Daten für Freitag, 5 September
Sonnenaufgang 5.17 Hör; Mondaufgang 18,17 H£r. — Sonnenuntergang 18.39 Hör; Monduntergang 1.48 Hör.
, 1733: der Dichter CH. M. Wieland in Ober- Holzheim geboren; — 1902: der Pathologe und Politiker Rudolf Virchow gestorben.
Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Vornan von J. Schneider-Foerfll.
Hrheber-Rechtfchuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie bejahte und kam zehn Minuten später in Ledermantel und -Haube wieder aus dem Hause. Man hatte genügend Zeit, zurechtzukommen. Der Wagen rollte aus dem großen Heuschuppen, der zugleich als Garage diente. Franke knöpfte seinen Lederrock zu und drückte den Hut in die Stirne.
Dann sprach er ein paar Worte mit der Iungmagd und drückte ihr einen Geldschein in die Finger. Er sah sie gleich darauf über die Wiesen dem Walde Zuläufen. Mamert Dödlin- ger würde der geliebten Frau eine Strode Weges entgegenkommen, das beruhigte ihn merklich.
Als man die steilste Strecke zu überwinden hatte und die Vierradbremse das Tempo schneckenartig kriechen machte, schob sich eine blaue Limousine um die Viegung.
„Verflucht!" Franke hatte sein ganzes Augenmerk auf die Ausweichstelle gerichtet, so daß ihm Helenes Farbenwechsel entging.
„Bleiben Sie ruhig sitzen, Doktor", gebot sie überlaut. Sie drückte auf den Fußhebel, lieh den Wagen noch einige Meter laufen und bog dann gegen das tieferliegende Feld zu.
Aber auch der Maybach hate nach der anderen Seite hin ein ähnliches Manöver vollführt, so daß das Schlimmste überwunden war. Gin Herr stieg aus dem Fond und kam mit zwei Schritten heran. „Wie können Sie, Helene, wenn Sie doch nicht wohl sind", sagte er vorwurfsvoll.
„Eben darum", beschied sie kurz. „Herr Dr. Franke, Herr Direktor Aversvn", stellte sie vor. „Herr Doktor Franke war so lieb, sich meiner anzunehmen, als ihn der Weg von Valepp an meinem Hause vorbeiführte. Er muß aber die Zeitversäumnis wieder einholen, da er dringend zurückgerufen wurde. Mamert war nicht da, also blieb nichts übrig, als daß Ich ihn selbst zur Bahn bringe."
Aversons Blick war nicht eben geistreich. Stimmte nun das, was sie gesagt hatte, oder stimmte es nicht. „Fürchten Sie, daß das Befinden der gnädigen Frau zu irgendwelcher Besorgnis Veranlassung gibt?" forschte er und hielt die blauen Augen Frankes mit seinen großen grauen fest.
„Momentan nicht", kam die rasch überlegte Antwort. „Gin versteckter Katarrh mit leichter
große Lokale; aber manche Schenke besteht nur aus einem einzigen kleinen Zimmer, und dort trinken die Gäste einen fürchterlichen, nahezu giftigen Wacholderschnaps. Das sind die Treffpunkte der - Hntertoelt. Wenn man Reuyorks Verbrecher heimatlos machen will, so müßte man dieser Lokale Herr werden, und das gelingt nicht. Um aber wenigstens der Straßenräuber und Wegelagerer habhaft zu werden, hat man vor anderthalb Jahren eine neue Abteilung im Aeuyorker Polizeipräsidium gegründet, die vertrauliches Material über die Banditen sammelt. Einige hundert Räuberbanden sind in der Tat auseinandergejagt worden - diese Ziffer ist nicht übertrieben — aber es ist ziemlich sicher, daß sich die Mitglieder bald wieder vereinigt haben. In einem Welthasen wie Reuhork gibt es viele Schlupfwinkel, und die Verfolgung ist, wie schon gesagt, sehr zaghaft. .
