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Desamtproblem der Befriedungsamnestie behan­delt, alle möglichen Einwendungen widerlegt und alle zwingenden Gründe für die Notwendigkeit einer wirilich abschlicßcnden Desr.edungsamnestie für die historisch abgeschlossene Periode zusam- mengefaßt sind.

Die bisherigen Amnestiegesehe haben den ab­schließenden Schlußstrich für die Notzeit von 1918 bis 1924 nicht gebracht, weil sie einmal alle Tötungsverbrechen von der Amnestie ausschließen und sodann sich nur auf abgeurteilte Fälle er­strecken, also die Aufrollung neuer Prozesse wegen der alten Vorgänge nicht verhindern. Die Denk­schrift kommt zu ib-er erschütternden Feststellung, daß heute noch Zehntaufende von Deutschen auf der linken und rechten Seite in Ungewißheit leben, ob sie nicht wegen irgendeiner Tötungs­handlung im Zusammenhang mit der Unruhezeit 1918 bis 1924 verhaftet und wegen Mordes oder Totschlags verfolgt werden. Der jetzige Zu» stand ist unerträgliche Die Rheinlanüräumung und die von unseren Gegnern uns aufgczwungene Derräteramnestie dürfte der willkommene Anlaß zur Gewährung einer wirklichen Bcfriedungs- amnestie für alle Deutschen für die Jahre 1918 bis 1924 fein. Der Ausschuß, dem Männer und Frauen aus allen Kreisen der Bevölkerung an­gehören, hohe Geistliche aller Konfessionen, In­dustrielle und Arbeiter, Juristen, Aerzte und Philologen, Kaufleute und Gelehrte, erbittet die Amnestie als letzte moralische Gabe an das besetzte Gebiet.

Der Landeshauptmann von Oberschlesien

Dr. Hans Ptontek.

Llm die Rundfunkgebühren.

Das Reich wünscht die Erschliehnng einer neuen Cinnaßlnequclte

Berlin, 4. Febr. (Priv.-Tel.) Im Zusammen­hang mit den vielfachen Dispositionsplänen über die Verwendung und Verteilung der Rundfunkgebühren sind augenblicklich Erwägungen im Gange, den bis­her gültigen Verteilungsschlüssel zwischen Retchs- post und den Rundsunkgesellschasten aus eine andere Grundlage zu stellen. Im Vorder­grund aller Pläne steht augenblicklich besonders ein Vorschlag, der sich damit beschäftigt, alle Beträge, die die Verwaltuiigs. und Unterhaltungskosten der Rundfunkgesellschaften über st eigen, dem Reichsetat alsEinnahmeposten einzu­gliedern. Das Reich würde sich auf diese Weise eine sehr lukrative neue Einnahmequelle ohne nennens­werte Gegenleistungen verschaffen. Die Schwierig­keiten, die diesem Plane jedoch entgegenstehen, ba­sieren in erster Linie auf juristischer Grundlage. Es wird infolgedessen zunächst angcstrebt, die jetzige Rundfunkgebühr, die auf Grund eines Ho­heitsrechtes der Reichspost erhoben wird, in eine Teilnehmergebühr umzuwandeln, deren Ver-

Wendung von dem Grundsatz ausgeht, daß die Rund­funkgelder in erster Linie für die technischen und künstlerischen Erfordernisse des Rundfunks verwen- det werden. In welcher Form die U e b e r f ch ü f s e , die jetzt beinahe zu 75 v. H. der Reichspost zugute kommen, dem Reiche zugefükrt werden können, hängt jedoch davon ab, ob es gelingt, die Reichspost aus ihrer Vormachtstellung herauszudrängen. Grund- fätzlich ist die Reichspost, wie wir hören, bereit, an einer Reform der bisherigen Verteilungsquote der Rundfunkgebühren heranzutrcten.

Dem Entfacher des Wetten­brandes!

