folgt: Der eine 1,75 Meter groß, schlank, trug grauen Mantel und hellgrüne Wickelgamaschen, sprach Schlüchterner Dialekt, der zweite war 1,65 Meter groß, untersetzt, trug schwarzen Mantel, dunkle lange Hose. Beide Täter hatten ihre Hüte links gewendet und ihren Mantelkragen hochgeschlagen. Ihr Gesicht haten sie durch Kopfschützer verdeckt, die lediglich die Augen freiließen.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
• Klein-Linden, 3. Febr. Am heutigen Tage kam Frau Margarethe Hof, Frankfurter Straße 67 wohnhaft, in geistiger und körperlicher Rüstigkeit ihren 9 0. Geburtstag begehen.
X Wieseck, l. Febr. Die zweite Schul- klasse von Lehrer Dr. Michel hatte gestern abend Eltern und Lehrerschaft zu einem Elter n- abend in ihren mit Tannengrün ausgeschmückten Schulsaal eingeladen; der Einladung war man zahlreich gefolgt. Eine Schülerin erläuterte in einer Begrüßungsansprache den Zweck der Veranstaltung, die im Gegensatz zu anderen ähnlichen Veranstaltungen von der Schuljugend nicht weiter vorbereitet war. Das Thema „H e i m a t" wurde an Hand einer Künstlersteinzeichnung mit Liedern und Gedichten, auch mit einem Sprechchor entwickelt; dabei hörte man, veranschaulicht durch zwei vom Klassenlehrer auf Grund eigener fleißiger Studien angefertigte graphische Karten, viel Interessantes über die engere Heimat und ihre Entwicklung. Dem Dank der das letzte Heimatlied mitsingenden Elternschaft gab Oberschaffner im Ruhestand Schneider Ausdruck. Rach dem Weggehen der Kinder schloß sich noch eine A u s - spräche zwischen Eltern und Lehrer an, die noch allerlei wertvolle Anregungen und Aufschlüsse ergab.
:—: Beuern, 26.3cm. Dieser Tage beging die Hausangestellte Rebekka Adler ihren 70. Geburtstag. Seit 2. Januar 1890, also seit Wer 40 Jahren, steht sie ununterbrochen im Dienst der Familie Griesheim dahier. Ohne in ihrem arbeitsreichen Leben jemals ernstlich krank gewest zu sein, gehört sie seit diesem Zeitpunkt auch der Krankenkasse an. Drei Generationen hat die vollständig zur Familie zählende Angestellte treu und redlich gedient. Aus diesem Anlaß sind ihr schon wiederholt öffentliche Ehrungen zuteil geworden. So wurde ihr am 11. März 1916 das Goldene Derdienstkreuz von der Großherzogin Eleonore von Hessen verliehen und außerdem verschiedene Geldspenden von der Bezirkssparkasse Gießen zuteil. Zu Ehren ihres 70. Geburtstages und des 40. Dienstjubiläums fand im Hause Griesheim eine besondere Feier statt. Möge der 3ubilarin ein freundlicher Lebensabend beschieden sein! — Der hiesige Volksbildungsverein hielt im Saale „Zum holländischen Hof" einen Vortragsabend ab, bei denn stuck. H a p p i ch von Gießen über das Thema „Die geopolitischen Grundlagen der europäischen Kulturstaaten" sprach. Der Redner verstand cs in ausgezeichneter Weise, die aufmerksamen Hörer auf ein bisher unbekanntes Gebiet zu führen. Die Ausführungen, denen sich eine lebhafte Aussprache anschloh, fanden volles Verständnis und reichen Beifall. Herr Happich hat auf Ersuchen des Vorstandes einen zweiten Vortrag noch für diesen Winter in Aussicht gestellt. — Dieser Tage sand die erste Brennholzversteigerung im Gemeindewald statt. Zum Verkauf standen -Fichten und etwas Duchenknüppel, sowie Buchen- reisig. Die Preise betrugen für Buchenknüppel 19 bis 24 Mk., für Fichtcnknüppcl 8 bis 10 Mk. je zwei Raummeter. Duchenreisig wurde mit 2,50 bis 3 Mk. Pec Raummeter bezahlt.
