Nr. 152 Erster Blatt
Mittwoch, 2. Juli ^950
180. Jahrgang
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
Drntf und Verlag: vrühl'sche Untverfilätr-Vuch- und Stcinörnderei H. Lange in Stehen. Schriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.
anterSammemummer2251 Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen, poftfcheckkonto:
Snmffurtom Main 11686.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.
Preis für l mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig: für Reklameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorschrist 20* a mehr.
Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter^ sämtlich in Gießen.
Crschetni täglich,außer Sonntags und Feiertags Beilagen:
Die Illustrierte
Eteßener Familienblätter tzeimat im Bild Die Scholle
Monat» Bezugspreis.
2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Träger» lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt.
Der Alltag.
Die Festreden am Rhein waren im allgemeinen das, was Festreden zu sein Pflegen: eine An- Häufung von mehr oder weniger verbindlichen Allgemeinplähen, eine Zusammenfassung alles dessen, was bereits in tausend Leitartikeln gestanden hat, ein Rühren an die sentimentalen Seiten des Volkscharakters. Es wäre gut, wenn wirklich bleibende Impulse von diesen Defreiun'gsfeiern ausgingen. Manchmal sind auch gute Worte gesprochen, wie 3. B. vom preußischen Ministerpräsidenten Dr. Braun, der in Wiesbaden von der Achtung gegenüber der Meinung Andersdenkender sprach.
Wirklich politische Töne hat eigentlich nur der Reichsinnenminister Dr. Wirth in seiner Rede in Mainz gefunden. Er sprach davon, daß die Freiheit am Rhein teuer durch den Tributplan erkauft sei, der noch Kinder und Kindeskinder belaste. Er warf die Frage auf, ob angesichts der Weltwirtschaftskrise die heutigeOrdnung derWeltwirtschaft als befriedigend angesehen werden könne und verneinte sie im gleichen Augenblick. Dr. Wirth stellte dann die Forderung, daß jede mögliche neue Ordnung Deutschland die Möglichkeit geben müsse, das zu zahlen, was es wirklich l e i st e n kann. Cs sei zu hoffen, daß die übrigen Staaten einschließlich der Amerikaner noch in diesem Iahre zur Einsicht kommen werden. Der Rhein sei zwar jetzt frei, so erklärte Dr. Wirth, aber Deutschland fühle sich noch nicht frei, da es den übrigen Völkern noch nicht gleichberechtigt zur Seite stehe. Dabei verwies der Innenminister auf die fehlende Abrüstung, die allein den Bestand des Friedens und die französische Sicherheit gewährleisten könne.
Im allgemeinen Pflegen die Staatsmänner auf solchen großen patriotischen Kundgebungen sich nicht mit den ernsten Fragen der Politik zu befassen. Was man sonst hörte, war zwar nicht frei von Ernst, bewegte sich aber doch mehr in den landläufigen Bahnen der unverbindlichen Festreden. Dr. Wirth hat der Rheinlandfeier in Mainz eine politische Rote gegeben und diese Worte werden auch in denjenigen politischen Kreisen einen Widerhall erwecken, die dem Reichsinnenminister aus innerpolitischen Gründen kritisch gegenüberstehen. Denn deutlicher ist wohl von einem aktiven Staatsmann noch niemals der Gedanke ausgesprochen worden, daß eine Revision in dem unmöglichen Verhältnis zwischen Deutschland und den Siegermächten eintreten müsse, daß endlich einmal Rücksicht genommen werden müsse auf Deutschlands Lei- stungsfähigkeit und daß ohne Abrüstung kein wirklicher Friede in Euro- p a hergestellt werden kann.
