Nr. 250 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Donnerstag, 2. Oktober MO
Aus der Provinzialhauptstadt.
Sieben, den 2. Oktober 1930.
SS geht auch ohne tschechische Erzeugnisse!
Dor wenigen Tagen berichtete die Presse über wüste deutschfeindliche Ausschrer - tungen in Prag, die eine Folge der seit langer Zeit von den tschechischen Rationallsten betriebenen Deutschenhehe waren. Tausende von deutschfeindlichen Demonstranten überfielen in Prag olles was nur irgendwie an das Deutschtum erinnerte, verprügelten deutsch sprechende Personen zerstörten deutsches Gut und erzwangen die Äseyuna deutscher Filme in den Prager Lichtspielhäusern. Während der mehrtägigen Ausschreitungen der aufgehetzten Menge und deS Pöbels blieb bezeichnenderweise die Polizei zum größten Teile völlig untätig, was eindeutige Rückschlüsse auf die Geistesverfassung der behördlichen Organe in der Tschechoslowakei zuläßt.
Aus diesen deutschfeindlichen Kundgebungen spricht ein so tiefer Hatz der Tschechen gegen das Deutschtum, dah man in Deutschland, trotz der amtlichen Verwahrung der Reichsregierung daran nicht achtlos vorübergehen darf. In Deutschland wird vielfach das aus der tschechischen Stadt Pilsen kommende Vier in erheblichen Mengen abgesrht. Der tschechische Schuhkönig Data hat jetzt schon starken Einfluß auf einen großen Teil des Schuhhandels in Deutschland, tschechische Kunstgemeinschaften läßt man in Deutschland ungestört auftreten und spendet ihnen Beifall. Und trotzdem eine solche wüste und unaufhörliche Deutschenhehe!
Da müssen wir Deutsche uns doch fragen: Sollen wir uns zu diesen Haß- und Terrorakten, die sich gegen unsere deutschen Volksgenossen in der Tschechoslowakei und gegen alles Deutschtum richten, gleichgültig verhalten? Wäre es ”idjt vielmehr angebracht und geradezu eine Selbstverständlichkeit, daß wir durch Gegenmaßnahmen die Tschechen unsere Abwehr an der Stelle fühlbar werden lassen, wo sie am empfindlichsten sind, nämlich am Geldbeutel!
Wir meinen, der Deutsche könnte auch sehr gut ohne Pilsener Vier aus der schechi- schon Stadt Pilsen leben. Die einheimischen Vrauercien, darunter auch unsere obcrhessische Vrauindustrie, können dem Viertrinker ein mindestens ebenso gutes Glas Bier nach Pilsener Art darbieten, so daß er auf das Gebräu aus der Tschechoslowakei verzichten und das einheimische deutsche Bier trinken sollte, älebrigens würden dadurch die deutsche Industrie und der deutsche Arbeiter unterstützt und nicht Geld einem Staate Angeführt, der es wieder zur Bekämpfung unseres Volkstums benutzt. Das gleiche gilt für die Schuhe des tschechischen Schuhkönigs Bata. Auch hier sollte man auf das tschechische Fabrikat künftighin verzichten und in den Geschäften nur deutsche Ware verlangen. Die Schuhindustrie im Offenbacher und Frankfurter Wirtschaftsbezirk, sowie in der Pfalz kann das Geld der deutschen Volksgenossen sicherlich besser gebrauchen, als es bei den tschechischen Deutschfeinden angebracht ist. Unb schließlich könnten viele Deutsche wohl auch darauf verzichten, ihre Sommerreiscn nach Karlsbad oder Marie nb ad zu unternehmen, da es erfreulicherweise deutsche Bäder gibt, die ihnen die gleichen Annehmlichkeiten des Daseins bieten können.
Darum sei die deutsche Antwort auf die Schandtaten der tschechischen Deutschenfeinde: Kauft keine tschechischen Waren, meidet beim Reisen dieTschechoslowakei!
Daten für Freitag, 3 Oktober
Sonnenaufgang 6.03 Uhr, Sonnenuntergang 17.35 Uhr. — Mondaufgang 16.41 Uhr, Monduntergang 0.47 Uhr.
