Ausgabe 
3.11.1930
 
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Montag, 3. November 1930

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Nr. 257 Zweiter Blatt

Seutsch-spamsche Mmbeziehungen.

Don unserem v. Oss.-Derichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Madrid, Oktober 1930.

Sevilla zu gründen, wobei besonders in der katalanischen Hauptstadt dadurch ein bedeutender Erfolg verzeichnet werden konnte, daß es gelang, die führenden spanischen und katalanischen Kreise unter dem Vorsitz des Marques Caldas de Montbuy zusammenzubringen. Außerdem konnte man den Direktor des mit Simancas wichtigsten

Es ist freudig zu begrüßen, daß in den festen Jahren auf dem Gebiete der deutschen K u l - turpropaganda in Spanien ein erpebnajer Aufschwung stattgefunden hat. Kunst und Wissen­schaft bilden das hauptsächlichste Gegengewicht zu den oft naturnotwendigen politischen und wirt­schaftlichen Interessengegensätzen der Rationen, und es fällt ihnen daher eine außerordentlich wichtige völkerverbindende Aufgabe zu. Wieweit nun und mit welchen Mikceln diese Aufgabe in Spanien gelöst wurde, wo die wechselseitigen kulturellen Beziehungen von besonderer Bedeu­tung auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen nach Iberoamerika sind, soll im folgenden in großen Zügen dargelegt werden.

Don den Organisationen, die sich hier der wich­tigen Ausgabe der zielbewuhten Annäherung der beiden Dölker auf wissenschaftlichem und kultu­rellem Gebiet widmen, muß an erster Stelle das im Jahre 1925 gegründete und unter der Leitung von Dr. Adams stehendeCentro de Inter­cambio Intelectual Germano Espanol in Madrid genannt werden. Dieser Arbeitsstelle für deutsch- spanische Wisienschaftsbeziehungen ist es in un­ermüdlicher Arbeit und in verhältnismäßig kur­zer Zeit gelungen, eine Bibliothek von etwa viertausend Bänden zu schaffen, die besonders gut auf philologischem, juristischem und kulturhistorischem Gebiet sortiert ist und sich reger Inanspruchnahme durch die Spanier er­freut. Besonders hervorzuheben sind die Der- öffentlichungen der Arbeitsstelle, dasBoletin Bibliografico, welches im dritten Jahrgang er­scheint, sowie die ZeitschriftInvestigacion y Pro­greso im vierten Jahrgang, beide in einer Auf­lage von je viertausend Exemplaren. Don der letztgenannten Zeitschrift, die von dem bekannten und um die deutsch-spanischen Beziehungen über­aus verdienten spanischen Universitätsprofessor Hugo Obermaier redigiert wird, gehen allein nach Südamerika fünfzehnhundert Exemplare. Sie ist heute schon eine der führenden wissenschaft­lichen Zeitschriften in spanischer Sprach« mit zahlreichen hervorragenden spanischen Mitarbei­tern. DosCentro veranstaltet jährlich eine Reihe von Dorträgen in deutscher und spanischer Sprache, die im allgemeinen weit über den Durchschnitt hinausragen und hier große Beach­tung finden. Eine weitere wichtige Aufgabe dieses Organs sür praktische Kulturpolitik besteht in der Veranstaltung von spanischen Sprachkursen, die viermal jährlich stattfinden und eine durchschnitt­liche Besucherzahl von fünfundzwanzig Personen aufweisen. Die Arbeitsstelle gibt außerdem In­formationen wissenschaftlicher Art an deutsch« und spanische Gelehrte, stellt sich den Studierenden beider Länder hilfsbereit zur Verfügung" und bildet so den Sammelpunkt der beiderseitigen kulturellen Interessen.

