Ausgabe 
2.9.1930
 
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Nr. 204 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (Seneral-Anzrtger für Gder Hessen)

Dienstag, 2. September 1950

DieDrei? Erh-Lügner".

Don Or. Alexander Stern.

E- war einmal ein Mann. Der war tot Sie trugen ihn auf einer Bahre und fangen: Sanctc! Er aber verstand: ..Fangt ihn!", fprang auf und rannte davon. Cr kam ans Meer. Da Waren drei Boote. DaS eine hatte keinen Boden. Vas zweite keine Wand, bad dritte war nicht da. 3n dieses letjte er sich und fuhr in die Wüste. Dort gürtete cr seine Husten mit wildern Hontg und nährte sich von einem härenen Gewand. Als cr den Tod herannahen fühlte, versammelte er seinen einzigen Sohn im Halbkreis um sich

So beginnt ein ehrwürdiger Bicrfchwesel, so alt, daß cr schon Moos und Kalk ansetzt: aber er lebt noch immer und ist wieder und wieder bei Kneipen der Studenten zu hören. Lust an Luftigen Lügen ist uralt. Die einzelnen Stücke dieses Bicrschwcscls stammen aus demFin­kenritter". das ist Herr Polykarp von Äir- lariffa. der dritthalbhundcrt Jahre, ehe er ge­boren ward, viel Land durchwandert und selt­same Dinge gesehen und zuletzt von seiner Mutter für tot liegen gefunden, aufgehoben und erst von neuem geboren wurde, heißt es in einem elsässischen Lügenroman auS dem 16. Jahrhundert. Der Bitter übernachtet in einem Baum. Dienen stechen ihn so. dah er ganz geschwollen ist und nicht mehr aus dem Baum heraus kann. Da geht cr rasch entschlossen nach Haus, holt cm Detl. fällt den Baum und kriecht nun am Wurzelcnde an« Tageslicht. Ader das Beil fällt ihm tn eine Domenhecke. Da läuft cr beim, holt einen Feuer­brand und steckt die Hecke an. Das Beil ver­brennt mit. der Stiel bleibt ihm. Den verkauft cr einem ^Vorübergehenden. Der gibt ibm fieben Cllcn warmes Wasser dafür, daraus läßt cr sich einen Wintermantel machen, hübsch mit ge­bratenen Eiszapfen verbrämt.

Solcher Abenteuer erlebt der Finkenritter zahl­lose und wird unsterblich. Immer wieder neu geboren feierte er in der deutschen Form des Eulenspiegcl. des Eapitain Daradiridatum- tarides Wmdbrecher von Tausend Mord und des Don Horribiliscribifax bei Andreas Dry» p h i u s. im Münchhausen stets von neuem Auferstehung bis auf den heutigen Tag. Lügen ist hier Flucht, ist Ausflug ins Debict des Schrankenlosen. Ungehemmten. Freien, jedermann erreichbar, ist Witz. Fabulieren. Lachen, und des­halb kehrt der Lügner und die Freude über ihn immer wieder.

Am beliebtesten find die Lügner, die einander überlügen. Da gibt es ein altes Anekdoten-

büchlein,Der verreist gewesene und nun wieder angekommene Kilian Brustslcck". Selbiger er­zählt auch ein GefchichtchenDreh Ertz- Lügner":Sin reicher Edelmann liehe sich gegen seine Diener vernehmen, welcher unter ihnen die größte Lüge würde zu sagen wissen, der sollte ein schöne« Pferd zum Geschenke be­kommen."

Darauf fienge der erste an:Ich habe Zeit LcbenS nicht gelogen."

Der andere sagte:Herr, ich kann gar nicht lügen.

Der dritte aber über tröffe alle beyde und sprach ..Herr, diese beyde sagen beyterseit« die Wahrheit."

