Konsumverein Gießen-Handels- kammer Gießen.
In unserer Ausgabe vom vorigen Montag gaben wir einem Bericht Baum, den uns die Industrie-- undHandelslammer Gießen über den Verlauf ihrer jüngsten Sitzung zugestellt hatte. In diesem Bericht wurde u. a. mitgeteilt, daß sich die Handelskammer auch mit dem Konsumverein von Gießen und Umgegend beschäftigt habe. Zu diesem Handelskammerbericht übermittelt uns heute der Konsum- verein Gießen und ilmgegenö die nachstehende Zuschrift:
„In Ar. 7ö, 2. Blatt, vom 3l. März d. I. bringen Sie einen Bericht der Industrie- und Handelskammer in Gießen. Darin heißt es:
1. Sie Konsumvereine gingen weit über den Kreis der Mitglieder hinaus.
2. Der Konsumverein Gießen und ilmgegcnö hätte etwa 60 000 Mk. Körperschaftssteuer erlassen bekommen.
3. Letzteres bedeute eine einseitige Bevorzugung.
Aach dem Entscheid des Finanzgerichtes in Darmstadt an den Konsumverein auf seine Berufung gegen die Veranlagung der Körperschaftssteuer wurde nicht festgestellt, daß ein beabsichtigter Verkauf an Richtmitglieder erfolgt ist. Von 24 Fällen hat der Konsumverein einwandfrei nachgewiesen, daß 8 Mitglieder waren. Die übrigen 16 sind Fälle, wo Mitglieder zum Teil an dritte Personen Waren mitgenommen haben, ohne daß es das Personal wußte, und solche, in denen das Personal mit einer bestimmten Absicht hereingelegt wurde. Gegen diese Absicht wehrt sich der Konsumverein, denn erst vor einigen Wochenwurde ein Filialleiter einer Großfirma wegen Verleitung von Angestellten der Genossenschaft zu einer strafbaren Handlung und Verstoß gegen das Gcnossenschafts- geseh zu 15 Mk. oder 3 Tagen Haft verurteilt.
Zu 2 lag nur eine Forderung von 19 148 Mk. vor, welche durch den Entscheid des Reichsfinanzministers H i l f e r d i n g niedergeschlagen wurde.
Zu 3: Eine einseitige Bevorzugung kann nicht vorliegen, da auch die Einkaufsgenossenschaften des Kleinhandels (Edeka) diese Steuer erlassen bekommen haben."
(Aach den vorstehenden Erklärungen der Leitung des Konsumvereins darf man Wohl eine weitere Stellungnahme der Industrie- und Handelskammer Gießen zu dieser Frage erwarten. D. Red.)
Aus der provinzialhaupistadi.
Gießen, den 2. April 1930.
Volkskonzert der G eßener Volkshochschule.
Die Gießener Volkshochschule hielt ihren vierten Volkskunst abend am vorigen Donnerstag im vollbesetzten großen Hörsaal der älniversität in Form eines Volkston- zertes ab. Daß eine Volkshochschule überhaupt ein Kammerorchester besitzt, dessen Mitglieder in so selbstloser Weise volkserzieherische Aufgaben pflegen, verdient besonders hervorgehoben zu werden. Die frische Lebensfähigkeit der Institution ist ein Dokument dafür, daß die Leitung der Volkshochschule es versteht, kulturwollenden und kulturbeseelten Menschen, wie es die Mitglieder des Kammerorchesters sind, Gelegenheit zu geben, kulturbringend zu wirken. Dor allein aber liegt es an der Führer- Persönlichkeit des Musiklehrers Franz Bauer, 'der es versteht, in der Musikerschar hohe Ideale ? zu erwecken und durch sein selbstloses, persönliches Beispiel zu solch edlem Tun zu begeistern. * Zu diesen hohen seelischen Eigenschaften als Kunstenthusiast gesellt sich ein tüchtiges tech-
Die gesicderie Schlange.
Vornan von Edgar Wallace.
