9er Gießener Rechnungsabschluß von 1927.
Die Stadtverwaltung hat soeben den Rechnungsabschluß der Stadtkasse und der städtischen Rebenkassen für das Rechnungsjahr 1 927 verdeutlicht. Es ist eine angenehme Finan-botschaft, die der Bürgerschaft mit diesem Rechnungsergebnis übermittelt wird.
Der G e s a m t h a u s h a l t. der in' Einnahme und Ausgabe mit 11 329 001,04 Mk. veranschlagt war, weist auf der Einnahme feite einen tatsächlichen Betrag nach der Rechnung von 10 678 805,93 Mk., auf der Au s g a b e n se i te einen tatsächlichen Betrag nach der Rechnung von 10426998,34 Mk. aus. Die Betriebs- r e ch n u n g, die nach dem Boranschlag in Einnahme und Ausgabe mit 5 007 561,14 Mk. festgesetzt war, hat eine Einnahme von 4996782,52 Mk. und eine Ausgabe von 4 922 073,67 Mk. zu verzeichnen. Mithin ver- bleibt in der Detriebsrechnung als Rest ein UeBerschuß von 74 708,85 Mk. Sn der Ber- mögensrechnung waren nach dem Voranschlag Einnahme und Ausgabe mit 6 321 439,90 Mark vorgesehen, die tatsächliche Einnahme belief sich auf 5 682 023,41 Mk., die tatsächliche Ausgabe auf 5 504 924.67 Mk. Der Rest als UeBerschuß beläuft sich demnach hier auf 177 098,74 Mk. Auf Einzelheiten dieses Stadtkassenabschlusses werden wir noch zurückkommen.
Von den städtischen Rebenkassen schließt das Wohlfahrtsamt mit folgendem Ergebnis ab: Einnahme in der Betriebs- und der Der- mögensrechnung nach dem Voranschlag 1 461 520 Mark, tatsächliche Einnahme 1 419 832,14 Mark; Ausgabe in der Betriebs- und Dermögensrech- nung nach dem Voranschlag 1 461 520 Mark, tatsächliche Ausgabe 1417 612,14 Mark, mithin Rest 2220 Mark. Erfreulich ist bei dieser Rech- r-’mg, daß der voranfchlagsmäßige Zuschuß der Stadtkasse zur Deckung des Fehlbetrages nicht in der vorgesehenen Höhe von 993 000 Mark in Anspruch genommen wurde, sondern sich nur auf 747 403,59 Mark belief, mithin weniger 245 596,41 Mark ausmachte.
Das Elektrizitätswerk, das vor- anschlagsmäßig in der Betriebs- und Vermögensrechnung mit 1 475 770 Mark Einnahme und Ausgabe abschloß, weist eine tatsächliche Ein
nahme von 2 247 495,40 Mk. und eine tatsächliche Ausgabe von 2 246 538,14 Mk., mithin einen Rest von 957,26 Mark auf. Als Detriebsüberschuß wurden an die Stadtkasse statt der veranschlagten 135000 Mark tatsächlich 170 000 Mark abgeführt.
Das städtische Gaswerk, das in Einnahme und Ausgabe nach dem Voranschlag mit 1 001 830 Mk. abschließen sollte, weist eine tatsächliche- Einnahme von 1 213 430 Mk. und eine tatsächliche Ausgabe von 1 206 978,51 Mk., mithin einen Rest von 6 451,49 Mk. auf. Als Betriebsüberschuh wurden an die Stadtkasse 160 000 Mk. abgeführt.
Beim städtischen Wasserwerk waren nach dem Voranschlag in Einnahme und Ausgabe 353 650 Mark vorgesehen, die tatsächliche Einnahme belief sich auf 656 085,69 Mk., die tatsächliche Ausgabe auf 655 480,14 Mk., der Rest macht mithin 605,55 Mk. aus. Als Betriebs- Überschuh gingen an die Stadtkasse 60 000 Mk.
Das städtische Volksbad sollte sich voranschlagsmäßig 62 660 Mk. in Einnahme und Ausgabe ausgleichen, in der tatsächlichen Rechnung wird der Ausgleich der Einnahmen und Ausgaben mit 72 754,19 Mk. erzielt.
Die städtische Straßenbahn sah nach dem Voranschlag in Einnahme und Ausgabe 310 614,64 Mark vor, die tatsächliche Einnahme beläuft sich auf 347 714,12 Mark. Unter Zuhilfenahme eines städtischen Zuschusses von 28 589,66 Mark (im Voranschlag waren hierfür 36 237 Mark vorgesehen) wird der Ausgleich zwischen Einnahme und Ausgabe erzielt.
