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Etappe pernambuco - Lakehurst.

Schwere Siurmfahrt desGraf Zeppelin" von Süd- nach Nordamerika. Am Montag Start zum Rüüflug nach Sevilla.

N e u y o r k, 31. Mai. (WTB.) Wie am Sams­tag schon kurz gemeldet ist das LuftschiffGraf Zep­pelin" kurz vor Uhr (12.30 Uhr MEZ.) a u f dem Flugplatz Lake hur st glatt gelan­det. DerGraf Zeppelin" war von dem Marine­luftschiffLos Angeles" sowie einem Handelsluft­schiff und sechs Flugzeugen eingeholt und hierher- gelettet worden. Die drei Luftschiffe erschienen fast gleichzeitig am Horizont. Nachdem derGraf Zep­pelin" am Ankermast festgemacht hatte, verließ Dr. Eckener als erster die Gondel und wurde von seinem Sohn begrüßt. Er war offensichtlich sehr müde und machte einen weit abgespannteren Ein­druck als nach den früheren Fahrten. Er teilte, meist durch Vermittlung des Dolmetschers, über den V e r - lauf der Fahrt folgendes mit:

Gestern abend etwa um 20.30 Uhr geriet das Luftschiff in die schwerste Siurmböe, die es je erlebt hat. Sie war sogar schlimmer als der Sturm, der bei der ersten Transozeanfahrt im vergangenen Jahr den Flossenbezug aufrih. Es herrschte zunächst ein 45-fiilometer-lDinb, plötz­lich setzte ein Nordwind von 65 Stundenkilome­tern ein. Das Luftschiff stampfte wie ein Schiff in schwerster See; jedoch ist kein einziger Passa­gier erkrankt, und es wurde kein Schaden angerichtet.

Zehn Minuten, nachdem wir in den Sturm ge­raten waren, erhielten wir durch Funkspruch die Warnung der Wetterbureaus in Washington, daß ein solcher Sturm zu erwarten sei. Wir nahmen von Pernambuco direkten Kurs auf Lakehurst statt auf Havanna, weil wir überKuba starke Gegen­winde angetroffen hätten. Wir befürchteten, daß wir unter diesen Umständen nicht mit unse­rem Brennstoff bis Lakehurst kommen würden. Das Luftschiff hatte bei der heutigen An­kunft in Lakehurst noch Brennstoff für 30 Stunden. Infolge des Regens in Pernambuco war das G e - wicht des Luftschiffes so stark erhöht worden, daß wir vier Tonnen Brennstoff weniger als ursprünglich beabsichtigt mitnahmen. DerGraf Zeppelin" wird am Montag um 9 Uhr die Rückfahrt nach Sevilla antreten. Aus dem Logbuch Dr. Eckeners ergibt sich, daß derGraf Zeppelin" auf dieser Fahrt bisher 13 400 Seemeilen in 204)4 Flugstunden zurückgelegt hat.

Dr. Eckener erklärte weiter, er habe über die Einrichtung eines regelmäßigen Zeppe­

lin d i e n st e s zwischen Europa und Brasilien noch keine bestimmten Pläne. Seiner Ansicht nach sei es ratsam, den Dienst nur bis Pernam- b u c durchzuführen und von dort ausFlug- zeuge zu verwenden.

Die Bedingungen für die Einrichtung eines Passagier- und postdienstes von Südamerika nach Neuyork seien ideal. Er werde bei der American Zeppelin Eo. einen solchen Dienst befürworten.

