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Nr. 103 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 3. Mai 1030

Abrüstung. - Noungplan.

Außenpolitische Umschau

Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Äerlin, M. d. 3t

Macdonald wird froh fein, daß die Coniw- ner Flottenkonferenz zu Ende ist. Denn nicht nur der Kampf um dos Budget, also die Innenpolitik nimmt ihn jetzt ooll in Ansrruch, sondern in ftei- gcndern Maße auch die Unruhen in Indien. Ohne Zweifel ist die Erregung im ganzen Lande größer als je zuvor. Weil sie das ganze Land ergriffen Hal, do und dort zu Gewalttätiakeiten führt, wird auch der Raum Bundesgenosse der Bewegung, indem so die militärischen Kräfte Englands zer­splittert werden müssen. Und wie soll ihr politisch schnell gesteuert werden, da sie doch schon reine Un­abhängigkeitsbewegung geworden ist und die Dor- bereitugaen..wenigstens eine Dominions-Verfassung zu schassen, sich gar nicht überstürzen lassen. Unmit­telbare große Gefahren bestehen sicher für Englands Stellung in Indien noch nicht, die englische Politik kann auch ihrerseits damit rechnen, daß in der Be­völkerung Indiens noch unendlich vieles fehlt, als daß eine das gany Land erfassende, zusammen­fassende wirkliche Unabhängigkeitsbewegung mit Er­folg schon möglich wäre. Auch findet bei diesem Problem der leitende englische Staatsmann in den Parteiverhältnissen seines Parlaments nicht die ge­ringste Schwierigkeit. Aber darum nimmt die indi­sche Frage Macdonald natürlich doch stark in An- | spruch und seine Mitarbeiter dazu.

Man ist daheim im ganzen mit seiner Leitung der Floltenkonferenz und mit deren Ergeb­nis zufrieden. Der am 21. April feierlich unterzeich­nete Schlußvertrog bedeutet für England doch vor allem die weitere Befestigung seines neuen guten Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten, mit dem zugleich für England auch das richtige und ruhige Verhältnis zu seinem früheren Bundes­genossen Japan gegeben ist.

In dieser Situation kann England auch ziem­lich ruhig dem zusehen, daß für Europa das Er­gebnis der Konferenz gering ist, Frankreich und Italien, bis auf die eingegangene Verpflichtung der Bauferien für Großkampfschiffe bis 1935, die volle Freiheit der Seerüftung sich bewahrt haben. Denn einem England in der durch London erneut befestig­ten Lage kann Sin Frankreich auch mit der größten Seerüftung nicht gefährlich werden. Und barfim eine sehr bedeutungsvolle Konsequenz! braucht sich England auch nicht in Unkosten für Italien zu stürzen. Der englisch amerikanisch-japanische Drei­mächtepakt bedeutet für Italien, daß es im französisch-italienischen Gegensatz auch keinen Bun­desgenossen findet.

Es entspricht der so für England gegebenen Stel­lung zu Genf und den Abrüstungsarbeiten dort, daß Macdonald in einem Brief vom 21. April an den Generalsekretär des Völkerbundes sogleich offi­ziell mit deutlicher Mahnung die Verbindung zwi­schen den Londoner Abmachungen und den Genfer zum Stillstand gekommenen Abrüstungsverhandlun­gen hergestellt hat. Man sieht in Gens die Ergeb- nisfe der Londoner .Konferenz doch als recht bedeu­tend an; jedenfalls ist in London in den drei Mona­ten mehr herausgekommen, als in den nun schon jahrelangen Verhandlungen derVorbereitenden Abrüstungskonferenz", der sog.prdparatoire" bis­her zusammen. Mit Recht schreibt Macdonald, daß die Konferenz einen Fortschritt über das bisherige hinaus darftelle, und er hofft, daß man in Genf darin ..einen Beitrag erblicke, der eine Erleichterung der Aufgabe derVorbereitenden Kommission" zur Folge haben werde". Das ist ein deutlicher Wink, der dem Frankreich so sehr zu Dienst beflissenen Vorsitzenden der Kommission, dem holländischen Ge­sandten in Paris, Loudon, einiges Kopfzerbre­chen machen wird. Denn nun muß man wirklich darin wieder so tun, als wenn man wirklich etwas tun wolle, was Frankreich samt seinen Vasallen in Wirklichkeit nicht will. Außerdem hat ja auch eine Entschließung der letzten Dölkerbundsversammlung auf möglichst baldige Schluhberatung dieser vorbe­reitenden Kommission gedrängt. Und England wird hierin nicht mehr durch Frankreichs willigen Freund

9er neue VerlmerRunlius beim Reichspräsidenten

Nuntius Orsenigo verläßt das Palais des Reichspräsidenten, nachdem er seinen Antrittsbesuch gemacht und fein Beglaubigungsschreiben überreicht hat.

