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Nr. 154 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Freitag, 4. Juli (950

Die Geißel der Arbeitslosigkeit.

Don Gustav Schneider, M. d. X

Die Arbeitslosigkeit ist zu einer Weltpest ge­worden. Kein industrielles Land kann sich ihrer erwehren. Das stolze Albion mit seinem reichen Kolonialbesitz kann nicht hindern, daß ein Achtel seiner Arbeitnehmer arbeitslos ist, ihre Zahl ständig wächst und zu einer politischen Gefahr sogar für die Arbeiterregierung wird. 3m Ar- beiterparadics S o w j e t r u h l a n d sieht es nicht viel besser aus, was besonders bemerkenswert ist, da es sich um ein industriell nur schwach entwickel- tes Land handelt. Die skandinavischen Länder, Polen. die Dalkanstaaten, Oesterreich, die Tschecho­slowakei, Holland überall das gleiche Bild. Tausend und abertausend arbeitswilliger Men­schen schreien nach Arbeit und finden sie nicht. Rur Frankreich und Italien machen eine Ausnahme. 'Bei Frankreich insofern erklärlich, da es vorwiegend agrarisch und menschenarm ist und etwa zwei Millionen ausländischer Arbeits­kräfte beschäftigt. Bei Italien ist es schon zweifel­haft, ob die verhältnismästig geringe Zahl Ar­beitsloser nicht eine Verschleierung ist. Das faschistische System bedarf eines größeren Men­schenapparats. Wieviel Menschen dadurch pro­duktiver Erwcrbstätigkeit entzogen oder vor Ar­beitslosigkeit bewahrt werden, ist kaum feststellbar.

Die Arbeitslosigkeit ist aber keine europäische Krankheit. Sie breitet sich, wie bereits gesagt, in der ganzen Welt aus. Die während des Krieges in den außereuropäischen Ländern fieberhaft betriebene 'Industrialisierung fordert nunmehr ihre Opfer. Die Fäden des Weltwirt­schaftsverkehrs sind verwirrt; Zollschranken und Protektionismus verhindern den normalen Ab- tauf weltwirtschaftlichen Güteraustauschs zum Schaden aller Nationen, vor allem aber der Arbeitnehmer.

Heber ihnen saust die Geißel der Arbeits­losigkeit.

Auch die wirtschaftlich scheinbar unverwund­baren Vereinigten Staaten von Nord­amerika bekommen sie zu spüren. Merkwürdig, daß in diesem Lande der Statistik, wo der Ver­brauch von Kragenknöpfen und Schnürsenkeln statistisch erfaßt wird, eine Statistik über die Zahl der Arbeitslosen nicht vorhanden ist. Man ist auf Schätzungen angewiesen. Sie schwanken zwischen drei bis sechs Millionen Arbeitsloser. Kritische amerikanische Stimmen neigen zur höch­sten Ziffer und ziehen daraus den Schluß, daß man die Dinge nicht so einfach laufen lassen kann, sondern der Staat sich ernstlich um das Los der Arbeitslosen kümmern müsse. Götterdämmerung der individualistischen Wirtschaftsauffassung? Kein Wunder in dem Lande ausgeprägtester kollekti­vistischer Wirtschaftsweise. Ihren Opfern muß zwangsläufig kollektiver Schuh gewährt werden, weil der einzelne machtlos ist.

Der deutsche Derficherungsgedanke seht sich durch, überall in aller Welt! Ein Er­gebnis deutscher Denkungsweise, die nicht nur in der Philosophie, sondern im Ablauf aller menschlichen und wirtschaftlichen Geschehnisse systematisch und logisch zu handeln gewöhnt ist. Der deutsche Sozialversicherungsgedanke ist Ex­portartikel geworden. Mag sein handelsbilanz­mäßiger Wert heute noch gering eingeschäht werden, die Zeit kommt, in der sein Wert volle Würdigung erfahren wird.

Dafür spricht die eine Tatsache: Es gibt 14 Mil­lionen unfreiwillig Arbeitsloser in der Welt. Das bedeutet, daß 42 Millionen Menschen in Sorge um den notwendigsten Lebensunterhalt schweben. In einer Zeit unglaublicher Heber­produktion an Lebensmitteln! Millionen Men­schen hungern, verhungern, und die Lebensmittel verkommen und verfaulen in den Speichern. Da ist etwas nicht in Ordnung, da sind die über­kommenen Methoden der Staats- und Wirt­schaftsführung in traditionellen Grenzen stecken- geblieben, Haven sich aus der Enge der National­wirtschaft noch nicht zur Weite des Weltwirt- schaftsgedankens vorgewagt.

