer Zeiterkenntnisse. Eine rätselhafte Sitte die dem ahnungslosen Abend­länder allerdings eher türkisch als chinesisch vor­kommt befiehlt, daß der gelbe Prinz außer seiner europäischen Gemahlin noch vier Mand- schufrauen heiratet.

Cs ist klar, daß die Wienerin darauf verzichtet, sozusagen als Lieblingsfrau des Mandarins in einem Harem zu sitzen. Sie flieht mit Hilfe des abgewiesenen Freiers, der ihr gerade zur rechten Zeit nachgercist kommt: die Flucht wird entdeckt, aber der Prinz leistet großmütig Ver­zicht und bleibt zurück mit feiner kleinen Schwester, die sich in den wienerischen Leutnant verliebt hat und ebenfalls allein bleiben muh, unter Tränen... im Lande des Lächelns.

So haben die Librettisten Ludwig Herzer und Fritz Löhner (nach Victor L e 0 n) sich das ausgedacht. Lehar begleitet die Handlung mit einer ganz opernmähig angelegten Partitur, die am originellsten und einfallsreichsten er­scheint ,wo es sich um die ausmalende Vertonung exotischer Motive handelte. Reden dem sehr populär gewordenen TangoDein ist mein gan­zes Herz" sind das Antrittslied des Prinzen und das DuettMeine Liebe, deine Liebe" aus dem zweiten Akt hervorzuheben, das bann im dritten als Dutterfly-Solo pianissimo wiederholt wird.

Die Aufführung (Vereinigte Operettenbühnen Dochum-Hamborn) wurde von Kapellmeister Dr. Erich Schalscha straff und sauber dirigiert, von Direktor Dachenheimer mit dekorativer Ausstattung und starker Publikumswirkung in Szene gesetzt.

Den Prinzen gab Waldemar Frahm, dar­stellerisch mit angenehmen Mitteln, gesanglich nur in der Mittellage befriedigend. Erna Wigger als Lisa: am besten im ersten Akt, später ein wenig konventionell. Anny Sperg fang, tanzte und spielte sehr hübsch die kleine Chinesin Mi.

Den Leutnant machte Heinz Virneburg im bewährten Donvivantftil. Bon den Chargen:

Adolf Wiesner, Ioachim Liman, Fritz R 0 l f.

Das Haus war diesmal erfreulich stark beseht. Es gab mehrere Wiederholungen, viel Deifall und zum Schluß sogar etliche Tränen. hth.

Wunder unter Wasser.

Don Paul Eipper.

In allen großen Städten gibt es ein Aqua­rium. Wohl die schönsten dieser Schausammlun­gen der Fische, Lurche und Reptilien befinden sich inBerlin und London. Ich kenne fast alle, stand in der Mittelmeerstation des Fürsten von Monaco, erfreute mich oft am zwar kleinen aber reizvollen Leipziger Aquarium, genoß die An­lage auf Helgoland, wanderte zu vielen Malen durch die Aquarien von Holland,Belgien, Frank­reich und Italien.

Lleberall ist die gleiche Verzauberung. Die Menschen kommen in einen dämmerigen Raum, lassen scheinbar die Sphäre der luftumwehten Erdoberfläche hinter sich und wandeln durch einen Tunnel mit erleuchteten Seitenfenstern. Man erlebt das Unmögliche: die Tiefe der Gewässer tut sich vor einem auf, das Auge erblickt die Be­wohner des Meeres und der Flüsse, der Schön­heitssinn berauscht sich an den Wundem der Farbe, die leuchtender sind als tropische Blu­men, die Phantasie schwelgt in abenteuerlichen Formen und Gestalten.

Ich stand Woche um Woche täglich lange Zeit imBerliner Aquarium vor jener Scheibe, die den Blick freigibt auf die zerklüftete Felsen­küste. Der Oktopus lebt hier, ein rötlichbrauner Tintenfisch, und für gewöhnlich klebt das schwam­mige Aier eingezwengt am Gestein. Immer spielen seine Fangarme, tasten schlangengleich durchs Wasser, die Saugnäpfe heften sich irgendwo fest, greifen und verschieben das Geröll: so sind die Lebensäuherungen des Polypen. Eines Abends vollzog sich eine jähe Verwandlung: der Kör­per des Tieres schwoll an, die Haut veränderte sich, aus lehmgrauem Braun wurde in zauber­haftem Farbenspiel tief glühendes Rot: die halb­mondförmigen Augen verrieten Erregung, und der Papageienschnabel zuckte. Plötzlich flatterte die Scheibe des hals- und knochenlosen Leibes hoch, der Oktopus schwebte mitten im Bassin, Die langen Arme hingen wie Schleierbänder ab­wärts, und dann wurde aus dem Hochtrieb ein

Vorwärtsdrang, die Krake schoß horizontal durch die Fluten, so schnell und unheimlich, mit nach­schleppenden Fühlerfäden, daß eine körperliche Angst mir Herzklopfen verursachte.

In London fiel mir die besondere Leucht­kraft der ganz klaren Wasserbecken auf, und ein solcher Reichtum an Tierbestand, daß nur das Berliner Aquarium damit in Wettbewerb treten kann. Lange Stunden sah ich auf einer der be­quemen Holzbänke im Mittelgang, verträumt pnd genießend, was aus den hellerleuchteten Schau­flächen zu mir ins Dämmerlicht herüberstrahlte. Eine klösterliche Stille war im Raum, von irgend­wo hallte der Schritt des Aufsichtsbeamten; mich interessierte das Spiel der tropischen Zierfische, die wie flimmernde Edelsteine durchs Wasser schnellen, Glühkohlen, Goldflößchen, Smaragd­bänder, kaum wallnuhgroß, lebend gewordene Sonnenträume.

Aber es sind auch Riesen in diesem Hause der Meerestiefe. Wir sehen ein Schaubecken über die ganze Breite einer Wand, und darin leben ein paar Meeraale, Ungeheuer an Stärke und Länge. Das größte Exemplar mißt wohl mehr als drei Meter, wenn es aus seinem Felsennest in schlan­gengleichen Bewegungen hervorkommt, ein böses, gefräßiges Raubtier. Drachenfische irisieren bunt, mit langen Strahlenstacheln am Rücken und zu beiden Seiten der Brust; der seltene Koffer­fisch, drollig, plump und starr, bis auf das fieberhaft kreisende Schwänzchen. Aber am merk­würdigsten die Lungenfische, gewissermaßen Lleber- bleibsec aus vorgeschichtlichen Zeiten, als die Form der Erde sich erst noch gestaltete.

Diese Lungenfische sind Doppelatmer, besitzen neben den Kiemen eine Lunge und kommen in kurzen Zeitabständen immer wieder an die Ober­fläche des Wasserbehälters, um zu atmen. Der afrikanische Lungenfisch hält einen Sommerschlaf, baut sich während der Trockenheit ein Rest aus Schlamm und Schleim, nimmt viele Wochen fang keine Rahrung zu sich und zieht durch einen Kanal Lust in seine Lungen.

Von allen Rätseln der Aquarien ist mir die Beobachtung der Eitasche des Katzenhais am interessantesten. Reun Monate reift der Embryo in seiner Hülle, die so durchsichtig ist, daß wir Menschen das Wachstum des Fischkindes wohl erkennen können und seine lebhaften Bewegungen.

Wer eine beschauliche Stunde des Ratur­genusses sucht, wird im Aquarium die Hast un­serer Zeit vergessen und reich beglückt sein, de­mütig werden vor der Mannigfalt der Schöpfung.