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Nr. 129 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 4. Juni 1930

Wo bleibt die Prosperität in Amerika?

Der Mai ist gekommen, aber der Prosper!« tütSbaum will nicht ausschlagen.

Don unserem AOA-Berichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Neuyork, Anfang 3uni 1930.

Alle« neu macht der Mai. Den ganzen Winter über hat man, vornehmlich in Washington, dem amerikanischen Publikum dies Lied gesungen. 'Be­rufene und Unberufene haben für das Frühjahr eine Wiederkehr der im vorigen Herbst abhanden gekommenenPro­sperität" prophezeit. Sie ist aus geb lie­ben. Und da im Sommer das Geschäft ersah-, rungsgemäst ohnehin flau ist, vertrösten die Pro­pheten uns jetzt auf das Dpätjahr. Länger kann Fortuna ^mit dem von ihr so bevorzugten Dolle der bereinigten Staaten unmöglich Verstecken spielen. Aber das Dolk ist etwas mißtrauisch geworden und beginnt den Ursachen des Aus­bleibens der wirtschaftlichen Erhcklung nachzu­forschen. Es beginnt sich mit der Frage zu be­fassen, ob die Gründe der derzeitigen Depression tatsächlich irgendeine bestimmte Doraussage auf den Termin ihrer Beendigung zulassen.

Man hat den Niedergang des Geschäfts, die Flaute in der Industrie in erster Linie dem Börsenkrach vom letzten Spätherbst zuge­schrieben. Jetzt aber kommt man allmählich zu der Lieberzeugung, daß andere Gründe vor­liegen müssen. Man argumentierte einerseits, der gute Geschäftsgang fei hauptsächlich auf die rie­sigen Gewinne einer Horde erfolgreicher Börsen- spekulanten zurückzuführen gewesen, und das Plötz­liche Versiegen dieser Geldquelle habe der Kauf­lust und Kaufkraft ein Ende gemacht. Gegen die Berechtigung dieser Hypothese haben schon immer gewichtige Gründe vorgelegen, die dem Publi­kum klarzumachen sich die Einsichtsvollen ver­gebens bemüht haben. Für ihre Hinfälligkeit liegen jetzt Beweise vor. Zwischen November -und Mai hat auf dem Effektenmärkte eine recht kräftige Erholung einge­setzt, und dank der billigen Geldsähe ist es an der Börse und in den Maklerstuben in der letzten Zeit sehr lebhaft zugegangen. Wovon jeder, den der Fahrstuhl in einem der Bureaugebäude der Neuyorker Unterstadt an den von Kauflustigen erfüllten ..Brokers Offiees" vorbeiführt, sich tag­täglich überzeugen konnte. Aber die zweifellos aus dieser neuen Spekulation erzielten Gewinne haben nicht nur keinerlei günstigen Ein - sluh auf die allgemeine Geschäfts­lage ausgeübt, im Gegenteil, das Ausbleiben der Erholung hat auch an derStock Exchange" eine abermalige, wenn auch nur vor­übergehende Deroute verursacht.

Auf der anderen Seite behauptet man, die enorme Anspannung des Kredits durch die Hausse-Spekulation letzten Herbst habe wich­tigen Industrien, vor allem der Bautätig­keit, das nötige Kapital entzogen. Damit mag es wohl seine Nichtigkeit gehabt haben, trotzdem aber hat sich auch bei der Entspannung und der Flüssigkeit des Geldmarktes die Tätigkeit in diesen Industrien dem Niveau von 1929 nur wenig genähert. Das Beste, was man der Er­leichterung der Anleiheaufnahme nachsagen kann, ist, daß sie Fonds für die Errichtung von öffent­lichen und Geschäftsbauten verfügbar gemacht hat,

Und das von Rechts wegen!

Don Hanü Franck.