Die Fahrgäste desGraf Zeppelin" äußer­ten sich begeistert über die Fahrt. Infant Alfonso sagte Pressevertretern, über haar­sträubende Eindrücke könne er keine Mitteilungen machen, da er Haarsträubendes nicht erlebt habe. Frau Durston erklärte, die Fahrt sei zwar sehr rauh gewesen, habe aber doch keinen Grund zur Angst geboten. Der Fahrgast Grause bemerkte: Das Luftschiff benahm sich im Sturm wie ein bockendes Pferd. Wir waren aber nicht beunruhigt. Das Be­wußtsein der Größe und die Stabilität des Luftschiffes sowie das Bertrauen, das Dr. Eckener an den Tag legte, ließen A n g st nicht aufkommen. Wir waren gestern nacht alle auf den Beinen und warteten im Salon das Ende des Unwetters ab. Als es dann vorüber war, gingen wir friedlich schlafen. Ich schlief fest wie ein Kind. Infant Alfonso sagte über die Fahrt: Eine Reise im Zeppelin ist kaum eine Reise zu nennen. Alles ist Komfort, es gibt keinen Lärm, und die Landschaft in der Tiefe eilt schneller vorüber als bei einer Cisenbahn- fahrt, ohne daß irgendwelche Erschütterungen zu spüren seien.

Der Leiter der Aeronautischen Abteilung der amerikanischen Marine Konteradmiral M o f - f e t erklärte: Diese Zeppelinfahrt nördlich und südlich vom Aequator unter den unerprobten schwierigen Verhältnissen, wie sie in den Tropen bestehen, ist wieder ein Beweis für die Verwendbarkeit der Lenkluftschiffe. Wir wollen hoffen, daß nunmehr allen Zweiflern ein Licht aufgeht und daß der Hilfsmarine der Vereinigten Staaten die Fertigstellung ihrer bei­den großen Luftschiffe und der geplanten Luft­schiffbasis an der Küste des Stillen Ozeans er­möglicht werden wird, damit unser Land den ihm gebührenden Platz auf dem Gebiet dieses neuen Beförderungsmittels einnehmen kann.

bk Finanzreform und die Bildungs­reform bezeichnet. Daß gar der Versuch einer Vereinigung mit politisch, wirtschaftlich und kultu­rell völlig anders gearteten Parteien scheitern muß, bedarf keiner Ausführung.

Das mnerpolitische Programm der Deutschnatlvnalen.

Der Fraktionsvorsitzende Oberfohren spricht über die Finanzreform.

Dortmund, 1.Juni. (CNB.) Dor der Deutsch­nationalen Volkspartei in Dortmund sprach der Vor­sitzende der Reichstagsfraktion Dr. Oberfohren. Die Uneinigkeit im eigenen Lager sei dadurch ent­standen, daß ein Teil der deutschnationalen Fraktion das Steuerprogramm annehmen zu müssen glaubte. Der Redner forderte Aenderung der Methode im Etatgebahren in Reich, Ländern und Gemeinden. Wenn keine Ausgabensenkung stattfinde, nütze kein Auffüllen durch Steuern. Seine Partei erstrebe bewußt verantwortliche Teil­nah rne an der Regierungsführung, dann aber könne den Parteien, die den Poungplan angenommen hätten, keine überragende Stellung in der Regierung eingeräumt werden. Jedes Mitglied der Gemeinde müsse mit einem kleinen V e r w a l - tungskostenbeitraa belastet werden, der mit dem Anziehen der Steuerschraube automatisch stei­gen solle. Dies würde miteinem übermäßi­gen Anziehen der Steuerschraube aufräumen. Der Redner forderte weiter Her­ausnahme der Arbeitslosenversiche­rung aus dem Reichsetat und Aenderung des Systems der Handelspolitik zugunsten der Land­wirtschaft in diesem Zusammenhang prophezeite er in diesem Jahre eine Ernte, wie wir sie seit 30 Jah­ren nicht mehr gehabt hätten, und eine zwangs­läufige Senkung der Roggenpreise. Schließlich lehnte Oberfohren das Notopfer der Fe st besol­deten ab.

Oer Konflikt Thüringens mit dem Reich.

Weimars Standpunkt in der Polizeifrage.