Beim Lyzeum sah der Voranschlag in Einnahme und Ausgabe 186 320 Mk. vor, die tatsächlichen Einnahmen Belaufen sich auf 224 115,35 Mark, die Ausgaben auf 223 679,35 Mark, verbleibt Rest 436 Mark. Der Zuschuß aus der Stadttasse sollte nach dem Voranschlag 49 595 Mark betrogen, er beläuft sich tatsächlich auf 59118,55 Mark.
Die Rechnung der Studienanstalt glich sich nach dem Voranschlag mit 30 777 Mark aus, in der tatsächlichen Abrechnung beläuft sie sich auf 33174,15 Mark. Der städtische Zuschuß beläuft sich anstatt auf 21 127 Mark im Voranschlag auf 25 168,65 Mark.
zum Schlüsse für den überaus lehrreichen Vortrag, der außerordentlichen Beifall fand. — Bei der heute stattgefundenen zweiten Holzversteigerung wurden dieselben Durchschnittspreise erzielt, wie bei der ersteren. Für Scheitholz wurde pro Fcstmeter Raummeter 11 bis 12 Mark, für Knüppel und Stöcke Raummeter 8 bis 9 Mark geboten.
Kreis Alsfeld.
IK Alsfeld, 3. Febr. Die hiesige Dürer- g e s e l l s ch a f t, die nach, dem Tode des Ober» studiendircktors Graeber unter der. Leitung von Stüdienrat Dr. Berg steht, hatte im Jahre 1929 durch Vermittlung der Hochschulgesellschaft in Gießen sieben Abendveranstaliungcn geboten. Den ersten Vortrag hielt Prof. Mombert, Gießen, über die Reparationssrage. Wieder in anderer Weise aktuell war der zweite Vortrag von Pros. Huntemüller, Gießen, über Arzt und Sport. Alsdann folgte der hohe Anforderungen an die Hörer stellende Vortrag von Prof. Steinbüchel, Gi.ßen, über Lasalles Verhältnis zum deutschen Idealismus. Prof. R o l o f f, Gießen behandelte in seinem Vortrag über die Ursachen des Weltkrieges und die Kriegsschuld- frage eine der wichtigsten Fragen der jüngsten Weltgeschichte. Rach einer Pause während des Sommers wurden die Vorträge im Winterhalbjahr eröffnet durch einen Rezitationsabend des Gießener Schauspielers und Spielleiters Karl V o l ck zu Ehren des 70. Geburtstages des hessischen Dichters Alfred Dock. Einen interessanten Einblick in die Arbeit des Sprachforschers gewährte der Vortrag von Pros. Götze, Gießen, über die deutsche Studentensprache. Der letzte Vortrag von Prof. Klute, Gießen, über feine Reise durch Argentinien und Chile führte die Zuhörer in weite, zum Teil wenig bekannte Gebiete. Die Abende der Durergesellschaft waren durchschnittlich gut besucht und boten vielseitige
Anregung, was dankbar anerkannt werden muß. Die Vorträge im Jahre 1930 sollten eröffnet werden durch einen Vortrag des Gießener Dramaturgen Dr. Ritter, der aber infolge Erkrankung des Redners verschoben werden mußte.
Amtsgericht Gießen.
* Giehen, »31. Ian. Ein beschäftigungsloser, 21 Jahre alter vorbestrafter Arbeiter aus Wien, der aus dem Reichsgebiet ausgewiefen worden war, es aber doch wieder betreten hatte, war einer Reihe von Straftaten beschuldigt, die er in Gießen, Butzbach und Dad-Rauheim begangen haben soll, zunächst des bereits angedeuteten Pah- vergehens, dann fortgesetzter Diebstähle, einer intellektuellen Urkundenfälschung, falscher Ra- mensangabe und der Bettelei. Gestohlen hat er u. a., indem er sich in fremde Wohnungen einschlich, Gegenstände mitnahm, die ihm gerade leicht erreichbar waren, mochten sie wertvoll sein oder nicht. So befanden sich unter ihnen Armbänder, Armbanduhren, goldene Ringe und Kolliers, aber auch Gebrauchsgegenstände, wie Hemden, Hosen, Halstücher, Taschentücher u. dgl. Hervorzuheben sind die Diebstähle, die dem Angeklagten durch die Unachtsamkeit der Hausbewohner besonders leicht gemacht worden sind, indem dieser beim Betteln Gelegenheit suchte und fand, derartige Diebstähle zu begehen. Auch war er darauf aus, bei solchen Gelegenheiten durch erfolgloses Klingeln und Klopfen an den Türen eine etwaige Abwesenheit ver Hausbewohner festzustellen, um danach seine diebischen Absichten auszuführen. In Gießen erfolgte schließlich feine Verhaftung, bei der er einen falschen Ramen angab. Bei seiner Aufnahme in das Gefängnis veranlaßte er falsche Einträge in die einschlägigen Gefangenenbücher. Wegen den Vergehen erhielt der Angeklagte eine Gefamtgefä'ngnis-
strafe von einem Jahr und drei Monaten, wegen den Uebertretungen insgesamt fünf Wochen Haft-
Erweitertes
Schöffengericht Gießen.
