Nr. 206 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 4. September 1950
Momentbilder aus dem Sowjetparadies.
VI.
Wieder in Leningrad.
Ich fragte einen Hüffen, tote kommt es daß man in Leningrad d t e Zarendenkmäler erhalten Hal. ..Wir haben noch keine Zeit gehabt, fie zu stürzen", tagte er Ein- hat man allerdings al» Vogelscheuche ftehengelassen. Sin dicker Zar fiQt schwerfällig aus einem dicken Pferd mitten auf einem weiten verkehrsreichen Platz, an dem ein neues Staatshotel gebaut wird. „Wer ist daS?" „DaS ist die Scheuche." Das Wort bc- fremdet im Munde der kleinen sanften Petersburgerin, die durchaus nicht so rabiat ist wie ihre Moskauer Kolleginnen. „2 l e » a n d e r III.“, fugt sie hinzu. „DaS Denkmal hieß schon früher so." Man hat aber auch geschmackvolle Zarendenkmäler stehengelassen. Auf dem schönsten Platz der Stadt, der In der revolutionären Geschichte eine Rolle spielt, steht zwischen dem Winterpalais der Zaren und dem Torbogen der Roten Armee noch immer Die Alerandersäule Aus der Spitze der Granitsäule steht ein Sngel und in feiner Hand halt er ein Kreuz, daS weithin sichtbar die Paläste überragt Richt weit davon steht auf einem Hügel daS stolzeste Denkmal deS selbstherrlichsten Zaren: Peter der Große stürmt einen Fellen hinan, sein Rost bäumt sich über dem Abgrund. Puschkin hat dieses Denkmal besungen. Dor der Oper sieht man ein Denkmal, daS in seinem Ausbau an das der Maria Theresia in Wien erinnert. Jene sitzt aus dem Thron, Katharina II. aber steht, umgeben von berühmten Zeitgenossen, unter ihnen Potemkin. DaS AnitschkowpalaiS war sein Schloß. Der Schloßpark ist in eine Art Tivoli oder Prater verwandelt worden, daS einzige Gartenlokal, wo man für 50 Kopeken Eintritt unter Daumen sitzen und essen kann. Am Ende deS ParkeS aber ist ein Soinmcropcrcttentheater auS Holz errichtet, wo wir die „EfarbaSfürstin" unter dem Hamen „Silva" hörten. Die Stimmen waren gut, die Ausstattung primitiv, und der Deifall groß.
Oer Kampf um den Glauben.
Man merkt die einstige Residenz und die önt- sernung von der Sowjetzentrale, wenn man wieder nach Leningrad kommt. Die Führerinnen sind keine Fanatikerinnen. Lin Hauch von Bürgerlichkeit ist um fie. Wenn sie auch in ihren Erklärungen vorsichtig sind und Bc- spltzelung sürchen, so geben sie zu, daß sie in die Kirchen gehen, von denen einige der schönsten noch den Gläubigen geöffnet sind.
Die Isaak-kathcdralc allerdings ist jetzt nur noch ein Museum von besonderer Kostbarkeit, mit grünen Malachitfäulen und herrlichen GlaS- gemälbcn. Wundervoll ist die Wirkung de- auf» erstehenden Heilande- über dem Gitterwerk der Ikonostase. Leider ist die Kathedrale vom Untergang bedroht. Da Leningrad auf Pfählen erbaut wurde und der Grundwasser- fpiegel sich senkte, so hat man die Kuppel durch Eisengerüste stützen müssen. In der Dorhalle steht zwischen den mächtigen Granitsäulen ein alter Bettler. Ich werde den Ausdruck seine» Gesichts nie vergessen
An demselben Platz liegt bic frühere deutsche Botschaft, in der jetzt der deutsche Generalkonsul wohnt. Dei KriegSbeginn warf die erregte Menge die Skulpturen, die da- Dach schmückten, auf die Straße. Man hat keine wieder aufgestellt.