1859: die italienische Schauspielerin Elenora Düse in Vigeoane geboren.
Henry Ford in Oberammergau: Der amerikanische Automobilkönig begibt sich zum Passionssp ieltheater.
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Oer Stahlhelm geht an den Rhein.
Man schreibt uns: Während in den drei verflossenen Iahren die Frontsoldatentage des Stahlhelm in gewaltigem Ausmaße in Berlin, Hamburg und München stattsanden, bestimmte die Dundessührung des Stahlhelm als Ort für den 11. Reichsfrontsoldatentag den Raum zwischen Dingen und Andernach, also den schönsten Teil des Mittelrhcins. So wird der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, am 4. und 5. Oktober über hunderttausend feiner feldgrauen Kameraden in die Orte beiderseits des Rheins von Reuwied bis Rüdesheim und von Andernach bis Dingen cinmar- schieren lassen.
An Veranstaltungen sind vorgesehen: Am 3. Oktober eine öffentliche Kundgebung in Koblenz, in der der Gründer und erste Dundes- führer Franz Seldte programmatisch zu den Rheinländern sprechen wird. Am gleichen Tage findet ein Presseempfang statt, ebenso auch ein Empfang von Vertretern der Behörden, Männern aus Wirtschaft, Handel und Industrie, Wissenschaft und Kunst.
Am Vorabend des Pflichtfrontsoldatentages, also am 4. Oktober, werden bei Einbruch der Dunkelheit, beginnend am Rationaldenkmal in Rüdesheim, fortlaufend von Berg zu Berg Stahlhelm Wachtfeuer entzündet, bis die Feuerkette am Ehrenbreitstein geschlossen ist. Wenn die Wachtfeuer in der Rächt verglimmen, werden viele taufend Stahlhelmkameraden das Feuer auf Fackeln weitertragen. Am Deutschen Eck, an dem sich truhig das gewaltige Denkmal des alten Kaisers erhebt, "find Tausende von Stahlhelmfahnen aus dem ganzen Deutschen Reich versammelt. Die Fackeln leuchten ihnen in der Rächt, während deutsche Musik ihr Lieh kündet. Der Zapfenstreich beschließt den Vorabend des Frontsoldatentages.
In der Frühe des Sonntags, 5. Oktober, setzen sich die Stahlhelmmassen von den Ufern des Rheins in Bewegung und fluten mit allen nur denkbaren Verkehrsmitteln nach Koblenz hinein. Ihre Zusammenballung vollzieht sich auf der Karthause zum Reichsfrontsoldatenappell. Hier liegt der Schwerpunkt des Reichsfroptsoldatentages. Er setzt mit einer Ehrung der Gefallenen ein. Programmatische Kund- |
gedungen der beiden Bundesführer und das Abfchreiten der Front sind der Höhepunkt des Tages. Dann wird sich der feldgraue Marsch von der Höhe der Karthause herab durch die Straßen von Koblenz zum alten Schloß bewegen, vor dessen Säulen in stundenlangem Vorbeimarsch die Bundesführer den Ausdruck einmütiger Treue ihrer Kameraden entgegennehmen.
Auf dem Wege nach Koblenz haben bereits eine ganze Anzahl Stahlhelmer Gießen passiert, so eine Fuhmarschgruppe aus Kiel, Radfahrergruppen aus Brandenburg und Ostpreußen, während ein weiterer größerer Teil der Kraftfahrkolonnen unsere Stadt in der Rächt zum Montag und bis Montagnachmittag auf der Rückfahrt von Koblenz berühren wird. Wer erhält Mieiberechiigungsscheine?