• Gießen, 29. San. Die heutige Sitzung wurde durch die Verhandlung einer einzigen umfangreichen Strafsache ausgefüllt. Ein Weißbinder war des Rotzuchtsversuchs im Sinne des § 177 St.G.D. angeklagt. Als Zeugin erklärte die bei dem Vorfall in Betracht kommende Frau unter ihrem Eid, der Angeklagte sei der Täter gewesen, jeder Srrtum sei ausgeschlossen. Es waren fast zwanzig Zeugen geladen. Der Angeklagte behauptete, um die fragliche Zeit sei er noch auf feiner Arbeitsstelle beschäftigt gewesen, und er trat einen Alibibeweis an.
Rach Schluß der Beweisaufnahme ergriff der Staatsanwalt das Wort zu längeren Ausführungen; er hielt den Angeklagten für überführt und forderte feine Verurteilung. Der Verteidiger plädierte auf Freisprechung, da der Beweis nicht lückenlos sei, ein Srrtum der Zeugin sei nicht ausgeschlossen.
Das Gericht verkündete nach längerer Beratung fein Urteil auf Freisprechung. Allerdings sei der Angeklagte im höchsten Maße belastet,
die Richter als Menschen hielten den Angeklagken für schuldig. Aber da doch Bedenken beständen, ckb sich die Zeugin nicht vielleicht doch in der Person des Täters irre, sei das Gericht zur Freisprechung gelangt; die Staatskasse habe die Kosten des Verfahrens zu tragen.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
B. ft. 5. Sm Hessischen Landtag sind vertreten: Hessischer Landbund, Deutschnationale Lolkspartei, Volksrechtpartei, Deutsche Volkspartei, Zentrum, Demokratische Partei, Sozialdemokratische Partei, Kommunistische Partei. Als parteiloser Abgeordneter gehört Professor Werner, Butzbach (früher Deutschnationale Volkspartei), dem Landtag an.
ft. 2H. Wenn die Rente auf Grund einer gesetzlichen oder vertraglichen Verpflichtung gezahlt wird, dann ist sie bei dem Zahlenden abzugsfähig, bei dem Empfänger aber als Einkommen steuerpflichtig, (§ 15, Ziff. 3 des Einkommensteuergesetzes). Wird die Rente ohne gesetzliche oder vertragliche Verpflichtung, o^so freiwillig gezahlt, dann ist sie- nicht abzugsfähig und bei dem Empfänger auch nicht steuerpflichtig.
ft. ft., Gießen. Rheinische Missionsgesellschaft in Barmen.
Oer Sternhimmel im Februar.
Sonnenaufgang von 7.45 bis 6.50 Uhr.
Sonnenuntergang von 16.45 bis 17.35 Uhr.
Lichtgestalten des Mondes: 1. Viertel am 6. um 18 Uhr, Vollmond am 13. um 10 Uhr, letztes Viertel am 20. um 10 iy>r.