' Ober-Bessingen, 31. Ian. Zu dem Bericht über die Bürgermeisterwahl in Münster ist sachlich zu beinerken, daß der Berichterstatter übersehen hat, zu erwähnen, daß
Der Traum vom Glück.
Vornan von E Lovett und M. v. Weißenthurn.
Copyright by Marie Brügmann, München.
27 Fortsetzung. Na./druck verboten
Sie hatte vor einem offenen Koffer gekniet; nun erhob sie sich langsam, wie schwer ermüdet. Und Doris sah erst jetzt, daß sie nicht nur bleich und erschöpft, sondern auch todtraurig aussah.
„Kann ich Ihnen nicht helfen, Sabine? Doch wozu frage ich erst noch — ich will mich gleich daranmachen! Lassen Sie mich dieses Kleid zu- sammcnlegen, und inzwischen sehen Sie sich nieder, um auszuruhen."
„O nein, Doris."
„O ja, Sabine! Sehen Sie, ich habe Ihnen hier etwas mitgebracht — etwas, das Ihnen gut tun wird. Hier!"
Dabei hielt sie ihr den Brief ihres Detters entgegen.
Eine dunkle Dlutwelle schoß in Sabines bleiches Gesicht, ihm für einen kurzen Augenblick die frühere Frische verleihend.
„Oh, er ist von Kurt von Wildhofen! Ich — ich wage nicht, ihn zu öffnen!" stammelte sie, und sank zitternd in einen Sessel.
„Fassen Sie Mut, Sabine! Ich wette, es wird Ihnen gut tun; Sie müssen ihn sofort lesen."
Und schon kniete Doris vor dem halbgefüllten Koffer nieder, und Sabine den Rücken wendend, vertiefte sie sich eifrig in das Einpacken der hundert eleganten Sachen und Säch lchen. Richt lange darauf hörte sie hinter sich ein leises Schluchzen. Als sie sich halb nach Sabine umwandte, beugte diese sich tief zu ihr herab und schlang den Arm um ihren Racken.
O, Doris, er ist so gut, so unendlich gut zu mir! Er hat mir einen so rührenden Bries geschrieben! Er sagt mir, daß er mich ebenso warm und treu liebt wie — o Gott — wie vordem - daß mein offenes Bekenntnis mutig und edel war — ja, daß er mich seitdem noch tausendmal mehr liebt als zuvor und — ach, Doris, Doris, wie gut und nachsichtig ist er zu mir und wie glücklich macht er mich, wie namenlos glücklich! Aber — ich kann, ich darf es nicht annchmen, daß er mir Ramen, Stellung, alles, alles zum Opser bringt. Ich darf ihn nicht her- unterziehen zu mir!"
„Aber liebste Sabine, seien Sie doch vernünftig! Es handelt sich ja nicht allein um Ihr Glück, sondern auch um sein Glück."
„Was soll ich denn aber tun, Doris? Was soll ich tun?“
Oie Jagd im Februar.
Ein ungewöhnlich milder Winter liegt bis jetzt trotz aller gegenteil.gen Prophezeiungen hinter uns, gerade als wenn Mutter Natur an ihren Kindern wieder gut machen wollte, was diese im Borjahr an Kälte und Hunger erleiden mußten. Hosfnungs- freudig darf daher wohl der Weidmann dem neuen Jagdjahre entgegensehen.
Die Jagd auf Nutzwild ist im wesentlichen geschlossen. Zwar hat der Rothirsch in Hessen, wo ihm das Gesetz keinerlei Schutz gewährt, Schußzeit, während für das Kahlwild am 1. d. M. die Hegezeit beginnt. Dagegen ist in Preußen in diesem Jahre bereits seit dem 1. Januar jegliche Jagd auf Not- und Damwild auf Grund der Wildschutzoerordnung vom 8. Mai 1929 verboten. Das Wild steht meist noch in Rudeln zusammen, starke Hirsche aber sondern sich ab und beginnen gegen Ende des Monats mit dem Abwerfen des Geweihes.