Wie die Kolonnaden DerniniS in Rom vor der PeterSkirche schaffen Säulengänge Distanz und Ruhe zwischen dem Rewskijprospekt und der Kasankathedrale. Dort findet noch Gottesdienst statt. Ein Priester fang gerade an einem Seilenalkar. vor dem Männer und Frauen knieten. Auch die Bersöhnungskirchc. die mit ihren vielen grünen Zwiebeltürmen der Mo-kauer BasiliuSkirche gleicht, steht noch gläubigen Seelen
dcrichl von unserer E. K.-eonberforre|ponhentin.
aK Zuflucht offen. Wenn eS Abend ist, füllen sich die reichgefchmückten Hallen mit Menschen. Dorthin muß man allein finden, wir man über- Haupt da- Interessanteste nut durch Zufall ent- bedt Die Führerinnen begnügen sich damit, einem im Dorbeifahren zu erzählen wieviele Millionen auch bei diesem Dau unterschlagen wurden.
Der Glaube großer DolkSkreise ist noch nicht tot. wenn auch da- bolschewistische System gegen ihn wütet. Da- geht daraus hervor, daß noch viele Gemeinden das Geld für die Pachten aufbringen. die die Popen für die Denuyung der Kirchen zahlen mühen. D i e Popen geben für ihre Kirchen betteln. Wie armselig sehen sie aus der Straße au- mit ihrem abgeschabten Kastan und den au-gemergelten Gesichtern! Sie sind die elendesten unter den Proletariern. Ihre Kinder bürfen keine höheren Schulen besuchen, wie überhaupt die Kinber der „früheren Leute" erst aufgenommen werden, wenn nach Aufnahme der Arbeiterkinder noch Plätze frei find Man lagt, daß sich Popen scheiden lassen, um ihren Kindern da» Fortkommen im bolschewistischen Staat zu erleichtern. Ehescheiden ist überhaupt sehr leicht getoorben. ES genügt, daß die eine Partei sich scheiden lassen will. Sine unserer jugendlichen Führerinnen war auch schon geschieden.
Einsame Wanderungen.
Man muß sich soviel wie möglich von den Führerinnen emanzipieren, die der Fremde zu seiner Belehrung und Beaufsichtigung mitbekommt. Ich nnlß zur Ehre der verschiedenen Führerinnen, die wir hatten, sagen, daß sie sympathische Menschen waren, die mit Feuer und Flamme sich ihrer Ausgabe widmeten und bereitwillig auf die vielen Fragen antworteten, bie an sie gestellt wurden, auch interessant auS ihrem Leben erzählten. Ramentlich die Petersburger scheuten keine Mühe, um auf untere Wünsche einzugehen. Roch zuletzt brachten sie unS nach dem entlegenen Smolny-Institut, einer früheren höheren Mädchenschule, in der Lenin wohnte und von der aus er die Revolution organisierte. Wir sahen die zwei geschmacklos eingerichteten Zimmer, in denen er lebte. Auch das Taurischc Palais, das der Sitz der Duma und später der provisorischen Regierung war, bekamen wir zu sehen. Sie machten un- auf ein Begräbnis aufmerksam. Die Leichenwagen der Kommunisten sind rot, die der anderen weiß.
Aber lieber einmal aus eine der wegen bet schlechten Debienung enblofen Wahlzeiten verzichten und allein durch die breiten, an Fahrzeugen fast leeren Straßen bummeln oder früher ausstehen und an der Rewa spazieren gehen, auf den Kai-, die daS Entzücken von Auto- sayrern sein könnten, wenn es Autos gäbe, und wenn die Löcher nicht so groß wären! Moo» wächst auf den Balkon-, der Puh ist von den Säulen abgefallen, die Türen sind zerkratzt und zerbrochene Spiegelscheiben zugeklebt. Ofenrohre ragen zu manchen Fenstern heraus. Melancholisch spiegeln alte Adelspaläste und KaufmannS- bäufer ihre rotbraunen Fassaden in dem Wasser der Kanäle. Derschlasen sieht man alte Weiblein und junge Mädchen in Kopftüchern auf Türstusen und Mauervorfprüngen fitzen, um bie ersten beim Anstehen zu fein, wo es Leben-mittel, Kleidungsstücke oder sonst etwa- zu kaufen gibt.