Soweit es um das Problem der Arbeitslosig­keit geht sofern es sich aus Unternehmung«- interessen erstreckt, haben sich jene Wirtschasts- gruppen, deren Macht groß genug war, die welt­wirtschaftlichen Möglichkeiten zunutze gemacht. Aber dieses ausgesprochene Gewinnstreben hat wohl einzelne, zahlenmäßig kleine Gruppen be­friedigen, aber die wirtschaftlichen und sozialen Nöte nicht beseitigen können.

Wenn demnach die deutsche Arbeitslosigkeit nicht als isoliertes Problem behandelt werden kann, sondern immer im Zusammenhang mit weltwirtschaftlichen Bedingtheiten, so bleibt sie doch eine große deutsche Sorge. Der durch so­genannte Friedensverträge verengte deutsche Grund und Boden muß 64 Millionen Menschen Lebensmöglichkeiten schaffen. Das ist keine leichte Aufgabe. Selbst den Siegerländern ist sie nur halb geglückt; manche sind an ihre Lösung noch gar nicht herangetreten.

Das 64-Millionen-Dolk der Deutschen mit 22 Millionen Arbeitnehmern konnte der Ent­

Dies System ist unhaltbar! ES benachteiligt die Mehrzahl der Arbeitnehmer und verschafft einer nicht unbeträchtlichen Gruppe, die lohn- mäßig zu den bestbezahlten gehört, unberechtigte Vorteile. ES sichert chnen durch den saison­bedingten höheren Lohn eine entsprechend höhere Arbeitslosenunterstützung. Eine völlige U m - kehrung deS Solidaritätsgedankens. Der wirtschaftlich Schwächere muß für die höhere Hnterstützung des wirtschaftlich Stärkeren höheren Beitrag bezahlen.

Aus diesen in die Augen springenden Wider­sprüchen gibt cs nur eine Lösung: Die Bil­dung von Gefahrenklassen im Nahmen der NeichSanstalt unter Beibehaltung des Ver- sicherungscharaktcrS. Sic würden keine Vermeh­rung, eher eine Vereinfachung der Verwaltungs­arbeit bringen. Bei der Landwirtschaft, den Hausgewerbetreibenden und den Heimarbeitern könnte man mit einem Einheitssatz der Unter- stützung auskommen. Beim Bauhandwcrk würden drei bis vier Lohnklassen genügen. Bei den son­

Der Bruder des Kaisers von Japan, Prinz Takamatsu und seine Gemahlin werden bei ihrem Besuch in London von den Söhnen des Königs von England zum Buckingham-Palast geleitet.

scheidung nicht ausweichen. Die Problematik der Arbeitslosenversicherung hat es allerdings nicht gelöst. Die schematische Gestaltung der Arbeits­losenversicherung vom Jahre 1927 hat dieViel» gestaltigkeit des deutschen Wirt­schaftslebens und die dadurch bedingte Verschiedenartigkeit des Risikos nicht berücksichtigt. Cs gibt auch eine kollektive Individualität! Das mag merkwürdig fingen. Aber der Bauhandwerker und der Land­arbeiter, der Heimarbeiter und der Angestellte, sind sie aus einen Nenner zu bringen? Sind diese und andere Gegensätzlichkeiten zu vereinen? Die deutsche Arbeitslosenversicherung hat es ge­tan! Dies ist Hauptgrund für ihr dauerndes Kranksein.

Wenn Jahr für Jahr zahlenmäßig große Gruppen Versicherter drei- bis viermal mehr aus der Versicherung herausnehmen als sie einzahlen, kann keine Versicherung Bestand haben. Jede Versicherung ist auf Leistung und Gegen­leistung aufgebaut. Sie muß zusammen­brechen, wenn mehr herausgenommen als eingezahlt wird. Oder eben, die nichts herausnehmen, müssen ständig höhere Bei­träge bezahlen, damit diejenigen, die ständig herausnehmen, ihre regelmäßige Hnterstützung er­halten, die meist höher ist als der Lohn, den die Mehrzahl der Deitragszahler erhält.

stigen Arbeitnehmern (unständig beschäftigte soll­ten überhaupt ausgenommen bleiben) etwa sieben Klassen.