Weimar, 31. Mai. (WTB.) Staatsminister Baum veröffentlicht eine Stellungnahme zum Ergebnis der Länderkonferenz, die sich mit den Thüringer Fragen befaßte. Rach Ansicht des thüringischen Staatsministeriums läßt die Rechts­lage eine Sperrung der Reichszuschüsse aus den bekannten Gründen nicht zu. Aach Artikel 128,1 der Reichsverfassung würden alle Staatsbürger ohne Unterschied nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihren Lristun- gen zu den öffentlichen Aemtern zugelassen. Der Anlaß, aus dem das Recht zur Sperrung der Zuschüsse hergeleitet werde, sei überdies viel zu unbedeutend, als daß man in ihm eine Gefahr für die Sicherheit des Landes oder Reiches erblicken kann. Von den vorgeschlagenen Polizeidirektoren ser mir ein einziger eingetragenes Mitglied der Rationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, und wenn zum Vertreter eines dieser Polizei­direktoren (Weimar) ein Gerichtsassessor bestellt werden soll, der Mitglied der Rationalsozialisti­schen Deutschen Arbeiterpartei ist, so könne auch darin niemals eine Gefahr für das Reich oder das Land erblickt werden. Gegenüber den Mit­teilungen des Herrn Reichsinnenministers über die Länderkonferenz sei festzustellen, daß eine Reihe der anwesenden Innenminister erklärt habe, sie könnten zum Streitfall Reich gegen Thüringen überhaupt nicht Stellung nehmen. Von der in der Mitteilung des Herrn Reichs­innenministers erwähnten Bestätigung seiner grundsätzlichen Auffassung durch den Verlauf der Aussprache könne daher keine Rede sein. Sollte die Sperrung der Polizeizuschüsse durch das Reichsinnenministerium wider Erwarten dennoch erfolgen, würde das Staatsministerium die Ent­scheidung des Staatsgerichtshofes für das Deutsche Reich anrufen. t

Von der Seele der deutschen Stadt.

Von Anton Schnack.

' Lebt sie noch? Ia, sie lebt noch; denn das Seelische ist dauernder als der Körper.

Franzosen, Schweden, eigener Tlnverstand, grausame Schnüre von Bränden haben an den deutschen Städten zerstört, was niemals zu sein brauchte. Man hot in ihre schönen und edlen Gesichter Rarben gehauen, Lücken gesengt, sie verunziert und vergewaltigt, wie es kaum ein Volk der Erde mit seinen Städten getan hat. Trotzdem ist erstaunlich, was noch geblieben ist.

Sinnbild für die Städte der Vergangenheit ist der Zusammenwuchs von Gottdienen und Menschentreiben. In die großartige, himmel­anstürmende Radel des Doms und der Kirchen stürzen sich in vielen Städten die gezackten Giebel, die fletschenden Wasserspeier, die hutartigen Dächer und die stolzen Türmchen der Patrizier­häuser. Die seelische Haltung des damaligen Menschen ist vollkommen darin ausgeprägt. In Gott mündete sein ganzes menschliches Sein.

Schöpferische Kraft war die Gottliebe. Sie stieg empor von einer heute nicht mehr begreifbaren Hingabe hinaufgetrieben, als wollte sie durch Luft und Wolke in das Herz des Göttlichen stoßen und sich einen steinernen Weg in das Tleberirdische bauen.

.Unter ihrem Schatten konnte alles Irdische bis zum Teuflischen hinunter geschehen und noch den Glanz von etwas Heiligem bekommen. He?en- wahn, Inquisition, Folter, abgründige Verliese, schreckliche Vierteilungen, der Jahrmarkt der öffentlichen Hinrichtungen, Grausamkeit in der Kriegführung und im persönlichen Haß waren nichts anderes als die ungeheuere Erlebnisweite, die die Seele des Menschen erfüllte, der diese Städte baute und bewohnte. Dabei war diese ungehemmte und grüblerische Seele von einer seltsamen Geschlossenheit. Ein Haus schob sich in das andere, eng, gemeinschaftlich, verwandt, auf gleiches Schicksal gestellt und nahe bis zum Herzschlag, nur einzelne, in denen sich Macht und Hoheit des Herrschens verkörperten und sam­melten, hoben sich durch Pracht und unbeug­samen Stolz heraus.