Eine Ergänzung nach der spanischen Seite hin bildet das im April 1929 in Madrid ins Leben gerufenedeutsch-spanische Komitee", das unter dem Dorsih des Herzogs del In- fantado steht und dessen Dizepräsident der deutsche Botschafter Graf W e l c z e ck ist. Das Komitee zählt heute schon mehrere hundert Mit­glieder und sieht in seinem Vorstand eine Reihe führender spanischer Gelehrter, darunter den Präsidenten der spanischen Akademie, Menen- dez Pi dal, die Universitätsprofessoren Ca­sares Gil, Obermaier, den berühmten spanischen Rationalökonomen und Deutschenfreund Flores de Lemus, sowie den als Spezia­list auf elektrotechnischem Gebiet bekannten Jesui­ten Perez del P u l g a r. Vor kurzem gelang es auch, Schwesterkomitees in Barcelona und

historischen Archivs, desEl Archive de la Corona de Aragon, eines Schülers des be­kannten Hispanisten Geheimrats Dr. Finke, Freiburg, gewinnen. Daneben ist, spanischen Wünschen entsprechend, eine mit dem deutsch- spanischen Komitee Hand in Hand arbeitende deutsche Gruppe derUnion Intelectual Espa- nola, die dem deutschen Kulturbund entspricht, unter der Präsidentschaft des deutschen Botschaf­ters gegründet worden. Die Gründungsfeier, wel­che in der festlich geschmückten Aula der Madrider Zentraluniversität stattfand, wurde zum Anlaß für eine imposante Kundgebung engster deutsch- spanischer Zusammenarbeit und brachte bemer­kenswerte Reden des als Vertreter des Königs fungierenden Kultusministers sowie des Präsi­denten. der Akademie und anderer bekannter Persönlichkeiten.

Eine ganz besondere Bedeutung für die Ver­tiefung der beiderseitigen Beziehungen kommt den deutschen Schulen in Spanien zu, welche, elf an der Zahl, in schnellem Aufstieg heute bereits eintausend, echshundert Schüler zäh­len, von denen allein di« beiden großen Ober- realschulen in Barcelona und Madrid etwa zwölfhundert Schüler umfassen, von denen die Hälfte Spanier sind Der Zudrang zu den deutschen Schulen ist so groß, daß Er­weiterungsbauten notwendig geworden sind, so besonders in Barcelona. Aber auch in Madrid spielt die Plahfrage eine große Rolle und es ist zu hoffen, daß sie in kürzester Zeit durch Reichs-

unterstühung gelöst werden kann. In diesem Zu­sammenhang ist noch die Gast Professur an der Madrider Universität für deut- scheLiteraturzu erwähnen, die jährlich etwa dreißig Vorlesungen in spanischer Sprache umfaßt und bisher zweimal durch den Frankfurter Pri­vatdozenten P e t r i c o n i und einmal durch Ge­heimrat Boßler, München, beseht war.

Als Krönung der fulturcllen Gemeinschafts­arbeit scheint sich nun auch noch die vom König von Spanien gewünschte deutsche Beteiligung an der in riesenhaftem Ausmaß entstehenden Ma­drider Universitätsstadt zu bestätigen. Durch namhafte Spenden aus Süddeutschland und durch die in entgegenkommendster Weise vom König zur Verfügung gestellten Grundstücke in bester Lage ist nunmehr die Möglichkeit gegeben, dieses Projekt ernsthaft in Angriff zu nehmen und ein würdiges deutsches Studenten- haus innerhalb der spanischen Ciudad Universi- taria zu errichten. Das aus diesem Gebiete durch Spanien gezeigte Interesse ist um so erfreulicher, als damit auch der Beweis erbracht ist, daß die bisher fast ausschließlich frankophilen liberalen Kreise Spaniens, die nach dem Sturz der Dikta­tur wieder bedeutend Oberwasser gewonnen ha­ben, nunmehr auch ernstlich für Deutschland sich zu interessieren beginnen. Zu erwähnen ist noch die in letzter Zeit eingesetzte rege Heber- seyertätigkeit deutscher W er k e z. B. von Garcia Morente lUnterstaatssckretär im Kul­tusministerium), der Verlagssirma Editorial La­bor, sowie der Kreise um die Revista de Occidente, welche über hundertzwanzig führende deutsche Werke ins Spanische überseht haben, darunter Bücher von Spanger, Scheler, Simmel, Bren­tano. Sombart, Spengler u. a.