15 ForNetzung ' *Jtachörucf verboten
Es lag etwas Unheimliches über dem Ganzen. Zum erstenmal, seitdem Peter mit dieser Geschichte etwas zu tun hatte, fühlte er sich äußerst unbehaglich. Jeden Augenblick konnte er auf ein Hornissennest stoßen, und das hatte möglicherweise sehr üble Folgen für ihn selbst.
An jenem Morgen, als er mit Daphne zu Mr. Beales Haus gefahren war, hatte er sie zu einem kleinen Essen in einem Restaurant in der Aähe von Soho Square eingeladen. Er war ihr gegenüber in einer schwierigen Lage. Sie war die Sekretärin Leicester Crewes gewesen und hatte auch Farmer tennengelernt, der dort verkehrte. Sicherlich konnte sie ihm unendlich viele Informationen geben, und doch verbot ihm der Anstand, ihre Freundschaft zu eigennützigen Zwecken auszubeuten. Der Gedanke beunruhigte ihn ein wenig, aber allmählich gewann feine gute Stimmung wieder die Oberhand.
Als er sie traf, beruhigte er sein Gewissen dadurch, daß er ihr frank und frei seine Bedenken auseinandersehte.
„Ich müßte eigentlich dieses Essen dazu benützen, jede nur mögliche Aachricht aus Ihnen herauszuholen", sagte er schuldbewußt. „Es ist kaum vereinbar, sich angenehmer Gesellschaft zu widmen, und hinter einer Mordgefchichte her zu fein!“
Sie lachte.
„2ch dachte, ich hätte Ihnen alles erzählt, was ich weiß."
Sieber Leicester Crewe konnte Peter nichts Aeues erfahren, selbst wenn er der größte Expert in Kreuzverhören gewesen wäre. Crewe war als Effektenhändler ein sehr erfolgreicher Mann. Daphne hatte keine Antipathie gegen ifjn, nur seine Haltung gegen Frauen nahm sie übel.
Sie war drei Jahre bei ihm in Stellung gewesen, seitdem er das Haus in Grosvenor Square gekauft hatte, und kannte Ioe Farmer, der ein häufiger und sehr oft unliebsamer Gast war. Ioe stand in dem Ruf, manche galante Abenteuer zu haben, und als er sie das erstemal traf, versuchte er, ihre Hand länger in der seinen zu halten.
„Wer ist eigentlich Mrs. Staines?“ fragte Peter. „Ich möchte die ganze Gesellschaft einmal kennenlernen."
„Ich weih es nicht. Sie ist eng mit Mr. Crewe befreundet und ist auch eine Freundin der Schauspielerin Ella Creed."
„Alles reiche Leute, wenigstens sehr wohl-
Müllabfuhr in -er Stadt Gießen.
lieber die Entwicklung der Müllabfuhr in der Stadt Gießen wird uns von der Stadtverwaltung geschrieben:
Die Abfuhr des Hauskehrichts in der Stadt Gießen hatte schon vor mehr als 20 Jahren zu erheblichen Klagen Anlaß gegeben. Es wurde als miß- ständig empfunden, daß ungeeignete Kehrichtgefäße, wie Kisten, Eimer ohne Deckel, Pappschachteln usw. Verwendung fanden. Die der Abfuhr dienenden Wagen aus Holz waren nicht genügend geschlossen. Verunreinigung der Fußsteiae und Straßen, besonders beim Hinstellen und Ausleeren der Gesäße, waren die unausbleibliche Folge, auch ist der Inhalt der Gefäße, der oft einen ekelhaften Anblick bot, von Kindern auf die Straße geschüttet, ober von Hunden weggetragen worden. Die Belästigung der Straßenpassanten durch den den Gefäßen entströmenden Geruch und den bei dem Einschütten der Hausabfälle in die offenen Wagen entstandenen Staub war unerträglich. Die des öfteren oorge- brachten Beschwerden über die unzulänglichen Verhältnisse führten im März 1909 in der Stadtverord- neten-Versammlung zu der Anregung, e i n h e i t - liche Gefäße mit Deckel einzuführen, bei deren Entleerung möglichst wenig Staub entstehe. Damals war man sich vollkommen klar darüber, daß das alte Verfahren nicht beibehalten werden konnte. Auf die in der Stadtoerordneten-Versamm- lung gegebene Anregung wurden in anderen Städten Erkundigungen eingezogen, wobei sich herausstellte, daß fast jede Stadt ihr eigenes Verfahren hatte, das größtenteils auch nicht viel besser war, als das hier angewandte. Von anderen, vereinzelt eingeführten verbesserten Verfahren lagen nicht genügende praktische Erfahrungen vor, so daß eine endgültige Regelung noch nicht getroffen werden konnte. Die Beschwerden über die Müllabfuhrverhältnisse verstummten nicht und veranlaßten das Polizeiamt im Jahre 1913, die Einführung gut schließender einheitlicher Müllgefäße und die Umstellung des Verfahrens zu fordern. Auch in vielen anderen Städten drängten die unhygienischen Verhältnisse auf Besserung. Das allgemein vorhandene Bedürfnis gab der einschlägigen Industrie den Anreiz der staubfreien Müllbeseitigung besonderes Interesse zuzuwenden. