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Vornan von Fred Nelins.
11. Fortsetzung Nachdruck verboten.
.Damit ist gesagt, tvaS zwischen uns zu sagen wäre, Herr Professor. Ich möchte nur noch meinen Schuldschein ,wiederhaben und dann gehen."
„And ich möchte bitten, daß Sie mich vorerst zu Ende reden lassen." Mercandin hob seine Hand und machte eine Geste nach dem leeren Sessel. „Bitte, nehmen Sie noch einmal Platz, Herr Doktor Griebenow. Sie haben einen ganzen Sack voll Busse zur Verfügung und versteifen sich darauf, die tauben aufzuknacken. Schade, schade! Etwas war an Ihnen, das zu meinem Herzen sprach. Mir gefiel im Restaurant Paris das sonderbare Zucken Ihrer Rasenflügel. Am nächsten Tage sah ich Sie im Spielsaal wieder und erkannte Sie daran. Dann am Abend traf ich Sie im Garten. Rein — ich rede nicht darüber. Aber welch bizarre Winkelzüge macht das Schick- sali Die. kommen nach Berlin und dürfen meiner Frau bei einem Anfall Hilfe leisten. Heute half meine Frau vor unserm Hause Ihnen. Dazwischen liegt der rosarote Walzerabend bei Geheimrat Reugereuth. Aber Sie wollen fort. Also, kurz und gut: ich biete Ihnen die vor kurzem sreigewordene Assistenzarztstellung bei mir an. Tausend Mark Gehalt im Monat. Mittag- ebenso wie Abendessen müssen Eie im Hause nehmen. Die Sache eilt. Ich bitte, daß Sie mir bis morgen mittag Nachricht geben, ob Sie annehmen. So, das ist alles. Darf ich nach dem Wagen klingeln?"
Sofort erhob sich Griebenow. Stille herrschte für Sekunden. Dann erschien der Diener.
Auch Professor Mercandin war aufgestanden.
Griebenow verneigte sich ... gerade so. dah er den Racken senkte.
„Guten Abend, Herr Doktor Griebenow."
„Guten Abend, Herr Professor."
Griebenow verlieh das Zimmer. Er hatte plötzlich grenzenlose Sehnsucht, klare Luft zu atmen, Wind um sich zu spüren. Sterne über sich zu sehen.
Wie ein Traum war alles.
Dumpf hallte der Gong. Prismenkronen werfen märchenhaftes Licht. Die grohe weihe Flügeltür ist weit geöffnet. Die Kranken kommen ... paarweise und einzeln. Herren, mit der weihen steifen Hemdbrust unter Smoking oder Frack ... Damen in Dinertoilette, mit viel Schmuck, Brillanten in den Ohren, Brillanten an den weihen, wohlgepflegten Händen ... blafiert und elegant ... Die Damen parfümiert, geschminkt, mit
auSrasierten Augenbrauen wie Kokotten. Alle diese Menschen aber haben eines gemeinsam: den Stempel eines Leidens in den abgespannten Zügen, das Flackern und ein sonderbares Glänzen in den Augen.----
Der große Speisesaal war fast gefüllt Da kam erst Griebenow. BiS zum letzten Augenblick hotte ihn Professor Mercandin im Arbeitszimmer aufgeholten.
Anweit von der Tür blieb er stehen. Ovidio Sarbally, ein sehr schlanker, eleganter Türke, war an ihn herangetreten.
„Ich bedauere, mich beschweren, mein Herr Doktor", sagte er gebrochen deutsch. „Wieder singt der Gong schon drei Minuten vor der festgesetzten Zeit. Ich konnte meinen linken Zeigefinger nicht mehr maniküren. Das ist--“
„3a, das ist unendlich peinlich", sagte Griebenow erschüttert. „Ich werde selbstverständlich dafür sorgen, daß die Ähren---“
In diesem Augenblick erschien der Haushofmeister.
„Es ist angerichtet."