Eine Gedenktafel für den Attentäter von Sarajewo

Das Unglaubliche ist Wirklichkeit geworden: in Sarajewo wurde dem Mörder des öster­reichischen Thronfolgerpaares, dem Studenten Princip, an jener Stelle eine Ehrung in Form der Enthüllung einer Gedenk­tafel erwiesen, an der er die tödlichen Schüsse aus den Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gattin abgab. Die Schüsse, die das Signal zum Ausbruch eines mehr als vierjährigen Krieges gaben, in dessen Verlauf Millionen von Men­schen ihr Leben lassen muhten, mit dessen Aus­gang Staaten zusammenstürzten, Völker in die Sklaverei geführt wurden und ein Massenelend einsetzte, wie es seit den Zeiten des Dreißig­jährigen Krieges Gvropa niemals wieder gesehen hat.

Daß einige serbische Fanatiker dem Mörder Princip eine Gedenktafel weihten, vermag keinen Menschen aufzuregen, ungeheuerlich ist es da­gegen, daß die Belgrader Negierung alles unterließ, was geeignet gewesen wäre, von vornherein die Inszenierung dieses traurigen und beschämenden Schauspiels zu ver­hindern. Sie hat sich damit bei keiner der Nationen, die noch heute unter den Folgen des Weltkrieges zu leiden haben, gleichgültig ob sie zu den Siegern oder zu den Besiegten gehören. Sympathien erwerben können. lleberall ist die Ablehnung gleich stark, überall fehlt jedes Verständnis für die Vorgänge In Sarajewo und das Verhalten der verantwortlichen Stellen in Belgrad. Die serbische Negierung würde gut daran tun, wenigstens noch nachträglich durch die Entfernung der Tafel dafür zu sorgen,

daß der Eindruck wieder verwischt wird, als billige sie den Mord an dem österreichischen Erzherzogspaar, durch den Europa in eine Kata­strophe und ein Chaos zugleich gestürzt wurde.

Schobers Nomreise.

Lesterreichs Annäherung an Italien.

Wien, 3. Febr. (TU.) Bundeskanzler S ch o - b e r hat heute vormittag 7.35 Uhr die R e i s e n a ch R o m angetreten. In seiner Gesellschaft befindet sich der italienische Gesandte in Wien mit mehreren Herren der Gesandtschaft Den Bundeskanzler Scho­ber begleiten einige Herren des Bundeskanzleramtes. Die Romreise des Bundeskanzlers bezeichnen die Blatter als eine selbstverständliche Folge der Ent­spannung der ö st erreichisch.italieni­schen Beziehungen, welche Tatsache auch eine nach außen hin wirkende Kundgebung erfordere. Ita­lien war der Staat, der Oesterreich bei der Fundie­rung seiner Reliefkredite Schwierigkeiten machte. Die Blätter berichten, daß Bundeskanzler Schober dem .König von Italien den Großen Stern des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Oesterreich, dem Ministerpräsidenten Mussolini das Große goldene Ehrenzeichen am Bande über- reichen werde. Als Grund der Romreise nennen die Blätter den wahrscheinlichen Abschluß eines öster­reichisch - italienischen Schiedsgerichtsver­trages.

Oie Landvolk­

bewegung in Dithmarschen.

Hamburg, 3. Febr. (WB.) 3n Lunden im Dithmarschen sah sich bei der Rückkehr des Autovermieters Wiborg, der unter dem Verdacht der Beteiligung an dem Bom­be n a 11 c n t a t längere Zeit In Berlin i n Untersuchungshaft gewesen ist, die Po­lizei im Hinblick auf das bestehende Versamm­lungsverbot zum Einschreiten veranlaßt, da der Anlaß zu einer Kundgebung benutzt wurde, bei der u. a. der Stahlhelm und die Feuerwehr­kapelle aufmarschierten. Eine Anzahl Häuser war sogar mit Fahnen und Girlanden ge­schmückt. Wiborg versuchte eine Ansprache zu halten, was das Eingreifen der Polizeiorgane herbeiführte. Die Teilnehmer setzten dann die Versammlung innerhalb des Privatgrundstückes fort.

Der Kavallerieinspekieur der Reichswehr.

Generalmajor Brandt, der Inspekteur der Kavallerie d Reichswehr, wurde zum Generalleutnant ernannt.

Maffenmafsaker in Rußland.