Die Seele der Vergangenheit war in ihren Spannungen sicherlich vielfach größer als die heutige. Denn sie hatte die Fähigkeit und die Bereitschaft, die Gegensätze des Lebens Gut und Döse in einer einfältigen und seltsamen Eintracht zu vereinigen. Das lebt noch in der deutschen Stadt: Phantastik imb Großartigkeit neben Eingeschränktheit und.Demut, Wildheit und

800M. Geldstrafe für Goebbels Die Beleidigungsklage des Reichspräsi- dcnten gegen den nationalsozialistischen

Abgcordneren.

Berlin, 31. Mai. (ERB.) Dor dem Schöffen­gericht Berlin-Charlottenburg begann der Prozeß gegen den nationalsozialistischen Schriftsteller und Reichstagsabgeordneten Dr. Iulius Goebbels wegen Beleidigung des Reichspräsi­denten von Hindenburg. Es handelt sich um den in dem nationalsozialistischenQI n - griff" erschienenen Artikel mit der Lleberschrift Lebt Hindenburg noch?", der schwere Angriffe gegen Hindenburg wegen seiner Haltung zum Voung-Plan enthielt. Rach Eröffnung der Sitzung verlangte der Verteidiger Dr. Goebbels, Rechtsanwalt Graf von der G o l h (Stettin), den beisihenden Derufsrichter Landgerichtsrat Karow und den Schöffen Rietz abzulehnen, weil sie jüdischer Rasse seien. Darauf zog sich das Gericht zur Beratung über den Ablehnungs­antrag des Verteidigers zurück. Während der Beratungspause versuchten die Parteigänger des Angeklagten Goebbels immer wieder, in den Ver­handlungssaal zu gelangen, und die Iustizwacht-

grausamer Sinn neben kindlich lächelndem Sich- begnügen und Versunkensein, unmittelbares Ge­fühl von Treue und Gemeinschaft neben leiden­schaftlicher Parteinahme und Zerfleischung. Die Stirnen dieser Städte waren ebensosehr von Blut umraucht wie von Rosenhauch umduftet: demütig, gelassen, stolz und begierig haben sie beides aus dem grellen und bunten Leben, das um sie trieb, ausgenommen.

Wir finden die Seele der alten Städte immer mehr. Wir entschließen uns immer mehr, sie zu entdecken, sie zu lieben und zu bewahren. Es gibt glänzende Stadtbilder in Deutschland, wie aus Metall und Stein gestochen, Traumbildern ver­gleichbar, ausgeprägt, kühn, bildhaft und eben­bürtig glänzenden Stadtbildern von Italien und Frankreich. Der deutsche Mensch hat mit tiefer Liebe, hoher Kunst und leidenschaftlicher In­brunst an ihren Tlmrissen und Dingen gebaut als ginge sein Leben in die Ewigkeit und der Mensch immer darin umher.

. *

Unser Abend wird ihnen gehören. Da tritt die Seele der Städte aus ihrer Verzauberung und Versunkenheit heraus, behängt mit der süßen und schmerzlichen Traurigkeit des Gelebten, mit ein wenig Spuk und Zauberduft umweht und von Blutgeruch und alten Gewürzen geschwelt. Giebel, Steine, Treppen und Tore, Inschriften und Gebälke werden lebendig und bekommen Ge­sichter. Es sind die Gesichter von Königen, von Heiligen und Helden, von Magiern und Alchi­misten, von Gehängten und weißen Frauen, von rätselhaften Kinderaugen, von Wandermönchen, visionären Asketen und grausamen Meuchel­mördern.

Da stehen noch Mauern, gegen die dunkler Eisensturm rasselte und brüllte; Tore öffnen sich und zeigen das magisch glühende Bild eines flüchtenden Kaisers; Fenster tuen sich auf, von einer Haube und einem Gesicht ausgefüllt, das sich hinunterbeugt zu einem fahrenden und ver­lorenen Sänger. Treppen wirst du finden, wo einstmals etwas Grausames ging, ein Schritt, der schwer ist wie Verdammnis, ein Eisen klirrt, das grell ist von Blut, aus der Finsternis eines Gewölbes wird dich etwas anschreien, das aus ruhelosen Kehlen zu röcheln scheint.