Es war gut, daß auch einmal so ernste Töne in dem Befreiungstrubel zu ihrem Rechte kamen, denn es wäre für Deutschland nicht nützlich, wenn im Auslande der Eindruck entstehen würde, als seien wir jetzt, abgesehen von der Saarfrage, politisch gewissermaßen saturiert. Die deutsche Außenpolitik wird in den kommenden Monaten wabrscheinlich vor sehr schwerwiegende Entscheidungen gestellt werden. Es wird keinen Tag Pause in dem Ringen um die Gleichberechtigung Deutschlands geben. Mit der Rheinlandräumung ist eine Voraussetzung dafür geschaffen worden, daß sich Deutschlands Stellung in Europa allmählich wieder etwas freier gestaltet. Aber wir sollten feinen Tag die Hemmungen und Fesseln vergessen, die der Versailler Vertrag auch heute noch dem Rheinland auferlegt. Die entmilitarisierte Zone ist eine der Sonderbestimmungen, die von den Franzosen dazu ersonnen worden ist, daß sich ein etwaiger künftiger Konflikt zwischen den beiden Ländern in jedem Fall auf deutschem Boden abspielen soll.
In den Festartikeln anläßlich der Rheinlandräumung ist der Etappencharakter dieses politischen Ereignisses oft zu wenig zum Ausdruck gekommen. Das liegt vielleicht in der Ratur solcher Kundgebungen, in denen man ein freudiges Ereignis nur von seiner besten Seite zu betrachten sucht. Aber darin besteht auch eine gewisse Gefahr. Denn gerade wir Deutsche neigen dazu, uns allzu leicht über unsere Stellung in der Welt Illusionen zu machen. Wer wollte leugnen, daß das schon der Fehler des Vorkriegsdeutschland gewesen ist. Aber auch heute findet der Deutsche nur allzu schwer die realpolitische Mittellinie, die gleichermaßen _ das Pochen auf die nicht vorhandene militärische Kraft vermeidet, wie auch das würdelose Rachlaufen gegenüber dem Auslande und das kritiklose Hinnehmen aller pazifistischen Elaborate.
Die Rhemlandräumung trifft in eine Zeit, in der dos deutsche Volk feine ganze Kraft zusammcnnehmen mutz, um eine schwere innere Krisis, die schwerste seit der Inflationszeit. zu überwinden. Gewitz ist der Optimismus berechtigt, daß sich die Dinge schließlich zum Guten wenden werden, aber ohne stärkste Kraftanstrengung wird dieses Ziel nicht erreicht.^Wenn das Erlebnis des Iubels im befreiten Rheinland dazu beiträgt, die guten Energien im deutschen Volke und allen seinen Ständen zu stärken, dann ist damit die Berechtigung einer solchen Feier in der jetzigen Zelt erwiesen. Wir sollten uns aber hüten, uns jetzt allzu sehr sentimentalen Stimmungen hinzugeben. Die Zeit ist hart und fordert harte Entschlüsse. Ie eher sie gefatzt werden, desto schneller wird es gelingen, den Tiefpunkt der inneren Krisis zu überwinden, älm aber dazu bereit zu sein, ist weniger die Hochstimmung der Festtage, als die nüchterne Alltagsstimmung der zielbewuhten Arbeit erforderlich.
Um die Mehrheit für Dietrichs Oeckungsprogramm.
Berlin, I.Iuli. (Priv.-Tel.f Der Kampf um die Mehrheit, die die Reichsregierung für die Deckungsvorlage benötigt, wird um jede Stimme geführt. Größtes Interesse konzentriert sich dabei auf den sogenannten Schiele-Flügel der Deutschnationalen, der seine Selbständigkeit im Prinzip durch eine gestern stattgefundene Sondertagung dokumentiert hat. Ihre Stimmen können, wie es schon früher der Fall war, bei einzelnen Abstimmungen über die Deckungsvorlage entscheidend werden. Es scheint, daß die Regierung gewisse Hoffnungen auf eine Unter- tühung von feiten der Schiele-Westarp-Gruppe etjen kann. Man hat zwar keine ausdrückliche Verbindung zwischen der Deckungsvorlage und anderen Gesehen vorgenommen, aber, da der Reichsfinanzminister ausdrücklich erklärt hat, daß die Durchführung des Osthilfgesehes unbedingt von einer Sanierung der Gesamtfinanzen abhängig sei und da dieses Gesetz erst n a ch der Deckungsvorlage vom Reichstag verabschiedet vkird, glaubt man, mit dieser Kombination der Schiele-Gruppe zum mindesten nahegelegt zu haben, das Zustandekommen der Deckungsgesehe nicht zu gefährden. Auch mit der Volksparte i dürfte sich die Situation für die Regierung gebessert haben, da sich die Bereitschaft, über die Deckungsvorlage mit Brüning zu verhandeln, durchgesetzt hat. Reuerdings tauchen in parlamentarischen Kreisen im übrigen Kombinationen auf, die von einer gewissen Fühlungnahme zwischen Zentrum und Sozialdemokraten wissen wollen und die Vorschläge auS Zentrumskreisen, am Wehretat zu sparen, als eine freundliche Geste zur Sozialdemokratie betrachten. Es scheint, daß die allgemeine Ferienstimmung des Parlamentes schließlich auch noch ihren Teil zur Unterstützung Brünings leistet.