Riga, 3. Febr. (Reuter.) Aus Sowjetruhland kommt die Nachricht, daß die G. P. 11. die Massenhinrichtung aller vormali­gen Marineoffiziere durchgeführt habe, d. h. aller derer, die nicht in den Sowjetflotten- dienst eingetreten und trotzdem in Rußland zurückgeblieben waren. Einzelheiten sind noch nicht eingegangen, aber mehrere hundert Namen sind als unter den Opfern befindlich ge­meldet worden, und ihre Verwandten in Ruß­land haben sich an ihre Glaubensgenossen in Riga mit der Bitte gewendet, dort Gedacht- nisgottesdienste abzuhalten, weil sie dies nicht auf Sowjetgebiet tun durften. Die ortho­doxen Russen in Riga organisieren daher für morgen eine Requiem-Feier.

Die TonnagebeMänkung aus der Wienkonseren;

London, 3. Febr. (TU.) Die fortgesetzten pri­vaten Besprechungen zwischen den Abordnungen der Flottenkonferenz, an denen vorläufig nur die Ita­liener wegen ihrer grundsätzlich abwartenden Hal­tung roeniaer stark beteiligt sind, werden der wei­teren Prüfung des französischen Vorschlags auf Uebertragung von Schiffstonnage von einer Klaffe zur anderen gelten. Neuerdings ist die Einführung von zwei ver­schiedenen Uebertragungssystemen vorgesehen, von denen das eine für die kontinentalen Seemächte, das andere für die ozeanischen gel­ten solle. Die übertragbare Tonnage soll auf fran­zösischen Wunsch im ersten Falle bis zu 20 o H be­tragen. für die drei ozeanischen Flottenmächte Eng­land, Amerika und Japan jedoch strikte auf 10 v. H. beschränkt werden. Die britische Delegation hat den anderen Delegationen einen von ihr formulierten Kompromißvorschlag zum französischen Vorschlag für die Beschränkung der Pauschaltonnage mit dem Recht der Uebertragung bei verschiedenen, besonders bezeichneten Schiffskategorien zugehen lassen. Der hauptsächliche Unterschied zwischen dem französischen und dem britischen Vorschlag besteht darin, daß die Engländer Großkampfschiffe und U-Boote aus jedem Transferplan ausschließen wollen. Der britische Vorschlag kann als eine Erweiterung der Verhandlungs­grundlage angesehen werden. Die britische Tabelle der Kategorien weicht etwas, aber nicht wesentlich von der französischen ab. Sie teile die Schiffe, wie folgt ein:

Großkampfschiffe (Schlachtschiffe und Schlacht­kreuzer),

Flugzeugmutterschiffe,

Kreuzer mit 8zölligen Geschützen, Kreuzer mit 6zölligen Geschützen, Zerstörer und Unterseeboote.

In der Frage der Tonnagebeschränkung für die sogenannten Polizeikreuzer ist mit einer Bestückung bis zu 6 Zoll-Geschützen mit englisch- französischen Gegensätzen zu rechnen, da England eine Begrenzung auf höchstens 7500 Tonnen wünscht, während Frankreich voraussichtlich eine Ausdehnung auf 9100 Tonnen verlangt. Der Daily Telegraph" stellt auf Grund einer Un­terhaltung mit einer führenden japanischen Per­sönlichkeit fest, daß die japanische Ab­ordnung für das schwerste Geschützkaliber nicht unter eine Begrenzung auf 14 Zoll herab- gehen könne, da der ganze technische Apparat Japans auf diese Geschühgröhe eingestellt sei. Japan würde aber eine praktische Herabsetzung der Größe und Geschützausr'üstung für Kreuzer befürworten.

Daily Expreß" erklärt in einem Artikel, an der Flottenkonferenz nähmen zweiGespen­st er" teil, nämlich d ie russische und die deutsche Flotte. Das Blatt gibt eine aus­führliche Beschreibung des PanzerschiffesEr­satz Preußen" und sagt, dieses Schiff fei das wirkliche Problem, mit dem sich die Fünf-Mächte-Konferenz zu befassen habe. (!)

Aus oller Well.

Die silberne Hochzeit des ehemaligen Grotzherzogspaarcs.