Auch diese drei leben bi« zum heutigen Tag Jetzt sehen sie so aus: '

Auf einem Kongreß treffen die Generaldirek­toren der drei größten amerikanischen Hotels zusammen. Sic fachsimpeln, schildern einander die Macht und Pracht, die Gröhe ihrer Hotels. ..Unser Haus", sagt der erste. ..ist fo groß. daß wir eigene Such Patrouillen der Polizei beschäf­tigen. die Tag und Dacht daS Gebäude abstreifen, um Leuten, die sich darin verirrt haben, den rechten Weg zu weisen. Beulich brachten sie einen verstört auSlehenten Gast. Der wollt« abends in die Metropolitanoper, hatte sich in seinem Zimmer rasiert und angezogen und al« sie ihn fanden, hatte cr schon wieder einen Bart. Wir haben deshalb jetzt einen eigenen Friseur beim Hauptausgang für solche Gäste."

..Interessant', sagte der zweite.Wir haben jetzt unterem Hauptbuchhalter ein Auto laufen müssen." _

./Ha. und? Da« ist auch schon etwas? In Amerika hat jeder fünfte Mensch ein Auto."

Ja, wir muhten ihm aber eines für einen ganz bestimmten Zweck kaufen. Den Wagen braucht der Mann, wenn er bei feiner Buch­haltung mal vonSoll" nachHaben" hinüber­muh."

Hübsch- Wir", tagte der dritte,brauchen jährlich 365 000 Liter rote Anilinfarbe. 1000 Liier im Tag "

So. wozu?"

..Mit der machen wir die roten Punkte auf die Weißfische, die wir als Forellen servieren."

papa Ricots 400. Tabakjubiläum.

Di« französische Nationalliga zur Verteidigung der Raucher das gibt es in Frankrecch trifft Vorbereitungen, um ein großes Jubiläum zu be­gehen. Papa Nicot bat vor 400 Jahren begonnen, die Kunst des Rauchens in Europa »in zu führen.

Momentbilder aus dem Sowjetparadies.

Bericht von unserer E. K.-Sonterkorrespontentin.

V.

3m Revolutionsmuseum.

In einem früheren AdelSpalaft an der Twer- skaja Ist das RevolutionSmuseum untergebracht, in das wir mit belon&crer Liebe geführt wer­ten Wir sitzen auf den Mauervorsprüngen te« ShrenhofeS und warten bi« unsere Führung kommt

In Gemälden. Skulpturen. In Photographien, in Erinnerung «gegenständen, in Tabellen, Pla­katen und Motellen wird die Geschichte aller russischen revolutionären Bewegungen und die Entwicklung ter russ schm kommunistischen Partei dargestellt. Wir leben lämtliche Kosaken-, Dauern-, Arbeit er aus stände vom 17. Jahrhundert an krassen Bildern von Hinrichtungen und Der- folgungen. Besonder« reichhaltig war da« Ma­terial Der Revolutionen von 1905 an, vom Welt­krieg und ter Februarrevolution 1917, von den ersten Sowjets, von ter Oktoberrevolution 1917; von dem Wachsen des Bolschewismus und immer wieder von Lenin. Bilder au« Gefängnis, Zwangsarbeit, Verbannung. Ein Museum, das an« Herz greift und aufpeitscht. AIlcS ist so er­schöpfend dargestellt. daß man erschöpft hinter einer Skulptur weg durch eine offene Tür in« Freie tritt und froh ist. von einer Serraffe auf da« Daumgrün eine« verlassenen ParkeS sehen zu können.

Aber wir sind noch nicht fertig. Wir werten weiter zermürbt. Mit einem dumpfen Druck auf dem Kopf verließen wir da« Museum und streikten, al« wir nun noch ein bconbcrc« Senlnmufeum sehen und Lenin« Stimme auf dem Grammophon hören sollten. Wir ver­zichteten darauf, noch mehr PhotoS, Dricse. Schachbretter, Tische und Stühle zu sehen, die im Leben LeninS eine Rolle gespielt hatten. Dem FünfjahreSplan aber konnten wir nirgente entgehen.

Unter dem Hammer des Fünfjahresplans.