Das Schwarzwild hat den milden Winter besonders angenehm empfunden. Ließ die ständige Möglichkeit des Brechens im frostfreien Boden es keinen Hunger empfinden, so verhinderte andererseits der Schneemangel eine erfolgreiche Bejagung.
Das Rehwild steht mit Vorliebe auf sonnigen Blößen und Hängen. Die Böcke haben schon stark Blößen und Hängen. Die Böcke haben schon wieder stark geschoben und erfreuen des Jägers prüfendes Auge.
Die H a f e n rammeln, und sicherlich werden schon im Februar hier und da Junghäschen gefunden werden. Hoffentlich nimmt auch das Frühjahr einen günstigen Verlauf und glaubt nicht das nachholen zu müssen, was der Winter an Kälte und Nässe versäumt hat.
Die Entenjagd ging zu Ende. Der frühzeitige Schluß wird hoffentlich bewirken, daß manche Ente, in der beginnenden Reihzeit ungestört, wieder bei uns brüten wird.
Lebhaft geht es bei dem Raubwild zu. Der Fuchs rollt, Marder, Iltis, Wiesel und Otter ranzen. Der Raubzeugjäger hat hohe Zeit.
Sprengen der Füchse mit Terrier oder Dackel aus dem Bau bringt manches Liebespärchen vor die Flinte. Es sei darauf aufmerksam gemacht, daß der Edelmarder nunmehr in ganz Preußen den gesetzlichen Schutz genießt, den ihm einzelne Provinzen schon länger zuteil werden ließen.
Der in Preußen bereits geschonte Dachs hat auch in Hessen ab 16. Februar Hegezeit. Denn nun wirft die Dächsin im alten Mutterbau 3 bis 5 Junge.
Gegen Ende des Monats pflegt auch der Schnepfenstrich einzusetzen, und es ist wohl ziemlich sicher zu erwarten, daß in diesem Jahr die „Erste" im Februar zur Strecke kommt. Allerdings handelt es sich dabei um Schnepfen, die bei uns überwinterten und wohl auch zur Brut schreiten würden. Der Zug setzt erst im März ein.
Richtiger Jagdschutz bleibt unverändert Pflicht des Reoierinhabers und des zuständigen Schutzpersonals. Zeiten wirtschaftlichen Niederganges bringen leider immer die Gefahr erhöhter Wilddiebstätigkeit mit sich. Besonders erfreulich ist, daß wenigstens in Preußen nunmehr ein wesentlich kräftigerer Jagdschutz gegen Hunde und Katzen möglich ist, wo das Recht zu ihrer Tötung z. T. noch auf Gesetze aus dem 18. Jahrhundert beruhte.
Einen unangenehmen Beigeschmack hat der Februar auch für den Weidmann. In Hessen wenigstens wird die Jagdpacht fällig! Außerdem aber steht manches liebgewordene und gehegte Revier vor der Neuverpachtung, und es fragt sich, ob es der seitherige Beständer auch fernerhin betreuen darf. Dringend zu wünschen wäre, wenn auch in diesem Jahre wieder wie in den Vorjahren neue Gemeinden dazu übergingen, auf 9 oder gar auf 12 Jahr zu verpachten. Abgesehen davon, daß für solche Jahre stets ein höherer Pachtpreis gezahlt zu werden pflegt, ist eine nachhaltige Nutzung, wie sie volkswirtschaftlich zu fordern ist, nur unter der Voraussetzung einer längeren Pachtdauer möglich.
Hubertus.
die Wiederherstellung des Pfarrhauses zu Münster der gemeinsamen Arbeit der Bürgermeister zu Münster und Ober-Bessingen zu verdanken ist, denn Ober-Dessingen trug die Hälfte der Crneuerungskosten. Cs soll keine Mißstimmung dahier deshalb entstehen und auch die Derdienste des Bürgermeisters Heß sollen damit nicht im geringsten geschmälert werden. Ober-Dessingen freut sich vielmehr, daß der Bürgermeister Heß durch das Vertrauen seiner Gemeinde nun auf neun Jahre gewählt wurde.