Zum Schluß ist noch der Dank hervorzuheben, den die deutsche Kolonie der Regierung dafür zollt, daß sie es ermöglicht hat, im Verein mit namhaften Stiftungen zahlreicher Privatleute das deutsche Krankenhaus in Madrid ouszubauen, eine Aufgabe, für die sich noch Stresemann, gerade vor einem Jahre anläßlich seines Hierseins, besonders interessiert hat. Bei

aN dem muh hervorgehoben werden, daß dev Ersolg nicht zuletzt dem seltenen Geschick und dem großen Verständnis des deutschen Botschafters in Madrid. Grasen Welczeck, zu verdanken ist. der in dieser delikaten Arbeit in hervor­ragender Weise unterstützt wird von dem Kultur­referenten der Botschaft, Gesandtschaftsrat Dr. H u e f f e r.

Aus Oer provmzialhauptstadt.

Gießen, den 3. Rovember 1930.

Kreisausschuß Gießen.

Der Kreisausschuß des Kreises Gie­ßen beschäftigte sich in einer Sitzung am Samstag- vormittag unter dem Vorsitz von Dberregicrungvrot Ritzel mit zwei Streitfällen im V e r w a l t u n g s° streitoerfahren.

In erster Sache handelte es sich um die Entsct-ci- dung über die Gehaltsfrage des Bürger- Meisters Jung von Klein-Linden, der in der von ihm verwalteten Gemeinde den Antrag um Gehaltserhöhung gestellt hatte. Der Gemeinde­rat hatte es abgelehnt, eine Heraufsetzung des Ge­haltes durchzufuhren und im Etat zu berücksichtigen. Der Bürgermeister beanstandete deshalb den Etat, und so wurde die Entscheidung der Angelegenheit im Berwaltungsstreitoerfahren notwendig, In der Verhandlung stutzte der Bürgermeister Jung seinen Antrag auf verschiedene gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen, betonte, daß sein Gehalt, das insgesamt 4550 Mark beträgt, dem Gehalt eines Bürgermeisters einer Gemeinde von 500 Einwoh­nern entspräche. Da aber die Gemeinde Klein-Lin­den über 2000 Einwohner habe, sei sein Anspruch auf Einreihung in Gehciltsklafse,4 durch die Arbeit, die in einer so großen Gemeinde anfalle, gerecht­fertigt. Weiter wies er im Verlauf der Verhand­lung darauf hin, daß es feinen Bemühungen gelun­gen fei, einen Fabrikanten nach Klein-Linden zu bringen, dessen steuerliches Aufkommen die Auf- Wendungen für fein Gehakt bereits decke. Als Vertreter der Gemeinde nahm daraufhin Beigeord­neter Germer Stellung und wies darauf hin, daß die Gemeinde Klein-Linden als finanziell leistungsschwach zu bezeichnen sei und unmöglich eine noch höhere steuerliche Belastung tragen könne, sie sei jedoch bereit, falls eine allgemeine Herab­setzung der Beamtengehälter in Reich, Ländern und Gemeinden beschlossen würde, das Gehalt des Bür- | germeifters Jung nicht ßu kürzen. Gemeinde- ratsmitglied Schmidt schloß sich den Ausführtin- gen des Beigeordneten Germer an. Gemeinderats­mitglied Klein machte darauf aufmerksam, daß dem Bürgermeister . zur Erledigung der Schreib­arbeiten eine Schreibkraft beigegeben sei, mit einer monatlichen Entschädigung von 150 Mark. Wenn er auf die Beschäftigung der Schreibkraft verzichten würde, wäre es eher möglich, einer Erhöhung des Bürgermeistergehalts zuzustimmen. Nachdem noch die finanzielle Lage der Gemeinde in Hinsicht auf anderweitige Verpflichtungen geklärt war, zog sich der Ausschuß zur Beratung zurück und gab nach einiger Zeit folgenden Entscheid bekannt: Die Bezüge des Bürgermeisters bleiben in der bisherigen Höhe bestehen. Der Kreisausschuß erwartet jedoch, daß der Gc- meinderal im Falle einer generell durchgesührten Herabsetzung der Gehälter der Staats- und Kom­munalbeamten, das Gehalt des Bürgermeisters nicht kürzt."