Wie den Russen, wird auch den Fremden dieser Plan von früh bi« spät eingehämmert, dieser gigantische Plan, ter den organisatorischen Aus­bau fronen soll Wenn man im Parke, auf Straßen und Plätzen fragt: .Was bedeuten die Plakate, die Gerüste, die Losungen aus den roten Stoffstreisen?" so ist die Antwort:Fünf- jabrcsplan". Wa« schreien die Lautsprecher: Fünsjahrcsplan". Auch im Kino konnten wir ihm nicht entgehen. Wir wurden so über diesen Plan belehrt, der auf fünf Jahre vorauSte- stimmt, was werten soll, als sollten wir ein Examen darin ablegen.

Statt ins Theater schleiften un« die beiden anatischen Führerinnen, die un« terIntourist" zur Belehrung und Bearbeitung mitgegeben hatte, n« Kino Wir hätten gern Meyerhold ge- ehen, aber sie behaupteten, er spiele nicht. Dr pieltc zwar doch, wie wir im Hotel hörten, aber man besorgte für un« keine Karten. Wa« wollten wir machen, mir mußten in« Kino und den Fünf- jahrcsplan sehen und hören. .Gin Tonfilm, sehr interessant I"

Wir kamen in eine große Wandelhalle voller Menschen. In einem langen schmalen Gang spielte eine Musikkapelle. Jeter Musiker war angezogen wie ihm beliebte, Sporthemd, Russenbluse oder Jacke, Auflösung aller Form, jeder Tradition, wie überall in Sowjctruhland.

Wir hatte Logenplätze, das gibt es noch. Der Film begann mit einer Apotheose Centn«. Wio bic Svbim starrte uns fein halb mongoli­

sches Gesicht mit ter hohen Stirn, den schräg- gestellten Augen entgegen Ein moderner Dfchcn- aiSkan! Bei seinem Tote wird die Ratur in Aus rühr dargestellt, Schnccstürme, Sturmgeheul. Dann Geheul ter Sirenen. Aufbarung und Trauerfeier und MaNen, de dem ilmbilbner ter russischen Welt das letzte Geleit geben.

Im zweiten Teil crgoNcn aufgeriflcne Mäu­ler Worte über un«. die wir nicht verstanden. Dann begann ter Lobgefang auf d i e Ma­schine »n wirkungsvoll aulgcmadbten Diltem von Rätern, betrieben, Kränen. Fabriken, die schon gebaut sind. Fabriken und Elektrizitäts­werke, die noch gebaut werten sollen. Die große Mote. Traktoren, die in Kolonnen weite Grdslächcn aufreißen, sind symbolisch für die Kollektivierung der La nd wirtschaft. Die neuen Losungen. .FünfjahreSplan in vier Jahren! In dreieinhalb Jahren!" hämmert ter Film täglich Tausenden von Kinobesuchern auf« neue ein. Eine ununterbrochene Anseuerung bi« zur Erschöpfung. Der Film ist die Erklärung ter Bilder, die wir auf ter Straße sehen. Für ihn muß daS Dolk hungern und darben, für ihn gilt e« die Rubel zu zeichnen, die ter Arbeiter wegen Warenmangel« übrig hat. AISBitter von an­deren ßäntem gezeigt wurden, tarn Deutsch­land besonder« schlecht weg. Gin« be­trunkene Tifchgesellschast, die hin und herschun­kelte, Schupo« mit Gummiknüppeln, so spiegelt sich .Germania" im offiziellen russischen Film. Teim Rachhause fahren zeigt un« die Führerin eine hellcrleuchtete Fensterreihe. Da« ist die .GP Al". Sie arbeitet Tag und Rächt, die Zen­tralbehörde ter Bespitzelung, das Erbe de« Zarismus.

