Mittwoch, 2. April 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 78 Dritter Blatt
Aus der Wett des Films.
Hundert Prozent farbig!
Ter erste Karbentoufilm in Teutschland.
Berlin, im März.
Der erste Farbentonftlm, Qtryugnte der National First Pictures, heißt „(Ei 11 rf und zeigt an einer Monstre-Zi«ßf celd-Reoue, was er kann, mU aller Vorsicht Der|d)nxipenb, was er noch nicht versteht, und sein« erstaunlichsten Prachtwirkungen bis zum Ende aufsparend, wo die arme (EiHx) endlich «in Ziegfieldstar geworden ist und chren traditionellen Millionär bekommen wird. Dieser 9dm ist überhaupt nach dem Vorbild von Al Jolsons
i o g i n g f o o 1* gemacht, ^nch die kleine Citty ist eine Kellnerin, die bis zum Weltruhm empor- steigt, nachdem sie unterwegs auf einem fabelhaften Millionärsganensest di« Rolle einer russischen Tänzerin vollendet gespielt hat. Hier nun, wenn die Kamera vor den immensen Höfen dieses Millionär- Palastes steht, wenn sich di« Lampen und Laternen in den Teichen wiederspiegeln und die Gewänder der glänzenden Gesellschaft durcheinanderfluten, ver Sröfjcrt steh die Bildfläche und zeigt di« Gestalten, ngend und iprechend, in Lebensgröße. Dann kommen die Ausnahmen aus der Ztegfield-Reoue mit ihrem Schillern, Gleißen und ©längen: dabei kom- men Farben heraus, da erscheinen die Züge der Girls aus so vielen verschiedenen Blickpunkten und in wechselnden Ansichten, daß vor solcher Schau auch das prächtigste Variete machtlos bleibt. Wenn bei diesen Bildern spontaner Beifall losbrack), so bezeugen die Zuschauer damit, daß solche Schauspiele der Buhne unerreichbar sind und daß sie wirklich noch nicht Gesehenes sahen. Der Einwand gegen diese Farbenpracht liegt nahe genug: das Theater, das DarietS, das Unmittelbare wird wieder ein Stückchen weiter abgebaut, die Freude an der lieber- tragung an sich gewinnt an Boden.
Die Farben sind natürlich — soweit in diesem Film natürliche Farben überhaupt gezeigt werden. Das Technicolor-Derfahren aber arbeitet immer innerhalb des Ateliers, vor Kulisien, bei ausgerech- neter Scheinwerferbeleuchtung. Was der Farbenfilm schon in der freien Natur unb bei natürlichem Sonnenlicht vermag, erfährt man also einstweilen nicht. Innerhalb dieses Rahmens freilich, In dem man „natürliche" Farben nicht erwartet, leistet bte neue Er- finbung Erstaunliches und Verblüffendes, und sie liebt es, auf ihr Können ausdrücklich hinzuweifen. Weil man herausaefunben hat, baß sich grünes Laub vor bräunlichem Gemäuer besonders gut ausnimmt, spielen große Teile bes Films in einem Gartenlokal, wo man diese Effekt« In Ueberfluß anbringen kann. Weil sich die farbigen Kontraste zum Dämmerdunkel grüner Bäume gut machen, bringt man papierne Blüten und Blumen in Fülle an und läßt das Ganze Im Frühling geschehen, der das Herz zu mancherlei süßen Gesangseinlagen anregt.
Man kann an Hand dieses Revue-Films feststellen, wo Amerika tonfilmisch augenblicklich hält. Sie sind uns drüben akustisch sicherlich um Einiges voraus, ihre Orchester klingen voller und reiner, und ihre Darsteller haben die lange Tonfilmerfahrung. Dramaturgisch haben wir sie längst überholt. Der Regisieur John Francis D i l l o n scheint noch immer Wert darauf zu legen, das Theater nachzuah- men, daher läßt er lang? Dialogstrecken beinahe naturalistisch ausspielen, ohne daran zu denken, daß hierbei die Handlung stockt. Auch scheut sich Amerika nicht vor grotesken Episoden und operettenhaften Gesangseinlagen, in denen gesagt wird, daß es ein Herz auf dieser Welt gibt, und daß alles ein Traum ift Während sich der deutsch« Tonfilm mit Erfolg vom Theater frei gemacht hat, scheint Amerika der Bühne vollkommen verfallen zu fein.
