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Nr. 2 Erstes Blatt

180. Jahrgang

Freitag, 5. Januar MO

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General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr Friedr Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.

Die Vorbereitungen der Haager Konferenz.

Alte und neue Männer im Haag.

Die schönste Stadt Hollands nennt man Den Haag, der eigentlich sGravenhage heißt. Amsterdam und Rotterdam sind größer, aber in der Politik bleibt der Haag mit seinen 416 000 Einwohnern doch der wichtigste Ort Hollands, und die großen Diplomaten aller Rationen, die sich fast alle von Angesicht zu Angesicht kennen, hoben sich im Haag mehr als einmal ein Stell­dichein gegeben. Schon im 17. Jahrhundert war der Haag ein Mittelpunkt der europäischen Diplo­matie: 1688 wurde dort ein Dreibund zwischen England, Schweden und den Riederlanden ge­schlossen, drei Jahre darauf trafen sich im Haag die deutschen Fürsten, 1710 fand in der holländi­schen Stadt eine Konferenz zwischen dem deut­schen Kaiser, England und den Ricderlanden statt, 1717 gingen dort Frankreich, England und Hol­land ein Bündnis ein und wurde der Friede zwischen Spanien, Savoyen und Oesterreich be­siegelt. Aus den letzten Jahrzehnten erinnert man sich der beiden Haager Friedenskonferenzen von 1895 und 1907 sowie der Einweihung des Friedenspalastes, zu dem Carnegie das Geld gegeben hatte, im Jahre 1913. 2m August 1929 trafen sich dann wieder die Diplomaten, um im Haag über den Voung-Plan zu beraten: es war eine andere Generation von Delegierten als vor dem Krieg, aber die meisten Teilnehmer kannten sich schon untereinander, sei es, daß sie im Bölkerüund in Genf, auf einer Abrüstungs­konferenz oder bei anderen politischen Kongressen einander kennengelernt, sei es, daß sie als Sach­verständige in Paris an gemeinsamen Beratungen teilgenommen hatten.

In den wenigen Monaten, die seitdem ver­gangen sind, hat sich in der europäischen Diplo­matie und in der Zusammensetzung der Regie­rungen viel geändert, und die neue Konserenz führt ganz andere Persönlichkeiten zu­sammen. B r i a n d , dessen geistreiche Reden von allen Zuschauern der großen internationalen Konferenz des letzten Jahrzehnts cöensrschr bewundert wurden wie seine grundsätzlich bügel- faltenlosen Hosen, ist zwar wieder erschienen. Aber sein großer Partner Stresemann kann sein Werk nicht mehr vollenden, und alle Mi­nister, alle Journalisten empfinden, welche Per­sönlichkeit aus ihrer Mitte verschwunden ist. Auch sonst weist die deutsche Delegation Süden auf. Der Reichsbankpräfident Schacht ist zu Hause geblieben, weil man seine Forderungen nicht bedingungslos angenommen hat, und Dr. H i l f e r d i n g , der noch im August als Reichs­finanzminister Stresemann zur Seite stand, mußte seinem Rachfolger Moldenhauer weichen. Schacht hat Hilferding gestürzt: aber die Zu­sammensetzung der deutschen Delegation beweist, daß es in diesem Ressortkrieg nur Besiegte und keine Sieger gegeben hat, denn weder der Rcichs- bankpräfident noch der gestürzte Minister neh­men an den entscheidenden Verhandlungen im Haag teil. In Pariser diplomatischen Kreisen hat man in diesen Tagen weniger über die Deutschen gesprochen, die zur Konferenz ge­fahren sind, als über den Reichsbankpräfidenten, der zu Hause geblieben ist, weil sein Fern­bleiben auf eine konziliantere Tonart der Ver­handlungen schließen läßt. Delegierte, die die Konferenz nicht besuchen, obwohl sie eigentlich dorthin gehören, erregen auch in anderen Län­dern größte Aufmerksamkeit.