Dem früheren hessischen Großherzogspaar wur­den zu seiner silbernen Hochzeit außerordent­lich zahlreiche Glückwünsche dargebracht. Berge von Telegrammen und schriftlichen Wün­schen liefen aus allen Kreisen und Gegenden ein. Nach einem Morgenständchen und einer Morgen- andacht begannen die ersten Gratulanten einzutreffen, unter denen sich viele Vertreter von Wohltätigkeits- und Frauenvereinen, Abordnun­gen aus Kunst- und Musikkreisen, von Offiziers­und Militärvereinigungen, aus Handel und In­dustrie befanden. Ferner erschien eine Kinder­schar in Trachten des Odenwaldes und aus Ober­hessen, die Produkte ihrer Heimat in Milch, Käse, Butter, Wein usw. überbrachten. An der Mittagstafel nahmen u. a. teil Prinzessin Heinrich von Preußen, Prinz und Prinzrisin Adalbert von Preußen, die Prinzessinnen Theo­dora und Geeilte von Griechenland, Prinz und Prinzessin von Solm-Hohensolms-Lich, Land­graf Friedrich Karl von Hessen nebst Gemahlin und deren beiden Söhne. Am Abend fand ein geselliges Beisammensein statt.

Die deutsch-russischen Auswanderer.

Der erste Transport der deutsch-russischen Aus­wanderer ist nach Bremerhaven weitergefahren, von wo die Auswanderer an Bord des LloyddampfersW erra" die Reise nach Brasilien antreten werden. Dor der Abfahrt von Bremen hielt Reichskommis ar Stück- len eine Ansprache an die russischen Landsleute,

Gießener Konzertverein.

.Ulalncr--lbend Wilhelm Matthaus

_ Hatte Wilhelm Backhaus seinen vor­jährigen Klavierabend ausschließlich Beethovens Sonaten gewidmet, so gab er diesmal einen Ausschnitt aus dem Klavierschassen der Ro- mantik, durch die Wiedergabe von Werken Schu­manns und Chopins. Und ihm war, wie beim vorigen Male, wieder ein voller Erfolg beschieden.

Chopin und Schumann sind als Vertreter der­selben Zeitperiode doch verschieden durch die Um­welt, In der sie aufgewachsen waren und der sie die maßgebenden Eindrücke verdanken. Schumann der typisch deutsche Romantiker mit der Fülle des seinem Ich entströmenden Gefühls: bei Cho­pin ein Reichtum an inneren Stimmungen, von sanftester Schwermut und zartester Zurückhaltung bis zum leidenschaftsvollen Entflammen und ver- bittertften Sich-Derzehren. Im Gegensatz zu der fast ausschließlichen Jch-Romantik Schumanns schwingt bei ihm ein gewisser nationaler Zug mit. Und dennoch muß man beide als innerlich verwandte Naturen erkennen.

Das Schaffen beider ist von größter Bedeutung für die Entwicklung der Klaviermusik geworden. Schumann widmet in seiner ersten Schaffens- Periode seine Werke ausschließlich dem Klavier, bei Chopin nimmt das Klavier dauernd die dominierende Stellung ein. Als völlig vom Ge­fühl beherrschte Schaffende finden sie beide ben Weg zu individuell ausgeprägten Formen: Ein rein formaler musikalischer Ablauf ist ihnen fast unverständlich, und selbst die Etüde, die sonst nur vornehmlich technischen Zwecken dienen soll, wird von beiden in eine höhere musikalische Sphäre gehoben, um jener Forderung von der unbedingten Kongruenz von Form und Inhalt gerecht zu werden. Wenn beide sich der Sonaten­form zuwenden, so erhält sie eine wesentlich andere Gestalt als bei der thematischen Durch- arbeitung in der llassischen Periode, weil beide sich diese Form individuell zu eigen machen und ihr so ein persönliches Gepräge verleihen.