Das Leben ist nicht so, daß es da ist und wieder vergeht, es geht weiter, es verwandelt, es prägt ein. So auch lebt ein Stück in den Städten, die sich aus den Iahrhunderten heraus zu _ ihrer jetzigen Form gestaltet haben. Von Krönungen und Geschrei, von Turnieren und Gebeten, von Thesen und Domglocken, von Schwarzkünstlern und Scharlatanen, von Hoch­

meister hatten die größte Mühe, den Ansturm zurückzuhalten. Schließlich wurde die Ableh­nung des Antrages verkündet.

Nach mehrstündiger Verhandlung beantragte der Staatsanwalt neun Monate Gefängnis.

Keine parteipolitischen Erwägungen hätten, wie die Verteidigung es behaupte, den Herrn Reichs­präsidenten zur Klagestellung in diesem Falle veranlaßt, sondern der Umstand, daß er sich als Mensch, als Persönlichkeit, als Staatsbürger auf das Schwerste gekränkt und be­leidigt fühle. Es schweben 24 Strafanträge wegen Deleidigung des Reichspräsidenten. Dieser Fall aber liegt ganz besonders schroff. Es sei eine Pers önliche, perfide Deleidi­gung, einen Menschen wie Hindenburg als völlig apathisch und stumpf zu bezeichnen. Das sei eine persönliche Herabsetzung, noch mehr trete dieser perfide Charakter der Deleidigung zum Vorschein in der Zeichnung, die den Reichspräsidenten als einen Menschen darstelle, der gleichgültig und gefühllos ein Volk unter das Ioch schreiten lasse. Ein Mann, der mit seinem ganzen Herzen, nach seinen besten Kräften immer dem Vaterlande gedient habe, könne nicht schwe­rer getroffen werden als durch solche Unter­stellungen und Deleidigungen. Von einer W a h-

zeiten und Hinrichtungen, von Iahrmärkten und Plünderungen, von Kriegshaufen, Riederlagen und Bränden hat sich, wie Metall, glühend und heiß gemacht, etwas in die Seele der Städte geprägt. Und die Medaille der deutschen Städte ist solcher Art: schmerzensreich und freudenvoll.

O hohes, heiliges Bamberg, o festliches Würz­burg, o reiches, nach den Gewürzen der Welt duftendes Augsburg, o unverwandeltes Rothen­burg, o verschwärztes Ochsenfurt, o spukhaftes Hameln, o glänzendes Passau, o reiches Frank­furt am Main, o zugesponnenes Märchenstück Dinkelsbühl und noch viele mit euch im Süden und Rorden, Osten und Westen, seid ihr nicht Träume, zu Stein geworden, hochgezackt, grün- und silbergetürmt, unter dem Mondlicht glän­zend und in der Sonne aus tausend Fenstern glühend, aufgestellt gegen die Wipfel sausender Bäume und gespiegelt von den Wellen weißer und blauer Flüsse.

*

Ich durchstreife Dinkelsbühl und erscheine mir wie ein Landsknecht, hergeritten über den Staub der fränkischen Landstraße, Schuhsoldat eines Rürnberger Kaufherrn, der mit Tand und Waren durch das Wörnitzer Tor geritten kommt. Ich finde Holz und Fässer vor den Toren, Wagen mit Mist und Garben, eine Stadt, die sich in Giebeln überbaut, mit dem Schatten und Dunst von vielen Winkeln, in den Traum der Ver­gangenheit verloren, deren Türme wie Türme einer Märchenstadt in die glasige Luft steigen. So stolpere ich umher, berückt von dem Unver­änderlichen, das den Glanz und die Stärke der Vergangenheit in sich gesogen und bewahrt hat.