Sechszehnhundertundsechs sollte einer gehängt werden. Der war ein windiger Gesell. Allüberall hatte ein zweiarmiger Wegweiser vor ihm ge­standen, linkerhand mit der Aufschrift: Warum Ich?, rechterhand: Warum nur Du? Bei allem Unangenehmen, bei allem Schweren, aller Arbeit laS der Schlaukopf von feinem Lebenswegwcifer: Warum ich? Und handelte strenge danach. Bei allem Angenehmen, allem Leichten, aller Freude hatte die andere Aufschrift für ihn Geltung: Warum nur Du? Und er lieh es sich mit Eifer angelegen sein, ihr zu folgen, so oft es irgend anging. Dreiunddreißig Jahre lang hatte er sich mit Nichtstun, mit Mein-und-Dein-Berwechfeln besser durch das Leben gebracht, als Hundert­tausende, welche von früh bis spät im Schweiße ihres Angesichts schufteten und keine Roggenähre mit nach Hause nahmen, die nicht auf ihrem Acker gewachsen war. Da der Uebcrtüchtige aber in einer wind süchtigen Septembernacht vor den Ställen des Grafen Hohenlohe seiner Meinung: Warum sollst nur Du reiten? durch die Tat Ausdruck gab, sich den besten Rappen des hohen Herrn klemmte, der ja trotzdem noch viele Dutzend Beine behielt, die für ihn liefen, während er als viclgehetzter armer Teufes höchst ungerechterweise alles zu Fuß abtippeln muhte, wurde er auf dem Wege, weichen Er nachweisbar richtig, die andern jedoch unanzweifelbar falsch nannten, erwischt. Und der Graf befahl, dah man den Rohdieb an einem verläßlichen Ast der Linde vor seinem Burgtor aufhänge und, ehe man ihn draußen neben der Mauer verscharre, zur Warnung acht Tage und sieben Nächte lang baumeln lasse.

Des andern Morgens stand eine Leiter am mächtigsten Ast der Burgtorlinde. Zwei Knechte des Grafen saßen auf diesem Ast links und rechts neben der Schlinge, um dem armen Sünder ohne Dergclts Gott! behilflich zu sein, falls ihm beim Umlegen des säuberlich geschlungenen hänfenen Kragens die Hände zittern sollten. Ein halb- hundert hochgereckter Hellebarden erklärten sich bereit, ihn jederzeit aufzufangen, wenn er sich genötigt glaube, zur Erde zu springen, oder wenn unglücklicherweise der Strick risse, obwohl der stark genug sein müsse, einem Zehnzentnerochsen aas Stehen auf der Erde abgunebmen. Was unten im Dorf Menschenbeine besaß die dem eigenen Willen botmäßig waren, hatte sich zur Burg aufgemacht, um das Schauspiel zu sehen, wie einer sich denahm, dessen Füße nicht mehr auf die Erde herabreichten, so heftig er auch seine Zehen nach unten strecken mochte.

Wie nun der windige Spihbub vor der Leiter stand, die nicht, gleich hundert andern Leitern, er an den Baum gelehnt hatte denn welcher Sinn lag darin, alldieweil es auf einer Linde doch keine Früchte zu pflücken gab! da erblickte er noch einmal den zweiarmigen Wegweiser, der ihm, bis er der vermaledeiten Burg des Grafen Hohenlohe ansichtig geworden war, noch niemals

wahrend der weit wichtigere Bau von Wohn­häusern nach wie vor lahmliegt und die nied­rigeren Zinsen auch der Industrie nur sehr wenig geholfen haben. Die Geldversteifung war zwei­fellos ein Hindernis im Wege der Erholung, aber ihre Beseitigung allein genügt nicht. Die Geschäftswelt muß positive Gründe für die Neu­belebung ihrer Tätigkeit haben, die Möglichkeit, Geld zu verhältnismäßig geringem Zins zu er­langen, reicht nicht aus.