Der Klavierton als solcher ist nicht nur Träger einer geistigen Idee, sondern die Klangwirkung als solche tritt ebenso bestimmend in ihr Recht. Das Pedal erweitert die Skala der AusdruÄ- Möglichkeiten, die Akkorde werden weitgrifstger und gewinnen hierdurch an Fülle: die Bcglci- tungSfiguren werden verschlungener, die den bei­

den Händen zugewiesenen Regionen auf der Klaviatur werden erweitert durch das lieber- greisen der Hände. Die Kantabilität des getarn­ten Stiles findet in der gesanglichen Linie ihre Nachfolge, sie wird aber unter dem Brechungs­licht des mannigfach bereicherten harmonischen Grundes sublimiertester Ausdrucksmöglichkeit fähig

Als Schumann Chopins op. 2 kennenlernt, er­greift er begeistert die Feder und tritt für ihn ein mit den Worten:Hut ab, ihr Herren, ein Genie!" Als er Chopin in Leipzig hört, da ist Schumann für ihn entflammt:Chopin war hier: Florestan stürzte zu ihm, ich sah sie Arm in Arm mehr schweben als gehen." Chopin da­gegen stand den Werken Schumanns zurück­haltender gegenüber; beider Bedeutung aber spie­gelt sich am besten in dem Urteil Franz Liszts: Schumann sei neben Chopin der einzige Kla­vierkomponist, von dem man etwas lernen könne.

An die Spitze des Programms hatte Wilhelm Backhaus Schumanns Q-Moll-Sonate gestellt, und gleich hier zeigte er, daß er als die geeignetste Persönlichkeit gelten kann, um diese romantische Welt zu erschließen. Ihm ist die Fähigkeit gegeben, dem Aufschwung dieses Werkes zu folgen, ohne sich dabei in einem Uebermah des Gefühlshaften zu verlieren. Er ist ein Kla­vierspieler, der auf dem Podium ohne jede Pose nur allein dem Werke dient. Mit weicher Hin­gabe erschloß er die innige Gesanglichkeit des zweiten Satzes, dem ein Jugendlied Schumanns zugrunde liegt Den Schlußsatz ließ er in seinem reichen Wechsel der Stimmungen erstehen und ihn mit der Erregung der Coda ausklingen.

Die symphonischen Etüden op. 13 stellen eine Bariationsabsolge dar, deren Thema von dem Vater der ersten Verlobten Schumanns, dem Freiherrn von Fricken, stammt, das dieser mit einer Dariationsreihe Schumann zur Be­urteilung geschickt hatte. Die erste Ausgabe trug darum noch die Notiz:Les notes de la melodie sont de la Composition dun Amateur. Schu­mann wollte das Werk erst alsDavidsbündler- Stüden",Etüden im Orchestercharakter von Florestan und Eusebius" bezeichnen. Die Ab­folge der Variationen läßt Schumann zu einem Gipfelpunkt seines Klavierstileö werden. Jede Variation für sich trägt ein eigenes Gesicht. Nicht mit Unrecht hat man sie als kleine sym­phonische Dichtungen bezeichnet: es ist auch ver­sucht worden, diese Reihe inhaltlich mit dem Ringen seiner Sturm- unb Drangjahre in Ver­

bindung zu sehen. Das Finale stellt eine per­sönliche Beziehung her zu dem englischen Kom­ponisten Sterndale Benett, indem Schumann hier die MelodieDu stolzes England, freue dich" aus Marschners OperTempler und Jüdin" anklingen läßt. Wie Wilhelm Back­haus Variation für Variation immer wieder in neuem Lichte erscheinen ließ, wie er in bewunde­rungswürdiger Großzügigkeit das Werk als Ganzes aufbaute, wie er die Vielseitigkeit des Stiles in geistiger Einheitlichkeit münden lieh, dies war einzig dastehend. Er gewann dem Instrument das Letzte an Klang ab, dröhnend in den Bässen, damit aber wieder dem Ganzen das sichere klangliche Fundament gebend, durch­sichtig bei aller Verflochtenheit der Stimmen, mit triumphaler Steigerung im Finale.

Der zweite Programmteil war Chopin Vor­behalten, seinen Höhepunkt wird man in der Wiedergabe von Chopins 6-Moll-Sonate o p. 3 5 sehen müssen. Immer wieder konnte man die unermeßliche Gestaltungskraft des Solisten bewundern, wie er den ersten Sah mit seiner Dramatik erschloß, im Scherzo die Gegensätzlich­keit der Stimmung zwischen Hauptsatz und Trio herausarbeitete. Den Gipfelpunkt gab er in dem bekannten Trauermarsch mit seiner Unerbittlich­keit, die sich in der Monotonie des Akkordlichen ausprägt und die sich mit dem gleichmäßig ge­färbten Rhythmus dem Hörer einhämmert: ein leichter Gegensatz im Trio, ein lleberwunden- Haben in inniger Derklärtheit. Das Presto zog geisternd, dunkel, unheimlich in seiner düsteren Erregtheit einher.