Die Darstellerin der Lilly heißt Marilyn Miller, eine nach amerilanifd^n Begriffen süße blonde Schönheit, wunderbar gewachsen und also eines Ziegfield-Girls und ihres Millionärs durchaus wür-
big. Sie spielt, singt und tanzt exzellent, sie ist für Al Jolsons Ißellrubm die nächste Anwärterin. Und wie der „Singing fool* dem Tonfilm den Weg in die Welt öffnete, ,o scheint „Tilly" berufen, dem Farbenfilm den Weg zu ebnen.
Aber auch das ift'nur ein Uebergang. Während wir uns jetzt über die Aussichten des bunten Films
unterhalten werden, bereitet man in Hollywood bereits den plastischen Film vor, von dem Ein- geweihte die erstaunlichsten Dinge erzählen. Wenn die Entwicklung in dem bisherigen Sekundentempo weitergeht, können wir also bald den plastischen Farbentonfilm erwarten. Bo.
100000 Talentlose suchen Protektion.
Jährlich 30000 Bewerbungen bei einer Filmgesellschaft. — tteberangebot an Z.lmmanuskripten. — 6000 „gute Zdeen*.
Don Richard Tlieburg.
Dieser Tage begann in Berlin ein sensationeller Prozeß gegen einen angeblichen Filmregisseur, der unter der Vorspiegelung, eine Filmschule geleitet zu haben, Stellen- und Kautionsschwindel betrieben hat.
„Ich wollte höflichst anfragen, ob ich im Film mit untergebracht werden kann. Da ich momentan ohne Arbeit bin. Hatte immer schon großes Interesse dafür. QHeine letzte Beschäftigung war Servierfräulein in Bad itöfen. Wein Alter ist 18 Jahre. Hoffentlich habe ich keinen Fehltritt getan und. wäre Ihnen dafür sehr dankbar. Hochachtungsvoll Hilde T." Dies ist ein typischer Brief aus dem Papierkorb eines Engagementsbureaus. Mehr als 30 000 Menschen, die meist im Alter von 17 bis 25 Jahren stehen, schreiben jährlich allein an die Ufa, und in diesem Heer sind alle Berufe und Schichten vertreten, vom Laufburschen bis zum Sohn eines Diplomaten, der durch sein gutes Aussehen bei 2ieb- haberaufsührungen in den aristokratischen Kreisen von Paris und London Erfolg gehabt hatte. Die Bewerbungsschreiben stimmen in der Naivität des Tones überein, aber nicht in der Schreibweise der einzelnen Worte und in dem Sahbau, da die gewöhnlich für verbindlich angesehene deutsche Orthographie und Grammatik von den Filmkandidaten nicht anerkannt wird. Die stumme Kunst muß Menschen locken, die mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß stehen: aber die Erfahrungen der letzten Zeit lehren, daß auch der Uebergang zum Tonfilm keine abschreckende Wirkung ausgeübt Hai.