Der Februar ist für die Sternbeobachtung ein außerordentlich günstiger Monat; denn für die langsam im Westen verschwindenden Sternbilder, zu denen der Schwan und rechts von ihm
Spica. Sein Erscheinen wird durch das Höhersteigen des Großen Bären angekündigt, nach dem er auch seinen Ramen Aretur, das heißt Bärenführer, trägt. Auch der Löwe steigt gleichzeitig mit dem Großen Bären empor, und wenn er hoch genug gestiegen ist, sehen wir unter ihm den Stern Alphard, das heißt etwa der Einsame, weil er der einzige hellere Stern der ganzen Umgebung ist. Der Orion und der Sirius sind während der ganzen Beobachtungszeit hervorragend
Der die 24 Stundenzahlen von Mitter« nacht bis Mitternacht eines Tages ent» haltende Kreis und die dick punktierte Linie, der sogenannte Horizont, sind fest* stehend zu denken. Der Sternhimmel dreht sich samt dem auf Mitternacht zeigenden geraden Pfeil — gewissermaßen dem Zei« ger der Himmelsuhr — in 23 Stunden und 56 Minuten im Sinne des gebogenen Pfeils einmal um seinen Mittelpunkt, Der eingezeichnete Horizont umrahmt die zu der Stunde, auf die der gerade Pfeil zeigt, um die Monatsmitte sicht• baren Sterne. Unsere Karte zeigt also den Zustand um Mitternacht der Mo* natsmitte. Will man zu einer anderen Stunde beobachten, so denke man sich den Sternhimmel samt dem geraden Pfeil so gedreht, daß dieser auf die Beobachtungsstunde zeigt; dadurch werden die zu dieser Zeit sichtbaren Sterne in den nicht mitzudrehenden Horizont hineingedreht. Für je 5 Tage vor der Monatsmitte ist der gerade Pfeil Vs Stunde früher, für je 5 Tage nach der Monatsmitte Vs Stunde später zu stellen. Man vergleiche die nächste Monatskarte. Der Mond nimmt die gezeichneten Stellungen ein, wenn er die angedeutete Licht- gestalt zeigt.
STERNBILDER;
10.
STABEN
15,
18
Alpho^
22,
I S
Sonne
Mond: Väi D IViertel @ Vollmond d letztes Viertel
Sterne: Meine Buch- < staben
ZV ♦ r s <*> r
die Wega und große Teile des Pegasus gehören, bietet sich im Osten reicher Ersatz. Die dort spät sichtbar werdende Sungfrau werden wir allerdings kaum als Frühlingssternbild, sondern eher als Sommersternbild betrachten; ihren Hauptstem Spica bekommen wir, falls wir nicht ganz späte Rachtschwärmer oder besonders leidenschaftliche Sternfreunde sind, vorerst noch nicht zu sehen. Mindestens zu Anfang des Monats erscheint sie erst um Mitternacht über dem Horizont; die schwächeren Sterne der Sungfrau kündigen sie einstweilen an. Etwas günstiger steht es mit dem Arctur, dessen Erscheinen über dem psthorizont in den frühen Abendstunden dem Sternfreund ein Frühlingsbote ist, und der jetzt noch ziemlich spät aufgeht, aber doch nicht so spät wie die
gut sichtbar, und vielleicht werfen wir auch auf den Rachbarstern des Sirius, der sonst neben seinem großen Bruder etwas zu kurz kommt, gelegentlich einen Blick.
Don den Wandelsternen ist am Abendhimmel nur der Supiter sichtbar. Er steht nun auch schon am Westhimmel, ein Zeichen, daß wir uns langsam auf den Verlust dieses Hellen Himmelslichtes gefaßt machen müssen. Vorläufig ist es allerdings damit noch nicht ängstlich, denn zu Anfang des Monats erstrahlt er noch 93/* Stunden, zu Ende etwa 73/, Stunden nach Sonnenuntergang im Sternbilde des Stiers, und noch immer erfreut seine überragende Helligkeit; aber am Morgenhimmel wird ni/i auch der Saturn sichtbar. Küstermann.
9er Traum vom Glück.
Roman von E. Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
28 Fortsetzung. Raddruck verboten.
Schon die allernächsten Tage sollten ihr dies bestätigen; denn eines Morgens erhielt sie vom Rechtsanwalt Hagenau einen Brief. Es war keineswegs ein Liebesbrief; er teilte ihr nur mit, daß er seit seiner Anwesenheit auf Schloß Wildhosen mit einem höchst wichtigen Prozeß beschäftigt gewesen wäre. Wenn er das Unglück gehabt hätte, ihn zu verlieren, wäre es unstreitig für seine fernere Lebenslaufbahn verhängnisvoll gewesen; zu seiner Freude könne er ihr aber mitteilen, daß er für seinen Klienten in allen Snstanzen Freisprechung erwirkt hätte. Dadurch sei er — in bezug auf feine Zukunft — erst aus die eigentliche feste Basis gelangt. Er schloß mit der Bemerkung, daß er äußerst angestrengt gearbeitet habe und eine kleine Erholung verdient zu haben glaube, und fragte durch Doris bei der Schlohherrin an, ob es gestattet fei, vom nächsten Freitag bis Montag nach Wildhosen zu kommen.