In England und in Deutschland unterhält man sich besonders viel über den englischen Außenminister Henderson, der vor ein paar Monaten im Haag eine große Rolle gespielt hat, diesmal erber ostentativ darauf verzichtet, in die Verhandlungen einzugreifen, und der lieber zu einer unwichtigen Ratsbesprechung nach Genf fährt, um der neuen Haager Konferenz jede Möglichkeit zu politischen Aussprachen zu neh­men. Die englische Reg'erung wünscht, den finanz­technischen Teil zum Abschluß zu bringen und alle anderen Angelegenheiten unerörtert zu las­sen. -Dennoch kann man vom britischen Stand­punkt aus nicht behaupten, daß England im Hoog schlecht vertreten sei. Der Delegations- sührer ist Philipp Snowden, der zur ersten Konferenz alsneuer Mann" erschien, dessen hartgeschnittenes Gesicht mit dem dünnen, ener­gischen Mund aber den Diplomaten längst ver­traut geworden ist. Der gebrechliche Mann, der stets an zwei Stöcken geht, hat sich den bei internationalen Verhandlungen wenig geschätzten Beinamen eines Kämpfers redlich verdient: er hat die englischen Interessen mit einer Hart­näckigkeit, fast könnte man sagen, mit einem Fana­tismus vertreten, der ihm in Frankreich wenig Sympathien eingetragen hat. Zu seiner Unter» stützung wird er von dem britischen Handels- ministec Graham begleitet. Als diplomatischer Berater kommt der Gesandte Sir Eric P h i p p s aus Wien und schließlich ist es nicht weit von London tzum Haag, falls sich die unbeliebte poli­tische Aussprache nicht vermeiden lassen sollte: dann kann dem britischen Schatzkanzler schnell ein weniger angriffslustiger Kollege zu Hilfe eilen.

Don den großen Delegationen Pflegt sich die französische Abordnung am wenigsten in ihrer Zusammensetzung zu ändern. Ratürlich Briand! Aber auch Loucheur darf nicht fehlen. Loucheur ging aus dem Krieg als einer der wohlhabendsten und vielleicht sogar als der reichste Mann Frankreichs hervor. Er hat seine

Laufbahn in einer Umgebung bürgerlicher Enge begonnen: sein Großvater hat noch am Webstuhl gesessen, sein Vater war Baumeister, und der junge Loucheur fing am Polytechnikum an, das er schon mit 21 Jahren mit Glanz absolvierte. Dann ging er zur elektrischen Industrie, arbeitete in Frankreich und in den Kolonien, auf dem Balkan und in Syrien, und als der Krieg aus- brach, stand er an der Spitze derSociete Generale d'Entreprise", die die erste große Konzernbildung dieser Art gewesen ist. Im Krieg wurde er tech­nischer Beirat von Albert Thomas, der jetzt Direktor des internationalen Arbeitsamtes ist, und bewährte sich als glänzender Organisator. Loucheur kennt Deutschland, das er oft besucht hat, und wird als politischer und wirtschaftlicher Sachverständiger im Haag eine bedeutende Rolle spielen. Zur franz'.s scheu Delegat'.oi g.hört ferner der Finanzminister Cheron, aus dessen Lauf­bahn es eine lustige Anekdote gibt. Als Cheron noch als Rechtsanwalt in Lisieux wirkte, hielt er eines Tages in einem Derleurndungsprozetz ein meisterhaftes Plädoyer und zeichnete den Richtern das Bild eines Verleumders, der un­schuldig wie ein Lamm toärcl Kaum hatte er seine Rede beendet, so erhob sich der gegnerische An­walt und erklärte zu Cherons begreiflicher Ver­blüffung:Das Plädoyer war ausgezeichnet, und ich verzichte aus das Wort, da mein Kollege Cheron versehentlich die Mandaten verwechselt und meine Partei verteidigt hat." Tatsächlich hatte Cheron in der Eile die Akten nur flüchtig durchblättert, und da ihm andere wichtigere Pro­zesse im Kopf herumgingen, ergriff er aus Un­achtsamkeit die Partei seines Gegners. Leider kann man nicht damit rechnen, daß dem Minister Cheron das Mißgeschick des Rechtsanwalts noch einmal widerfährt, denn er soll nun höllisch aus- p assen.

Auch unter den Franzosen erscheint ein neuer Mann, Herr Tardieu, der erst Anfang Ro- Dcmber die Regierung übernommen hat und nun