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind Hann auch verschiedene brauchbare Systeme geschaffen worden, die den verschiedensten Bedürfnissen Rechnung tragen. Der Kriegsausbruch verhinderte in Gießen die Weiterverfolgung der Angelegenheit. Das Jahr 1926 gab erst wieder die Möglichkeit, der viele Jahre lang schwebenden Angelegenheit näherzutreten. Der Umfang und die Bedeutung des Vorhabens erforderte, eingehende Erkundigungen über die bewährtesten Abfuhrsysteme einzuziehen und Besichtigungen in anderen Städten vorzunehmen.
Bei der neuzeitlichen Müllabfuhr unterscheidet man zwei Systeme, das Tonnen wechsel- und
das Tonnen u m I e e r system. Die Untersuchungen hierüber haben ergeben, daß das Tonnen wechsel- system für Gießen, weil zu unwirtschaftlich, nicht in Frage kommen konnte. Bei diesem Verfahren hätte die doppelte Anzahl von Mülleimern beschafft werden müssen, um bei der Abfuhr die gefüllten Eimer gegen leere auswechseln zu können. Durch das Bereithalten doppelter Gefäße wären auch doppelt so hohe Kosten entstanden. Auch die Abfuhr der Müllgefäße, die nicht immer voll gefüllt sind, aber den gleichen Raum einnehmen wie vollgefüllte Eimer, hätte eine wesentliche Verteuerung herbeigeführt, so daß die Einwohner finanziell zu stark hätten belastet werden müssen.
Um die Vorteile der neuzeitlichen Müllabfuhr voll zur Auswirkung kommen zu lassen, muß es Grundsatz sein, die im Haushalt anfallenden Abfälle bald aus der Wohnung zu entfernen und möglichst im Freien aufzubewahren. Da, wo Hofraum nicht zur Verfügung steht, finden die Müllsammelgefäße im Kellervorraum oder im Hausflur Aufstellung.
In Gießen entschied man sich nach reiflichen Ueberlegungen für das Tonnen umleer» system mit vorwiegend kleinen Behältern, die in 60 deutschen Städten eingeführt sind. Die gefüllten Behälter werden nicht, wie bei dem Wechselsystem, gegen leere Behälter ausgewechselt, sondern a n Ort und Stelle in die M ü 11 a b f u h r w a g e n entleert, wodurch ein größerer Nutzeffekt erzielt wird. Wie in anderen Städten, so ist auch hier vorgeschrieben, daß die Müllgefäße an den Abfuhrtagen an der Grundstücksgrenze aufgestellt werden müssen, da sonst erhebliche Mehrkosten entstehen. Die Einrichtungsgegenstände, wie Abfuhrwagen und Mülleimer, der bestehenden Systeme unterscheiden sich nicht wesentlich voneinander. Der Unterschied in der Stabilität und im Gewicht der Eimer ist nur ganz gering. Die starke Inanspruchnahme der Eimer, besonders beim Einkippen in die Abfuhrwagen, erfordert Stabilität, die eine gewisse Schwere der Eimer bedingt. Der Deckel der Eimer, der der Einschüttöffnung der Abfuhrwagen entsprechendkonstruiert ist, wird besonders stark beansprucht und ist in seiner Stärke bei den verschiedenen Systemen fast gleich. Der Beanspruchung gemäß ist auch der untere Teil der Eimer gestaltet. Weder der obere, noch der untere Teil der Eimer kann leichter hergestellt werden. Jede Verringerung der Haltbarkeit würde sich zum Nachteil des Eigentümers auswirken und dauernde Reparaturkosten erfordern. Die Industrie fertigt deshalb auch keine geringwertigeren Mülleimer an. Wenn der Zweck einer staubfreien, die Verbreitung von Krankheiten verhütende Müllabfuhr erreicht werden soll, dann muß die Aufbewahrung des in der Wohnung anfallenden Mülls in gut verschlossenen Müllgefäßen außerhalb der Wohnung erfolgen.