Lächerliche Vorstellungen sind über die Gagen der Filmschauspieler im Volk verbreitet. Die Vermögen, die sich ein Dutzend international berühmter Kinostars erspielt haben, überstrahlen das Elend des Filmproletariats, von dem man nicht gern hört. Das Briefporto ist noch erschwinglich, und so greifen täglich eine Anzahl junger Leute in allen Orten Deutschlands zu Feder und Papier, um mangelhaft stilisierte Bewerbungsschreiben an die Filmgesellschaften, die Regisseure, die Theater- agenturen und die beliebtesten Schauspieler zu richten. Zähe Naturen lassen sich nicht dadurch abschrecken, daß sie keine Antwort erhalten. Ist nicht Emil I a n n i n g s ursprünglich Tischler gewesen und bann Schiffsjunge geworden, ehe sein Talent entdeckt wurde? Und wie war eS mit Emst L u b i t s ch, dem früheren Konfektionär? Auch Neinhold S ch ü n z e l war ein Mann des Musterkossers und sparte sich als Neisender in Trikots die ersten Groschen zusammen. Max Pallenberg entwickelte seine komische Begabung zuerst als Handlungsgehilfe und Neisen- der in Wien. Was diesen Männern gelungen ist, sollte den hunderttausend untalentierten Freunden der Schauspielkunst, die von einer glänzenden Filmlaufbahn träumen, unmöglich fein? Wenn man nicht auf das erste Bewerbungsschreiben sofort das Ne'segeld geschickt bekommt, so liegt das wohl daran, daß der erste Schritt der schwerste ist: aber die mangelnde schauspielerische Ausbil
dung ist nachzuholen, und die fehlenden Beziehungen lassen sich Gott sei Dank noch immer anknüpfen. Ein kleines Inserat verspricht: „Filmschule unter Leitung eines bekannten Regisseurs nimmt noch Damen und Herren aller Gesellschaftskreise auf. Erster Film wird nach dreimonatiger Ausbildung gedreht."
Viele dieser Filmschulen sind völlig wertlos. Wer sich bei ihnen meldet, muh zunächst eine ..Eignungsprüfung" bestehen und dafür 20 oder 30 Mark zahlen. Natürlich kommt es niemals vor, dah jemand bei einer solchen Prüfung durchfällt: sonst würde der ..Filmschule" ja ein Schüler verloren gehen, der monatlich etwa 100 Mark Schulgeld zu entrichten hat und dafür in der Schauspielkunst und in letzter Zeit sogar im schauspielerischen Sprechen und Singen unterrichtet wird, wie das für ben Tonfilm nötig ist. Es kommt vor, dah der Lehrer, der den Titel eines Filmregisseurs führt, früher Schlosser oder Friseur gewesen ist. Irgendwelche Beziehungen zu ernsten Filmgesellschaften sind fast niemals vorhanden. Dennoch wird den Filmschülern versprochen, daß unmittelbar nach Beendigung der Kurse ein Film gedreht wird, bei dem sie mit» spielen sollen. Wenn dieses Versprechen gebrochen wird, können die angehenden Filmschauspieler, die von ihrem neuen Beruf keine Ahnung haben, von Glück sagen. Sie haben bann nur daS Lehrgeld vergeudet und sind stellungslos. Zuweilen werden den jungen Leuten, ine von romantischer Sehnsucht zum Film getrieben wurden, aber außerdem ihre Ersparnisse abgeknöpft, mit denen der Herr Regisseur den versprochenen Film finanzieren will. Liebrigens stehen nicht alle betrogenen Filmschüler noch im jugendlichen Alter: es gibt auch bejahrte Damen, die von spätem Glück träumen und sich erinnern, dah es in manchen Charakterfilmen auch Mutterrollen zu besehen gibt. Es soll nicht behauptet werden, daß diese merkwürdigen Filmschulen niemals einen Film gedreht haben; schließlich kosten ein paar hundert Meter Filmstreifen nicht die Welt, und man kann auf diese Weise den Geneppten wenigstens eine kleine Freude bereiten. Die Leiter der Filmschulen verfügen regelmäßig über wohlklingende Namen. Der Wann, der augenblicklich in Berlin vor Gericht steht, nennt sich z. B. Erich Tamara, obwohl er in den Strafregistern als Erich Schönemann geführt wird: er ist nämlich siebenmal vorbestraft. Zuletzt ereilte ihn fein Schicksal, weil er merkwürdige Wechlelgeschäfte „getätigt" hatte. Unter den von ihm Geschädigten befindet sich auch eine frühere Köchin von 42 Jahren, die nun Filmstar werden wollte und für diesen edlen Zweck 9000 Mark ausgegeben hat!