An den verantwortlichen Stellen muh man nachgerade zu der Ueberzeugung gelangt fein, daß ein künstlich angefeuerter Optimismus zweck­los und nicht lebensfähig ift Weite Kreise geben sich dem Aberglauben hin, guter Geschäftsgang fei hauptsächlich eine Sache der Zuver - sicht., des Vertrauens. Wenn der Ge­schäftsmann dies verliere, fange er an, seinen Betrieb zu bremsen: wenn et es Wiedergewinne, beschleunige er das Tempo. Mit dieser Irrlehre hat man feit letzten November starken Unfug getrieben. Die riesigen Plakate, denen man über­all begegnet, mit der Aufforderung:America is Prosperous Keep it so! (Amerika prospe­riert bleibt dabei), die konstante Beschönigung der Erwerbslosigkeit durch Arbeitsminkster Davis, die unaufhörlichen Prophezeiungen der unmittel­bar bevorstehenden Wiederkehr der Prosperität durch Führer der Industrie und durch dem Präsidenten nahestehende Persönlichkeiten haben zweifellos in einem erheblichen Teil des Publi­kums Hoffnungen wach werden laffen. Aber verwirklicht haben sie sich bislang nicht. Und das Geschäft kann von Hoffnungen nicht leben, es braucht Aufträge. Quid) das Anziehen der Börsenpreise hat das Wunder nicht bewirkt. Man braucht nicht zu behaupten, daß psychologische Faktoren ohne Einfluß auf die Industrie sind. Auch Industrielle unterschätzen die Zukunftsaus­sichten ebenso häufig wie sie sie überschätzen, und zu viel Vertrauen kann der Prosperität ebenso schaden wie zu wenig. Aber die bewußte rosafarbene Brille kann ebensowenig guten Ge­schäftsgang Vortäuschen, wie man eine Krank­heit durch »Besprechung" undHexerei" beseitigen fann.*

Seit 1923 war die amerikanische Geschäftswelt von der Tendenz beherrscht, weit über die Kaufkraft des Verbrauchers am Einkommen der Landwirte, der industriellen und kommerziellen Broterwerber gemessen hin­aus zu produzieren, und es muß als Wunder bezeichnet werden, daß sich die De­pression nicht schon früher einstellte. Der Grund mag liegen: erstens in der gigantischen und im Tempo beispiellosen Expansion der Au - tomobilindustrie, um der Nachfrage nach einem verhältnismäßig neuen Artikel zu ge­nügen; zweitens in der starken Bautätigkeit, die sich aufs Intensivste anftrengte, das wäh­rend des Krieges Versäumte nachzuholen, unter gleichzeitiger Berücksichtigung der so enorm ge­steigerten Ansprüche an die Lebenshaltung, und drittens in der starken, durch die Begebung von Anleihen an das Ausland finanzierten JLi6- fuhr. All dies hing in weitem Maße v jra Kredi terleichterung für den 9e r - braucher ab. Aber dieser Zustand konnte nicht ewig andauern. Es muhte eine Zeit kommen, wo die Auto-Industrie dem Sättigungspunkte nahekam, d. h. wo ihre weitere Ausdehnung sich nicht mehr auf die Leute, die nie zuvor ein I Auto besessen hatten, verlassen konnte, sondern hauptsächlich vom normalen Verschleiß und von ' der normalen Devölkerungszunahme abhing. Es

die falsch^ Richtung gewiesen hatte. Mnb er war der unumstößlichen Ansicht, daß mehr als je während seines ganzen Lebens in diesem Augen­blick die Aufschrift linkerhand Geltung haben müsse: Warum ich? Er rief also den Gaffern, beherzt wie er allezeit gewesen war, zu: Falls einer bereit sei, für ihn die Sprossen hinauf­zusteigen, und an seiner Statt vom Lindenast herunter den kleinen Sprung abwärts zu tun. so zahle er ihm auf der Stelle dreihundert Gul­den Rheinisch. Man lachte. Glaubte, dah der Windbeutel seine Worte nicht ernst meine, son­dern einen Galgenschcrz mache. War der Ge- wihheit, dah er nicht drei, geschweige denn drei­hundert Gulden besitze. Liber der Verurteilte knöpfte seinen Rock auf, riß das Futter in Fetzen, brachte einen (Beutel ans Tageslicht, schwenkte ihn, dah es im Beutelbruch verhei­ßungsvoll klimperte und rief:Dreihundert Gul­den dem, der sich für mich Hänger läßt! Drei­hundert Gulden!" Da hielt man es doch für ge­boten, dem adligen Richter von dem sonderbaren Handel Kunde zu bringen.