nisches Rüstzeug als ausübender Musiker nach der praktischen und als Musikkenner nach der theoretischen Seite hin. Diese Vorbedingungen sicherten von vornherein das Gelingen der Veranstaltung, die ja kein Konzert im üblichen Sinne sein sollte, sondern mehr nach der pädagogischen Seite hin eine Einführung in das Verständnis der Dorbachschen und Bachfchen Kunstepoche sich zum Ziel gesetzt hatte, was Herr Dauer in seinem einleitenden Vortrage auch zum Ausdruck brachte.
Es kann nicht Zweck dieser Zeilen sein, in eine analytische Besprechung der gebotenen Kunstwerke einzutreten, noch ihre Darbietung kritisch zu beleuchten. In jener Hinsicht ging der sachkundige Vortrag des Herrn Dauer voraus, in welchem er in prägnanter Weise das besonders Typische der Musikformen der Dachzeit hervorhob. Es wurde in dem darauf folgenden Teil
praktischen Musizierens den Zuhörern klar: Eine „Intrade" war ein Eröffnungsstück bei festlichen Gelegenheiten. — Unter einer „Suite" verstand man in der Dachzeit die klassische Form eines Musikstückes, bestehend aus Tänzen wie Allemande, Courante, Sarabande, Gigue usw., welche, um in der Aufeinanderfolge kontrastierend wirken zu können, in Rhythmus und Tempo verschieden waren, auch bei Erklingen des wiederaufgenommenen Themas. — Der Aufbau der im Dachzeitalter üblichen französischen und italienischen Ouvertürenform wurde besprochen. Als typischer Vertreter der damaligen Opernkomposition stand Ioh. Ad. Hasse auf dem Programm. Hasse, der von Ratur aus deutsch empfindende, in der musikalischen Form an italienische Beispiele sich anlehnende Meister. Vermählung deutscher Kern- Hastigkeit mit italienischer Architektur! — Interessant war auch die Gegenüberstellung der
habend. Was für einen Beruf hat Mrs. Staines?“
„Sie ist eine vornehme Dame," sagte Daphne einfach, „und vornehme Damen arbeiten doch bekanntlich nicht. Sie hat einen liebenswürdigen Charakter und ist mir sehr sympathisch. Mr. Crewe hat mir schon oft erzählt, oatz sie sehr klug ist. Ich habe einige ihrer Zeichnungen in ihrer Wohnung gesehen, als ich Briefe von ihm dorthin brachte. Jedesmal machten ihre Arbeiten großen Eindruck auf mich."
„Dann ist sie also eine Künstlerin?“ fragte Peter schnell. „Malt sie auch?"
Daphne dachte nach.
„Rein, Gemälde habe ich niemals bei ihr gesehen, nur Schwarzweihzeichnungen. Sie liebt hauptsächlich mythologische und symbolische Darstellungen. Mehrere hängen eingerahmt in ihrem Wohnzimmer, und sie ist sehr stolz darauf. Eine heraldische Zeichnung befindet sich darunter, die halb so groß wie diese Tischplatte ist. Ich weih, wieviel Arbeit und Können dazu gehört — früher, als ich jünger war, hatte ich auch einmal die verrückte Idee, Künstlerin zu werden. Miß Creed kenne ich nicht so gut, ich habe sie nur einmal getroffen, damals war sie sehr hochfahrend zu mir. Ist sie eigentlich eine gute Schauspielerin?“
„Sie ist erfolgreich,“ entgegnete Peter vorsichtig. „Augenblicklich spielt sie in musikalischen Lustspielen und kann ihre Talente dabei nicht richtig entfalten.“
Er dachte einen Augenblick nach.