Zn der Bildergalerie.

lieber aufgcriffenc« Straßenpslaster, über'Berge von Steinen kraxeln wir zur berühmtesten mo­dernen Bildergalerie Rußlands, zur Tretja- kow-Galerte, die zwei tunftlicbenbe Brüder Ende de« vorigen Jahrhunderts der Stadt Moskau schenkten. Eine Amerikanerin, die auf ihren hohen Stöckelschuhen schon die Sehens­würdigkeiten Deutschlands, der Schweiz und Ita­liens bezwungen hatte, wurde durch die Pflaster- fteinberge der Straßen Moskau- zur Strecke ge­bracht. Sie verstauchte sich den Fuß. Aber mit der erstaunlichen Energie ihrer Rasse in sight-sceing schleppte sie sich mit geschwollenem Dein zu allen im Dacdecker besternten Meister­werken der Galerie, die die Entwicklung der russi­schen Malerei von den Ikonen bis zur Gegen­wart darstellt. Sie hätte es nicht verwinden können, trenn sie da« Reiterbild Kataharinas 11., die Bildnisse großer Russen, wie Tolstoi, Dosto­jewski, Puschkin oder Gogol nicht gesehen hätte, die berühmte Apothese des Krieges von Weret- schagin: ein Schätelhaufcn, auf dem Raben sitzen.

Mit nachtwandlerischer Sicherheit steuerten un­sere Führerinnen wieder auf d i e neueste revolutionäre Abteilung mit den Pla­katen zu. Da ich mich aber beizeiten selbständig gemacht und mir einen llcberblid über die Repin, Perofs, Surikoff, Kramskej und wie die bedeuten­den russischen Maler alle heißen, verschafft hatte, lotste ich fic au« der Schreckenskammer weg in hellere Gefilde. Immerhin fanden unsere Führerinnen noch genug Gelegenheit, bei Historie schcn Bildern Grausamkeiten von Zaren besonder« ausführlich zu erklären. Das staatliche Reise­bureau scheint sich in ter Ausbildung feiner Fremdenführerinnen da- Ziel gesetzt zu haben, jeden der von ihm betreuten Fremden, wenn nicht als Kommunist, fo doch als gründlichen Kenner ter dunklen Punkte in ter russischen Ge­

schichte. ter Segnungen des Bolschewismus und teS unerhörten Dollen« de« FünfiahreSplanS zu entlasten.

Auf den Gperlingsbergen.

3cnfcü« ter Moskwa blaut in ter Scrne ein bewaldeter Höhenzug. Da« finb die Spcrlings- berge die jetzt ihren ordinären Hamen zugunsten bee Revolutionshero« aufgeben mußten unb nun ßeninberge heißen. Unser klappriger Auto­bus kracht in allen Fugen, als cr un« den Hügel hinauf unb bie schattige Kaftanicnallee entlang fuhr unb an grauen HolzhäuSchcn vor­über zur schönsten Aussicht brachte, die man auf Moskau haben kann. Zwischen Birken ficht man die Schlangenlinie tes Moskwaslussc« in der Rahe und die goldenen Türme und Kuppeln des Kreml« und der Klöster unb Kirchen in der Feme, am Rande der Ebene in ter Sonne gleißen. Ein Anblick, den schon Rapoleon hatte, al« cr nach dem Siege von Borodino nach MoSkau zog.

Während ter Oktoberrevolution beschoß die Sowjetartilleric von hier die Stadt von dieser Höhe, auf ter dann da« Rote Stadion errichtet wurde.

Im park der Werktätigen und Kinder.

Auf einem weiten Gelände ter MoSkwa am Rande ter Stadt ist ein Park der Werktätigen geschaffen worden, der typiich ist für die Ein­richtung von sozialen Musterschöpfungen zugunsten der Arbeiter ohne Angst vor ten Kosten. Sin riesiger ArbeitSmann am Eingang ist daS Wahr­zeichen Man durchschreitet eine große Halle mit Sitzgelegenheiten, die mich mit ihrer Rüch- ternheit an ein großes Dolkshau« in Whitechapel in London erinnerte. Dann kommt man in einen großen Park, in dem selbst bie 'Blumen­beete im Zeichen irgenbeiner Propa- g a n b a stehen. Expressionistische Holzgerüste mit Symbolen des Sowjetstaate« unb seiner Ziele er­setzen die Bäume. Darüber schreien Laut­sprecher hin. E« ist kein Park zum Aus- ruhen. zum Erholen. Für eine Bevölkerung von über zwei Millionen Menschen ist ter Moskauer BolkSpark ziemlich leer. Wahrscheinlich lassen die Sorgen um daS tägliche Brot unb daS ewige Anstehen den Moskauern keine Zeit. Besuchter sind die Sportplätze, die sich zu beiden Seiten einer Allee hinziehen. Besonders beliebt scheint ein Ballspiel zu fein, bei dem junge Burschen und Mädchen einen großen stoff­bezogenen Medizinball über ein hochgespanntes Retz treiben.