(Singefonöf.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem
Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Dom Bahnhof Trais-horloff.
Nachdem die Eisenbahnverwaltung für eine moderne Beleuchtungsanlage auf dem Bahnhof Trais- Horloff Sorge getragen hat, ergeht an sie hiermit die Bitte, den bei dem Tauwetter schlammigen Bahnsteig neu z u befiefen. Diese Maßnahme ist auch im Interesse der Sauberkeit der Personenwagen gelegen.
Viele Passagiere.
Der Mülleimer im Gießener Hausfrauenleben.
Wenn heute in Gießen zwei ober mehr Frauen beieinanderstehen, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß sich ihr Gemüt in bitteren Klagen erleichtert. Richt über ihre Dienstboten klagen sie heute — ach, die wirtschaftlichen Derhältnisse gestatten es ja nur noch den wenigsten von uns, sich den Luxus eines solchen Klageobjekts zu leisten! Rein die Hausfrauen jammern über den städtischen Mülleimer.
„Teilen Sie ihm umgehend mit, Sie könnten ihm heute noch nicht antworten. Er möchte — sagen wir — sechs Monate vergehen lassen und während dieser Zeit keine Annäherung versuchen. Sollte er dann nach Ablauf dieser Zeit noch derselben Meinung sein, meine liebe Sabine, dann, ja dann sagen Sie ja und machen Sie sich und ihn so glücklich, wie Sie es vermögen. Für den Augenblick bin ich auch dafür, daß Sie mit Ihrer Mutter von hier abreisen, aber — ja nicht etwa vergessen, mir Ihre Adresse zu geben."
„Aber feine Eltern?! Rie, niemals werden sie ihre Einwilligung zu unserer Derbindung geben."
„Dann heiraten Sie ohne ihre Einwilligung! Sehen Sie sich sofort hin und schreiben Sie ihm ein kleines Billett — ich werde schon Sorge tragen, daß es richtig in seine Hände gelangt. Aber ihn vor Ihrer Abreise noch einmal sehen oder sprechen, das dürfen Sie nicht."
Schloß Wildhofen war abermals in winterlicher Einsamkeit vergraben, denn alle Gäste, willkommene und unwillkommene, hatten es schon seit geraumer Zeit verlassen. Rur der Besitzer mit Gemahlin und Gesellschafterin nebst Dienerschaft hausten in dem großen, weitläufigen Gebäude.
Jeder einzelne hatte sich wieder seiner gewohnten Tätigkeit zugewandt, und die aufregenden Ereignisse der letzten Zeit erschienen ihnen wie ein Traum.
Die tägliche Lektüre der Zeitungen, die fast schweigend eingenommenen Mahlzeiten zu dreien in dem großen Speisezimmer, in dessen kahler Leere sich der zusammengeschobene Eß.isch förmlich zu verlieren schien, die träge dahinschlcichen- dcn Abende, an denen Doris ihrem Onkel vor- spieltc, bis er einzunicken begann, während Tante Hanna beim Schein einer niedrigen, grünverhüllten Arbeitslampe eifrigst für arme Kinder strickte — alles das ging seinen gewohnten Gang, und nichts deutet Darauf hin, daß es jemals anders gewesen war.
Aeußerlich wenigstens war alles beim alten, aber innerlich war mit dem jungen Mädchen eine große Veränderung vorgegangen. In ihrem Herzen hatte ein Gefühl Einzug gehalten, das darin einen immerwährenden Frühling schuf, eine Hoffnung, eine Glückseligkeit, wie sie sie nie im Leben gekannt.