Die Angestellten sind ein besonderes Ka­pitel. Ihre Arbeitslosigkeit das ist unbe­stritten unterscheidet sich von der der Arbeiter grundsätzlich. Für sie ist eine besondere Re­gelung unabweislich. Eie brauchen eine eigene Gefahrenklasse. Bei ihnen ist auch die Zulassung von Crsatzkassen notwendig und unbedenklich. Man braucht nur aus die Leistungen der Angestellten-Ersahkranken- kassen hinzuweisen.

Alles in allem! Die Reform der deutschen Arbeitslosenversicherung ist notwendig, um den berechtigten Standesbedürfnissen zu entsprechen und einer Sanierung der Reichsanstalt für Ar­beitslosenversicherung die Wege zu bereiten.

Der deutsche jnqenieur.

Bei dem Bankett, das die ausländischen Dele­gationen der Weltkonferenz zu Ehren der deutschen nationalen Komitees gaben, hielt Dr. ing. Ruths aus Stockholm als Vertreter der in Deutschland lebenden ausländischen Inge­nieure eine Ansprache auf die deutschen Inge­nieure. Er begann mit der Bemerkung, er habe die ihm gestellte Aufgabe übernommen, da er

durch seinen langjährigen Aufenthalt In Deutsch» land daS wahre Gesicht des deutschen ManncS kennen und lieben gelernt habe. Ruth- fuhr fort: Während der Engländer das Geben a l S Spiel ansicht, das er nach allen vornehmen Regeln dcS Sports zu Ende zu führen hat, blickt das Leben den deutschen Menschen immer mit Rätselaugcn an. DaS Geben ist für den Deutschen vor allem ein Problem ES kommt dieS daher, daß in seine Seele die seelischen An­lagen aller Nationen dringen, jene faustische Sehnsucht, für die der Deutscheste aller Deut­schen so herrliche Worte gefunden hat, daß fein reifstes Werk, derFaust", wohl als Evange­lium der Jetztzeit bezeichnet werden kann. Jene faustische Sehnsucht lebt heute vor allem i m deutschen Ingenieur. Ich sehe, so sagte der Redner, in allen deutschen Ingenieurwer­ken die alle Sehnsucht des Denkers und Dichters weiterlebcn. und für mich stellt der deutsch« Ingenieur mehr als irgend ein anderer in seiner Technik Synthese des Forscher- und Schöpsers dar. Welch tiefen Eindruck haben wir nicht alle bei dem einzig schönen 'Weltkrasttverk erhalten von jenen verborgenen Schätzen, die noch iin deutschen Volkstum lebendig sind, die in der modernen Kultur nach Gestaltung drängen und die der Deutsche unter besseren Daseinsbedingun­gen, als er sie im letzten Jahrzehnt gehabt hat. zum Segen aller Rationen wird in die Tat umsehen können. Ruths schloß mit den Worten: In diesem Sinne blicke ich voll Hoffnung aus die Zukunft de- deutschen Volkes und dars Sie bitten mit mir Ihre Gläser zu leeren auf die große Zukunft des deutschen Ingenieur-!

Zuwa-Lahn Kanalverein e. D.

Dem in der letzten Mitgliederversammlung dcS Fulda-Lahn-KanalvereinS zu Ober- Gahnstein erstatteten Bericht über d i e Jahre 1 927 bi« 1 929 entnehmen wir fol­gende-:

In den drei Berichtsjahren und in dicfem laufenden Jahre ist die erste Frucht der Be­mühungen unseres Verein« herangereift. Der Ausbau der unteren Gähn vom Rhein bis nach Steeden, Ober-Gahnkreis, oberhalb Gim- burg, wurde bewerkstelligt, und zwar wurde die Strecke von der Mündung bis Gimburg am 1. Januar 1929 nominell, tatsächlich allerdings durch den ungeheuren Frost damals erst mit dem Tauwetter Mitte März 1929 eröffnet Die kleine Re st st recke von Gimburg bis Steeden folgte erst am 15. März 1930; denn an der alten Gimburger Schleuse stellten sich nicht vorherzufehende bauliche Mängel aus alter Zeit heraus, die einen erheb­lichen Umbau bei dieser Schleuse bedingten. Der Voranschlag wurde durch diese Schwierig­keiten und durch die allgemein steigende Tendenz der Göhne usw. von 4,7 Mill. Mark auf 6,8 Mill. Mark cinschl. Bauzinfen in der Ausführung her- aufgetrieben, etwa 45 Proz. mehr. Der Kilo­meter des Gahnwafserweges kostet noch nicht ganz 100 000 Ml.