Dieses Spiel wird auch in dem Kinder­park gespielt, der das Beste zu werten ver­spricht, was das neue Moskau geschaffen hat. Botläufig trägt er auch noch den Charakter des Unfertigen und auch cr war sehr leer. Auf dem großen Platz spielte eine Musikkapelle, aber nur eine einzige Kindertruppe turnte dort unter Aussicht. An einer Seite schippten und karrten Kleinkinder im Sande. In Holzhallen waren Tische gedeckt, wo die Kinder eine Mahlzeit be­kommen können.

Die Mütter geben hier ihre Kinder ab. während sie sich im Park der Werktätigen aushaltcn. Sie lösen eine Karte, bie das Kind mitbekommt. Auf ter Karte wird nun eingeknipst, wie sich das Kind beschäftigt hat' ob es spielte oder turnte oder Musik hörte oder im ßefefaal las.

Dieser Kinterpark ist das Hübscheste, waS ich in Moskau gesehen habe, wenn er auch im ganzen

Sean 'Jlicot von Dillemain mar damals Gesandter in Lissabon. In dieser Eigenschaft tat er eines Tages einem Kaufmann, der im lleberseegeschäft arbeitete, einen Gefallen und erhielt einige Zeit später ein Paket übersandt, dem solgendes intcrcffante Schrei­ben beigefugt mar:Lieder Jean Nicot! Ich hab« Sie nicht vergessen. Und zum Dank für Ihre da­malige Gefälligkeit übersende ich Ihnen heute ein Paket mit einem seltsamen Stofs, den hier die Men­schen inhalieren. Sie werden einen Rausch empfin­den, wenn Sie ebenso tun ..

Da aber Nicot ein guter unb braver Höfling war, ging er nun nicht etwa selbst an das Paket heran, sondern schickte es, in eine goldene Hülle gepackt, der Katharina von Medici. Und er vermeldete dabei, daß der inliegende Stoff inhaliert alles königliche Kopfweh beseitige. Aber Katharina war genau so vorsichtig wie Nicot auch. Sie wollte erst ein­mal jemand anders sehen, der Tabak rauchte. Des­halb rief sie den Kardinal von Lorraine zu sich unb trug ihm auf, von dem Stoff zu rauchen. Man behauptet freilich, daß sie damals gerade ein Hühn­chen mit ihm zu rupfen gehabt hat. Der Kardinal ging mit einiger Sorge, aber doch immerhin mit Gottvertrauen an den Tabak heran und zog den Rauch tes brennenden Tabaks durch die Nase hoch. Durch die königliche Kemenate taumelnd, versicherte er, daß er sich ausgezeichnet befinde. Nachher aber legte er sich für acht Tage zu Bett. Als Katharina von Medici sah, dah man nicht daran starb, ging sie mit wahrem Eifer an die Raucherei und soll cs bald zu einer gewissen Meisterschaft gebracht haben. So war durch die freundliche Sendung tes Jean Nicot ter Tabak eingesührt. So tolerant wie diese Katharina waren freilich nicht alle Höfe unb Könige. Man berichtet, daß James I. den Sir Walter Ra- leigh 3um Tote verurteilt habe, weil er eine Pfeife rauchte. Der türkische Sultan Amurah IV. ließ die Raucher feines Hofes in einem Faß ertränken. Papst Urban VIII. schwor sogar, dah er jeden Raucher exkommunizieren w:-rte. (Wie die Zeiten sich än­dern! Heute hat Datikan-Stadt eine eigene Tabak­manufaktur.) Nachdem Nicot nach Paris zurück­gekehrt war und seinen Landsleuten alle Raucher­tricks einfchliehlich tes Ringblasens beigebracht hatte, glaubte er genug tes Guten für fein Land getan zu haben und zog sich zurück von der Welt und schrieb ein dickes Buch über denSchatz in ter französischen Sprache". Aber em grohes Verdienst Nicols dürfen mir nicht vergessen. Er war ter Vater auch der Schweizer Bonbonindustrie, die da- mals aus ter Milchwirtschaft entstand. Die Schwei­zer muhten d,e Bonbons liefern, damit die Fran­zosen rauchen konnten, ohne immer geplagt zu werte« von dem schrecklichen Husten, den ter eben