Oie Haltung Der Volkspariei.
Minister Curtius verteidigt seine Zustimmung.
Berlin, 2. Iuli. (ERB.) Die Reichstags- sraktion der Deutschen Volksparte' hielt Dienstagabend eine Fraktionssihung ab, die sich bis in die späten Nachtstunden erstreckte. In ausführlicher Aussprache wurde die neue Deckungsvorlage der Reichsregierung behandelt. Reichs- autzenrninister Dr. Curtius verteidigte seine Zustimmung zu dem Regierungsprogramm. — Die Mehrzahl der Redner vertrat _ die Auffassung, daß zunächst die Beschlüsse des Reichsrats abgctoarlet werden müßten. Dann soll in Verhandlungen geklärt werden, wie weit die Reichsregierung etwa den Forderungen der Volkspartei entgegenkommen werde. Von dem Verlauf dieser Verhandlungen werde die endgültige Entscheidung abhängig gemacht werden.
Oie Oeutschnationalen und das Oeckungsprogramm.
Berlin, 1. Iuli. (TA.) Heber die Haltung der deutschnationalen Reichstagsfraktion, die für die parlamentarische Durchführung des neuen Deckungsprogramms der Reichsregierung von ausschlaggebender Bedeutung ist, schreibt der ..Schnelldienst": Es ist etwas ganz anderes, ob unter einem brutalen Iunktim-Druck über unbedingt notwendige Agrargesetze abgestimmt werden muß oder ob widersinnige neue Steuergesetze zur parlamentarischen Entscheidung stehen. Auch der Flügel der Deutsch- nationalen Partei, der unter schweren Gewissenskämpfen glaubte, um der Rot der Landwirtschaft willen dem Kabinett Brüning eine Galgenfrist geben zu müssen, ist keinesfalls gesonnen für sich und für die gesamte Deutschnationale Partei parlamentarischen Selbstmord zu begehen und um einer unter marxistischem Einfluß stehenden Teillösung willen die große bürgerliche Rechte von der schon im frühen Herbst notwendig werdenden grundsätzlichen Auseinandersetzung auszuschalten. Alle Hoffnung auf eine neue Spaltung der deutfchnationalen Fraktion, die eine Annahme der Voungsteuem ermöglichen solle, mutz begraben werden.
Oie Beamtenschaft auch gegen das neue Rotopfer.
Bcrwaltungsreform und Beschränkung der fachlichen Ausgaben gefordert.