die Interessen seines Landes selbst vertreten will. Tardieu war im Jahre 1897 Attache der französischen Botschaft in Berlin, hielt sich aber nicht lange in Deutschland auf, dessen Freund er niemals gewesen ist. Er ist jetzt 53 Jahre alt, ein stattlicher Mann, der wie ein General­direktor wirkt, und dessen Rednertalent unbestrit­ten ist. In den Zug, der die französische Dele­gation von Paris nach dem Haag bringt, ist in Brüssel der Vorsitzende der Konferenz, der belgische Premierminister I a s p a r, eingestie- gen. Er ist Mitglied der klerikalen Partei und gehört zu der antiflämischen Minderheitsgruppe. Die deutsche Delegation besteht aus dem Außenminister C u r t i u s , der schon bei der ersten Konferenz als rechte Hand Stresemanns galt und dem jetzt Dr. Moldenhouer zur Seite steht. An den Verhandlungen nehmen fer­ner Dr. Wirth, der neue Wirtschaftsminister Robert Schmidt, der Staatssekretär des Aus­wärtigen Amtes von Schubert, der Chef der Reichskanzlei Staatssekretär P ü n d e r , und der soeben ernannte neue Staatssekretär im Reichsfinanzministerium Schäffer teil, der der Rachfolger des zurückgetretenen Staatssekretärs Popih ist. Als Sachverständiger ist der Delega­tion der bekannte Hamburger Bankier M e l - chior beigeordnet. Oesterreich entsendet sei­nen neuen Bundeskanzler Dr. Johann Scho­ber, der jetzt 55 Jahre alt ist. Er hat sein Qlmt erst Ende September angetreten und erscheint daher im Haag als eine neue Größe, obwohl er in der internationalen Politik längst Weltruf genießt. Aus Ungarn kommt Graf Beth - len in Begleitung mehrerer Minister, der Chef der rumänischen Delegation ist der Außen­minister Mironescu, Italien schickt sei­nen Finanzminister Mosconi und den Außen­minister Gr an di, während Japan sich damit begnügt, seinen Pariser Botschafter A d a t s ch i mit der Wahrnehmung seiner Interessen zu be­trauen.

Sanktionen und Ioungplan.

Puris, 2. Jan. (WB.) Das Gewerkschaftsblatt Le Peuple" fragt, ob die französische Delegation im Haag die 'eanttionsfrage, von der doch im August nicht die Rede gewesen sei, aufwerfen werde und besonders, ob sie verlangen werde, daß im Falle der Nichtausführung des Houngplans durch Deutschland die Gläubigermächte Zwangsmaßnah­men anwenden, vor allem das Rheinland wieder besetzen könnten. Das Blatt wendet sich wie gestern bereits derSoir" gegen eine derartige Möglichkeit, es schreibt: Die Sanktions- frage kann nicht aufgeworfen werden, ohne den -Grundsatz der geplanten Regelung selbst in Frage zu stellen. Das Charakteristikum des 2)oung- plans ist, irgendwelche politische Garan­tien durch einen finanziellen Mecha­nismus z u ersetzen. Der grundlegende Ge­danke der Ausführung ist, daß Deutschland sich sei­nen Berpslichtungen nicht entziehen kann, ohne seinem Kredit Schaden zuzufügen und daß, wie die Erfahrung lehrt, die sogenannte Ausführungspoli­tik ein sicheres Mittel ist, Deutschland außer Stand zu setzen, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Man darf nicht sagen, daß derartige Garantien zur Siche­rung der Kommerzialisierung unerläßlich sind; ge­rade das Gegenteil ist de'r Fall. Keine Mobilisierung der deutschen Schuld wird möglich sein, wenn die Eventualität der Wiederbesetzung irgendeines Teiles deutschen Gebietes fortbesteht. Sollte Frankreich also eine derartige Forderung stellen, dann würde es sich im Haag isolieren. Die Regelung der deutschen Schuld wird die vor­zeitige Rheinlandräumung zur Folge haben. Diese Konsequenz kann man nichtwieder in Frage ft e 11 e n.

Der BerlinerVorwärts" kommt ebenfalls auf die Sanktionsfrage zu sprechen. Zwischen Deutschland und den Gläubigerstaaten genauer gesagt zwischen Deutschland und Frankreich, das deshalb auch den Ministerpräsidenten Tardieu entsendet gebe es nur eine Streitfrage: Die Sanktionen. So­ziologisch und ökonomisch gesehen, sei der Gedanke absurd, Frankreich dürfe auf das Recht auf mili­tärische und andere Sanktionen gegen Deutschland im Falle einer absichtlichen Zahlungsoersäumnis zu­rückgreifen: Nichts würde eine Stockung deutscher Zahlungen so verschärfen und seine voll ge Zahlungs- ' Unfähigkeit so sicher herbeiführen wie die Drohung und Durchführung von. Sanktionen es brauche nur an die katastrophale Währung-Zerrüttung von 1923 erinnert zu werden. Juristisch sei die Idee auch nur den Schein eines Rechts auf Sanktionen zu be­wahren, nicht weniger verdreht: Habe doch der Vertrag von Locarno für alle Zukunft Ge- waltmaßnahmen von der Art des Ruhreinbruchs ebenso gut wie den Krieg selbst zwischen den beiden Nachbarvölkern ausgeschlossen. Der Plan, das Sanktionsrecht aufrechtzuerhalten, wäre um so ab­surder, als die R e p t o endgültig und für immer verschwinde also die Instanz, die einzig dazu berechtigt gewesen sei, eine deutsche Verfehlung fcstzuftellen, auf die hin die Gläubiger­regierungen Sanktionen hätten unternehmen dürfen. Reparationssanktionen ohne Reparationskommission wären gerade im Sinne des Versailler Vertrages eine völlig törichte in s i ch haltlose Vorstellung. Der französische Nationalist klam­mere sich trotzdem an sie. Die Angst vor den Sank­tionen existiere nicht sür die britische Arbeiterregie­