Chamberlain geführt, sondern von einem wirklichen Abrüstungswillen des Labourkabinetts, das darin auch eine Spannung mit Frankreich nicht scheut.

So spricht dasSicherheitskomitee", dos am 28. April wieder in Genf zusammengetreten ist, auch von dieser Sache, und muh der Sommer der Gen­fer Abrüstungsarbeit einen Stoß vorwärts geben. Uns scheint, daß hier die eine Stelle wäre, die andere ist die Londoner Erörterung über den Ar- titel 16 des Völkerbundspaktes, an der die beut- s che Außenpolitik recht energisch die Ergeb­nisse der Londoner Flottenkonferenz vorwärtstrei- bend aufzunehmen hätte!

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Das andere Gleis: der Poungplan. Ratifi­ziert haben ihn Deutschland, Frankreich und Belgien, noch nicht England und Italien. Ersteres wollte nicht vor Italien ratifizieren, letzteres nicht vor völ­liger Klärung der Dftreparationen, über die abschließend in Paris gesprochen worden ist. Diese Klärung ist zustande gekommen unter stärkstem französischen Druck. Nunmehr ist die Bahn für die englische und italienische Ratifikation frei. Der Voungplan kann mit Anfang ober Mitte Mai in Kraft treten.

Warum Frankreich im letzten Streit um bie O ft ° reparntionen so drückt^ ist leicht erklärt. Da- von hing bie Inkraftsetzung bcs Planes ab, unb von biescr wieber bie Auflegung ber fog. Mobi­lisierungsanleihe, die Frankreich einen großen Kapitalbetrag bringen soll. Aber für das betreffende Bank- und Börsengeschäft ist nicht mehr viel Zeit, wenn es noch vor der in Amerika übli­chen Sommerpause für Emissionen zustande kom­men sollte. Unb ebenso kann bieBank für i n - ternationale Zahlunge n", bie wieber aufs engste mit biesern Geschäft verbunden ist, formell erst ins Leben treten, wenn ber Poungplan in Kraft gefetzt ist.

Deshalb war bie erste Zusammenkunft des Ver­waltungsrats dieser Bank in Basel während der Osterwoche nur informell oberoffiziös" Aber na­türlich sinb bie Beschlüsse tatsächlich endgültig. End­gültig also zunächst die für Deutschland unbefriedi­gende, peinliche, vielleicht einmal nachteilige Wahl des Generaldirektors. Das ist also doch der Franzose Quesnay geworden! Ein Amerika­

ner Präsident, ein Franzose Generaldirektor von der Position des deutschen Reichsbankbirektors Huelse muß sich erst zeigen, ob sie einen Einfluß gewährt. In jebem Falle untersteht er Herrn Oues- nay!

War biefer Ausgang für Deutschlanb wirklich unoermeibbar? Ist in den Anfängen ber Grün- bung ber Bank schon alles von unserer Seite ge­schehen, was bas beutsche Interesse erforbert hätte, der Widerspruch Deutschlands nicht erst angemeldet worden, als es zu spät war? Es ist doch im Ernst keine Rebe bavon, baß sich kein Neutraler von ben Qualitäten bes (erst sechsunddreißigjährigen!) Herrn Quesnay gefunben hätte! Mit solchen Grünben, bie keine sind, soll man nicht kommen. Nun haben die Hauptgläubiger, ber birefte (Frankreich) unb ber inbirette (Amerika), bie b e i b e n Haupt- p o ft e n ber Bank in ber Hanb, und Deutsch­land hat sich mit der Hoffnung zu begnügen, daß das für uns fein Nachteil fein werde, da die Bank doch nur nach rein kaufmännischen, wirtschaft­lich verständigen Gesichtspunkten geleitet werden könne. Ein guter Anfang aber ist für uns und in­sonderheit für Dr. Luther diese Wahl nicht!