-Sm übrigen“, so hieß es weiter, „hängt es lediglich von Ihnen ab, ob ich kommen darf oder nicht. Ich gäbe mich völlig in Ihre Hände, werde aber sehr ungeduldig auf Ihre Antwort warten. Sagen Sie mir offen: Würden Sie sich freuen, mich wiederzusehen?"
Schweigend händigte Doris ihrer Tante den Brief aus. Rachdem diese ihn gelesen, reichte sie ihn ihrem Gatten.
„Bon bestimmten Absichten keine Rede!" bemerkte sie dann mit halb triumphierendem, halb zweifelndem Lächeln. „Wenn ich an deiner Stelle wäre, beste Doris, würde ich diesen Zeilen nicht die geringste Bedeutung beimessen. Wie o't schreiben Männer derartige Briefe, die zu nichts verpflichten, und dieser hier scheint ganz besonders eine Sammlung nichtssagender Worte zu enthalten."
„Willst du den Rechtsanwalt Hagenau als Gast ausnehmen, Tante? Soll ich ihm schreiben, daß er nächsten Freitag kommen darf?" war alles, was Doris erwiderte.
„O ja, gewiß! Wenn du es für gut hältst!" antwortete Frau von Wildhofen kühl. Ihr schoß doch mit einem Male der unangenehme Gedanke durch den Kopf: Jetzt kannst du dich nur nach einer anderen Gesellschafterin umschauen.
Rachdem auch Onkel Georg seine Zustimmung zur Ausnahme des Gastes gegeben hatte, erhob sich Doris sofort und schrieb ihren Brief folgendermaßen:
„Sehr geehrter Herr Rechtsanwalt!
Wir werden uns freuen, Sie von Freitag bis Montag — wie Sie es beabsichtigen - hier zu sehen.
Ihre aufrichtige Doris Horter."
*
Konrad Hagenau war von dem Wortlaut des Briefes vollkommen befriedigt.
Am nächsten Freitag setzte der Fünf-Uhr-Zug ihn und feinen Reifekoffer auf der kleinen, nahe bei Schloß Wildhofen gelegenen Bahnstation ab, wo ihn der Wagen seines Gastgebers erwartete. Es dunkelte bereits, als er an sein Ziel kam.
Es läßt sich nicht leugnen, daß Konrad Hagenau, dcr vorsichtige Weltmann, der gewiegte, an Erfolge gewöhnte Jurist, während der ganzen Fahrt so voller Erregung und freudiger Ungeduld war wie ein Jüngling, der in keiner Weise seine Gefühle zu meistern versteht.
Er war über sich selbst erstaunt, als er fühlte, wie schnell und freudig sein Herz schlug in dem Augenblick, wo er den ihn nach Wildhofen führenden Wagen bestieg.
Und das alles wegen eines jungen Mädchens von zwanzig Jahren, das weder hervorragend schön, noch imposant, noch von vornehmer Geburt war, sondern sich in abhängiger Lebensstellung befand und nicht das geringste an äußeren Gütern aufzuweisen hatte.
„Ich glaube, ich bin ein Rarr!" sagte Hagenau zu sich selbst, wie er so allein im Wagen dahimollte. Als ihm aber am Ende der langen Rllee die Lichter des Schlosses entgegenlcuchte- ten, als das eiserne Gittertor des Schloßhofes sich vor ihm öffnete, da fügte er unwillkürlich halblaut hinzu:
„Aber ein Rarr ist glücklich, und das bin ich auch."
Setzt hielt der Wagen vor dem Portal. Doris hörte das Läuten der Glocke und die eiligen Schritte des Dieners, der die Tür zu offnen
hatte — dann ein kurzes Schweigen, das der Lauschenden endlos erschien — und nun vernahm sie abermals Schritte, die sich jetzt aber dem kleinen Salon näherten, in dem sich das junge Mädchen befand.
Run legte sie ihre Stickerei beiseite; Hagenau war draußen bereits kaum imstande gewesen, seiner Aufregung Herr zu Werdern
Und Doris? — Es ist wohl unnötig, zu sagen, daß sie mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen seiner Ankunft entgegensah. Sie hatte bereits für die Abendtafel Toilette gemacht und ein Weißes Gesellschaftskleid angezogen, so daß sie ihm fast vor Augen trat, wie er sie am ersten Abend ihrer Bekanntschaft gesehen hatte. Wie unauslöschlich war ihm diese zierliche Gestalt in Erinnerung geblieben.