In der Berceuse (op. 57) findet das Wie­gende feine Abbildung durch eine obstinate Daß- betoegung, über der die melodische Linie er­wächst, sich entfaltet mit all den technischen Fein­heiten, um die Chopin den Klaviersatz bereichert hat. Hier, wie auch in der A s - D u r - D a l - lade (op. 47) und bem As-Dur-Walzer (op. 34,1) bewies sich Backhaus als ein Chopin- spieler von ganz besonderer Eigenart. Seine etwas zum Herben hinneigende Auffassung geht dem sentimentalen Zug, wie man ihm oft be­gegnen kann, aus dem Wege, bei ihm gibt es keine eigenwilligen manlrierten Heberdehnungen des Zeitmaßes: seiner grund-sachlichen Einstel­lung entgeht kein ausgeprägter Zug des Werkes, da fügt sich jede Episode dem Ganzen ein. Da weiß er den Anschlag bis zu ben feinsten Qlüanccn zu bifferenjleren, ba glitzern und perlen die Töne, da singt es mit Verhaltenheit und Leiden­schaft, da wallt es auf mit vollstem Impuls.

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Nirgends Verschwommenheit, überall Klar­heit ynd Durchsichtigkeit; aber niemals nüch­tern, kalt, sondern immer getragen von innerer Wärme, unter der alles zum Leben aufblüht. Lang nachhallende Eindrücke für alle, die diese Stunden miterlebt haben! Dr. H.

politisches Theater und Kulturtheoter.

Auf Einladung des Deutschen Seminars der Uni­versität sprach gestern abend im Hörsaal des Kunst­wissenschaftlichen Instituts der Dramaturg des Stadt­theaters, Dr. Karl Ritter, über das Thema Politisches Theater und Kulturthea- t e r"; er betonte einleitend, daß beide Begriffe keine modernen Errungenschaften seien und lehnte, nach kurzem historischen Rückblick, die in der heutigen Krisenzeit geforderte Entscheidung zwischen beiden Möglichkeiten ab: es gebe nur gutes oder schlechtes Theater. Der Vortragende streifte den Fall Ießner, der das Kulturtheater gewollt habe, und gelangte dann zum Fall Piscator, mit dem das politische Theater einen Gipfelpunkt erreicht habe An Hand der unter dem TitelDas politische Theater" kürz­lich erschienenen Beichtschrift Piscators besprach der Vortragende eingehend und kritisch Piscators poli­tische Erscheinung, sein technisches Talent, den von ihm selbst empfundenen Zwiespalt zwischen Wollen und Können, seine Beziehungen zur journalistischen Reportage und zum Film. Er wies auch auf die von Piscator ins Leben gerufenen, neuen szenischen Möglichkeiten hin, zitierte einige nachdenkliche Be­merkungen des Dichters Wilhelm von Scholz juP gegenwärtigen Situation des Theaters und faßte ab­schließend seine eigene Meinung zusammen: er stimmte für einen gesunden Abbau; Abbau der neuen Barock-Szenerie wie der in finsterste und un­produktive Schwarzmalerei übertriebenen Tendenz­dramatik. Er wandte sich gegen verfehlte Massen» Wirkungen, gegen dieBühne als Kampfplatz der Zeit". Er forderte Einfachheit, guten Humor und, grundsätzlich, ein entpolitisiertes Volkstheater. Zum Schluß einige Bemerkungen über die Kriegslitera­tur, vor allem über SheriffsAndere Seite", und über das österreichische Volksstück. Eine ein­gehende Kritik würde zu weit führen; gelegentlich wäre eine schärfere Begriffsbestimmung wünschens­wert gewesen: vielleicht wurde die Konkurrenz de» Films, des Radios und des Sports ein wenig unter­schätzt: auch wohl die Schwierigkeiten des Wege« von der Bühne zum Individuum. Für das Deut­sche Seminar dankte Professor Dr. Vietor dem Vortragenden. Eine nichtöffentliche Diskussion schloß sich an.