Daß sich ein energischer Wille bei der Bank durch­setzt, erlebte man in derselben Sitzung. Der Der- roaltungsrat wollte zuerst keine weiteren Vertreter aufnehmen, als für ben ersten Kreis im Statut be­zeichnet war, weil er noch nicht offiziell konsti­tuiert sei. Aber er mußte schon jetzt darüber hin­aus bie Schweizer Nationalbank, bie Nieberlänbische Bank unb die Bank von Schweben zur Beteiligung am Kapital der Bank zulassen unb ihnen natürlich dafür auch ihre Stellen im Verwaltungsrat zu- sichern. Unmittelbar nach der Inkraftsetzung des Poungplans werden nun bie 200 000 Aktien ber Bank emittiert (bie beutsche Reichsbank wirb ihren Teil nicht öffentlich auflegen, fonbern im Porte­feuille halten), unb ein Komitee ber neuen Bank- gewaltigen (barunter auch Dr. Luther) wird bie Mobilisierung bes ungeschützten Teils ber beutschen Iahreszahlung, also die große Reparations­anleihe vorbereiten, über deren Zinsfuß- unb Emissionskurs noch nichts feststeht das, was ge­rade am meisten auf allen Seiten interessiert!

Nun erhebt sich bie Frage, was Frankreich mit dem Ertrag der sog. P o u n g a n 1 e i h e , so­weit er ihm schlüsselmäßig zufließt, anfangen wirb.

Unmittelbare Finanz- unb Kassennot wie da« Deut­sche Reich hat es nicht. Sein eben verabschiedete» Budget für 1930 31 schließt mit einem E 1 n - nahmeüberschuß ab, sein Kasten- unb Gold­bestand ist exorbitant hoch. Man schwimmt so sehr im Gelbe, bah abermals zum Feste (wie schon letzte Weihnachten) bem Steuerzahler ein schönes Bukett von Steuersenkungen überreicht werben konnte. Daß es freilich ein Bukett ist, ist mehr al» ein Schönheitsfehler. Wieberum sind die Steuer­senkungen zusammenhanglos, zersplittert, zeigen sie, w i e reformbedürftig das ganze französische Steuer­system ist, und können sie damit nicht dem Wirt« schastsleben so gründlich helfen, wie dieses es ver­langt. Aber der Steuerzahler wird sich zunächst um bie sehr richtige Kritik ber Kammer an ber Finanz- frolitik bet Regierung nicht kümmern, fonbern sich egen, baß Steuersenkungen schon an sich besser sind als keine, und zufrieden sein. Produktion und Han­del werden freilich ihre Forderung nach wirklich förderlichen Steuerreduktionen weiter erheben. Der Steuerzahler hofft weiter, daß die Steuersenkungen zu einer Verminderung des Notenumlaufs und da­mit zu einem Rückgang der Teuerung, über die er klagt, führen werden. Ob das eintritt, steht dahin. In jedem Fall ist die Finanzlage des Staats höchst günstig. Was macht er bann also mit bem Gelb aus ber Pounganleihe?

Er kann bamit machen, was er will; irgenbeinc internationale Verpflichtung, bas Geld etwa für Schulbentilgung zu uenoenben, existiert nicht. Der Führer ber Sozialisten, Lson Blum, verlangte, baß es zu probuktiven Zwecken verwenbet werbe. Die Regierung aber will bamit bie inneren Schulden entsprechend amortisie­ren, also bie Ausgabenseite bes Staatsschulbenbien- stes erleichtern. Die Kammer hat auch biese Absicht gebilligt, unb sicherlich entspricht bas ben Gesichts­punkten einer gefunben Finanzwirtschaft unb Fi­nanzpolitik.