rung, ebenso wenig sei von ihr die französische oder die deutsche Sozialdemokratie befangen. Aber die Angst vor den Sanktionen ist nun einmal eine Realität in den heute noch mit- oder vorherr- . sehenden Schichten des kontinentalen Europas. Des­halb habe man sich in Verhandlungen zwischen Paris und Berlin bemüht, auch hier "eine Kontor- b i e n f o r m e l zu finden, um die geängstigten Ge­müter zu versöhnen.

ppincare über den Noungplan.

TaS besetzte Rheinland als (Garantie.

Paris, 2. Jan. (WB.)Homme Libre" gibt Stellen aus einem neuen, in der in Buenos Aires erscheinenden ZeitungRacion" veröffentlichten Artikel Poincares wieder, der sich mit den Bedingungen und Folgen der Ausführung des Voungplanes beschäftigt. Es genügt nicht, so heißt es u. a., daß die Gläubiger Deutschlands sich über sämtliche Bestimmungen des TZoungplans und die Internationale Bank einigen; es genügt auch nicht, daß die Ausführungsgesetze in Berlin, Paris, Rom, London und Brüssel angenommen werden. Es genügt ferner nicht, daß jedes dieser Länder die Ratifizierung vollzieht. Vor allem ist es notwendig, daß Deutschland sich finanziell in die Lage seht, den Voungplan auszuführen, andernfalls würde man ein schönes Gebäude auf einemSandhausen errichtet haben. Deutsch­land muß wissen, daß dies die Bedingung ist und daß im Fall ihrer Richterfüllung das als GarantienochbesehteRheinland 1930, also fünf Jahre vor der im Versailler Vertrag vorgesehenen Frist, nicht geräumt werden kann. Diese Besetzung ist das eine uns für die Regelung des Problems der versprochenen Re­parationen noch verbleibende Pfand. Wir können nur darauf verzichten, wenn Deutschland sich ehrlich bemüht, die herabgesetzten Poungplan- ennuitäten zu erfüllen. Im Eingang seines Ar­tikels sucht Poincare das Verhalten' Dr. Schachts zu würdigen, dessen Memorandum zweisellos der deutschen Regierung keinen Dienst geleistet und auch der Vorbereitung des Poung- plans nicht genützt habe, der jedoch und dar­aus komme es vor allem au über die F i - nanzreform in Deutschland gewacht zu haben scheine.

Die Osireporationen im Haag.

Haag, 2. Jan. (Tel.-Lln.) Der bisher noch völlig ungewissen Regelung der Ostreparationen wird auf französischer Seite besonderes Gewicht beigelegt. Man scheint die Absicht zu haben, die Konserenzverhandlungen mit diesem Punkt z u eröffnen. Die Schwierigkeiten mit Bul­garien werden im großen als überwunden an­gesehen. Der Hauptstreitpunkt mit Dlngarn liegt im wesentlichen in der Forderung der Klei­nen Entente, daß Ungarn auf Artikel 230 des Vertrages von Trianon verzichten soll, der die schiedsgerichtliche Regelung von Streitfragen vorsieht. Ungarn lehnt es nach wie vor ab, auf diesen einzigen, für Ungarn günstigen Artikel zu verzichten. Auch der neue Vorschlag Ungarns, für die Zeit von 1934 bis 1965 eine Entschädigungs­summe von 260 Millionen Goldkronen zu überneh­

men, die bei der B. I. Z. diskontiert werden soll, wobei der Ertrag der Diskontierung den ungarischen Optanten zugute­komme, stößt auf den Widerstand der Mächte der Kleinen Entente.

Die endgültige Streichung der öster­reichischen Reparationsschuld dürste jedoch kaum auf Schwierigkeiten stoßen und scheint bereits in diplomatischen Vorverhandlungen ge­regelt zu sein. Die Anwesenheit des Bundes­kanzlers Schober soll in erster Linie den Vor­verhandlungen für die österreichische 700 Millio­nen Schilling- Auslands-Anleihe gelten, über deren endgültige Aufnahme Schober sodann anschließend in London, Paris und Rom verhan­deln wird.