Run darf man nicht etwa der Prohibition öte ganze Schuld am Unwesen der Straßenräuber und Schmuggler in den Vereinigten Staaten bei- messen. Es ist noch nicht lange her, daß ganz Rordamerika Kolonialland gewesen ist, ein Gebiet, in das der gesamte Abyub der europäischen Gesellschaft abgeschoben wurde. Das Verbrechertum ist dort immer größer gewesen als in den Alten Welt. Auch Schmuggel haben die Der- brvcher Immer getrieben, nur ist dieses Gewerbe durch die Prohibition besonders aufgeblüht. Aber schon zu einer Zeit, in der man noch nichts vo-H Jack Diamond und dem Chikagoer Rarbengesicht wußte, hat es in Aeuyorker einen Verbrecherkönig gegeben. Der amerikanische Schriftsteller Herbert Asbury hat in seinem Buch über die Unterwelt von Aeuyork zum Beispiel den Vagabunden Monk E a st m a n gezeichnet, der um die Jahrhundertwende die Straßen Aeuyorks unsicher machte. Er war ein großer Tierfreund und soll über hundert Katzen und fünfhundert Tauben besessen haben. Aber deshalb besaß er doch kein sanftes Gemüt. Alkohol wurde damals noch nicht geschmuggelt, und Eastman brachte statt dessen Rauschgifte über die Grenze. Mindestens ein Dutzend Messemarben verunzierten ihm Gesicht und Racken. Wie oft er verhaftet worden ist, wußte er selbst nie anzugeben. Im Jahre 1904 wurde er von einem Detektiv niedergeschossen, als er gerade einen Betrunkenen ausrauben wollte. Er erholte sich aber wieder, verlegte sich nunmehr in der Hauptsache auf das Gewerbe des Gtnbrechens und brachte es mit seiner großen Bande auch in diesem Zweig des Verbrechertums sehr weit. Gr ist übrigens oft ins Gefängnis gewandert, aber niemals für lange Zeit. Im September 1917 meldete er sich freiwillig an die Westfront. Er soll ein tollkühner Soldat gewesen fein, der freilich wegen seines Vorlebens keine Orden erhalten konnte. Aber am Ende des Krieges strich man seine Vorstrafen, nachdem er geschworen hatte, ein ehrliches Leben zu führen. Das war im Mai 1919. Am 26. Dezember 1920 fand man seine Leiche in einer Straße Reuyorks; wie sich später herausstellte, war er im Kampf gefallen, in einem Kampf, in den er wiederum als berüchtigter Schmuggler und Einbrecher verwickelt worden war. Hebrigens ist Eastman bei den amerikanischen Wahlen oft gegen hohes Honorar dazu verpflichtet worden, mißliebige Politiker zur terrorisieren, und auch dieses Gewerbe ist seit seinem Tode vor zehn Jahren noch nicht ausgestorben. In den Wahlzeiten haben die Mitglieder der amerikanischen Hntertoelt immer recht ansehnliche Rebeneinnahmen.
Hesischer Haiiplverem des Evangelischen Sundes
WSR. Schlitz, 2. Sept. Der Hessische Hauptverein dcsEvangelischenBun- des war vom 30. August bis 1. September in Schlitz zu seiner 4 3. Lan destagung versammelt. Unter lebhafter Anteilnahme der Bevölkerung des Schliherlandes und unter Beteiligung von zahlreichen Abgeordneten aus allen Teilen Hessens gestaltete sich die Tagung zu einer machtvollen Kundgebung des hessischen Protestantismus zur Wahrung feiner Güter und Rechte, namentlich im öffentlichen Leben, in Erziehung und Verwaltung, Presse und Politik.
Zum Begrühungsabend in der Turnhalle am Vorabend hatten sich aus dem ganzen Hessenlande Hunderte von Männern und Frauen eingefunden. Pfarrer Dr. Winkel mann (Offenbach) sprach über „Warum einen Evangelischen Bund?" Der Vortrag war umrahmt von Darbietungen des Kirchenchors (Leitung: Fortbildungsschullehrer Wege!) und des Gesangvereins „Harmonisches Kränzchen" (Leitung: Chrenchormeister M o h r).