Rach dem Entwurf der Bestimmungen über die Einführung von Mietberechtigung s- scheinen in Gießen, die — wie in unserem gestrigen Bericht über die Stadtratssitzung mitgeteilt — vom Stadtrat auf Antrag der Stadtverwaltung beschlossen wurde, sollen Mietberechtigungsscheine ausgestellt werden:
a) Inhabern selbständiger Wohnungen, wenn sie untergebracht sind in gesundheitsgefährlichen Räumen, überfüllten Räumen und solchen, die den sittlichen Anforderungen nicht genügen (Unmöglichkeit der Geschlechter trennung), Räumen, in denen eine Trennung von Familienangehörigen mit ansteckender Krankheit (offener Tuberkulose) unmöglich ist, Räumen, die auf Grund baupolizeilicher Anordnung oder aus sonstigem öffentlichen Interesse geräumt werden muffen;
b) Inhabern selbständiger Wohnungen, die durch Räumungsurteil obdachlos geworden sind:
c) Inhabern selbständiger Wohnungen, die die Wohnung auf Grund eines rechtskräftigen vollstreckbaren Räumungsurteils oder eines gerichtlichen Vergleichs räumen müssen, oder gegen Crsahraumzuweisung gemäß § 36 des Gesetzes über Mieterschutz und Mieteinigungsämter zur Räumung verurteilt sind,
d) Personen, die berechtigt sind, eine selbständige Wohnung zu beanspruchen, wenn sie aus dem Ausland, ober den Okkupations
gebieten vertrieben sind. Der Anspruch ist erloschen, wenn der Vertriebene nach seiner Verdrängung eine selbständige Wohnung innerhalb des Reichsgebiets innehatte, e) Schwerkriegsbeschädigten (50 Prozent und mehr), soweit sie keine eigene Wohnung haben,
f) allen übrigen dringend Wohnungsuchenden, die sich vor dem .... bei dem Wohnungsamt gemeldet haben.
Rach § 8 der Bestimmungen bleibt das Recht des Wohnungsamtes, in besonderen Fällen nach eigenem Ermessen Mieter zuzuweisen, ausdrücklich Vorbehalten.
Die Bestimmungen werden nach Genehmigung durch den Minister für Arbeit und Wirtschaft demnächst in Kraft treten.
Oer heutige Wochenmarkt.
Bäuerinnen, Händlerinnen sitzen wartend hinter ihren Körben. Die Kundschaft stellt sich nur spärlich ein. Die Anfuhr an Obst und Gemüse war sehr reichlich, es gab vielerlei zu laufen, der Herbst hatte feine ganze Fülle über den Markt gebreitet. Ueppigste Farbenpracht beherrscht die Blumenstände, Freilandrosen gab es sehr viele, aber auch hier müssen die Händler das meiste wieder mit nach Hause nehmen. Die goldene Herbstsonne belebt wohl das Bild des Marktes, aber sie konnte es nicht mehr verhindern, dah Käuferinnen und Verkäufer leicht fröstelten ...
Es kosteten: Butter 160 bis 170. Kochbutter von 130 an, Matte 30 bis 35. Wirsing 8 bis 10, Weißkraut 5 bis 8, Rotkraut, gelbe und rote Rüben 9 bis 10. Spinat und Bohnen 15 bis 20, Unter-Kohlrabi 6 bis 8. Feldsalat 100 bis 120, Tomaten 15 bis 20. Zwiebeln 10 bis 12, Meerrettich 50 bis 80. Schwarzwurzeln 40 bis 60, Kürbis 8 bis 10, Kartoffeln 3,5 bis 4, Falläpfel 8 bis 10, Aepfel 20 bis 35, Dirnen 15 bis 30, Dörrobst 30 bis 35. Zwetschen 20 bis 25. Rüsse 40 bis 60, Preißelbeeren 45 bis 50, Honig 40 bis 50, junge Hähne 100 bis 110, Suppenhühner 100 bis 110 Pfennige das Pfund; Käse (10 Stücks 60 bis 140 Pfennige; Tauben 50 bis 70, Eier 14. Dlurnen- kohl 30 bis 70. Salat 10 bis 15, Salatgurken 10 bis 30, Endivien 10 bis 15, Ober-Kohlraü 6 bis 10, Lauch 5 bis 10. Rettich 10 bis 15. Sellerie 10 bis 50 Pf. das Stück; Radieschen 10 bis 15 Pf. das Dund; Kartoffeln 2,80 bis 3 Mk. der Zentner.
Vornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Lichtspielhaus Bahnhofstrahe: „Die Affäre des Hauptmanns Dreysus." — Astoria-Lichtspiele: „Die Iagd nach der Million."