O Zauber, sich in das alte Hameln zu ver­setzen und sich zu fragen: werde ich ihn hören, den magischen und silbernen Pfiff des Ratten­fängers, an den ich zusammen mit anderem Spuk seit Kindheit dachte? Vielleicht sehe ich ihn un­ter einem alten Tor stehen? Vielleicht träfe ich ihn, über den nachtsilbernen Spiegel der Weser gebeugt und sich an den flehenden und ängst­lichen Kinder äugen in grausamer Wollust wei­dend, die er in den Strudel getrieben hat. Viel­leicht träfe ich ihn imKrug zum Ratten­fänger'' hinter einem Glase dunklen Bieres... Oh, welches Tor öffnet sich, um ihn noch einmal heraustreten zu lassen, schimmernd von grünen, blauen, roten, gelben und braunen Tuchfehen, mit der Pfeife am Lippenwulst und schrillend umherziehend mit einer quiekenden, funkelnden und wispernden Mäuseschar im Rücken. Und wel­ches zweite Tor stünde offen, aus dem er zöge als ein Iäger mit dem Weidmesser angetan und die Armbrust über der Schulter, den roten Hut

r un g berechtigter Inte ressen Eonne bei dem Angeklagten absolut nicht die Rede sein. Es läge als einziger Entschuldigungsgrund vor. daß der Angeklagte aus politischer Ue- berzeugung gehandelt habe. Belastend aber sei die schwere Verletzung des. natio­nalen Anstandes, die darin liege, datz der Angeklagte den in der ganzen Welt hochge­achteten Repräsentanten des deutschen Volkes in dieser Weise beleidigt habe. Eine Geldstrafe könne bei der Schwere der Tat nicht in Frage! kommen. Er beantrage gegen den Angeklagten! neun Monate Gefängnis.

Der Verteidiger beantragte Freispre­chung. In seinem Schlußwort sagte der Angeklagte, datz er mit einem republikani­schen Staatsanwalt über den Begriff des nati­onalen Anstandes nicht rechte.- Inzwischen hat­ten sich in dem Korridor vor £em Gerichtssaal etwa hundert Menschen angesamnMt, die Goeb­bels, mit lauten Rufen begrüßten. In der Halle setzte sich der Lärm fort, auch auf der Straße zeigten sich Ansammlungen. Das Urteil lau­tete auf Geldstrafe von 800 Mark.

In der Begründung führte Landgerichts­direktor Schmidt aus, daß jeder Beamte, also auch der Reichspräsident, der öffentlichen Kritik ausgesetzt sei. Solange eine derartige Kritik sich in sachlichen Grenzen bewege, und keine belei­digende Absicht habe, müsse sie straffrei blei- \ 6en. Was den inkriminierten Artikel imAn­griff"Lebt Hindenburg noch?" angehe, so habe das Gericht in ihm weder eine beleidigende Ge- samttendenz noch einzelne beleidigende Sähe nach­weisen können. Die in ihm enthaltenen Ausdrücke seien zwar scharf, aber noch sachlich. Auch im Text und der KarikaturUnd der Retter sieht zu!" habe das Gericht keine Beleidi­gung erblicken können, auch nicht in der Dar­stellung Hindenburgs als germanischer Gott, der auf en Zug der versklavten Generation blicke, ebenso nicht in der UnterschriftHerr Hinden­burg hat nicht gegen die 60 Iahre Versklavung gestimmt." Das Gericht habe aber in einem Teil der Karikatur eine beabsich­tigte Beleidigung des Reichspräsidenten feststellen müssen. Diese beleidigende Wirkung der Zeichnung hätte der Angeklagte zweifels­ohne erkannt. Das Gericht sei aus diesem Grunde nicht zu einer Schuldfeststellung im ganzen Sinne der Anklage gelangt, sondern habe nur einen Seil ber Zeichnung als absichtlich beleidigend festgestellt. Da der Angeklagte Ueberzeugungstäter fei, komme eine Freiheitsstrafe nicht in Frage, und deshalb sei eine Geldstrafe verhängt worden, die mit Rücksicht auf die ehrwürdige Person des Reichspräsidenten hoch sein müsse. Da der Angeklagte nicht aus ehrlosem Motiv gehandelt habe, sei als Ersatzstrafe nicht, wie gewöhnlich, Gefängnis, sondern nur Haft fest- gesetzt worden. Als der Angeklagte Dr. Goeb­bels das Gerichtsgebäude verließ, wurden ihm von d er dort harrenden Menge seiner Anhänger stürmischeOvationen zuteil.