Gelder ist die Eröffnung der Schiffahrt in eine Zeit äußersten wirtschaftlichen Niederganges ge­fallen und dadurch der Verkehr noch sehr klein. Er betrug 1929: 58 000 Tonnen, hauptsächlich Kalkstein aus den Brüchen der Gewerkschaft Nachod bei Fachlngen. Ausgenommen hat ihn vor allem die Reederei von Johann Eifert in Oberlahnstein mit 6 Motorschiffen. Bei einer zunächst noch so kleinen Flotte ist es natürlich wegen des Zeitverlustes nicht möglich, die Schiffe auf den Rhein hinauszuschicken. wozu fie tech­nisch natürlich durchaus auSrelchen, sondern eS wird in Oberlahnstein in Rheinschiffe umge­schlagen.

Don der in diesem Frühjahr eröffneten Rest- strecke Limburg-Steeden find nur ab Gimburg einige Schiffsladungen Ton abgegan­gen. Eine ordnungsmäßige feste Umfchlag- stelle von der Eisenbahn zum Wasser fehlt im ganzen Gaus der Lahn noch vollständig.

3m ersten Vierteljahr dieses Jahres betrug der Verkehr 16 000 Tonnen, sank dann durch die industrielle Krise auf ein Minimum und hebt

Schwalben über Rom.

Von Gustav W. Eberlein.

Hoch und herrschend, wie ein überragender Geist im Gewühl des Alltags, steht im Herzen der Stadt die Säule. Die Automobile wuseln als Käser um ihren Fuß herum, nicht einmal die Kutscher auf den Böcken der noch immer nicht ausgestorbenen Pferde- drofchken können auf den Sockel hinauffehen, nur die Bogenlampen bringen es fertig. So hoch ist er.

Die Tische vor den Kaffeehäusern sind auch noch nicht gänzlich an die Wand gedrückt, man sitzt im Juli wie im Dezember da, es ist kein großer Hn- terschied. Die Fremden trinken im Juli ihren glüh- heißen Espressounö die Einheimischen schlürfen im Dezember ihr Eis. Es ist etwas Iahreszeitloses um die Piazza Colonna. Bis eines Tages ein eigensin­niges jiiiii ji jiiiiiii den Strahenlärm über­tönt oder etwas vom Himmel fällt. Dann weiß man, es ist Sommer die Schwalben sind da.

Die pfirsichwangige Signorlna sagtCaspita! und lächelt und wischt die Sache ab. Der Herr in Pumphosen (für die er einen rechtfertigenden eng­lischen Namen hat» sieht von seinem roten Buche auf und tut einen andächtigen Blick in den berühmten ewigblauen Himmel. Der ist mit einem engmaschigen Drahtnetz eingefangen worden, wie ein dicker schil­lernder Fisch liegt er dahinter, ja, wie ein Fisch im Netz. Nur die Schwalben kümmern sich nicht darum. Sie quirlen durch die Maschen wie Wasierflöhe. Die Säule ist ihr Leuchtturm und auf der Spitze steht statt des abgebauten Marc Aurel der Apostel Pau- lud und leuchtet. Die Schwalben keilen respektlos um feinen Glorienschein.

Ab und zu betrachten sich einige den ersten Stirn. Der ist in schraubenförmigen Windungen um die Säule gelegt und ist ein KriegSfilm. Die flatterhaf­ten Zuschauer beginnen unten mit dem Fluhüber- gang, lagen, das sei der ihnen wohlbekannte Rhein, schwingen herum, machen den ersten Angriff miE dre­hen sich abermals, um die berühmte Schildkröten­phalanx zu sehen, kreisen mit den schanzenden und fechtenden und sterbenden Legionären und schrauben sich überhaupt bis zum Schlußakt mit in die Hohe, um dann mit einem aufreizenden Mädchengekicher Überdas ehrwürdigeApostelhaupt hinwegzustreichen.