Dah die Filmindustrie keinen Nachwuchs braucht, der in solchen Schulen herangebildet worden ist, geht schon daraus hervor, dah die durchaus ernsthafte Filmschule der Ufa vor ein paar Jahren eingegangen ist. Die Arbeitslosigkeit unter den Schauspielern ist so groß, daß die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung m jedem
Jahr groß« Summen opfert, um der ärgsten Not zu steuern. Nun sind die BerusSschau- f p ie ler zweifellos viel geeigneter, in die Filmindustrie, Angehörige bayerischer Ministerien und zufriedenen in allen Berufen, da- sich einredet, es würde auf den Brettern oder auf der Leinwand rasch berühmt werden, wenn eS nur Verbindung mit dem Film erhielte und Protektion genösse. Zur Zeit gibt eS in Deutschland nur ein einziges wirklich seriöses Institut, das für den Film vorbereitet, dos ist die Deutsche F i l m s ch u l e in München. Sie besteht fast ein Jahrzehnt und wurde gegründet, um die „wilden" Filmschulen, die sich in fast allen deutschen Großstädten aufgetan hatten, auSzuschalten — was ihr leider nicht gelungen ist. Die Anregung ging von einem kleinen Kreise ernsthafter Münchener Filmsachleute auS, unter denen vor allem der Freiherr von Dcrchem zu nennen ist, der es verstand, auch die bayerische Regierung für den Plan zu gewinnen. Der Verwaltung der Schul« gehören bekannte Mitglieder der photochemischen Wissenschaft, der kinotcchnischen und der Film- inustrie, Angehörige bayerischer Ministerien und namhafte Künstler und Literaten an. An diesem Institut unterrichten in der Welt deS Theaters und deS Films bekannte Schauspieler, Schauspielerinnen und Regisseure in der Kunst der Mimik, der Rhythmik, deS Tanzes, der Dramaturgie und der Sprache. Daneben läuft der Unterricht im Reiten unb Schwimmen, in jedem anderen Sport, In der Kostümkunde, der Sitten- und Kunstgeschichte, und alle Unterweisungen werden von Hochschulprofessoren erteilt. Es ist selbstverständlich, daß der Andrang besonders zu jenen Kursen sehr groß ist, in denen bi« künftigen Filmschauspieler auägebilbct werben. Aber im Gegensatz zu ben privaten Filmschulen wirb der größte Teil der Kandidaten abgewiesen, da sich bet ben Aufnahmeprüfungen herauSstellt, baß bie meisten Menschen, bte zum Film und zum Theater wollen, künstlerisch vollkommen unbegabt sinb. Es ist bezcichnenb, baß die Anmeldungen für kinvtechnische Unterrichtsfächer, für Kinvoperateure, Beleuchter, Vorführer und ähnliche technische Zweige hinter den Anmeldungen für das Gewerbe des Schauspielers weit zurückbleiben: bei ben meisten Menschen ist bie Triebfeber in einem gewaltig übersteigerten Gel- tung$brang zu suchen, bet durch technische Berufe nicht befriedigt wird.
Wer keine Anstellung als Schauspieler finden kann, versucht es dann wenigstens als Filmautor. „6000 von Dilettanten verfaßte Manuskripte habe ich jährlich zu prüfen," erklärte der Dramaturg der größten deutschen Filmgesellschaft vor einiger Zeit. „Unter diesen schriftstellerischen Ergüssen besindet sich kaum ein einziges brauchbares Erzeugnis: doch sind sie meist eine Quelle unfreiwilligen Humors. Etwa sechzigmal im Jahr werden unS namhafte Werke wie „Ekkehard" oder »Soll und Haben" zur Verfilmung angeboten. Ein besonders schlauer Autor brachte uns den glücklichen Gedanken, die „Jungfrau von Orleans" zu verfilmen, bemerkte aber vorsichtig, dah er sich „alle Rechte Vorbehalte".