Lind es kam bald danach von seiner Burg herab der Herr Graf Philipp von Hohenlohe, Generalleutnant zu Holland, Seeland und so weiter.Dreihundert Gulden dem, der sich für mich hängen läßt!" tief der zum Strang Ver­urteilte von neuem. Rief es über die Köpfe der Menge weg dem Grafen zu, klimperte ihn mit dem Deutel an, als ob das der Mann wäre, der seine Stelle unter dem Lindenast vertreten werde. Weil aber der Graf Hohenlohe einen Schelmen allezeit gut leiden konnte, rief er noch ehe er den Richtplatz mit seinen Füßen betreten hatte über die Köpfe der Menge dem Leiterhelden zu:Es gilt! Bei meinem gräflichen Wort: Dreihundert Gulden dem, der sich für den Roßverwechsler hängen läßt!" Er war nämlich der Lieberzeugung, daß Niemandem sein Leben für dreihundert Gulden feil wäre, und daß seihst dann, wenn es doch wider Erwarten einer so gering anschlage, aus dem Handel nichts werde, weil ein Gehängter mit den ausgebotenen Gulden nichts anfangen könne, ob man sie ihm auch beim Verlassen der Erde in die Rocktasche stecke und seine Hand sie noch als Toter umkrampfe.

Als aber der Graf das Angebot des Schächers mit seinem Wort bekräftigt hatte, trat einer aus der Menge hervor und sprach: »Ich will es tun." Das wär ein ausgedienter Landsknecht. Dessen Lebenswegweiser hatte überall nur einen Arm gehabt. Darauf stand zu lesen: Wer sonst als ich? Dieweil er immer in dieser Richtung gegangen war, hatte er es bis zu einem Holz- bein, einer Katenkammer und einer Frau mit fünf Kindern gebracht, die nur in den fünfund­sechzig Tagen des Jahres satt zu essen hatten, aber während der dreihundert Tage hungern mußten. Da der verkrüppelte Landsknecht mit Körbeflechten, Harkenmachen und Löffelschnitzen den Seinen die ausgeschriebene Summe zu ver­dienen nicht imstande war, und wenn er neun­undneunzig Jahre alt wurde, so las er auch dies­mal von dem Wegweiser, dem er allezeit ge­folgt war. ab: Wer sonst als ich?, war rorge-

mußte eine Zeit kommen, in der dem durch den Krieg entstandenen Mangel an Wohnungen ab­geholfen fein mußte und der künftige Besitzer eines Eigenheims oder auch einer Mietswohnung die ihm durch fein Einkommen gezogene Kredit­grenze erreicht hatte. Lind schließlich mußte auch einmal der Punkt erreicht werden, an dem eine Verlangsamung des Tempos und eine Einschrän­kung der Höhe der äußeren Anleihen ein­treten mußte. Lind damit war auch die Zeit für die Depression gekommen.

Diese Zeit ist da. Der Automobilbau hat sein Arbeitsprogramm stark herabgesetzt. $>ic Bau­tätigkeit desgleichen, denn die Nachfrage nach Wohnhäusern ist geringer als seit langen Jahren. Die Kapitalausfuhr der Vereinigten Staaten ist letztes Jahr ganz bedeutend eingefchrumpft, und die ungünstige Lage des Auslandes hat der Nachfrage nach amerikanischen Erzeugnissen stark Abbruch getan. Es wird einfach nicht mehr so viel gekauft, wie erzeugt werden könnte oder erzeugt worden ist.