Naturforscher behaupten, die Schwalben täten so etwas, um Fliegen zu fangen. Wozu nur dann das Kriegsgeschrei und Pensionsgelächter und Parla­mentskreischen? Hnd warum benehmen sie sich ganz anders bei dem schiefen Turm an der Via Nazio-

nale und anders über der Peterskuppel und ähn­lich wiederum vor der Palazzo Venezia, wenn Mus­solini eine Ansprache halt?

Ich glaube, das ist wie bei den Jungens, die lieber in einem bestimmten Gaffenwinkel als auf dem eigens dafür eingerichteten, hygienisch einwandfreien und um ihr Wohl besorgten Schulplatz spielen.

Schwer zu glauben, daß es in Rom genügend Fliegen geben soll, ihren Mann zu nähren. Alle Jahre wieder begegnet man Sternguckern, die Jnfektenwol» ken beobachten, und dann sind es Schwalben, dichte Wolken von Schwalben. Das schwebt daher wie Koh­lenstaub, vergraut, als habe einer mit dem Daumen hineingewischt, stiebt praffelnd herunter, ballt sich zu Klumpen, zerfällt zu Schwalben und löst sich gedan- kenleicht zu Kreisen und Schwüngen und Figuren als habe ein Rauchschreiber die Hand im Spiele. Das ist auf einmal da, dah man sich die Ohren zu­halten möchte, und schon weg, niemand weiß wohin.

In stillen Gärten kann man noch am ehesten Be- rechnungen anfteilen. In dem Stück Blau, das über dem meinen liegt, wird es regelmäßig um 5 Hhr nachmittags lebhaft, da brauche ich gar keine Hhr mehr. Wo sind sie in der stillen Zeit? Wo nachts? Einmal fuhr ich bei Hellem Mond eine stumme Cam- pagnastrahe, da flatterten riesige Schwärme aus dem zu Zunder verbrannten Grase hoch. Tagsüber stehl man sie selten auf dem Lande, obwohl es dort doch erheblich mehr Fliegen und fliegendes Futter aller Art gibt. Mehr al« in der Stadt. Hnd wo es, nach unteren Dogelbegriffen, fchöner sein müßte als über dem Strahenlärm.

Iiiii ji jiiihhhhhh ... die Schwalben sind eben da. Hnd kreisen und jagen und spielen um alte Ruinen und modernen Mietskasernen, ohne einen Permesso einzuholen, benehmen sich rücksichtslos ge­genüber empfindlichen Sommerkleidern und offenen Automobilen - wobei immerhin einzufchalten wäre, dah der Italiener ein aufgefangenes Echwalbenzei- chen als Glückszeichen betrachtet, wie die Zahl 13 - und pfeifen in die erhabensten Reden hinein oder tummeln sich lautlos wie die Fische im Blau- Wie es ihnen paht.

Aus alle Fragen, warum und wieso, woher des Weges und was gerade sie bewegte, nicht weiter nach Norden zu fliegen wie ihre Schwestern, warum sie keine Nester bauen, wie jene, oder sie doch nicht sehen lasten, obwohl ihnen Kirchtürme und Palazzi und Thermen und Mauern und gemütliches Gerüm­pel aller Art in Hnmaste zur Verfügung steht, auf das alles wissen sie nur immer denselben, tirilieren­den Der«.

Schwalben über Rom sie sind das einzige, was Geben bringt in das unermeßliche, unveränder­liche, unerträglich eintönige Blau des südlichen Som- mers. Sie geben der Stadt ihre hochfliegende Seele und jauchzende Lebenslust, wenn sie erfchöpft und verschmachtet, teilnahmslos daliegen würde unter dem furchtbaren Gestirn.