Filmen als Steckenpferd.
Seit der Einführung billigerer Aufnahmeapparate und nicht entzündlicher Filmstreifen, ist die Aufnahme von Filmen auch für ben Liebhaber möglich geworben, unb man hat eine Zeitlang eifrig das „Heimkino" empfohlen, bei dem man im Familienkreise selbst angefertigte Filme vorführen kann. Der Liebhaberfilm hat aber bei uns sich nicht wie die Liebhaber-Photographie eingebürgert. Dagegen gibt es in England eine große Anzahl von Leuten, die das Filmen als Steckenpferd betreiben unb darin ganz Beträchtliches leisten. Sin Kongreß der englischen Film-
Emil Lanmncs erzählt.. .
„Ich kann mich nicht meßt sehen ..
Wie gefallen Sie sich eigentlich im Film, Herr Iannings?"
Emil Iannings, sonst von einer uner- schüttcrlichen, beinahe monumentalen Ruhe und Gelassenheit, wird durch diese Frage sichtbar nervös. Wirklich, der große Darsteller, an dem gewöhnlich alles fest und beherrscht erscheint, gerät in eine unbegreifliche Erregung.
„Ich kann mich nicht sehen," ruft er lebhaft, „ich kann cs wirklich nicht! Darum gehe ich auch niemals zu meinen Premieren. Sehen Sie: ich kenne jede Regung meines Gesichts, ich weih, was das Zucken ober Spannen eines jeden Nervs für Wirkungen hat. Das kenne ich alles, das habe ich oft gesehen, daß ich mich jetzt selbst nicht mehr fegen kann. Und noch eins. Im Theater habe ich die dunkle Masse da unten I im Parkett in meiner Hand. Wenn die da unruhig oder unaufmerksam sind, dann weiß ich doch, ich kriege sie schon, ich packe sie!" Er reckt den Arm mit einer sehr eindrucksvollen Bewegung aus, als wolle er jemanden halten. „Aber im Film hört diese Möglichkeit auf. Ich bin mir selbst entglitten. Ich habe Angst, richtige Platzangst. Ich kann nicht unter vielen Menschen sitzen; im Theater brauche ich stets Eckplätze..."
„Also haben Sie sich in dem neuen Tonfilm .Der blaue Engel' auch noch nicht ge» eben?“
„Ich kenne nur einige Ausschnitte."
Und wie wurde Ihnen, als Sie sich zum ersten Male aus der Leinwand reden hörten?" „DaS war unheimlich. Ich horte meine Stimme unb hörte sie auch toieber nicht. Aber alle sagten mir, baß die Apparatur meine Sprache vollkommen natürlich wiedergäbe."
„»Der blaue Engel' ist doch Ihr erster Tonfilm? Schade, baß Sie darüber so wenig zu sagen wissen."
Er wehrt lebhaft ab: .oh, darüber kann ich Ihnen sehr viel erzählen. Zunächst dieses, baß wir außerordentlich beachtliche dramaturgische Mitarbeiter hatten. Vor allem Heinrich Mann selbst, aus dessen „Professor Unrat" wir den Stofs genommen haben, ferner Zuckmaher und Vollmöller. Das sind doch Namen, die immerhin schon einiges bedeuten. Nun stellt dieser Roman einen recht spröden Stoff bar.
denn er ist vor einigen Jahrzehnten geschrieben, die Zeiten haben sicy gewandelt und mit ihnen auch das Verhältnis der Lehrer zu den Schülern; die Atmosphäre in den Schulklassen ist heute weniger bedrückt als jemals. Auch Heinrich Mann war durchaus mit uns einverstanden, als wir diesem Umstarrd Rechnung trugen.“
.Nun hat doch der Held des Romans seinen eigentümlichen Philologenhaften Sprachstll?"