Ausklang.
Als der Dampfer wieder auf der blauen Daltenflut der Heimat zufchaukelle. da war da- erste, was die Reifenden taten, daß sie ohne Unterschieb der Ratinalltät, selbst die bolschewistischen Russen, die ins Ausland fuhren, einen mächtigen Hunger zeigten, den sie sehr bürgerlich zu befriedigen suchten.
Die einzigen, die sich über die Ernährung in Rußland nicht beklagten waren die heimkehrenben deutschen und amcrikanifchen Ingenieure und Werkmeister, für die allerdings eine eigene Der- forgung-gesellschast anständige Wohnungen wie Lebensmittel verschafft Wenn einmal die Der- teilung nicht klappen wollte 'uhr man mit einem deutschen Donnerwetter dazwischen, um bann auch das zu erhallen, was vertraglich ausbedungen war. Trotzdem fühlten sich die Herren dort wie in der Verbannung, über die fie nur bet gute Derbienst hinwegtröstete.
Dagegen betrachtete ein zu unserer Reisegesellschaft gehörender Edelkommunift den Sowjetstaat als ein halbe- Paradies 5t sah In der
Die von uns bereits gemeldete Verhaftung und beabsichtigte Au-weisung dein der ganzen Welt berüchtigten Reu- Yorker BandensührerS Jack Diamond bat in Mitteleuropa berechtigtes Aussehen erregt. Linser Mitarbeiter schildert hier anschaulich da- Milieu der Reuyorker Unterwelt bic nicht weniger unheimlich al- bie Verbrecherwelt Lhikagv- ist.
Ds gibt keine Weltstadt, bie sich rühmen kann, frei von Derbrechetotganisationen zu sein. Wo Millionen sriebliche Menschen wohnen, werden sich stet- auch ein paar Dutzend Halunken finden, denen es mehr Vergnügen bereitet, ihre Mitmenschen zu berauben, al- au arbeiten. Aber der Unterschied -wischen den bedeutendsten Städten der Welt ist für die Kriminalisten doch offen- sichtlich. In Berlin kommt es gelegentlich zu ein paar blutigen Raufereien -wischen Der- brechervereinen, die sich verfeindet haben, doch zum Schluß bleibt die Staatsgewalt Herr der Hauptstadt. In den großen amerikanischen Städten haben die Derbrecherorganisationen baaegen eine viel größere Macht Ihr natürlicher Feind, bie Polizei, ist zum Teil von ihnen abhängig, da viele Polizisten bestochen werden, und andere Hüter der öffentlichen Ordnung bie Rache bet Banditen fürchten, fall- sie einem Mitglied einer Organisation etwa- zuleide tun. Und noch ein anderer großer Unterschied Ist bezeichnend. Die bekanntesten deutschen Verbrecher sind Einzelgänger: sie gehören ju keinem Verein, weil sie weder die Deute teilen noch sich der Desahr aussetzen wollen, von Bundesgenossen .ver- p s i f f c n“ zu werden Die Mitglieder ber berüchtigten Berliner Ringvereine sind gewöhnlich keine Mörder, sondern haben nur harmlosere Verbrechen auf dem Gewissen. Anders ist es in Reuyork, Chikago und den übrigen amerikanischen Großstädten. Dort ist ber .Verbrecherkönig“ wirklich ein Herrscher über andere Verbrecher, mit deren Unterstützung er feine Macht aufbaut. Und einen solchen .Monarchen ber Unterwelt" hat die deutsche Polizei soeben erwischt.