Man sieht schon an diesen Verhandlungen, noch bevor der P o u n g p I a n in Kraft getreten ist, welche Vorteile er Frankreich bringt und rote Frankreich es vermocht hat, bei dieser sog.ent- gültigen" Regelung der Reparationsfrage seinen Willen unb seinen Vorteil durchzusetzen. Was barüber hinaus bieBank für internationale Zah­lungen" bebeutet, bas zeichnete sich in aüererilert Konturen auch schon bei jener ersten Baseler Sit­zung ihres Verroaltungsrates ab. Aber ihr roirklicher Charakter wird nicht nur, wie ber Vertreter Eng- lanbs, Sir Charles Abbis, sagte, bavon adhän« gen, roas ihre Leiter (its managers) aus ihr machen, sondern noch mehr, roas Amerika daraus macht. Unb Amerika babei genommen nicht nur als bas Haus Morgan unb das private amerikanische Ka­pital, sondern Amerika auch in seiner Federal Re­serve Bank unb seinem Staatsbepartement (Außen­ministerium), Amerika also als Staat. Damit aber ist eines ber größten Probleme bezeichnet, nicht nur ber Weltfinanz unb Weltpolitik, fonbern auch ber inneren Politik und Auseinandersetzung in den Vereinigten Staaten, und damit unmittelbar auch für Mr. Herbert Hoover selbst, der nicht nur im No­vember bei den Kongreßwahlen wieder eine Mehr­heit für sich gewinnen, sondern auch 1932 als Prä­sident roiedergewählt werden möchte.

Reichsbahndireliionsprösideni Or. Stapff f.

QBOQi. Frankfurt a. M., 2. Mai. Wie auf Berlin gemeldet wird, ist heute morgen 7 Ufjr, unmittelbar nach Vollendung des 62. Lebens* jahres, der Präsident der Reichsbahndirektion Berlin, Dr. Paul S t a p s f, im dortigen Laza­rus-Krankenhaus an den Folgen eines Schlag­anfalls g e st o r b e n. Präsident Dr. Stapss war vor seiner Berufung nach Berlin Präsident der Reichsbahndirektion Frankfurt am Main unb erfreute sich hier allgemeiner Wert­schätzung. Der Verstorbene war über 30 Jahre im Dienste der Eifenbahnverwaltung tätig. Er be­gann seine Tätigkeit bei der Reichsbahndirektion Berlin und übernahm bald daraus die Leitung der Verkehrsinspektion in Königsberg. Don hier wurde er an die Direktionen Essen und Köln be-

Versteigerung.

Von Franz Hessel, z. Z. in Paris.

Aus dem Korb voll halbzcrbrochenen Geschirrs liegen zwei Fächer. Eine Greisin, die in der ersten Reihe des Aultionspublikums sitzt, packt den einen uyd sächelt ihre Runzeln Probe. Angegraute Vorhänge quellen aus der Kiste, die der Diener heranrückt. Aus der bauchigen Tasche der stren­gen Händlerin knistern ihnen schon die schmutz­blauen Scheine entgegen, ehe noch der Hammer des Tarators aufgeschlagen hat. Sein Gehilfe holt auf einen Wink die große Puppe, die auf den Küchenmöbeln hockte, her. Er nimmt sie um den Leib und zieht ihr den Porzellankopf mit dem spitzzulausenden Halse aus dem Rumps; nach rechts reicht er den Kopf, nach links den Rumpf. Burschen schauen unter die steifabstehenden Pup­penröcke. Der Saal wird voller. Du müßtest aufs Podest steigen, um noch etwas zu sehen. Aber von einem Schub Fachleute, die hier nicht mehr bieten wollen, wirst du auf den Flur -.ge­drängt. Auf einem Anschlag in fetten Buchstaben: RACÖLEURS. Was ist das? Der Text darunter erklärt. »Cs ist ebenfalls verboten jener Akt der racolage, bestehend in Handelsangeboten an Per­sonen. die zur Versteigerung gekommen sind, und in Versuchen, sie von dem öffentlichen Verkauf zu entfernen, um sie in Privatgeschäfte zu führen."

Ankündigung neben der Tür zum nächsten Saal. Kanapees, Fauteuils, Schränke, Truhen, Bibliothek, Kommoden, Sekretäre, Eckschränke. Gueridons, ferner Bohrer, Feilen, Schrauben, Drehbänke, Pressen, kleine Guillotine ( was mag das sein? Ein Zigarrenabschneider?). Pfriemen. Prägstempel, Eichmasse, elektrische Mo° tore 2m Saal sind viel Mützenmänner, manche stehen hoch auf den Holzstufen, manche auf Kisten neben Strohkorb und Oelkanne. Zwei halten sich rechts und links an den Eckwülsten eines Sophas fest, andere an den Querstangen, deren Reihen bis zur Decke reichen. Ein großer Besitz soll hier losgeschlagen werden, sowohl die Zimmer- wie die Fabrikeinrichtung. Die da oben, die wie Techniker aussehen, werden noch eine gute Weile warten müssen, ehe das, was sie an­geht. drankommt. Denn dieOrdre de vacation, welche die Reihenfolge der Versteigerung an- xeigt, beginnt mit ben Dummern des Haushalts. Der interessiert die Dame in hochgeschlossenem