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Oie Niederlegung der Trierer Zeppelirchalie.

Trier, 31. Mai. (CNB.) Die Niederlegung der Zeppelinhalle durch eine von französischen Pionieren vorbereitete Sprengung ist nun doch aufgegeben worden, weil es dem Ansteigerer Marx aus Mülhausen (Elsaß) im letzten Augen­blick gelungen ist, einen deutschen I n- genieur und mehrere Schweißer zu finden, die sich zum A b br u ch der Halle be­reit erklärt haben. Die hier eingetroffenen französischen Pioniere werden nur das zum Ab­bruch notwendige Gerüst in der Halle errichten. Marx hatte dem französischen Generalkommando mitgeteilt, daß die angefragten deutschen Firmen sich geweigert hätten, den Abbruch auszufüh­ren, und fragte daher, ob er französische Soldaten erhalten könne. Daraufhin wurde das französische Pionierkommando nach Trier entsandt. Voraus­sichtlich wird am Montag mit dem Ab­bruch begonnen werden.

über die glühenden Augen eingedrückt, pfeifend und lockend, aber diesmal im Stimmen trudel eines Kinderschwarms. Und auch ich würde ihm fol- igen und nicht wie jenes Kindermädchen es machen und umkehren.

*

Ich trete heraus aus diesen leise zerfallenden! und edlen Traumstädten und suche den Gegen­satz, der der seelischen Haltung des Deutschen! entspricht. Denn im Gegensatz und in der Span­nung zwischen Gemüt und Geist liegt unser Kum­mer und liegt unsere Lust. Die Deutschen haben klare gotische Städte, heiße Barockstädte, lächelnd verschnörkelte Rokokostädte, Gartenstädte, wo je­des Haus aus dem Boden gewachsen zu sein scheint, wir haben unsagbar seine Biedermeier­städte und glänzende stolze Renaissance- und Kausmannsstädte. Rur das letzte zurückliegende Iahrhundert hat uns unentschiedene Städte ge­baut.

Wo einst ein abgründiges und verzweigtes Ge­müt baute und formte, türmt aber jetzt der aus allen Fugen stürmende Verstand des Deutschen babylonische Städte aus Eisen und Beton in die Landschaft. Das weiche elastische Holz und der fügsame Stein haben dem harten klaren Eisen Platz gemacht. Was hinter uns liegt, sind ver­wunschene und lächelnde Märchen, Städte, in denen man nur Gedichte lesen soll und hübsche bezopfte Musik spielen, Städte, zu denen Liebes­geflüster und der Schlag der Rachtigall ge­hören und der Mond wie eine japanische Feuer­kugel darüberhängt.

Wir haben eine andere seelische Haltung und bauen uns darum andere Wohnungen. Eine neue Dynamik marschiert. Stahl und Eisen stechen in den Himmel, Städte ohne Romantik, dumpf und wild wie Balladen, großartige Symphonien aus Straßenlärm, Hämmern, Ventilen, Flugzeugen, Gas und Funken, Autos und Eisenbahnen, baby­lonische Burgen, über denen der Himmel schwarz ist und feurig und die in den Rächten zu einer höllischen, funkelnden Geisterhaftigkeit werden, deren fahle und grausame Romantik nicht mehr lösend wirkt, sondern fast dramatisch spannt. Die Seele hat dem Willen Platz gemacht. Dieser Wille hat sich am entschlossensten in den beispiel­losen Giganten an der Ruhr gezeigt.

Kein Volk bet Erde hat solches auf seiner seeli­schen Tafel stehen: Städte wie Märchen und Städte wie apokalyptische Reiter, Städte von einer malerischen Abgrenzung nach außen und Städte, die mit ungestümer Kraft ihre Grenzen immer weiter in und über den Leib der Erde furchen.

So gleichen unsere Städte unseren Seelen: Träumet Lind sie und Giganten des WUjenä.

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