— Stadttheater Gießen. Man schreibt uns: Morgen findet das erste und in diesem Monat einzige Operettengastspiel der Vereinigten Operettentheater Bochum-Hamborn statt. Zur Aufführung gelangt Lehars Schlageroperette „Das Land des Lächelns". Die Operette hatte bisher nur durchschlagende Erfolge. In Gießen wird „Das Land des Lächelns" mit seiner melodienreichen Musik, sowie seinen dankbaren Rollen lebhaften Beifall finden. Diese Operette wird im Operettengastspielplan nicht mehr wiederholt.
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* D i e Hindenburgspende 1 9 3 0. Wie erinnerlich, hat der Gießener Stadtrat durch Beschluß vom 30. September 1927 aus Anlaß des 80. Geburtstages des Reichspräsidenten t>. Hindenburg eine (Stiftung von jährlich 500 Mk. errichtet. Die Vergebung dieser Stiftung für das Iahr 1930 ist heute im Stadthaus Gartenstraße 2 an die durch den Beirat für Kriegerfürsorge vorgeschlagenen Personen erfolgt. Es wurden zehn Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterbliebene mit je einer Gabe von 50 Mk. bedacht.
* * Von derKraftpostlinieGießen — Hoch elheim. Wie wir hören, hat die Ober- postdirektion in Darmstadt die von dem Bürger-
Gießener Giadttheater.
Carl Zuckrnayer: „Lchindcrhanncs".
... „So e Lied hört ma nit alle Tag. Da läusts eim ja kalt über de Buckel!"
Wir haben den „Schinderhannes" vor über zwei Iahren, anläßlich der Frankfurter Aufführung, eingehend besprochen; wir haben ihn inzwischen noch einmal geles-n und finden keinen Grund, unser damals ausgesprochenes Urteil zu ändern. Wir halten das Schauspiel vom Hunsrücker Räuberhauptmann Iohann Dückler auch heute noch weitaus für das stärkste unter Zuckmahers Dramen, — die neuesten Stücke. „Straßburg" und den „Hauptmann von Köpenick" kennen wir noch nicht — neben den Gedichten und den Rovellen für das künstlerisch Reifste, was der Racken- heimer bisher überhaupt geschaffen hat.
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Lind man darf heute — gerade nachdem wir in jüngster Zeit mit dem Kleistpreisträger Lernet- Holenia so ungemein peinliche Lleberraschungen erlebt haben — wiederholen, worauf wir schon in der damaligen Besprechung hinwiesen: der Doktor Paul Fechter hat einen glücklichen Griff getan, als er vor Iahren den „Fröhlichen Weinberg" mit der gewichtigen und verpflichtenden Auszeichnung bedachte; er hat recht behalten und keine Enttäuschung zu erleben brauchen. Zuckmaher ist seitdem immer besser geworden und längst über das Glückslustspiel innerlich hinousge- wachsen, das ihn mit einem Schlag in ganz Deutschland berühmt gemacht hat.
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Wie aber dieser Kleistpreis seinerzeit ausdrücklich den entscheidenden Durchbruch aus der ^Literatur" zu einer neuen Wirklichkeit bestätigen und anerkennen sollte.... mehr die im Stück sich kundgebende Entwicklung seines Schöpfers als das mit mancherlei Mängeln behaftete Werk selbst. — so ist im „Schinderhannes" wieder ein bedeutsamer Schritt nach vorwärts getan: von jenem, auf den ersten Blick verblüffenden und bezaubernden Realismus im „Fröhlichen Weinberg" zu einer inneren Wirklichkeit, die man nicht beweisen und nicht am lebenden Modell nachprüfen kann, — die man spüren und sich vom Gefühl bestätigen lassen muh.
„Das ist der Schinderhannes,
Der Lumpenhund, der Galgenstrick, Der Schrecken jedes Mannes.
älnd auch der Weiber stück!" —
In Dänkelsang und Moritatentext, in Volks- anekdoten, Spinnstubengesprächen und längst verstaubten Aktenbündeln (die Curt Elwenspoek kürz
lich wieder ausgegraben und zugänglich gemacht hat) geht der Schatten einer romantisch zerlumpten Gestalt um, das Gespenst des Schinderhannes. der als Bauernsrcund und Kinderschreck zur Rapoleonszeit am Rhein und im Hunsrück sein räuberisches Wesen trieb und schließlich auf dem Schaffott zu Mainz ein blutiges Ende fand.