noch nicht voll endet ist unb die Farbgebung der Hallen eiwa« Unruhiges. Bcrtoirrcnte« hat. wie alle« im neuen Rußland.

Das Urteil im Opel-Prozeß.

WSR Darmstadt. 1. Sept Heute mittag wurde do« Urteil im Rüsselsheim er U n - ruheprvtzeß verkündet. Junge wird wegen Hausfriedensbruch« zu drei Wochen 0'c- f ä n g n i « verurteilt, die durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt gelten. Der h.l- si'che Landtagsabgeordnete Sumpf erhält wegen Land- und Hausfriedensbruchs drei Monate zehn Tage Gefängnis. Maurer wegen Rötigungsversuchs zwei Ml^rate Gefäng­nis abzüglich vier Wochen Unlcrlucbungebaft. Weidenau er wegen Aufforderung zum Land- fnetensbruch drei Monate Gefängnis, abzüglich fünf Wochen Untersuchungshaft. 21 - bus und Trcufch wegen schweren Land- sriedensbruchS je sech« Monate Gesäng- n i«. Greiss wegen Hausfriedensbruch« eine Woche Gefängnis und ter preußische Land- tagSabgeordnetc Oskar Müller ebenfalls wegen Hausfriedensbruch« zwei Wochen Gefäng­nis. Die Angeklagten Bickelhaupt. Hahn und Henrich wurden freigefprochen

In feiner Urteil«-Begründung führte ter Bor­fi hende u a. au«, man hätte dielen Prozeß in einer solchen Länge und Ausführlichkeit führen müssen, um die ganzen Umstände, die die An­geklagten al« ausschlaggebend sür ihr Verhalten vom 12. Februar angeben, klären zu können. schlechten Löhne, daS Lohnsystcm und die Zur- dispositionSstcllung der Betriebsräte hätten die Angeklagten angeführt. SS ließe sich natürlich sehr schwer feststellen. ob die Löhne tatsächlich zu niedrig seien. Da« scheine nicht ter Fall zu sein nach den Auslagen te« Zeuaen Bcmaucr und nach dem vorliegenden Taris. Die ganze Sache sei überhaupt al« reine WirtschaftSsrage zu kennzeichnen, über die sich da« Gericht kein Urteil erlauben könne. Da« Gericht sei aber auf jeden Fall zu ter Ansicht gekommen, daß von Rotstandshandlungen, wie von den Angeklagten behauptet werte, hier feine Rete sein könne. Der Vorsitzende verbreitete sich dann über den Land- friedenSbruch, ter hier in Frage komme. Die Biclfältiglcit te« Betriebe«, die Größe ter Be­legschaft, sowie ter stetige Wechsel in ter Be­legschaft hätten da» Gericht zu ter Ansicht kom­men lassen, daß tn diesem Falle ter Begriff ter Oefsenllichkcit gegeben fei G« fei außerdem zu Gewalttätigkeiten gegen Personen ackommen. und damit sei ter Tatbestand te« LandsrietenS- bruchs gegeben. Jeden einzelnen könne man allerdings für alles Geschehene nickt mit ver­antwortlich machen. Auch daS Abstcllen ter Mo- torc könne nicht als Gewalttätigkeit im Sinne te« 8 125 gewertet werten. Somit mußte bei allen Angeklagten, außer bei Sumpf, Albu« und Treusch wegen LandsrietenSbruch« auf Frei­spruch erkannt werten.