2tttmor6urger (Sfubenfenerinnerungen

Das heutige Studentenleben, das vielfach der Emst und die Sorgen des Daseins beschatten, hat manches von dem idyllischen Behagen ver­loren, das früher die Welt des Bruder Studio mit einem so romantischen Schimmer verklärte. Wohin sind die Tage, da diebemoften Häupter" bereits mit ergrauten Bärten zum Examenstisch schritten und die Humoresken einen unerschöpf­lichen Stoff an dem tollen Schabernack der Musen­söhne fanden? Das bunte Treiben hatte sich noch am längsten auf einigen kleineren Universi- täten erhalten, so z. B. in Marburg. Hier hatte es der bekannte Hygieniker Geh. Rat Hübner noch am Ende de« vorigen Jahrhunderts mit- crlebt und erzählt davon humorvoll in den Erinnerungen, die er in derDeutschen Medizi­nischen Wochenschrift" veröffentlicht. Das 3eit- alter der alten verbummelten Studenten, deren es früher in Marburg sehr viele gab, war im Ausklingen", schreibt er.Die Zwanzigsemestri­gen waren schon selten geworden. Der Student stellte ein großes Kontingent der Bevölkerung, man könnte annehmen, daß jeder Zehnte ein Student war. Die Preise aller Waren waren in drei Klassen eingeteilt. Am billigsten dieBür­ger". höher belastet wurden die Professoren und am höchsten die Studenten. Da bei ihnen das Risiko des Bezahlens in Rechnung gestellt wer­den mußte. Als Professor brauchte und sollte man nie sofort bezahlen. Sofortige Bezahlung bedeutete den Abbruch der Beziehungen zu einem Geschäft. Daher häuften sich die Rechnungen zu Neujahr ins Ungemeffene. Zu den Repräsen­tationen gehörten das studentische Stiftungsfest und Fäßchenpartien. Als Dekan hatte man an manchen Abenden oft drei Kneipen beizuwohnen und mit dem glücklicherweise dünnen Bier Be­scheid zu tun. Bei den Fäßchen-Partien" im Sommer zog man unter Begleitung der foge- nnannten sieben Brüder, alten Musikanten, an irgendeine idyllische Waldstätte. Jeden Tag gab eS irgendeinen neuen Unfug, den die Studenten

verübt hatten. Ein Hnikum war die Doktorfahrt. Der neue Doktor fuhr durch die Stadt unter stän­digem Gejohle. Gin scharfer Landrat hat c« einmal verboten. Schließlich dachte er, der Ge­scheitere gibt nach und ließ alle« beim alten. Die Nachtruhe wurde oft gestört, und die Nacht­wächter verdienten ihr Brot nicht umsonst. Merk­würdig unruhig wurden die Nächte nach Ein­führung der Welldlechrolläden zum Schuh der Fenster der Verkaufsläden. Indem die Studenten mit Stöcken über den Laden hinwegfuhren, waren fie imstande, häuserweit die Ruhe der Bürger zu stören. Hnd das war ja auch der Zweck.

Lochschulnachrichten.

Der emerit. ordentliche Professor de- Maschi­nenbaues an der Technischen Hochschule in Darmstadt, Geh. Baurat Dr.-Ing. h. c. Otto Berndt, hat seinen Lehrauftrag für Maschinen­lehre an der Frankfurter Universität nieder­gelegt. In Anerkennung seiner langjährigen er­folgreichen Betätigung als Dozent zuerst an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, dann an der wirtschaft-- und sozialwifsenschost- lichen Fakultät der Universität Frankfurt a. M. hat ihm die letztgenannte Fakultät ehrenhalber Titel und Würde eines Doktors der Wlrtschafl«- wissenschaften verliehen. Profeffor Dr. Gün­ther Müllerin Freiburg (Schweiz) hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der neueren deutschen Sprache und Literatur an der Univerfität Bl ü n ft e r als Nachfolger von Prof. I. Schwering angenommen. Der außerordent­liche Professor Dr. Hans Theo Schreus ail der Düsseldorfer Medizinischen Akademie hat den Ruf auf das Ordinariat der Haut- und Geschlechtskrankheiten an dieser Akademie alÄ Nachfolger von Prof. K. Stern angenommen.

Der Marburger Privatdozent Lic. theoL Joachim Bcgrich, dem ein planmäßiges Cx- traorbinariat für alttestamentliche Wissenschaft an die Universität Leipzig angeboten wurde, hat den Ruf angenommen und mit Wirkung vom 1. Oktober 1930 die Ernennung zum plan­mäßigen a. o. Professor in der Leipziger Theo­logischen Fakultät erhalten. In der mathe­matisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni­versität Jena ist der beamtete außerordent­liche Professor für landwirtschaftliche Betriebs­lehre, Dr. Wolfgang W i l m a n n s , zum or­dentlichen Professor ernannt worden.