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„Im Schneppenbacher Forste. Da geht der Teufel rumdibum. De Hals voll schwarzer Dorste, älnd bringt die arme Kaufleut um!“
— So ein Kerl war das. Zuckmaher hat die schon legendäre Gestalt mit festem, sicheren Griff zu neuem Leben und einer strotzenden Leibhaftigkeit erweckt: zerlumpt, verwegen und nertoettert, so steht er breitspurig da. gefährlich, gefürchtet und auch geliebt, mit gesundem Humor und mitfühlendem Herzen für „die arme Leut", eine abenteuerliche Kreuzung aus Volksheros und Heckenreiter. aus Eulenspiegel und Florian Geher
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„Fünftausend Gulden rheinische Währung auf den Kopf des Johannes Dückler, gen. Schinderhannes. tot oder lebendig, am Leib ober vom Rumpf getrennt, —" bas war ber Preis, ben ber Kommandant von Mainz ausgesetzt hatte; so beginnt ber Steckbrief, den der Dückler selbst im „Grünen Daum" vor seinen Leuten an die Wand klatscht als eine Sturmfahne ober Kriegserklärung.
Wie es dazu kommt, und wie es zu Ende geht, wird von Zuckmaher einfach, sachlich, historisch bargestellt. Historisch heißt hier: ber Dichter schiebt seinem Helden keine nachträglichen Motive unter, macht ihn nicht hinterher zum Träger einer „Idee" (wie etwa der Schil- lersche Räuberhauptmann Moor zuletzt zur Anerkennung eines sittlichen Weltregimentes gelangt) — er setzt ihm keine Maske auf und hängt ihm kein Mäntelchen .um;_ er „verherrlicht" ihn auch nicht —, dazu wäre der Bück- lerjohann kaum das geeignete Objekt; sondern er läßt ihn, wie er war, und stellt ihn sich und uns vor: mit einer schöpferischen, sprühenden Phantasie und so. daß man dem Dichter recht gibt, obwohl keiner von uns, zu seinem Glück, dem Dückler je begegnet ist und weiß, wie der Kerl ausgefchaut hat; innerlich.
Unb wenn nun das Schauspiel mit seinen vielen Gestalten, mit seinen zahllosen Stimmen und bunten Farben, mit seinem Geschrei und Lärm und Gelächter und auch mit seinen sehr zarten und innigen Worten ber Liebe, des Beisammenseins unb Auseinanbermüsfens sich vor uns begibt — bann hat man ben Einbruck: wer
weiß, ob bas alles so zugegangen ist bamals,... aber e s könnte so gewesen sein, so unb nicht anders, Unb das gilt mehr als das „Historische" im strengen Sinne, und darin bewährt sich jene innere Wirklichkeit, von der wir oben sprachen.
„Ieh is e Iahr, daß ich bei dir bin. — un reut mich fein halbe Tag! Un folg dir. wohin de willst! Un wie 's auch geht, un sollst kein Laut höre, wenn 's hart kommt —", mit solchen Worten stellt sich das Iulchen dem Bückler an die Seite, als Kameradin unb Geliebte unb Mutter seines Kindes. — ein junges, frisches Geschöpf aus dem Volk, helläugig und gesund; sie bekennt sich zu ihrem starken und unverfälschten Gefühl, wirft alles hinter sich, was vorher war. geht zum Bückler und bleibt bei ihm, wie die Marei beim schwarzen Geyer, im Guten wie im Bösen bis ganz zuletzt.
„Säukerl, soll ich dich an deine Schlappohm über die Haustür nagele wie en totgeschlagene Uhu?! Soll ich dir den Bauchnabel in ranzig Oel backe?! Mistkäfer! Du stehst vorm Schinderhannes!" Mit diesen unmißverständlichen Worten rückt einer aus der Bande dem Ochsen- mehger Christian Zoppi Von Bingen auf ben Hals. Das ist ungeheuer deutlich unb von er» srischenber Wirkung im Theater. Zuckmaher hat in feinen Stücken nie ein Blatt vor ben Mund genommen. Aber dergleichen ist nicht entscheidend für die Bewertung des Stückes, Die Kraftmeierei des Wortes (und der ganze blühende und wuchernde Dialekt) sind ein Stilmerkmal — weiter nichts. Die jungen Poeten der Geniezeit haben Aehnliches und Aergeres geleistet; aber nur wer außer dem Stimmaufwand und der ausladenden Gebärde auch das Genietum des Herzens und die innere Kraft der Gestaltung besaß und erwies, gilt noch heute als Dichter.