In einer Hinsicht allerdings ist die jetzige De­pression nicht eine Folge vonLieberproduk­tion" im herkömmlichen Sinne des Wortes. Zahl­lose Fabrikanten und Handelsleute haben gelernt, ihre Produktion oder ihre 2lufträge auf die tat­sächliche Nachfrage einzustellen, nach dem Grund­sätze desvon-der-Hand-zum-Munde-Kaufens", und sie haben keine großen Lagerbeftände, die um jeden erhältlichen Preis verschleudert werden mühten. Aber das bedeutet keineswegs, daß ihre Erzeugungs- oder Detätigungsfähigleit voll in Anspruch genommen wäre. Es bedeutet auch nicht, daß nicht irgendwo auf dem Wege vom Rohstoff bis zum Kleinhandelsladen Vorräte un­verkaufter Waren hängengeblieben sind. Von der Flaute find die Produzenten gewisser Grund­stoffe am härtesten betroffen. Einen Stapelartikel um den anderen, wie etwa Baumwolle, Weizen, Kupfer, Kaffee usw. hat der Preissturz mit in die Tiefe gezogen, einfach weil mehr erzeugt

wurde als verbraucht werden konnte. In manchen Fällen hat früher eine Preisfixierung eine Pro- duktionssteigerung bewirkt, in anderen hat man den Markt nicht zu beeinflussen versucht, in allen zusammen aber ist die Aufnahmefähigkeit der Welt nicht mehr groß genug, um die Erzeugungi restlos zu absorbieren. Was an dem ständig sinkenden Niveau der Weltpreise deutlich zu er­kennen ist.

Die Hoffnung auf eine Neubelebung im kom­menden Herbst stützt sich vor allem auf die An­nahme, daß bis dahin die überschüssi­gen Vorräte untergebracht fein und die Preise anziehen werden. Dies mag zutreffen, mag aber auch ausbleiben. Wer die Sachlage aufmerksam verfolgt, wird die Inder­ziffern scharf beobachten, ehe er zu der Lieber­zeugung gelangt, dah der Wendepunkt da ist. Lind vorläufig wird keiner behaupten wollen, es lägen irgendwelche Beweise dafür vor, dah der Tiefstand erreicht ist.

Jedenfalls liegt die Aussicht auf die Wieder­kehr einer der Prosperität, deren sich die Ver­einigten Staaten zwischen 1922 und 1929 er­freuten, ähnlichen Geschäftslage tiefer als in einem bloßen Abstößen der unverkauften Lager­bestände. 'Dies mag vielleicht die Abwärtsbewe­gung aufhalten, es liegt aber keine Gewähr dafür vor, daß bann sofort eine rapide Neu­belebung des Geschäftes und damit des Natio­naleinkommens einsehen würde. Auf welche Weise man die Kaufkraft des Farmers, des Lohnarbei­ters, des Angestellten erhöhen könnte, welcherlei Wundermittel hierzu angewandt werden müßten, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Lind des einen Ansichten sind so viel oder so we­nig wert wie des anderen. Wahrscheinlich ist, daß der Wiederkehr der Prosperität eine noch intensivere Depression, als sie jetzt au verzeichnen ist, vorangehen wird. Es wäre erfreulich, wenn man sich hierin täuschte.

Turnen, Sport und Spiel.

O.-T. Spielmeiflerschasten.

Die Vorschlußrunde der D. T. im Handball und Fußball brachte gestern wieder nicht die Feststellung aller Endspielteilnehmer.

Im Handball der Männer konnte sich der Titelverteidiger Tv. Friesenheim in Er­furt nach wenig schönem Spiet hegen den TSV. 1867 Le ipzig mit 6:4 (2:4) erfolgreich durch­setzen. In Braunschweig blieb der M t v. Braunschweig dank besserer Stürmerleistun­gen über den K önigsberger Mtv. mit 6:3 (3:1) erfolgreich. Bei den Frauen errang die Berliner Turnerschaft einen reichlich glücklichen Sieg über D a rm be ck - LI hien- horst mit 2:1 (1:1), während der Kampf in Er­furt zwischen dem Titelverteidiger Vorwärts Breslau und T b d. Ll l m torlos verlief, so daß diese Begegnung wiederholt werden muß.

Im Fußball qualifizierten sich für das Endspiel die Kruppsche Tgd. Essen und der Mtv. Altenburg. In Essen schlug die Kruppsche Tgde den Titelhalter Tv. 46 Mann­heim sicher mit 4:1 (2:1). Der Mtv. Altenburg konnte erst nach Verlängerung in Braunschweig dem Mtv. Harburg-Wilhelmsburg mit 4:3 aus dem Rennen werfen.

treten und hatte gesagt:Ich will es tun. Denn ihm selber galt fein Leben keine dreihundert Batzen.