Dem Kraftwagenführer K. D. aus Lollar wurde auf Veranlassung des Kreisamtes der Führer­schein auf die Dauer eines Jahres entzogen, da er vor einiger Zeit im Wiesecker Weg zu Gießen gegen die Kraftfahrordnung ver­stoßen hat. Er legte dagegen Berufung ein. Der Kreisausschuß beschloß, Dem Beschuldigten den Führerschein mir auf die Dauer eines halben Jahres zu entziehen.

Ein dritter Punkt der Tagesordnung wurde auf * einen späteren Termin verlegt.

DasN mne Ehrenmal beiMIHelmsftoven enthüllt

Eine Pyramide von Steinen, von einem Eisernen Kreuz gekrönt dieses Ehrenmal der deutschen Marine wurde an der Stelle, von der aus einst die deutsche Flotte die Fahrt zur Skagerrakschlacht antrat, feierlich enthüllt.

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Ferdinand Bruckner: Elisabeth von England".

Uraufführung am Hessischen Landestheater in Darmstadt.

Grundsätzlich: Ferdinand Bruckner, dessen Schau­spielElisabeth von England" am Samstag gleich­zeitig mit Berlin (Deutsches Theater), Leipzig, Ham­burg und Bremen, in Darmstadt aufgeführt wurde, hat bereits mit feinen früheren Stücken Krankheit der Jugend" undDie Verbrecher" Er­folge gehabt und Aufsehen erregt nicht sowohl wegen seiner Themen als vielmehr und vor allem des Pseudonyms wegen, hinter dem sich ein bislang unbekannter Autor verbirgt.

Wildes Rätselraten setzte ein; schließlich glaubte man in Theodor Tagger, vormaligen Direktor des Berliner Renaissance-Theaters, den Dichter gefun­den zu haben. Uns scheint: ob Bruckner Tagger ober wirklich Bruckner ober sonstwer fei, ist unbe­trächtlich. Die Diskussion Darüber: Literaturklatsch und Sensationsmacherei. Wichtig ist allein die Leistung.

Die Bewertung der Leistung nach Lektüre und Ausführung 'fällt hier im wesentlichen positiv aus ... nicht so sehr der eigentlichen Gestaltung als der Konzeption wegen, um des Vorwurfes willen, der, an sich nicht neu, dennoch originell und mit einer gewissen Großartigkeit angefaßt wurde.

Elisabeth und Essex wurden schon oft dramatische Helden; Schiller, Laube, Litton Strachey, Lenor- mand und Bruckner heißen die wichtigsten Bearbei­ter. Bruckner unterscheidet sich grundsätzlich von seinen Vorgängern.

Da Das Stück auch für Den Gießener Winter- spielplan vorgesehen ist, wollen wir heute nur ganz knapp unD andeutungsweise daraus eingehen.

In Stichworten: Die Affäre Elisabeth-Essex ist bei Bruckner weniger eine politische als eine erotische Angelegenheit. Elisabeth ist nicht nur Die Königin, Die ihrer Zeit ihren Namen gab unD eine neue Pe- rioDe englischer Geschichte heraufführte, sonDern sie ist vor allem eine Frau. UnD zwar eine Frau in Den kritischen Jahren, an Der Schwelle Des Alters. Sic treibt mit Essex ihr töDIidjes Spiel.

*

Außerdem ist Elisabeth ein politischer Mensch: und als solcher überhöht unD herausgestellt als Reprä­sentantin einer großen europäischen Bewegung, Des Protestantismus.

Ihr beDeutenDfter Gegenspieler: Philipp von Spa­nien, Der leidenschaftliche Vorkämpfer Des alten Glaubens und der Beherrscher der Welt mit Aus­

nahme Englands; Träger einer Idee ... gegen Die uniDealistifche, merkantilistische EnglänDerin unD ihre kleine Insel.

Die Essex-Affäre gipfelt in Der Szene, wo Elisa­beth vom Tower-Turm Der Enthauptung ihres früheren Günstlings zuschaut, mit Dem sie spielte, unD Der gegen sie rebellierte.