Oer Haubüberfall auf den Marburger Seldbnefträger.

WSR. Marburg, 1. Lcpt. Trotz eifriger Bemühungen ist cs noch nicht gelungen, die bei­ten Männer, die am Freitag mittag auf dem um diese Zeit unbelebten Breiten Weg, bet vorn Schlosse au« in westlicher Richtung an den Anlagen entlang führt, den ©elöbriefträger Büttner überfielen unb beraubten, zu ermitteln. Der Borfall spielte sich fo ab, daß ber eine Räuber mit vorgehaltenem Re­volver plötzlich vor ben ahnungSlo« te« Weges kommenden Beamten hintrat und ihm die Tasche aufriß. Er entnahm dieser da« darin befindliche Papiergeld in Höhe von 7 4 0 W k. und eilte sofort mit einem zweiten Mann, ter, wie cr, im Gebüsch gestanden hatte, in den angren­zenden Stadtpark.

modern gewordene Tabak verursachte, wenn man ihn in Gestalt von Rauch inhallsrte

So war das mit Jean Nicot. Hätte er damals das Päckchen nicht an Katharina von Medici ge­schickt, sondern in einem Winkel vergessen, würde man vielleicht heute überhaupt nicht rauchen in (Europa... Man sollte Jean Nicot ein sehr großes Denkmal setzen in Frankreich!

,Skandal um Eva^ ein $i(m.

Rach langer Zeit wieder einmal: Hennh Porten: diesmal in ihrem ersten Sprechfllm, Skandal um Eva", dessen Manuskript nach 3Igcnftein« Bühnenlustspiel .Skandal um Olly" von Friedrich Raff und 3uliu« U r g i 6 ge­schrieben wurde. Das ist nun unter ter einfalls­reichen Regie von G. W. P a b st einmal ein wirk­lich ttetteS, witzige« und amüsante« Filmlustspiel geworden, das leibst da noch, wo eS ganz un­geniert als Schwank auftritt, soviel Grazie und Laune aufbringt, daß man lachen muß und die menschliche Beziehung zu den Vorgängen nicht verliert. 3m ganzen aber sieht man weit mehr echtes Lustspiel als man heutzutage leider unter dieser Flagge zu sehen gewohnt ist. Die Hand­lung mitunter ein Bein wenig unwahrschein­lich, aber allenthalben npt einem frischen und unverfälschten Humor verletzt und vielfach von einer bestrickenden WirklichkeitSnähe schil­dert den Skandal, welchen eine junge, aka­demisch gebildete Lehrerin an einer modernen Mädchenschule herausbeschwört. Diese-, von ihren Unter pri manerinnen angeschwärmte Fräulein Doktor spielt, spricht und singt Henny Porten mit soviel frischer Ratürlichkeit, jugenKichem Tem­perament und Humor, daß die Wiederbegegnung mit ihr nach so langer Zeit ein wahres Ver­gnügen ist, zumal die Porten, wie sich heraus­stellt. über eine sehr sympathische Stimme verfügt, und die Klangübertragung diesmal bemerkenswert gut ist. Dte schwache Stelle in der Regie von Pabst ist die Szene mit Steinlechner, welche in Wirklichkeit kaum in dieser Form möglich gewesen wäre. Die übrigen Rollen find sehr gut unter- gebracht: aus dem Lehrkörper vor allem: Hen­kels und die S a n b r o d; ferner OSkar Sima (Minister), Glau« ©laufen, Frigga Braut, Käte Haack und Fritz O d e m a r. Man follt$ sich diesen Film (ter gestern bei gutem Besuch zum erstenmal im Lichtspielhaus lief) nicht entgehen lassen: e« ist eine amüsante Abendunter­haltung. und man bekommt außerdem im Bei­programm noch die berühmte, ebenfalls tönenbe Mickey-Maus vorgesetzt, die jeder mal gesehen und gehört haben sollte.r