Iannings lacht: „Ja, das lieft sich Wohl sehr ergötzlich — aber wer kann diese Perioden sprechen? Seinen Stil hat der Professor Rat des Romans natürlich auch jetzt noch, — aber wir haben ihn, wie die ganze Gestalt, gewandelt. Alles übrigens immer im Einverständnis mit Heinrich Mann."
Er holl einige Photos. Ja, das ist Iannings, aber er ist es auch wieder nicht; und das ist der Professor Heinrich Manns, und er ist cs auch wieder nicht. Wunderbar, Iannings hat kaum .Maske gemacht", er hat sich nur ein Bärtchen angcflcbt und eine Brille aufgesetzt, aber er ist hinter diesen Dingen beinahe bis zur Unkenntlichkeit verschwunden, er ift ein neuer Mensch geworden, er ist mit einer Phantasiegestalt eine völlige Einheit eingegangen — hier hat sich wirklich das Geheimnis der darstellerischen Verwandlung sichtbar vollzogen, und es wirkt etwas unheimlich, wenn man 2 ennings natürlichen Kopf mit diesem maskierten vergleicht.
Iannings legt bie Dild:r toieber zusammen. „Der Tonfilm", meint er nachdenklich, .das ist ein weites Feld, wir stehen ja erst noch an einem Beginn, aber wir sehen doch schon, wohin er führen wird. Wir haben Glück gehabt; denn Joseph von Sternberg, der aus Hollywood herüberkam, um diesen Film zu drehen, hat drüben seine Erfahrungen schon gemacht. Wir haben also nicht sinnlos herumprobiert, sondern ganz bewußt gearbeitet. Was bisher in Deutschland tontechnisch erreicht wurde, ift ganz erstaunlich. Aber wir wissen ja nun alle, was bet Tonfilm vermag. Wir wollten uns beschränken. Wir wollten nicht akustisch verblüffen unb keine ton- lichen und klanglichen Spielereien bringen, sondern die schauspielerische unb filmische Leistung! Daher haben wir uns vor allem Zuviel gehütet, wir haben und auch beim Sprech text auf daS unbedingt Notwendige beschränkt. Und ist es notwendig, daß der Zuschauer jeden einzelnen Schritt, jedes Klirren einer Tasse, jedes Klappen einer Türe Horen muß ? Wir haben diese Frage
glattweg verneint. Natürlich können Geräusche ihr Schicksalhaftes haben. Ein Mann wartet auf jemanden, der eine Entscheidung bringt Man hört die Schritte, weil der Wartende sie hören muß, weil er sie erwartet: dann sind Geräusche berechtigt. Das Ticken einer Uhr in einem stillen Zimmer kann seine schwere Bedeutung haben: bann soll man es auch Horen lassen. Aber alles Aufdring ich-Akustische hoben wir vermieden."
„So rückt also „Der blaue Engel" ben Tonfilm wieder ein gutes Stück weiter?"
„Das hoffe ich unbedingt. Cs liegt uns auch gar nichts mehr daran, sprechende Großaufnahmen zu bringen. Muß man den Redenden unbedingt immer sehen? Genügt es nicht, wenn man ihn hort unb die Wirkung seiner Worte auf seinen Partner sieht?"
„Nach alledem bringt also dieser Film eine ganze Reihe entscheidender Neuerungen?"
„Ganz gewiß. Aber darüber steht doch immer bie Handlung! Man darf bei dem Film nicht ocrgcflcn, daß der Mannsche Roman durch die Entwicklung in vielem überholt ist. DaS Bösartige und Tyrannische des Professors ist vor mir, wie ich mit dieser Rolle beschäftigte, allmählich gefallen. Ich bin vom „Unrat" langsam zu „Trau- mulus" gekommen, das haben Sie wohl auch schon an meiner Maske gesehen. Ich wollte eine ganz einfache, eine ganz schlichte unb sehr menschliche: Gestalt schaffen. Auch eine von denen, die den „Weg alles Fleisches" geht... Möge man sie so sehen unb so empfinden!" B. D.