„Ja, ich könnte wohl sagen, daß sie eine gute Schauspielerin ist. Ich sah sie in einem reinen Schauspiel vor etwa vier Jahren. In einer tragischen Szene war sie wirklich wundervoll. Wenn man sie so auf der Bühne gesehen hat, sollte man kaum glauben, daß sie ihren Zofen das Leben so zur Hölle macht und ihren Regisseur zu Tranen bringt Run erzählen Sie mir aber, was Sie heute mit Ihrem Chef erlebt haben.“
„Ich habe wundervolle und interessante Dinge katalogisiert — Speerklingen, kleine Figuren, Tongefäße und alte Waffen, die Mr. Deale in diesen versunkenen Städten von Zentralamerika ausgegraben hat. Darunter waren auch vier gefiederte Schlangen," sagte sie mit einem gewissen Stolz.
Peter lachte.
„Sie werden auf diesem Gebiete bald eine Autorität sein! Aber wie in aller Welt können Cie denn diese Dinge katalogisieren — Sie besitzen doch keine großen Kenntnisse über aztekische Kultur?“
Sie erzählte ihm, daß sie ihre Arbeit unter der persönlichen Aussicht Mr. Beates ausführte. Sie muhte kleine Etiketten schreiben und sie an jedes Sammlungsstück ankleben.
„Eine große Anzahl der Gegenstände war bereits beschriftet."
Peter vergaß diese Demerkung, bis sie später ihre Handtasche öffnete und ihr Taschentuch herausnahm. Ein kleines, rundes Papier fiel dabei auf die Tischplatte. Er nahm es und betrachtete es neugierig. Es hatte öie Große eines Halbschillingstückes und in roter Schrift war das Wort „Zimm" darauf geschrieben. Dahinter stand eine Johl.
„Das war an einer alten Aztekenlampe, die Mr. Deale in einer Stadt mit einem schrecklichen Rainen sand."
Er schwieg einen Augenblick.
„Tragen Sie das als Andenken mit sich herum?"
Sie erklärte ihm auf seine Frage, daß sie den Zipfel ihres Taschentuches angefeuchtet hatte, um das Papier von dem Gegenstand zu entfernen — dabei muhte es wohl an dem Tuch hängengeblieben fein.
Aber er hörte ihr nicht zu, denn er beobachtete einen unauffälligen Gast — einen Mann mit einem schwarzen Dark, der in einer Ecke des Speisesaals sah und scheinbar in seine Zeitung und seine Suppe ganz vertieft toar.
Peter Dewin war mit einem Gedächtnis gesegnet oder verflucht, das beinahe phänomenal war. Er gehörte zu jenen außerordentlichen Menschen, die spaltenlange politische Reden lesen und sie fast Wort für Wort wiederholen konnten. (Richt, daß er jemals spaltenlange Reden von Politikern gelesen hätte.) Ohne sich zu irren, konnte er die Reihenfolge der Zeugenaussagen eines Falles angeben, der vor zehn Jahren verhandelt wurde, und den Inhalt der Aussagen, die Bemerkungen der Richter und die Plädoyers wiederholen. Dabei war immer Voraussetzung, dah er den Bericht darüber gelesen hatte und dem Prozeß nicht persönlich beiwohnte.
„Was haben Sie?" fragte sie etwas besorgt, als sie seinen geistesabwesenden Blick beobachtete.
„Ach so ... entschuldigen Sie!" Plötzlich war er wieder mit seinen Gedanken in der Wirklichkeit. „Ich dachte gerade nach. Was sagten Sie doch, woher dieses Etikett stammt?“
Sie erzählte ihm noch einmal, dah es von einer irdenen Lampe herrührte.