Die Menge verhielt vor dem Wort des Lands­knechtes den Atem. Graf Hohenlohe trat dicht zu ihm hin und fragte: Ob er sich die Sache auch wohl bedacht habe? Sein Leben werde es ihn kosten! Der Einbeinige gab zur Antwort: Wenn der Graf dafür bürge, daß an seine Frau die mit ihren fünf Kindern daheimgeblieben war, weil sie auf Schritt und Tritt nichts sah, nichts hörte, als: Hunger! dreihundert Gulden ausgczahlt würden, so wolle er es tun. Er könne sein Leben, das er unzählige Male für nichts in die Schanze geschlagen habe, niemals wieder um einen so guten Preis loswerden wie in dieser Stunde. Der Graf sah forschend auf den Deutelschwenker. Der verschwor sich hoch und heilig: Dreihundert Gulden! Wie er ausgeboten habe an den zur beliebigen Verwendung, der sich für ihn hängen lasse. Falls da in seinem Deutel nicht gutes Geld klimpere, falls er auch nur Miene mache, hinterher sein Wort nicht zu halten, könne man ihn, ohne daß er sich wehren werde, neben dem stelzbeinigen Alten aufknüp­fen. Graf Hohenlohe bekräftigte durch Hand- erheben zum Himmel: Dreihundert Gulden an die Wtttib des Gehängten. Er hafte dafür mit feinem Wort und werde eher die Summe selber zahlen, als daß es gebrochen werde.

Der Rohdieb trat also, ungehindert von den Hellebarden, neben die Leiter, machte eine ein­ladende Verbeugung vor seinem Stellvertreter und schmunzelte, solange niemand sein Gesicht sehen konnte: Warum Ich? Der Landsknecht stelzte auf die Leiter zu. Als er bei ihr angelangt war, setzte er sich auf die unterste Sprosse und begann, sein Holzbein abzuschnallen. Was der Llnsinn solle? fragte einer der Durgknechte. Ge­lassen erwiderte der Angerempelte: Damit es nachher nicht vergessen werde! In wenigen Mi- nuten werde das Stück Holz, welches er auf der Erde zurücklasse, das Wertvollste von ihm sein. Denn damit könne seine Wittib zweimal Essen für die Kinderchens kochen. Während et nur noch von den Krähen und Würmern als zu etwas nützlich erachtet werde.Aber wie willst du mit einem Dein die Leiter hinaufkommen?" rief der Graf.So!" erklärte der Landsknecht, warf fein abgeschnalltes Holzbein auf die Erde, packte mit beiden Händen die Leiterholme, schob sich mal um mal aufwärts und hinterte seinen Körper von Sprosse zu Sprosse zu dem Ast der Linde hinan. Alles lachte: Die Durgknechte, die Dörfler, der Spitzbub, der Graf. Als dieser seinen Ernst wie­der eingefangen hatte der Todberette saß nun auf der Sprosse neben dem Ast mit der Schlinge und wollte just von der Leiter zu ihm hinüber­wechseln da rief er zu der Linde hinauf: Halt! Ich schenke dir das Leben!" Lind schon hockte der begnadigte Stellvertreter seitwärts auf einem der Leiterholme, riß die verblichene Soldatenmütze vom Stoppelschädel, schwenkte sie und rutschte mit lautemIuhuuu!" wie ein 3unge in einem Nu wieder zur Erde.

Schwimmen im Mittelrhein­kreis der O. T.

Marburg, 2. Juni. Unter Leitung von Kreisschwirnrnwart Stürmer (Traben-Trar- bach) sand am Samstag und Sonntag hier ein aus allen Gauen des Mittelrheinkreises sehr gut beschickter K r e i s l e h r g a n g zur Ausbil­dung von Schwimmwarten und Dor­sch w i m m e r n statt.