TLie oft dachte Doris in diesen Tagen der Ruhe und Einförmigkeit errötend an ihre früheren, kindischen Empfindungen ihrem hübschen Detter gegenüber, an die Selbsttäuschung, in der sie sich befunden hatte. Jetzt wußte sie, daß er trotz seiner vielen liebenswürdigen Eigenschaften doch nicht der Mann war. den das Schicksal
Ich bin Mainzerin und als solche an ein abwechslungsreiches und phantasievolles Schimpfwörterlexikon von Jugend auf gewöhnt. Ich muß gestehen, daß mir der Oberhesse zuerst recht ärmlich vorkam, daß ihm führ Gefühlsäußerungen jeder Art einzig das Wort „Mißgeburt" zur Verfügung stand. Rachdem ich aber die Bekanntschaft des städtischen Mülleimers gemacht habe, muß ich zugeben, daß in einigen Fällen der Ausdruck „Mißgeburt" am Platz ist, einzig am Platz ist.
Ich bin in dieser Frage absolut neutral. Meine vorgesetzte Behörde, unser guter Förster, ist weit davon entfernt, sich mit der Erfindung vorschriftsmäßiger Mülleimer zu bemengen. Wir Frauen sind in unserem glücklichen Gemeinwesen auch so sehr in der Ueberzahl, daß er mit solcher Rationalisierung der Hauswirtschaft wenig Glück hätte. Der Gießener Mülleimer beschäftigt mich also nur, weil meine Gießener Freundinnen darunter seufzen. Auch werde ich gefragt, ob unseren Vertreterinnen im Stadtparlament Gelegenheit geboten worden ist, zu dieser nun wirklich vorwiegend weiblichen Angelegenheit Stellung zu nehmen, ob sie das Modell dieser überlebensgroßen Angströhre gesehen und gutgeheißen haben. Oder ob wir diesen neuen Mülleimer lediglich männlicher Erfindungsgabe verdanken.
Ich werde gefragt, ob die Abteilung „Hausfrauenbund" des Allg. Deutschen Frauenvereins nicht einmal die Reform des Mülleimers in die Hand nehmen könnte. Ich werde gefragt, auf welche Weise wohl im Stadtparlament eine Revision der Mülleimerverordnung könne angeregt und durchgefochten werden.
Liebe Hausfrauen, ich hatte neulich Gelegenheit zu sehen, wie ein biederer Bürger der Altstadt
für sie bestimmt hatte, selbst wenn — so fügte sie in ihrem Selbstgespräch gedankenvoll hinzu — auch kein anderer dagewefen wäre.
Aber — es war ein anderer da, und darin lag wahrscheinlich der ganze Gegensatz zu früheren Tagen.
•
Kurt von Wildhofen hatte sich auf eine lange Reise ins Ausland begeben. Den heimatlichen Iagdvergnügungen den Rücken kehrend, hielt er sich augenblicklich mit einem Freunde, der eine kleine Jacht besaß, an den Gestaden des Mittelländischen Meeres auf, um an der Küste von Albanien Schnepfen zu jagen. Kurt war davongegangen, um bis zu einem gewissen Termin die Zeit hinzubringen, und zwar, wie es die Männer zu tun pflegen, in einer nach Möglichkeit angenehmen Weise. Lieber seine Standhaftigkeit machte sich Doris leine Skrupel.
Inzwischen kämpfte sie daheim als Sabines treue Verbündete so manchen harten Kampf mit den Eltern ihres Vetters. Einstweilen hatte sie so gut wie noch keinen Erfolg zu verzeichnen; denn zu der Hartnäckigkeit bejahrter einseitiger Menschen kam hier noch der erschwerende Um- stand, daß deren strenges Rechtlichkeitsgcfühl aufs tiefste verletzt worden war. Zugleich hatten sie sich durch ihre Leichtgläubigkeit den schönen Betrügerinnen gegenüber geradezu lächerlich gemacht, und dieser letzte Umstand ließ sich fast am schwersten verwinden.
Doris war viel zu klug, um gegen einen so hartnäckigen Widerstand offen zu Felde zu ziehen. Sie schlug andere Wege ein, rühmte mit Wärme und Ausdauer, wie hoch Sabine doch über ihrer Mutter stände, pries ihre Schönheit und ihr gutes Herz und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um ihr braves, pflichttreues Auftreten am Schluß ihres so gewaltsam beenb:ten Besuchs in den Vordergrund zu stellen. Und noch mehr — sie suchte ihren Verwandten nahezulegen, daß Kurt alt genug fei, um seinen eigenen Weg zu gehen, und wahrscheinlich auch handeln würde, wie sein Herz es ihm gebiete. Sollte es da nicht besser sein, sich freiwillig seinen Herzenswünschen zu fügen, als gezwungenermaßen das Unabänderliche zu ertragen?