Griebenow ging weiter. Es schien, als ob er jemand suche. Sein Auge fiel auf eine Frau im schwarzen Spitzenkleid, mit gelben Rosen an dem Halsausschnitt, pikant wie eine Pariserin und interessant wie eine Russin.
Griebenow verbeugte sich. „Dars ich um die Ehre bitten, Fürstin?"
Die Fürstin Tschaidse nickte liebenswürdig. „Ah, scharmant! Es ist ein ungemein behagliches Gefühl, die Hüter unseres Wohlbefindens selbst beim Essen neben uns zu wissen. Auf diese Weise ist es sicher ausgeschlossen, daß der Braten sich als zäh erweist und die Spargel nicht die nötige Zartheit hoben."
„Auch dos ist wichtig", sagte Griebenow verbindlich lächelnd. Das Primäre unseres Wohlbefindens ist der Magen. Dann, nachdem man Platz genommen: „Darf ich nun vor allem fragen, wie Sie sich seit der Visite heute morgen fühlen?"
„Pah ...I“ Sie schnippte mit dem Finger. „Schmerzen in dem Kopf sind besser seit dem Streichen des Professors Mercandin. Rur mein Seelenzustand macht mir Sorge, lieber Doktor. Er gipfelt immer mehr in der Erkenntnis, daß das Schicksal eine Sphäre ohne Ende und das Zentrum überall, vor allem in uns selbst zu finden wäre."
„Wir denken alle egozentrisch, Fürstin. Es ist die Krankheit unserer Zeit. Oder ist es keine Krankheit? Alles liegt in dem Bewuhtsein der Erkenntnis. Jeder trägt sein Schicksal in der Seele."
Griebenow lieh seine Blicke sorglich um die Tafel schweifen. Die Suppe war aufgetragen. Alles löffelte. Sprachen aller Länder schwirrten an die Ohren.
Welch ein Hexenkessel ist da- ...! dachte Griebenow.
Viele Patienten kannte er seit heute früh. Jeder trug ein Leiden — eingebildet oder wirklich —, jeder trug die Anastbereitschaft kranker Rerven mit sich durch die Welt.
Dort ein Porträtist und Modemaler, der von der Idee besessen war, dah ihn Pinsel und Palette in das Anglück stürzen würden. Schon das Riechen einer Farbe machte ihn erregt. Reben ihm die elegante Witwe, deren Mann durch Selbstmord starb. Er erschoh sich plötzlich, ohne dah man ahnte, was ihn in den Tod getrieben. An diesem Rätsel ging die Frau zugrunde. Den alten Grandseigneur daneben quälte fortgesetzt die Angst Vorstellung, dah er. wenn er trank, fein Glas zerbeißen müsse. Seine Rachbarin war eine stark geschminkte und zurechtgemachte Gräfin. Sie lebte ständig in der Sorge, dah ihr Dasein sich in sonderbarer Art gespalten habe. Gs war die Zwangsvorstellung eines Doppelseins, ilebcr- all verfolgte sie ihr zweites Ich ... auf der Straße ... in dem Studio zu Haufe ... bei dem Essen im Hotel. And so ging es fort. Es war ein ganzes Sammelsurium von neurasthenischen Beschwerden und nervösen Aengsten.
Inzwischen plauderte die Fürstin Tschaidse. Sie sprach wie eine Frau der großen Welt ... amüsant, geistvoll ... überall zu Hause, wo das elegante und moderne Leben pulste: im Kairoer Menahouse wie im Riyhotel in London, im Konstantinopler Perapalace wie bei Daniel! in Venedig, im Pariser Claridge wie im Stefanie- hotel in Baden-Baden, im Interlakener Viktoria wie im Carltonpalace an der Promenade des Anglais in Rizzo. Sie hatte eine kurze und prägnante, aber immer amüsante Art, von allem dem zu plaudern. Anekdoten ... fein gesehene, scharf humoristisch hingeworfene Bilder ... dazwischen Fragen ... eine Anregung, die auch den andern plaudern ließ — dabei dann eine Art zu lauschen und auf daS Gefragte einzugehen, die bestrickte.