Den Austakt des Festsonntags bildete der F e ft* go11esdienst, in dem Pfarrer Berck (Roßdorf) in der überfüllten Kirche predigte. Am Vormittag fand noch eine Sitzung des Vor- st a n d e s und der Dekanatsvertrauensmänner statt, in der als Tagungsort für das nächste Jahr Mainz bestimmt wurde. In den V o r st a n d neu gewählt wurde Pfarrer Becker (Mainz). Fünf verdienten treuen Mitgliedern des Bundes wurde die silberne Luther-Medaille verliehen: Pfarrer Böchner (Treis an der Lumda), Bahnhofsvorsteher Hammel Ridda, Oberpostinspektor M a n k e l (Mainz), Pfarrer Roos (Viernheim) und Pfarrer Weber (Langen). Gleichzeitig war eine Sitzung des Evangelischen Deamtenausschusses, in der Professor Wentzel (Darmstadt) über Ziele und Zwecke des Evangelischen Deamtenbundes sprach.
Die Rachmittagszüge brachten eine ganze An- zahl Festteilnehmer aus den benachbarten Orten, in denen auswärtige Geistliche in den Vormittagsstunden Festgottesdienste abgehalten hatten. Kurz nach 15 Hhr bewegte sich ein stattlicher Festzug durch die Stadt. Der Festzug endete aus dem Marktplatz mit einer großen evangelischen Vollsver s ammlung unter Mitwirkung von Kirchengesangverein, Männer- und Posaunenchören. Rach der Eröffnung durch den Vorsitzenden des Hessischen Hauptvereins,
Pfarrer D e r d (Roßdorf), begrüßte für die hessische Landeskirche Prälat D. Dr. Diehl (Darmstadt). Der Vertreter des Dundespräsidiums, Dundesdircklor D. Fahrenhorst (Berlin), betonte in seiner Ansprache die Wichtigkeit evangelischer Bekennertreue und Erstarkung im lebendigen Glauben. Studienrat Dr. Simon (Offenbach) sprach über die Verbundenheit des Evangelischen Bundes mit dem Wesen und den Zielen der Kirche. Ergreifende Bilder von Lebensäußerungen protestantischer Tat in Vergangenheit und Gegenwart zeichnete Pfarrer Dr. Verger (Darmstadt). Eine von dem Vorsitzenden, Pfarrer Berd, vorgeschlagene K u n d- g e b u n g fand einstimmige Annahme. Es heißt darin u. a.: „Wir stellen mit freudiger Genugtuung fest, daß die Stimme des Evangelischen Bundes im öffentlichen Leben in steigendem Maße Gehör findet. In immer weitere Kreise bringt die Erkenntnis, daß der Evangelische Bund auf dem rechten Wege ist mit seinem Programm: Evangelischer Glaube und deutsches Volkstum unlösbar verbunden, sind die Kräfte, die allein unser Volk zur Gesundung führen und seine Zukunft retten können. Damit ist allen Evangelischen ernsteste Verantwortung auferlegt und auch für die bevorstehende Reichstagswahl der klare Weg zur rechten Entscheidung gewiesen."
Beim Begrüßungsabend am Sonntag war die Turnhalle gedrängt voll. Vorzügliche unterhaltende Darbietungen, namentlich die Aufführung des Spieles „Luther und Graf Erbach" wechselten mit mancherlei Begrüßungsansprachen. Herzlichen Gruß übermittelten Bürgermeister Dr. Riepoth für die Stadt Schlitz und Kreisdirektor Dr. Michel'(Lauterbach). Glückwünsche brachten de? kurhessische und rheinische Hauptverein, der brandenburgische Hauptverein, der Gustav-Adolf- Verein, Innere Mission, evangelische Arbeitervereine, Hessenbund usw.