Der weltanschauliche Gegensatz zwischen Elisabeth unD Philipp konzentriert sich in dem Parallelszenen, wo der englische und der spanische Kronrat in Lon­don und Madrid gleichzeitig den Krieg wider ein­ander beschließen, und wo sie später in ihren Kirchen gleichzeitig zu Gott um den Sieg flehen, jeder für seine Sache.

Das ist eine großartige Vision, die silmhaft sicht­bar gemacht wird. Die alten Gesetze des Raums ver­sinken. Die Schauplätze fließen ineinander und über­schneiden sich. D- Dialog hüben und drüben ist kontrapunkkisch gestuft. Der Film leiht dem Drama seine Form.

Die raffende Gleichzeitigkeit der Vorgänge cha­rakterisierte schon Bruckners frühere Stücke; synop­tische Dramaturgie. Er reißt die Fassade des Lon­doner Schlosses auf und spielt auf drei Stockwerken zugleich. Oben, Mitte, unten. Sehenswert, aber doch mehr Theater als Dichtung; mehr Technik als Gestaltung.

Im übrigen ist Bruckner ein moderner Mensch. Ihn interessiert das Psychologische (und Patholo­gische) mehr als das Geschichtliche. Seine Menschen reden selten im klassischen Stil, meist nüchtern, trocken, wie wir.

Die Attentatsszene, wo Elisabeth im Nachthemd von Essex und seinen Leuten durch den ganzen Park gehetzt wird, wäre bei Schiller aus mehreren Gründen nicht möglich gewesen. Soviel für heute vom Stück.

Wir konnten'die Ausführung leider nicht bis zum Schluß sehen, nur bis in die Kirchenszene des 4. Aktes hinein. Sie war ein Höhepunkt. Ueber-- haupt: was wir sahen, war gut; einiges hervor­ragend. Generalintendant Ebert inszenierte selbst; man begreift, was ihn an diesem Schauspiel gereizt hat. Die Meisterung technischer Probleme war von je die Stärke der Darmstädter. Und die enormen Schwierigkeiten waren glatt bewältigt; die Raum­gestaltung glücklich gelöst. Die Doppelszenen von großer Wirkung.

Außerdem hat Ebert eine Elisabeth, wie man sie in Deutschland kaum zum zweitenmal findet: Her­mine Körne?. Das ist eine Paraderolle für sie;

sie zieht alle Register ihres blendenden Könnens, gibt die Queen Elisabeth kalt und pompös, Die Frau Elisabeth spielerisch, zärtlich, mit ihrem lei­sen, gutturalen Lachen, ... in Der BouDoirszene fast erschüttern!). *

Werner Hinz: ein blonDer, leiDenschaftlicher Essex. Josef Keim: finster unD inbrünstig, Der un­heimliche Spanier. Sonst: Nürnberger (Bacon); Richter (Plantagenet); PfauDler; Gallin- g e r; We st ermann. Bühnenbild von Rein- king; schöne Begleitmusik von Karl Maria Z w i ß- l e r.

*

Die Körner wurDe schon nach Dem zweiten Akt sehr gefeiert. hth.

Fasanenjagd.

Bon Otto Ehrhart, Dachau.

Jeder Morgen trägt kostbare Schleier und jeder Tag ist ein Fest aus Gold und Blau und vielen Farben. Aber die Abende kommen immer leiser da­her. und Die Sonne hat ihr heißes Herz verloren.

Wir sind voller Stimmungen. Morgens froh und abends traurig; Tags von wilder Unraft erfüllt, Die wir später bei Der Lampe nimmer begreifen. Bald ist uns Das Ferne nah, das götklich-schwingende, das unser Herz so sanft bewegt, und bald Das un­ruhvolle, rastlos Treibende, das uns zu heißen Taten drängt. Unser Wesen ist gespalten, geheimnisvoll und wandelbar...

Heute srüh, als ich von der Hütte in Den weich schmelzenden Morgen hinaustrat, war das Glonn- tal ein einziges weites Rebelmeer. Die Welt lag tief verborgen. Rur ein fromm weifendes Zeichen, Die Spitze des Hohenkammerer Kirchturms, ragte golden aus der glatten Fläche empor.