„Merkwürdig, sie hatten auch Lampen ... merkwürdige Leute! Sie mag manchem verrückten, alten Azteken ins Bett geleuchtet haben, will ich wetten! Ob die auch Klubs hatten und Iahresdiners? Sie tränten so ein Zeug, das sie Tiki oder Miki nannten, und das einem alten irischen Getränk ähnlich war. Hnö Wenn sie bann eines seligen Todes starben, fragte kein Leichenbeschauer danach."
„Wovon in aller Welt reden Sie beim?“ fragte sie erstaunt.
„Von Lampen," entgegnete er etwas verwirrt.
Scheinschen und der Bachschen Suitenform. Es war klar zu erkennen, daß die Kontrapunktik (Verwebung mehrerer selbständiger Stimmen zu einem harmonischen Ganzen) bei Schein noch nicht so ausgeprägt war wie bei Bach, daß die Bachsche Kontrapunktik ein Ausbau der kontra- punktischen Ansätze feiner Vorläufer ist, die Kontrapunktik in Bach gewissermaßen ihre höchste Krönung fand.
Bei der Interpretation der bl-Moll-Suite von Bach sei besonders der Flötenpart erwähnt, den die Herren Locher und Eger mit tiefer innerer Erfassung und wohlgelungener technischer Fertigkeit meisterten. Der Streichkörper klang, wie schon immer bei früheren Veranstaltungen — wir. erinnern an die Mitwirkung des Kammerorchesters bei der auf hoher Stufe stehenden geistlichen Abendmusik in der Stadtkirche in diesem Konzertwinter — kristallisch klar, tonrein und dynamisch fein nüanciert.
Um ein geschlossenes Bild der Musikpflege in der Dorbachschen Zeit zu bieten, wurde auch die Form vokal-instrumentalen Musizierens vorgeführt durch Wiedergabe dreier Arien von Ad. Krieger. Wir lernten das damals übliche, von Cembaloklängen begleitete Strophenlied kennen, mit seinen gemütserhebenden, eingestreuten Ritornellen (das Thema wiederholende Vor-, Rach- und Zwischenspiele des Orchesters). Die Arien wurden von Frl. Gärtner gesungen, die ihr bewährtes Können in anerkennenswerter Weise in den Dienst der Veranstaltung stellte und mit innerer Hingebung und vertiefender Andacht zum Gelingen der Liedwerke wirkte.
In Frau Elfriede Fischer besitzt das Orchester eine Cembalistin, deren durchgeistigtem Spiel man immer wieder gerne lauscht, deren Sicherheit und exakte Einfügung auch den Musikkenner angenehm berühren, deren Persönlichkeit aber nur Dienerin her Kunst sein will.
Möge die Volkshochschule Gießen und in ihr das Kammerorchester in solchen Veranstaltungen eine volkserzieherische Mission erblicken! Sm.
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" Deutsche Dolkspartei. Dieser Tage sand eine gut besuchte Frauenversammlung der DDP. im „Hindenburg“ statt. Frl. Clara Birnbaum und Oberreallehrer Appel teilten sich in die Berichterstattung über den 8. Parteitag der DDP. zu Mannheim, an dem sie beide teilgenommen. Oberreallehrer Appel sprach zuerst über die dem eigentlichen Parteitag vorausge- gangene Sitzung des Zentralvorstandes. Ferner erzählte er von dem Degrüßungsabend im Harmoniesaal. Frl. Clara Birnbaum berichtete dann über den weiteren Verlauf des Parteitages, über den seinerzeit im „Gießener Anz." berichtet wurde. Frl. (Birnbaum berichtete weiter über die öffentliche Kundgebung der Volkspartei. Oberreallehrer Appel berichtete zum Schluß noch über die Enthüllung des Ernst- Dassermann-Denkmals, mit der der Reichsparteitag der DVP. einen würdigen Abschluß gefunden. Die interessanten Ausführungen beider Redner fanden großen Beifall, und es knüpfte sich noch eine längere Aussprache an.