Viele Tropfen höhlen bekanntlich einen Stein, und so geschah es auch hier, daß durch unermüdliches, ausdauerndes Werben für die Sache der Liebenden Kurts Eltern sich nach und nach wenigstens an den Gedanken zu gewöhnen begannen.
Auf diese Weise waren einige Monate feit dem Tode von Philipp Klimar vergangen, und in Doris eigenen Angelegenheiten hatte sich nicht das geringste entschieden. Don Rechtsanwalt Hagenau hatte sie seit seiner Abreise kein Wort mehr gehört, was ihre Verwandten sehr in
höchstcigenhändig seinen Mülleimer vor die Haus- türe stellte. „Eigenhändig" gibt keine erschöpfende Darstellung des Abtransportes — er nahm auch sein rechtes Bein zur Hilfe, gab dem Mülleimer einen herzlichen Fußtritt und belegte ihn aus der Tiefe seines erzürnten Gemütes heraus mit dem oberhessischen Kosewort: „Mißgeburt".
Meine Damen, wenden Sie die ultima ratio des modernen Wirtschaftslebens an: den Generalstreik. Weigern Sie sich solidarisch, Hausfrau, Dienstmädchen und Putzfrau, dieses Geschöpf männlichen Rachsinnens, den Mülleimer, zu befördern. Rehmen Sie das Recht des schwächeren Geschlechtes für sich in Anspruch. Wälzen Sie diese stadtparlamentarische Mißgeburt auf den Mann ab. Stadtväter sind wie der liebe Gott am letzten Schöpfungstag: sie stehen be- wundernd vor ihrer Kreatur, dem Mülleimer und „finden, daß er gut sei". Mögen insonderheit jene von uns, die einen Stadtvater ehelich ihr eigen nennen, mit drakonischer Strenge darüber wachen, daß er tagtäglich die Beförderung „seines" Mülleimers selbst in die Hand nimmt. Wobei ich aus pädagogischen Gründen hoffen möchte, daß besagter Staotvater im dritten Stock wohnt, von kurzer Statur ist und über ein würdiges Bäuchlein verfügt. Rur so kann er ganz des hohen Genusses teilhaftig werden, feinen Mülleimer vor sich her balancierend nach den ihm unsichtbaren Treppenstufen mit den Füßen zu tasten oder die „Mißgeburt" auf jeder Stufe aufbollemd, zu Tal zu schleifen. In letzterem Falle ist es besser, wenn er dem Hausherrn nicht begegnet!
Rur wenn diese Maßnahme einheitlich von euch durchgeführt wird, liebe Gießener Hausfrauen, könnt ihr hoffen, das Stadtparlament für eure Beschwerden zu interessieren Dann aber wage ich euch zu versprechen, daß spätestens im März aus den Kreisen der Stadtväter selbst die Anregung zu einer Rovelle des Mülleimergesetzes kommen und vom Plenum einstimmig angenommen werden wird. Dann, aber auch nur dann Sophie Digener.
•
Bezüglich der Frage der Mülleimer möchte ich noch auf folgendes Hinweisen:
1. die Stadt zwingt die Einwohner, die von ihr vorgeschricbenen Mülleimer, in der von ihr vorgeschriebenen Form, Gröhe und Gewicht usw. anzuschaffen;
2. die Stadt übersieht dabei, daß viele i^rct Einwohner
a) infolge ihres Alters,
b) durch gesundheitliche, oder überhaupt Körperverhältnisse
nicht in der Lage sind, diese Mülleimer zu heben, oder gar zu tragen;
3. die Stadt übersieht, daß sie infolge dieser zwangsweisen Vorschrift doch Wohl für sämtliche Schäden und äußerlichen und innerlichen Derlehungen einzustehen hat, die sich dieser oder jener durch den Transport der für ihn zu schweren Mülleimer zuzieht.