Die Mitglieder - undAbgeordneten- Cßerf ammlung am Montag brachte den Jahresbericht des Schriftführers, Pfarrer Ver- g ä r (Darmstadt). In einer aus allen Kreisen gut besuchten öffentlichen Versammlung hielt Oberstudiendirektor D. Fahrenhorst (Berlin), Direktor des evangelischen Bundes, einen Vortrag über: „Die Erziehung zum deutsch- protestantischen Charakter". Ein gemeinsames Mittagessen schloß die Tagung.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
§ Saubringen, 3. Sept. Die Provinzial- strahenverwaltung hat sich bereit erklärt, noch vor Eintritt der kalten Jahreszeit auf der D e - zirksstrahe von hier nach Gießen (Einmündung in die Marburger Straße) eine grün d - liebe Oberflächenbehandlung vorzunehmen. Gleichzeitig wurde der Gemeindeverwaltung die günstige Gelegenheit geboten, die Hauptdorfstraße in der gleichen Weise erneuern zu lassen. Die Gemeinde hat dafür den vor- anschlagsmäßigen Betrag von 1500 Mart bewilligt. Insgesamt werden etwas mehr als fünf Kilometer Strahenfläche in Arbeit genommen.
y Staufenberg, 2. Sept. Heute wurde der älteste Einwohner unserer Gemeinde, Heinrich Schmuck, der 36 Jahre Schäfer hier gewesen war und sich großer Beliebtheit erfreute, im Alter von 86 Jahren beerdigt. Er war der letzte Altveteran von 1870/71.
# Orüningen, 3. Sept. Am Sonntag hielt der Turnverein „Gut Heil" sein diesjähriges Vereinsabturnen ab. Es wurde ein Zehnkampf sowohl bei den Tümern, als auch bei den Schülern ausgetragen. Einzelne gute
Leistungen seien hier besonders hervorgehoben. Der Turner E. Engel übersprang 1,55 Meter, der Student W. F a Y erreichte mit einem Kugelstoß fast die 11-Meter-Grenze. Auch die Leistungen der Schüler waren zufriedenstellend, einzelne sogar sehr gut. Der Rachmittag brachte ein Schauturnen, bei dem gute Gerätetumer der Rachbarvereine Münzenberg, Lang-Göns und Hochelheim mitwirkten und allgemeinen Beisatt fanden. Faustballspiele und akrobatische Turnspiele der hiesigen Turner füllten neben Musik und Tanz das Rachmittagsprogramm. Selbst der Abend zeigte noch den turnerischen Charakter der Veranstaltung. Die Stab» und Keulenübungen der Turnerinnen bzw. einer Gruppe der Aktiven ernteten verdienten Beifall.
Kreis Friedberg.
WSR. Friedberg, 3. Sept. Zu dem heutigen Schweinemarkt waren 552 Jungtiere aufgetrieben. Das Geschäft ging sehr flott; es verblieb etwas Heberstand. Es wurde bezahlt für sechs Wochen alle Tiere 25 bis 30 Mk., sechs bis acht Wochen alle 30 bis 35 Mk., acht bis zwölf Wochen alte 35 bis 45 Mk.
Kreis Büdingen.
* Ridda, 3. Sept. Gestern vollendete hier der Stationsvorsteher i. R. Wilhelm Ham-
Fiebererscheinung, das dürfte alles sein, vorausgesetzt, daß entsprechende Schonung beachtet wird."
„Daran sott es nicht fehlen, nicht wahr, liebes Kind? Sie werden nichts dagegen haben, Herr Doktor, daß mein Chauffeur Sie zur Station bringt? Der Weg von hier nach Rottach-Berg- hof zurück ist jedenfalls llirzer, als der nach Tegernsee."
Cs ergab sich für Helene keine Gelegenheit mehr, dem geliebten Manne auch nur einen Blick des Einverständnisses zuzuwerfen, Aversvn durfte um keinen Preis wissen, wie sie zueinander standen.
Sie legte mit einem gleichmütigen Druck ihre Hand in die Frankes, sprach ihren Danr für seine Bemühung, dann stieg sie neben Aversvn in den Maybach, den der Direktor nach Rottach- Derghos hinaufklettern ließ.
Franke empfand ein Gefühl, als wäre er unter ein schweres Hagelwetter gekommen und bis auf die Haut von Regenschauern gepeitscht worden. Er sah immer wieder nach der blauen Limousine zurück, aber kein Kopf wandte sich, kein Tuch flatterte! Keine Hand winkte.