Jack Diamond Ist den europäischen Behörden schon vor einigen Tagen angekündigt worden. Man wußte, daß er 1,75 Meter groß ist und Dierunbbrcifjig Jahre zählt. Sein Bild war über den Ozean gefunkt worden, und bic Polizeibehörben Irlanbs, Englands und einiger kontinentaler Staaten hatten sich schon telephonisch miteinander verstänbigt, was mit bem seltenen Gast zu geschehen habe. Einige der Missetaten, die man ihm zur Last legt, regen die europäischen Behörden nicht sehr auf. Er ist
Verarmung ber Bevölkerung der überall herrschenden Lebensmittelnot. in der Mechanisierung und ber Entgcist gung des Leben-, in der Freudlosigkeit des ganzen Dafeins den dornenreichen Pfad z u m Ausstieg, mögen ihm auch Millionen von Märtyrern au- ber lebenden Generation -um Opfer fallen, die kommenden Geschlechter wurden nach der Meinung dieses Ge- bankenhelden die Segnung ber neuen Gesellschaft»- orbnung ernten. Alle anberen waren sich freilich darüber klar, daß die Trümmer der Vergangenheit und Gegenwart nicht bas Herandämmern eines neuen Frühlings für Rußland bedeutet, sondern die dumpfen Dor-eichen geistiger und seelischer Verödung barstellen. Für uns find diele an den Opferaltar deS Bolschewismus geführten Mallen nur Men- lchen bic. den Gladiatoren ber römilchen Eälaren ähnlich ihr Schicksal mit bem Ruf auf sich nehmen: „Ave, Stalin, morituri tc salutantT
einer der Männer, bic mit dem Schmuggel von Vier und anderen alkoholifchen Getränken ungeheuer viel Geld verdient haben. Aber daneben sagt man ihm nach, daß er ein „gangster* fei, und da- ist ein Straßenräuber, ber seine Raubzüge im Bunde mit Helfershelfern unternimmt, gewöhnlich im Automobil und natürlich stets bis an die Zähne bewaffnet Wer dieses gesährliche Gewerbe auSübt. läßt sich leicht in noch schlimmere Verbrechen ein Jack Diamond wird beschuldigt, vor kurzer Zeit einen gewissen Harry IS c ft c r n ermordet zu haben. Der Tote war ein Hotelbesitzer, und das ist ein ehrenwerter Beruf. Aber es gibt in den Vorstädten ReuyorkS lehr finstere Hotels, in denen sich allerlei Gesindel trifft Harry Western soll früher einmal in Beziehung zu der Organisation Diamond- gestanden haben und bann zu ben Banbcn des Ehikagoer Derbrecherkönlgs A l Eaponc übergegangen fein. Laponc, mit seinem Spitznamen auch .Rarbengesicht" genannt, ist ebenfalls ein großer Alkoholschmuggler, der sein Herrschaftsgebiet ausdehnen will. Früher waren Eaponc und Diamond Geschäftsfreunde, bic sich unterstützten. Run ist Ehikagv eine große Stabt, bic viel Vier und Schnaps aus Kanaba verbrauchen kann: aber Reuyork Ist größer. Reuyork liegt an der Küste, und Al Eapone möchte offenbar da- Geschäft mit Ucbcrfec auf» nehmen Es klingt sehr merkwürdig, baß man über bie Absichten der amerikanischen Unterwelt und über ihre inneren Zwistigkeiten so genau Bescheid weih. Die Beziehungen, die von den Schmugglern in die bürgerliche Gesellschaft und auch zur Polizei führen, sind jedoch fo zahlreich, daß die Pläne ber Vcrbtedjctfönige ebensowenig verborgen bleiben wie die Projekte eines Inbustricherrfchers. Und da- Merkwürdigste ist, daß die Behörden nicht wagen können, diese Pläne zu durchkreuzen. Sicherlich wäre «» der Reuyorker Polizei am liebsten, wenn man Jack Diamond, den Reifenden erster Klaffe, in einem deutschen Gefängnis verschwinden lassen könnte, wa- natürlich auS staat-rechtlichen Gründen nicht geht, und wozu Deutschland gar keine Veranlassung hat. Im übrigen ist cs nicht so einfach, einen Verbrecher seiner Taten zu überführen, wenn alle Zeugen Angst vor der Rache müsse» und wenn sogar die Richter in der Furcht leben, für ihr Urteil von den Banden zur Verantwortung gezogen zu werden.