Greta Garbo vor dem Mikrophon
Greta Garbo hat gesprochen; sie ist aus der geheimnisvollen Stille heroorgetreten, die bisher ben Zauber dieser Frau umgab. Nun ist nur noch Chaplin von seinem Schweigen zu erlösen, in dem er noch hartnäckig verharrt. DaS Debüt der genialen Schwedin, bie heute wohl bie berühmteste Filmdiva ist, wurde in ganz Amerika mit größter Spannung erwartet. Denn da nun einmal der Tonfilm auf bet ganzen Linie siegreich ist, so bebeutete dieser erste dkr- such der Garbo vor dem Mikrophon die Entscheidung über Sein ober Nichtsein. Hätte sich gezeigt, baß ihr Organ sich für bie Wiebergobe durchaus nicht eignet, bann wäre sie sicher in die Dergessercheit versunken trotz der Magie ihrer Persönlichkeit und ihres Gesichts. Sie selbst konnte nicht aufgeregter fein, als es die große Schar
ihrer Verehrer und Verehrerinnen war, als bekannt wurde, daß sie in ihrem ersten Tonfilm mitwirke. Um keine andere amerikanische Filmschauspielerin ist ein solches Geheimnis gebreitet wie um diese Schwedin. Während sich sonst in der Neuen Welt alles zur Oeffentlichkeit drängt und man genau weiß, daß bte Berühmt- hcit nur mit Hilfe ber Presse gemacht werben kann, ist Greta Garbo eine Feinbin jebes Öffentlichen Hervortretens. Seitbem so viele Klatschereien über ihre Beziehungen zu Maurice Stiller unb später zu John Gilbert verbreitet worben waren, bat sie nie toieber einem Reporter eine Unterredung gewährt. Sie lebt in einem ganz kleinen Kreise von Freunden, hauptfächlich Musikern und Schriftstellern, unb da sie überhaupt sehr schweigsam ist, so kam eS so weit, daß man selbst in ber F'llmwelt von ihrer Stimme kaum etwaS wußte. Sie war bisher als ber wundervolle Schatten in einer Aureole von Licht durch ben Film geglitten — nun sollte man endlich sie sprechen hören...
Als bei der ersten Vorführung des TonfllmS „Anna Christie", in dem sie die Hauptrolle spielt, in einem Atelier in Neuyork eine aus- gcwählte Schar von Fachmännern versammelt war, da herrschte ein gespanntes Stillschweigen, als die Szenen vorüberrollten. Die Bedeutung des Ereignisses läßt sich nur mit dem vergleichen, das seinerzeit P o l a N e g r i mit ihrem ersten Filmdebüt in Neuyork erzielte. Greta Garbo sprach: sie sprach mit einer tiefen, etwas hei.eren, wie aus der Tiefe des GaumenS kommenden Stimme, aber dieses dunkle, sich mühsam loSringende Organ paßte vortrefflich zu ihrer Rolle und erhöhte den dämonischen Reiz, der von ihrer Erscheinung ausgeht. Ihre Stimme malte überzeugend ben Charakter ber Anna Christie, die sie verkörperte. Mancher war enttäuscht; denn man hatte mehr Melodik, mehr Hohe unb Weichheit erwartet, aber im ganzen war bie Probe doch vortrefflich gelungen, unb wenn noch manche Fehler bemerkt würben, so werden sich die durch bessere Ausbildung vermeiden lassen. Greta spricht zu bewußt, akzentuiert unnatürlich unb bann stört ihr schwedischer Akzent! Sie muß ja sich in einem Idiom verständigen, das nicht ihre Muttersprache ist» aber dieses etwas fremdartige Englisch erhöht nur die Stimmung deS Ungewöhnlichen in ihrer Erscheinung. fb.