Diele werden, gleich mir, den Versuch des Transportes gemacht und seine Unmöglichkeit erkannt haben. Was geschieht nun mit denen, die infolgedessen ihre alten Mülleimer benutzen? Werden diese tatsächlich ungeleert stehenbleiben? Ist alsdann die Stadt berechtigt, den Betrag für die Müllabfuhr, die nicht erfolgt, einzuziehen?
Warum läßt die Stadt nicht auch Mülleimer geringwertigeren und daher leichteren Materials zu? Sie kann auch bei diesen das Betriebsmonopol übernehmen. Die wiederholten Anschaffungskosten müssen die Bewohner doch in der eigenen Tasche suchen. H. W.
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Anmerkung der Redaktion: Rachdem das Mülleimer-Thema seit einer Reihe von Tagen an dieser Stelle in zahlreichen Einsendungen erörtert worden ist, schließen wir nun mit den beiden vorstehenden Meinungsäußerungen diese Aussprache in unseren Spalten.
Erstaunen zu versehen schien, da sie Doris immer aufs neue darüber befragten.
Als sie ihnen durchaus keine befriedigende Antwort zu geben vermochte, zogen sie aus seinem Stillschweigen den einzig möglichen Schluß.
„So hat er mit all feinen Aufmerksamkeiten doch nichts Ernstliches beabsichtigt!" bemerkte Herr von Wildhofen eines Tages zu feiner Gemahlin. „Diese Herren der Großstadt sind sich alle so ziemlich gleich; sie machen einem jungen Mädchen den Hof, dann gehen sie davon und kümmern sich nicht einen Deut um die Hoffnungen, die sie angeregt haben. Es ist doch im Grunde genommen recht verächtlich! Mir tut es leid um die kleine Doris. Ich habe aber getan, was ich konnte!"
„Run, ich bin nicht besonders traurig darüber", sagte seine Gemahlin, „Denn ich wüßte nicht, wer mir Doris ersehen sollte. Auch kann ich mich nicht so enttäuscht fühlen, denn ich habe, offen gestanden, an so ein außergewöhnliches Glück für dieses einfache, kleine Mädchen nie ernstlich glauben können."
Einige Tage später brachte sie Doris gegenüber zur Sprache, was ihr schon lange an dem Herzen gelegen hatte.
„Ich hoffe, du machst dir keine traurigen Gedanken, Doris!" begann sie, als ihr diese, über eine Handarbeit gebeugt, sehr schweigsam erschien.
„Traurige Gedanken, Tante? Worüber denn?“ „Heber den Rechtsanwalt, Kind! Ich glaube, du tust besser, ihn dir gänzlich aus dem Sinn zu schlagen."
Doris lachte ein wenig gezwungen.
„Woraus schließt du denn, Tante, daß er mir jemals im Sinn gesteckt hat?"
„Run, das wäre nicht so unnatürlich, mein Kind; denn es läßt sich nicht leugnen, daß er dir ungeNöhnlich viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Aber trotzdem scheint er dich vollkommen vergessen zu haben."
„Run, das ist ja eine Sache, die niemanden interessieren kann", war die lakonische Erwiderung des jungen Mädchens.
»TLas für eine unpassende Redensart, und wie leichtfertig du das sagst", tadelte die Tante Hanna in gereiztem Ton. „Uebrigens bin ich nur froh, daß du dir das Ganze so wenig zu Herzen nimmst."
Das hatte Doris nun keineswegs mit ihrer Bemerkung andeuten wollen: aber trotzdem versuchte sie keine Gegenrede. Ihr Glauben an Konrad Hagenau blieb unerschüttert. Sie wußte, daß er zu ihr zurückkehren würde und gab sich mit dem Gedanken zufrieden, daß er wohl einen sehr triftigen Grund für fein Schweigen haben mochte.
(Fortfetzung folgt.)