Der Lehrgang begann am Samstagnachmittag im Institut für Leibesübungen mit Trocken- Übungen, die bann im Luisabad im nassen Element erprobt tourben. Ein Degrüßungsabenb im Vereinshaus bes Ak. Turnerbundes beschloß den ersten Arbeitstag. Studienrat Dr. Stier entbot den Willkomm von Stadt und Turner­schaft Marburg. Kreisschwimmwart Stürmer, der den Dank des Kreises und der Lehrgangs­teilnehmer an Marburg übermittelte, hob die Ziele des Turnerschwimmens hervor und gab auch seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Mar­burger Reichswehr ein so reges Interesse an dem Lehrgang bekunde.

Nachdem am Sonntagvormittag die Gauschwim- mer Sauer (Gießen) und Köhri ng lGeln-

Zurn zweitenmal setzte sich der Landsknecht aus die unterste Stufe der Leiter, schnallte sein Holz- bein wieder an, richtete sich auf und trat nut offener Hand vor den Pferdedieb hin. Der aber riß den Deutel mit den dreihundert Gulden zu­rück und verbarg ihn unter feinem Rock.Zah­len!" forderte der Landsknecht. Der Windige schüttelte den Kopf: Rur fürs Hängenlassen seien die dreihundert Gulden von ihm ausgeboten. Zahlen!!" schrie das Volk.Nein!" schrie der Angcschrieene zurück.Dreihundert Gulden dem, der sich für mich hängen läßt! hab' ich gesagt. Nichts anderes."Zahlen!!!" befahl der Graf. Er denke nicht daran, lautete die Antwort des Frechlings. Dreihundert gute Gulden dafür, daß der Landsknecht nichts als ein lächerliches Kinder- kunststück auf bet Leiter geleistet habe? Ja, wenn cr jetzt ba oben an feiner Stelle baumele, werbe er sich ben Spaß gern bceihunbert Gulben kosten lassen. Aber einem Drückerberger? Kein Ge­danke! Wenn dem Lanbsknecht ein unverdientes Geschenk von dreihundert Gulden gemacht werden solle, dann möge gefälligst der Herr Graf es ihm auszahlen. Lind noch einmal rief der Ver­blendete aus:Warum Ich? Recht muß Recht bleiben. Fürs Hängen habe ich drei­hundert Gulden ausgeboten. Aber der alte Kracher da steht auf seinen anderthalb Veinen! Als er sah, daß er es nicht mit einem Schelmen, sondern mit einem Schurken zu tun hatte, rief der Graf zurück:Aushängen!" und zeigte mit der erhobenen Rechten nicht auf den Lands­knecht. Da begriff der Hallunke und versicherte schreiend: Er habe nur gescherzt. Er wolle selbst­verständlich die dreihundert Gulden zahlen. Er habe sie ja freien Willens ausgeboten. Da seien sie! Da !!Aufhängen!" wiederholte der Graf. Recht muß Recht bleiben! Der Zappelnde warf den gefüllten Beutel gegen das Holzbein des Landsknechts, daß er platzte und blinlblanke Goldstücke heraussprangen.Aufhängen!! be­fahl der Graf zum drittenmal. Man packte den heimtückischen Sünder, schob ihn die Leiter auf­wärts und er mochte strampeln, mit Füßen treten, fchlagen, beißen, schreien: Warum ich? soviel er wollte man ließ nicht von ihm ab, bis er ben hänfenen Kragen umhatte. Derweil sah bet tobeSmutige Alte auf bem Boden und sammelte bie Golbstücke, die aus dem Beutel ge­fallen waren.

So stelzte denn, als der Graf Philipp von Hohenlohe, Generalleutnant zu Holland, See­land und so weiter gefolgt von den Seinen Mr Burg hinauf-, die Menge zum Dorf hinab- gegangen war, an einem Septembertage sechzehn- hundertsechs der einbeinige Landsknecht mit drei­hundert Gulden in der Tasche seiner halbver­hungerten Frau und seinen viertelverhungerten Kindern wieder zu. Am Ast der Linde vor dem Burgtor aber baumelte der windige Gesell, der mit seinem Gelb und mit seinem Geben hatte zahlen müssen. Ll. d. v. R. w.! Lind das von Rech­tes wegen!