** Ausstellung von Mal - undZeichen- aib eiten. Man berichtet uns: In der Goethe- schule fand am Samstag und Sonntag eine Ausstellung von Mal- und Zeichenarbeiten der Mädchenabteilung der Goethe- und Schillerschule vom 5. Schuljahr bis zu den E-Klassen statt. Auf großen Tischen, nach Klassen geordnet, lagen in Mengen die bunten Arbeiten, welche unter Leitung der Zeichenlehrerin, Fräulein G r o d e, entstanden sind. Besonders bemerkenswert ist die neue Lehrmethode, die die kindliche Auffassungsgabe voll und ganz berücksichtigt, ihrer schöpferischen Begabung freien Spielraum läßt und ihr lediglich die Richtung me ft. Das 5. Schuljahr zeigte in Pastellfarben gehaltene Flachornamente in rein geometrischer Aufteilung vom Quadrat bis zur Eiform, das 6. Schuljahr in Pastellfarben gezeichnete Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens nach der Natur und aus dem Gedächtnis. Im 7. Schuljahr wurden flächige und pla-
„Es ist eigenartig mit mir, Daphne, wenn meine Gedanken arbeiten, kann mich nichts davon ab« bringen. Ach, habe ich Sie nicht eben Daphne genannt — das tut mir leid — ich hasse zudringliche junge Leute — ich bin zwar jung, aber ich möchte nicht unverschämt fein. Wir wollen Kaffee trinken."
Er versuchte vergeblich, feiner Erregung Herr zu werden, und es bedurfte gerade keiner großen älnterscheidungsgabe, das zu erkennen. Irgend etwas mußte ihn so aufgeregt haben — es konnte doch nicht die irdene Lampe gewesen fein?
„Run seien Sie doch nicht so geheimnisvoll und erzählen Sie mir, weshalb Sie so sonderbar sind!"
Er sah sie geistesabwesend an, und dann begann er zu lachen.
„Sie sind wirklich ein liebes, süßes Geschöpf," sagte er übermütig, so daß sie einen Augenblick dachte, er sei betrunken. „Es ist allerdings nicht recht von mir, daß ich Ihnen das gestehe. Ich möchte Ihnen gegenüber nicht aufdringlich fein, ich habe Sie nur so furchtbar gern.“
Dann sagte er ihr, daß sie das erste Mädchen war, das er seit zwölf Jahren zum Essen ein«, geladen hätte, und sie war erstaunt, zu erfahren, daß er schon einunddreihig Jahre alt war.
Damals hatte ich nur eine berufsmäßige Verabredung mit einer Dame, die entfernt mit der Ricks-Bande bekannt war. Sie fälschten Kreditbriefe und unterschlugen über hunderttausend Pfund. Ich war damals ein ganz junger Reporter."
Er wollte nur seine eigene Erregung verbergen, aber er interessierte Daphne sofort mit feiner Erzählung. Das zeugte sowohl von seinem Dar- stellungstalent als auch von dem genial angelegten Schwindel selbst. Bezaubert lauschte sie der Geschichte dieses großen Betruges. Er wußte selbst nicht, warum er jetzt von dem Fall Ricks sprach. Es mußte heute abend irgend etwas gesagt worden fein, das eine Erinnerung in ihm geweckt und fein Unterbetoufrtfcin in Bewegung gesetzt^ hatte.
„... es war nämlich der alte Clarke, der die Bande überführte. Er war damals noch Sergeant, und diesem Erfolg verdankt er seine Beförderung. Ricks erschoß sich auf einem Schiff, als er über den Kanal fuhr. Zwei Mitglieder der Bande entflohen nach Amerika, einer wurde zurück- gebradjt, aber den eigentlichen Fälscher des Geldes haben sie nicht bekommen. ... Ricks war ein wunderbarer Zeichner, aber die Polizei war der Meinung, daß die gefälschten Platten von seiner sechzehnjährigen Tochter hergestellt wurden. Sie war ein sehr schönes Kind. Diemals hat man es ihr zur Last gelegt. Sie wurde nicht einmal angeklagt. Rach dieser Geschichte ging sie zu Verwandten nach Frankreich —“
(Fortjctzung folgt)