Das Eis war aufgetragen. Das Stimmengewirr schwoll an und ebbte ab. Das nervöse Fludium, das stets den nahen Aufbruch von der Tafel kündet, schwebte durch den großen Eßsaal.
Gestern hattest du noch nichts zu essen, dachte Griebenow. Heute sitzt du hier. Ist die ganze Welt nicht doch ein Rarrenkasten?
Dann war wiederum die dunkle, leicht durch- bebte Frauenstimme der Fürstin Tschaidse an den Ohren Griebenows.
„Man sieht die Welt mit andern Augen, wenn man sie in jeder Falte ihres Herzens kennt. Alle Dinge sind so anders als das Trugbild unseres Traumes. Die Erkenntnis stimmt zuletzt ein wenig traurig. Man wird hoffnungslos und müde."
Sie erhob sich. Stühle rückten. „Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir zum AnterhaltungS- zimmer hinüber", bat die Fürstin. „Ich möchte Ihnen abseits von den Menschen etwa- sagen."
Sie ging vor.
„Ich bitte nur um füns Minuten Rachsicht", hatte Griebenow gefaxt. Man bedrängte ihn von allen Seiten. Wünsche, Fragen und Beschwerden stürmten auf ihn ein. Geduldig und mit unerschütterlicher Ruhe hielt er stand. Der geräumige Speisesaal entleerte sich allmählich. Die große Mehrzahl der Patienten begab sich aus ihr Zimmer, der Rest verteilte sich auf Bibliothek, Musiksalon und Spielsaal. Al- letzter hatte Griebenow der Maler Lingow auf« gebalten. Endlich ging auch der.
Griebenow begab sich in den AnterhaltungS- raum.
Geschickt verteilte Zwischenwände ... Blumen über Blumen ... sonst getönte® Licht verhängter Lampen ... feft geschlossene Seidenvorhänge ... di-kret verstäubter Dust von kostbaren Essenzen — so war der AnterhaltungS- raum.
In einem tiefen Ledersessel an der Marmor- faffung einer englischen Kaminattroppe saß die Fürstin. Sie war erregt.
„Run, da bin ich", sagte Griebenow. Er machte eine leichte Verneigung. „Darf ich rauchen?"
Er klopfte eine Zigarette auf die goldene Dose und steckte sie in Brand.
„Sie wollten mir noch etwas sagen, Fürstin."
„Ja. Ich wollte zuerst fragen, woher Sie Professor Mercandin kennen."
„Ja, mein Gott, woher? Aus Monte Earlo. Aber warum fragen Sie?"
Die Fürstin Tschaidse hob den Kops und blickte Griebenow mit groß gewordenen Augen an.
„Weil — ich glaube, daß Sie eine unbeschmuhte Seele haben. And — weil ich glaube, dah Eie gar nicht wissen, waS in diesem Hause vorgeht "
Am GofeS willen! dachte Griebenow. Was wird denn das?
„Darf ich Eie als Freund betrachten?"'
Griebenow verneigte sich.
„Es gibt für mich nur Freunde oder Feinde. Ich verachte Kompromisse. Oh, um alles in der Welt nichts Halbes, keine Lauheit."
„Natürlich", sagte Griebenow.
„Man verfolgt mich. Mein Mann wohnt in ?Jaris. Er behauptet, daß ich den Verstand ver- oren habe und mein Geld nicht mehr verwalten könne. Er droht mir mit dem Irrenhaufe. Ich komme in die Rervenklinik dieses Mercandin. Ich möchte meinem Mann das Gegenteil beweisen. And da---scheinbar steckt Professor
Mercandin mit meinem Manne unter einer Decke. Er steht in dessen Solde. Er suggeriert mir einfach die Verrücktheit."
(Fortsetzung folgt.)
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