London und die Haager Konferenz.

Man wünscht keine nencn Schwierigkeiten.

L o n b o n, 2. Jan. (TU.) Der Auftakt zur zweiten Haager Konferenz ist auf englischer Seite wenig beachtet worden. Aus Anlaß der '2lbreife des Schatz­kanzlers Snowden und des Handelsininisters Graham am Donnerstag befassen sich zwar einige Blätter, wieManchester Guardian" undEvening Standard" mit den zur Verhandlung stehenden Fra­gen, aber im allgemeinen wiegt die Einstellung vor, daß sich auf der Konferenz wirklich bedeutsame Schwierigkeiten nicht mehr ergeben dürsten. Diese Auffassung erklärt sich zweisellos zu einem recht erheblichen Teil aus dem verständlichen Wunsch Englands, Schwierigkeiten angesichts der internationalen Lage lind der bevorstehenden Flot­tenkonferenz unter allen Umständen z u vermeiden und demzufolge die bestehenden Mei­nungsverschiedenheiten zu verkleinern.

Jin Vordergrund des Interesses steht die Internationale Bank und hier vertritt wenigstens derManchester Guardian" die Auf­fassung. daß es angesichts der deutschen Oppo­sition gegen London als Sitz der Bank auf lange Sicht vielleicht auch finanziell nicht sehr lohnend war durch die Zurückhaltung einiger Millionen Pfund deutscher Llguidationsüber- schüsse einen wirklichen englisch-deutschen Aus­gleich zu erschweren. Reben diesem englisch- deutschen Fragenkomplex wird auf englischer Seite vor allem der Frage der Ostrepara­tionen, daneben aber auch den deutschen Sachlieferungen erhebliche Bedeutung bei­gemessen.

Die Abwesenheit des Außenministers Hen­dersons, die sich mindestens zum Teil aus dem Beginn der Dölkerbundstagung am 13. Januar erklärt, kann als Anzeichen dafür angesehen werden, daß man in London keinerlei ernste Befürchtungen mehr hat, daß es wegen der von französischer Seite angeschnitte­nen Sanktionsfrage zu neuen Verwick­lungen kommen könnte.

Indiens Kampf um die Autonomie.

Eine Unabhängigkeilskundgebung am 25. Januar.

Lahore, 2. Jan. (WTB.) Der von dem eben beendeten indischen Rationalistenkongreh einge­setzte Ausschuß hat beschlossen, am 25. Januar in ganz Indien eine Demonstration für d ie neuen Ziele des Kongresses zu veran­stalten, nämlich für eine Autonomie, die der völligen Llnabhängigkeit gleich- tommt. Der Präsident des Kongresses ist ermäch­tigt worden, sämtliche den verschiedenen gesetz­gebenden Versammlungen angehörenden, natio­nalistischen Mitglieder zur sofortigen Rie­derlegung ihrer Mandate cmfzufordern. Die Organisierung einer allgemeinen Ver­weigerung der staatsbürgerlichen Pflichten ist, wie verlautet, vorläufig noch nicht in Aussicht genommen, und zwar beabsichtigt man, wie es heißt, abzuwarten, ob irgendwelche Zwangsmaßregeln v onRe - gicrungSfcitc vielleicht einen geeigneten Vorwand für eine derartige Aktion liefern.

Moskauspropaganda in England Eine neue kommunistische Zeitung greift die Arbeiterrcgieruug an.

London, 2. Jan. (WTB.)Evening Rews" behauptet, daßeine diplomatische Krisis ersten Ranges" drohe, weil das vom russi­schen Botschafter in London gegebene Versprechen, daß in England keine revolutionäre Propaganda gemacht werden würde, ge­brochen worden sei. Das Blatt meint damit die heute von der neuen kommunistischen TageszeitungDaily Wörter" ver­öffentlichte Erklärung des Hauptquar­tiers der kommunistischen Interna­tionale in Moskau, in der der britischen Arbciterr:g';crung ..Anäscwjct.ntrig n, koloniale Brutalitäten und Vorbereitungen für einen im­perialistischen Krieg" vorg:wor,en w rden.Eve- ning Rews" behauptet tocitir, Macdonald ziehe persönliche Erkundigungen wegen dieses neuen Ausbruches bolschewistischer Propaganda ein und habe heute deswegen aus Schottland in telepho­nischer Fühlung mit London gestanden. Hohe