B e r l i n, 30. 3uni. (Tel.-Hn.) Angesichts der neuen Deckungsvorlage der Regierung hat der Geschäftsführende Vorstand des Reichsbundes der höheren Beamten eine Eingabe an die Reichsregierung gerichtet, in der er etwa folgendes ausführt: Trotz mancher noch bestehender Unklarheiten läßt sich so viel erkennen, daß die anfänglich als Rotopfer, später als Reichshilfe bezeichnete Abgabe als S 0 n - der st euer der Beamten einen Hauptbestandteil auch des neuen Deckungsprogramms bildet. Eine solche Sondersteuer mutz nach wie vor von der Beamtenschaft als ungerecht und verfassungswidrig abgelehnt werden. Die höhere Beamtenschaft hält in vollem Bewußtsein ihrer Verantwortung an dem Standpunkt fest, daß die Sanierung der Reichsfinanzen nicht durch eine Sonderb e
l a ft u n g oder mehrfache Belastung eines einzelnen Berufs st andes erfolgen darf, für die die Rücksichtnahme auf Stimmungen, nicht aber sachliche Erwägungen maßgebend sind. Vielmehr muh das Ziel der Sanierung der Reichsfinanzen erreicht werden durch gleichmäßige Heranziehung aller leistungsfähigen D 0 lksschich -
ten und vor allem durch weitgehend« Einschränkung der sachlichen Ausgaben. Die öffentliche Verwaltung muh vereinfacht und verbilligt werden. Dieser Weg ist nach Ansicht der höheren Beamtenschaft auch zur Deckung des gegenwärtigen Etatsdefizits mit Erfolg gangbar.
Berlin, 1. Juli. (WTB.) Nach den gestrigen großen Kundgebungen aus Anlaß der Befreiung des Rheinlandes, die im Deutschen Stadion, im Lustgarten, bei Kroll und an anderen Plätzen stattfanden, wurde der heutige Tag mit Schulfeiern' eingeleitet. In Scharen zogen die festtäglich gekleideten Kinder dann durch die Stadt zum Lu st garten hin. Alle öffentlichen Gebäude der Reichs-, Staats- und Gemeindebehörden und auch die Kirchen hatten geflaggt, ebenso viele Privathäuser. Ferner hatten sämtliche öffentliche Verkehrsmittel — Straßenbahnen und Autobusse — sowie die Untergrundbahnstationen sich mit Fähnchen geschmückt. Für die Reichswehr wurden in der evangelischen alten Garnisonskirche und der katholischen Heereskirche in der Hasenheide Gottes-
Die Vesreiimgsfeier der Reichshauptstadl
Reicher Naggenschmuck. - Saluffchießen -er Reichswehr im Lustgarten.
bienfte abgehalten. Den Höhepunkt der Veran- ftaltungen bildeten das Salutschießen im Lustgarten. Heller Sonnenschein lag über dem Lustgarten, als in der Mittagsstunde die Wacht- batterie des Artillerieregiments 1 Berlin dem befreiten Rheinland den Gruß der Reichshauptstadt entbot. Mit klingendem Spiel zog die Truppe, von einer vieltausendköpfigen Menge jubelnd begrüßt, durch das Brandenburger Tor und die Linden zum Lustgarten. Hier erwartete der Chef der Heeresleitung, Generaloberst Heye, und der Stadtkom- Mandant von Berlin die Truppe. Vier leichte Feld« Haubitzen kündeten mit 21 Salutschüssen der schweigend verharrenden Zuschauermenge die endliche Stunde der Befreiung der Rheinlands.
Einholung der Trikolore vom Schloß in Mainz. — Im Kreis: General Guilleaumat und Oberkommissar Tirard beim Abschied auf dem Mainzer Hauptbahnhof.
Tirard über die Räumung.
Paris, I.Iuli. (WTB.) Der bisherige französische Delegierte bei der Rheinlandkommission Tirard, der heute früh zusammen mit General Guillaumat und den restlichen Desahungstruppen in Paris eingetrofren ist, erklärte bei seiner Ankunft auf dem Bahnhof: Die deutsche Bevölkerung des besetzten Gebietes hat sich bei unserer Abreise vollkommen korrekt ver-
halten. Wir haben unser Vertrauen zur bona fides Deutschlands bewiesen. Möge diese Geste von der deutschen Regierung und der deutschen Bevölkerung verstanden werden. Man mutz der Zukunft ohne Pessimismus, aber auch ohne übertriebenen Optimismus ent gegen sehen. Ich habe mich in zwölf Iähren mit zahlreichen Deutschen unterhalten können. Alle haben mir erklärt, daß die Besetzung den Rational st olz verletze und das einzige Hindernis für die Annäherung