Die Reuyorker Polizei weiß ganz genau, wv die Verbrecher ihrer Stadt verkehren. S- gibt in dieser Stadt ungefähr 23 000 Geheimschenken. in denen trotz ber Prohibition A l - k o h o l verkauft wird. Darunter befinden sich
prominente der Aenyorker Unterwelt.
'DcrücrbaffefeJarfDiomonö.-Sinfflcilffaber/ie^fcrbifferfer^einhheeiÖhicoflotr DerbsecherlönigS Al (Eaponc. — Wie Neuyorfs Berbrechenvelt bekämpft wirb.
Don Gert Gallwih.
Aus dem Redeblüien-Garten des Reichstags.
ßine Sammlung lustiger Sprachentgleisungen von Zoachim Haußner.
In wenigen Wochen werden wir einen neuen Reichstag haben, und sicher werden feine Mitglieder den früheren nacheifern, die an Stilblüten nicht eben arm gewesen sind. Entgleisungen sind seltener, wenn man eine Rebe ablefcn kann, als wenn man sie frei Vorfragen muß. Das Rednerpult im Reichstag ist betanntlich gefallen, und so müssen die Abgeordneten vorh t auswendig lernen, was sie vorzubringen haben. Außerdem müßen sie auf Zurufe vollkommen frei antworten. An Redensarten wie .auf den Kopf ber Bevölkerung entfallen jährlich 8 Ziegelsteine" oder.da springt unS zuerst die Milchindustrie in» Auge" hat man sich inzwischen schon gewöhnt, weil es noch viel schönere Satzgebilde gibt, die täglich geboren werden.
Da vernahm man einmal unter Hvllengelächter folgende Ausführung: .Um den Fall zu klären.habe Ich mich an den Verfasser gewandt, erhielt aber bic Rachricht. daß er inzwischen gestorben sei. Das mag wohl auch der Grund gewesen fein, weshalb er mir nicht geantwortet hat." Rachdcm einmal ein Abgeordneter einem andern den Vorwurf gemacht hatte, daß sie .den Kopf in den Sand stecken und mit den Beinen Hurra schreien", erschien ein Landwin auf bem Plan unb meinte: „Früher betrieben wir noch Pferdezucht, heute sollen wir un» auf das Huhn legen?" Doch da sagte ein Minister klug und langsam, man wolle „in aller Ruhe die Dinge wieder auf den Kopf stellen."
Sehr zahlreich sind die verunglückten Vergleiche. .Diese beiden Vorlagen", meinte jemand, .ähneln einander wie ein Ei des Eolumbus dem anderen." Doch da kam er schön an und wurde an- gefchrien: .Aber das sind ja Rattenschwänze, in bie« man nicht mehr hineinschauen kann." Erregte Aussprachen gibt cs immer, wenn es sich um finanzielle Singe handelt. Als der Etat im vergangenen Reichstag zum letzten Male beraten wurde, schwitzte einer den Sah auS: .Bei diesen Steuern bleibt einem ja der Der st and an der Peripherie stehen." Wor- auf ihm jemand riet, nicht immer .auf dem Pfennig herumzureiten". - .Ach fo?" rief jemand dazwischen, .wir wollen wohl aus den Taschen derer leben, die noch nicht geboren sind?"
Manchmal soll auch geschimpft weiden. .Das Rhinozeros, da- mir der Herr Vorredner an den Kops geworfen hat, hätte er lieber selber herunter« schlucken sollen", hieß es mal in einer erregten Debatte. .DaS Kind", sagte einer, .hätte in einer ganz anderen Weise geboren werden müßen, aber wir wollen das den Herren nicht auf bie Hosen schreiben." Darauf stellte jemanb fest.bic Gegner verfügten .über eine Zunge, mit ber sie nach vorne .Ja" und nach hinten .Vein" sagen" könnten. Das sind solche Schnellgeburten der Gedanken. Für den einen ist .die Müll- oerbrennung eine melkende Kuh", der andere hält .bic Schwcinczufuhr für eine harte Ruh'. Da redete einer über die Wohnungsnot, wirklich ein an sich traurige- Thema und brachte vor, daß .ganze Familien in Dachluken häufen und Familien mit fo großen Köpfen nicht in so kleinen Wohnungen bleiben dürfen".