Er ließ die Schullern nach vorne sinken und drückte sie dann in das braune Leder der Polsterung. Drei Wochen war er nur fort gewesen! Drei armselige Wochen — und kam als ein anderer nach Hause! — Als ein ganz — ganz anderer.
* * *
„Mama, eine Operation ist doch nicht zum Sterben“, tröstete Franke seine Mutter. „Von Hundert überstehen sie neunzig Prozent. Papa ist noch nie ernstlich krank gewesen, sein Körper i t unverbraucht, wenigstens was übermäßige Kraftausgabe anbetrifft- In zwei Stunden ist alles vorüber." Franke hielt die Hände an den Kopf, der wie im Trommelfeuer hämmerte. Die jammernde Stimme der Mutter zerrte an seinen Rerven, dazwischen horchte er auf das Telephon, das im Rebenzimmer schellte. Er sprang hinüber und riß den Hörer ans Ohr, gab eine gleichgültige Antwort und ging wieder in das große Wohnzimmer zurück.
Er hatte gehofft, daß Helene anrufen würde, aber er wartete vergeblich. Es half eben alles zusammen, ihn aus dem Gleichgewicht zu werfen.
„Was wird sein, wenn Papa die Operation nicht übersteht?" meinte die Geheimrätin. „Wie oft habe ich gewünscht, dich verheiratet zu sehen. Run ist es vielleicht das beste, daß kein Dritter zwischen uns steht, daß wir zusammenbleiben können. Ach Just, du weißt nicht, wie verzweifelt ich bin!“
Er suchte nach neuen Worten, nach neuem Tröste, war nur halb bei ihr und dachte an Helene, die zweitausend Mark im Monat für ihre Schneiderrechnung benötigte. Der telepho
nische Anruf, welcher ihn neuerdings an den Apparat springen lieh, rief ihn sofort nach der Klinik.
Er hörte das Weinen der Mutter hinter sich her, und vernahm es noch, als er schon die Flurtüre hinter sich zugeschlagen hatte. Gott, es war herzlos, so ohne Kuh und beschwichtigendes Wort von ihr zu gehen, aber seine Rerven waren am Versagen. Was ihm noch an Kraft übrigblieb, das hatte er mehr denn je nötig.
Er hatte Professor Klahn gebeten, die Operation au übernehmen. Er selbst wollte lediglich als Assistenz dabei fungieren. Niemand hatte etwas dabei gefunden. Das kam sehr häufig vor, daß Aerzte, wenn es sich um ihre nächsten Angehörigen handelte, die Ruhe tarieren und vor der Verantwortung zurückschreckten.
Der Geheimrat streckte feinem Einzigen, als dieser zu ihm in das Zimmer trat, beide Hände entgegen und zog ihn zu sich herab. „Es tut mir leid, Just, daß ich dir deinen Hrlaub so jäh zerreißen mußte. Diese Bauchfellentzündung hätte auch acht Tage später kommen können — Für alle Fälle: Mein Testament liegt zu Hause in der linken Schreibtischschublade. Ich halte es für selbstverständlich, daß du dich der Mama in jeder Weise annimmst, auch wenn du dich einmal verheiraten solltest. Die Mama und ich sind übereingekommen, unsere gemachten Ersparnisse — dreiviertel davon sind ja verloren, wie die der anderen auch — dir jetzt schon als Eigentum zu übertragen. Du kannst es mehren und deinen Kindern einmal sagen, daß ihre Großeltern den Grundstein zu ihrem Wohlstand gelegt haben."
„Ja, Papa! — Ich hoffe aber, daß das noch in weiter Ferne liegt. Wenn die Operation vorüber ist, wenn —"
„Herr Doktor werden einen Moment ans Telephon gebeten."
Frank löste seine Hand aus der des Vaters und war im nächsten Moment an der Türe. Kopfschüttelnd sah ihm der Geheimrat nach. Als er etwas später mit strahlendem Gesichte aus dem Telephonzimmer zurückkam, hatte man den Kranken bereits auf die Bahre gelegt und nach dem Operationssaal gefahren.