Run betrat er das behaglich erwärmte, von Hhazinthenduft durchströmte Zimmer. Ein Helles Feuer flackerte im Kamin und die zierliche, weißgekleidete Gestalt kam ihm einige Schritte entgegen, um ihn zu begrüßen.
Sie murmelte einige Worte der Erklärung: Der Onkel wäre noch nicht heimgekehrt, und die Tante hätte sich wegen leichter Migräne in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. Beide ließen sich entschuldigen — und hätten sie, die Richte, beauftragt, ihren Gast zu empfangen. Wäre dem Herrn Rechtsanwalt vielleicht etwas Tee gefällig oder würde er nach der kalten Fahrt etwas anderes vorziehen? Vielleicht ein Glas Sherry oder Kognak? Hätte er irgendeinen besonderen Wunsch?
Die Antwort auf alle diese abgebrochen her- vorgestotzenen Sätze war die, daß sie sich plötzlich von zwei starken Männerarmen umschlungen fühlte, während ihr, brennendes Antlitz an Konrad Hagenaus breiter Brust ruhte.
„Sa, ich habe einen Wunsch — einen ganz, ganz besonderen. Liebling!' sagte er, mit vor Bewegung fast schwankender Stimme. „Ditte, sieh mich an und erfülle ihn — sogleich!"
„Was ist es?" flüsterte sie, ihre Augen zu ihm erhebend.
„Einen Kuß, Doris, bitte, bitte!“
Und sein Wunsch wurde erfüllt.
•
Für Sabine Klimar — um sie nun wirklich bei ihrem richtigen Ramen zu nennen — waren die seit dem plötzlichen Ende ihres Vaters verflossenen Monate sehr düster und schwer.
Von Schloß Wildhofen aus waren Mutter und Tochter in die Residenz zurückgekehrt, um ihr Leben wie früher einzurichten. Die gemieteten Zimmer waren keineswegs erster Klasse, daher auch unvollkommen und mit alten, abgenutzten Möbeln ausgestattet, und bildeten ein sehr unbehagliches Heim.
Das für kurze Zeit als Zofe fungierende Dienstmädchen war natürlich längst wieder von der Bildfläche verschwunden, und* Sabine bediente selbst ihre Mutter, die noch immer verzweifelte Anstrengungen machte, einen äußeren Schein möglichst aufrechtzuerhalten. Sm übrigen machte Frau Klimar ihrer Tochter das Leben recht schwer.
Kaum waren sie allein, so begann sie sie immer wieder mit Vorwürfen zu überschütten, sie wegen ihrer unglaublichen Torheit — wie sie sagte — zu schmähen. Dabei erklärte sie ihr mit größter Schonungslosigkeit, daß Sabine nun doch wenigstens die eine Genugtuung hätte, das Leben ihrer Mutter von Grund auf vernichtet zu haben. Es sei allein ihre Schuld, daß sie beide stets in Hunger und Kummer lebten und nicht im Uebersluß schwelgten.
Um die Scheltende zu beruhigen, versuchte Sabine die zaghafte Andeutung, daß zwischen ihr und Kurt von Wildhosen vielleicht doch noch nicht alles vorbei sei, daß sie die stille Hoffnung hege, er würde nach Verlauf einiger Monate vielleicht seinen Antrag wiederhole«;.
Daraus erntete Sabine nur beißenden Spott; denn die Mutter hielt sich für zu klug, um einen derartigen Unsinn zu glauben.
„Wenn er das beabsichtigte, warum wäre er da nicht schon längst wieder zum Vorschein gekommen?" fragte sie mit höhnischem Lachen.
»Weil ich selbst den Wunsch aussprach, daß er ein halbes Jahr warten möchte, bevor er der Tochter eines Sträflings von neuem seinen hochherzigen Antrag stellt."
„Und du bist schwachsinnig genug, dir einzubilden, daß ein Mann zu dem durch eigene Schuld bloßgestellten Mädchen zurückkehren wird, nachdem er es ein halbes Sahr lang nicht gesehen hat? Gib mir sofort Papier und Feder, du einfältiges Geschöpf! Sch werde auf der Stelle an Herrn von Wildhofen schreiben und ihn Bitten, zu uns zu kommen."
(Fortsetzung folgt.)