.Wie soll man sich", ereiferte sich ein anderer, .schnell entscheiden, wenn einem die Pistole sozusagen telephonisch auf dieBrust gesetzt wird?"- .Ra". hieß cs dagegen, .dann müßen wir eben gemeinsam in den sauren Apfel beißen". Aber bie Radikalen waren immer noch nicht zufrieben. .Wir benlen nickt baran*. rief ihr Wortführer, .bie Händezu küßen, die unS solche FußtriUe versehen". Roch ein paar Beispiele? Bitte sehr! .Streiten wir uns nicht um den Bart der Republik."- Sine Schwalbe macht den Kohl nicht seit."-.Man hat mir berichtet, daß bie Toiletten entweber über füllt oder geschloßen sind. Da muh man sich eben auf bie Hinterbeine setzen." - .Eiserne Treppen, die hunbertmal totgeritten würben, sind wie stehende Sachen, die auf bem Kopf liegen", sagte mal jemand im Reichstag. Die Zunge eilt eben meist den Gedanken voraus, unb dadurch entstehen derartige Gebilde. Bei solchen Sätzen bleibt fein Auge trocken, und man kann nur mit dem Abgeordneten Meyer ausrufen: .Meine Herren, da liegt der springende Punkt."
Theater im Tierreich.
Wenn Schiller dem Menschen zuruft: .Die Kunst, o Mensch, hast du allein!" so glauben wir wohl, bah dicS in erster Linie von bem Theater gilt, besten komplizierte Organisation und die Tiere gewih nicht nachmachen können. Aber es gibt boch schon unter den vierf ühigen Brüdern deS Menschen allerlei Züge unb Der Haltung-formen, bie auf eine gewiße Schauspielerbegabung Hinweisen. Der russische Ästhetiker
unb Theaterschriftsteller RicolaS Svreinoff hat in einem soeben französisch erschienenen Buch .Das Theater im Leben" auf biesc .Theatralik" hin- gewiesen. bie bureb unser ganze- Dasein geht unb sich auch auf daS Tierreich auSdehnt. Daß bie Tiere über vielfache Derstellungskünste unb Listen verfügen. hat der verstorbene Th. Zell in einem eignen Buch .Tiere al- Schauspieler" nachzuweisen gesucht. Der Anpaßung-tricb, ber Wunsch der Verwandlung, die sog. Mimikry, die feit Darwin überall in der Tierwelt nachgcwiclen ist, treibt seltsame Blüten, veranlaßt Pflanzen wie Steine au-zusehsn unb Tiere baS Außere von Pflanzen anzunehmen, wie dies z. D. bas bekannte Insekt .das lebende Blatt" zeigt. Besonder» beim Angriff auf bic Beute bewähren sich viele Tiere al- geschickte Schauspieler, bie in allen möglichen Rollen daS andere Tier vertrauensselig machen wollen. Sehr beliebt ist z. B. das .Sichtotstellen", das man beim Fuchs, aber auch bei Raubtieren beobachtet haben will. Ter schlaue Fuchs legt sich in bie Sonne, und wenn ihn eine Schar von Krähen umkreist, bann liegt er ganz still und anscheinend leblos, bi- ein allzu dreister Schwarz, rock von ihm plötzlich erschnappt wird. Man behauptet sogar, bah Meister Reinecke durch Wedeln mit dem Schwanz die Enten anlocke. Die Rolle des Toten wird überhaupt im Tierreich vielfach gespielt, von Käfern, die sich beim Herannahen eines Feinde» blitzschnell zusammenrollen, bis zu Eulen und Asten. Eine ganze ‘Pantomime führt baä Wiefel bei seinem berühmten .Totentanz" auf. durch den es die Kibitze an sich lockt. Da- Wiesel tanzt immer wilder und toller: die Kiebitze kommen immer näher, bis da» Raubtier plötzlich mit seinen seltsamen Sprüngen aufhört und mit schnellem Satz einen Vogel erwischt. Man hat auch beobachtet, dah Raubtiere, besonders Löwen, bei ihren Beutezügen mit verteilten Rollen vorgehen und sich gegenseitig da» Opfer zutreiben.