Kein Klang störte die Welt. Uber mir, über den starren, wie gegossenen Bäumen, schlief der Mond, und zu meinen Füßen ästen vertraute, schlanke Rehe...

Ich stand und wartete, bis die rote Sonne aus den Dünsten stieg. Bis Die Rebel sanken, der stumme Wold sich rührte, und bis das Dorf erwachte. Als Der junge Tag blitzend und leuchtend über dem lieben Lande lag, wanderte ich weiter. Froh.

*

Am langen Hang, unter Den roten Hagebutten, unter dem Gewirr der Brombeerranken, zwischen den Stachelhecken Der Disteln, halten sich jetzt Fa­sanen verborgen. 3m Sommer war eine Fuchsfähe mit ihren Jungen hier unD in Den Dämmerungen hörte ich ost Den alten Dachsbären bei seinem Bau stechen unD schnauben. Abends wehen Die Eulen aus Den Schatten unD jagen lautlos auf Mäuse.

Hier gibt es viele Erinnerungen: Drunten am Jungholz, im grünen Klee, hat er gelegen, Der erste, gute Bock meiner Frau. Das war an einem ge­wittrigen Sommerabend. Ich hörte Den Schuh im Eichet Droben unD lief hinunter, so schnell ich konnte. UnD freute mich wie ein Kind, als ich ihr den grünen Bruch auf dem alten Filzhut reichte. Sie war so stolz und froh, knallrot vor Erregung. Denn es war ein Meisterschuß, ich konnte es selbst kaum glauben; Einschuß halbspiß von vorne und Ausschuß am Blatt. Bei guter Entkernung...

Jetzt prunken die Blatter und rascheln und reden. Der Sommer ist dahin. Betaute Spinnennetze glitzern. Vom Tal herauf zieht der Dust welken Rattoffel» krankes und der Himmel ist kalt, aber tief und klar wie Glas- Fiebernd hängt der Hund in Der Halfung. Doch meine Freude am Sehen ist noch nicht gar.

Da muß man kosten können, wie edlen Wein! Den Blick, die Wonne vor dem Schuh, das Sehen, Schießen, Fallen, die treue Arbeit des Hundes, das ganzeIägersein." Fühlen will ich, was ich jage: Schillernde Fasanen 1 Tiere, die ein Gefieder, leuch­tender als eine Sammlung edelster Steine tragen. Hähne, mit stolzem, langem Spiel und mit roten Rosen an den Augen.

Genug. Das Halsband ab. .Vorwärts, Hella,such brav!" Als ob es dessen bedürfte! Ihr, Der schön­äugigen, braunleiDenen HünDin, brauche ich nichts zu sagen. Federnd gängelt sie durch die Büsche und da!-hat sie schon die Witterung in der Rase ES hat sie tormlid) zusammengerissen, aber ehe sie an­zieht, wirst sie doch noch einen Blick zu mir her, ein, kurze Vergewisserung, als wolle sie fragen:Bist Du auch klar?"

Geh' nur, such nur brav!" - Die Rute steif von sich gestreckt, Den rechten VorDerlauf erhoben, ver­körperte Beherrschung, bilDgewordene Spannung- so sieht sie vor. UnD rührt sich nicht, bis mir beim Räherkommen Die Vögel kreischend aus Dem Dickicht fahren. Hoch Den Lauf! Die Schüße bellen und hallen wider im Wald, daß die Ringeltauben, Die dort Eicheln kröpften,erfchrocken aus den Zweigen fahren. So lieb ich's. Feuer und Fall! Zwei Hähne an den Galgen!

Feuer im Laub, in Der Faust unD im Blut. Und em Herz, Das vor Freude Dabei schreit-ewig möcht' ich's so haben!

Wenn Dann Die Rächt kommt, sinD wir toieDer still. UnD sinnen unD Denken. UnD horchen auf Das Wunderbare. Der Tag hak wie ein lautes LieD ge- gellungen; nun müssen wir behutsam sein. Bis Morgen ... Denn unser Wesen ist gespalten, geheim­nisvoll und wandelbar.