Professor Klahn und zwei weitere Aerzte kamen ihm in weißen Kitteln entgegen. Zwei Minuten später stand Franke an deren Seite. Wenn alles gut ging, konnte er vielleicht noch heute abend —
„Herr Kollege, ist es nötig, Sie um Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit zu bitten ?" Klahn sah ärgerlich auf Franke, dessen Augen einen Ausdruck völliger Abwesenheit trugen.
Ein brennendes Rot lief Frankes Wangen hinauf und setzte sich an den Schläfen fest. Der hier zwischen Leben und Tod schwebte, war fein Vater, der Mann, dem er das Dasein verdankte.
m el fein 9 0. Lebensjahr. In erftaünficöe) Rüstigkeit und Gesundheit konnte er seinen Geburtstag feiern, zu dem ihm von hier unb von auswärts zahlreiche Ehrungen mündlich und schriftlich dargebracht wurden. Der Reunzig- jährige erfreut sich allgemein großer Beliebtheit. Täglich macht er noch seinen Spaziergang und dann seinen Dämmerschoppen. Hammel trat 1861 freiwillig beim Hessischen Selbartillerieregiment in Darmstadt ein und machte die Feldzüge 1866 und 1870/71 mit Auszeichnung mit. Später war er Stationsvorsteher in Zell bei Alsfeld, Ridda und Grünberg. Seit seiner Pensionierung im Jahre 1910 wohnt er hier bei seiner verheirateten Tochter. Er bringt dem Kriegervereinswesen reges Interesse entgegen.
rl. Bleichend ach, 2. Sept. Gestern fand unser zweiter diesjähriger Schweinemarkt statt. Das Angebot war verhältnismäßig stark, es waren 150 bis 160 Ferkel aufgetrieben. Rach anfänglich schleppendem Geschäft wurden fast alle zu Preisen von 22 bis 34 Mk. je Stück abgeseht. — Der Markt - und Turnplatz ist nunmehr gegen den Dach hin durch Höherführung der Mauer und einen darauf gesetzten starken Rundholzzaun gesichert. Durch Planierung feiner abschüssigen Stellen und eine Hmgrenzun^mit lebendem Zaun soll er weiterhin verschönerrt-werden. — Die obersteDrücke über die Bleiche innerhalb des Dorfes, eine alte, nicht mehr tragfähige Holzbrücke, ist durch eine Steinbrücke ersetzt worden, die dieser Tage dem Verkehr übergeven wurde. — Bei den Reichsjugend wettkämpf en an unserer Schule gingen als Sieger hervor im Fünfkampf der Knaben: W. Emrich l. mit 92, Heinrich Kaiser mit 71, Otto Schmitz mit 70 und Helmut Heß mit 68 Punkten; im Dreikampf der Mädchen: Anna Grauling mit 44 und Marie Völker mit 43 Punkten. — Die seit 1927 hier bestehende Schulgruppe des VDA. holte sich am Samstag und Sonntag auf dem Landesjugendtreffen des VDA. in Büdingen ihre zweite Wimpelschleife; vor Jahresfrist war sie aus gleichem Anlaß in Ingelheim.
T Babenhausen L 3. Sept. Dieser Tags fand die Gemeinde - Grummetgrasver« fteigerung statt, bei der durch rege Nachfrage fast die gleichen Preise wie im vorigen Jahre erzielt wurden. In benachbarten Orten sind die Grummetpreise bedeutend niedriger, als im Vorjahre. Die Grummeternte fällt in unserer Gegend sowohl nach der Menge, als auch nach der Güte sehr gut aus; sie ist die beste Grummcternte der letzten Jahre. — In den großen Sloatswaldungen unserer Gegend weisen die Brombeersträucher in diesem Jahre einen sehr reichen und gut entwickelten Fruchtbehang auf. Die Brombeerernte? zu der sogar Leute mehrere Stunden Wegs weit aus der Wetterau kommen, hat bereits begonnen. Zahlreiche Arbeitslose widmen sich der Brombeerernte, um dadurch eine kleine Einnahme zu erzielen.