Andere Formen der Schauspielerkunst im Tierreich sind etwa das Spielen der Katze mit ber MauS, wenn sich die Katze um da» Mäuschen überhaupt nicht zu kümmern scheint und mit der harmlosesten Miene von der Welt ihm zuschaut, bi» sie sich plötzlich auf das Opfer stürzt. Das Versteckspielen der Katzen M eine Generalprobe für ihre Beutezüge, und da» Spielen des HundeS mit einem Knochen ist nach dem Tierpshchologen Groo» eine .bewußte Autosuggestion", bei der da» Tier in bem Knochen sich seinen Feind vorstellt und so eine Art Phantasieschöpfung vollbringt. Roch näher an bie Form einer theatralischen Aufführung kommen wir mit den Hoch
zeitS- unb Festtänzen ber Vögel, bie sich auf einet freien Stelle versammeln unb von denen bann jeher seine geschickten Schritte, Drehungen, Wendungen und Verbeugungen macht. Solche Balleitvorfüh- rungen gibt e» z. B. bei den Fel»hühnern von La Plata und bei den Präriehühnem. Aber die Pantomimik und Tanzkunst ist im Vogelreich überhaupt lehr ausgebildet. Am nächsten aber kommt den Theaterausführungen de» Menfchen ein merkwürdiger Vorgang unter den Menschenasten, die der Art de» Gibbon- angebören. Wie GrooS berichtet, versammeln sich diele Tiere, nachdem sie ihr Frühstück zu sich genommen haben, um einen besonder» hohen Baurn mit breiten Asten, und au' einem dieser Aste nimmt der Führer der Herde Platz. Sr floht nun sanfte und kurze Laute aus. die wie der Rus eine» Löwen Hingen; Diele werden immer lauter und bringen die Zuhörerschaft in Erregung. Wenn schließlich Der „Vorsänger" seine Stimme zu einem lang hinhallenDen Gebrüll erhebt, Dann stimmt Der Thor etwa 10 SekunDen lang ein, so dah ein gewaltiger Lärm durch den schweigenden Wald braust. Dann beginnt Der Führer wieDer Die Reihe Der kurzen leiseren Töne Rach Darwin ist Der Gibbon Das einzige unter Den Säugetieren, Da» wirklich singt; er bringt genau eine Oktave hervor unb bewegt sich auf Der Tonleiter in Halbtönen auf und ab. Zweifellos haben wir hier eine Zeremonie vor uns. bie deutlich an bie Anfänge ber antiken Bühnen- lunft, an Da» Spiel De» .Protagonisten", an Die Rolle De» Thor». Der sich um Den Altar versammelt, auf Dem altgriechischen Theater erinnert kd.
Admiral Nelsons Hausapotheke.
Am 21. Oktober De» Jahre» 1805 besiegte bet britische Vbmiral ViicDunt Horatio Velton bei Trafalgar Die vereinigte spanisch-französische Flotte. Der Sieger erlag seiner VertounDung, bevor ihm Dr. Beatty hätte Hellen können, unD Io blieb Die Hautapotheke De» ADmiral» fast unangetastet Rach Dem Tode Des Schistsarzte» wechselte Die .historische" Medikamenrenlammlung häufig ihren Besitzer- Der letzte Eigentümer vermachte jetzt Die Aeliauie ber Obersten Marineleitung, unb bie Trafalgar sche Hausapotheke würbe m einer Vitrine bes Armee- museum» zu London untergebracht. Sie blieb bi» zum heutigen Tage gut erhalten; in fast allen Fläschchen befinden sich immer noch Mebikamentenreste unb selbst bie Etiketten sind von ber Verwesung verschont geblieben.