Kleid. Sie ist noch immer in Halbtrauer um den längst verstorbenen Gatten und begleitet von ihrer Tochter oder künftigen Schwiegertochter, der sie Einrichtung aussucht.Wird Jacques das lieben ? Cs nimmt nicht viel Platz weg", meint sie, als ein Eckschrank versteigert wird. Das junge Mädchen kümmert sich mehr um Silber­schüsseln. So wandert der alte Besitz, der ein­mal Tagesgeschmack war, von Verarmten oder Gestorbenen zu den zu Geld Oelangten, die noch keinen neuen Geschmack haben. Die Dinge wollen nicht mehr an ihren alten Stätten blei­ben. Mit ihnen gehen die kleinen Hausgötter, die Penaten, fort. Werden sie sich neu an­siedeln können? Sterben sie nicht auf dem Weg zum Auktionshaus? Jetzt werden Feuerschirm und Feuerzangen eines Kamins ausgeboten. Die beachtet die Witwe und ^Brautmutter nicht. Ihr Kind wird in eine Wohnung mit Zentralheizung ziehen. And sind dort noch Kamine, so wird kein Feuer darin angefacht werden. Vielleicht wird es nur eines der falschen, elektrisch erleuchteten Kohlenfeuer geben. Die Laren sind fort auch aus dem kommenden Heim. Einmal, als das Kind des früheren Bewohners dort auf dem Rost mit Wolle, Strohhalm und Streichholz Feuer spielte, hat noch etwas geraschelt, das mehr war als Flammenzucken. Aber dann hat man das Kind fortgerissen und die Klappe zu­gemacht. Die Laren sind aufgeflogen. Es ist ja auch kein Staub mehr in den neuen Häusern, in dem sie siedeln könnten. Staubsauger strecken ihre Schläuche durch die Fenster oder kommen treppauf in der Hand der Hausmeisterin.

Geh den Frauen nach, die sich jetzt entfernen. Sie durchqueren den Saal gegenüber, in dem heute keine Versteigerung stattfindet. Was da herumsteht und -hängt, wartet wie Anter- suchungsgefangene. Alle Dinge hier haben das gleiche Los, ob sie nun Kunst- ober Gebrauchs­gegenstände seien. Die Ankündigungen unter­scheiden zwar zwischenbronces dart und bronces dameublement, zwischenobjets di­vers unbobjets de vitnne, aber Gefangene werden einander ähnlich. Da sind eine Reihe farbiger Stiche, die das Leben der Esther dar­stellen. Auf dem einen wird immer noch, fo stockfleckig sie ist, die schöne Königin für Ahas- verus gesalbt und gebadet zwischen umgestülp- ten Louis XV.-Stühlen, Bettgestell unb Stand­uhr unter Lüstern, Wandleuchtern unb hängen­den Teppichen. - - >

Dun gehn die Frauen in den nächsten Saal, wo die Spiegel mit den nachgemachten Schäfe­reien am Aufsatz sind, wo die traubengekränzte Bacchantin, die Automne heißt, ihr verschmutztes Marmorlächeln auf ben Taxator hinabsendet (Stand nicht fo eine beiseite gerückt auf dem Spind im Schlafzimmer der Eltern unb später auf einem noch höheren im Plättzimmer?) Da mögen sie Konsole, Dippetisch unb Büfett wählen. Sie werben nicht so heikel sein wie der Alte dort, dem unter der Tellermütze der silberne Haarkranz sprudelt und der so mißtrauisch die Schlösser der Schränke unb Truhen untersucht. Du siehst hinaus zu den beiden luftigen Mäd­chen, bie sich aneinandergelehnt auf den Seiten­stufen recken unb dem Ausbieter gerade ins Ge­sicht lachen. Die sind hier nicht am Platze, hier wird nicht gelacht und geflirtet. Streng sind bie Gesichter ber Kenner unb Laien selbst, als jetzt ber golbgerahmte himbeerfarbene Sonnenunter­gang hochgehoben wird. Laß die Mutter den für das Eßzimmer ihrer unglücklichen Dachfahren erstehn und komm eine Treppe höher. Da gibt es stillere Säle mit Spezialitäten und Spezialisten. In einem sitzen über ihre Kataloge geneigt die Briefmarkensammler. Diele von Urnen haben Alben vor sich liegen, in denen sie vergleichen, was der Auktionsdiener auf weihen Bögen an aufgeklebten Wertzeichen herumreicht. Mit sanfter Stimme nennt ber Taxator von Zeit zu Zeit eine neue Dummer des Kataloges und lieft von winkenden unb nickenden Köpfen die Angebote ab. Ebenso gelinde geht es in bem ©aal mit den Münzen zu, etwas lebhafter in einem dritten, wo eine Sammlung von Degerplastiken versteigert wird. Da wandern Götzen und Tiere durch Kennerhände, manche steigen babei im Preis, manche scheinen zu verlieren. Die Kenner seh., diese Holzidole kaum noch auf ihre gleich sichtbare Schönheit hin an, sie drehen die Stücke und finden innen im Holz Merkmale, die dem Laien entgehen. Als eine Harmlose angesichts eines rätselhaften TiersAh! le beau monstre! ausruft, bekommt sie von den Dachbarn ein nachsichtiges Lächeln ab.