Was Zuckmaher betrifft: um ihn richtig zu schätzen, darf man nicht die vielen Äraftftellen, Derbheiten und Deutlichkeiten zusammentragen, sondern muß auf die füllen, verhaltenen, von inner, kommenden Worte horchen, etwa im zweiten Bild, wo das Iulchen zum Hannes überläuft, unb bann spater im Kornfeld und zuletzt im Holz türm zu Mainz,... wo Iulchen und Dückler gefangen sitzen, und jeder von ihnen weiß, es geht aufs Letzte, unb einer will vor bem anbem verbergen, bah er es weiß... und wenn sie sich bann in Augen schauen bei ber Henkersmahlzeit unb nicht lügen können vor- einanber: bas ist von einer tiefen unb ans Herz gehenden Menschlichkeit. —
Intendant Dr. Prasch hat die neue Saison mit einer eigenen Aufführung eröffnet, die bas Schauspiel mit gesundem Temperament, mit Frische unb Farbigkeit auf die Dühne brachte.
Die Inszenierung war zugleich eine große unb teilweise schwierig zu bewerkstelligende Parade des neuen Ensembles, das bereits recht erfreulich zusammenspielt. Insbesondere war auf die Mas- fenauftritte und breiten Volksszenen ersichtlich viel Arbeit und Sorgfalt verwendet worden; allerdings könnte hier, besonders im vierten Bild, einiges gedämpft unb gemilbert werden, was bet Verständlichkeit des Textes und ber Vorgänge (zumal bei ben bestehenden Dialektunsicherheiten) zugute käme.
Am stärksten und reinsten wirkten.die stilleren Szenen, die auch im Buch schon den Eindruck des Stückes entscheidend bestimmen: am Dollbach, im Kornfeld und zuletzt im Turm. Hier war die Auf- sührung vortrefflich. — Die Kasernenhofszene hingegen mit allerlei volkstümlichen Drückern war ein wenig zu sehr aufs Parkett berechnet. Die kleineren und größeren Streichungen (vorletztes Bild ganz) sind durchaus zu billigen. Die malerischen Bühnenbilder (Löffler) und verhältnismäßig sehr schnelle Verwandlungen unterstützten die Aufführung wesentlich. —
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Im Mittelpunkt des vielstimmigen Ensembles: Iochen Hauer als Dückler; er spielt den Schinderhannes aus dem Vollen, breitspurig, mit Humor unb stellenweise fast mit Gemüt; er bringt bie Gestalt wohl aus einem wienerischen Temperament heraus, das überall sympathisch wirkt, aber nicht immer ganz überzeugend die Wildheit unb Brutalität burchbrechen läßt, die auch in das Räuberporträt hineingehören.
Als Iulchen stellte sich Elisabeth Wielander vor; anfangs ein wenig forciert, auch im Dialekt offenbar nicht recht warm werdend; aber sie wuchs allmählich in die Rolle hinein und wurde gegen Ende — 6., 8. und 9. Bild — immer besser.
Aus bem Riesenpersonal, das eine doppelte und dreifache Beanspruchung der kleineren Chargen erforderte, fönnen hier natürlich nur einzelne Ramen herausgegriffen werden. Recht gut waren Wesener (Benedum) und Beatrice Doering als Margaret; im Dialekt am einheitlichsten: Hub (Raab; Mauschka), Linkmann (Fuhrmann; alter Dückler; Denzel) unb Dolck (Wirt; Solbatenwerber); Bäuerle, Fassott, Schubert-JünglingunbDruck seien noch genannt. —
Es gab starken Beifall; zuletzt erschien mit ben Spielern der Intendant. hth«