Kreis Schotten.
§ HIrichstein, 3. Sept. Am Freitag, 5. September, vollendet Witwe Elisabeth Vehr- mann, geb. Göbel, ihr 8 5. Leb en sj a h r. Die Greisin ist die drittälteste Frau in unserem Städtchen und erfreut sich körperlich und geistig noch einer ganz außergewöhnlichen Rüstigkeit.
Kreis Alsfeld.
»er. Homberg, 3. Sept. In unserer Gegend kann man jetzt die Getreideernte als beendet ansehen. In allen Dörfern ist die Dresch-« maschinenarbeit gegenwärtig in vollem Gange. Der Strohertrag ist so groß, daß vielsach die: Scheunen nicht genügend Platz bieten und das ausgedroschene Stroh zu großen Haufen im Freien aufgeschichtet werden muß. Die gegenwärtig im Gange befindliche Grummet- ernte bringt quantitativ und qualitativ vorzügliches Grummet, zu dessen Lagerung selbst der kleinste freie Raum benutzt werden muß. Die Hackfrüchte haben sich in den letzten Wochen
feine ganze sorglose Kindheit, die Jahre froh- verlebten Studententums, seine Existenz und alles dessen, was das Leben Reiches gebracht hatte.
Sein Blick wurde so demütig abbittend, daß Klahn Mitleid verspürte: „Wenn Sie dem Anblick nicht gewachsen find, treten Sie besser ab, lieber Kollege."
Franke biß die Zähne aufeinander. Aus dem Munde des Vaters kam fein Rame. Er neigte sich über den schon in der Rarkose Liegenden und fühlte, wie ihm etwas die Backen 6 er unterlief. Er war unfähig, eine Handreichung zu machen, so sehr verspürte er das Zittern seiner Finger, fühlte sich beengt durch den Wirbel der Gedanken, die sich wie verbissene Fechte? kreuzten.
„Wissen Sie, bafr Ihr Herr Vater an einem Herzklappenfehler leidet?" hörte er Klahn zu sich herübersprechen.
Er bejahte stumm.
„Warum haben Sie das nicht gesagt?"
Er wußte nichts darauf zu erwidern.
„Es tut auch weiter nichts", beschied der Professor. „Die Operation" hätte unter allen Hmständen ausgeführt werden müssen."
Draußen auf dem langen Korridor stand die Geheimrätin und streckte Die Hand aus, als man den reglosen Körper ihres Gatten vorüberschob. An die Türe gelehnt, wartete sie, bis ihr Sohn herauskam und seinen Arm unter den ihrqn zwängte. „Komm jetzt, Mama, es ist alles gut vorübergegangen. Vorläufig ist er noch ohne Bewußtsein. Aber wenn er erwacht, darfst du sofort zu ihm hineingehen."
Gegen Mitternacht stellte sich eine große Herzschwäche ein. die morgens um sechs Hhr den Tod des Geheimrates zur Folge hatte. Franke stand vernichtet. Dieser harmonisch ausgeglichene, fleißige, strebsame, herzensgute Mann war nicht mehr. Die Geheimrätin lag fassungslos vor dem Bett des Toten auf den Knien und hielt die Qlrme um ihn geworfen.
„Mama, ich bitte dich!" —
Sie hörte den Sohn nicht, den Sohn, der ihr doch immer über dem Gatten gestanden hatte. Jetzt, wo dieser von ihr gegangen war, überfiel sie Plötzlich die Erkenntnis, daß er ihr am nächsten gestanden hatte. Franke verspürte das Gefühl, als müsse man mit Fingern auf ihn zeigen, denn selbst in dieser Minute bitterster Seelennot umkreisten seine Gedanken Helene Chlodwig. Er bat eine der Schwestern, ihr die Rachricht übermitteln zu wollen. Ob sie kommen würde? — Konnte sie überhaupt anders, als in dieser Stunde bei ihm sein, in feiner Rähe, seinem Auge erreichbar, wenn er sich auch sonst bescheiden mußte.
(Fortsetzung folgt.)