Für Keramik, Gravüren, GouacheS des letzten Saales bist du schon zu müde, siehst nur im Debet übet ben Häuptern durch fahles Grün eines Gobelinwaldes, dessen Rand franst und spaltet, vergehende Gestalten einer andern Welt wandeln. Aber bie Anschläge im Flur lieft du noch durch und erfährst, daß die Polizei verbietet, Hunde

mitzubringen, zu rauchen, auf den Stühlen zu schlafen und verkehrshindernde Gegenstände ab» zusehen oder auszubreiten.

Die Treppe hinunter. Fort aus dem KehrauS der alten Jahrhunderte und ihrer Zerrbilder. Du stehst auf ber Straße. Ein Heer von AutoS wartet hier und in ben einmündenden Deben- strahen, dazwischen altväterische Pferdegespanne und Lastkarren. Dor den Läden stapeln sich Tische, Stühle, Inschriften fordern dich auf, die Gelegenheiten eine Treppe höher zu besichtigen. Beim Dammüberqueren wird dir ein Zettel ge­reicht: Kabinett des Dr.... Wenn Sie den ge­ringsten Hautrih an sich entdecken, konsultieren Sie uns! ... Du kommst vor den großen Laden: Zur harten Eiche". Mitten unter modernen Möbeln liegt auf einem Tischchen ein Lederband aufgeschlagen: .Tratte de la communion'. Unter ben Schrecken des 19. Jahrhunderts bedrängen dich besonders zwei Gestelle mit Kleiderriegel und Glasscheibe, die den Rücken einer halbnackt sinnenden Maurin spiegelt, welche auf dem Brett darunter festgemacht ist. Zwei Amoretten aus Terrakotta ringen und schauen babei auf eine Art Brötchen zu ihren Füßen. Das nennt sich Kampf um das Herz". Ein Torbogen, im Hin­tergrund ein alter Palast: Justice de Paix. Die Fenster des oberen Stockwerks sind erleuchtet. Schlecht gekleidete Leute kommen unten aus dem ehrwürdigen Gebäude. Die Mauer des Hof­ganges, der zu dem Palast führt, ist voller An­schläge, die Verkäufe auf Grund von Pfändung und Bankerott und alle Arten der Dersteigerung anzeigen. Du treibst bis an die Ecke des Boule­vards. Reben dem Zeitungsstand, wo über seit­liche lockere Magazine ein roter Zettel läuft: ,De la folie pure', bekommst du einen Papp­kneifer zugesteckt: Der König der Kneifer, der nie von der Dase fällt. Haus gegründet 1876. And mm stehst du am Eingang zum Kleinen Kasino. Du könntest noch ins Aperitifkonzert gehn und die Künstler sehen und hören, deren Photos hier von der Wand schauen, die Hochschmachtende, den dreieckig Götinfenben, den Clown mit zu kleinem Hut und zu breiter Krawatte, die ver­bissene Realistin mit den Händen in den Taschen des Jackenkleides. Drüben wandert Reklame­schrift durchs Dach. Aus Aeberhelle schaust du zurück in die dunkelnde Straße, wo schon fern das Haus der Ausverkäufe breit unb still lagert,